Der Moses des Michelangelo

Sigmund Freud · Kapitel 1 von 4

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Der Moses des Michelangelo

Kapitel 1

 

Der Moses des Michelangelo ist sitzend dargestellt, den Rumpf nach vorne

gerichtet, den Kopf mit dem mächtigen Bart und den Blick nach links gewendet,

den rechten Fuß auf dem Boden ruhend, den linken aufgestellt, so daß er nur mit

den Zehen den Boden berührt, den rechten Arm mit den Tafeln und einem Teil

des Bartes in Beziehung; der linke Arm ist in den Schoß gelegt. Wollte ich eine

genauere Beschreibung geben, so müßte ich dem vorgreifen, was ich später

vorzubringen habe. Die Beschreibungen der Autoren sind mitunter in

merkwürdiger Weise unzutreffend. Was nicht verstanden war, wurde auch

ungenau wahrgenommen oder wiedergegeben. H. G r i m m sagt, daß die rechte

Hand, »unter deren Arme die Gesetzestafeln ruhen, in den Bart greife«. Ebenso

W. L ü b k e: »Erschüttert greift er mit der Rechten in den herrlich

herabflutenden Bart ...«; S p r i n g e r: »Die eine (linke) Hand drückt Moses an

den Leib, mit der anderen greift er wie unbewußt in den mächtig wallenden

Bart.« C. J u s t i findet, daß die Finger der (rechten) Hand mit dem Bart spielen,

»wie der zivilisierte Mensch in der Aufregung mit der Uhrkette«. Das Spielen

mit dem Bart hebt auch M ü n t z hervor. H. T h o d e spricht von der »ruhig

festen Haltung der rechten Hand auf den aufgestemmten Tafeln«. Selbst in der

rechten Hand erkennt er nicht ein Spiel der Aufregung, wie J u s t i und ähnlich

B o i t o wollen. »Die Hand verharrt so, wie sie in den Bart greifend, gehalten

ward, ehe der Titan den Kopf zur Seite wandte.« Jakob B u r k h a r d t stellt aus,

»daß der berühmte linke Arm im Grunde nichts anderes zu tun habe, als diesen

Bart an den Leib zu drücken«.

 

Wenn die Beschreibungen nicht übereinstimmen, werden wir uns über die

Verschiedenheit in der Auffassung einzelner Züge der Statue nicht verwundern.

Ich meine zwar, wir können den Gesichtsausdruck des Moses nicht besser

charakterisieren als T h o d e, der eine »Mischung von Zorn, Schmerz und

Verachtung« aus ihm las, »den Zorn in den dräuend zusammengezogenen

Augenbrauen, den Schmerz in dem Blick der Augen, die Verachtung in der

vorgeschobenen Unterlippe und den herabgezogenen Mundwinkeln«. Aber

andere Bewunderer müssen mit anderen Augen gesehen haben. So hatte

D u p a t y geurteilt: Ce front auguste semble n'être qu'un voile transparent, qui

couvre à peine un esprit immense[5]. Dagegen meint L ü b k e: »In dem Kopfe

würde man vergebens den Ausdruck höherer Intelligenz suchen; nichts als die

Fähigkeit eines ungeheuren Zornes, einer alles durchsetzenden Energie spricht

sich in der zusammengedrängten Stirne aus.« Noch weiter entfernt sich in der Deutung des Gesichtsausdruckes G u i l l a u m e (1875), der keine Erregung

darin fand, »nur stolze Einfachheit, beseelte Würde, Energie des Glaubens.

Moses' Blick gehe in die Zukunft, er sehe die Dauer seiner Rasse, die

Unveränderlichkeit seines Gesetzes voraus«. Ähnlich läßt M ü n t z »die Blicke

Moses' weit über das Menschengeschlecht hinschweifen; sie seien auf die

Mysterien gerichtet, die er als Einziger gewahrt hat«. Ja, für S t e i n m a n n ist

dieser Moses »nicht mehr der starre Gesetzgeber, nicht mehr der fürchterliche

Feind der Sünde mit dem Jehovazorn, sondern der königliche Priester, welchen

das Alter nicht berühren darf, der segnend und weissagend, den Abglanz der

Ewigkeit auf der Stirne, von seinem Volke den letzten Abschied nimmt«.

