Der Moses des Michelangelo
Kapitel 2
Lange bevor ich etwas von der Psychoanalyse hören konnte, erfuhr ich, daß ein
russischer Kunstkenner, Ivan L e r m o l i e f f, dessen erste Aufsätze 1874 bis
1876 in deutscher Sprache veröffentlicht wurden, eine Umwälzung in den
Galerien Europas hervorgerufen hatte, indem er die Zuteilung vieler Bilder an
die einzelnen Maler revidierte, Kopien von Originalen mit Sicherheit
unterscheiden lehrte und aus den von ihren früheren Bezeichnungen frei
gewordenen Werken neue Künstlerindividualitäten konstruierte. Er brachte dies
zustande, indem er vom Gesamteindruck und von den großen Zügen eines
Gemäldes absehen hieß und die charakteristische Bedeutung von
untergeordneten Details hervorhob, von solchen Kleinigkeiten wie die Bildung
der Fingernägel, der Ohrläppchen, des Heiligenscheines und anderer
unbeachteter Dinge, die der Kopist nachzuahmen vernachlässigt, und die doch
jeder Künstler in einer ihn kennzeichnenden Weise ausführt. Es hat mich dann
sehr interessiert zu erfahren, daß sich hinter dem russischen Pseudonym ein
italienischer Arzt, namens M o r e l l i, verborgen hatte. Er ist 1891 als Senator
des Königreiches Italien gestorben. Ich glaube, sein Verfahren ist mit der
Technik der ärztlichen Psychoanalyse nahe verwandt. Auch diese ist gewöhnt,
aus gering geschätzten oder nicht beachteten Zügen, aus dem Abhub – dem
»refuse« – der Beobachtung, Geheimes und Verborgenes zu erraten.
An zwei Stellen der Mosesfigur finden sich nun Details, die bisher nicht
beachtet, ja eigentlich noch nicht richtig beschrieben worden sind. Sie betreffen
die Haltung der rechten Hand und die Stellung der beiden Tafeln. Man darf
sagen, daß diese Hand in sehr eigentümlicher, gezwungener, Erklärung
heischender Weise zwischen den Tafeln und dem – Bart des zürnenden Helden
vermittelt. Es ist gesagt worden, daß sie mit den Fingern im Barte wühlt, mit den
Strängen desselben spielt, während sie sich mit dem Kleinfingerrand auf die
Tafeln stützt. Aber dies trifft offenbar nicht zu. Es verlohnt sich, sorgfältiger ins
Auge zu fassen, was die Finger dieser rechten Hand tun, und den mächtigen
Bart, zu dem sie in Beziehung treten, genau zu beschreiben[9].
Man sieht dann mit aller Deutlichkeit: Der Daumen dieser Hand ist versteckt,
der Zeigefinger und dieser allein ist mit dem Bart in wirksamer Berührung. Er
drückt sich so tief in die weichen Haarmassen ein, daß sie ober und unter ihm
(kopfwärts und bauchwärts vom drückenden Finger) über sein Niveau
hervorquellen. Die anderen drei Finger stemmen sich, in den kleinen Gelenken gebeugt, an die Brustwand, sie werden von der äußersten rechten Flechte des
Bartes, die über sie hinwegsetzt, bloß gestreift. Sie haben sich dem Barte
sozusagen entzogen. Man kann also nicht sagen, die rechte Hand spiele mit dem
Bart oder wühle in ihm; nichts anderes ist richtig, als daß der eine Zeigefinger
über einen Teil des Bartes gelegt ist und eine tiefe Rinne in ihm hervorruft. Mit
einem Finger auf seinen Bart drücken, ist gewiß eine sonderbare und schwer
verständliche Geste.
Der viel bewunderte Bart des Moses läuft von Wangen, Oberlippe und Kinn in
einer Anzahl von Strängen herab, die man noch in ihrem Verlauf voneinander
unterscheiden kann. Einer der äußersten rechten Haarstränge, der von der Wange
ausgeht, läuft auf den oberen Rand des lastenden Zeigefingers zu, von dem er
aufgehalten wird. Wir können annehmen, er gleitet zwischen diesem und dem
verdeckten Daumen weiter herab. Der ihm entsprechende Strang der linken Seite
fließt fast ohne Ablenkung bis weit auf die Brust herab. Die dicke Haarmasse
nach innen von diesem letzteren Strang, von ihm bis zur Mittellinie reichend, hat
das auffälligste Schicksal erfahren. Sie kann der Wendung des Kopfes nach links
nicht folgen, sie ist genötigt, einen sich weich aufrollenden Bogen, ein Stück
einer Guirlande, zu bilden, welche die inneren rechten Haarmassen überkreuzt.
