Der Moses des Michelangelo
Kapitel 1
Der Moses des Michelangelo ist sitzend dargestellt, den Rumpf nach vorne
gerichtet, den Kopf mit dem mächtigen Bart und den Blick nach links gewendet,
den rechten Fuß auf dem Boden ruhend, den linken aufgestellt, so daß er nur mit
den Zehen den Boden berührt, den rechten Arm mit den Tafeln und einem Teil
des Bartes in Beziehung; der linke Arm ist in den Schoß gelegt. Wollte ich eine
genauere Beschreibung geben, so müßte ich dem vorgreifen, was ich später
vorzubringen habe. Die Beschreibungen der Autoren sind mitunter in
merkwürdiger Weise unzutreffend. Was nicht verstanden war, wurde auch
ungenau wahrgenommen oder wiedergegeben. H. G r i m m sagt, daß die rechte
Hand, »unter deren Arme die Gesetzestafeln ruhen, in den Bart greife«. Ebenso
W. L ü b k e: »Erschüttert greift er mit der Rechten in den herrlich
herabflutenden Bart ...«; S p r i n g e r: »Die eine (linke) Hand drückt Moses an
den Leib, mit der anderen greift er wie unbewußt in den mächtig wallenden
Bart.« C. J u s t i findet, daß die Finger der (rechten) Hand mit dem Bart spielen,
»wie der zivilisierte Mensch in der Aufregung mit der Uhrkette«. Das Spielen
mit dem Bart hebt auch M ü n t z hervor. H. T h o d e spricht von der »ruhig
festen Haltung der rechten Hand auf den aufgestemmten Tafeln«. Selbst in der
rechten Hand erkennt er nicht ein Spiel der Aufregung, wie J u s t i und ähnlich
B o i t o wollen. »Die Hand verharrt so, wie sie in den Bart greifend, gehalten
ward, ehe der Titan den Kopf zur Seite wandte.« Jakob B u r k h a r d t stellt aus,
»daß der berühmte linke Arm im Grunde nichts anderes zu tun habe, als diesen
Bart an den Leib zu drücken«.
Wenn die Beschreibungen nicht übereinstimmen, werden wir uns über die
Verschiedenheit in der Auffassung einzelner Züge der Statue nicht verwundern.
Ich meine zwar, wir können den Gesichtsausdruck des Moses nicht besser
charakterisieren als T h o d e, der eine »Mischung von Zorn, Schmerz und
Verachtung« aus ihm las, »den Zorn in den dräuend zusammengezogenen
Augenbrauen, den Schmerz in dem Blick der Augen, die Verachtung in der
vorgeschobenen Unterlippe und den herabgezogenen Mundwinkeln«. Aber
andere Bewunderer müssen mit anderen Augen gesehen haben. So hatte
D u p a t y geurteilt: Ce front auguste semble n'être qu'un voile transparent, qui
couvre à peine un esprit immense[5]. Dagegen meint L ü b k e: »In dem Kopfe
würde man vergebens den Ausdruck höherer Intelligenz suchen; nichts als die
Fähigkeit eines ungeheuren Zornes, einer alles durchsetzenden Energie spricht
sich in der zusammengedrängten Stirne aus.« Noch weiter entfernt sich in der Deutung des Gesichtsausdruckes G u i l l a u m e (1875), der keine Erregung
darin fand, »nur stolze Einfachheit, beseelte Würde, Energie des Glaubens.
Moses' Blick gehe in die Zukunft, er sehe die Dauer seiner Rasse, die
Unveränderlichkeit seines Gesetzes voraus«. Ähnlich läßt M ü n t z »die Blicke
Moses' weit über das Menschengeschlecht hinschweifen; sie seien auf die
Mysterien gerichtet, die er als Einziger gewahrt hat«. Ja, für S t e i n m a n n ist
dieser Moses »nicht mehr der starre Gesetzgeber, nicht mehr der fürchterliche
Feind der Sünde mit dem Jehovazorn, sondern der königliche Priester, welchen
das Alter nicht berühren darf, der segnend und weissagend, den Abglanz der
Ewigkeit auf der Stirne, von seinem Volke den letzten Abschied nimmt«.
