Die Armen: Ein Roman
II Der Arbeiter und das Bürschlein
II
Der Arbeiter und das Bürschlein
Zweitnächsten Sonntag kamen die Familien Dinkl und Balrich mit dem
Neugeborenen Mallis über das Feld zurück von Beutendorf, wo es getauft war.
Alle gingen geradeswegs in die Kantine und tranken, der Säugling an der Brust.
Sie saßen an einem langen Tisch und noch allein. Als andere Gäste eintraten,
hatten sie schon zu Mittag gegessen und waren aufgeräumt. Der Großonkel
Gellert, vertrocknet unter seinem schwarzen Gehrock und mit dem Grinsen im
Bocksbart, vollführte einen Tanz, verbunden mit Händeklatschen und Gestampf,
um seine Nichte Leni her. Er behauptete, draußen irgendwo Derartiges gesehen
zu haben.
Dann fiel er freilich auf die Bank und blies mühsam aus seinen Hängebacken.
Indes ringsum Lärm war, beobachtete Karl Balrich gespannt das Wackeln des
Alten und seinen Blick, der sich greisenhaft verglaste. Plötzlich, das Auge auf
ihm, raunte er ihm zu:
„Onkel, was war es damals, mit dir und Heßling?“
Gellert starrte verständnislos. „Damals?“ fragte er. Balrich nickte fest.
„Mit dir und — du weißt schon.“
Denn er hatte sich entschlossen, ins reine zu kommen mit dem Geschwätz von
neulich. „Was fehlt viel, und ich wäre, was er ist,“ hatte der alte Tunichtgut
gesagt, von sich und dem Generaldirektor. Geschwätz, dachte Balrich, so oft es
ihm einfiel, und doch fiel es ihm ein. Jetzt wartete er, bis der da kam, — und
schon kam er. Er begriff, fuhr auf und fragte zitternd:
„Hab’ ich denn geschwatzt?“
„Du hast schon zu viel gesagt,“ erklärte Balrich. „Jetzt sag’ auch den Rest!“
„Weiß schon jemand?“
„Von mir kein Mensch. Bist du aber nicht offen mit mir —“
Der Alte winkte beschwörend. „Lieber du als die anderen. Du bist der
tüchtigste. Dein Onkel leider war nicht tüchtig.“
Das sei ihm bekannt, sagte Balrich barsch. Er hatte keinen Sinn für Familienmitglieder, die mit siebzig Jahren ihren Neffen wohl etwas Erworbenes
hätten mitbringen können, und statt dessen fielen sie ihnen noch zur Last. Auch
der Tanz vorhin um Leni her hatte ihm mißfallen.
Der Alte blinzelte erregt. Aus Furcht vor dem Neffen ließ er alles fahren.
„Konnte man denn wissen, damals?“ Man hat einen alten Freund,
Kriegskameraden, Fechtbruder. Mein Strohsack, dein Strohsack, meine Laus,
deine Laus; und auch die Sparpfennige immer auf demselben Brett. Manchmal
waren es Taler. Und als der eine im Städtchen bleiben will, sein Handwerk
treiben und Meister werden, läßt der andere ihm, bis er wiederkommt, seine
Taler.
„Das warst du?“
„Gott sei es geklagt.“
„Und der die Taler nahm, war der alte Heßling.“
„Und der sie auch behielt. Verstehst du wohl?“ wisperte Gellert. Balrich hob
die Schultern.
„Würdest du sie sonst noch haben?“
Da griff der Alte mit Leidenschaft um die Tischkante und rief in der Fistel:
„Nicht die Taler, meinen Anteil an Gausenfeld würde ich haben!“
Kaum ausgesprochen, verfolgte er das Wort auf den Gesichtern der Nächsten.
Sie hatten in ihrem Lärm es nicht gehört. Balrich seinerseits wendete sich
unwirsch weg. Das war einmal der Mühe wert, um solch ein Gefasel noch
nachzufragen. „Mit deinen vier Talern hat er also Gausenfeld gegründet?“
Gellert zischte. „Es waren aber vierhundert weniger vier. Ja doch! Und alles
war von einer Meisterin, bei der ich gearbeitet hatte — gearbeitet, du weißt
schon wie. Mit dem Pinsel, womit ich anstrich, würde ich beileibe das nicht
verdient haben.“
„Unehrliches Geld,“ sagte Balrich. Der Alte meckerte.
„Sie hat es hergeben müssen, sonst holte sie der Teufel.“
„Und der Heßling wußte davon.“
„Vielleicht nicht?“
„Auch ein Lump.“
Gellert ward ernst und verweisend.
„Er hatte es nicht selbst getan. Er war sogar ein strenger Mann. Auch er
nannte mich Lump.“
„Wenigstens gab er dir einen Schuldschein.“
„Das mußte er nicht.“
Balrich schob den Kopf vor und sagte dem andern nahe in das Gesicht: „Jetzt
hab ich genug von deinen, Räubergeschichten.“
Hier fing der Alte zu weinen an. „Ich war es doch,“ schluchzte er, „und du willst sagen, ich war es nicht.“
Er stieß Dinkl an und auch Herbesdörfer, bis sie ihm zuhörten.
„Ein Schuldschein, zwischen alten Kriegskameraden und Fechtbrüdern? Habt
ihr das erlebt?“
Da sie nicht begriffen, erzählte er nochmals das Ganze, begegnete auch ihren
Einwänden und schwor, noch immer sei sein Geld ihm geschuldet. Warum er es
nicht zurückgefordert habe? Als er wiederkam nach mehreren Jahren, war es
nicht mehr da. Vielmehr, es steckte im Geschäft.
„Es steckte im Geschäft? Kannst du das beweisen?“
„Ob ich es kann! Der alte Heßling hat mich doch bei der Hand genommen in
seinem Kontor in Gausenfeld und hat mir alles vorgerechnet.“
Balrich sagte, grabenden Blickes:
„Gausenfeld hat dem alten Heßling nie gehört. Seine Fabrik stand in der
Meisestraße.“
Gellert ward wild.
„Meisestraße oder Gausenfeld, ich sehe ihn noch an seinem Pult beim Fenster,
er kratzte sich hinter dem Ohr und rechnete. Ich sollte nur warten, bald würde
ich anfangen, mit zu verdienen.“
„Du siehst ihn. Hast du sonst keinen Beweis?“
„Daß er auf seinem Pult einen Tintenwischer hatte, und der war ein
Mohrenkopf.“
Dinkl fragte ernsthaft:
„Wielange ist das nun her?“
„Auf den Schlag vierzig Jahre!“ schrie Gellert.
„Das ist Zeit genug,“ sagte Dinkl. „Inzwischen hat der Mohrenkopf vielleicht
das Reden gelernt und kann für dich zeugen.“
Da er selbst sehr lachte, wandten die anderen Gäste sich her und wollten
hören. Dinkl schickte sich auch an, ihnen seinen Witz zu erläutern; Balrich aber
verbot es ihm leise und kurz.
Der alte Gellert sank wieder in sich zusammen, und beim Weggehen hatte er
nur noch die Sorge, daß niemand weiter von der alten Geschichte erfahre,
besonders die Weiber nicht. Dinkl meinte zwar, es sei zu komisch, man dürfe es
nicht für sich behalten. „Onkel Gellert Teilhaber von Heßling auf Gausenfeld!
Generaldirektor Gellert!“ kreischte er und tanzte auf einem Bein, — indes der
Alte mit blutunterlaufenen Augen dabeistand wie ein bittender Hund. Aber
Balrich verlangte dringend, daß kein Wort laut werde. Ob Dinkl einen alten
Arbeiter, der sich in der Fabrik mit Anstreichen ein Stück Brot verdiene, ins
Elend bringen wolle. Dinkl erklärte sofort, wenn Onkel Gellert seine Arbeit
verliere, werfe er selbst die seine hin, und streiken sollten dann alle!
