Die Armen: Ein Roman
I Hassende, Liebende
I
Hassende, Liebende
Die Kinder schrien tosend vor dem großen Arbeiterhaus von Gausenfeld;
hunderte von Kindern, hervorgequollen aus dem überfüllten Haus, worin sie alle
geboren waren, rannten, zappelten, prügelten sich auf der grauen Wiese. Alte
Männer, die nicht mehr arbeiteten, standen, wenn sie besonnt war, an der Mauer
und sahen ihnen zu. Die Kleinsten fielen unaufhörlich in den Graben, der die
Wiese von der Landstraße trennte, immer eilten Mütter oder Schwestern zum
Retten herbei. Die Größeren sprangen hinüber, am liebsten auf der Seite, wo der
Graben neben dem Weg zum Friedhof lief; und drüben warfen sie einander
gegen den wackligen Zaun der Villa Klinkorum. Brach ein Brett heraus, dann
rasch hinein und Äpfel holen. Der Besitzer hörte mit Zorn und Entsetzen das
Knacken der Zweige, die sie mitrissen, aber auf seinen steifen Beinen kam er
immer zu spät, sie waren schon draußen und zeigten ihm aus einiger Entfernung
das unreife Obst, es sei auf der Straße gelegen. Dann hielt er ihnen eine Rede
über das Eigentum und die Bildung, immer dieselbe Rede, denn niemals merkte
er, daß er es mit denselben Jungen zu tun hatte. Klinkorum war Schullehrer
gewesen, aber einer für die Reichen; und weil ihm schon die Zähne ausgefallen
waren, wollte er nun hier sich mausig machen. Kaum war er fort, polterten alle
gegen seinen Zaun, und irgendeiner kroch hinein und setzte ihm etwas auf den
Gartenweg. Der alte Malermeister, der unten im Haus wohnte, durfte es sehen, er
lachte, wenn er auch schalt. Nur den kleinen Mädchen war es von ihren Müttern
streng verboten, ihm zu nahe zu kommen.
Dies war nicht alles, was Professor Klinkorum zu erdulden hatte. Kehrte er
aus der Stadt heim, zuweilen schon ganz nahe bei seinem Grundstück überholte
ihn, wie er auch hastete, das Heßlingsche Automobil und bedeckte ihn mit Staub
oder Schmutz. Generaldirektor Geheimer Kommerzienrat Dr. Heßling in seinem
Staubmantel blickte unerbittlich geradeaus, und Klinkorum, von außen gegen
seinen eigenen Zaun gedrängt, äugte mit ohnmächtigem Haß, bis er, ganz in
einer stinkenden Wolke befangen, die Augen schloß. Innerlich hielt er in solchen Minuten seine zweite Rede über das Eigentum, die Rede dagegen, — wenn es
nämlich schrankenlos und überheblich war. Die Bildung war das Erste und
mußte es bleiben.
Damit ging er hinauf in sein Studierzimmer. Von hier übersah er ganz
Gausenfeld, hinter den Arbeiterhäusern das wüste Gelände, bis zum Wald, bis
zur Fabrik. Es ward Nacht, an der Friedhofsmauer die Lampe leuchtete nahe,
und weit dorthinten die gereihten Lichter der Fabrik.
Aus der Fabrik kehrten die Arbeiter heim; ihr Massenschritt dröhnte, von
ferne fühlbar, bis in das Studierzimmer; und Klinkorum dachte nicht ohne
Achtung an den Herrn der Massen, ihn, Heßling, Besitzer Gausenfelds, großen
Reichtums und mancher Würden. Wie hatte er es dahin gebracht, als Chemiker
und Papierfabrikant? Durch Machenschaften und Kunstgriffe geschäftlicher wie
politischer Art, über die es auch nach sechzehn Jahren in der Stadt noch nicht
still war. Der selbstgemachte Mann freilich blieb zu achten. Er wieder aber achte
noch höhere Rechte! Klinkorum hatte gespart, bis er weit draußen an der
Landstraße dies einsame kleine Haus erstehen konnte, die Freude seines letzten
Lebensdrittels. Gepflegt und lauschig, ein Sitz der Muse, ruhte es im Grünen,
unaufgestört von Weihelosen; denn nur langsame Bauernwagen zogen, mit
Ochsen, breitstirnigen, schwerausschreitenden bespannt, vorüber, und
Gausenfeld, das einzige größere Anwesen in der Weite, diese Stätte der
Papierfabrikation lag jenseits von Feldern und Wald, man sah, hörte und roch sie
nicht. Da aber, was geschah? Der neue Herr von Gausenfeld vergrößerte seine
Fabrikanlagen. Er legte den Wald so weit nieder, als er jene unedlen
Baulichkeiten dem Blick entzogen hatte. Die Arbeiter-Familienhäuser wuchsen
über das Feld heran, immer nach Westen, immer auf Klinkorum zu. Auch kam es
dahin, daß gleich hinter seinem Zaun dies Volk sich begraben ließ. Und dem
Friedhof, als vorletztem Streich, folgten die Kasernen der Proletarier, Ungeheuer
von Häusern, hinschattend über Klinkorum und seinen bescheidenen Ruhesitz,
ihn mit Gerüchen bedrängend, in Ruß verschüttend so Garten wie Haus und um
es her eine Zone breitend des Gestampfes, Geschreis, Totschlages und der
bildungsfeindlichen Roheit!
Nun waren die Lichter ausgelöscht in der Fabrik und entzündet in den
Kasernen, in der Kantine an ihrem Flügel. Dorther kam Lärm. Der Arbeiter Karl
Balrich aber, still in seinem Zimmer 101 des Arbeiterhauses B, stand am Fenster,
sah vor sich dasselbe wie der Besitzer der Villa Klinkorum und dachte nach,
auch er, über die Welt, die ihn umgab. Freilich, die vielen Geräusche des Hauses
selbst, von rechts, links, oben, unten übertönten bei weitem seine Gedanken an
das Fernere. Er hörte um sich her, des Sonntags wenn er ruhte und jetzt am
Abend bevor er schlief, Streit, Küsse, Gespräche über Geld und Essen, die Prügel für die Kinder, hörte durch das hallende und zitternde Haus alles was
vorging, was das Leben der Menschen war und was es schon nicht mehr war: ihr
letztes Wimmern, ihr Abschiedsgestöhn. Aber öfter als Sterben hörte er Gebären.
