Die Armen: Ein Roman

Heinrich Mann · Kapitel 3 von 7

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Die Armen: Ein Roman

III Mit Euch, Herr Doktor, zu spazieren

III

 

Mit Euch, Herr Doktor, zu spazieren

 

Als sie sich wiedersahen, alle drei, Balrich, Hans Buck und Leni, war es schon

Herbst und regnete wieder. Die beiden jungen Leute kamen von Klinkorum und

begegneten dem Mädchen hinter A und B vor einer großen Pfütze. Sie stand

drüben und suchte einen Umweg. Hans Buck fragte sich: „Wo war sie denn dort

drüben, während die Pfütze entstand?“ Balrich dachte: „Mit dem Techniker, dort,

wo ich früher mit Thilde.“

Da stieg Hans Buck entschlossen in die Pfütze. Am anderen Ufer sagte er

etwas, das „Erlauben Sie“ heißen sollte, und nur ein Zähneknirschen war, —

worauf er Leni umwarf und sie auf seine beiden Arme legte. Er trug sie,

beträchtlich schwankend, bis mitten in die große Pfütze; dort mußten schon seine

Knie sie stützen, sie entglitt ihm und kreischte. Dennoch beugte er sich bis auf

ihren Mund und küßte ihn. Dies vollbracht, fand er die Kraft, sie auf das

Trockene zu setzen.

Dort stand Balrich unschlüssig und die Brauen gefaltet. Hans Buck ordnete

dem Mädchen das Tuch über den Schultern und dem schönen Haar. Dabei sagte

er:

„Was nimmst du mir übel? Ich muß nicht wissen, daß Fräulein Leni deine

Schwester ist. Du hast es mir nie gesagt.“

Leni lachte verlegen, und Hans Buck, scherzhaft aber auch verlegen, setzte

hinzu:

„Falscher Freund du!“

Balrich, bestürzt und finster, wollte überlegen: dann haben sie inzwischen sich

gesehen? Da bemerkte er, daß man Zeugen hatte. Thilde, die ewige Spionin,

verschwand hinter dem Haus, hervor aber traten munter zwei junge Herren in

Sportdreß, Heßlings, die Vettern Bucks. Achtzehn- und siebzehnjährig auf

langen Gamaschenbeinen kamen sie herbei, grüßten eckig wie fertige Kavaliere,

und der Leni, die alles gewandt entgegennahm, küßten sie die Hand. Wann sie

wieder zum Tanz gehe nach Beutendorf, — und sie nahmen sie in die Mitte. Ihr Bruder, der mit Hans, beide stumm, folgte, fühlte wohl, das Betragen Lenis war

zurückhaltend und dennoch vielsagend. Sie wußte nicht, daß er kämpfte für sie

— gegen jene. Große Bitterkeit, schweigen zu müssen! . . . Aber das Bürschlein,

das es wußte, empfand es nicht Scham? Wohl, es ließ den Kopf hängen.

Die Kavaliere riefen ihrem Vetter zu, er möge sich beeilen, jeden Augenblick

fahre das Auto vor. Es kam die Straße herab. Als alle die Wiese überschritten

hatten, hielt es, zwanzig Schritte von ihnen. Die drei jungen Herren

verabschiedeten sich ohne Umstände, stiegen ein zu den Damen Heßling und

Buck, die Federn in der Frisur trugen, und fort, keiner sah sich um.

Die Geschwister standen noch immer. Karl Balrich, beklommen, fragte

endlich seine Schwester: „Was denkst du dir nun?“

Leni antwortete:

„Sie hatten Reiher, solche findest du nicht noch einmal,“ — und wendete sich

zum Gehen. Da er kein Glied rührte und brütend aussah, fragte sie

eingeschüchtert: „Was hast du?“

Er fuhr auf; aber anstatt sie anzufahren, wie sie es befürchtete, lächelte er mit

seliger Güte — und sagte:

„Leni, du selbst sollst solche Reiherfedern haben! Und Kleider, Automobil,

eine Villa. Die Villa Höhe!“

Da lächelte sie wie er, selbstvergessenes Lächeln, an der Landstraße, im

Regen.

Ihr ward es kalt, sie machte kehrt und murmelte: „Du bist verrückt.“

„Nein. Ich arbeite, bis du es hast,“ sagte er fest. Sie sagte mit Wehmut:

„Dabei kann ich achtzig Jahre alt werden. Von deinem Lohn!“

Er neigte sich zu ihr:

„Du sollst etwas wissen, Leni, was ich den anderen nicht sage. Komm!“

An der Hand führte er sie bis in sein Zimmer. Er zog aus dem Tisch die Lade

mit den Büchern. Sie untersuchte alles.