Dennoch hatte Dinkl jetzt immer, wenn er den Alten sah, einen heimlichen
Rippenstoß für ihn. „Wann lassen wir uns denn unsere Dividende auszahlen?“
fragte er, und der Alte sah sich nach allen Seiten um wie ein Dieb. Eines Tages
aber, in einem Winkel des großen Hofes in Gausenfeld, als er vor dem
Schichtmachen sein Gerät ordnete, stieß auch Balrich ihn so an und raunte:
„Du hast wohl noch Zeit bis zur Abrechnung?“
Da entsetzte sich der Alte, und wie gerade ein Schub Arbeiter aus dem Tor
kam, glitt er hinein und drückte sich. In diesem Augenblick ward es Balrich zum
erstenmal gewiß, Gellert rede wahr, das mit dem Geld sei wahr.
Er hätte es nicht geglaubt, — obwohl er jetzt jede Nacht darüber nachdachte.
Noch nicht in der ersten; die Zweifel näherten sich langsam, nahmen immer
mehr Schlaf und wurden schwerer, eben von der Schlaflosigkeit. Da er nun
gewiß war, schlich er, anstatt zu seinem Mädchen, dem alten Gellert nach, der
ihm auswich. Eines Abends nur traf er ihn bei Dinkls, ein reiner Zufall. Der Alte,
leicht angetrunken, schien weniger ängstlich. Da trat Besuch ein, ein Herr in
mittleren Jahren, recht dick schon, weiches Gesicht ohne Bart, weicher Hut, der
Gang etwas einwärts, — und hast du nicht gesehen war Gellert fort. Es ging so
schnell, im Schatten die Wand hin und ab, daß der Herr sich nicht einmal umsah.
„Ich bin der Rechtsanwalt Buck,“ sagte er. „Guten Abend, ich bringe Ihnen,
was sonst meine Frau Ihnen bringt. Sie ist nicht wohl.“ Und mit zarter Hand
legte er neben Malli, die das Kind stillte, einen verschlossenen Umschlag.
Dinkl erwies sich gewandt, räumte die Kinder fort und machte dem Herrn
Rechtsanwalt so viel Platz, als genügte seinem Umfang das ganze Zimmer nicht.
Buck ließ sich wohlwollend auf den gebotenen Stuhl, hatte einen gerührten Blick
für Malli mit dem Säugling, einen bewundernden für Leni, die die Brust
herausstreckte, einen erstaunten über die Kinderschar hin, dann seufzte er und
fragte mild und etwas fett:
„Wohnen Sie hier gut?“
Niemand antwortete. Selbst Dinkl hatte die Fassung verloren. Der Schwager
des Herrn Generaldirektors fragte: „Wohnen Sie hier gut?“ — anstatt nur
hinzuwerfen, daß sie glänzend wohnten! In der Stille traf Buck auf die gefalteten
Brauen Balrichs. Seine Augen prallten zuerst ab, dann suchten sie um so
eindringlicher die des Arbeiters, — dessen Gesicht sich ein wenig entspannte
unter dem braunen, weich glänzenden Blick. Buck sagte sanft:
„Lieber möchten Sie natürlich auf Villa Höhe wohnen.“
Und als sei dies noch nicht genug des Unerhörten, hob er seine schweren
Schultern und sagte ergeben:
„Begreiflich, aber was kann man machen.“
Es klang, als bewohnte er selbst, mit seiner Frau und seinem Sohn, nicht einen ganzen Flügel von Villa Höhe, sondern allenfalls ein Kellerloch.
Dann stand er auf, gab allen die Hand, ohne irgendeinen dabei anzusehen, und
entschwand ihnen, langsam und einwärts. Die Meinung Mallis und Dinkls war:
„Ein armer Herr!“ Leni blies nur geringschätzig durch die Nase. Balrich
schwieg, und er blieb nicht mehr lange.
Zwischen dem Onkel Gellert und diesem Buck gab es einen Zusammenhang,
— und was sollte er betreffen, wenn nicht die alte Geldgeschichte. Balrich
zweifelte nicht, er ließ sich in der Kantine ein Fläschchen mit Schnaps füllen und
ging damit durch die rückwärtige Gartenpforte der Villa Klinkorum, zu dem
Anstreicher. Der Schnaps freilich erwies sich als zwecklos, denn Gellert saß
schon vor einer Flasche und war nun soweit, daß er sich ganz allein etwas
vorsang. Beim Erscheinen Balrichs sang er:
„So dumm ist der alte Gellert noch nicht. Das hast du gedreht!“
Was er gedreht habe, fragte Balrich. Das Zusammentreffen mit Buck sei kein
Zufall gewesen, behauptete Gellert. Ihn aber gehe der Buck nichts an. „Wie soll
ich ihn kennen. Als ich einmal bei seinem Vater war, trug er noch Röckchen.“
„Aha. Bei seinem Vater.“
Gellert, stark erschrocken, bot Schnaps an.
„Sein Vater ist doch tot,“ sagte er, den Blick auf dem Glas. „Was willst du von
ihm. Damals freilich wollte jeder etwas von ihm. Er war der mächtigste Mann in
der Stadt, noch zu meiner Zeit und der Zeit des alten Heßling. Der junge Heßling
dann —“
Er strich sich mit der gestreckten Hand über die Kehle.
„— ist mit ihm fertig geworden. Hat ihm sein Geld genommen, seine Aktien,
seine Würden, und stellt nun mehr vor als je der alte Buck.“
„Der junge Buck aber — — ist ein armer Herr,“ sagte Balrich, finster
grübelnd. Gellert kicherte.
„Hat sich zuerst abschlachten, dann heiraten lassen. Nicht das gesundeste
Schwein hält das aus.“
Balrich rückte näher.
„Onkel Gellert, du mußt jetzt loslegen.“
Da der Alte sich duckte, faßte er ihn beim Arm. „Das hilft dir nicht mehr. Ich
weiß schon zu viel. Und dann bin ich dein Großneffe. Wer wird wollen, daß du
reich wirst, Onkel Gellert? Der, der dich beerben soll — wie?“
Der Alte zwinkerte von unten.
„Glaube doch nur nicht, daß da etwas zu machen ist. Hast du eine Ahnung,
was für eine Laus du bist gegen Heßling?“
„Sage mir, was du mit dem alten Buck gehabt hast. Vielleicht wächst die
Laus.“
Seine Faust rüttelte an den Alten, bis er sich entschloß. Ja, bei dem alten
Herrn Buck war er damals gewesen, in dem alten Haus in der Fleischhauergrube,
mit den Stufen, die abgewetzt waren von den Füßen der ganzen Stadt. Der
Vertrauensmann der ganzen Stadt sollte ihm zu seinem Geld helfen. „Das Seine
hat er getan. Er hat sich den Vater Heßling kommen lassen, und Heßling hat ihm
auch geschrieben.“
„Auch geschrieben!“ rief Balrich unterdrückt.
„Hat ihm schriftlich gegeben, daß in seiner Werkstätte mein Geld stak und daß
ich mitverdienen sollte.“
„Wo ist der Brief?“
„Die Abschrift vom Herrn Buck habe ich,“ — und Gellert entnahm sie der
Kommode. „Er hat sie mir nachgeschickt auf die Wanderschaft und hat mich
vertröstet. Mein alter Kriegskamerad Heßling sei schwer bedrängt, und sonst
noch allerlei.“
Balrich las schon, gierig versenkt. Zurückkehrend seufzte er.
„Das ist eine Abschrift, die muß keiner uns glauben. Wo ist der Brief selbst?“
Der Alte grinste.