Er sagte sich dann, je nachdem ihm an dem Abend zu Sinn war: „Wieder ein
Mann für die Arbeiterbataillone“ oder: „Heßling kann lachen; wieder ein
Dummer.“
Denn der Arbeiter Balrich sah, wie die Dinge lagen, in der Person des
Generaldirektors Heßling den höchsten Zweck und das letzte Ergebnis des ihn
umgebenden Lebens, aller dieser Mühen, Aufregungen und Schmerzen — und
nicht nur dieser hier. Von Gausenfeld zu schweigen, die Stadt, wie sie war,
arbeitete für den Reichen und fristete sich nur durch ihn. Das Land selbst drehte
sich wahrscheinlich nur um seinesgleichen. Ihm zuliebe das Militär; und der
König sogar eigentlich sein Narr. Den hielt er sich aus, er aber verdiente. Auf
das Geld kam es an.
„Wenn es auf das Geld ankäme,“ sagte an seinem Fenster der Professor, „dann
würde dieser Heßling mit Recht die Umstände meines Lebens auf jene Stufe
hinabdrücken, wo seine Lohnsklaven schmachten, — indes er selbst —.“ Hinter
dem Wald wohnte er selbst. Über dem von ihm bebauten Tal der Armut und des
Unrates, aber bewahrt vor seinem Duft und Anblick hinter eigenem Wald auf
grünem Hügel, in seiner hellen und blumenumleuchteten „Villa Höhe“ hauste
leichten Herzens mit den hochgemuten Seinen der Eigentümer, Anstifter und
Nutznießer dieser ganzen sozialen Schmutzerei. Das Wort fiel. Zwei Freunde
traten ein bei Klinkorum, und sowohl der Arzt Dr. Heuteufel wie der
Konsistorialrat Zillich wiederholten das Wort. Je höher die Bildung, um so
entwickelter der soziale Sinn — und mit ihm das Feingefühl für die
Herausforderungen des Kapitals, dies Hinbreiten des ausschweifendsten Luxus
gleich neben dem Schauspiel des Elends, dieses Autojagen an den Enterbten
vorbei, dies Hupengeheul.
Die Schwester des Arbeiters Balrich bekam droben von Dinkl, ihrem Mann,
eine Ohrfeige, die bis her schallte, und sie selbst hieb die Kinder. Als alle genug
geschrien und die Nachbarn genug gelacht hatten, machte sie sich plärrend an
das Nachtgebet. Karl Balrich dachte noch immer: „Auf das Geld kommt es an.“
Da zog links drunten der Herbesdörfer, seine Harmonika lang aus, und Balrich
merkte es nun, daß er mit dem Denken nicht vorwärts kam. Schwer war es, von
dem wirklichen Gang der Welt, ihren Zusammenhängen und Gesetzen etwas
Deutliches zu erfahren. Die Redner in den Versammlungen redeten von weit her;
um sie anders zu verstehen als bloß mit unserem Haßgefühl, mußten wir uns bis
dahin durchschlagen, wo sie zumeist von Geburt schon standen. Und wie jetzt
noch zu so viel Bildung kommen?
Die Herren im Studierzimmer murrten: „Den Bau der elektrischen Bahn nach
Gausenfeld hat er hintertrieben. Er scheut den Verkehr der Welt mit seinem
Jammertal, er wünscht keine Einblicke und ist gegen einen häufig wiederholten
Besuch seiner Leute in der Stadt, bei ihren Genossen, auf den Versammlungen.
Am Sonntag will er sie in seine Kantine zwingen. Wie in einem Ghetto sollen sie
sich fortpflanzen und nichts von allem was sie sind und leisten, ihm
verlorengehen. Die Folgen ermesse man! Was mich betrifft, ist es mir bekannt,
daß die Gausenfelder Körperverletzungen um viele Prozent unsere sonstigen
übersteigen. Niemand wundere sich, wenn ich, Klinkorum, eines Morgens in
einer Blutlache aufgefunden werde! Wäre ich nicht der Ordnungsmann, der ich
bin, ich wüßte die Stelle zu finden, wo die Öffentlichkeit sich packen ließe.“ —
Ja, die murrenden Gebildeten warfen bei einer neuen Flasche Wein sogar die
Frage auf, ob ein Mann von mittlerem Einkommen, aber einer gewissen
geistigen Höhe, mit seinem Glück und Dasein denn wirklich gebunden sei an
den Bestand der jetzigen Dinge. Als die Flasche leer war, sahen sie das
Schlimmste voraus, eine Katastrophe, ein Weltenende. „Ich sehe es,“ rief
Klinkorum, vom Geist berührt. „Ich sehe, daß einer aufstehen wird und mich
rächen!“ — wobei er sich fester in die Ecke setzte.
Der Arbeiter sagte, drüben im Hofzimmer, seinen beiden jungen Brüdern gute
Nacht; und bevor er sein Fenster schloß, stand er dann im Wind, quer über die
breite Stirn liefen ihm die zusammengewachsenen Brauen, er machte Fäuste,
stemmte die Schultern hinauf, als höbe er eine Last, — und dachte mühselig
weiter, tastete sich im Dunkeln ein Stück an seinem Schicksal hin, wie es denn
aussehe, wohin es denn verlaufe mit den anderen in der Welt. Ihm schien es
dunkel und windig, wie das öde Feld, auf das er hinaussah und das endete mit
dem Friedhof. Zwischen sich und dem Friedhof fand er nichts als
Ungerechtigkeit und Haß.