Sie wird nämlich von dem Druck des rechten Zeigefingers festgehalten, obwohl
sie links von der Mittellinie entsprungen ist und eigentlich den Hauptanteil der
linken Barthälfte darstellt. Der Bart erscheint so in seiner Hauptmasse nach
rechts geworfen, obwohl der Kopf scharf nach links gewendet ist. An der Stelle,
wo der rechte Zeigefinger sich eindrückt, hat sich etwas wie ein Wirbel von
Haaren gebildet; hier liegen Stränge von links über solchen von rechts, beide
durch den gewalttätigen Finger komprimiert. Erst jenseits von dieser Stelle
brechen die von ihrer Richtung abgelenkten Haarmassen frei hervor, um nun
senkrecht herabzulaufen, bis ihre Enden von der im Schoß ruhenden, geöffneten
linken Hand aufgenommen werden.
Ich gebe mich keiner Täuschung über die Einsichtlichkeit meiner Beschreibung
hin und getraue mich keines Urteils darüber, ob uns der Künstler die Auflösung
jenes Knotens im Bart wirklich leicht gemacht hat. Aber über diesen Zweifel
hinweg bleibt die Tatsache bestehen, daß der Druck des Zeigefingers der
r e c h t e n Hand hauptsächlich Haarstränge der l i n k e n Barthälfte betrifft, und
daß durch diese übergreifende Einwirkung der Bart zurückgehalten wird, die
Wendung des Kopfes und Blickes nach der linken Seite mitzumachen. Nun darf
man fragen, was diese Anordnung bedeuten soll und welchen Motiven sie ihr
Dasein verdankt. Wenn es wirklich Rücksichten der Linienführung und Raumausfüllung waren, die den Künstler dazu bewogen haben, die
herabwallende Bartmasse des nach links schauenden Moses nach rechts herüber
zu streichen, wie sonderbar ungeeignet erscheint als Mittel hiefür der Druck des
einen Fingers? Und wer, der aus irgendeinem Grund seinen Bart auf die andere
Seite gedrängt hat, würde dann darauf verfallen, durch den Druck eines Fingers
die eine Barthälfte über der anderen zu fixieren? Vielleicht aber bedeuten diese
im Grunde geringfügigen Züge nichts und wir zerbrechen uns den Kopf über
Dinge, die dem Künstler gleichgiltig waren?
Setzen wir unter der Voraussetzung fort, daß auch diese Details eine Bedeutung
haben. Es gibt dann eine Lösung, welche die Schwierigkeiten aufhebt und uns
einen neuen Sinn ahnen läßt. Wenn an der Figur des Moses die l i n k e n
Bartstränge unter dem Druck des r e c h t e n Zeigefingers liegen, so läßt sich dies
vielleicht als der Rest einer Beziehung zwischen der rechten Hand und der
linken Barthälfte verstehen, welche in einem früheren Momente als dem
dargestellten eine weit innigere war. Die rechte Hand hatte vielleicht den Bart
weit energischer angefaßt, war bis zum linken Rand desselben vorgedrungen,
und als sie sich in die Haltung zurückzog, welche wir jetzt an der Statue sehen,
folgte ihr ein Teil des Bartes nach und legt nun Zeugnis ab von der Bewegung,
die hier abgelaufen ist. Die Bartguirlande wäre die Spur des von dieser Hand
zurückgelegten Weges.
So hätten wir also eine Rückbewegung der rechten Hand erschlossen. Die eine
Annahme nötigt uns andere wie unvermeidlich auf. Unsere Phantasie
vervollständigt den Vorgang, von dem die durch die Bartspur bezeugte
Bewegung ein Stück ist, und führt uns zwanglos zur Auffassung zurück, welche
den ruhenden Moses durch den Lärm des Volkes und den Anblick des goldenen
Kalbes aufschrecken läßt. Er saß ruhig da, den Kopf mit dem herabwallenden
Bart nach vorne gerichtet, die Hand hatte wahrscheinlich nichts mit dem Barte
zu tun. Da schlägt das Geräusch an sein Ohr, er wendet Kopf und Blick nach der
Richtung, aus der die Störung kommt, erschaut die Szene und versteht sie. Nun
packen ihn Zorn und Empörung, er möchte aufspringen, die Frevler bestrafen,
vernichten. Die Wut, die sich von ihrem Objekt noch entfernt weiß, richtet sich
unterdes als Geste gegen den eigenen Leib. Die ungeduldige, zur Tat bereite
Hand greift nach vorne in den Bart, welcher der Wendung des Kopfes gefolgt
war, preßt ihn mit eisernem Griffe zwischen Daumen und Handfläche mit den
zusammenschließenden Fingern, eine Geberde von einer Kraft und Heftigkeit,
die an andere Darstellungen Michelangelos erinnern mag. Dann aber tritt, wir
wissen noch nicht wie und warum, eine Änderung ein, die vorgestreckte, in den Bart versenkte Hand wird eilig zurückgezogen, ihr Griff gibt den Bart frei, die
Finger lösen sich von ihm, aber so tief waren sie in ihn eingegraben, daß sie bei
ihrem Rückzug einen mächtigen Strang von der linken Seite nach rechts
herüberziehen, wo er unter dem Druck des einen, längsten und obersten Fingers
die rechten Bartflechten überlagern muß. Und diese neue Stellung, die nur durch
die Ableitung aus der ihr vorhergehenden verständlich ist, wird jetzt
festgehalten.
