Dada, mit einem Holzschnitt von Lyonel Feininger
Derobea.
Dada hat ein wunderbares Wort, um vor niederbeugenden Hemmnissen sich
selbst wiederzufinden: elastisch sein! Dieser Zauber hilft ihm durch die
unwirtlichsten Zeiten.
Nachdem er Frau Italia geschaut, hat er Istriens Karst umkreist, sein karges
Vaterland, das einst die heimatlichen Wälder rodete, um auf ihren Pfählen
Venedig zu errichten. In dieser Einöde lebt er von der Ekstase jenes Zauberrufes,
den die Göttin von den vollen zärtlichen Formen Tiepolos ihm schenkte. Aber
nur unvollkommen die Bedeutung des Zauberrufes in der Wüste ermessend, hat
Dada ihn treulich nach Pola und Triest getragen, in jene Schenken armseliger
Vorstädte und in winzige Arbeiterhütten, aus denen der im Reichtum geborene
strenge Hauch der Freiheit zum schreckensvollen Orkane verwandelt hervorrast.
Eines Nachts, beim Heimgange von der Druckerei des Polaer
Generalanzeigers wird Dada überfallen, seine ungewöhnliche Körperfülle wird
in einen Sack gepreßt, er wird auf ein Maultier gebunden, und so auf den Karst
gebracht. Dort wird er seinem Schicksal überlassen, nicht ohne ihm eine Anzahl
gut österreichischer Schläge mit dem Knüttel auf die weichsten Teile seines
Leibes zu zählen, die von der Schwere seines Leibes ganz besonders hart geprüft
wurden.
Der Morgen erscheint in Adrias erhabenem Glanze und Adria hört aus dem
Sacke den leisen Seufzer: elastisch sein! Dada trennt die fesselnde Leinwand,
barhäuptig, gelenkig, schnellfüßig tritt er mit Zorn den grauen Schiefer des
Felsens. Dann bückt er sich und faßt das nächstbeste Stück Glimmerschiefer,
zerdrückt es in beiden hohlen Händen zu Staub, speit dreimal kräftig drauf und
bäckt aus dem Ganzen einen Kloß. Diesen Kloß nun schleudert er mit
Spottworten Pola zu, das drunten mit seinen Türmen und Dächern den Schlaf der
Provinz hält. Der Kloß rollt zufällig auf das weiße Hemd eines Mädchens, das
Wäsche auf dem flachen Dache ihres Hauses zum Trocknen aufhängt. Sie ist
entsetzt, denn sie glaubt, daß ein Stier vom Karst mit seinem Mist ihr Hemd
verunreinigt habe. Und aus solcher Höhe!
Dada lacht. Er ist frei. Er läuft am Rand der Felsen entlang und schreit fünfmal seinen Namen. Diese eine Silbe fünffach gedoppelt wiederholt, stellen
das erstaunte Aufmerken und Fingerweisen eines Säuglings dar. Das fünffach
gedoppelte Da! rollt aus Dada zauberhaft lieb und mit der Perligkeit eines
Säuglingsmundes ö-artig rund und mit den Häkchen des zartesten Hammellautes
zu Adrias blauen Wohnungen, so daß selbst die Göttin erwacht, die von
fürstlichen Räubern und Mördern abstammt.
Über die gläsernen Kuppeln ihres Palastes fährt ein schneeweißer riesiger
Kreuzer und hoch auf allen seinen Stricken, Masten, Stangen und Spieren
flattern Italias Wimpel.
Dada rast zum Strande. Das mächtige Schiff hat draußen ein schmales Boot
niedergelassen. Mit zehn Ruderschlägen saust es an Land, während die Hymne
Emanueles hoch über der Adria zum Gruße Istriens rauscht. Dada wird an Bord
des Kreuzers geholt.
Ein toskanischer Herzog soll dies Schiff zum Nordpol führen und jene Länder
der Antarktis entdecken, von denen der Italiener im Namen der lateinischen
Rassen Besitz ergreifen wird. Dada, dem Sack und den Knütteln entronnen, der
Patriot, der letzte Italiener Ostlatiums, der Redakteur des istrianischen
Proletariats, ist auserkoren zum Berichterstatter für jenes umworbene Polarland,
das seinen silbernen Gipfel über dem erstaunten Europa mit der italienischen
Flagge schmücken wird. Anstelle seiner verlorenen Mütze wird Dada ein mit
langen Truthahnfedern geschmückter Bersaglieri-Hut auf die starke Stirnlocke
gedrückt.