„Der Brief meines alten Kriegskameraden? Gewiß in den Papieren des Herrn
Buck. Das ganze Haus war voll von Papieren.“
„Und die Papiere?“
Der Alte kam grinsend näher.
„Heimlich habe ich umhergehört.“
Plötzlich zerrte er an seinen Knöpfen, riß sich die Kleider auf bis zur nackten
Brust. Sein Gesicht zerteilte sich in violette Fetzen, und auf heulte er:
„Aus! Der Junge hat sie verbrannt.“
Balrich rührte sich nicht. Gellert begann allmählich, sich wieder zuzuknöpfen.
„Noch ein Gläschen,“ sagte er.
Balrich trank aus.
„Dann kann ich nach Haus gehen.“
Unter der Tür fiel er gegen den Pfosten, kam aber gleich wieder auf.
Er ging nicht heim, sondern die Straße nach Villa Höhe. Die Linden dufteten,
ein warmer Wind schlug ihm entgegen. Sommer war geworden aus dem dürren
Frühling, in dem er angefangen hatte zu leben, — zu hoffen, zu wollen, zu leben.
Sollte dies aus sein jetzt, nie hätte es dann anfangen dürfen. Lieber tot, als alles
wieder sein lassen wie sonst.
„So wird es nicht mehr!“ rief er in die Nacht. Vorgebeugt gegen den Wind,
machte er Fäuste und zerstampfte die Lindenblüten. Jetzt weißt du! Aufgedeckt
war jetzt die Grube. Gestohlenes Geld, und Geld noch dazu, das ein alter
Elendsgenosse auf schmutzige Art erworben hatte, dies war die Grundlage des Heßlingschen Reichtums. So sah die Grundlage eines großen Vermögens aus,
Geschlechtsschande und Diebstahl. Dies ist das wahre Gesicht derer, die ihr
enteignen werdet, Proletarier!
„Enteignen! Setzet mich und die Meinen, ehrliche Arbeiter, an die Stelle
solcher Verbrecher! Wäre in der Welt nur ein Funken Gerechtigkeit, hier liefen
alle zusammen, zeugten und hülfen. Statt dessen würden alle nur lachen über den
armen Arbeiter, und schrie er zu laut sein verlorengegangenes Recht, ihn
totschlagen für toll. Lieber gleich sterben! So ist es bestellt. Lieber gleich
sterben!“
Er nahm sein Halstuch ab und suchte in den Bäumen nach einem passenden
Ast.
Als er aber schon in einer Krone saß, vernahm er Stimmen, und von der Villa
herab kamen zwei Gestalten, Herren, schien es. Wer sollte es sein? Nun, gut,
Heßling und sein Schwager Buck sollten die ersten sein, die ihn hängen sahen . .
. Er fand aber, dies wäre dennoch eine übertriebene Genugtuung für die
glücklichen Verbrecher. Ihr Eintreffen war vielleicht ein Fingerzeig ganz anderen
Sinnes.
So ließ er sie vorbei, stieg hinunter und folgte ihnen. Die Nacht war schwarz,
und er schlich. Dennoch hörten sie ihn, wenigstens Heßling, denn er blickte sich
mehrmals um und ward unruhig, wenn ein Leuchtkäfer ihn anglühte. „Er hat
Furcht vor mir,“ sah Balrich und freute sich. Er fühlte: Wer schon zum Sterben
bereit gewesen war, der hatte und konnte viel mehr als diese reichen Schächer.
Er hatte ein doppeltes Leben, und mit denen da konnte er Schindluder treiben.
Balrich im Gebüsch tat einen Sprung, daß es knackte, und stieß dazu einen Laut
aus wie ein Phantasieungeheuer, — worauf Heßling sich hinter einen Baum
duckte. Buck blieb nur stehen und knipste mit den Fingern.
Dann gingen sie weiter, immer sprechend; und Balrich versuchte zu verstehen,
soviel der warme Wind ihm übrigließ, der das meiste wegtrug. Eins war klar, daß
Heßling seinen Schwager herunterputzte wie einen Tagelöhner. Er warf ihm den
Weg in der Dunkelheit vor; das Volk sei verroht, es werde immer gefährlicher;
und ihre Geheimnisse hätten sie sich auch anderswo sagen können . . . Welche
Geheimnisse? Buck redete von ihnen nur leise. Darauf erinnerte Heßling ihn, um
so lauter, an das Geld, das er von ihm bekomme, die Prozesse und
Verhandlungen, die er für ihn führen dürfe.
„Solche nicht!“ schrie plötzlich Buck, — worauf es eine Zeitlang still blieb.
Balrich schlich noch leiser, von Nüchternheit ergriffen. Wie kam er hierher? Was
hatte er gewollt, welcher Fingerzeig war ihm gegeben? Die Herren dort hatten
ihre Welt, nichts wußte man. War, was ihm im Kopf saß, nicht ein Schwindel des
alten Gellert? Oder er selbst hatte geträumt?
Aber die Herren stritten weiter — ein richtiger Streit. Heßling nannte seinen
Schwager einen Schöngeist und Verteidiger in Majestätsbeleidigungsprozessen,
den richtigen Sohn und Erben eines alten Achtundvierzigers. Sein
Gesinnungswechsel sei ihm bezahlt worden, als Heßling ihm seine Schwester
gab. Buck habe kein Recht mehr auf Widerstand, auf diese gewisse unernste
Ironie, die das freundschaftliche Beisammenwohnen in Villa Höhe eines Tages
gefährden und ihn brotlos machen könne . . . Worauf Buck von Manövern
sprach, gewissenlosen Treibereien, einem Ende mit Schrecken, und wer bezahle
dann?
„Wir nicht!“ rief Heßling und lachte.
„Nein, alle,“ rief Buck. Aber Heßling hielt ihm seine Schulden vor, da gab er
klein bei.
Der Arbeiter hinter ihnen fühlte sich unheimlich verstrickt in eine Nacht der
Verschwörungen, — und wer weiß welches Massensterben konnte hervorgehen
aus dem tückischen Gemächt dieser beiden Bourgeois, die einander doch haßten!
Denn einig sind sie nur gegen uns; untereinander möchten sie sich umbringen.
Behandeln wir sie doch nur so, wie sie einander! Mut! und sieh, was für arme
Menschen, die Furcht haben voreinander — und auch vor uns, wenn es Nacht ist
und die Soldaten schlafen. Nur angreifen! Haft du gegen sie Waffen, und sei es
die schlechteste, schäme dich nicht! Balrich dachte: „Ein armer Herr!“ und
meinte Buck. Der war der schwächere, zuerst an ihn! Einschüchtern, erpressen
— was wäre denn unerlaubt gegen eine Verbrechergesellschaft.
Schon begannen die Laternen der Vorstadt, dem Heßling kam wohl der Mut,
er sagte zu seinem Begleiter: „Magst du nicht weiter, keine Umstände!“ Und
Buck, nach einem Gruß mit dem Hut, kehrte allein um.
Balrich in langen Sätzen sprang zurück bis wo es dunkel war, und hinter
Ästen, die er herabzog, wartete er. Es dauerte lange, Buck kam daher,
watschelnd und barhäuptig, schwenkte seinen Hut und sprach mit sich selbst.