 

Es hat noch andere gegeben, denen der Moses des Michelangelo überhaupt

nichts sagte, und die ehrlich genug waren, es zu äußern. So ein Rezensent in der

Quarterly Review 1858: »There is an absence of meaning in the general

conception, which precludes the idea of a self-sufficing whole ...« Und man ist

erstaunt zu erfahren, daß noch andere nichts an dem Moses zu bewundern

fanden, sondern sich auflehnten gegen ihn, die Brutalität der Gestalt anklagten

und die Tierähnlichkeit des Kopfes.

 

Hat der Meister wirklich so undeutliche oder zweideutige Schrift in den Stein

geschrieben, daß so verschiedenartige Lesungen möglich wurden?

 

Es erhebt sich aber eine andere Frage, welcher sich die erwähnten

Unsicherheiten leicht unterordnen. Hat Michelangelo in diesem Moses ein

»zeitloses Charakter- und Stimmungsbild« schaffen wollen oder hat er den

Helden in einem bestimmten, dann aber höchst bedeutsamen Moment seines

Lebens dargestellt? Eine Mehrzahl von Beurteilern entscheidet sich für das

letztere und weiß auch die Szene aus dem Leben Moses' anzugeben, welche der

Künstler für die Ewigkeit festgebannt hat. Es handelt sich hier um die

Herabkunft vom Sinai, woselbst er die Gesetzestafeln von Gott in Empfang

genommen hat, und um die Wahrnehmung, daß die Juden unterdes ein goldenes

Kalb gemacht haben, das sie jubelnd umtanzen. Auf dieses Bild ist sein Blick

gerichtet, dieser Anblick ruft die Empfindungen hervor, die in seinen Mienen

ausgedrückt sind und die gewaltige Gestalt alsbald in die heftigste Aktion

versetzen werden. Michelangelo hat den Moment der letzten Zögerung, der Ruhe

vor dem Sturm, zur Darstellung gewählt; im nächsten wird Moses aufspringen –

der linke Fuß ist schon vom Boden abgehoben – die Tafeln zu Boden schmettern

und seinen Grimm über die Abtrünnigen entladen.

 

In Einzelheiten dieser Deutung weichen auch deren Vertreter voneinander ab.

Jak. B u r k h a r d t: »Moses scheint in dem Momente dargestellt, da er die

Verehrung des goldenen Kalbes erblickt und aufspringen will. Es lebt in seiner

Gestalt die Vorbereitung zu einer gewaltigen Bewegung, wie man sie von der

physischen Macht, mit der er ausgestattet ist, nur mit Zittern erwarten mag.«

 

W. L ü b k e: »Als sähen die blitzenden Augen eben den Frevel der Verehrung

des goldenen Kalbes, so gewaltsam durchzuckt eine innere Bewegung die ganze

Gestalt. Erschüttert greift er mit der Rechten in den herrlich herabflutenden Bart,

als wolle er seiner Bewegung noch einen Augenblick Herr bleiben, um dann um

so zerschmetternder loszufahren.«

 

S p r i n g e r schließt sich dieser Ansicht an, nicht ohne ein Bedenken

vorzutragen, welches weiterhin noch unsere Aufmerksamkeit beanspruchen

wird: »Durchglüht von Kraft und Eifer kämpft der Held nur mühsam die innere

Erregung nieder ...... Man denkt daher unwillkürlich an eine dramatische Szene

und meint, Moses sei in dem Augenblick dargestellt, wie er die Verehrung des

goldenen Kalbes erblickt und im Zorn aufspringen will. Diese Vermutung trifft

zwar schwerlich die wahre Absicht des Künstlers, da ja Moses, wie die übrigen

fünf sitzenden Statuen des Oberbaues[6] vorwiegend dekorativ wirken sollte; sie

darf aber als ein glänzendes Zeugnis für die Lebensfülle und das persönliche

Wesen der Mosesgestalt gelten.«

 

Einige Autoren, die sich nicht gerade für die Szene des goldenen Kalbes

entscheiden, treffen doch mit dieser Deutung in dem wesentlichsten Punkte

zusammen, daß dieser Moses im Begriffe sei aufzuspringen und zur Tat

überzugehen.

