Das System

Alexandra W. · Kapitel 3 von 5

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Das System

Drei

 

 

Als sie mich nach Hause brachten, wurde ich sofort in mein Zimmer geschickt. Stan hatte mein Los auf meinen Schreibtisch gelegt und war dann aus dem Zimmer gerauscht. Ich hörte gedämpft Stimmen und wusste, dass sie sich unterhielten. Ein Wächter würde dabei aufjedenfall meine Zimmertür bewachen, denn sie hatten mich wissen lassen, dass ich für einige Zeit in meinem Zimmer bleiben würde.

Seufzend ließ ich mich auf mein Bett fallen und schloss für einen Augenblick meine Augenlider. Ich war quasi in meinem Zimmer eingesperrt, was mich wütend machte. Meine Eltern waren nun schon so weit, dass sie mich bewachen ließen. „Es ist nur zu Ihrem besten“, hatte Stan gesagt, als sie mich hierhin gebracht hatten. Na klar, zu meinem Besten, von wegen, dachte ich verbittert und öffnete wieder meine Augen. Das Sonnenlicht fiel schwach durch mein Fenster, da die Sonne sich zum untergehen, neigte. Das Licht war schon leicht orange. Ich mochte dieses Orange, es hatte etwas harmonisches an sich. Genauso wie der Sonnenuntergang.

Für einen Moment verlor ich mich in den Sonnenuntergang und genoß das Gefühl von Harmonie und Schönheit, sodass ich gar nicht bemerkte, als plötzlich jemand hinter mir stand. Erschrocken fuhr ich herum und blickte in die jadegrünen Augen von Mr.Hollister, meinem Wächter. Ein leichtes Schmunzeln umspielte seine schmalen Lippen, die perfekt zu seinem markanten Gesicht mit der leicht gebräunten Haut passten.

„Sonnenuntergänge sind wunderschön“, sagte er nur und nickte zum Fenster.

Ich starrte ihn verdattert an. Weshalb war er so, so nett? „Was ist los?“, fragte er mich und musterte mich skeptisch. Ich merkte wie ich rot wurde, da ich ihn bestimmt wie ein Volltrottel angestarrt hatte. Peinlich.

„N...nichts“, stotterte ich mehr oder weniger. „Ich bin Enrique“, stellte er sich mir vor und streckte mir die Hand entgegen.

Unschlüssig starrte ich sie an. Ich hatte auf ihn sauer zu sein, da er mich zu dieser Verlosung geschleppt hatte, doch trotzdem ergriff ich erst leicht zögernd seine Hand und schüttelte sie verwirrt. Sein Händedruck war fest und selbstbewusst, dennoch nicht unangenehm.

„Gehts wieder?“, fragte er mich und sah mir in die Augen. „Ja“, antwortete ich nur. Eigentlich war nichts in Ordnung. Ich wollte diesen Travis nicht heiraten.

Unwirkürlich blickte ich zu dem kleinen Blatt Papier auf meinem Schreibtisch und musste einen dicken Kloß im Hals hinunter schlucken.

Enrique folgte meinem Blick und runzelte seine Stirn, während er auf das Blatt blickte und schüttelte dann seinen Kopf, mit seinen leicht strubbeligen braunen Haaren.

„Nein, nichts muss in Ordnung sein“, sagte er bitter und biss sich auf seine Unterlippe.

Verwirrt blickte ich ihn an und strich mir eine verirrte Haarsträhne hinter das Ohr, während ich wartete, dass er weiter sprach. Er seufzte und fuhr sich dann mit seiner Hand einmal durch seine braunen Haare. „Ich kann mir vorstellen wie schwer das für dich ist“ „Nein kannst du nicht!“, sagte ich schneidend. Enrique hob verwundert eine Augenbraue hoch und schien von meiner Unfreundlichkeit überrascht. Ich ebenso, doch die innere Wut in mir brodelte gefährlich wie ein Vulkan, kurz vor dem Ausbruch. „Du bist ein Wächter. Du kannst es nicht verstehen!“ Enrique runzelte wieder seine Stirn und sah zur Tür herüber, die geschlossen war. „Auch wir Wächter müssen jemanden heiraten der uns lost. Wir leiden genauso wie alle anderen“, dann stockte er und überlegte, ob er weiter reden sollte, schüttelte aber stattdessen seinen Kopf. „Stan und ich werden für die nächste Zeit deine Wächter sein“, sagte er schließlich nach einer Weile. „Deine Eltern wollen verhindern, dass du lauter wirst. Wir sollen dich im Schach halten“

Geschockt sah ich ihn an. Leibwächter für mich, die mir meine Meinung verbieten sollten?!

