Das System
Eins
Wenn mich jemand fragen würde, was Liebe ist, hätte ich nicht wirklich eine Antwort dadrauf. Liebe kann so vieles sein und für jeden ist sie anders. Jeder hat eine andere Auffassung aber was ich mit Gewissheit sagen kann ist, dass Liebe kein Los sein kann, dass man ziehen kann. Liebe lässt sich nicht erzwingen. Der Morgen war grau und kalt und ich stapfte am 19.Januar durch den tiefen Schnee von Harrisburg in Pennsylvania. Meine Hände hatte ich tief in die Manteltaschen gesteckt und mit einem mulmigen Gefühl im Magen, ging ich am großen Platz in der Innenstadt vorbei, an dem morgen die Verflosung stattfinden würde. Tausende von Mädchen würden aufgeregt an einen der Automaten gehen und ihr Los ziehen. Viele fanden dieses Spektakel großartig und freuten sich auf ihr neues Leben und andere, wie ich, wollten nicht ziehen und hatten Angst. Angst, jemanden schlechten zu bekommen und jemanden lieben zu müssen, den man nicht mochte. Die Verlosung war so etwas wie Zwangsheirat, nur dass einige dies nicht so sahen. Diese Verlosung bestimmte das Leben, aller Jugendlichen und zerstörte Beziehungen und Freundschaften. Ich verabscheute diese Verlosungen.
Vorallendingen nach dem Schicksal meiner ältesten Schwester Tessa. Sie war ein klassisches Opfer der Verlosung geworden. Sie war ein Opfer und eine Sklavin des Systems und genau das wollte ich nicht werden. Ich wollte meinen eigenen Willen behalten, wollte den lieben, den ich lieben wollte.
Sie konnten mir vieles nehmen und sie hatten mir bereits meine Schwester genommen, aber ich würde nicht zu lassen, dass sie mir meine Endscheidung nahmen, wen ich zu lieben hatte. Frustriert lief ich zu den Bussen und seufzte innerlich. Ich hatte im November Geburtstag gehabt und war siebzehn geworden. Dass hieß für mich, dass morgen meine Verlosung war. Aber ich würde nicht hingehen. Mich konnte keiner dazu zwingen. Ich musste nicht weit mit dem Bus fahren, denn wir wohnten in der Nähe der Innenstadt, in einer Stadtvilla. Meine Familie war einer der siebzehn Königlichen Familien und war deshalb reich. Ich hasste es aus einer königlichen Familie zu stammen. Man hatte so viele Pflichten und die meisten Königlichen waren alle Snobs, genauso wie meine Eltern. Sie waren Snobs wie aus dem Bilderbuch, zumindestens mein Vater. Meine Mutter war früher nicht so gewesen. Sie hatte meinen Vater gelost und in die Familie eingeheiratet. Irgendwie hatten die beiden perfekt zueinander gepasst Sie hatten Glück mit dem System gehabt, allerdings wurde meine Mutter dadurch zum Snob. Tribute vorderte das System immer. Egal welche.
Als ich zuhause ankam ging ich sofort in mein Zimmer. Ich konnte meiner Mutter nicht mit dem Wissen in die Augen blicken, dass ich nicht die Absicht hatte morgen zu der Verlosung zu gehen. Es galt als Schande nicht zu erscheinen und jeder hatte bis jetzt sein Los bekommen. Ich hatte auch schon einmal miterlebt, wie ein Mädchen mithilfe von Wächtern gezwungen wurde. Wächter waren Bodyguards oder auch Art Polizisten.
Wir selbst hatten zwei von ihnen zuhause, die auf uns acht gaben. Königliche Familien besaßen immer mehrere Wächter. Das Schlimmste an meiner Absicht war jedoch, die Schande über meine Familie. Tessa hatte den Ruf schon beschädigt und ich würde ihn wohl auf Ewig zerstören, aber darauf konnte ich keine Rücksicht nehmen. Ich wollte ihnen zeigen, dass sie mich nicht besitzen und das konnte ich nur mit viel Rebellion tun.
Wir, die Familie Sola, würden einen neuen Ruf bekommen. Einen nicht so glanzvollen und ich wusste, dass wir wieder zum Tratsch des Tages werden würden, doch das musste ich in Kauf nehmen. Wie Leid es mir auch irgendwie tat.
Am nächsten Morgen machte ich mich wie gewohnt fertig und ging tatsächlich zu der Verlosung, allerdings beobachtete ich nur die anderen. Bevor ich an der Reihe war, würde ich verschwinden. Die Gesichter der Mädchen glühten aufgeregt und einige stießen Freudenschreie aus, verhielten sich ganz normal, weinten oder lästerten mit Freundinnen über ihren Partner. Von jedem war etwas dabei und ich sah auch meine Mädels, wie sie alle beisamen standen. Am liebsten wollte ich zu ihnen gehen und sie unterstützen, doch dann würde mich irgendwer zur Verlosung schleppen und das wollte ich nicht.
Bevor mich jemand endecken konnte, huschte ich in eine Nebenstraße hinein und lief diese entlang. Immer schön vom Platz entfernt. Auf halbem Weg traf ich einen Öffentlichenwächter, der mir ein Lächeln zuwarf.