 

Herman G r i m m: »Eine Hoheit erfüllt sie (diese Gestalt), ein Selbstbewußtsein,

ein Gefühl, als stünden diesem Manne die Donner des Himmels zu Gebote, doch

er bezwänge sich, ehe er sie entfesselte, erwartend, ob die Feinde, die er

vernichten will, ihn anzugreifen wagten. Er sitzt da, als wollte er eben

aufspringen, das Haupt stolz aus den Schultern in die Höhe gereckt, mit der

Hand, unter deren Arme die Gesetzestafeln ruhen, in den Bart greifend, der in

schweren Strömen auf die Brust sinkt, mit weit atmenden Nüstern und mit einem

Munde, auf dessen Lippen die Worte zu zittern scheinen.«

 

H e a t h W i l s o n sagt, Moses' Aufmerksamkeit sei durch etwas erregt, er sei

im Begriffe aufzuspringen, doch zögere er noch. Der Blick, in dem Entrüstung

und Verachtung gemischt seien, könne sich noch in Mitleid verändern.

 

W ö l f f l i n spricht von »gehemmter Bewegung«. Der Hemmungsgrund liegt hier im Willen der Person selbst, es ist der letzte Moment des Ansichhaltens vor

dem Losbrechen, d. h. vor dem Aufspringen.

 

Am eingehendsten hat C. J u s t i die Deutung auf die Wahrnehmung des

goldenen Kalbes begründet und sonst nicht beachtete Einzelheiten der Statue in

Zusammenhang mit dieser Auffassung gebracht. Er lenkt unseren Blick auf die

in der Tat auffällige Stellung der beiden Gesetzestafeln, welche im Begriffe

seien, auf den Steinsitz herabzugleiten: »Er (Moses) könnte also entweder in der

Richtung des Lärmes schauen mit dem Ausdruck böser Ahnungen, oder es wäre

der Anblick des Gräuels selbst, der ihn wie ein betäubender Schlag trifft.

Durchbebt von Abscheu und Schmerz hat er sich niedergelassen[7]. Er war auf

dem Berge vierzig Tage und Nächte geblieben, also ermüdet. Das Ungeheure,

ein großes Schicksal, Verbrechen, selbst ein Glück kann zwar in einem

Augenblick wahrgenommen, aber nicht gefaßt werden nach Wesen, Tiefe,

Folgen. Einen Augenblick scheint ihm sein Werk zerstört, er verzweifelt an

diesem Volke. In solchen Augenblicken verrät sich der innere Aufruhr in

unwillkürlichen kleinen Bewegungen. Er läßt die beiden Tafeln, die er in der

Rechten hielt, auf den Steinsitz herabrutschen, sie sind über Eck zu stehen

gekommen, vom Unterarm an die Seite der Brust gedrückt. Die Hand aber fährt

an Brust und Bart, bei der Wendung des Halses nach rechts muß sie den Bart

nach der linken Seite ziehen und die Symmetrie dieser breiten männlichen

Zierde aufheben; es sieht aus, als spielten die Finger mit dem Bart, wie der

zivilisierte Mensch in der Aufregung mit der Uhrkette. Die linke gräbt sich in

den Rock am Bauch (im alten Testament sind die Eingeweide Sitz der Affekte).

Aber das linke Bein ist bereits zurückgezogen und das rechte vorgesetzt; im

nächsten Augenblick wird er auffahren, die psychische Kraft von der

Empfindung auf den Willen überspringen, der rechte Arm sich bewegen, die

Tafeln werden zu Boden fallen und Ströme Blutes die Schmach des Abfalls

sühnen ....« »Es ist hier noch nicht der Spannungsmoment der Tat. Noch waltet

der Seelenschmerz fast lähmend.«

 

Ganz ähnlich äußert sich Fritz K n a p p; nur daß er die Eingangssituation dem

vorhin geäußerten Bedenken entzieht, auch die angedeutete Bewegung der

Tafeln konsequenter weiterführt: »Ihn, der soeben noch mit seinem Gotte allein

war, lenken irdische Geräusche ab. Er hört Lärm, das Geschrei von gesungenen

Tanzreigen weckt ihn aus dem Traume. Das Auge, der Kopf wenden sich hin zu

dem Geräusch. Schrecken, Zorn, die ganze Furie wilder Leidenschaften

durchfahren im Moment die Riesengestalt. Die Gesetzestafeln fangen an

herabzugleiten, sie werden zur Erde fallen und zerbrechen, wenn die Gestalt auffährt, um die donnernden Zornesworte in die Massen des abtrünnigen Volkes

zu schleudern .... Dieser Moment höchster Spannung ist gewählt ....« K n a p p

betont also die Vorbereitung zur Handlung und bestreitet die Darstellung der

anfänglichen Hemmung infolge der übergewaltigen Erregung.