Es ist Zeit, uns zu besinnen. Wir haben angenommen, daß die rechte Hand zuerst
außerhalb des Bartes war, daß sie sich dann in einem Moment hoher
Affektspannung nach links herüberstreckte, um den Bart zu packen, und daß sie
endlich wieder zurückfuhr, wobei sie einen Teil des Bartes mitnahm. Wir haben
mit dieser rechten Hand geschaltet, als ob wir frei über sie verfügen dürften.
Aber dürfen wir dies? Ist diese Hand denn frei? Hat sie nicht die heiligen Tafeln
zu halten oder zu tragen, sind ihr solche mimische Exkursionen nicht durch ihre
wichtige Aufgabe untersagt? Und weiter, was soll sie zu der Rückbewegung
veranlassen, wenn sie einem starken Motiv gefolgt war, um ihre anfängliche
Lage zu verlassen?
Das sind nun wirklich neue Schwierigkeiten. Allerdings gehört die rechte Hand
zu den Tafeln. Wir können hier auch nicht in Abrede stellen, daß uns ein Motiv
fehlt, welches die rechte Hand zu dem erschlossenen Rückzug veranlassen
könnte. Aber wie wäre es, wenn sich beide Schwierigkeiten miteinander lösen
ließen und erst dann einen ohne Lücke verständlichen Vorgang ergeben würden?
Wenn gerade etwas, was an den Tafeln geschieht, uns die Bewegungen der Hand
aufklärte?
An diesen Tafeln ist einiges zu bemerken, was bisher der Beobachtung nicht
wert gefunden wurde[10]. Man sagte: Die Hand stützt sich auf die Tafeln oder: die
Hand stützt die Tafeln. Man sieht auch ohne weiteres die beiden rechteckigen,
aneinander gelegten Tafeln stehen auf der Kante. Schaut man näher zu, so findet
man, daß der untere Rand der Tafeln anders gebildet ist als der obere, schräg
nach vorne geneigte. Dieser obere ist geradlinig begrenzt, der untere aber zeigt
in seinem vorderen Anteil einen Vorsprung wie ein Horn, und gerade mit diesem
Vorsprung berühren die Tafeln den Steinsitz. Was kann die Bedeutung dieses
Details sein, welches übrigens an einem großen Gipsabguß in der Sammlung der
Wiener Akademie der bildenden Künste ganz unrichtig wiedergegeben ist? Es ist
kaum zweifelhaft, daß dieses Horn den der Schrift nach oberen Rand der Tafeln
auszeichnen soll. Nur der obere Rand solcher rechteckigen Tafeln pflegt
abgerundet oder ausgeschweift zu sein. Die Tafeln stehen also hier auf dem Kopf. Das ist nun eine sonderbare Behandlung so heiliger Gegenstände. Sie sind
auf den Kopf gestellt und werden fast auf einer Spitze balanciert. Welches
formale Moment kann bei dieser Gestaltung mitwirken? Oder soll auch dieses
Detail dem Künstler gleichgiltig gewesen sein?
Fig. D.
Fig. 1.
Fig. 2.
Fig. 3.
Da stellt sich nun die Auffassung ein, daß auch die Tafeln durch eine
abgelaufene Bewegung in diese Position gekommen sind, daß diese Bewegung
abhängig war von der erschlossenen Ortsveränderung der rechten Hand, und daß
sie dann ihrerseits diese Hand zu ihrer späteren Rückbewegung gezwungen hat.
