Dada, mit einem Holzschnitt von Lyonel Feininger

Adolf Knoblauch · Kapitel 4 von 17

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Dada, mit einem Holzschnitt von Lyonel Feininger

Derobea.

 

Dada hat ein wunderbares Wort, um vor niederbeugenden Hemmnissen sich

selbst wiederzufinden: elastisch sein! Dieser Zauber hilft ihm durch die

unwirtlichsten Zeiten.

Nachdem er Frau Italia geschaut, hat er Istriens Karst umkreist, sein karges

Vaterland, das einst die heimatlichen Wälder rodete, um auf ihren Pfählen

Venedig zu errichten. In dieser Einöde lebt er von der Ekstase jenes Zauberrufes,

den die Göttin von den vollen zärtlichen Formen Tiepolos ihm schenkte. Aber

nur unvollkommen die Bedeutung des Zauberrufes in der Wüste ermessend, hat

Dada ihn treulich nach Pola und Triest getragen, in jene Schenken armseliger

Vorstädte und in winzige Arbeiterhütten, aus denen der im Reichtum geborene

strenge Hauch der Freiheit zum schreckensvollen Orkane verwandelt hervorrast.

Eines Nachts, beim Heimgange von der Druckerei des Polaer

Generalanzeigers wird Dada überfallen, seine ungewöhnliche Körperfülle wird

in einen Sack gepreßt, er wird auf ein Maultier gebunden, und so auf den Karst

gebracht. Dort wird er seinem Schicksal überlassen, nicht ohne ihm eine Anzahl

gut österreichischer Schläge mit dem Knüttel auf die weichsten Teile seines

Leibes zu zählen, die von der Schwere seines Leibes ganz besonders hart geprüft

wurden.

Der Morgen erscheint in Adrias erhabenem Glanze und Adria hört aus dem

Sacke den leisen Seufzer: elastisch sein! Dada trennt die fesselnde Leinwand,

barhäuptig, gelenkig, schnellfüßig tritt er mit Zorn den grauen Schiefer des

Felsens. Dann bückt er sich und faßt das nächstbeste Stück Glimmerschiefer,

zerdrückt es in beiden hohlen Händen zu Staub, speit dreimal kräftig drauf und

bäckt aus dem Ganzen einen Kloß. Diesen Kloß nun schleudert er mit

Spottworten Pola zu, das drunten mit seinen Türmen und Dächern den Schlaf der

Provinz hält. Der Kloß rollt zufällig auf das weiße Hemd eines Mädchens, das

Wäsche auf dem flachen Dache ihres Hauses zum Trocknen aufhängt. Sie ist

entsetzt, denn sie glaubt, daß ein Stier vom Karst mit seinem Mist ihr Hemd

verunreinigt habe. Und aus solcher Höhe!

Dada lacht. Er ist frei. Er läuft am Rand der Felsen entlang und schreit fünfmal seinen Namen. Diese eine Silbe fünffach gedoppelt wiederholt, stellen

das erstaunte Aufmerken und Fingerweisen eines Säuglings dar. Das fünffach

gedoppelte Da! rollt aus Dada zauberhaft lieb und mit der Perligkeit eines

Säuglingsmundes ö-artig rund und mit den Häkchen des zartesten Hammellautes

zu Adrias blauen Wohnungen, so daß selbst die Göttin erwacht, die von

fürstlichen Räubern und Mördern abstammt.

Über die gläsernen Kuppeln ihres Palastes fährt ein schneeweißer riesiger

Kreuzer und hoch auf allen seinen Stricken, Masten, Stangen und Spieren

flattern Italias Wimpel.

Dada rast zum Strande. Das mächtige Schiff hat draußen ein schmales Boot

niedergelassen. Mit zehn Ruderschlägen saust es an Land, während die Hymne

Emanueles hoch über der Adria zum Gruße Istriens rauscht. Dada wird an Bord

des Kreuzers geholt.

Ein toskanischer Herzog soll dies Schiff zum Nordpol führen und jene Länder

der Antarktis entdecken, von denen der Italiener im Namen der lateinischen

Rassen Besitz ergreifen wird. Dada, dem Sack und den Knütteln entronnen, der

Patriot, der letzte Italiener Ostlatiums, der Redakteur des istrianischen

Proletariats, ist auserkoren zum Berichterstatter für jenes umworbene Polarland,

das seinen silbernen Gipfel über dem erstaunten Europa mit der italienischen

Flagge schmücken wird. Anstelle seiner verlorenen Mütze wird Dada ein mit

langen Truthahnfedern geschmückter Bersaglieri-Hut auf die starke Stirnlocke

gedrückt.

