Das System

Alexandra W. · Kapitel 2 von 5

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Das System

Zwei

 

Ich hörte erst auf zu schreien, als wir uns dem großen Platz näherten. Erst dann wurde mir langsam bewusst, was ich zu meiner Mutter gesagt hatte und das auf mich ein Los mit einem Namen wartete.

Es war irgendwie ein komisches Gefühl zu wissen, dass ich bald den Namen meines zukünftigen Mannes in den Händen halten würde, nur dass ich diesen Mann nicht heiraten würde. Irgendwie würde ich es schaffen dies zu umgehen. Wie auch immer. Es waren viele Schaulustige noch am großen Platz da und natürlich fingen sie alle an zu tuscheln, als sie mich und meine zwei Wächter sahen, die mich zum Automaten schleppten und als wir ihm immer näher kamen, fing ich auch wieder an wie wild zu schreien. „Lasst mich los!“, doch keiner der beiden hörte auf mich. Sie schienen wie Roboter, die ihren Job ausfüllten. „Ich will nicht so ein scheiss Los!“, schrie ich weiter und trat nun mit meinen Füßen nach meinen zwei Wächtern, aber traf sie natürlich nicht. „Ich will nicht!“

Ich hörte wie der Wächter, der meinen rechten Arm hielt, aufseufzte. Es war der jüngere. Der, der so heiß wie ein Abercombie oder Hollister Model aussah. Seine jadegrünen Augen blickten kurz zu mir hinab und ich hatte das Gefühl, als würde Mitleid in ihnen aufblitzen. Verwundert schüttelte ich meinen Kopf. Wieso sollte er Mitleid haben? Ich musste mir das nur eingebildet haben. Der weiße Automat mit den Losen kam immer näher und plötzlich hatte ich einen furchtbar dicken Kloß in meinem Hals. Ich hatte keine Chance zu entkommen, dafür waren meine Wächter zu stark, aber trotzdem kämpfte ich noch, obwohl ich wusste, dass ich das Los bekommen würde. Das Los mit seinem Namen. Das Los meines zukünftigen Ehemannes. Das Los, vor dem ich mich so sehr fürchtete.

Mit jedem Stück, dem wir dem Automaten näher kamen, wuchs der Kloß und ich schrie hysterisch. Sollten die Leute denken was sie wollten. Eines sollten sie aber wissen, ich zog nicht freiwillig dieses Los. Ich machte bei den Plänen der Regierung nicht mit. Würde es auch niemals tun.

Niemals! Niemals! Niemals!

„Seien Sie doch nicht so hysterisch!“, zischte mir der ältere Wächter ins Ohr und verstärkte ziemlich genervt seinen Griff an meinem Arm. „Sie tun mir weh!“, schrie ich ihn meinerseits an. „Du tust dir selber weh, indem du dich wehrst!“, meinte er nur kalt und zog mich weiter.

Mr.Hollister warf seinem Kollegen einen Blick zu, der nicht sehr nett war. „Mach den Griff lockerer, Stan“, sagte er nur und blickte dann wieder weiter nach vorne.

Stan schnaubte nur und lockerte ein klein wenig seinen Griff. Immerhin etwas.

Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass Mr.Hollister und Stan sich nicht sonderlich mochten, obwohl sich Wächter Kollegen eigentlich immer respektierten.

Inzwischen waren wir am Automaten angekommen. Der Automat sah eigentlich so aus wie ein Cola Automat, nur dass in seinem Inneren Zettel mit Namen waren. Ich fand das Ganze ziemlich widerlich, denn man sollte allen ernstes wie bei einem Cola Automaten sein Los ziehen, als ob man so wie eine Cola Flasche seine Liebe ziehen könnte. Lächerlich.

„Wollen Sie selber ziehen oder muss ich das für Sie tun?“, brummte Stan.

„Ich werde niemals ziehen!“, schrie ich ihn an und landete bei ihm einen Glückstreffer am Schienbein. Stan fluchte laut auf und seine Miene verfinsterte sich.

Mr.Hollister dagegen musste ein kleines Lächeln unterdrücken. Machte er sich über mich lustig, oder was sollte das?! Als Stan aufgehört hatte zu Fluchen, drückte er auf einen Knopf, der sich auf der linken Seite des silbernen Automatens befand und unten in der Klappe, landete mein Los. Ich blickte wie geschockt auf das kleine Stück Papier hinab, auf dem ein Name stand. Der Name, der mein Leben veränderte. Der Name, den ich nicht wissen wollte. Neben uns trat ein Wächter, der für die Verlosung zuständig war, zu uns, und griff nach dem Los. Ich hatte vor Schock aufgehört zu schreien. Ich wollte den Namen nicht wissen, denn dann war ich meinem Abgrund ein Stück näher.

Der Wächter räusperte sich und sprach den Namen aus: „Travis Forster“, dann schrieb er den Namen in einer Liste auf und reichte Stan den Zettel.

In diesem Moment hatte ich das Gefühl, die Welt würde in tausend Stücke zerspringen. Ich wollte schreien. Wollte weinen und weg rennen, aber ich konnte nicht. Konnte mich nicht aus dem Schock befreien.

Travis Forster, dass war er. Das sollte mein zukünftiger Ehemann werden. Es war nur ein Name auf einem kleinen Stück Papier und doch war dieses Los mit dem Namen so relevant, dass es meine Zukunft bestimmte. Und bei dieser Erkentnis, die mich wieder so hart traf, wachte ich aus der Starre auf und fing an rum zu schreien. Mal wieder.

Wie verrückt versuchte ich mich aus den Griffen meiner Wächter zu befreien. Tränen traten mir vor Wut, Angst und Trauer in die Augen. „Lassen Sie mich gehen!“, schrie ich immer wieder und wieder. Ich wollte nicht so wie Tessa enden. Ich wollte keine Sklavin werden. Kein Opfer der Regierung und doch, war ich dem ein Stück näher gekommen.

„Kommen Sie, Prinzessin“, flüsterte Mr.Hollister plötzlich in mein Ohr, sodass ich es nur hören konnte.“Ich weiß wie schwer das grade sein mag, aber sie müssen sich erstmal beruhigen und hier fort“ Ich schüttelte meinen Kopf. Nein, ich musste den Leuten klar machen, dass man sich wehren musste. Man musste gegen dieses Unrecht kämpfen. Wir waren doch alle Sklaven. „Vertrauen Sie mir“, flüsterte er wieder in mein Ohr. Diesmal noch sanfter als vorher. „Atmen Sie einmal tief ein und aus“ Aus irgend einem Grund folgte ich seinen Worten. Vielleicht war es die Erkentniss, dass ich momentan keine Chance hatte und mich wirklich beruhigen musste. Aber eines würde ich gewiss tun. Ich würde Travis Forster nicht heiraten und würde dies allen klar machen.