 

Wir werden nicht in Abrede stellen, daß Deutungsversuche wie die

letzterwähnten von J u s t i und K n a p p etwas ungemein Ansprechendes haben.

Sie verdanken diese Wirkung dem Umstande, daß sie nicht bei dem

Gesamteindruck der Gestalt stehen bleiben, sondern einzelne Charaktere

derselben würdigen, welche man sonst von der Allgemeinwirkung überwältigt

und gleichsam gelähmt zu beachten versäumt. Die entschiedene Seitenwendung

von Kopf und Augen der im übrigen nach vorne gerichteten Figur stimmt gut zu

der Annahme, daß dort etwas erblickt wird, was plötzlich die Aufmerksamkeit

des Ruhenden auf sich zieht. Der vom Boden abgehobene Fuß läßt kaum eine

andere Deutung zu, als die einer Vorbereitung zum Aufspringen[8], und die ganz

sonderbare Haltung der Tafeln, die doch etwas hochheiliges sind und nicht wie

ein beliebiges Attribut irgendwie im Raum untergebracht werden dürfen, findet

ihre gute Aufklärung in der Annahme, sie glitten infolge der Erregung ihres

Trägers herab und würden dann zu Boden fallen. So wüßten wir also, daß diese

Statue des Moses einen bestimmten bedeutsamen Moment aus dem Leben des

Mannes darstellt, und wären auch nicht in Gefahr, diesen Moment zu verkennen.

 

Allein zwei Bemerkungen von T h o d e entreißen uns wieder, was wir schon zu

besitzen glaubten. Dieser Beobachter sagt, er sehe die Tafeln nicht herabgleiten,

sondern »fest verharren«. Er konstatiert »die ruhig feste Haltung der rechten

Hand auf den aufgestemmten Tafeln«. Blicken wir selbst hin, so müssen wir

T h o d e ohne Rückhalt recht geben. Die Tafeln sind festgestellt und nicht in

Gefahr zu gleiten. Die rechte Hand stützt sie oder stützt sich auf sie. Dadurch ist

ihre Aufstellung zwar nicht erklärt, aber sie wird für die Deutung von J u s t i und

Anderen unverwendbar.

 

Eine zweite Bemerkung trifft noch entscheidender. T h o d e mahnt daran, daß

»diese Statue als eine von sechsen gedacht war und daß sie sitzend dargestellt

ist. Beides widerspricht der Annahme, Michelangelo habe einen bestimmten

historischen Moment fixieren wollen. Denn, was das erste anbetrifft, so schloß

die Aufgabe, nebeneinander sitzende Figuren als Typen menschlichen Wesens

(Vita activa! Vita contemplativa!) zu geben, die Vorstellung einzelner

historischer Vorgänge aus. Und bezüglich des zweiten widerspricht die

Darstellung des Sitzens, welche durch die gesamte künstlerische Konzeption des

Denkmals bedingt war, dem Charakter jenes Vorganges, nämlich dem Herabsteigen vom Berge Sinai zu dem Lager«.

 

Machen wir uns dies Bedenken T h o d e s zu eigen; ich meine, wir werden seine

Kraft noch steigern können. Der Moses sollte mit fünf (in einem späteren

Entwurf drei) anderen Statuen das Postament des Grabdenkmals zieren. Sein

nächstes Gegenstück hätte ein Paulus werden sollen. Zwei der anderen, die Vita

activa und contemplativa sind als Lea und Rahel an dem heute vorhandenen,

kläglich verkümmerten Monument ausgeführt worden, allerdings stehend. Diese

Zugehörigkeit des Moses zu einem Ensemble macht die Annahme unmöglich,

daß die Figur in dem Beschauer die Erwartung erwecken solle, sie werde nun

gleich von ihrem Sitze aufspringen, etwa davonstürmen und auf eigene Faust

Lärm schlagen. Wenn die anderen Figuren nicht gerade auch in der Vorbereitung

zu so heftiger Aktion dargestellt waren, – was sehr unwahrscheinlich ist, – so

würde es den übelsten Eindruck machen, wenn gerade die eine uns die Illusion

geben könnte, sie werde ihren Platz und ihre Genossen verlassen, also sich ihrer

Aufgabe im Gefüge des Denkmals entziehen. Das ergäbe eine grobe Inkohärenz,

die man dem großen Künstler nicht ohne die äußerste Nötigung zumuten dürfte.