„Das lernst du des Nachts? Davon hast du jetzt rote Augen. Und wenn du es

weißt, bekommst du Geld?“

Er erklärte ihr, daß er arbeite, damit er fähig werde, für sein Recht zu

kämpfen, für ihres. Sie suchte alles zu begreifen.

„Zwei Jahre, bis du dies hier weißt? Sechs Jahre, bis du Rechtsanwalt bist?

Acht Jahre oder auch zehn, bevor du genug verdient hast, um den Prozeß gegen

Heßling zu führen . . . Danke, dann ist meine beste Zeit vorbei.“

„Dann kommt das Leben in Villa Höhe!“

„Du glaubst, sie werden einfach ausziehen und uns hineinlassen? So sehen sie

nicht aus.“

„Sie werden müssen,“ behauptete er erregt. „Sie wohnen dort unrechtmäßig.“

„Darum helfen ihnen alle die anderen, die ihr Geld auch nicht rechtmäßiger

haben.“

Balrich verstummte. Woher kam es, daß Leni, achtzehnjährig, Zweifel hatte

wie der dicke Herr Buck, und die Welt schon durchschaute?

Da sie ihn enttäuscht sah, sagte sie:

„Es wäre schön, und du meinst es gut. Aber ich kenne vielleicht einen

kürzeren Weg.“

Er sah sie an; den kannte auch er; aber der ging durch einen Traum. Der Weg,

daß Hans Buck, wenn er erwachsen war, Leni zu seiner Frau nahm. Er liebte sie

und war ein gutes Bürschlein. Aber Leni, die an den Sieg der Arbeit und des

Rechtes nicht glaubte, sollte glauben können an ein so viel bedrohtes Glück? . . .

Dann meinte sie wohl gar etwas anderes? Er fragte dringend:

„Willst du deinen Techniker nicht mehr heiraten?“

Sofort machte sie, mit Schultern und Lippen, das Zeichen des Wegwerfens.

Und er, einen Schritt nähertretend:

„Was dann.“

Da erschrak sie und beschwichtigte. „Du kennst mich doch, so dumm bin ich

nicht. Wir wollen nach Villa Höhe.“

„Leni,“ sagte er, noch drohend, aber so traurig:

„Vor dem Techniker schäme ich mich nicht. Vor den Herren von Villa Höhe

würde ich mich schämen müssen.“

Sie war auf einmal außer sich. Tränen stürzten über ihr Gesicht, sie rang die

Hände und klagte.

„Denke doch nur das nicht, lieber Karl! Blind will ich werden, wenn ich das

tue! Und ich glaube auch, daß du gewinnst und uns reich machst. Bei Gott, ich

glaube es.“

Sie umschlang ihn heftig, auf sein Gesicht, das noch starr blieb, drückte sie

ihre Lippen. Da bekam es Leben, öffnete sich, strahlte.

„Verlaß dich auf mich!“ Er drückte ihr die Hand, immer wieder. „Verlaß dich

auf mich!“

So ging sie, und er setzte sich an seinen Tisch.

Dort saß er alle Winternächte. Die Arbeit getan in der Fabrik, erfrischte ihn

diese andere. Er ward hellhörig in der vereisten Weite der Felder vor seinem

Fenster. Kein Geräusch des ungeheuren Hauses nahm ihn mehr in Anspruch, nur

aus dem kleinen Buch hier drang zu ihm eine Stimme, seine eigene. Er lernte

nicht mehr, den Kopf in die Hände gebohrt, das Wissen Fremder. Ihm schien es,

er selbst, von einem zum andern, erfinde und denke weiter. Sein Kopf befreite

sich; und endlich als einziger wachend, empfand er manchmal mit

aufsteigendem Jubel das Werden der Kraft.

Der Professor prüfte ihn nur mehr wöchentlich. Inzwischen sah er Hans Buck,

immer ihn. Das Bürschlein wehte herein — atemloser als sonst, war morgen ein

Heft abzuliefern. In letzter Stunde, früh fünf Uhr, trieb ihn einst die Furcht her,

und von dem Arbeiter, den er aus seinem kurzen Schlaf weckte, ließ er sich die

Aufgabe machen.

„Weißt du, wie ich das erstemal dir Vokabeln abhörte? Kein Jahr, und du hast

mich eingeholt. Du wirst fertig sein, und ich noch immer, ein armseliger

Pennäler . . . Nein!“

Er stampfte auf.