* * *
Eine gelehrte Aristokratie ist im Saale des Schiffes versammelt, als der
Istrianer vorgestellt wird. Professoren, Literaten, Politiker und vereinzelte
Damen gehören dem Unternehmen an, das in Schwung gebracht worden ist, um
ein Ereignis von ebenso wissenschaftlichem wie weltpolitischem Charakter
heraufzubeschwören.
Der kühne Dada hat sich nach einer allgemeinen Verbeugung, und nachdem
die schönsten, ausgezeichnetsten Namen von Rom an ihm vorübergebeugt sind,
sogleich in den nächsten Ledersessel sinken lassen, danach rutscht er ein wenig
nach vorn, streckt die Beine lang von sich und spreizt die Knie, aber keineswegs,
um die Zierde der Stiere unter seinem Kleide der Zivilisation zu zeigen, sondern
um jenes Wort Frau Italias zu erfüllen: „Wenn du sitzt und ruhst, laste mit Italias
vollen weiblichen Gliedern, massig, dick, Leib meiner Demokratie!“
Dada blinzelt aus dem Eck seiner lockenverhangenen Stirn zu den glänzenden
Uniformen und den prächtigen Damen. An der Seite des Herzogs ruht eine ungewöhnliche korpulente, busengefildete Frau von hochrotem Angesichte, die
Dada mit Lorgnon in Augenschein nimmt. Einen Augenblick lang will Dada sich
beleidigt fühlen, er fährt von der Tiefe des Sessels auf, und indem er mit seiner
gewaltigen Leibesmasse gebieterisch aufrecht steht, zieht er die Blicke des
ganzen Publikums auf sich.
Er tritt frei vor das herzogliche Paar und bittet ihre gnädige Laune, zu
gestatten, daß er eine seiner Hymnen auf die nationalen Aspirationen zum besten
geben dürfe. Die Lorgnons senken sich langsam, wie die Fittiche des Albatros,
um den Schaum der Welle zu berühren, und Dada rezitiert seine istrianischen
Hymnen.
Im Mahagonirahmen des mit Gold bedeckten Salons ist dieser eintönig
leiernde Lateiner eine Wohltat, eine Sanftheit und Trägheit langen Verdösens.
Die Professoren sind eingenickt und die Damen in tiefste Korbsessel geflüchtet
zum Schlummer. Nur die unermüdliche Begleiterin des Herzogs bleibt wach und
bewundert Dada. Sie steht plötzlich auf, tritt zum Lesenden und legt den Arm in
den seinen. Erst jetzt bemerkt der ganz in die Darstellung seiner urgefügten
Laute gespannte Dichter die überaus vollblütige, starke Weibesgestalt, die ihn
mit lustigem Zwinkern aus dem Saale und an Deck schiebt. Indem sie auf die
rings um die herzogliche Hoheit Schlummernden deutet, sagt sie: „Dada, Sie
sind schon jetzt ein berühmter Mann, der Herzog ist unterrichtet von Ihrer
politischen Kühnheit und den gegen Sie geplanten Anschlägen. Aber die von
ihren wissenschaftlichen Vorbereitungen zur Reise überanstrengten Häupter
dürfen Sie nicht im Sturm für Ihre tiefsymbolischen Dichtungen zu gewinnen
hoffen. Lieber Freund —! so darf ich Sie wohl schon jetzt nennen, denn Sie sind
doch auch ein wenig Österreicher, und ich bin eine Deutsche — ich will für Sie
werben, junge Dichter sind so außerordentlich unbeholfen. Geben Sie sich nur
ganz in meine Hände, in Freundeshände —!“
Sie lächelt verliebt und ihr hochrotes Angesicht flammt vor ihm auf. Mit
einem Blick umfaßt der feurige hübsche Silen den mächtigen Leib, den
wuchtigen Busen dieser germanischen Fruchtbarkeit, und sie, von der Karstglut
seiner Hymnen versengt, streicht über seine Stirnlocken. Und Dada erinnert sich
des Augenblicks, in dem die Göttin Italia ihm ihren Segen und ihre Sendung
gab. Er hat noch kein Weib gefunden, das so sehr der Vollendung Italias gemäß
gebildet ist, als diese Deutsche neben ihm. Ein glühendes Hinneigen zu diesem
Weibe bemächtigt sich des Dichters, er preßt den vollsten und stärksten aller
Weibesarme an seine heroische Hüfte, die nicht zu den Beinen flach entflieht,
sondern rund auf dem Gewölbe seines Bauches ruht. Sein braunes Silensgesicht
wird noch dunkler von einer stolzen Erobererfreude, und er senkt den
unverhüllten Blick in das Auge der vollblütigen Aphrodite, die fest an seiner Hüfte ruht, denn sie ruhen beide an die Reeling gelehnt, und sie flüstert
träumend: „Mein Herr von Casanova!“ Ihren Augen entschwindet die Küste
Italiens.