Mehrmals blieb er stehen, und obwohl er den Wind im Gesicht hatte, wischte er
sich den Schweiß. „Ich kann nicht länger!“ sagte er, wie beschwörend. „Ich bin
der am schwersten Belastete, der Verräter, Gott strafe zuerst mich!“
Da sah er auf, die Strafe nahte schon. Zweige schnellten, und ein Mensch trat
vor ihn hin. Buck wartete; da der andere nichts äußerte, sagte er selbst: „Guten
Abend.“
„Auweh,“ dachte Balrich, „es ist gefehlt.“ Und Zorn kam ihm gegen Dinkl,
den Prahlhans, der behauptete, sie schliefen immer und mit einem Finger könne
man sie umwerfen. Jetzt fragte Buck:
„Sie sind wohl erschrocken?“ — und seiner milden Stimme war es anzuhören,
daß er im Dunkeln ein spöttisches Lächeln aufgesetzt hatte. Balrich sagte heiser:
„Sie müssen sich nun bequemen —“
Weiter wußte er nicht. Undeutlich hatte er sich vorgenommen, sofort und auf
der Stelle Geld zu verlangen und mit Skandal zu drohen. Buck erwiderte
schließlich:
„Ich tue nie etwas anderes als mich bequemen. Sie wünschen also?“
„Alles haben Sie gestohlen!“ schrie Balrich. „Sie gehören nicht dahin, wo Sie
sind!“
Plötzlich brachte Buck ihm das Gesicht ganz nahe.
„Sie sind es also doch,“ sagte er. „Ich habe öfter an Sie gedacht seit heute. Sie
sind doch überzeugt, daß auch Sie nicht dorthin gehören, wo sie sind?“
Nach einer Pause:
„Sondern in die Villa Höhe?“
„Ich will mein Recht.“
„Ihr Recht. Nun ja. Gehen wir doch weiter!“
Im Gehen:
„Ich gebe zu, wir haben jeder gleich wenig Recht und fußen einzig auf dem
Zufall. Daß ich nicht meinen Platz räume, ist Feigheit, leidige Feigheit. Möchten
denn auch Sie so feig werden?“
Er hatte den Arm Balrichs genommen und stützte sich darauf. Seine Sprache
ward klangvoll und bewegt.
„Sie sind ein junger Arbeiter und stehen vor dem Leben. Ihresgleichen kann
weit kommen. Ich, ich bin ein verlorener Mensch. Könnte viel Unrecht
verhindern und, wer weiß, dem Verderben Unzähliger in den Arm fallen. Aber
der Augenblick kommt, da du Weichling das Herz nicht mehr hast. Verstehen
Sie?“ fragte er, stehenbleibend.
Balrich verstand, daß der da aus der Fassung war und hier im Dunkeln mit
Dingen hervorkam, die nur ihn angingen. Ein armer Herr! Er machte seinen Arm
frei. —
„Was ich will, muß Sie nichts kosten,“ sagte er hart. „Ich will Ihre
Zeugenschaft und daß Sie den alten Brief herausgeben, worin geschrieben steht,
daß das Geld des alten Heßling von meinem Onkel Gellert war.“
Buck zögerte nur kurz. Wieder mit seinem gewohnten Phlegma sagte er:
„Schon gut. Dann kommen Sie.“
Er ging voran. Balrich hinter ihm fühlte das Herz im Hals und fürchtete, nicht
mehr mitzukönnen. War es denn wahr? Buck hatte den Brief? Und gab ihn
einfach her? War dies Wahnsinn? War es eine Falle?
Er hörte nichts mehr. Erst als Buck ihm nachrief:
„Wohin laufen Sie denn?“ kehrte er um. Sie waren schon vor Villa Höhe. Ein
dunkler Gartenweg. „Halten Sie sich an mich,“ sagte Buck. „Ich gebe lieber nicht das Zeichen, Licht zu machen. Wir kommen ohne Licht besser aus.“
Er führte ihn um das Haus, an vielen dunklen Fenstern vorbei. Als es hell
ward, stand Balrich in einem weiten, seidenen Raum, goldgelb mit hellen
Bildern. Buck verschwand nebenan, dort war es rotgolden und voll von Büchern.
Sogleich kehrte er zurück.
„Da!“ — er reichte den Brief hin. „Überzeugen Sie sich!“
Indes Balrich das alte Papier hervorzog, entfaltete, prüfte, — sprach Buck in
Ruhe weiter und holte dabei eine Kiste Zigarren.
„Daß er nicht mit verbrannt ist, dürfen Sie nicht für Zufall halten. Den ganzen
Aktennachlaß meines Vaters habe ich gesichtet und dies zurückbehalten. Ihr
Onkel war verschollen oder tot. Aber Sie, dachte ich, sein Erbe, müßten doch
einmal auftreten . . . Was haben Sie denn?“ fragte er; denn Balrich hatte eine
hochgerötete Stirn, und mit wilden Blicken über die Pracht der Räume hin, stieß
er ein irres Gelächter aus.
„Das gehört mir,“ sagte er. Buck ließ sich langsam in einen Sessel.
„Sie übertreiben. Der Prozeß wird Sie erstens viel Geld kosten.“
Balrich zog die Brauen zusammen, daß die Augen darunter wie ein schwarzes
Band aussahen. Er war tief erblaßt, er kämpfte mit der Versuchung, über den
Menschen herzufallen.
„Das beste ist entschieden,“ sagte Buck, „Sie nehmen ein Glas von diesem
hier.“ Er goß Likör ein. „Und auch eine Zigarre;“ — wobei er unter Balrich
einen Sessel schob.
„Ich will nicht,“ sagte der Arbeiter. „Sie sind mein Feind.“
Buck schüttelte den Kopf. „Schade, wenn Sie es glauben. Das erschwert
unsere Sache. Zum mindesten müßten Sie doch bemerken, daß ich dem Herrn
Generaldirektor gern einen Denkzettel geben würde. Mit nichten will ich Ihnen
einreden, nur im Namen der idealen Gerechtigkeit hätte ich Ihren Brief mir
aufbewahrt. Ich verspreche mir gute Wirkung davon, wenn dem Heßling,
mindestens theoretisch, zum Bewußtsein gebracht wird, er fuße auf Enteignung
und am Anfang seines Rechtes stehe der Raub.“
Buck hatte glänzende Augen und dehnte sich in seinem Sessel.
„Noch ein Gläschen,“ schlug er vor und leerte selbst eins.
Balrich dachte: „Wie Onkel Gellert. Auch dieser ist ein Taugenichts, ich muß
die Sache allein machen.“
„Aber,“ begann Buck wieder, „zum Märtyrer bin ich nicht geboren, sonst säße
ich nicht hier in Villa Höhe.“ Mit dem Lächeln der Verachtung: „Leider kann ich
ihn nicht erledigen, ohne auch mich zu erledigen. Darum, alles mit Maßen.“
„Das sagen Sie allein,“ stellte Balrich fest.
„Nein. Auch Sie müssen es einsehen. Tatsächlich geht es nur sehr mit Maßen. Auf gütlichem Wege, will sagen mit Hilfe jeder nicht lebensgefährlichen
Bedrohung wird vielleicht eine Verzinsung des eingelegten Kapitals zu erreichen
sein, wenn schon keine Tantiemen. Das ist nichts Großartiges, aber
unterschätzen wir nicht den Gegner! Er wird, selbst wenn er zahlt, die Echtheit
des Briefes leugnen.“
„Dann gibt es Richter,“ behauptete Balrich. Buck zuckte die Achseln.
„Wollen Sie es darauf ankommen lassen, wie ein Gericht befindet? Sie als
Arbeiter müssen sich doch sagen: in den Vorstellungskreis bürgerlicher Richter
paßt es nicht, daß ein Armer ein gültiges Dokument sollte beibringen können
gegen einen Reichen, geeignet, ihn aus seinem Besitz zu werfen.“
„Wenn es aber doch echt ist!“ sagte Balrich, verbissen.
„Die Möglichkeit, daß es echt wäre,“ erklärte Buck, „wird mancher
interessant finden, auch unter meinen Kollegen mancher. Dennoch übernimmt
nicht einer die Sache ohne einen hohen Vorschuß. Ich selbst in meiner Lage kann
es nicht, zum Märtyrer nicht geboren, wie ich mich fühle.“
Balrich hörte, nahm auf, und ward unsicher, je klarer der Herr dort sprach.