Beim Abschied lenkten die Studierten ein. Die reichen Leute hatten natürlich
ihre unermeßliche soziale Nützlichkeit. Und nach außen verbürgten sie unser
Ansehen, unsere Schlagkraft, die Erweiterung unserer Grenzen. Übrigens waren
nicht alle reichen Leute wie Heßling, — und selbst Heßling, war seine
Tüchtigkeit denn zu verachten? Im Gegenteil zog ganz Netzig Nutzen aus ihr.
Die wenigen Gausenfelder Aktien, die er damals bei seiner großen Operation, als
er Generaldirektor wurde, in fremden Händen gelassen hatte, waren seltene
Kostbarkeiten geworden, sie vererbten sich vom Vater auf den Sohn. Jeder der
drei Herren vermutete von den anderen, daß sie welche hätten, und da sie es
nicht gestanden, gestand auch er es nicht. Beim Abschied fragte jeder, mit
unbeteiligtem Gehaben: „Wie stehen sie denn jetzt?“
Der Haß! fühlte der Arbeiter Balrich. Mit ihm gehst du schlafen und stehst wieder auf mit ihm. Vor sechs, den Rockkragen hinauf und los, den fröstelnden
grauen Weg nach der Fabrik, zu Hunderten schweigend und trabend, Trab hinter
sich, vor sich, in sich, Trab wie Maschinenlauf. Alle verschrieben der
Ungerechtigkeit, alle unter dem unablässigen Druck des Hasses, gewohnt wie
schlechte Luft und Lärm von Maschinen. Und dabei, welcher war der ärgere
Feind? Heßling, für den man sich krumm rackerte, oder dieser Simon Jauner, der
es auch tat, — aber seit heute stand er bei der Papiermaschine am Platze
Balrichs, unten, wo die fertigen Bogen ankamen und wo man von der Tür her
Luft hatte. Den besten Platz hergeben müssen, an einen, der früher einmal etwas
gehabt hatte mit der Frau des Maschinenmeisters Polster! Noch dazu war sie die
Schwester seines Schwagers Dinkl. Balrich schwitzte den ganzen Morgen mehr
von Wut als von der Hitze. Als aber der Inspektor vorüberkam und ihn fragte
wieso, biß er die Zähne zusammen. Das war unsere Sache und nichts für die
Herren oben! Der Inspektor freilich wußte Bescheid, denn mit der Frau des
Maschinenmeisters hatte er jetzt selbst etwas. Daher meldete er sich auch bei
dem Herrn Oberinspektor, und beide gingen, als es Mittag läutete, sogar zum
Generaldirektor hinein. Dann ward der Maschinenmeister hineingerufen und
kam sogleich wieder herausgeflogen, der dicke Hahnrei, rot bis auf die Glatze.
Und dann hatte Balrich seinen Platz zurück, Heßling war gerecht gewesen.
Darüber sprachen alle auf dem Weg zum Essen. Kam ein Beamter vorbei,
sagten manche recht laut, Heßling sei gerecht gewesen, — auch Jauner sagte es,
denn so war er. Balrich, an den sich viele von ihnen heranmachten heute, dachte
den ganzen Tag über die Sache nach, denn Heßling war gerecht gewesen, und
das ging nicht. Erst am Abend, vor seinem Fenster, hatte er es. Gewiß hatte auch
Heßling von den Liebesgeschichten der Polster etwas erfahren und ihm lag nur
an der Ordnung, seinem eigenen Vorteil. Um so schlimmer, dann konnte er
gerecht sein, weil es sein Vorteil war, und die Reichen wurden reicher sogar
durch ihre Tugend . . . . So stand es, dachte er gleich am Morgen wieder, denn es
war Sonntag. Da begann aber schon, droben in der Ferne, das Gebetplärren
seiner Schwester Malli, und kaum daß es aus war, ein großes Gekeif.
Diesmal hörte er auch Leni, seine jüngere Schwester, mitschreien, weshalb er
schnell hinging um nachzusehen. Es gab einen ganzen Kübel voll Dreck. Malli
wollte Dinkl ertappt haben bei Leni hinter dem Bretterverschlag; und hinweg
über ihren großen Bauch, woran drei Kinder sich festhielten, schrie sie ihm zu,
er solle sich nichts einbilden, er sei nicht der einzige, — indes Leni aufheulte
und Dinkl aus Verlegenheit seine komischen Gesichter schnitt.
„Schäm’ dich!“ sagte Balrich zu der verheirateten Schwester. „Ich weiß ganz
genau, daß das wieder nur ein Schwindel von dir ist.“ Und er zog Leni an seine
Schulter. Denn obwohl er gar nichts wußte, war es unmöglich, daß sie so etwas tat. Er hatte sie lieb. Er hatte sie so viel lieber als Malli, daß er ein schlechtes
Gewissen fühlte und nichts mehr sagen mochte. Leni durfte noch hübsch, leicht
und sauber sein, Malli, die ärmste, ward es nie wieder. „Und ich, wenn ich erst
verheiratet bin, werde aussehen wie Dinkl.“ Malli hatte früher nicht gelogen.
Jetzt ward nach dem Aufstehen gebetet, und dann sofort eine Klatschgeschichte,
die das ganze Haus durcheinander brachte. Alle hier waren gute Leute, und
handelten infolge ihrer Armut als seien sie böse Leute, — indes Reiche, die nicht
gut waren, sogar gerecht sein durften.
