Dada, mit einem Holzschnitt von Lyonel Feininger

Adolf Knoblauch · Kapitel 3 von 17

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Dada, mit einem Holzschnitt von Lyonel Feininger

Erster Teil

DER KARST.

 

Das sonnergraute Rund des Karst steigt über Dada empor, seine Stirn trägt

vier Säulen roten Abendlichts, seine Hände ruhen blau: Die Linke mit dem

Schlüssel Polas, die Rechte mit der goldenen Schale von Triest.

Pola im Klirren der Arsenale, Rauch der Stahlfabriken, der Hafen voll grauer

Stahlboote. Die zierliche Schnur der zum Hafen einbiegenden Panzerkreuzer ist

vom Karst ins adriatische Blau herabgerollt.

Triest das goldene Halbrund fraulichen Entzückens, Venezias ärmere

Schwester, aber gleich hold von Adria geliebt.

Das sind die Götter! und in Dadas schwingenden Nerven dichten seine Städte

aus der in den kargen Fels geschnittenen und gesprengten Fülle eine graue und

goldene Hymne, zu den Göttern singen die Städte ihr in ihm geborenes Lob, auf

daß Er Europas Hauptstädte vor ihrem Bilde beuge.

Dadas dichtender Leib ist auf kargem Karst ein lohender Abendnebel, ein

Moos auf erhabenem Steine Ostlatiums, ein blauer, dann blasser Pilz. Ein

etrurischer Silen, ohne Zentaurenzierde der Vorfahren, und von weißer Leinfarbe

der Haut, hat den Leib im Karst geborgen, ihn werden nie die leichtgebogenen

Läufe des Hirsches davontragen. Unter dem beschattenden Stirnhaar blicken

Dadas blaß durchsichtige Augen auf das Meer gegen Abend.

In Dadas Blut braut Polas Rauch, duftet die Zärtlichkeit der triestinischen

Schale. Möge endlich die lateinische Mutter Adrias blaue Meerflut zerteilen,

mögen das königliche Venedig und das väterliche Rom ihre Wimpel senden und

das verlorene Istrien befreien und belohnen!

Dadas weiche Hände sind zwei blaue Quallen, die in der Tiefe saugend mit

den Fluten rollen und wiegen. Zu seinen Häupten stehen die vier roten Säulen im

feinen telegraphischen Tönen der Arsenale von Pola. Diesem Tönen ist Dadas

dichtendes Großhirn hingegeben.

In der zehnten Stunde bebt der Karst von großer Woge, tagjung steht eine

Wolke im Lohgelben gebaut. Adria ruht hochgewölbt, und ein blankes junges

Weib springt von Adrias Rücken auf die Wolke, die sich bläht und nach Osten

wandelt. Dada eilt strahlend zur Felswand und breitet die Arme nach der Göttin Italia, nach der mächtigen, fruchtbaren Frau, die kommt, um den Karst zu

segnen!

Die Wolke steigt gen Triest. Italia streckt den vollen weißen Arm aus dem

wallenden Blau des Kleides und spendet über die glückliche Stadt goldene

Jubelmünzen. Danach wird die Wolke finster zusammengedrückt und rollt

überm Karst nach Pola. Dada späht scharf aus dem Eck der haarverhangenen

Stirn zum Zenith des weltenvollen Himmels, bis er das blaue Kleid seiner

Träume erschaut. Aber das Kleid rollt auf den grauen Berg hernieder, denn die

Götter sind nackt, wenn sie einen Sterblichen liebenden Glanzes erfreuen. Italia

schreitet herab, und der Silen starrt zu ihrem holden Jungreiz empor, zu den

hohen Beinen, der gewölbten Hüfte, auf der d’Annunzio die Harfe schlug, und

dem stolz wallenden Busen.

Dada kniet trunken weich vor der Gebieterin, mit schwerem, sehr quälend

schwerem Bauch, zu den Füßen von Rosamilch und bietet den Schlüssel Pola

und die Schale Triest huldigend der Lateinerin. Die Geliebte uralter Waldgötter,

der sich einst Stier, Eber, Hirsch brünstig gewälzt hatten, die Umworbene

teutonischer Könige, sie neigt sich gnädig in Dadas Augen. Aus seinen Händen

lischt das Blau, die Lichtsäulen verstummen und wenden sich ab, den entgöttert

Dämmernden küßt die hohe Frau, freigebig gelaunt, mit der Koketterie der

prächtigen, volkstümlichen Dame. Sie spricht: „Dada, werde durch mich

berühmt, wandle als mein Bote durch die Städte Europas und sage, daß ich ihnen

aus meinem Schoße die Freiheit schenken will.

Wenn du aufstehst unter ihnen, gebiete als mein Marschall, wenn du sitzest

und ruhst, laste mit Italias vollen weiblichen Gliedern, massig, dick, Leib meiner

Demokratie und erlösten Republik.

Dein schöner Silenskopf sei feurig gebräunt, es sei die Blässe vom

Zeitungspapier aus den lateinischen Zügen getilgt. Dein Haarbusch ruhe

schmachtend auf der goldenem Mittelmaß nicht entfliehenden Stirn, denn die

schöneren Hälften künftiger Republiken werden auf deine Locken mit Küssen

sinken. Deine blassen, durchsichtigen Augen, die meine Brüste umspannen mit

der zart saugenden Nähe des Neugeborenen, bewahre mein Lieber, denn sie

künden deinen Charakter.“

Eh sich Dada ermannt, Italias Hüfte ergreift und die Schöne an sich reißt, hat

die Wolke sich gesenkt. Unter neckenden Glockentönen entweicht die Gestalt

und schwebt gen Abend.

Triest zählt das Gold im Schlafe, Pola schlägt tolle Hämmer, als wolle es in

seinen Essen das Meer zu Stahl schmieden. Dada verneigt sich morgenländisch

und spricht zärtlich das Zauberwort: „Freiheit!“