Die Vorgänge an der Hand und die an den Tafeln setzen sich zu folgender
Einheit zusammen: Anfänglich, als die Gestalt in Ruhe dasaß, trug sie die Tafeln
aufrecht unter dem rechten Arm. Die rechte Hand faßte deren untere Ränder und
fand dabei eine Stütze an dem nach vorn gerichteten Vorsprung. Diese
Erleichterung des Tragens erklärt ohne weiteres, warum die Tafeln umgekehrt
gehalten waren. Dann kam der Moment, in dem die Ruhe durch das Geräusch
gestört wurde. Moses wendete den Kopf hin, und als er die Szene erschaut hatte,
machte sich der Fuß zum Aufspringen bereit, die Hand ließ ihren Griff an den
Tafeln los und fuhr nach links und oben in den Bart, wie um ihr Ungestüm am
eigenen Leibe zu betätigen. Die Tafeln waren nun dem Druck des Armes
anvertraut, der sie an die Brustwand pressen sollte. Aber diese Fixierung reichte
nicht aus, sie begannen nach vorn und unten zu gleiten, der früher horizontal
gehaltene obere Rand richtete sich nach vorn und abwärts, der seiner Stütze
beraubte untere Rand näherte sich mit seiner vorderen Spitze dem Steinsitz.
Einen Augenblick weiter und die Tafeln hätten sich um den neu gefundenen Stützpunkt drehen müssen, mit dem früher oberen Rande zuerst den Boden
erreichen und an ihm zerschellen. U m d i e s z u v e r h ü t e n, fährt die rechte
Hand zurück, und entläßt den Bart, von dem ein Teil ohne Absicht mitgezogen
wird, erreicht noch den Rand der Tafeln und stützt sie nahe ihrer hinteren, jetzt
zur obersten gewordenen Ecke. So leitet sich das sonderbar gezwungen
scheinende Ensemble von Bart, Hand und auf die Spitze gestelltem Tafelpaar aus
der einen leidenschaftlichen Bewegung der Hand und deren gut begründeten
Folgen ab. Will man die Spuren des abgelaufenen Bewegungssturmes
rückgängig machen, so muß man die vordere obere Ecke der Tafeln heben und in
die Bildebene zurückschieben, damit die vordere untere Ecke (mit dem
Vorsprung) vom Steinsitz entfernen, die Hand senken und sie unter den nun
horizontal stehenden unteren Tafelrand führen.
Ich habe mir von Künstlerhand drei Zeichnungen machen lassen, welche meine
Beschreibung verdeutlichen sollen. Die dritte derselben gibt die Statue wieder,
wie wir sie sehen; die beiden anderen stellen die Vorstadien dar, welche meine
Deutung postuliert, die erste das der Ruhe, die zweite das der höchsten
Spannung, der Bereitschaft zum Aufspringen, der Abwendung der Hand von den
Tafeln und des beginnenden Herabgleitens derselben. Es ist nun bemerkenswert,
wie die beiden von meinem Zeichner ergänzten Darstellungen die
unzutreffenden Beschreibungen früherer Autoren zu Ehren bringen. Ein
Zeitgenosse M i c h e l a n g e l o s, C o n d i v i, sagte: »Moses, der Herzog und
Kapitän der Hebräer, sitzt in der Stellung eines sinnenden Weisen, h ä l t u n t e r
d e m r e c h t e n A r m d i e G e s e t z e s t a f e l n und stützt mit der linken
Hand das Kinn (!), wie Einer, der müde und voll von Sorgen.« Das ist nun an der
Statue M i c h e l a n g e l o s nicht zu sehen, aber es deckt sich mit der Annahme,
welche der ersten Zeichnung zugrunde liegt. W. L ü b k e hatte wie andere
Beobachter geschrieben: »Erschüttert greift er mit der Rechten in den herrlich
herabflutenden Bart ...« Das ist nun unrichtig, wenn man es auf die Abbildung
der Statue bezieht, trifft aber für unsere zweite Zeichnung zu. J u s t i und
K n a p p haben, wie erwähnt, gesehen, daß die Tafeln im Herabgleiten sind und
in der Gefahr schweben, zu zerbrechen. Sie mußten sich von T h o d e
berichtigen lassen, daß die Tafeln durch die rechte Hand sicher fixiert seien, aber
sie hätten Recht, wenn sie nicht die Statue, sondern unser mittleres Stadium
beschreiben würden. Man könnte fast meinen, diese Autoren hätten sich von
dem Gesichtsbild der Statue frei gemacht und hätten unwissentlich eine Analyse
der Bewegungsmotive derselben begonnen, durch welche sie zu denselben
Anforderungen geführt wurden, wie wir sie bewußter und ausdrücklicher
aufgestellt haben.