Schön, jetzt trat die Polster auf und behauptete, Dinkls hätten ihr Milch
gestohlen. Neuer Krach, neue Tränen, und durch die Aufregung kamen bei Malli
die Wehen. Die Polster half ihr sofort wie eine wahre Schwester, zog sie aus,
bettete sie, versprach ihrem Bruder Dinkl sein Essen und nahm die drei Kinder
mit sich. Sie selbst hatte keine, darum konnten Polsters sich zwei schöne
Zimmer halten. In dem einen standen Plüschmöbel, Blattpflanzen und ein
Phonograph, es kam wohl auch von den Freundschaften der Frau. Aber wenn
man das hätte genau nehmen wollen! Dinkl hatte noch die besondere Freude,
daß das Familienereignis auf den Sonntag fiel und Malli voraussichtlich nicht
mehr als zwei Arbeitstage verlor. Nachmittags, gerade als Balrich wieder
nachfragte, kam hoher Besuch, Frau Generaldirektor Heßling und ihre
Schwägerin Buck. In der Tür blieben sie stehen, sie machten Gesichter, als ob es
ihnen an die Gurgel ginge. Wahrscheinlich wirkte die Luft hier so, wenn du sie
nicht gewöhnt warst. Sie aber schienen sich deswegen zu genieren und fingen
an, auf Malli einzureden wie auf einen kranken Kanarienvogel. Mit der
Hebamme flüsterten sie und zogen die Brauen hoch. Balrich sah sich so lange
und genau die Buck an, bis die Heßling es merkte und halblaut: „Emmi!“ rief,
wobei sie sie streng am Arm packte. Dabei ließ die Buck ihre Tasche fallen und
Balrich, mit einem Sprung, hob sie auf. Als er sie ihr hinhielt, zog sie zuerst die
Hand zurück, dann erst unter dem Blick ihrer Schwägerin griff sie zu.
Inzwischen beroch er sie, denn sie roch nach Veilchen. Sie war noch hübsch, die
Figur war, wie unsere Mädchen sie nur bis zwanzig haben. Auch Leni hatte so
goldblondes Haar, aber das der Buck war nicht verstaubt. Endlich, während sie
die Tasche nahm, sah sie ihn sogar an und lächelte, etwas schüchtern und
sozusagen besänftigend. Vor seinen zusammengewachsenen Brauen machte ihr
Lächeln aber sogleich kehrt. Darauf trat Balrich hinter den Bretterverschlag
Lenis.
Dinkl kam zu ihm, stieß ihn in die Seite und wisperte, warum er sich
verkrieche. Die eine sei scharf auf ihn, da habe er einen schönen Posten in
Aussicht. Dinkl machte Witze, weil es ihn nichts anging. Balrich, den es anging,
hatte ein Gefühl in der Brust, wie er es einmal gehabt hatte, als er entlassen worden war. Die Buck hatte ihn behandelt wie ein Tier, — man fürchtet es und
nimmt es doch nicht ernst; nicht aber wie einen Mann.
Nun gingen sie, Dinkl, scharwenzelnd, brachte sie hinaus, da geschah ein
Unglück. Aus seinem tiefen Bückling war Dinkl noch nicht wieder
aufgekommen, als sie es schon hatten und auf der Treppe lagen, die Heßling
verlor den Hut samt der Hälfte ihrer weißen Haare. Über dem Geländer hoch
droben wälzten die Dinklschen Kinder sich vor Lachen, — worauf der Vater zu
begreifen anfing. Mit geschwungener Faust verjagte er die Kinder und half dann
den Damen. Zum Glück nahte von unten der Herbesdörfer, so brachte man sie
bald wieder auf die Füße. „Mein Gott, was war denn das!“ riefen sie, auf einmal
mit ungezwungenen Stimmen. „Ist hier auf den Stufen nicht Seife?“ Dinkl wollte
es leugnen oder unbegreiflich finden, Herbesdörfer erhob seine eingerostete
Stimme nur zu einem „Achtung!“ und breitete die starken Arme aus, für alle
Fälle. Sie aber baten die beiden Arbeiter, nachzusehen, wie es rückwärts um sie
stehe, und als Dinkl durchaus keine Seife an ihnen fand, fanden sie selbst sie.
„Was jetzt! Wir müssen doch zum Tee in die Stadt. Noch einmal nach Hause
und uns umkleiden?“
Dinkl riet hierzu, sie wieder meinten: „Das kostet eine halbe Stunde, und was
sagt die Generalin!“
Angelegentlich wandten sie sich an Herbesdörfer, um auch seine Ansicht zu
erfahren, freilich ohne Erfolg, er machte ein barsches Gesicht. Die Polster kam
herzu, schlug die Hände zusammen und erbot sich, von den Kleidern alles
abzuwaschen, — worauf eine technische Verhandlung folgte. Sie blieb ohne
Ergebnis; so drang Dinkl durch, mit seinem Hinweis auf die besondere
Leistungsfähigkeit des Heßlingschen Autos.
„Das muß wahr sein,“ sagte Frau Generaldirektor Heßling, „es ist ein
Charron.“
Dinkl gab zu bedenken, ob nicht die deutsche Industrie den Vorzug verdiene,
selbst wenn sie nicht ganz so leistungsfähig sein sollte. Ernste
Meinungsverschiedenheiten erwuchsen hieraus nicht, unter dem
Entgegenkommen beider Teile setzte die Unterhaltung sich fort bis vor das Haus.
Erst beim Anblick ihres Chauffeurs ging durch die Damen ein sichtbarer Ruck,
und als sie gar im Auto saßen, erwiderten sie den Gruß der Arbeiter nur noch aus
den Augenwinkeln, ohne den Kopf zu rühren.
Dinkl fand sich damit ab, er stand, als das Auto fort war, und lachte, daß sein
Gerüst wackelte. Die Kinder, die nachgeschlichen waren, bekamen vom Vater
ihre Ohrfeigen, aber er lachte dabei, und alle mit, die Polster samt den
Nachbarinnen.
Als die Bande wieder hinaufstürmte, würde sie den Karl Balrich überrannt haben. Er stand auf dem Treppenabsatz und schien vertieft in den Seifenfleck. Er
machte ihnen Platz, lachte aber nicht wie sie, sondern faltete die Brauen . . . Sein
Schwager klopfte ihn auf die Schulter und nahm ihn mit in die Kantine; der
Malli seien sie doch bloß lästig in ihrem Betrieb.
Die Kantine war voll, von allen Tischen wurden Fragen geschrien wegen des
hohen Besuches und der Seife. Der Vorfall mit der Seife beschäftigte alle. Seife
war das Stichwort für Witze, die sich alle ähnlich sahen, und jeder erregte das
gleiche Gebrüll.
