Der Stechlin

Theodor Fontane · Kapitel 46 von 46

PDF-Seiten

Der Stechlin

Sechsundvierzigstes Kapitel

Armgard hatte sich von der im Stechliner Hause herrschenden Weltabgewandtheit angeheimelt gefühlt. Aber der Gedanke, hier ihre Tage zu verbringen, lag ihr doch vorderhand noch fern, und so kehrte sie denn kurz nach Ablauf einer Woche nach Berlin zurück, wo mittlerweile Melusine für alles gesorgt und eine ganz in der Nähe von Woldemars Kaserne gelegene Wohnung gemietet und eingerichtet hatte.

Das war am Belle-Allianceplatz. Als das junge Paar diese Wohnung bezog, ging die Saison bereits auf die Neige. Die Frühjahrsparaden nahmen ihren Anfang und gleich danach auch die Wettrennen, an denen Armgard voller Interesse teilnahm. Aber ihre Freude daran war doch geringer, als sie geglaubt hatte. Weder das Großstädtische noch das Militärische, weder Sport noch Kunst behaupteten dauernd den Reiz, den sie sich anfänglich davon versprochen, und ehe der Hochsommer heran war, sagte sie: »Laß mich's dir gestehn, Woldemar, ich sehne mich einigermaßen nach Schloß Stechlin.«

Er hätte nichts Lieberes hören können. Was Armgard da sagte, war ihm aus der eignen Seele gesprochen. Liebenswürdig und bescheiden wie er war, stand ihm längst fest, daß er nicht berufen sei, jemals eine Generalstabsgröße zu werden, während das alte märkische Junkertum, von dem frei zu sein er sich eingebildet hatte, sich allmählich in ihm zu regen begann. Jeder neue Tag rief ihm zu: »Die Scholle daheim, die dir Freiheit gibt, ist doch das Beste.« So reichte er denn seine Demission ein. Man sah ihn ungern scheiden, denn er war nicht bloß wohlgelitten an der Stelle, wo er stand, sondern überhaupt beliebt. Man gab ihm, als sein Scheiden unmittelbar bevorstand, ein Abschiedsfest, und der ihm besonders wohlwollende Kommandeur des Regiments sprach in seiner Rede von den »schönen, gemeinschaftlich durchlebten Tagen in London und Windsor«. –

All die Zeit über waren natürlich auch die von einer Übersiedlung aufs Land unzertrennlichen kleinen Mühen und Sorgen an das junge Paar herangetreten. Unter diesen Sorgen – Lizzi hatte abgelehnt, weil sie die große Stadt und die »Bildung« nicht missen mochte – war in erster Reihe das Ausfindigmachen einer geeigneten Kammerjungfer gewesen. Es traf sich aber so glücklich, daß Portier Hartwigs hübsche Nichte mal wieder außer Stellung war, und so wurde diese denn engagiert. Melusine leitete die Verhandlungen mit ihr. »Ich weiß freilich nicht, Hedwig, ob es Ihnen da draußen gefallen wird, Ich hoff es aber. Und Sie werden jedenfalls zweierlei nicht haben: keinen Hängeboden und keinen ›Ankratz‹, wie die Leute hier sagen. Oder wenigstens nicht mehr davon, als Ihnen schließlich doch vielleicht lieb ist.«

»Ach, das ist nicht viel,« versicherte Hedwig halb scham- halb schalkhaft. –

Am 21. September wollte das junge Paar in Stechlin einziehen, und alle Vorbereitungen dazu waren getroffen: Schulze Kluckhuhn trommelte sämtliche Kriegervereine zusammen (die Düppelstürmer natürlich am rechten Flügel), während Krippenstapel sich mit Tucheband über ein Begrüßungsgedicht einigte, das von Rolf Krakes ältester Tochter gesprochen werden sollte. Die Globsower gingen noch einen Schritt weiter und bereiteten eine Rede vor, darin der neue junge Herr als einer der »Ihrigen« begrüßt werden sollte.

Das alles galt dem 21.


Am Tage vorher aber traf ein Brief Melusinens bei Lorenzen ein, an dessen Schluß es hieß:

»Und nun, lieber Pastor, noch einmal das eine. Morgen früh zieht das junge Paar in das alte Herrenhaus ein, meine Schwester und mein Schwager. Erinnern Sie sich bei der Gelegenheit unsres in den Weihnachtstagen geschlossenen Paktes: es ist nicht nötig, daß die Stechline weiterleben, aber es lebe

der Stechlin.«


Werke von Theodor Fontane

Gesammelte Werke

Erste Reihe in fünf Bänden

Erzählende Werke

1. Band:

Gedichte / Grete Minde / Schach von Wuthenow / Unterm Birnbaum

2. Band:

L'Adultera / Cecile / Unwiederbringlich

3. Band:

Stine / Irrungen Wirrungen / Frau Jenny Treibel

4. Band:

Die Poggenpuhls / Effi Briest

5. Band:

Der Stechlin

Zweite Reihe in fünf Bänden

Autobiographische Werke, Briefe

1. Band:

Einleitung / Meine Kinderjahre

2. Band:

Von Zwanzig bis Dreißig

3. Band:

Kriegsgefangen / Aus den Tagen der Okkupation / Vor und nach der Reise

4. und 5. Band:

Briefe

Einzelausgaben

Effi Briest

Roman. 58. Auflage

Cecile

Roman. 3. Auflage

Stine

Roman. 53. Tausend

Meine Kinderjahre

Autobiographischer Roman. 12. Auflage

Von Zwanzig bis Dreißig

Autobiographisches. 7. Tausend

Kriegsgefangen

26. Tausend

Die Poggenpuhls

Roman. 47. Auflage

Mathilde Möhring

Roman. 60. Tausend

L'Adultera

Roman. 80. Auflage

Frau Jenny Treibel

Roman. 92. Auflage

Irrungen Wirrungen

Roman. 148. Auflage

Aus dem Nachlaß

6. Auflage

Das Fontanebuch

9. Auflage


Druck von Julius Klinkhardt in Leipzig


 

Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.

Korrekturen:

S. 216: verwogen → verwegen
etliche mehr oder weniger verwegen aussehende Wahlmänner

S. 279: ofen → Ofen
drei Männer im feurigen Ofen

S. 343: Fronde → Fronde ist
Fronde ist mir gräßlich und paßt nicht für uns

 

Sie haben Der Stechlin zu Ende gelesen

Theodor Fontane

Bücher wie dieses

Nach dem Buch

Seiten, die zu dieser Ausgabe gehören, hier zum Nachschlagen.

Hinweis von Project Gutenberg
*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER STECHLIN: ROMAN ***
Updated editions will replace the previous one—the old editions will be renamed.
Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright law means that no one owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United States without permission and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to copying and distributing Project Gutenberg™ electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG™ concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you charge for an eBook, except by following the terms of the trademark license, including paying royalties for use of the Project Gutenberg trademark. If you do not charge anything for copies of this eBook, complying with the trademark license is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports, performances and research. Project Gutenberg eBooks may be modified and printed and given away—you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the trademark license, especially commercial redistribution.
START: FULL LICENSE