Es hat noch andere gegeben, denen der Moses des Michelangelo überhaupt
nichts sagte, und die ehrlich genug waren, es zu äußern. So ein Rezensent in der
Quarterly Review 1858: »There is an absence of meaning in the general
conception, which precludes the idea of a self-sufficing whole ...« Und man ist
erstaunt zu erfahren, daß noch andere nichts an dem Moses zu bewundern
fanden, sondern sich auflehnten gegen ihn, die Brutalität der Gestalt anklagten
und die Tierähnlichkeit des Kopfes.
Hat der Meister wirklich so undeutliche oder zweideutige Schrift in den Stein
geschrieben, daß so verschiedenartige Lesungen möglich wurden?
Es erhebt sich aber eine andere Frage, welcher sich die erwähnten
Unsicherheiten leicht unterordnen. Hat Michelangelo in diesem Moses ein
»zeitloses Charakter- und Stimmungsbild« schaffen wollen oder hat er den
Helden in einem bestimmten, dann aber höchst bedeutsamen Moment seines
Lebens dargestellt? Eine Mehrzahl von Beurteilern entscheidet sich für das
letztere und weiß auch die Szene aus dem Leben Moses' anzugeben, welche der
Künstler für die Ewigkeit festgebannt hat. Es handelt sich hier um die
Herabkunft vom Sinai, woselbst er die Gesetzestafeln von Gott in Empfang
genommen hat, und um die Wahrnehmung, daß die Juden unterdes ein goldenes
Kalb gemacht haben, das sie jubelnd umtanzen. Auf dieses Bild ist sein Blick
gerichtet, dieser Anblick ruft die Empfindungen hervor, die in seinen Mienen
ausgedrückt sind und die gewaltige Gestalt alsbald in die heftigste Aktion
versetzen werden. Michelangelo hat den Moment der letzten Zögerung, der Ruhe
vor dem Sturm, zur Darstellung gewählt; im nächsten wird Moses aufspringen –
der linke Fuß ist schon vom Boden abgehoben – die Tafeln zu Boden schmettern
und seinen Grimm über die Abtrünnigen entladen.
In Einzelheiten dieser Deutung weichen auch deren Vertreter voneinander ab.
Jak. B u r k h a r d t: »Moses scheint in dem Momente dargestellt, da er die
Verehrung des goldenen Kalbes erblickt und aufspringen will. Es lebt in seiner
Gestalt die Vorbereitung zu einer gewaltigen Bewegung, wie man sie von der
physischen Macht, mit der er ausgestattet ist, nur mit Zittern erwarten mag.«
W. L ü b k e: »Als sähen die blitzenden Augen eben den Frevel der Verehrung
des goldenen Kalbes, so gewaltsam durchzuckt eine innere Bewegung die ganze
Gestalt. Erschüttert greift er mit der Rechten in den herrlich herabflutenden Bart,
als wolle er seiner Bewegung noch einen Augenblick Herr bleiben, um dann um
so zerschmetternder loszufahren.«
S p r i n g e r schließt sich dieser Ansicht an, nicht ohne ein Bedenken
vorzutragen, welches weiterhin noch unsere Aufmerksamkeit beanspruchen
wird: »Durchglüht von Kraft und Eifer kämpft der Held nur mühsam die innere
Erregung nieder ...... Man denkt daher unwillkürlich an eine dramatische Szene
und meint, Moses sei in dem Augenblick dargestellt, wie er die Verehrung des
goldenen Kalbes erblickt und im Zorn aufspringen will. Diese Vermutung trifft
zwar schwerlich die wahre Absicht des Künstlers, da ja Moses, wie die übrigen
fünf sitzenden Statuen des Oberbaues[6] vorwiegend dekorativ wirken sollte; sie
darf aber als ein glänzendes Zeugnis für die Lebensfülle und das persönliche
Wesen der Mosesgestalt gelten.«
Einige Autoren, die sich nicht gerade für die Szene des goldenen Kalbes
entscheiden, treffen doch mit dieser Deutung in dem wesentlichsten Punkte
zusammen, daß dieser Moses im Begriffe sei aufzuspringen und zur Tat
überzugehen.