Zu Balrich, Dinkl und Herbesdörfer setzte sich stumm der alte Malermeister,
der seit kurzem im Keller bei Klinkorum wohnte. Er war umhergezogen und
hatte sich eben durchgeschlagen, ein unruhiger Taugenichts, bis er es gut fand,
seine altgewordenen Knochen an den Ort zu tragen, wo er Heimatsrecht und
Verwandte hatte. Er und Balrich sagten nichts, — bis Herbesdörfer sie etwas
fragte. Er hatte eine Aussprache wie ein Wilder und äußerte sich so angestrengt,
als verlernte er das Sprechen von Tag zu Tag. Er fragte: was den reichen
Weibern denn einfalle, daß sie ungebeten eine Arbeiterin in den Wehen zu
begaffen kämen, wie eine Kuh. Dinkl stieß ihn heimlich an, und unter dem Tisch
zeigte er ihm das Zwanzigmarkstück, das die Besucherinnen dagelassen hatten.
Laut sagte er: „Sie haben Langeweile gehabt. Das Teewasser bei der Generalin
hat noch nicht gekocht.“
Balrich inzwischen atmete schneller. Er war im Begriff, sich aufzurichten und
zu bekennen, daß auch die Reichen ein Herz haben könnten! Denn vor sich hatte
er das schüchterne Lächeln der Emmi Buck, und mitten in dem Qualm hier
berührte ihn ihr Veilchengeruch. Da sah der alte Maler ihn an mit seinem
Grinsen im Bocksbart und nahm ihm das Wort weg.
„Ich weiß Bescheid, — seit ich ein reiches Luder habe laufen gesehen, weil
eine Arbeiterin mit dem Arm in der Maschine hing. Sie hatte vorgesorgt, daß ihr
so etwas gleich gemeldet werde.“
„Das hast du selbst gesehen, Onkel Gellert?“ fragte Balrich drohend. Denn er
dachte an die kleinen Mädchen, die der Alte an sich lockte.
„Ich selbst, — und die Arbeiterin war später meine Frau, deine Großtante.“
„Ja, dann,“ murmelte Balrich und sah den Tisch an. „Nicht hinsehen wo Geld
ist, das ist das beste.“ Und innerlich bat er es seiner Schwester Leni ab, daß er
ihr, fast eine Stunde lang, die Reiche vorgezogen hatte.
Simon Jauner schlich herbei; was Balrich ganz leise sprach, hatte er doch
gehört; und er schlug auf den Tisch, als habe er Wut. Ansehen das Geld, sei
zwecklos. Aber so! Und mit krummen Fingern grapste er über den Tisch hin.
Balrich, der ihn kannte, sagte gelassen: „Ich esse lieber mein selbstverdientes
Brot,“ — und schnitt aus seinem Brot einen Würfel. Da ließ Jauner sich in die Bank gleiten, grade neben Balrich. Nun er Balrich von seinem Platz an der
Maschine nicht hatte verdrängen können, fand er es wohl geraten, sich
anzunähern. Er faßte sogar treuherzig den Arm des andern und sagte
eindringlich:
„Dein Brot? Heßlingsches Brot, willst du sagen! Denn in seiner Fabrik
verdienst du nur gerade so viel, daß du in seiner Kaserne wohnen und in seiner
Kantine essen kannst. Was darüber ist, ist vom Übel,“ schloß er hämisch, und
zeigte zuerst Balrich, dann den anderen seine gelben Zähne und seine gelben
Augen. Sie wußten wohl, sie würden kein Wort sprechen, das der Inspektor nicht
erführe; denn er hatte dem Jauner geschadet, wer mußte also beflissener gegen
ihn sein als Jauner. Dennoch hielten sie nicht an sich. Kantine und Kaserne, zu
wahr, brachten dem Heßling mit Zins wieder zurück, was er ihnen zahlte. Der
Strom des Geldes rollte endlos unweigerlich in die eine Tasche, sie aber mit
ihren Schwielen standen lechzend daneben, sie, ihre Frauen, ihre Kinder. Sie
machten ihre Kinder für Heßling, wie sie für Heßling die Ware machten, wie sie
für Heßling aßen und tranken. „Prost Haßling!“ rief Dinkl, und an allen Tischen
riefen sie mit; denn gut war es, den Haß in ein Wort zu fassen, den Haß einmal
deutlich aus den Zähnen zu lassen und bitter im Glas zu schmecken. Man ging
mit ihm schlafen und stand auf mit ihm, — nur Gestalt fehlte ihm, Fäuste hatte
er nicht. Wir haben jeden Augenblick, jeden von allen, die wir erleben, alles im
Bewußtsein: die ungerechte Gewalt, unter der wir stehen, benachteiligt auf
Schritt und Tritt, beim Einatmen und beim Ausatmen, mißbraucht, verachtet,
hinter das Licht geführt. Ihr bildet euch ein, wir vergäßen? Jawohl, ihr denkt, wir
riechen unsere schlechte Luft nicht mehr, in den überfüllten Stuben der
Kasernen, die ihr uns baut. Arbeiterhäuser A und B, das heißt nicht arbeite und
bete, wie der Konsistorialrat Zillich bei der Einweihung erzählt hatte; es heißt
Affenbude oder alles be—. Wir riechen, und wir vergessen nicht. Sehr
begreiflich, bemerkte Balrich, daß den Damen Heßling und Buck, wie sie
eintraten, der Gestank an die Gurgel ging, und komisch bloß, daß sie sich
deshalb zu genieren schienen. „Hätten wir sie in der Gewalt, wie sie uns haben,
wir würden nicht so viele Umstände machen!“ Dinkl und Jauner erklärten auf
das deutlichste, was sie mit den reichen Weibern heute gemacht haben würden,
trotz den weißen Haaren der einen. Einen Laut aber, der Schlimmeres verhieß,
stieß Herbesdörfer aus. In seinem geröteten Kopf war die Kartoffelnase weiß wie
der nackte plumpe Hals, und die Augen hinter den runden Brillengläsern starrten
blind, als hätte er Gesichte.