„Das will ich nicht. Ich will heraus und Geld verdienen!“

„Auch du?“

„Bin ich umsonst dein Freund? . . . Warum kommst du nie nach Beutendorf

zum Tanz? Ein einziges Mal doch! Du würdest sehen, daß ich dich ersetze bei

deiner Schwester Leni. Niemand darf ihr zu nahe treten!“ rief er kühn — und

dann leichthin: „Was meine Vettern Heßling betrifft, verachte ich sie. Tue es

auch! . . . Oder befürchtest du Böses von ihnen?“ fragte er angstvoll.

Da Balrich ihn durchdringend ansah, bekam er das scheinheilige Gesicht, das

seine hellen Züge ihm gaben, wenn er etwas Schlaues dachte.

„Auch mich haben deine Leute wohl verdächtigt bei dir? Mach dir nichts

daraus! Über dich sagen sie bei uns, du läßt dich bezahlen — ich weiß nicht von

wem und wofür.“

Der Arbeiter machte große Fäuste, da hüpfte das Bürschlein vor Freude,

sprang hinter den Tisch und rief: „Siehst du?“

Dann freilich sagte es begütigend: „Was sie mir auch erzählen würden, dich

kenne ich. Mir aber darfst du schon einiges Schlimme zutrauen.“

Es raffte sein Heft auf, und hinaus, mit einer langen Nase.

Draußen aber prallte Hans Buck gegen eine, die gehorcht hatte: Thilde. Sie

zog ihn unter eine Lampe und fragte ihn ohne Scheu:

„Was tut er wieder! Ich muß es wissen.“

„Balrich?“ fragte Hans Buck unvorbereitet. „Jetzt lernt er Griechisch.“

„Er ist verrückt!“ schrie Thilde, daß es durch den Gang gellte. „Er schläft

nicht mehr — keine Nacht, ich sehe es, denn auch ich kann nicht schlafen. Mit

niemand spricht er, treibt Heimlichkeiten, und mich hat er angelogen. Er soll nur

herauskommen!“ rief sie nach seiner Tür hin, „dann sag’ ich es ihm.“

Da trat er hervor. Mehrere Frauen, treppauf, treppab, waren stehengeblieben,

darunter die Polster. Sie erklärte den anderen:

„Thilde sagt es, wie es ist. Er hat ihr vorgeredet, er verbessert eine Maschine.

Aber wir haben in seinem Zimmer nachgesehen.“

Er fuhr sie an, was ihr eingefallen sei; aber sie behauptete ihr Recht und das Recht Thildes.

„Wird einer verrückt, muß man nachsehen, was los ist;“ — worin die

Zeuginnen ihr beistimmten. Nur daß sie dafür hielten, es gebühre der Familie.

„Dinkl muß Ordnung schaffen.“

„Nun gut,“ sagte Balrich, „wir gehen zu Dinkl, Thilde und ich. Euch andere

geht es nichts an.“ Dies beruhigte die Weiber, nur die Polster war nicht

loszuwerden. Balrich schämte sich wegen Hans. Die Aussprache mit der

Familie, er sah es, war nicht länger hinauszuschieben; dazu brauchte man am

Ende den Onkel Gellert. „Hans,“ sagte er fordernd, „ich habe dir deine Arbeit

gemacht, jetzt hole mir sofort den alten Gellert!“

Hans lief schon. Balrich, Thilde und die Polster bewegten sich, ohne einander

anzureden, durch das Haus — lange Zeit immer über Treppen ohne Läufer,

durch Korridore mit hundert Türen, sachlich wie in einem Spital, mit Fenstern,

die nackt waren und in ihren Rahmen die kahle Winterfrühe hielten,

unbeschönigt, wie das Leben der Armen. „Unser Leben!“ dachte der Arbeiter

Balrich, aufgestört aus seinem griechischen Lesestück.

Angelangt auf dem Absatz vor der Tür Dinkls, sah er sie offen, und heraus

stürzte Malli.

„Ich gehe durch!“ kreischte sie. „Das ist kein Leben;“ — und überrannte die

Polster, die sogleich mitkreischte. Balrich hielt Malli, aber sie rang wie sie

konnte, und schrie, sie gehe durch. Als sie dann still war, hörte man drinnen

Dinkl, der schalt, und die heulenden Kinder.

„Warum läßt du mich nicht durchgehen?“ klagte Malli. Balrich zeigte ihr den

kalten und dunklen Tag. Das sei immer noch besser, klagte sie. Er fragte

drohend:

„Tut Dinkl dir etwas?“

Da hielt sie ihn flehend zurück.