Herman G r i m m: »Eine Hoheit erfüllt sie (diese Gestalt), ein Selbstbewußtsein,
ein Gefühl, als stünden diesem Manne die Donner des Himmels zu Gebote, doch
er bezwänge sich, ehe er sie entfesselte, erwartend, ob die Feinde, die er
vernichten will, ihn anzugreifen wagten. Er sitzt da, als wollte er eben
aufspringen, das Haupt stolz aus den Schultern in die Höhe gereckt, mit der
Hand, unter deren Arme die Gesetzestafeln ruhen, in den Bart greifend, der in
schweren Strömen auf die Brust sinkt, mit weit atmenden Nüstern und mit einem
Munde, auf dessen Lippen die Worte zu zittern scheinen.«
H e a t h W i l s o n sagt, Moses' Aufmerksamkeit sei durch etwas erregt, er sei
im Begriffe aufzuspringen, doch zögere er noch. Der Blick, in dem Entrüstung
und Verachtung gemischt seien, könne sich noch in Mitleid verändern.
W ö l f f l i n spricht von »gehemmter Bewegung«. Der Hemmungsgrund liegt hier im Willen der Person selbst, es ist der letzte Moment des Ansichhaltens vor
dem Losbrechen, d. h. vor dem Aufspringen.
Am eingehendsten hat C. J u s t i die Deutung auf die Wahrnehmung des
goldenen Kalbes begründet und sonst nicht beachtete Einzelheiten der Statue in
Zusammenhang mit dieser Auffassung gebracht. Er lenkt unseren Blick auf die
in der Tat auffällige Stellung der beiden Gesetzestafeln, welche im Begriffe
seien, auf den Steinsitz herabzugleiten: »Er (Moses) könnte also entweder in der
Richtung des Lärmes schauen mit dem Ausdruck böser Ahnungen, oder es wäre
der Anblick des Gräuels selbst, der ihn wie ein betäubender Schlag trifft.
Durchbebt von Abscheu und Schmerz hat er sich niedergelassen[7]. Er war auf
dem Berge vierzig Tage und Nächte geblieben, also ermüdet. Das Ungeheure,
ein großes Schicksal, Verbrechen, selbst ein Glück kann zwar in einem
Augenblick wahrgenommen, aber nicht gefaßt werden nach Wesen, Tiefe,
Folgen. Einen Augenblick scheint ihm sein Werk zerstört, er verzweifelt an
diesem Volke. In solchen Augenblicken verrät sich der innere Aufruhr in
unwillkürlichen kleinen Bewegungen. Er läßt die beiden Tafeln, die er in der
Rechten hielt, auf den Steinsitz herabrutschen, sie sind über Eck zu stehen
gekommen, vom Unterarm an die Seite der Brust gedrückt. Die Hand aber fährt
an Brust und Bart, bei der Wendung des Halses nach rechts muß sie den Bart
nach der linken Seite ziehen und die Symmetrie dieser breiten männlichen
Zierde aufheben; es sieht aus, als spielten die Finger mit dem Bart, wie der
zivilisierte Mensch in der Aufregung mit der Uhrkette. Die linke gräbt sich in
den Rock am Bauch (im alten Testament sind die Eingeweide Sitz der Affekte).
Aber das linke Bein ist bereits zurückgezogen und das rechte vorgesetzt; im
nächsten Augenblick wird er auffahren, die psychische Kraft von der
Empfindung auf den Willen überspringen, der rechte Arm sich bewegen, die
Tafeln werden zu Boden fallen und Ströme Blutes die Schmach des Abfalls
sühnen ....« »Es ist hier noch nicht der Spannungsmoment der Tat. Noch waltet
der Seelenschmerz fast lähmend.«
Ganz ähnlich äußert sich Fritz K n a p p; nur daß er die Eingangssituation dem
vorhin geäußerten Bedenken entzieht, auch die angedeutete Bewegung der
Tafeln konsequenter weiterführt: »Ihn, der soeben noch mit seinem Gotte allein
war, lenken irdische Geräusche ab. Er hört Lärm, das Geschrei von gesungenen
Tanzreigen weckt ihn aus dem Traume. Das Auge, der Kopf wenden sich hin zu
dem Geräusch. Schrecken, Zorn, die ganze Furie wilder Leidenschaften
durchfahren im Moment die Riesengestalt. Die Gesetzestafeln fangen an
herabzugleiten, sie werden zur Erde fallen und zerbrechen, wenn die Gestalt auffährt, um die donnernden Zornesworte in die Massen des abtrünnigen Volkes
zu schleudern .... Dieser Moment höchster Spannung ist gewählt ....« K n a p p
betont also die Vorbereitung zur Handlung und bestreitet die Darstellung der
anfänglichen Hemmung infolge der übergewaltigen Erregung.