Dinkl inzwischen war in die Mitte getreten, schob die Daumen in die
Achsellöcher seines gelbkarierten Röckchens und machte vor, wie er
spazierengehe. Ein feiner Fatzke begegnete ihm. Den feinen Fatzke mußte Jauner machen; er nahm sein steifes Hütchen vom Rechen und drückte die
Beulen heraus. Bei ihm angelangt, schleuderte Dinkl ihm die Faust bis nahe
unter das Kinn, wobei Jauner übermäßig erschrak. Dinkl aber tat, als habe er nur
die Zigarette an den Mund führen wollen. Alle lärmten Beifall. So war es! Jeden
Reichen konnte man mit einem Finger erschrecken, daß er in Ohnmacht fiel,
denn sie schliefen immer. Sie gingen in den Straßen und merkten nicht, wie sie
unter uns Arbeitern vereinsamt waren — bloß noch die Polizei war da —, und
wie ihre Pelzmäntel sich verloren zwischen den vielen geflickten Sommerjacken.
Sie merken nichts, sie schlafen. Nie, denken sie, kommt es anders. Denn sie sind
es gewöhnt, sie hatten es leichter als wir, sich zu gewöhnen.
Hier war Herbesdörfer fertig mit seinen Vorbereitungen, auszusprechen, was
er sah. Er zeigte seine riesigen Hände her, ein Finger war weiß verbunden, —
öffnete und schloß sie, daß sie knackten, und sagte mühsam vor Kraft:
„Das Ganze kommt anders!“
Balrich, gegenüber, hörte ihm achtungsvoll zu. Dadurch entging es ihm fast,
daß der alte Gellert ihn leise in die Seite stieß und ihm etwas anvertraute. Er
schien es lange in sich unterdrückt zu haben, und nur die gesteigerte Stimmung
der Umgebung bewirkte es, daß sein letzter alter Zahn sich aufhob und etwas
herausließ.
„Längst schon könnte es anders sein,“ wisperte er. „Auch umgekehrt wär’ ein
Schuh geworden. Hab’ ich Heßling mit gegründet, was fehlt dann viel, und ich
wäre, was er ist.“
Sein Großneffe sah ihn an; der Alte kniff die Lippen und machte sich klein,
als habe er nichts gesagt. Balrich stutzte kurz; schon zuckte er die Achseln,
Geschwätz ohne Kraft war nicht achtbar.
Auch kamen eben jetzt die Genossen auf die Partei zu sprechen. Die Partei
war mit nichten einwandfrei, sie enthielt Elemente, die mehr an sich dachten, als
an die arbeitende Klasse. Jauner, als der Mißvergnügteste, kennzeichnete den
Genossen Napoleon Fischer, unseren Abgeordneten, der Geschäfte gemacht
hatte, aber bessere für sich als für uns. Er stand gut mit Heßling und wußte auch
der Regierung nichts mehr abzuschlagen. Was bekam er für die Unmenge
Militär, die er bewilligte? Wieder eine Versicherung, wieder eine Fürsorge. Und
hatte doch gearbeitet, sogar bei Heßling. Was hoffen von den anderen, mit den
weichen Händen.
Dies war wohl richtig; dennoch wagte sich der Beifall viel weniger
entschieden heraus, als vorhin, gegen Arbeitgeber und besitzende Klasse.
Hiermit war nicht zu spaßen, und was Jauner dem Parteibeamten wieder
erzählte, konnte dir schlechter bekommen als sein Bericht an den Heßlingschen
Herrn Oberinspektor. Soviel ließ sich wohl sagen, daß die Versicherungen und Fürsorgen ihre zwei guten Seiten hatten, eine für uns und eine für die Reichen,
denen sie zu einem besseren Schlaf verhalfen. Dinkl, als der Unvorsichtigste,
ging weiter und behauptete, das zweite sei die Hauptsache, und der alte Arbeiter,
der von dem Pensionsplunder leben könne, sei noch nicht geboren.
„Mein eigener Vater, wie oft ich ihm ins Gewissen rede, vor Mittag, wenn wir
Männer noch nicht aus der Fabrik zurück sind, geht er mit seiner Eßschüssel bei
den Nachbarinnen umher.“
Hierzu war der Alte genötigt, weil seine Kinder ihm das Geld seiner
Altersversorgung abnahmen und ihm nicht satt dafür zu essen gaben. Dies wußte
man; aber welcher Vorwurf traf einen Kameraden, der Frau und vier Kinder
hindurchbrachte. Besser, es hungerte ein Alter.
Herbesdörfer, längst nicht mehr wild, hatte ein von der Furcht
zusammengezogenes Gesicht und jammerte in rauhen Lauten vor sich hin. Er
beklagte sich über den Kassenarzt, der ihn schon wieder zur Arbeit schickte,
obwohl er im Knie seit seinem Unfall noch immer eine Schwäche hatte. Er hatte
die Schwäche nicht, wenn er draußen umherging; aber kaum in der Fabrik, hatte
er sie; und die Furcht, hineinzufallen zwischen die Mühlräder und zermahlen zu
werden mit dem Holzstoff, machte ihm Schwindel.
„Das kenne ich,“ sagten sie an den anderen Tischen. Denn sie kannten es.
„Man hat doch nur seine Gliedmaßen. Frau und Kinder haben nur meine
Gliedmaßen. So ein Doktor tut immer, als wachsen sie nach.“
„Der wächst nicht nach!“ schnaubte dort hinten einer, und reckte in den
Schein der Lampe seine Hand, der ein Finger fehlte. Da hob auch Herbesdörfer,
rauh winselnd, seinen verbundenen Finger zum Licht hinauf; und über zwei
Tische, und dann nebenan, und dann an jedem kamen Finger ans Licht, dick
umwickelt und weiß inmitten einer Hand, die dunkel befleckt war von den
unvergänglichen Spuren der Arbeit. Wie alle diese verbundenen Wunden durch
die Luft geschwenkt wurden, roch man auf einmal deutlich den dünnen scharfen
Geruch, der unter den Ausdünstungen der Körper und dem Tabaksqualm,
halbvergessen immer da war, den Geruch des Karbols.