 

* * *

 

Eine gelehrte Aristokratie ist im Saale des Schiffes versammelt, als der

Istrianer vorgestellt wird. Professoren, Literaten, Politiker und vereinzelte

Damen gehören dem Unternehmen an, das in Schwung gebracht worden ist, um

ein Ereignis von ebenso wissenschaftlichem wie weltpolitischem Charakter

heraufzubeschwören.

Der kühne Dada hat sich nach einer allgemeinen Verbeugung, und nachdem

die schönsten, ausgezeichnetsten Namen von Rom an ihm vorübergebeugt sind,

sogleich in den nächsten Ledersessel sinken lassen, danach rutscht er ein wenig

nach vorn, streckt die Beine lang von sich und spreizt die Knie, aber keineswegs,

um die Zierde der Stiere unter seinem Kleide der Zivilisation zu zeigen, sondern

um jenes Wort Frau Italias zu erfüllen: „Wenn du sitzt und ruhst, laste mit Italias

vollen weiblichen Gliedern, massig, dick, Leib meiner Demokratie!“

Dada blinzelt aus dem Eck seiner lockenverhangenen Stirn zu den glänzenden

Uniformen und den prächtigen Damen. An der Seite des Herzogs ruht eine ungewöhnliche korpulente, busengefildete Frau von hochrotem Angesichte, die

Dada mit Lorgnon in Augenschein nimmt. Einen Augenblick lang will Dada sich

beleidigt fühlen, er fährt von der Tiefe des Sessels auf, und indem er mit seiner

gewaltigen Leibesmasse gebieterisch aufrecht steht, zieht er die Blicke des

ganzen Publikums auf sich.

Er tritt frei vor das herzogliche Paar und bittet ihre gnädige Laune, zu

gestatten, daß er eine seiner Hymnen auf die nationalen Aspirationen zum besten

geben dürfe. Die Lorgnons senken sich langsam, wie die Fittiche des Albatros,

um den Schaum der Welle zu berühren, und Dada rezitiert seine istrianischen

Hymnen.

Im Mahagonirahmen des mit Gold bedeckten Salons ist dieser eintönig

leiernde Lateiner eine Wohltat, eine Sanftheit und Trägheit langen Verdösens.