Wir werden nicht in Abrede stellen, daß Deutungsversuche wie die
letzterwähnten von J u s t i und K n a p p etwas ungemein Ansprechendes haben.
Sie verdanken diese Wirkung dem Umstande, daß sie nicht bei dem
Gesamteindruck der Gestalt stehen bleiben, sondern einzelne Charaktere
derselben würdigen, welche man sonst von der Allgemeinwirkung überwältigt
und gleichsam gelähmt zu beachten versäumt. Die entschiedene Seitenwendung
von Kopf und Augen der im übrigen nach vorne gerichteten Figur stimmt gut zu
der Annahme, daß dort etwas erblickt wird, was plötzlich die Aufmerksamkeit
des Ruhenden auf sich zieht. Der vom Boden abgehobene Fuß läßt kaum eine
andere Deutung zu, als die einer Vorbereitung zum Aufspringen[8], und die ganz
sonderbare Haltung der Tafeln, die doch etwas hochheiliges sind und nicht wie
ein beliebiges Attribut irgendwie im Raum untergebracht werden dürfen, findet
ihre gute Aufklärung in der Annahme, sie glitten infolge der Erregung ihres
Trägers herab und würden dann zu Boden fallen. So wüßten wir also, daß diese
Statue des Moses einen bestimmten bedeutsamen Moment aus dem Leben des
Mannes darstellt, und wären auch nicht in Gefahr, diesen Moment zu verkennen.
Allein zwei Bemerkungen von T h o d e entreißen uns wieder, was wir schon zu
besitzen glaubten. Dieser Beobachter sagt, er sehe die Tafeln nicht herabgleiten,
sondern »fest verharren«. Er konstatiert »die ruhig feste Haltung der rechten
Hand auf den aufgestemmten Tafeln«. Blicken wir selbst hin, so müssen wir
T h o d e ohne Rückhalt recht geben. Die Tafeln sind festgestellt und nicht in
Gefahr zu gleiten. Die rechte Hand stützt sie oder stützt sich auf sie. Dadurch ist
ihre Aufstellung zwar nicht erklärt, aber sie wird für die Deutung von J u s t i und
Anderen unverwendbar.
Eine zweite Bemerkung trifft noch entscheidender. T h o d e mahnt daran, daß
»diese Statue als eine von sechsen gedacht war und daß sie sitzend dargestellt
ist. Beides widerspricht der Annahme, Michelangelo habe einen bestimmten
historischen Moment fixieren wollen. Denn, was das erste anbetrifft, so schloß
die Aufgabe, nebeneinander sitzende Figuren als Typen menschlichen Wesens
(Vita activa! Vita contemplativa!) zu geben, die Vorstellung einzelner
historischer Vorgänge aus. Und bezüglich des zweiten widerspricht die
Darstellung des Sitzens, welche durch die gesamte künstlerische Konzeption des
Denkmals bedingt war, dem Charakter jenes Vorganges, nämlich dem Herabsteigen vom Berge Sinai zu dem Lager«.
Machen wir uns dies Bedenken T h o d e s zu eigen; ich meine, wir werden seine
Kraft noch steigern können. Der Moses sollte mit fünf (in einem späteren
Entwurf drei) anderen Statuen das Postament des Grabdenkmals zieren. Sein
nächstes Gegenstück hätte ein Paulus werden sollen. Zwei der anderen, die Vita
activa und contemplativa sind als Lea und Rahel an dem heute vorhandenen,
kläglich verkümmerten Monument ausgeführt worden, allerdings stehend. Diese
Zugehörigkeit des Moses zu einem Ensemble macht die Annahme unmöglich,
daß die Figur in dem Beschauer die Erwartung erwecken solle, sie werde nun
gleich von ihrem Sitze aufspringen, etwa davonstürmen und auf eigene Faust
Lärm schlagen. Wenn die anderen Figuren nicht gerade auch in der Vorbereitung
zu so heftiger Aktion dargestellt waren, – was sehr unwahrscheinlich ist, – so
würde es den übelsten Eindruck machen, wenn gerade die eine uns die Illusion
geben könnte, sie werde ihren Platz und ihre Genossen verlassen, also sich ihrer
Aufgabe im Gefüge des Denkmals entziehen. Das ergäbe eine grobe Inkohärenz,
die man dem großen Künstler nicht ohne die äußerste Nötigung zumuten dürfte.