Auch Karl Balrich sah einen seiner Finger in Leinen gewickelt, er prüfte ihn,
die Brauen gefaltet, unter dem Tisch. Jeder in diesem Augenblick hatte ein
Gesicht, das den allertiefsten Ernst des Lebens trug. Da, in einer Stille, sagte
Balrich:
„Das hat seine Zeit, und dann kommt die Gerechtigkeit.“
„So ist es!“ sagten sie, und ein Geschwirr entstand, aus leisen Zustimmungen,
den halben Lauten der Gläubigkeit. Auf dem Wege sind wir, zur Gerechtigkeit,
— und sähest du täglich mehr, daß er lang, ist, gezählt sind die Tage der
Reichen. Wir werden, mit dem was jetzt sie uns kosten, selbst reich sein, alle; werden in gelüfteten Sälen gemeinsam unser gutes Essen haben, und Maschinen,
die uns gehören, arbeiten für uns. Mit jenen aber wird es aus sein. Wäre dem
anders, warum säuft man nicht, oder bricht ein.
Das tun wir nicht, weil wir vernünftiger sind als sie. Wir können frei
aufatmen, so, ganz frei, mitten in unserer Stickluft, denn bei uns sind Vernunft
und Zukunft. Ihr dort seid erblindet durch den Besitz, ihr wißt nicht einmal mehr,
was ihr in Händen habt. Wer unter euch schätzt das Wissen, den Geist, gleich
uns? Ihr habt ihn vergessen, in eurem Fett. Wir, wir begreifen, daß er es ist, der
die Welt erobert, und daß er auch wieder ihr Ziel ist. Jede Bibliothek, die wir
zusammenbringen oder abringen eurem Geiz, ist ein Wegmal für unsere
Heraufkunft und euren Untergang.
Dinkl, mit einem Luftsprung von seinem Sitz auf, rief aus:
„Nichts freut mich, wie die hunderttausend Mark, die ihn die Bibliothek
kostet!“
Und alle frohlockten über diese Niederlage des Generaldirektors. Kämpfe
freilich kostete noch die Verwaltung der Bibliothek, denn satzungsgemäß
stimmten auch Beamte beim Ankauf der Bücher, und verhinderten, soviel sie
konnten, die Aufnahme der Parteischriften. Herbesdörfer schmunzelte, tief
befriedigt. Seit gestern hatte er, sicher verschlossen in seinem Zimmer, „das
Kapital“.
Da betrachtete Balrich ihn, sein armes grobes Gesicht, das verriegelt aussah
und hinter seiner großen Brille immer in Anstrengung und Angst schien, ob es
nicht endlich sich öffnen, klarsehen und begreifen werde, sein tapferes,
vergeblich ringendes Gesicht.
„So steht es um uns,“ fühlte Balrich. „Wir sind zu schwach, obwohl wir die
Stärkeren scheinen. Die Bücher, mit denen Ausbeutung und Elend zu besiegen
wären, liegen in unserer Lade, wir aber sitzen hier, verbraucht vom Knechtstum
der ganzen Woche und ohne Handhabe, um unsere Waffen nutzen zu lernen.
Kommt dennoch einer von uns dahin, die wissenschaftlichen Werke zu erfassen,
seinen Kindern kann er es darum nicht leichter machen. Wir bleiben, wo wir
sind. Trachten wir das Glück zu genießen, das Armut uns erlaubt!“
Hier erinnerte er sich, daß ein Mädchen auf ihn wartete — sein Mädchen,
wenn er wollte. Aber wollte er, und mußte es diese sein? Er stieg aus der Bank
ohne Eile, trat noch an den Tisch drüben, hätte sich fast daran niedergelassen, —
und als er dann hinausgelangte, stand dort hinten unter der Friedhofmauer schon
das Mädchen. Sie stand in ihrem braunen Tuch ein wenig gebeugt, als wartete
sie seit einiger Zeit, und sah ihn erst, als er schon nahe war.
„Thilde!“ rief er aufmunternd, worauf sie ihm ein Gesicht zeigte, das voll
Gram war. Er kam aber so mutig herbei, breit, spannkräftig und fest, mit dem dunkeln Schopf unter der Mütze hervor, so wohlgeraten kam er, daß sie ihm
dennoch entgegenlächelte.
„Warst du schon drinnen?“ fragte er gedämpft und wies nach der
Friedhofpforte.
Sie nickte. „Mein Kleines hat alles was es braucht. Wenn auch wir das
hätten.“
„Das sollst du nicht sagen,“ verlangte er; und zarter: „Gehen wir noch einmal
hinein?“
Da sie den Kopf schüttelte, bestand er nicht darauf. Es machte nur traurig, und
hatten sie nicht beide mehr vor als hinter sich? „Komm fort!“ sagte er bestimmt,
nahm ihren Arm und ging schneller. Im Schatten der Mauer, von der Büsche
hingen, drängte, sie sich an ihn mit den Hüften. Sie waren breit, die Brust voll,
und dazu das magere Gesicht, aus dem sie bange zu ihm aufsah.
Am Ende der Mauer pfiff sogleich der Wind. Balrich wickelte Thilde fester
ein. Erst März; kahl dämmerndes Feld; und sie stapften durch Regenlachen.