Man hätte es nicht geglaubt, es sei derselbe, der vorhin im Dunkeln sich
fassungslos hatte gehen lassen. Jetzt saß er in der Helle und wußte Bescheid in
seiner Welt. Für Balrich war sie ein nächtlicher Verhau voller Fallen, — und ihn
stürme!
„Was würden denn Sie tun?“ fragte er kleinlaut.
Buck sah ihn an wie einen Sohn.
„Ich? So wie ich bin? Ziemlich mürbe schon und in meinem Gedächtnis ohne
Beispiel, daß eine gerechte Sache, die schwach war, je gesiegt hätte? . . . Dies
würde ich tun.“
Er nahm den Brief seines Vaters aus den Händen Balrichs und bewegte die
brennende Zigarre darauf zu. Balrich, mit rauhem Schrei, entriß ihm den Brief.
Heraus aus dem weichen Sessel stand er fest auf seinen Beinen und schnaubte:
„Ich bin nicht Sie, Gott sei Dank. Und brauche Sie nicht, und Ihre Kollegen
nicht. Mein Recht schaff’ ich mir selbst.“
Buck änderte seine Haltung und den leichten Ton.
„Dazu müssen Sie Anwalt sein. Wie wollen Sie das machen.“
„Das weiß ich!“ stieß Balrich hervor und stapfte nach der Tür.
„Halt!“ rief Buck. „Warten Sie noch! Sie hören das Auto, das ausfährt, um
meinen Schwager abzuholen. Draußen ist jetzt alles beleuchtet.“
Er ging selbst zu dem jungen Menschen, er legte ihm die Hand auf die
Schulter.
„Erst zwanzig, wie? Und einen festen Kopf, vorwiegend Willen. Mein Sohn
möchte so sein. Durch meine Schuld ist er anders.“
Buck trat zurück und sagte prüfend:
„Man soll es versuchen. Ich hole Ihnen etwas, aus dem Zimmer meines
Jungen. Er schläft im übernächsten Zimmer, ich bin sogar erstaunt, daß er nicht
erwacht ist von Ihrem Schreien. Denn mehrmals haben Sie geschrien. Sein
Schlaf ist doch gut,“ sagte der Vater zärtlich und ging leise in die Tiefe seiner
Wohnung.
Mit einem Buch kam er zurück.
„Da nehmen Sie! Er ist nicht aufgewacht. Die Stunde der Verschwörer ist nun
auch vorbei,“ sagte er und zeigte auf eine Uhr, die Eins schlug. „Gute Nacht.“
Er führte Balrich ins Freie. Man sah jetzt; aus den Räumen, die sie verlassen
hatten, fiel Licht auf den Weg.
Vor der Pforte, auf der Landstraße, wendete Balrich sich; gerade erlosch das
Licht, — und im Dunkeln suchte er nach der Villa seiner Wünsche, sein
brennender Blick holte ihre Umrisse hervor, zwischen herausspringenden
Flügeln den zurückweichenden Haupttrakt und davor die Terrasse. „Ich werde
sie haben,“ fühlte er. „Die schwachen, verwöhnten Menschen dort innen ahnen
gar nichts.“ Er griff an seine Brust, nach dem Brief. „Der, der so dumm war, ihn
herzugeben, ahnt am wenigsten. Sie denken, alles muß bleiben, wie es ist. Wie
viel stärker ist der Angreifer! Wie bedroht ist der, der etwas hat!“ Laut und stark
sagte er:
„Ich werde dich haben, so wahr ich dich sehe!“
Da, gerade da ward der Mond frei, strömte hin sein Licht über Haus und
Garten — schenkte sie ihm geisterhaft, Farben des Traumes und der lüsternen
Märchen, tiefblaue Schatten, silberne Wand; bot den Besitz ihm an wie ein Weib.
Er taumelte.
Schon nahte wieder das Auto. Balrich warf sich rückwärts in die Tannen,
brach hervor weiterhin und eilte fort im stampfenden Marschtakt, die Straße
hinan in die Ferne, stundenlang.
Als er zurückkehrte, umschleierte blaue Frühe die Villa. Vogelstimmen
erhoben sich schon und feuchte Düfte, aber noch streifte Mondlicht die Wege.
Von der Terrasse dahinten rieselte es. Oder nein: ein Wesen, herabwandelnd im
schleppenden Silbergewand, langsam von Stufe zu Stufe. Er suchte das Gesicht
und fand nur Augen, die Augen seiner Schwester Leni.
„Siehst du,“ sagte er ihr, „dies ist für uns.“
Er fühlte: „Warum ich, statt Heßling? Aber weil auch Leni da ist.“
So weinte er denn, versteckt im Gebüsch der Tannen; und nach langem
Weinen ging er auf die Fabrik zu, querfeldein, unter Vermeidung der
Wohnhäuser. Unnütz, daß der Aufpasser am Tor ihm diese Nacht ansah.
Am Abend, als er seinen Rock wieder anzog, begegnete er darin einem
fremden Gegenstand. Ein Buch — das Buch des Herrn Buck. „Da wird es sich
zeigen, wie ich es mache,“ dachte er hoffnungsvoll und schlug auf. Was war das?
Fremde Worte untereinander, daneben deutsche, und Sätze wie für Kinder. Ein
Lehrbuch des Lateinischen — weniger noch, eine Lateinfibel . . . Der Arbeiter
steckte sie schnell wieder ein und ging heim, gesenkten Kopfes.
Zu Haus aber erhob er ihn. Er hatte begriffen und war entschlossen. Sein Brot,
seinen Käse — und gleich an den fichtenen Tisch, worauf sonst nie etwas lag.
Jetzt liegt das Buch darauf. Es will gelernt sein — und dann ein anderes und
wieder eins, und noch immer stehst du, zwanzig Jahre alt, bei dem, was die
Knaben schon kennen. Du weißt nicht wie lange und weißt nicht wie, aber lerne!
Dein ist die Nacht. Alle Nächte sind dein. Lerne!
Er legte sich hin, als es hell ward, goß sich drei Stunden später das Wasser aus
dem Krug über den Kopf und ging zur Arbeit, im Tritt der Kameraden.
So fuhr Balrich fort zu leben, — und die erste, der es auffiel, war Thilde. Er
beruhigte sie, gab ihr eine Stunde hin, die er nachher vom Schlaf abzog; — aber
da es so nicht dauern konnte, erklärte er ihr einfach, nur am Sonntag könnten sie
sich sehen. Er arbeite des Nachts. Er arbeite an der Verbesserung einer
Maschine, es werde ihm Geld und Stellung bringen, seine ganze Zukunft hänge
ab davon. Sie sah ihn kraftvoll erregt und ward ganz schüchtern. Er sagte noch:
„Glaubst du denn, ich will hier nicht heraus? Ich zwinge es und werde reich!“
Da weinte sie und antwortete ihm:
„Dann wirst du mich verlassen.“
Er leugnete es, aber sie glaubte ihm nicht. Das Versprechen gab sie ihm
dennoch, alles für sich zu behalten. Dann ging sie, fast von selbst, niedergebeugt
in ihrem Tuch, und Balrich hatte vor sich seine Nacht.
Zwei Sonntage später, er hatte soeben die letzte Seite des Buches gelernt,
klopfte es an seine Tür, und mit dem Kopf dienernd kam ein Bürschlein zutage,
eins in weichem blauen Anzug, mit Lackschuhen und dem ahnungslosen Gesicht
der reichen Kinder. Es legte seine Mütze auf das Bett und bat artig um den freien
Stuhl.
„Es wird etwas länger dauern,“ sagte es. „Papa will, daß Sie mir das Ganze
hersagen.“
Das Bürschlein öffnete das Buch.