„Nah haben Sie schon ihr Los, Prinzessin?“, fragte er mich höflich. „Ja“, nickte ich. Ich würde ihm nicht die Wahrheit sagen, sonst würde er mich wohl noch zur Verlosung hinziehen. Der Wächter nickte mir freundlich zu und verabschiedete sich dann wieder. Natürlich wusste er, dass ich eine Prinzessin war und er hatte auch keinen Grund zu denken, dass ich im Bezug auf das Los lügen würde. Wie ahnungslos sie doch alle waren, was jedoch ein Vorteil für mich war.
Ich verbrachte den Großteil des Tages am Friedhof, auf dem Tessa lag. Nachdenklich stand ich vor ihrem Grab und erinnerte mich an ihr Lachen, welches immer alle angesteckt hatte. Sie war so schön gewesen, so mutig und fröhlich, bevor sie ihr Los bekommen hatte. Bevor ihr Schicksal seinen Lauf nahm.
Ich merkte erst dass ich weinte, als eine salzige Träne auf meinen Lippen zerbrach. Hastig wischte ich meine Tränen ab und versuchte mich zu beruhigen. Tiefe Trauer und Wut umhüllten mich und mir wurde wieder bewusst, dass es richtig war, nicht zur Verlosung zu gehen. Sie würden nicht meinen Willen bekommen. Niemals. Als es anfing zu dämmern, machte ich mich auf den Weg nach Hause. Ich hatte ein mulmiges Gefühl im Magen und auch Angst. Würde meine Mutter wissen, dass ich nicht gegangen war? Würden sie mich, wie das Mädchen dahin zerren? Innerlich hoffte ich, dass keiner was bemerken würde, aber sie würden es natürlich wissen. Die Regierung schien manchmal allwissend, was einem ziemliche Angst machen konnte. Noch bevor ich die Haustür aufschließen konnte, wurde sie aufgerissen und meine Mutter stand mit zornesröte im Gesicht, im Türrahmen. Natürlich wusste sie davon, schoss es mir durch den Kopf.
„Es tut mir leid“, sagte ich nur zu ihr, bevor sie los schreien konnte. „Was soll das Serena?!“, unglaubwürdigerweise, waren das ihre einzigen Worte und trotzdem schüchterten sie mich ein. In ihnen schwang so viel Macht und Vorwurf mit, dass ein kleiner Teil in mir bereute, nicht an der Verlosung teilgenommen zu haben. Nach einigen Sekunden trat sie zur Seite, damit ich ihr in das Haus folgen konnte und zu meinem Erstaunen, saßen an unserem Esstisch im Wohnzimmer, zwei Wächter.
Neben ihnen saßen unsere eigenen. Was sollte das?! „Stell keine Fragen“, meinte meine Mutter nur. „Wir haben zwei zusätsliche Wächter für dich eingestellt“
„Für mich?!“
Meine Mutter nickte nur. „Sie werden dich zur Verlosung begleiten und sicherstellen, dass du dein Los bekommst“ „Niemals!“, schrie ich sie an. „Ich werde nicht hingehen!“ Plötzlich ohne Vorwarnung nickte meine Mutter den zwei neuen Wächtern zu und sie sprangen auf. Ohne das ich wusste wie mir geschah, hatten sie mich fest gepackt, sodass ich ihnen nicht entkommen konnte.
„Was soll der Scheiss?!“, schrie ich und wandte mich in den Griffen der zwei herum.
„Es ist nur zu Ihrem Besten, Prinzessin!“, sagte der ältere Wächter von beidem. Er hatte schon graues Haar und einige Falten. Der andere dagegen, war vielleicht um die zwanzig und ziemlich süß, würde er mich nicht festhalten.
„Es ist ganz und gar nicht zu meinem Besten!“, schrie ich wieder und versuchte den älteren Wächter in die Hand zu beißen. Dieser war aber ziemlich geschickt darin, mich festzuhalten und gleichzeitig mich nicht in seine Hand beißen zu lassen. Wie konnten mir meine Eltern dies antun? Sie wussten doch, was mit Tessa passiert war. Wollten sie, dass ich das Gleiche erleiden sollte?
Ohne mir über meine Worte und über dessen Wirkung im Klaren zu sein, schrie ich meine Mutter an: „Wieso machst du das?! Denk doch an Tessa! Ihr habt einfach tatenlos zu gesehen! Wollt ihr auch an meinem Tod schuld sein?!“
Die Ohrfeige meiner Worte saß, dass konnte ich in ihrem Gesicht erkennen. Die selbstsichere Miene meiner Mutter verutschte für einen Augenblick und ich konnte die tiefe Trauer in ihrem Gesicht ablesen,doch dann wurde ihr Blick wieder hart und sie funkelte mich wütend an.
„Bringen.Sie.Sie.Hier.Fort!“, mit diesen Worten drehte sie sich um und verließ den Raum.Nun war ich alleine mit meinen zwei Wächtern, die mich wohl zweifellos zur Verlosung schleppen würden.