„Wieso...wieso sagst du mir all das?“, fragte ich ihn. „Betrachte es einfach als Gefallen“, und mit diesen Worten verließ er mein Zimmer.

Verblüft starrte ich ihm hinterher und vergaß ganz kurz meine Wut, die aber wieder hervor brach, als ich zu dem Los blickte. Wütend ging ich zu meinem Schreibtisch und blickte eine Weile auf das Blatt Papier. Für mich war es wie etwas gefährliches. Etwas, was nach meiner Hand schnappen könnte und doch nahm ich es irgendwann in die Hand und faltete das Los auseinander, sodass ich den Namen lesen konnte.

Travis Forster. Travis Forster. Travis Forster, ich las seinen Namen immer wieder und wieder und versuchte mir vorzustellen, wie dieser Travis aussah und wie alt er war. Man konnte alle Männer bis zu 25 Jahren ziehen. Vielleicht war Travis so alt wie ich, oder er war bereits 25. Ich wusste es nicht und ich hatte Angst. Angst vor dem Menschen, hinter diesen Namen. Was würde mich wohl erwarten? In den nächsten Tagen würde ich seine Adresse zu geschickt bekommen und eine Telefonnummer und dann würde ich mich mit ihm treffen müssen. Bei dem Gedanken an das Treffen, wurde mir ganz flau im Magen und ich knüllte das Stück Papier zusammen und warf es zu meinem Mülleimer an der Tür, verfehlte jedoch mein Ziel, sodass das Blatt vor dem Eimer fiel.

Seufzend wandte ich mich ab und legte mich wieder auf mein Bett. Scheiss Leben, dachte ich nur verbittert und irgendwann überkam mich die Müdigkeit.

Der nächste Morgen war grausam. Ich wachte in zerknüllten Anziehsachen auf und als ich in die Küche ging, ignorierte ich meine Eltern und sprach kein Wort mit ihnen. Ich war wirklich sauer auf Beide und war ziemlich enttäuscht.

Stan und Enrique fuhren mich in einem schwarzen Mercedes zur Schule und folgten mir allen ernstens in den Unterricht! Ich hatte gehofft, dass ich sie wenigstens in der Schule los war. Natürlich hatte es sich herumgesprochen, wie ich mich gewehrt hatte und ich war das Gesprächsthema Nummer eins. Gut so, dachte ich, denn ich wollte dass alle wussten, dass ich mich wehrte. Das man sich wehren konnte!

„Los erzähl schon, ist es wahr was alle sagen?“, fragte mich Zoe, eine meiner besten Freundinnen in der Pause. Erwartungsvoll drängten sich meine anderen Freundinnen auch zu uns und warteten auf meine Antwort.

Ich nickte. „Ja, ich habe mich geweigert“

Zoes Augen wurden groß und sie sah für einen Moment ziemlich erschrocken aus, doch dann glitt etwas anderes über ihre Züge. Stolz. Zoe beugte sich zu meinem Ohr und flüsterte: „Du hast das Richtige getan“

„Hat sie nicht“, sagte plötzlich Ronney, die irgendwie das Geflüstere verstanden hatte. Ronney war ebenso eine gute Freundin wie Zoe. Zoe runzelte ihre Stirn. „Wieso?“

„Weil Serena der Regierung die Stirn geboten hat. Das darf man nicht. Niemand tut so was“

„Niemand?“, fragte ich und hätte fast gelacht. Im inneren verabscheuten viele die Regierung und das System. Nur die meisten trauten sich nicht sich dagegen zu wehren, da es Strafen gab. Strafen, die genauso schlimm wie das System waren. Ronney zuckte nur mit ihren Schultern. „Wie dem auch sei, ich finde du hast über reagiert. Du hast dir unnötigerweise“, sie nickte zu Stan und Enrique hinüber „ die da eingebrockt“ „Unnötig war das sicher nicht“, meinte Zoe und funkelte nun Ronney wütend an.

Ehe Ronney noch etwas erwidern konnte, schellte es und wir gingen alle in die Aula, da wir ironischerweise eine Versammlung über Gerechtigkeit hatten. Es sollte wie in allen Schulen zum Pädagogischen Zweck dienen.

Als ob die Welt in der wir lebten annehrend gerecht war. Ich setzte mich mit meinen Mädels in einer der hinteren Reihen und Stan und Enrique setzten sich natürlich genau hinter mich. Innerlich seufzte ich. Die beiden waren echt nervig und folgten mir überall hin. Ich würde sie wohl nie los werden.

