Der Moses des Michelangelo

Sigmund Freud · Kapitel 3 von 4

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Der Moses des Michelangelo

Kapitel 3

 

Wenn ich nicht irre, wird es uns jetzt gestattet sein, die Früchte unserer

Bemühung zu ernten. Wir haben gehört, wie vielen, die unter dem Eindruck der

Statue standen, sich die Deutung aufgedrängt hat, sie stelle Moses dar unter der

Einwirkung des Anblicks, daß sein Volk abgefallen sei und um ein Götzenbild

tanze. Aber diese Deutung mußte aufgegeben werden, denn sie fand ihre

Fortsetzung in der Erwartung, er werde im nächsten Moment aufspringen, die

Tafeln zertrümmern und das Werk der Rache vollbringen. Dies widersprach aber

der Bestimmung der Statue als Teilstück des Grabdenkmals Julius II. neben drei

oder fünf anderen sitzenden Figuren. Wir dürfen nun diese verlassene Deutung

wieder aufnehmen, denn unser Moses wird nicht aufspringen und die Tafeln

nicht von sich schleudern. Was wir an ihm sehen, ist nicht die Einleitung zu

einer gewaltsamen Aktion, sondern der Rest einer abgelaufenen Bewegung: Er

wollte es in einem Anfall von Zorn, aufspringen, Rache nehmen, an die Tafeln

vergessen, aber er hat die Versuchung überwunden, er wird jetzt so sitzen

bleiben in gebändigter Wut, in mit Verachtung gemischtem Schmerz. Er wird

auch die Tafeln nicht wegwerfen, daß sie am Stein zerschellen, denn gerade

ihretwegen hat er seinen Zorn bezwungen, zu ihrer Rettung seine Leidenschaft

beherrscht. Als er sich seiner leidenschaftlichen Empörung überließ, mußte er

die Tafeln vernachlässigen, die Hand, die sie trug, von ihnen abziehen. Da

begannen sie herabzugleiten, gerieten in Gefahr zu zerbrechen. Das mahnte ihn.

Er gedachte seiner Mission und verzichtete für sie auf die Befriedigung seines

Affekts. Seine Hand fuhr zurück und rettete die sinkenden Tafeln, noch ehe sie

fallen konnten. In dieser Stellung blieb er verharrend, und so hat ihn

M i c h e l a n g e l o als Wächter des Grabmals dargestellt.

 

Eine dreifache Schichtung drückt sich in seiner Figur in vertikaler Richtung aus.

In den Mienen des Gesichts spiegeln sich die Affekte, welche die herrschenden

geworden sind, in der Mitte der Figur sind die Zeichen der unterdrückten

Bewegung sichtbar, der Fuß zeigt noch die Stellung der beabsichtigten Aktion,

als wäre die Beherrschung von oben nach unten vorgeschritten. Der linke Arm,

von dem noch nicht die Rede war, scheint seinen Anteil an unserer Deutung zu

fordern. Seine Hand ist mit weicher Gebärde in den Schoß gelegt und umfängt

wie liebkosend die letzten Enden des herabfallenden Bartes. Es macht den

Eindruck, als wollte sie die Gewaltsamkeit aufheben, mit der einen Moment

vorher die andere Hand den Bart mißhandelt hatte.

Nun wird man uns aber entgegenhalten: Das ist also doch nicht der Moses der

Bibel, der wirklich in Zorn geriet und die Tafeln hinwarf, daß sie zerbrachen.

Das wäre ein ganz anderer Moses von der Empfindung des Künstlers, der sich

dabei herausgenommen hätte, den heiligen Text zu emendieren und den

Charakter des göttlichen Mannes zu verfälschen. Dürfen wir M i c h e l a n g e l o

diese Freiheit zumuten, die vielleicht nicht weit von einem Frevel am Heiligen

liegt?

 

Die Stelle der Heiligen Schrift, in welcher das Benehmen Moses' bei der Szene

des goldenen Kalbes berichtet wird, lautet folgendermaßen (ich bitte um

Verzeihung, daß ich mich in anachronistischer Weise der Übersetzung L u t h e r s

bediene):

 

(II. B. Kap. 32.) »7. Der Herr sprach aber zu Mose: Gehe, steig hinab; denn dein

Volk, das du aus Aegyptenland geführt hast, hat's verderbt. 8. Sie sind schnell

von dem Wege getreten, den ich ihnen geboten habe. Sie haben sich ein

gegossen Kalb gemacht, und haben's angebetet, und ihm geopfert, und gesagt:

Das sind deine Götter, Israel, die dich aus Aegyptenland geführt haben. 9. Und

der Herr sprach zu Mose: Ich sehe, daß es ein halsstarrig Volk ist. 10. Und nun

laß mich, daß mein Zorn über sie ergrimme, und sie vertilge; so will ich dich

zum großen Volk machen. 11. Mose aber flehte vor dem Herrn, seinem Gott und

sprach: Ach, Herr, warum will dein Zorn ergrimmen über dein Volk, das du mit

großer Kraft und starker Hand hast aus Aegyptenland geführt?...