„Ich habe dies nämlich schon längst wieder vergessen,“ äußerte es. „Warum
wollen Sie überhaupt lernen?“ fragte es vertraulich. „Ein Vergnügen ist es nicht.“
Balrich sagte:
„Zum Vergnügen bin ich nicht da.“
Jetzt antwortete der Knabe:
„Ich weiß, Sie wollen Geld haben. Sie wollen unser Geld haben. Wundern Sie
sich nur nicht,“ sagte er unbefangen. „Papa ist mein Freund und sagt mir
manches.“
Der Arbeiter, nicht sicher, was zu denken sei, musterte den kleinen Reichen,
der lächelte, und bemerkte dabei, daß eigentlich die Augen recht hell und wach
blickten. Nur der Mund stand kindisch offen, und unbegreiflich töricht
erschienen die hochgebogenen Brauen, unter diesen beiden großen
schwankenden Blondlocken. Schmaler Kopf, die Schultern so schwach, — ein
Schlag, dachte Balrich, und der freche kleine Nichtsnutz rutscht vom Stuhl . . .
Statt dessen begann er, holprig herzusagen. Der Knabe unterbrach.
„Einen Augenblick. Ich heiße Hans Buck. Vierzehn Jahre elf Monate. Wollen
wir eine Zigarette rauchen?“
Die Fehler Balrichs berichtigte er herrisch aber flüchtig. Nach einigen Seiten
hatte er genug.
„Besser habe ich es auch nie gewußt.“
Balrich sagte:
„Ich muß es aber besser wissen. Ich brauche es nötiger.“
„Ihre Sache,“ meinte Hans Buck. „Für Klinkorum jedenfalls ist es gut genug.“
Es erwies sich, daß Balrich von Professor Klinkorum erwartet wurde. „Wir
kommen sogar schon zu spät.“ Das Bürschlein stieß den Zwanzigjährigen zur
Tür hinaus. Nebeneinander durchquerten sie die Wiese. Mitten darauf, wo die meisten Kinder lärmten, fiel Balrich lang hin; das Bürschlein hatte ihm ein Bein
gestellt. Es bog sich vor Lachen, in einer Rotte, die mitlachte. Als Balrich dann
zornrot aufkam, lief Hans schon. Er lief schwebend leicht, keine Aussicht, daß
Balrich ihn fing, — wenn nicht ein paar junge Arbeiter ihm, trotz seinem
Geschrei, es gölte nicht, den Weg verstellt hätten. Nun rangen sie; ein Griff
Balrichs, und der Kleine, verzweifelt gegen den Boden gestemmt, war so gut wie
aufgehoben und geworfen. Balrich aber, der ihn so schwach fühlte, tat
unversehens, als verliere er selbst den Boden, und sprang zurück.
Sie gingen weiter, Hans Buck mit gepreßten Lippen und die Augen gesenkt.
Da plötzlich nahm er Balrich beim Arm.
Klinkorum, der es anläuten gehört hatte, empfing sie an seinem Tisch stehend,
den grünen Schlafrock drapiert über dem Spitzbauch, und in weißer Krawatte. Er
warf den Kopf zurück, der Bart stand in sieben harten Strähnen hechtgrau vom
Gesicht ab, die Lippen entblößten lange Zacken mit ebensovielen Lücken, und er
lachte erhaben. Unter Gelächter begann er eine Rede über den Ernst des Lebens,
das Eigentum und die Bildung. Die letztere gehe vor, erklärte er mit einem
grünen Blick auf den Knaben von Villa Höhe. Wer aber, sagte er dem Arbeiter,
bisher in fröhlicher Unwissenheit dahingelebt habe, der lerne jetzt den Ernst
kennen, einen Sohn des Wissens. Vorausgesetzt immer, er sei berufen.
Balrich, zuerst eingeschüchtert, kam bald auf den Verdacht, daß dies
Geschwätz sei, und ärgerte sich über den Zeitverlust. Da sagte Hans Buck, dreist
und hell:
„Na los!“
Und Klinkorum schnappte nur noch, ganz auf dem Trocknen.
Er ließ beide dieselbe Übersetzung machen, „um den Abstand der Geister
festzustellen,“ — fand aber dann, daß der eine durch Flüchtigkeit ersetze, was
der andere an Unbelecktheit voraushabe. Hierbei fielen die Hände Balrichs ihm
unliebsam auf. Er sagte nichts, seine Pausen und die Ausrufe seiner Blicke
bewirkten es aber, daß Balrich die Hände vom Tisch nahm. Der Fünfzehnjährige
bemerkte hierzu:
„Er tut nämlich richtige Arbeit;“ — worauf Klinkorum ihm strafweise
voraussagte, auch er werde sie noch tun müssen.
Inzwischen ging die Glocke, und Besuch trat ein, zwei Herren, die schon
vorbereitet schienen auf den Anblick des studierenden Arbeiters, denn sie
nahmen ihn stumm in Augenschein. Hans Buck sagte schneidig: „Darf ich die
Herren bekannt machen,“ — und stellte dem Arbeiter die Herren Dr. Heuteufel
und Konsistorialrat Zillich vor.
Sie zeigten eine Teilnahme, die Heuteufel geradezu für wissenschaftlich
erklärte. Klinkorum bekräftigte sie darin, er erläuterte ihnen in der Übersetzung Balrichs die Fehler, die das Fortfallen selbst der allgemeinsten
kulturmenschlichen Grundlage zur Voraussetzung hätten und Zeichen einer
Klasse seien, einer hoffnungslos rückständigen Klasse.
Sie schüttelten die Köpfe und fragten, ob wenigstens im einzelnen Fall eine
Aussicht sei. Der junge Buck schwatzte laut dazwischen, und in das Heft
Balrichs zeichnete er recht geschickt einen Haifisch.
„Ähnlich?“ fragte er, und Balrich erkannte Klinkorum — strengte sich aber
nur noch mehr an, um den Reden der Herren zu folgen. Es war schwer, die Sätze
verwickelten sich ihm, und gewisse Worte hatten keinen Sinn. Ein interessantes
Experiment, dies wiederholte Klinkorum mehrmals. Ein rudimentäres Gehirn,
unvermittelt in Berührung gebracht mit den Humaniora —.
Aber es gehe doch, meinte Dr. Heuteufel, der seinerseits die Hefte der beiden
Schüler verglich. Es sehe aus, als könne es jeder.
Dies schien dem Professor zu mißfallen. Er stellte schnell mehrere Fragen an
Balrich, die Balrich nicht einmal begriff, — worauf alle lachten, auch Hans. Das
schmerzte den Zwanzigjährigen, er zwickte das Bürschlein stark in den
Schenkel. Durch seinen Erfolg ermutigt, teilte Klinkorum den Herren mit, wie
groß die Liebe zur Wissenschaft bei solchen Leuten oft sei, — leider meistens
eine unglückliche Liebe. Dieser einfache Arbeiter habe ein vom Schüler Buck
verlorenes Buch gefunden, und es nicht früher zurückgebracht, als bis er es
auswendig gewußt habe. „Solcher fast ergreifend zu nennenden Strebsamkeit
waren wir immerhin einen Versuch schuldig,“ sagte Klinkorum und lachte mit
allen seinen Zacken. Die anderen Herren begleiteten ihn.
Balrich wollte nicht wissen, ob auch Hans sich freue. Er sah vor sich hin und
sann düster, dies müsse ein Ende haben; allein werde er seinen Weg suchen . . .
Da sagte Hans, mit einem gewissen Blick von einem der drei Herren zum
andern:
„Aber Onkel Heßling wird sich ärgern.“
Und wie sie nun schmunzelten und nur gerade noch an sich hielten, dies
bemerkte auch Balrich. Der Konsistorialrat nahm das Wort. Kein Arbeitgeber,
soviel verstehe er, könne gleichgültig bleiben, überschritten seine Leute eine
gewisse Grenze der Bildung. Dies ändere das Verhältnis, die Gesichtspunkte und
die Rechte, dies sei in Wahrheit schon Umsturz.