Rechts zwischen dürren Bäumchen die Villen, genannt Arbeitervillen; aber fast
nur noch Beamte wohnten darin. Als Arbeiter mußte man sehr wohl gelitten
sein. „Der Jauner wird hereinkommen, wir nicht.“
Und wegen der Pfützen bald getrennt, bald wieder beisammen, begannen sie
zu rechnen. Balrich hatte seine zwei jungen Brüder, der eine noch schulpflichtig,
der andere unbezahlt. Das kleine Mädchen Thildes war keine Last mehr, sagte
Balrich. Nur noch ihre Mutter, zu schwach um zu arbeiten, hing an ihr. „Wäre
das nicht,“ sagte er, im Drang sie zu schützen, „du solltest gar nicht mehr
arbeiten, du Ärmste, und ich für zwei.“
Hierauf sah sie ihn an, bitter und mißtrauisch, und mit einer höheren,
schärferen Stimme sagte sie, daß sie nichts brauche und ihre Mutter sei ihr so
wenig zur Last, wie früher das Kind. „Du möchtest wohl, auch sie läge schon
draußen!“
Da merkte Balrich, daß sie einander nicht verstanden, — und wollten einander
doch lieben? Er hätte darauf bestehen sollen, daß sie zusammen an das Grab
gingen. Nun argwöhnte sie, daß er ihr das Kind verdenke, vielleicht immer es ihr
verdenken werde. „Das nicht,“ fühlte er. „Das wirklich nicht. Aber sie hat ihr
Leben gehabt, bevor ich da war. Sie hat einen andern gekannt, und ich glaube
zwei. Nun denkt sie von mir bisweilen nicht gut.“
Sie war zwanzig, so alt wie er; und auch er hatte schon zwei Mädchen gehabt.
Ihm aber war nichts zurückgeblieben, er hätte lieben können wie das erstemal.
Nur, warum denn diese, die manchmal so fremd schien, als sei sie aus einem
andern Land. Durch sie hindurch erblickte er plötzlich seine Schwester Leni,
unberührt, unbeschwert und vertrauend auf das Glück. Das war sein Blut, sein Land, war die gute Zukunft. Diese hier, wie müde!
Fühlte sie denn, was er dachte? Anklagend erhob sie nochmals das Gesicht
gegen ihn und sagte in einem Ton, der weh tun wollte: „Gib acht auf deine
Schwester Leni! Sie ist vor dem Kind nicht sicherer als wir anderen.“
Balrich ließ sich aber nicht wehtun. Er nahm fest ihren Arm in den seinen und
sagte sanft:
„Dein Kind war ein gutes und liebes Kind.“
Er erlaubte ihr nicht, sich loszumachen, und am Ende gab sie nach, sank leise
gegen ihn, und aus ihren geschlossenen Augen rannen Tränen. Langsam, in der
Dämmerung und im Wind, erreichten sie den „Arbeiterwald“, der Bänke hatte.
Umschlungen setzten sie sich auf eine feuchtkalte Bank, unter großen schwarzen
Ästen ohne Blätter. Vor ihnen die Fabrik, und hinter den drei Reihen der
Fabrikgebäude ging die Sonne unter, von Wolkenstreifen überzogen wie von
Rauch. Sie starrten in die Röte und dachten beide, daß es gut wäre, warm zu
haben. In ihrem Rücken, hinter hohen Planken, lag der „Herrschaftswald“,
begann hier wild, und immer gepflegter, blumiger und geschützter gegen den
Wind und gegen die bösen, sehnsüchtigen Blicke, umgab er endlich als süßer
Garten die Villa Höhe, das verbotene Paradies.
„Dort friert es keinen,“ sagte das Mädchen. Der Arbeiter sagte:
„Dort können sie ernähren, wen sie lieben.“
Da die Sonne fort war, der Wind kälter blies und es anfing zu regnen, standen
sie auf. Thilde wollte umkehren, Balrich aber strebte der Fabrik zu. Er wisse eine
Unterkunft beim Regen. Auch Thilde sah sie wohl, es waren die Waggons, die
von der Fabrik zum Bahnhof fuhren. Dort hielten sie, einer mit offener Tür. Das
Mädchen sträubte sich, hineinzusteigen.
„Weil die Lumpen darin so schlecht riechen?“ fragte er. Sie antwortete:
„Was soll mir das machen. Ich stehe mein ganzes Leben in einem
Lumpensaal.“
Und sie ließ sich hineinhelfen.
„Es ist doch trocken hier auf den Lumpen,“ sagte er.
„Und sogar warm,“ flüsterte sie und überließ sich seinen begehrlichen
Händen.
Da sie an seine Brust gedrängt im Dunkeln nach seinen Augen suchte, schloß
er sie, allein mit seinen Gedanken. Dies war das Beste was wir hatten — und
machte doch alles nur schlimmer. Die Liebe war eingesetzt, damit es mehr
Proletarier gebe. „Für Heßling arbeiten wir, selbst hier, — und freilich auch für
unsere Führer. Heßling und unsere Führer sind darin einig, daß wir nicht
zahlreich genug sein können. Denn beide brauchen sie Menschenmaterial.“
Das Mädchen sagte:
„Dies haben wir doch. Dies nimmt uns keiner. Küß’ mich, du Lieber!“
Aber sie fuhren auseinander, ein Schlag dröhnte an der Wagenwand, und in
die Tür trat ein großer Umriß. Der Aufseher! Er schalt auf das Gesindel, das in
den schönen Lumpen seine Schmutzereien treibe. Als Balrich hervorkam, hielt
der Beamte ihn fest und suchte ihm mit seiner Taschenlampe in das Gesicht zu
leuchten. Balrich stieß ihn aber zurück, zog auch Thilde heraus, und schon liefen
sie. Verfolgt von Schimpfreden liefen sie durch den Regen, jeder für sich, und
wußten schon nicht mehr im Dunkeln, wo ist der andere. Nahe beim Friedhof
erst fanden sie sich wieder. Da sah er unter der Laterne, wie durchnäßt sie war,
denn beim Fliehen hatte sie ihr Tuch in den Händen des Aufsehers gelassen. Er
zog sogleich seine Jacke aus und hängte sie um sie und sich. Ganz aufeinander
geneigt gingen sie nun, ein Kleid, und man konnte deuten, ein Herz. Sie aber
zitterte vor Kälte und er vor Zorn.
Die Kantine war nur noch schwach erhellt, kein Laut drang heraus, vor der
Tür nur erkannten sie Simon Jauner — und bei ihm, an der Mauer, zwei
Schatten, die aussahen wie Herren.
War dies nicht der Herr Oberinspektor selbst — und jener gar, o Gott!
Geduckt schlichen sie vorüber, ein Kleid, ein Herz. Hinter ihnen sagte die
Stimme eines Herrn:
„So gut haben es nur solche Leute.“