„Er kann nichts dafür. Und die Kinder, die mich totquälen, auch nicht.“

„Dann komm’, es soll besser werden,“ sagte er und führte sie bei der Hand in

das Zimmer. Dort saß Dinkl und prügelte. Am Boden eine verunreinigte

Waschschüssel. „So fängt der Tag an,“ sagte Dinkl; — und wie es einen

Augenblick still ward, hörte man die glücklichen kleinen Laute des Säuglings,

der auf der Kommode lag und die Ärmchen reckte.

Malli trug die Waschschüssel hinaus, worauf sie, unterstützt von der Polster,

die Kinder reinigte und kämmte. Dinkl, durchaus nicht lustig nach dem

Aufstehen, keifte seinen Schwager an.

„Der Herr Balrich; daß man auch einmal die Ehre hat! So ein Heimlicher!

Hast Geld, wie? Verdienst es wohl, wie der Jauner?“

Balrich wollte losfahren, sagte indes:

„Bald sollst du einsehen, Dinkl, was für ein Dummkopf du bist.“

„Du aber,“ keifte Dinkl, „spuckst Latein, wie ein Bourgeois, drum hast du die

Thilde so hergerichtet, du Lump;“ — und er wies auf Thilde, die ihre Schürze

vor dem Gesicht hatte.

„Onkel Gellert hat uns etwas gesteckt über dich.“

„Das soll er jetzt vertreten,“ sagte Balrich laut nach der Tür hin, wo der alte

Anstreicher sich zeigte. Er wollte sogleich wieder umkehren, aber Hans Buck,

von hinten, stieß ihn in das Zimmer. Hierauf schnupperte der junge Reiche in die

Luft; sie roch nur nach den vielen, soeben aus dem Bett gekommenen Leuten,

nicht nach der, die er suchte. Dennoch trat Leni dahinten hervor aus ihrem

Brettergelaß. Hans Buck, durch Dick und Dünn des Zimmers, war schon bei ihr.

Der alte Gellert wollte nichts wissen noch gesagt haben, er stellte sich taub.

Plötzlich aber schrie er los, mit der ganzen Wut seiner noch unangegriffenen

Nüchternheit.

„Es muß heraus,“ schrie er. „Der da begaunert mich!“

Da Balrich ruhig blieb, nahm der Alte alle zu Zeugen seines Mutes.

„Jetzt soll er bekennen, jetzt steht er vor seinem Richter. Hab’ ich dir, ja oder

nein, einen Wink gegeben über einen alten Brief, worin steht, mir gehört

Gausenfeld?“

Balrich lächelte dunkel.

„Du sollst dich wundern. Ich habe den Brief sogar herausbekommen, aber was

du sagst, steht nicht darin.“

Da bekam der Alte den Tanz. Die Arme und die Beine werfend beschuldigte

er seinen Neffen, den Brief verkauft und das Geld versteckt zu haben.

„Ich lauere ihm auf, und er drückt sich, oder er macht Redensarten.“

„Weil die Sache schwer zu sagen ist,“ erklärte Balrich. „Der Brief aber ist

hier;“ — und er reichte ihn hin.

Sie lasen: Dinkl, der den Brief hielt, neben Gellert, der nach ihm griff, und

Malli, auf dem Arm den Säugling, und Thilde, die Augen trocknend, und die

Polster, die die Lippen bewegte, und das größte der Kinder auf einem Stuhl. Die

anderen, samt den Polsterschen, standen und wunderten sich der tiefen Stille. In

die Stille traten auf den Fußspitzen die beiden jungen Brüder Balrichs, ihnen

folgte der alte Dinkl, der nicht mehr arbeitete, mit seinem Blechtopf, worin er

sich den Kaffee holen wollte; und alle schlossen sich an den Haufen und lasen

mit.

Balrich allein hörte das Flüstern hinter der Bretterwand und das leise

Getrappel, wie Leni das Bürschlein hinausdrängte.

Dinkl war fertig, er fragte:

„Was soll uns das nun?“

„Damit werden wir alle reich werden,“ sagte Balrich. Da lasen sie noch

einmal, starr und feierlich.

Gellert unterbrach.

„Wenn er mein Recht verkauft hat? Was soll ich alter Mann noch machen.“

„Du bist ein alter Mann,“ sagte Balrich fest und mit Nachsicht, „bist wehrlos,

und ihr alle seid wehrlos. Darum habe ich mich daran gemacht und lerne. Ich

will lernen, bis ich das Recht kann. Dann hole ich es mir.“

Er stand, das fahle Frühlicht auf seinem breiten Gesicht, und sie blinzelten alle

und wollten begreifen. Gellert begann nochmals zu zetern.

