Dada, mit einem Holzschnitt von Lyonel Feininger

Adolf Knoblauch · Kapitel 5 von 17

PDF-Seiten

Dada, mit einem Holzschnitt von Lyonel Feininger

Das Nordlicht.

 

Ewige Feuchtigkeit, graue Wolken, jäh vorbrechende Stürme. Die

Meereswüste wird nur selten von einigen die kimerische Dämmerung

durchbrechenden Sonnenstrahlen gefärbt. Den Tagen folgen wunderliche Nächte

von gleicher Helligkeit.

Eines Abends sitzt Dada wie gewöhnlich am Meere, das ihm Derobea

genommen hat und erwägt einen Satz aus dem Buche, das seiner Hand entglitten

ist: „Die Überwindung der unsozialen, richtungslosen Ekstase durch die soziale

Ziel-Ekstase, das himmlische Jerusalem aus irdischen Bausteinen.“ Es ist ihm,

als unterhielte er sich mit Derobea über den Sinn dieses Satzes.

Der Wind schläft ein, die Wolken stehen reglos, und das Meer verändert fern

hinaus seine Düsternis zur tiefsten Schwärze. Nur der Schall der gegen die

Blöcke des tiefen Strandes vorbrechenden Flut donnert im Gleichmaß fort.

Unheimliche Finsternis der Antarktis steht undurchdringlich vor Dada. Nur das

Land bleibt schattenhaft in seinem gespenstigen Eigenlicht sichtbar. In Höhe des

Meeres beginnen einzelne gelbe Streifen ein zuckendes Spiel hinter einem

unermeßlichen Vorhang finstrer Geschiebewinde, einzelne ferne Fanfarentöne,

dann tiefste Stille. Dicht überm Meere wird es in endloser Ausdehnung vom

Licht lebendig, der Horizont glüht an von geisterhaftem ruhigem Blau und Grün

und strahlt auf, während ungeheure Fächer, Gardinen, schwere Vorhänge sich

hell färben und aus durchsichtigem Kristall werden, um ein unerhörtes lohgelbes

Flammen mit tiefstem Schweigen auszustrahlen. Endlich erhebt sich hinter den

starren Falten der purpurne Riesenfächer eines ungeheuer starken Kernfeuers,

das mit blutigem Licht durch die flammenden Kristalle hinaus aufs Meer in

breiten Strömen rieselt. Ein unermeßliches Blutergießen überflutet den

geheimnisvollen Polarkreis. Die wilde Schönheit purpurner Grotten und

Eismeere, ungeheurer Pflanzen und Wale und Berge von Eis, vom zartesten

Splitter bis zu den Kristall-Stalaktiten antarktischer Riesendome in düsteren

Gluten errötend und elektrisch funkelnd schauert tief in Dadas Herz und tötet mit

Geisterhänden sein Liebesleid. Das Miramar des Nordpols steht vor seiner Seele,

und von seinen Zinnen spricht Gott in tiefster Stille das Wort des neuen Jahrtausends aus.

Es graut Dada vor dem erhabenen Nordlicht, von schrecklicherer Kälte als alle

grausamen Kulte Mexikos, Indiens und Karthagos. Das kälteste und feurigste

Wunder des Erdballs hat der Italiener geschaut. Das grausigste der

Schöpfungswerke, das der äußersten Finsternis die blendendste Pracht des

Lichtes beigesellte.

 

* * *

 

Das blutige Nordlicht, gewaltiger als je eins seit Menschengedenken, ist von

vielen Lappländern beobachtet worden.

Dada hat das Fieber seit jener Nacht gepackt und liegt im Gasthofe zu Bett,

wo er von einer Lappländerin gepflegt wird. Und diese erzählt ihm eines Tages

vom Nordlicht und seiner Prophetie. Es kündigt einen Krieg an, in dessen

weißglühenden Ring alle Völker der Erde nacheinander ihre Söhne

hineinschmieden müssen, um sie in seiner unerlöschlichen Glut für ewig

versinken zu sehen. Ein herrlicher Vorhang flammensprühend verbirgt wohltätig

die Greuel denen, die warten, aber wenn ein Vorhang verzehrt ist, so stellt ein

neuer noch herrlicher sich dar. Niemand vermag hineinzuspringen, die

abscheulichen Gluten auszutreten oder die Geopferten ihnen zu entreißen. Hier

wird Retter, Henker und Opfer eines und gleich. Diese Schrecken verkünden die

prophetischen Falten des Nordlichts.