Der Moses des Michelangelo

Sigmund Freud · Anhang

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Der Moses des Michelangelo

Der Moses des Michelangelo[1].

 

Von ***

 

Ich schicke voraus, daß ich kein Kunstkenner bin, sondern Laie. Ich habe oft

bemerkt, daß mich der Inhalt eines Kunstwerkes stärker anzieht als dessen

formale und technische Eigenschaften, auf welche doch der Künstler in erster

Linie Wert legt. Für viele Mittel und manche Wirkungen der Kunst fehlt mir

eigentlich das richtige Verständnis. Ich muß dies sagen, um mir eine

nachsichtige Beurteilung meines Versuches zu sichern.

 

Aber Kunstwerke üben eine starke Wirkung auf mich aus, insbesondere

Dichtungen und Werke der Plastik, seltener Malereien. Ich bin so veranlaßt

worden, bei den entsprechenden Gelegenheiten lange vor ihnen zu verweilen,

und wollte sie auf meine Weise erfassen, d. h. mir begreiflich machen, wodurch

sie wirken. Wo ich das nicht kann, z. B. in der Musik, bin ich fast genußunfähig.

Eine rationalistische oder vielleicht analytische Anlage sträubt sich in mir

dagegen, daß ich ergriffen sein und dabei nicht wissen solle, warum ich es bin,

und was mich ergreift.

 

Ich bin dabei auf die anscheinend paradoxe Tatsache aufmerksam geworden, daß

gerade einige der großartigsten und überwältigendsten Kunstschöpfungen

unserem Verständnis dunkel geblieben sind. Man bewundert sie, man fühlt sich

von ihnen bezwungen, aber man weiß nicht zu sagen, was sie vorstellen. Ich bin

nicht belesen genug um zu wissen, ob dies schon bemerkt worden ist, oder ob

nicht ein Ästhetiker gefunden hat, solche Ratlosigkeit unseres begreifenden

Verstandes sei sogar eine notwendige Bedingung für die höchsten Wirkungen,

die ein Kunstwerk hervorrufen soll. Ich könnte mich nur schwer entschließen, an

diese Bedingung zu glauben.

 

Nicht etwa daß die Kunstkenner oder Enthusiasten keine Worte fänden, wenn sie

uns ein solches Kunstwerk anpreisen. Sie haben deren genug, sollte ich meinen.

Aber vor einer solchen Meisterschöpfung des Künstlers sagt in der Regel jeder

etwas anderes und keiner das, was dem schlichten Bewunderer das Rätsel löst.

Was uns so mächtig packt, kann nach meiner Auffassung doch nur die Absicht

des Künstlers sein, insoferne es ihm gelungen ist, sie in dem Werke

auszudrücken und von uns erfassen zu lassen. Ich weiß, daß es sich um kein bloß

verständnismäßiges Erfassen handeln kann; es soll die Affektlage, die

psychische Konstellation, welche beim Künstler die Triebkraft zur Schöpfung abgab, bei uns wieder hervorgerufen werden. Aber warum soll die Absicht des

Künstlers nicht angebbar und in Worte zu fassen sein wie irgendeine andere

Tatsache des seelischen Lebens? Vielleicht daß dies bei den großen Kunstwerken

nicht ohne Anwendung der Analyse gelingen wird. Das Werk selbst muß doch

diese Analyse ermöglichen, wenn es der auf uns wirksame Ausdruck der

Absichten und Regungen des Künstlers ist. Und um diese Absicht zu erraten,

muß ich doch vorerst den S i n n und I n h a l t des im Kunstwerk Dargestellten

herausfinden, also es d e u t e n können. Es ist also möglich, daß ein solches

Kunstwerk der Deutung bedarf, und daß ich erst nach Vollziehung derselben

erfahren kann, warum ich einem so gewaltigen Eindruck unterlegen bin. Ich

hege selbst die Hoffnung, daß dieser Eindruck keine Abschwächung erleiden

wird, wenn uns eine solche Analyse geglückt ist.

 

Nun denke man an den Hamlet, das über dreihundert Jahre alte Meisterstück

Shakespeares[2]. Ich verfolge die psychoanalytische Literatur und schließe mich

der Behauptung an, daß erst die Psychoanalyse durch die Zurückführung des

Stoffes auf das Ödipusthema das Rätsel der Wirkung dieser Tragödie gelöst hat.

Aber vorher, welche Überfülle von verschiedenen, miteinander unverträglichen

Deutungsversuchen, welche Auswahl von Meinungen über den Charakter des

Helden und die Absichten des Dichters! Hat Shakespeare unsere Teilnahme für

einen Kranken in Anspruch genommen oder für einen unzulänglichen

Minderwertigen, oder für einen Idealisten, der nur zu gut ist für die reale Welt?

Und wieviele dieser Deutungen lassen uns so kalt, daß sie für die Erklärung der

Wirkung der Dichtung nichts leisten können, und uns eher darauf verweisen,

deren Zauber allein auf den Eindruck der Gedanken und den Glanz der Sprache

zu begründen! Und doch, sprechen nicht gerade diese Bemühungen dafür, daß

ein Bedürfnis verspürt wird, eine weitere Quelle dieser Wirkung aufzufinden?

 

Ein anderes dieser rätselvollen und großartigen Kunstwerke ist die Marmorstatue

des Moses, in der Kirche von S. Pietro in Vincoli zu Rom von Michelangelo

aufgestellt, bekanntlich nur ein Teilstück jenes riesigen Grabdenkmals, welches

der Künstler für den gewaltigen Papstherrn Julius II. errichten sollte[3]. Ich freue

mich jedesmal, wenn ich eine Äußerung über diese Gestalt lese wie: sie sei »die

Krone der modernen Skulptur« (Herman G r i m m). Denn ich habe von keinem

Bildwerk je eine stärkere Wirkung erfahren. Wie oft bin ich die steile Treppe

vom unschönen Corso Cavour heraufgestiegen zu dem einsamen Platz, auf dem

die verlassene Kirche steht, habe immer versucht, dem verächtlich-zürnenden

Blick des Heros standzuhalten, und manchmal habe ich mich dann behutsam aus

dem Halbdunkel des Innenraumes geschlichen, als gehörte ich selbst zu dem Gesindel, auf das sein Auge gerichtet ist, das keine Überzeugung festhalten

kann, das nicht warten und nicht vertrauen will und jubelt, wenn es die Illusion

des Götzenbildes wieder bekommen hat.

 

Mit Genehmigung des Verlags Robert Langewiesche aus dem Band »Michelangelo« der Sammlung »Blaue

Bücher«

 

Aber warum nenne ich diese Statue rätselvoll? Es besteht nicht der leiseste

Zweifel, daß sie Moses darstellt, den Gesetzgeber der Juden, der die Tafeln mit

den heiligen Geboten hält. Soviel ist sicher, aber auch nichts darüber hinaus.

Ganz kürzlich erst (1912) hat ein Kunstschriftsteller (Max S a u e r l a n d t) den

Ausspruch machen können: »Über kein Kunstwerk der Welt sind so

widersprechende Urteile gefällt worden wie über diesen panköpfigen Moses.

Schon die einfache Interpretation der Figur bewegt sich in vollkommenen

Widersprüchen ...« An der Hand einer Zusammenstellung, die nur um fünf Jahre

zurückliegt, werde ich darlegen, welche Zweifel sich an die Auffassung der

Figur des Moses knüpfen, und es wird nicht schwer sein zu zeigen, daß hinter

ihnen das Wesentliche und Beste zum Verständnis dieses Kunstwerkes verhüllt

liegt[4].