 

... 14. Also gereuete den Herrn das Übel, das er dräuete seinem Volk zu thun. 15.

Moses wandte sich, und stieg vom Berge, und hatte zwo Tafeln des Zeugnisses

in seiner Hand, die waren geschrieben auf beiden Seiten. 16. Und Gott hatte sie

selbst gemacht, und selber die Schrift drein gegraben. 17. Da nun Josua hörte des

Volkes Geschrei, daß sie jauchzeten, sprach er zu Mose: Es ist ein Geschrei im

Lager wie im Streit. 18. Er antwortete: Es ist nicht ein Geschrei gegeneinander

derer die obsiegen und unterliegen, sondern ich höre ein Geschrei eines

Siegestanzes. 19. Als er aber nahe zum Lager kam, und das Kalb und den Reigen

sah, ergrimmte er mit Zorn, und warf die Tafeln aus seiner Hand, und zerbrach

sie unten am Berge; 20. und nahm das Kalb, das sie gemacht hatten, und

zerschmelzte es mit Feuer, und zermalmte es mit Pulver, und stäubte es aufs

Wasser, und gab's den Kindern Israels zu trinken; ...

 

30. Des Morgens sprach Mose zum Volk: Ihr habt eine große Sünde gethan; nun

will ich hinaufsteigen zu dem Herrn, ob ich vielleicht eure Sünde versöhnen

möge. 31. Als nun Mose wieder zum Herrn kam, sprach er: Ach, das Volk hat eine große Sünde gethan, und haben sich güldene Götter gemacht. 32. Nun

vergib ihnen ihre Sünde; wo nicht, so tilge mich auch aus deinem Buch, das du

geschrieben hast. 33. Der Herr sprach zu Mose: Was? Ich will den aus meinem

Buch tilgen, der an mir sündiget. 34. So gehe nun hin und führe das Volk, dahin

ich dir gesagt habe. Siehe, mein Engel soll vor dir hergehen. Ich werde ihre

Sünde wohl heimsuchen, wenn meine Zeit kommt heimzusuchen. 35. Also

strafte der Herr das Volk, daß sie das Kalb hatten gemacht, welches Aaron

gemacht hatte.«

 

Unter dem Einfluß der modernen Bibelkritik wird es uns unmöglich, diese Stelle

zu lesen, ohne in ihr die Anzeichen ungeschickter Zusammensetzung aus

mehreren Quellberichten zu finden. In Vers 8 teilt der Herr selbst Moses mit, daß

das Volk abgefallen sei und sich ein Götzenbild gemacht habe. Moses bittet für

die Sünder. Doch benimmt er sich in Vers 18 gegen Josua, als wüßte er es nicht,

und wallt im plötzlichen Zorn auf (Vers 19), wie er die Szene des Götzendienstes

erblickt. In Vers 14 hat er die Verzeihung Gottes für sein sündiges Volk bereits

erlangt, doch begibt er sich Vers 31 ff. wieder auf den Berg, um diese

Verzeihung zu erflehen, berichtet dem Herrn von dem Abfall des Volkes und

erhält die Versicherung des Strafaufschubes. Vers 35 bezieht sich auf eine

Bestrafung des Volkes durch Gott, von der nichts mitgeteilt wurde, während in

den Versen zwischen 20 und 30 das Strafgericht, das Moses selbst vollzogen hat,

geschildert wurde. Es ist bekannt, daß die historischen Partien des Buches,

welches vom Auszug handelt, von noch auffälligeren Inkongruenzen und

Widersprüchen durchsetzt sind.