Eine in solcher Art davonstürmende Figur wäre mit der Stimmung, welche das

ganze Grabmonument erwecken soll, aufs äußerste unverträglich.

 

Also dieser Moses darf nicht aufspringen wollen, er muß in hehrer Ruhe

verharren können, wie die anderen Figuren, wie das beabsichtigte (dann nicht

von Michelangelo ausgeführte) Bild des Papstes selbst. Dann aber kann der

Moses, den wir betrachten, nicht die Darstellung des von Zorn erfaßten Mannes

sein, der vom Sinai herabkommend, sein Volk abtrünnig findet und die heiligen

Tafeln hinwirft, daß sie zerschmettern. Und wirklich, ich weiß mich an meine

Enttäuschung zu erinnern, wenn ich bei früheren Besuchen in S. Pietro in

Vincoli mich vor die Statue hinsetzte, in der Erwartung, ich werde nun sehen,

wie sie auf dem aufgestellten Fuß emporschnellen, wie sie die Tafeln zu Boden

schleudern und ihren Zorn entladen werde. Nichts davon geschah; anstatt dessen

wurde der Stein immer starrer, eine fast erdrückende heilige Stille ging von ihm

aus, und ich mußte fühlen, hier sei etwas dargestellt, was unverändert so bleiben

könne, dieser Moses werde ewig so dasitzen und so zürnen.

 

Wenn wir aber die Deutung der Statue mit dem Moment vor dem losbrechenden

Zorn beim Anblick des Götzenbildes aufgeben müssen, so bleibt uns wenig mehr

übrig als eine der Auffassungen anzunehmen, welche in diesem Moses ein

Charakterbild erkennen wollen. Am ehesten von Willkür frei und am besten auf

die Analyse der Bewegungsmotive der Gestalt gestützt erscheint dann das Urteil

von T h o d e: »Hier, wie immer, ist es ihm um die Gestaltung eines Charaktertypus zu tun. Er schafft das Bild eines leidenschaftlichen Führers der

Menschheit, der, seiner göttlichen gesetzgebenden Aufgabe bewußt, dem

unverständigen Widerstand der Menschen begegnet. Einen solchen Mann der Tat

zu kennzeichnen, gab es kein anderes Mittel, als die Energie des Willens zu

verdeutlichen, und dies war möglich durch die Veranschaulichung einer die

scheinbare Ruhe durchdringenden Bewegung, wie sie in der Wendung des

Kopfes, der Anspannung der Muskeln, der Stellung des linken Beines sich

äußert. Es sind dieselben Erscheinungen wie bei dem vir activus der

Medicikapelle Giuliano. Diese allgemeine Charakteristik wird weiter vertieft

durch die Hervorhebung des Konfliktes, in welchen ein solcher die Menschheit

gestaltender Genius zu der Allgemeinheit tritt: die Affekte des Zornes, der

Verachtung, des Schmerzes gelangen zu typischem Ausdruck. Ohne diesen war

das Wesen eines solchen Übermenschen nicht zu verdeutlichen. Nicht ein

Historienbild, sondern einen Charaktertypus unüberwindlicher Energie, welche

die widerstrebende Welt bändigt, hat Michelangelo geschaffen, die in der Bibel

gegebenen Züge, die eigenen inneren Erlebnisse, Eindrücke der Persönlichkeit

Julius', und wie ich glaube auch solche der Savonarolaschen Kampfestätigkeit

gestaltend.«

 

In die Nähe dieser Ausführungen kann man etwa die Bemerkung von

K n a c k f u ß rücken: Das Hauptgeheimnis der Wirkung des Moses liege in dem

künstlerischen Gegensatz zwischen dem inneren Feuer und der äußerlichen Ruhe

der Haltung.

 

Ich finde nichts in mir, was sich gegen die Erklärung von T h o d e sträuben

würde, aber ich vermisse irgend etwas. Vielleicht, daß sich ein Bedürfnis äußert

nach einer innigeren Beziehung zwischen dem Seelenzustand des Helden und

dem in seiner Haltung ausgedrückten Gegensatz von »scheinbarer Ruhe« und

»innerer Bewegtheit«.