Die Versammlung und die Vorträge, der Lehrer und Schüler, waren genauso langweilig und lächerlich wie erwartet. Natürlich sprach keiner über die Verlosung. Sie sprachen eigentlich nur über die Gleichberechtigung zwischen Dunkelhäutigen und Weißen, oder dass alle gleich behandelt werden sollten, was alles stimmte, aber sie kamen nicht zum eigentlichen Problem in unserer Welt und das machte mich wütend. Rasend wütend.

Ohne mir genau im klaren zu sein, stand ich auf und zwängte mich zu den Fenstern in der Aula, wo mein Geschichtslehrer Mr.Tanner stand. Natürlich bemerkte ich die Blicke der anderen, die mir folgten. Vorne hielt ein Mädchen aus meinem Jahrgang eine Rede und genau das wollte ich auch gleich tun.

„Endschuldigen Sie Mr.Tanner“, fing ich an und Mr.Tanner drehte sich zu mir um. „Könnte ich vielleicht gleich auch einen Vortrag halten?“

Seine Stirn kräuselte sich und er schien einen Moment zu überlegen. „Ich weiß nicht“, sagte er gedehnt.

Ich wurde noch wütender. Bestimmt hatte er auch von meiner Weigerung gehört und dachte, ich würde nur Unruhe stiften wollen, was ich gewisserweise auch tun wollte. Ich wollte die Wahrheit aussprechen.

„Wieso nicht?“, fragte ich und versuchte freundlich zu klingen. Mr.Tanner seufzte. „Ich weiß nicht ob es so eine gute Idee wäre, sie sprechen zu lassen.“

Wütend funkelte ich ihn an. „Was soll das denn heißen?!“ Erschrocken wich Mr.Tanner einen Schritt nach hinten. Ich selbst war auch erschrocken von meiner Stimme. Sie schien wütend und ungeduldig.

„Ich fände es eine gute Idee, wenn Serena etwas vortragen würde“, meinte plötzlich eine helle, freundliche Stimme, die meiner Englischlehrerin gehörte.

Erstaunt drehte ich mich zu ihr herum und ein freundliches Lächeln umspielte ihre Lippen. „Wenn deine Mitschülerin gleich fertig ist, darfst du gehen“

Noch immer völlig erstaunt nickte ich ihr zu. In ihren Augen glitzerte ein wissendes Funkeln mit und sie beugte sich zu mir hinüber. „Du weißt, dass du für deine Worte einen Preis zahlen musst?“ Verblüfft nickte ich. Mrs.Denton wusste zweifellos, dass ich keine einfache harmlose Rede halten würde, doch warum ließ sie es dann zu?

Als Jenny, mit ihrer Rede fertig war, wurde höflicherweise geklatscht und ich trat mit pochendem Herzen ans Rednerpult. Alle Blicken ruhten nun auf mir und ich versuchte mich zu beruhigen. Ich hatte keinen genauen Text in meinem Kopf. Ich würde einfach vortragen müssen und improvisieren.

Noch einmal holte ich tief Luft, bevor ich mich räusperte und anfing zu sprechen. „Ich bin Serena Sola“, sagte ich in einem selbstsicheren Ton, der mich selbst ein bisschen verblüffte. „Ich werde nun über die Wahrheit sprechen. Die Wahrheit, dass wir Sklaven sind. Sklaven des Systems und dass das System ungerecht ist“

Einige Leute zogen sichtlich die Luft ein und ich konnte erkennen, wie sich Stan von seinem Platz erhob. Ich musste schnell weiter sprechen.

„In unserer Welt herrscht kein bisschen Gerechtigkeit. Ist es gerecht, dass wir nicht bestimmen können wen wir heiraten?! Nein! Ist es gerecht, dass wir nicht bestimmen können ob wir überhaupt heiraten wollen?! Nein! Ist es gerecht, nicht zu bestimmen wer unser Ehepartner wird und wen wir lieben sollen?! Nein!“, ich holte wieder einmal tief Luft und ließ meinen Blick durch die Aula schweifen, in der die Nervosität zum greifen nah war. „Deshalb müssen wir uns wehren!“, fuhr ich fort. „Jeder kann es und zusammen sind wir stärker! Wir müssen der Regierung zeigen, dass wir uns wehren können!“

Mit diesen letzten Worten wurde das Mikro plötzlich ausgestellt und ich wurde von Stan vortgerissen. Und das Chaos brach aus.