Das Marien-Leben

Rainer Maria Rilke · Kapitel 14 von 16

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Das Marien-Leben

Kapitel 2

und hob ihr Antlitz auf zu dem und dem ...

(o Ursprung namenloser Tränen-Bäche).

 

Sie aber legte sich in ihre Schwäche

und zog die Himmel an Jerusalem

so nah heran, daß ihre Seele nur,

austretend, sich ein wenig strecken mußte:

schon hob er sie, der alles von ihr wußte,

hinein in ihre göttliche Natur.

 

2

 

Wer hat bedacht, daß bis zu ihrem Kommen

der viele Himmel unvollständig war?

Der Auferstandne hatte Platz genommen,

doch neben ihm, durch vierundzwanzig Jahr,

war leer der Sitz. Und sie begannen schon

sich an die reine Lücke zu gewöhnen,

die wie verheilt war, denn mit seinem schönen

Hinüberscheinen füllte sie der Sohn.

 

So ging auch sie, die in die Himmel trat,

nicht auf ihn zu, so sehr es sie verlangte;

dort war kein Platz, nur Er war dort und prangte

mit einer Strahlung, die ihr wehe tat.

Doch da sie jetzt, die rührende Gestalt,

sich zu den neuen Seligen gesellte

und unauffällig, licht zu licht, sich stellte,

da brach aus ihrem Sein ein Hinterhalt

von solchem Glanz, daß der von ihr erhellte Engel geblendet aufschrie: Wer ist die?