Das Marien-Leben

Rainer Maria Rilke · Kapitel 15 von 16

PDF-Seiten

Das Marien-Leben

Kapitel 3

Ein Staunen war. Dann sahn sie alle, wie

Gott-Vater oben unsern Herrn verhielt,

so daß, von milder Dämmerung umspielt,

die leere Stelle wie ein wenig Leid

sich zeigte, eine Spur von Einsamkeit,

wie etwas, was er noch ertrug, ein Rest

irdischer Zeit, ein trockenes Gebrest —.

Man sah nach ihr: sie schaute ängstlich hin,

weit vorgeneigt, als fühlte sie: ich bin

sein längster Schmerz —: und stürzte plötzlich vor.

Die Engel aber nahmen sie zu sich

und stützten sie und sangen seliglich

und trugen sie das letzte Stück empor.

 

3

 

Doch vor dem Apostel Thomas, der

kam da es zu spät war, trat der schnelle

längst darauf gefaßte Engel her

und befahl an der Begräbnisstelle:

 

Dräng den Stein beiseite. Willst du wissen,

wo die ist, die dir das Herz bewegt:

Sieh: sie ward wie ein Lavendelkissen

eine Weile da hineingelegt,

 

daß die Erde künftig nach ihr rieche

in den Falten wie ein feines Tuch.

Alles Tote (fühlst du), alles Sieche

ist betäubt von ihrem Wohlgeruch.