Die Professoren sind eingenickt und die Damen in tiefste Korbsessel geflüchtet

zum Schlummer. Nur die unermüdliche Begleiterin des Herzogs bleibt wach und

bewundert Dada. Sie steht plötzlich auf, tritt zum Lesenden und legt den Arm in

den seinen. Erst jetzt bemerkt der ganz in die Darstellung seiner urgefügten

Laute gespannte Dichter die überaus vollblütige, starke Weibesgestalt, die ihn

mit lustigem Zwinkern aus dem Saale und an Deck schiebt. Indem sie auf die

rings um die herzogliche Hoheit Schlummernden deutet, sagt sie: „Dada, Sie

sind schon jetzt ein berühmter Mann, der Herzog ist unterrichtet von Ihrer

politischen Kühnheit und den gegen Sie geplanten Anschlägen. Aber die von

ihren wissenschaftlichen Vorbereitungen zur Reise überanstrengten Häupter

dürfen Sie nicht im Sturm für Ihre tiefsymbolischen Dichtungen zu gewinnen

hoffen. Lieber Freund —! so darf ich Sie wohl schon jetzt nennen, denn Sie sind

doch auch ein wenig Österreicher, und ich bin eine Deutsche — ich will für Sie

werben, junge Dichter sind so außerordentlich unbeholfen. Geben Sie sich nur

ganz in meine Hände, in Freundeshände —!“

Sie lächelt verliebt und ihr hochrotes Angesicht flammt vor ihm auf. Mit

einem Blick umfaßt der feurige hübsche Silen den mächtigen Leib, den

wuchtigen Busen dieser germanischen Fruchtbarkeit, und sie, von der Karstglut

seiner Hymnen versengt, streicht über seine Stirnlocken. Und Dada erinnert sich

des Augenblicks, in dem die Göttin Italia ihm ihren Segen und ihre Sendung

gab. Er hat noch kein Weib gefunden, das so sehr der Vollendung Italias gemäß

gebildet ist, als diese Deutsche neben ihm. Ein glühendes Hinneigen zu diesem

Weibe bemächtigt sich des Dichters, er preßt den vollsten und stärksten aller

Weibesarme an seine heroische Hüfte, die nicht zu den Beinen flach entflieht,

sondern rund auf dem Gewölbe seines Bauches ruht. Sein braunes Silensgesicht

wird noch dunkler von einer stolzen Erobererfreude, und er senkt den

unverhüllten Blick in das Auge der vollblütigen Aphrodite, die fest an seiner Hüfte ruht, denn sie ruhen beide an die Reeling gelehnt, und sie flüstert

träumend: „Mein Herr von Casanova!“ Ihren Augen entschwindet die Küste

Italiens.

Es ist Dada nicht möglich, den mächtigen Rücken neben sich mit dem Arm zu

umfangen, schließlich biegt sie langsam seinen Kopf zu dem ihrigen und sie

geben sich gründlich einen Kuß. Dann lassen sie einander los. Die Professoren

erscheinen, die Hoheit hat ausgeschlafen, und die beiden dicken neuen Freunde

bilden den Mittelpunkt für alle Liebenswürdigkeiten und Schmeicheleien. Jetzt

erfährt Dada auch den Namen seiner Göttin: sie wird Derobea genannt und ist

die Frau eines königlich sächsischen Kommerzienrats, der Konsul in Rom ist.

Als Freundin des Herzogs hat sie die Erlaubnis, die Nordpolfahrt zu seiner

Linken mitzureisen.

 

* * *

 

Das Schiff verläßt England und steuert zur skandinavischen Küste. Dada führt

das Tagebuch des Herzogs und hat sich vorgenommen, den Walfischen und

Seerössern der Polarzone ihre Urlaute abzulauschen und ein Epos von den

Pinguinen zu verfassen. Er ist begeistert von seiner ersten Weltfahrt, die ihn

zwar Italias Sendung, Europa die Freiheit aus ihrem Schoße zu bringen, abwegig

macht, ihn als Freiheitsboten aber jenen düsteren Horden der Eskimos zuführt,

die in ihren Erdhöhlen die holdesten Kulturreize Italiens fühlen sollen. Dada hat

Derobea für die nationalen Aspirationen in Niemandsland geworben. Wie die

Jordaenssche Lebensfülle beider die Plötzlichkeit, Offenherzigkeit ihres

Liebesverständnisses simultan durchsprüht, so sind sie auch für ihre künftigen

Eroberungen eine Hand, eine Seele.

Sie nähern sich nördlicheren Breitengraden, Bergen, Trondhjem, als Dada jene

Taktlosigkeit begeht, derzufolge die Hoheit glaubt, Derobea von ihrem neuen

Freunde befreien zu müssen. Seinem eigenen feurigen Ungestüm ist die

schuldige Entdeckung zuzuschreiben, die die Hoheit macht, als sie zufällig Dada

beim Verlassen von Derobeas Schlafzimmer betrifft.

Dada wird bedeutet, sich an einem Küstenorte Norwegens ausschiffen zu

lassen, und trotz Derobeas entrüsteten Thränen, die für ihren dicken Schützling

mehr fürchtet als für das Wohl und Wehe der ganzen hoheitlichen Expedition,

muß sie sich in die ernsten Vorhaltungen der Professoren fügen, die nur das

Ärgernis entfernt wissen wollen.

Ohne Gepäck, mittellos, wie er vom Karst gekommen, nur mit einigem

Reisegeld, dem Reisepaß und den hoheitlichen Empfehlungsschreiben

ausgerüstet, steigt Dada in Hammerfest ans Land. Vom Nordkap schwenkt der Verlassene seinen wallenden Bersaglierihut, während Derobea vom weißen

Schiffe ein zartes Tüchlein weht, und es immer wieder an die Augen führt. Das

einzige, teure Wort, das ihm geblieben, murmelt Dada immerfort vor sich hin:

Derobea! „Dada! wo hast du deine Derobea?!“