Das System
Fünf
Es tat gut auszuschlafen und nicht zur Schule zu müssen, diese Suspendierung hatte seine Vorteile und das Gute war, dass ich meine Eltern nicht mehr sah, da sie beide bei der Arbeit waren. Nur Enrique und Stan saßen in der Küche, nun gut Stan hatte eigentlich vor meiner Tür Wache gehalten und war mit mir in die Küche gelaufen.
Ich sprach mit ihm kein Wort und er nicht mit mir. Auch zu Enrique sagte ich nicht Hallo. Stattdessen machte ich mir einne Toast mit Marmelade und setzte mich zu Enrique an den Tisch, der eine Zeitung studierte.
„Kann ich kurz mit dir gleich sprechen?“, fragte er mich. Erstaunt hörte ich auf zu kauen und blickte ihn an. Weshalb wollte er mit mir sprechen? Was war passiert?
Verwundert nickte ich und verschlang schnell meinen Toast, denn ich war neugierig was Enrique von mir wollte und weshalb es Stan nicht hören sollte.
Stan beäugte Enrique ziemlich skeptisch, doch sagte nichts, als wir in mein Zimmer verschwanden.
Enrique schloss leise die Tür hinter uns und stellte sich dann vor die Tür. Ich dagegen setzte mich auf mein Bett und wartete, dass Enrique anfing zu sprechen.
„Du musst deine Tagebücher verschwinden lassen“, erklärte er sofort und blickte mich unverwandt an.
„Mein...meine Tagebücher?“, fragte ich verdutzt. „Woher weißt du davon?!“
Enrique winkte nur ab „Es ist unrelevant. Wichtig ist: Du musst sie verschwinden lassen“
„Aber wieso?“
Enrique seufzte und massierte sich kurz seine Schläfe, bevor er fort fuhr. „Du steckst in größeren Schwierigkeiten, als dir Bewusst ist, Serena“, begann er und blickte mir fest in die Augen. „Jeder schriftlicher Beweis, das du gegen das System bist, muss verschwinden. Ich sollte nach Beweisen in deinem Zimmer suchen und habe deine Tagebücher gefunden“
Sofort verkrampfte sich mein Magen, bei der Vorstellung das jemand mein Tagebuch gelesen hatte. Ich wollte etwas erwidern, doch Enrique schüttelte nur seinen Kopf. „Ich hab sie noch nicht gelesen, keine Sorge. Aber du musst sie verschwinden lassen, bevor es Stan tut“
Wie betäubt nickte ich und runzelte dann meine Stirn. „Weshalb warnst du mich? Eigentlich sollte dir das doch egal sein und du müsstest auf der Seite der anderen stehen, oder?“ Enrique lächelte leicht und blickte auf mich wie ein kleines Kind herab, was mir nicht gefiel. Auf einmal schien er viel älter als ich und so reif, sodass ich mir dumm vor kam.
„Weißt du“, fing er an. „Mein Job ist es ein Wächter zu sein, aber dieser Job beinhaltet nicht, dass ich Ungerechtigkeit zulassen muss“ Erstaunt grinste ich ihn an. „Du bist also auch ein kleiner Rebell“ Enrqiue lachte und lehnte sich lässig an die Tür und überkreuzte seine Beine. „So kann man es sagen“
„Aber wieso?“
„Wieso was?“
„Wieso machst du das? Jeder hat ja einen Grund, weshalb er gegen etwas ist“
Kurz dachte Enrique nach und driftete mit seinen Gedanken in weiter Ferne. Sein Blick war abwesend und ganz woanders und plötzlich klarte er sich wieder auf.
„Meine Schwester hat sich dem System wiedersetzt...und wurde bestraft“
Enriques Miene war bitter und sein Mund ein dünner Strich und ich blickte betretten zu Boden. Es gab viele Strafen für jemandem der sich dem System wiedersetzt. Ich wurde bis jetzt weitesgehend verschont, da ich einen gewissen Status besaß. „Was ist passiert?“, fragte ich vorsichtig, doch Enrique schüttelte nur seinen Kopf, trat vor mir auf das Bett zu und blickte mir entschlossen in die Augen.