Was er ernst und warnend sprach. Aber hätte seine Stimme die Schadenfreude
versteckt gehalten bis auf ihre letzte Spur, die Gesichter der beiden anderen
verrieten sie. Balrich sah mit Staunen, daß der Generaldirektor hier keinen
Freund hatte. Er horchte auf. Dr. Heuteufel lehrte:
„Für die Gewalt eines einzelnen muß ein Gegengewicht gefunden werden,
und das ist —“
„Die geistige Bildung,“ schloß Klinkorum. Worauf Heuteufel:
„Die Bildung und sogar der Geist sind nur Mittel zum Zweck. Ihm und
seinesgleichen muß wieder einmal klargemacht werden, was persönliche Freiheit
heißt. Auf dem Wege, den die Herren, und zwar gern gesehen von der Behörde,
eingeschlagen haben, kommen wir zur Staatssklaverei, sogar früher als man
denkt.“
Feierliches Schweigen. Der Arbeiter Balrich ergab sich einem heftigen
Vertrauen zu denen, die so sprachen und dachten.
„Das ist aber auch wahr,“ beteuerte er und schlug auf den Tisch. „Wissen Sie
wohl, warum wir nach Gausenfeld keine Elektrische bekommen? Weil wir unter
uns bleiben sollen und nicht aufgeklärt werden sollen und in seiner Kantine
saufen sollen. Das ist doch wie ein Ghetto!“ rief er, stolz auf dieses Wort.
Die Herren, mit gekniffenen Lippen, blinzelten einander schnell zu, und dann
traten sie ein Stück weg. Klinkorum äußerte:
„Für heute Schluß. Das nächste Mal, Herr Balrich, könnten einmal Sie, anstatt
meiner, den Unterricht geben, etwa über den Zukunftsstaat.“
„Obwohl —,“ bemerkte Zillich. „Das eherne Lohngesetz liegt doch auch
schon beim alten Eisen.“
Balrich fühlte, enttäuscht und grimmig: Was soll man verlangen von den
Bourgeois. Dumm wie mein Steiß, und dazu falsch . . . Ihr Wissen haben sie nur,
weil sie Geld haben. Her damit, und dann ihnen an den Hals. Da ist nicht Dank
noch Schonung. Gelte jeder, was er ist!
Er räumte zusammen, stand auf, trug seinen Stuhl an den früheren Platz und
verabschiedete sich mit mehreren Kratzfüßen. Inzwischen sprachen die Herren
gedämpft.
„Die Sachen sind wie sie sind, und manch’ einer spricht sie aus. Aber es
kommt doch sehr darauf an, wer.“
Als der Arbeiter schon draußen war, rückte Klinkorum mit dem Eigentlichen
heraus.
„Was soll man sagen. Die Begriffe fehlen, folglich die Worte. Ihm genügt es
nicht länger, mein Haus, die Zuflucht meiner Muse, hinabgezerrt zu haben in
sein Tal der Armut und des Schmutzes, es entwertet und verelendet zu haben: er
will mich umbringen!“
Sie wollten es ihm nicht glauben, aber er belegte es mit Zahlen und Daten,
herrührend von dem Heßlingschen Baumeister selbst. Ein drittes
Arbeiterwohnhaus war bereit zu entstehen; auf dem Plan bestand es schon —
und wo, und wo? Hinter Klinkorum, vielmehr, im Bogen um ihn her, — so daß
er auf drei Seiten verstellt war, und vorn die Landstraße, Staub und
Benzingestank. Das Ende von allem, man konnte ihm nur noch die Hände schütteln. Klinkorum schwur freilich, dies endlich werde nicht so hingehen, es
gäbe Richter . . .
Balrich draußen wollte schon das Gartengitter zuschlagen, aber Hans Buck
lief herbei.
„Ich habe gehorcht. Sind sie dumm und falsch!“
Balrich dachte: Dein Glück! Denn er hatte das Bürschlein schon verworfen
mit den übrigen.
„Es sind nämlich bloß Neidhämmel,“ erklärte Hans Buck. „Und dann das
Buch, das du mir gestohlen haben sollst oder so!“
Er sagte plötzlich du. Dabei tanzte er vor Freude.
„Papa hat gewollt, ich soll es dem Haifisch aufbinden, — und der tut, als
glaubt er es, denn er kriegt bezahlt. So sind sie.“
„Das ist — ein abgekartetes — Spiel?“ sagte Balrich schwerfällig, und starrte
ernst in das schlaue Gesichtchen. Fünfzehn Jahre, und wußte Bescheid über die
Menschen, und war lustig dabei! Ihre Niedertracht war ein Spaß für das
Bürschlein!
„Komm’ mit!“ verlangte es. „Bis zu der großen Fichte, wo man die Villa sieht.
Weiter darfst du nicht.“
Balrich erwiderte:
„Nein. Ich will nicht.“
Und er ging über die Wiese nach Haus B. Hans Buck rief ihm nach:
„Morgen abend wieder!“
„Aber nicht, weil du es bist,“ dachte Balrich. „Und Villa Höhe, die will ich
erst wiedersehen, wenn sie mein ist, das schwöre ich. Dann komme ich und
werfe euch hinaus.“
In dieser Nacht an seinem Tisch dachte er dennoch viel an Hans Buck. Was
Klinkorum ihm mitgegeben hatte, war bald aufgearbeitet, und seine eigenen
Bücher hatte er noch nicht da; ganz leicht hätte er Thilde folgen können, abends,
als sie ihm nachschlich bis auf die Treppe. Er hatte sie aber fortgeschoben, und
lieber dachte er, aus Sparsamkeit beim Mondschein, des feinen und schlauen
Knaben von Villa Höhe, und daß er ihn wiedersehen werde.
Am Montag nach Feierabend trafen sie sich freilich bei Klinkorum, und nach
dem Unterricht hatte Hans Buck nichts Geringeres vor, als daß sie zusammen in
die Stadt gingen, das Bezahlen sei seine Sache. Aber Balrich, mit finsterer
Miene, zeigte auf den Packen Bücher, den er bekommen hatte.
„Sechs Stunden bis zum Morgen — das reicht kaum.“
Und er ließ den Leichtfuß dastehen.
Erst am Sonntag willigte er ein, spazieren zu gehen. Schwere Luft, rauchiger
Sonnenuntergang, — und da Balrich nichts anderes zuließ, gingen sie querfeldein und vorbei an den Arbeitervillen, eben dort, wo er ehemals mit
Thilde ging. Auch jetzt herrschte Ernst; Hans Buck ging gemessen und
überlegte.
„Das sind nun sieben Nächte,“ sagte er, „und du hast rote Augen.“
„Anders geht es nicht,“ entschied Balrich. Der reiche Kamerad gab es zu, im
Tone hoher Achtung.
„Nein. Denn du willst in einem Jahr lernen, wozu sie mir im Gymnasium fünf
oder sechs Jahre gegeben haben, — und ich weiß es nicht.“
Plötzlich fielen ihm die Spiele der Kinder auf, an einem schlammigen Graben,
in den jeder den anderen einzutauchen suchte mit dem Gesicht.
„Sie sind schmutzig und boshaft,“ bemerkte er; und er behauptete: „Wenn sie
das nicht wären, brauchtest du nicht so furchtbar viel zu lernen.“
Wieso? Ihm selbst machte die Erklärung Schwierigkeiten. Er fühlte nur: zuerst
sauber sein — und ein anständiger Mensch. Das Lernen ist dann Nebensache.
„Besser als Lernen ist Denken; und das Denken geht am besten, solange man
nicht daran denkt.“ äußerte er.