Eine in solcher Art davonstürmende Figur wäre mit der Stimmung, welche das
ganze Grabmonument erwecken soll, aufs äußerste unverträglich.
Also dieser Moses darf nicht aufspringen wollen, er muß in hehrer Ruhe
verharren können, wie die anderen Figuren, wie das beabsichtigte (dann nicht
von Michelangelo ausgeführte) Bild des Papstes selbst. Dann aber kann der
Moses, den wir betrachten, nicht die Darstellung des von Zorn erfaßten Mannes
sein, der vom Sinai herabkommend, sein Volk abtrünnig findet und die heiligen
Tafeln hinwirft, daß sie zerschmettern. Und wirklich, ich weiß mich an meine
Enttäuschung zu erinnern, wenn ich bei früheren Besuchen in S. Pietro in
Vincoli mich vor die Statue hinsetzte, in der Erwartung, ich werde nun sehen,
wie sie auf dem aufgestellten Fuß emporschnellen, wie sie die Tafeln zu Boden
schleudern und ihren Zorn entladen werde. Nichts davon geschah; anstatt dessen
wurde der Stein immer starrer, eine fast erdrückende heilige Stille ging von ihm
aus, und ich mußte fühlen, hier sei etwas dargestellt, was unverändert so bleiben
könne, dieser Moses werde ewig so dasitzen und so zürnen.
Wenn wir aber die Deutung der Statue mit dem Moment vor dem losbrechenden
Zorn beim Anblick des Götzenbildes aufgeben müssen, so bleibt uns wenig mehr
übrig als eine der Auffassungen anzunehmen, welche in diesem Moses ein
Charakterbild erkennen wollen. Am ehesten von Willkür frei und am besten auf
die Analyse der Bewegungsmotive der Gestalt gestützt erscheint dann das Urteil
von T h o d e: »Hier, wie immer, ist es ihm um die Gestaltung eines Charaktertypus zu tun. Er schafft das Bild eines leidenschaftlichen Führers der
Menschheit, der, seiner göttlichen gesetzgebenden Aufgabe bewußt, dem
unverständigen Widerstand der Menschen begegnet. Einen solchen Mann der Tat
zu kennzeichnen, gab es kein anderes Mittel, als die Energie des Willens zu
verdeutlichen, und dies war möglich durch die Veranschaulichung einer die
scheinbare Ruhe durchdringenden Bewegung, wie sie in der Wendung des
Kopfes, der Anspannung der Muskeln, der Stellung des linken Beines sich
äußert. Es sind dieselben Erscheinungen wie bei dem vir activus der
Medicikapelle Giuliano. Diese allgemeine Charakteristik wird weiter vertieft
durch die Hervorhebung des Konfliktes, in welchen ein solcher die Menschheit
gestaltender Genius zu der Allgemeinheit tritt: die Affekte des Zornes, der
Verachtung, des Schmerzes gelangen zu typischem Ausdruck. Ohne diesen war
das Wesen eines solchen Übermenschen nicht zu verdeutlichen. Nicht ein
Historienbild, sondern einen Charaktertypus unüberwindlicher Energie, welche
die widerstrebende Welt bändigt, hat Michelangelo geschaffen, die in der Bibel
gegebenen Züge, die eigenen inneren Erlebnisse, Eindrücke der Persönlichkeit
Julius', und wie ich glaube auch solche der Savonarolaschen Kampfestätigkeit
gestaltend.«
In die Nähe dieser Ausführungen kann man etwa die Bemerkung von
K n a c k f u ß rücken: Das Hauptgeheimnis der Wirkung des Moses liege in dem
künstlerischen Gegensatz zwischen dem inneren Feuer und der äußerlichen Ruhe
der Haltung.
Ich finde nichts in mir, was sich gegen die Erklärung von T h o d e sträuben
würde, aber ich vermisse irgend etwas. Vielleicht, daß sich ein Bedürfnis äußert
nach einer innigeren Beziehung zwischen dem Seelenzustand des Helden und
dem in seiner Haltung ausgedrückten Gegensatz von »scheinbarer Ruhe« und
»innerer Bewegtheit«.