Das Marien-Leben

Rainer Maria Rilke · Kapitel 8 von 16

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Das Marien-Leben

Rast auf der Flucht in ägypten

 

Diese, die noch eben atemlos

flohen mitten aus dem Kindermorden:

o, wie waren sie unmerklich groß

über ihrer Wanderschaft geworden.

 

Kaum noch daß im scheuen Rückwärtsschauen

ihres Schreckens Not zergangen war,

und schon brachten sie auf ihrem grauen

Maultier ganze Städte in Gefahr;

 

denn sowie sie, klein im großen Land,

— fast ein Nichts — den starken Tempeln nahten,

platzten alle Götzen wie verraten

und verloren völlig den Verstand.

 

Ist es denkbar, daß von ihrem Gange

alles so verzweifelt sich erbost?

und sie wurden vor sich selber bange,

nur das Kind war namenlos getrost.

 

Immerhin, sie mußten sich darüber

eine Weile setzen. Doch da ging —

sieh: der Baum, der still sie überhing,

wie ein Dienender zu ihnen über:

 

er verneigte sich. Derselbe Baum, dessen Kränze toten Pharaonen

für das Ewige die Stirnen schonen,

neigte sich. Er fühlte neue Kronen

blühen. Und sie saßen wie im Traum.

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