„Versprich mir, das du nicht noch mehr Dummheiten machst, Serena“
Verdutzt sah ich ihn an. „Aber wieso...?“
„Versprich es mir einfach. Es gibt Dinge die können ziemlich böse werden“
„Ich kann aber nicht einfach aufhören“, wandte ich ein. „Egal wie hässlig die Dinge werden“
„Du musst aber“
„Ich kann nicht“, flüsterte ich nur und reckte mein Kinn entschlossen nach forne. „Ich kann nicht tatenlos zu sehen. Ich werde kein Sklave werden“
„Serena, auch dein Status wird nicht verhindern können, was sie vielleicht tun werden um dich aufzuhalten“ „Es ist mir egal!“, schrie ich plötzlich und beugte mich zu Enrique vor, der vor mir in der Hocke saß. Entschlossen funkelte ich ihn an. „Sie haben meine Schwester getötet. Sie haben sie dazu gebracht, sich umzubringen, weil sie so litt. Sie sind Mörder!“, den letzten Satz schrie ich und ballte meine rechte Hand zur Faust. Ich wartete, dass Enrique etwas sagen würde, doch er sah mich zu meinem Erstaunen bewundernd an und Respekt lag in seinem Blick. „Ich werde tun was ich kann, um dich zu beschützen“, meinte er und ließ mich verwirrt in meinem Zimmer zurück. Den Rest des Vormittags lag ich eigentlich nur in meinem Bett herum und dachte immer wieder an Enriques Worte, die in meinem Kopf herum spuckten. Ich wusste, dass es gefährlich war, sich dem System zu wiedersetzten. Wusste, dass ich bis jetzt noch keine Chance hatte zu gewinnen, dennoch wollte ich es versuchen. Für meine Schwester, für die Freiheit.
Auf diesen Travis Forster konnte ich getrost verzichten. Wer weiß, was das für ein Typ war. Bis jetzt war Travis nur ein Name für mich. Keine reale Person, niemand über den ich urteilen konnte. Aber ich wollte ihn ja auch gar nicht kennen lernen. Wollte nicht meinem zukünftigen Mann in die Augen blicken, den ich eh nie heiraten würde. Liebe ließ sich nicht erzwingen. Man konnte sie nicht losen oder kaufen.
Seufzend drehte ich mich in meinem Bett herum und seufzte tief. Ich brauchte dringend einen Plan, wie ich mich widersetzten konnte. Bis jetzt hatte ich einfach aus einem Impuls heraus gehandelt. Unüberlegt, aber dennoch hatte ich das bekommen, was ich wollte: Aufmerksamkeit.
Bis jetzt war ich einfach eine kleine Flamme, die erstickt werden musste, bevor ich alles in Feuer verwandeln konnte. Bevor die anderen Leute sich auch entschlossen sich dem System zu widersetzten. In den Augen der Regierung war ich nichts weiter als eine kleine, naive, verwöhnte Prinzessin, die verbittert war und unter dem Tod seiner Schwester litt. Ein kleines Problem, das leicht beseitigt werden konnte. Dachten sie, aber sie würden mich nicht so leicht los werden. Ich würde weiter kämpfen, egal was kommen würde.
Ich tat es vor allem für Tessa. Tessa, die mir mehr als alles andere bedeutete aber jetzt nicht mehr hier war. Die keinen anderen Ausweg aus ihrer Verzweiflung gefunden hatte, als sich ihr Leben zu nehmen. Und nur dieses System war schuld! Wütend haute ich mit meiner Faust auf ein Kopfkissen ein. Warum musste alles bloß so ungerecht sein? Wo war die ganze Gerechtigkeit geblieben? Gab es diese eigentlich noch irgendwo auf dieser verkorksten Welt, wo nur Geld und Beliebtheit zu zählen schien?
Wo man Geld haben musste, um jemand zu sein. Wo eine Putzfrau oder ein Bauarbeiter nicht so wichtig schienen wie irgendein Politiker, der irgendwelche sinnlosen Gesetze verabschiedete und sich kaum anstrengen musste? Wie Leute, die das System erfunden hatten.
Ich gehörte selbst zu den Reichen, denn ich war ja eine Prinzessin, aber ich fand das ganze total überheblich. War ich denn etwas besseres, als nicht königliche Menschen? Hieß reich sein, etwas besseres zu sein? Ich schüttelte meinen Kopf. Nein hieß es nicht. Jeder Mensch war gleich und das war noch etwas, was ich an dieser Gesellschaft hier hasste, diese Ungerechtigkeit. Das System war das größte Problem hier, aber es gab so viele andere Dinge, die fast genauso ungerecht waren.
Bildmaterialien: http://addicted2disaster.deviantart.com/art/The-pact-188572107
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Tag der Veröffentlichung: 30.12.2012
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Alexandra W.