Balrich sagte nüchtern: „Das ist Unsinn. Vielleicht, wenn man Geld hat. So
aber, wenn ich da heraus will,“ — er zeigte auf den Graben — „muß ich lernen
wie ein —“ Gehässig knurrend: „Wie ein Tier.“
Hans Buck verstand dies nicht völlig, er suchte sich einzufühlen. „Ich habe
doch auch nie Geld. Und sogar Papa hat es meistens nur vom Onkel Heßling.
Der hat zu viel, darin habt ihr Recht. Meinem Papa sollte er mehr geben. Aber
mir wieder sollte Papa mehr geben. Wirklich anständig ist keiner.“
Balrich wußte nun schon, daß sogar die Reichsten noch Unterschiede machen
zwischen einander; er dachte mit Verachtung: „Ihr liefert euch selbst an das
Messer.“
Hans Buck seinerseits blieb plötzlich zurück; es war klar, er versteckte sich
hinter dem Größeren. Und Balrich, der den Zusammenhang sogleich erfaßte,
blieb stehen, einen Fuß vorgestellt, in der Haltung des Beschützers. „Ist es der
Rote dort?“ fragte er, den Blick auf dem nahen Rande des Arbeiterwaldes.
Ja, es war der Rote. Er war der natürliche Feind des jungen Buck, keines
Zusammenstoßes hatte es bedurft, keiner Absage. Längst lauerten sie
aufeinander und nur der entscheidende Augenblick fand Buck nicht gesammelt.
Balrich hörte, daß sein Freund außer Atem war.
„Er soll herankommen,“ knurrte er. „Dann kriegt er genug.“
Hans Buck antwortete mit Anstrengung:
„Du darfst nicht. Es ist meine Sache.“
Balrich sah den Roten vorgehen und sah, er war der Stärkere.
„Wenn es deine Sache ist, dann hast du längere Beine. Lauf!“ riet er.
„Das ist aber gegen meine Ehre,“ sagte der Knabe aus Villa Höhe, — worauf
der Arbeiter die Achseln zuckte und dann lachte, zuerst leise brummend, endlich
aber mit wüstem Hoho.
Indessen trat Hans Buck hinter ihm hervor, machte einige Schritte und faßte
Fuß. Er spannte sich, ward größer, bekam scharfe Fäuste. Der Feind schlich
gebückt, seine Hände streiften das Gras. An der Wendung des Weges angelangt,
hielt er an — und bog ab. Hans Buck behielt seine Haltung, bis der breite
Mensch, ihn seitwärts anschielend, zu laufen, richtig zu laufen anfing. Darauf
kehrte er zu Balrich zurück.
„Der Dummkopf hat sich bluffen lassen,“ erklärte er, mit einer Bewegung, die
die Sache abtat. Der Arbeiter hatte zu lachen aufgehört.
Am Waldrand wendete sich ein Mädchen nach Hans um. Da erst kam ihm das
Selbstbewußtsein des Siegers, und er wagte es, ihr eine Kußhand zuzuwerfen, —
obwohl sie in Begleitung war. Sie war goldblond, ohne Hut und in einem
dunklen Tuch wie die Arbeiterinnen, aber der Rock modern und kleine
Lackschuhe mit Stöckeln. Ihr Begleiter trug blaues Leinen, wie ein Maschinist,
aber darüber einen koketten Sommermantel.
„Es ist ein Techniker,“ sagte Balrich im Ton einer Entschuldigung. „Ein
besserer Mensch.“ Das Mädchen war Leni, seine Schwester; dies verschwieg er.
Er fühlte: das versteht so einer nicht.
Leni ging mit dem Techniker, der Bruder hatte es ruhig dahin kommen
gesehen. Der Techniker war ein Arbeiter und doch mehr. Wollen wir, daß er sie
heiratet? Nun also. Auch Thilde hatte hören müssen. Jetzt freilich hatte Balrich
sie satt. So konnte es enden.
Er gab sich Mühe, zurückzubleiben, aber der junge Buck drängte gewaltig den
beiden entgegen. Er sagte: „Das ist einmal ein Mädel!“ und tat mutig. Als sie
sich aber endlich begegneten, griff er so ungeschickt nach seiner Mütze, daß er
sie herunterwarf. Dennoch grüßte Leni ihn mit ihren Goldaugen, und erst
nachher lachte sie. Hans, trotz seiner Scham, wollte ihr nach, der Techniker
indessen hatte sich wohl mit ihr in die Büsche geschlagen; man fand sie nicht,
soviel Staub und Kohlenruß man aufstöberte im Arbeiterwald. Erst am Teich —
er war braun von Schmutz, einige badeten, drei Paare ruderten, — in einem
wackelnden Kahn, da fand er sie. Aus dem Kahn schöpfte sie, das Kleid gerafft,
Wasser und bespritzte damit den Techniker. Bleich und schweigend kehrte der
Knabe um.
Beim Arbeiterhaus A wollte er Balrich durchaus nach rechts und auf die
Landstraße lenken. Was Arbeit, was Essen! Etwas war noch zu sagen. Balrich
wartete; es schien schwer zu sagen . . . Dann gab Hans Buck sich einen
überlegenen Ton und begann von einem Haus, das er schon lange im Auge habe; er kenne es, er sei vorübergegangen, in der engen Straße Klein-Berlin, hinter der
Marienkirche des alten Zillich, und habe in dem Haus das Lachen gehört, er
müsse hinein. Groß genug sei er schon, seine Vettern Heßling hätten ihn
mitnehmen können. Aber vor ihm stellten sie sich wie Duckmäuser, und so
wollte er mit Balrich hingehen, — er habe Geld, sagte er nachdrücklich und
klimperte.
Balrich sagte zu dem allen nur nein. Ob er nicht neugierig sei? Ob man einem
Freund nicht beistehen müsse? Oder gönne er ihm das Vergnügen nicht? Nein.
Nein. — Hans fragte schmerzlich: „Warum — warum denn nicht?“ Er bekam
keine Antwort; Balrich machte lange Schritte, als wollte er ihm entlaufen, aber
Hans Buck verfolgte ihn mit seinem Warum bis in das Haus. Da wendete Balrich
sich um, sagte:
„Weil ich ein Arbeiter bin, und weil die Mädchen dort meine Schwestern sein
könnten.“
Und ließ den jungen Reichen dastehen.
Hans Buck sagte: „Ach so“; aber er ließ seine langen Wimpern herab und
dachte sich das Seine. Arbeiterinnen, — die so lachten? Wie mochten sie
glücklich sein, in ihrem geheimnisvollen Hause! „Hierin, wie es scheint,
verstehen wir uns nicht. Er ist nüchtern wie ein Arbeiter, er sieht nicht, was das
Haus für ein Märchen ist, mitten in der ordentlichen Stadt was für ein
Abenteuer!“
Und auf seinem Heimweg in der Dämmerung träumte der Fünfzehnjährige
von Schleiern und Goldgürteln aus Bilderbüchern oder vom Theater, — die sich
aber nun lösten und aufhoben von nie erblickten Gliedern. Schon ihr Gedanke
war brennend. Plötzlich, zum Greifen deutlich erschienen ihm Fuß und Wade
eines Mädchens, das den Rock gerafft in einem Kahn saß. Daheim noch lange,
über sein Buch hinweg, sann er, sie, jene Goldblonde, würde eine der Schönsten
sein in dem zauberhaften Hause . . . Sein Freund Balrich inzwischen lernte; und
ging es hart, tauchte sein Geist, sich erfrischend, in das Gesicht einer bläulichen
Frühe, als Leni, seine Schwester, in einem schleppenden Gewand aus Mondlicht
die Terrasse herabgewandelt war von Villa Höhe. „Dort sollst du zu Hause sein,“
versprach er ihr.