 

Für die Menschen der Renaissance gab es solche kritische Einstellung zum

Bibeltexte natürlich nicht, sie mußten den Bericht als einen

zusammenhängenden auffassen und fanden dann wohl, daß er der darstellenden

Kunst keine gute Anknüpfung bot. Der Moses der Bibelstelle war von dem

Götzendienst des Volkes bereits unterrichtet worden, hatte sich auf die Seite der

Milde und Verzeihung gestellt und erlag dann doch einem plötzlichen Wutanfall,

als er des goldenen Kalbes und der tanzenden Menge ansichtig wurde. Es wäre

also nicht zu verwundern, wenn der Künstler, der die Reaktion des Helden auf

diese schmerzliche Überraschung darstellen wollte, sich aus inneren Motiven

von dem Bibeltext unabhängig gemacht hätte. Auch war solche Abweichung

vom Wortlaut der heiligen Schrift aus geringeren Motiven keineswegs

ungewöhnlich oder dem Künstler versagt. Ein berühmtes Gemälde des

P a r m i g i a n o in seiner Vaterstadt zeigt uns den Moses, wie er auf der Höhe

eines Berges sitzend die Tafeln zu Boden schleudert, obwohl der Bibelvers ausdrücklich besagt: er zerbrach sie am Fuße des Berges. Schon die Darstellung

eines sitzenden Moses findet keinen Anhalt am Bibeltext und scheint eher jenen

Beurteilern Recht zu geben, welche annahmen, daß die Statue

M i c h e l a n g e l o s kein bestimmtes Moment aus dem Leben des Helden

festzuhalten beabsichtige.

 

Wichtiger als die Untreue gegen den heiligen Text ist wohl die Umwandlung, die

M i c h e l a n g e l o nach unserer Deutung mit dem Charakter des Moses

vorgenommen hat. Der Mann Moses war nach den Zeugnissen der Tradition

jähzornig und Aufwallungen von Leidenschaft unterworfen. In einem solchen

Anfalle von heiligem Zorne hatte er den Egypter erschlagen, der einen Israeliten

mißhandelte, und mußte deshalb aus dem Lande in die Wüste fliehen. In einem

ähnlichen Affektausbruch zerschmetterte er die beiden Tafeln, die Gott selbst

beschrieben hatte. Wenn die Tradition solche Charakterzüge berichtet, ist sie

wohl tendenzlos und hat den Eindruck einer großen Persönlichkeit, die einmal

gelebt hat, erhalten. Aber M i c h e l a n g e l o hat an das Grabdenkmal des

Papstes einen anderen Moses hingesetzt, welcher dem historischen oder

traditionellen Moses überlegen ist. Er hat das Motiv der zerbrochenen

Gesetzestafeln umgearbeitet, er läßt sie nicht durch den Zorn Moses' zerbrechen,

sondern diesen Zorn durch die Drohung, daß sie zerbrechen könnten,

beschwichtigen oder wenigstens auf dem Wege zur Handlung hemmen. Damit

hat er etwas Neues, Übermenschliches in die Figur des Moses gelegt, und die

gewaltige Körpermasse und kraftstrotzende Muskulatur der Gestalt wird nur

zum leiblichen Ausdrucksmittel für die höchste psychische Leistung, die einem

Menschen möglich ist, für das Niederringen der eigenen Leidenschaft zugunsten

und im Auftrage einer Bestimmung, der man sich geweiht hat.

 

Hier darf die Deutung der Statue M i c h e l a n g e l o s ihr Ende erreichen. Man

kann noch die Frage aufwerfen, welche Motive in dem Künstler tätig waren, als

er den Moses, und zwar einen so umgewandelten Moses, für das Grabdenkmal

des Papstes Julius II. bestimmte. Von vielen Seiten wurde übereinstimmend

darauf hingewiesen, daß diese Motive in dem Charakter des Papstes und im

Verhältnis des Künstlers zu ihm zu suchen seien. Julius II. war

M i c h e l a n g e l o darin verwandt, daß er Großes und Gewaltiges zu

verwirklichen suchte, vor allem das Große der Dimension. Er war ein Mann der

Tat, sein Ziel war angebbar, er strebte nach der Einigung Italiens unter der

Herrschaft des Papsttums. Was erst mehrere Jahrhunderte später einem

Zusammenwirken von anderen Mächten gelingen sollte, das wollte er allein

erreichen, ein Einzelner in der kurzen Spanne Zeit und Herrschaft, die ihm gegönnt war, ungeduldig mit gewalttätigen Mitteln. Er wußte M i c h e l a n g e l o

als seinesgleichen zu schätzen, aber er ließ ihn oft leiden unter seinem Jähzorn

und seiner Rücksichtslosigkeit. Der Künstler war sich der gleichen Heftigkeit

des Strebens bewußt und mag als tiefer blickender Grübler die Erfolglosigkeit

geahnt haben, zu der sie beide verurteilt waren. So brachte er seinen Moses an

dem Denkmal des Papstes an, nicht ohne Vorwurf gegen den Verstorbenen, zur

Mahnung für sich selbst, sich mit dieser Kritik über die eigene Natur erhebend.