Das System

Alexandra W. · Kapitel 4 von 5

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Das System

Vier

 

Zugegeben ich hatte gehofft, dass das Chaos ausbrechen würde, aber ich hatte nicht mit so einem Chaos gerechnet. Die Stimmen der Schüler hallten laut von den hohen Wänden wieder und alle diskutierten.

Als Stan mich gepackt hatte, waren einige sogar von ihren Stühlen aufgesprungen um mir zu helfen, was ihnen aber nicht gelang, da ein Trupp von Lehrern angerannt kam und sich zwischen uns drängte. Darunter war auch mein Schulleiter der nun mit zornesröte vor mir stand, seine Augen waren vor Wut klein und schmal und seine Lippen ein dünner Strich.

„Was haben Sie sich dabei gedacht?!“, schrie er mich an und stemmte seine Hände in die Hüften.

Plötzlich war es in der Aula totenstill und alle Augen waren auf mich und Mr.Armstrong gerichtet.

Selbstbewusst reckte ich mein Kinn nach vorne und blickte Mr.Armstrong fest in die Augen. Ich würde ihm einfach sagen was ich dachte. Was ich für richtig hielt, obwohl ich wusste, dass diese Worte für noch mehr Ärger sorgen würden, aber das war mir egal. „Ich habe lediglich die Wahrheit gesagt“, erklärte ich ihm und lächelte ihn unschuldig an.

Mr.Armstrongs Gesicht wurde noch dunkler, als es ohnehin schon war. Die Wut brodelte sichtbar in ihm.

„Das“, begann er mit einer viel zu ruhigen Stimme „Waren die falschen Worte“

„Waren es nicht“, sagte plötzlich eine Stimme hinter uns. Erschrocken drehten wir uns um und vor mir stand Zoe mit einer anderen guten Freundin Charlie.

„Miss. Douvre und Miss. Clarksen ich bitte Sie!“, rief unser Schulleiter empört.

„Serena hat einfach nur recht“, erklärte Charlie und funkelte unseren Schulleiter an. „Sie darf ja wohl die Wahrheit sagen!“ Mr.Armstrongs Gesicht schien noch dunkler zu werden und dann schrie er los „Raus mit euch drein! RAUS!“ Er packte mich am anderen Arm, den Stan nicht festhielt und schubste mich Richtung Tür. Die Schüler um uns herum waren noch immer still und sahen uns mit großen Augen hinterher, doch an der Tür sprangen uns ein Paar in den Weg und versuchten auf Mr.Armstrong einzureden, hatten aber keine Chance. Ich bewunderte sie alle für ihren Mut, sich ihm zu wiedersetzen, aber heute würde es nichts bringen. Später aber, denn wir alle waren die Zukunft. Irgendwie würden wir uns vielleicht später gegen das System wehren können.

An der Aula Tür angekommen, blickte ich in Enriques Augen, die jeden meiner Schritte verfolgten. Seine Miene schien ausdruckslos und er strahlte reine professionalität aus, als er an meine Seite trat und mich mit Stan hinaus brachte. Ich hatte keine Ahnung, was er von meiner Aktion hielt, doch aus irgendeinem Grund hoffte ich, dass er meine Worte für die Wahrheit hielt. Wir drei wurden alle in verschiedene Räume der Schule geschickt. Natürlich waren Enrique und Stan bei mir. Stan sah sich im ganzen Raum um und stand wie ein Bodyguard vor der Tür, aus Angst ich könnte fliehen.

Enrique stand rechts von mir am Fenster und sah hinaus. Ich blickte auf seinen Rücken und wünschte, dass ich sein Gesicht sehen konnte. Ich wollte wissen, was er von meiner Aktion hielt, aus welchem Grund auch immer.

Plötzlich wurde die Tür aufgerissen und Mr.Armstrong kam mit wütender Miene herein. Im Schlepptau waren meine Eltern. Auf einmal hatte ich einen dicken Kloß in meinem Hals. Ich hatte noch immer Streit mit ihnen, vorallem mit meiner Mutter und mir tat es auch irgendwie Leid, welche Worte ich ihr an den Kopf geworfen hatte. Trotzdem überwog meine Wut und Enttäuschung. „Was haben Sie sich dabei gedacht?“, fragte mich mein Schulleiter, der nun gegenüber von mir Platz genommen hatte. „Ich wollte nur die Wahrheit sagen“, erwiderte ich und grinste ihn herausfordernd an. Sein Gesicht wurde einen Tick dunkler als zuvor. „Serena!“, fuhr mich meine Mutter ungläubig an.

Ich zuckte nur mit meinen Schultern. Mir war es egal, was sie von meiner Aktion hielten. Sie war aber richtig gewesen, dass wusste ich. Die Wahrheit zu sagen, war eigentlich immer richtig. „Ich bin am überlegen, sie von der Schule zu verweisen, Serena“, drohte mir Mr.Armstrong und blickte mir streng in die Augen. Ein breites Grinsen stahl sich auf mein Gesicht. Ich konnte es nicht unterdrücken. Seine Drohung war ziemlich lächerlich und das wusste er auch. Er konnte mich gar nicht von der Schule schmeißen, denn ich war eine Prinzessin.

„Sie wissen aber schon, dass sie es nicht können?“, fragte ich ihn, um einmal meinen Status auszunutzen, obwohl es mir verhasst war. „Ich weiß, aber ich kann sie jedoch von dem Unterricht für eine Zeit suspendieren“

Wieder zuckte ich mit meinen Schultern. „Dann tun sies doch“ Ich sah, wie ihm und meinen Eltern die Kinnlade hinunter fiel. Sie alle waren sichtlich geschockt. Enrique hatte sich inziwschen zu mir herum gedreht und sah mir in die Augen. Er schien ebenso überrascht.

Mr.Armstrong war der erste, der sich gefangen hatte und räusperte sich. „Nun dann werde ich das tun. Sie sind für eine Woche suspendiert“, mit diesen Worten verließ er das Zimmer und meine Mutter war einem Heulkrampf nahe. Sie schien mit ihren Nerven am Ende zu sein und ihre Unterlippe bebte gefährlich. „Das hättest du nicht tun sollen“, flüsterte sie nur.

Darauf sagte ich nichts. Meine Mutter würde mich wohl nie verstehen, weshalb ich das hatte tun müssen. In meinen Augen war es nicht richtig, dass alle um das große Problem in unserer Geselschaft drum herum redeten. Es gab viel zu viele Feiglinge, die sich einfach niederdrücken ließen und sich dem System einfach fügten.

Ich wollte mein eigenes Leben leben. Wollte mein Leben ganz alleine bestimmen und keine blöde Schachfigur in irgendeinem perfiden Spiel sein. Nein, ein Leben war erst dann ein wirkliches Leben, wenn man die Macht darüber besaß und das taten wir nicht. Wir waren Marionetten und die Regierung zog an den Fäden. Den restlichen Tag verbrachte ich eigentlich nur in meinem Zimmer und schrieb in mein Tagebuch. Seit Tessas Tod schrieb ich Tagebuch. Es war wie eine Therapie für mich und es tat gut all die Gedanken, Gefühle, Ängste und Sorgen einfach nieder zu schreiben. Mit jedem Wort das ich schrieb, wurde die erdrückende Last auf meinen Schultern ein wenig leichter. Ich schrieb von meinen Absichten, mich dem System zu wiedersetzen, vom heutigen Tag, von Tessa, vonmeinen Eltern und von diesem Travis und das ich nicht vorhatte ihn zu heiraten. Irgendwann war ich so müde, dass ich mich schlafen legte und versank in meine Träume, die mich wie Watte einhüllten.