Es ist Dada nicht möglich, den mächtigen Rücken neben sich mit dem Arm zu
umfangen, schließlich biegt sie langsam seinen Kopf zu dem ihrigen und sie
geben sich gründlich einen Kuß. Dann lassen sie einander los. Die Professoren
erscheinen, die Hoheit hat ausgeschlafen, und die beiden dicken neuen Freunde
bilden den Mittelpunkt für alle Liebenswürdigkeiten und Schmeicheleien. Jetzt
erfährt Dada auch den Namen seiner Göttin: sie wird Derobea genannt und ist
die Frau eines königlich sächsischen Kommerzienrats, der Konsul in Rom ist.
Als Freundin des Herzogs hat sie die Erlaubnis, die Nordpolfahrt zu seiner
Linken mitzureisen.
* * *
Das Schiff verläßt England und steuert zur skandinavischen Küste. Dada führt
das Tagebuch des Herzogs und hat sich vorgenommen, den Walfischen und
Seerössern der Polarzone ihre Urlaute abzulauschen und ein Epos von den
Pinguinen zu verfassen. Er ist begeistert von seiner ersten Weltfahrt, die ihn
zwar Italias Sendung, Europa die Freiheit aus ihrem Schoße zu bringen, abwegig
macht, ihn als Freiheitsboten aber jenen düsteren Horden der Eskimos zuführt,
die in ihren Erdhöhlen die holdesten Kulturreize Italiens fühlen sollen. Dada hat
Derobea für die nationalen Aspirationen in Niemandsland geworben. Wie die
Jordaenssche Lebensfülle beider die Plötzlichkeit, Offenherzigkeit ihres
Liebesverständnisses simultan durchsprüht, so sind sie auch für ihre künftigen
Eroberungen eine Hand, eine Seele.
Sie nähern sich nördlicheren Breitengraden, Bergen, Trondhjem, als Dada jene
Taktlosigkeit begeht, derzufolge die Hoheit glaubt, Derobea von ihrem neuen
Freunde befreien zu müssen. Seinem eigenen feurigen Ungestüm ist die
schuldige Entdeckung zuzuschreiben, die die Hoheit macht, als sie zufällig Dada
beim Verlassen von Derobeas Schlafzimmer betrifft.
Dada wird bedeutet, sich an einem Küstenorte Norwegens ausschiffen zu
lassen, und trotz Derobeas entrüsteten Thränen, die für ihren dicken Schützling
mehr fürchtet als für das Wohl und Wehe der ganzen hoheitlichen Expedition,
muß sie sich in die ernsten Vorhaltungen der Professoren fügen, die nur das
Ärgernis entfernt wissen wollen.
Ohne Gepäck, mittellos, wie er vom Karst gekommen, nur mit einigem
Reisegeld, dem Reisepaß und den hoheitlichen Empfehlungsschreiben
ausgerüstet, steigt Dada in Hammerfest ans Land. Vom Nordkap schwenkt der Verlassene seinen wallenden Bersaglierihut, während Derobea vom weißen
Schiffe ein zartes Tüchlein weht, und es immer wieder an die Augen führt. Das
einzige, teure Wort, das ihm geblieben, murmelt Dada immerfort vor sich hin:
Derobea! „Dada! wo hast du deine Derobea?!“