„Was hilft mir dein Lernen, ich bin ein alter Mann und will Geld. Da, zähle

mir mein Geld hin!“

Jetzt wies Dinkl ihn zur Ruhe. Dann schöpfte er Atem und sagte zu Balrich:

„Es kann wohl lange dauern, bis wir unser Recht bekommen. Wer weiß, ob

wir es erleben. Aber unsere Kinder, sollen wenigstens die es besser haben?“

Balrich sah ihm in die Augen, und dann den übrigen, einem nach dem andern.

Es dauerte lange und geschah schweigend; da hatte er mit ihnen seinen Pakt

gemacht. Vom Arme Mallis hob er den Säugling und zeigte ihn ihnen.

„So wahr der wächst,“ sagte er.

Eine Pause; dann hustete jemand, und alle nahmen ihre Sachen, um in die

Fabrik zu gehen. Balrich ließ sie an sich vorüberziehen. Thilde kam und sagte

ernst wie eine Nonne:

„Ich warte auf dich. Jetzt weiß ich, du kommst wieder.“

Die Polster, die zu Haus blieb, trieb die Kinder vor sich her. Ihren Bruder

Dinkl fragte sie ängstlich, ob denn auch sie etwas bekommen werde. Das wisse

man nicht, erwiderte Dinkl sachlich. „Wie die Rechtslage ist. Wenn du es nicht

anders willst, müssen wir prozessieren.“ Dann hörte Balrich Zwei noch reden,

im Winkel hinten. Zuerst ein dringendes Geflüster, Hans.

„Ich weiß wohl, was du vorhast. Tu’ es nicht, tu’ es nicht! Dich liebt nur einer,

und das bin ich.“

Das könne jeder sagen, antwortete Leni nichtachtend.

„Sagen! Aber tun? Auch ich sah in dir nur mein Vergnügen, ich war ein

Verbrecher! Jetzt will ich für dich arbeiten, hinaus und verdienen für dich, gleich

jetzt. Will sein wie ihr und immer nur arbeiten. Ich liebe nicht nur dich, sondern

euch.“

Auf das flehendste:

„Du mußt doch hören, so sagt es dir nicht jeder.“

Jetzt bekam Leni eine Stimme, die Balrich nicht kannte, eine scharfe,

entschlossene Stimme.

„Was nützt es. Es dauert zu lange. Es dauert auch so lange wie —“

Balrich erschrak; er begriff, was sie meinte, und schlich hinaus. Da ward von

rückwärts seine Hand erfaßt, und bevor er verstand was geschah, lagen auf ihr

ein Paar Lippen, und vor sich hingekrümmt sah er den grauen Haarknoten seiner

Schwester Malli und ihren demütigen Rücken; Er richtete sie auf. „Heute muß

ich nicht mehr beten,“ sagte sie mit ihren grauen Lippen und stampfte eilig

davon in ihren Männerschuhen und dem Rock, der gegen ihre knochigen Hüften

schlug.

So ging auch er, die Stirn gesenkt, überladen zum erstenmal mit

Verantwortung — und dennoch gestärkt durch sie. Er fühlte: Alle helfen jetzt

mit, ich schaffe es. Auch sie wird glauben lernen.

Ohne daß er aufsah, verging der Winter. In einer Frühlingsnacht erst — ihm

war es warm vom Lernen — er öffnete, halb entkleidet, das Fenster und lehnte

sich hinaus, um Luft zu schöpfen einige Züge und dann weiter: da hörte er atmen

— atmen ringsum aus den dünnen Mauern, den geöffneten Fenstern; und

lauschend vernahm er dann auch Schelten, einen Aufschrei aus dem Traum,

Gestöhn beim Sterben, und wieder das Winseln Eines, das zur Welt kam. Vor

langer Zeit, er entsann sich, hatte er dies alles schon belauscht, nur der Sinn

damals war anders. Nicht länger bedeutete dies Härte oder Trostlosigkeit und

litten sie oder schliefen, er, er wachte und besann.

Er spannte sich beglückt. Seine Leute, seine Gefährten, die Seinen. Arm mit

ihm, und eines Tages durch ihn reich. Die schaukelnden Rosenkränze vor Villa

Höhe! . . . Hier verdüsterte er sich und versank. Eine Zeit gab es, da hatte er nur

an sich gedacht und an niemandes Recht als nur seins; hatte auf der Stelle Besitz

ergreifen wollen und genießen. Sein Herz erinnerte ihn dann doch an Leni, das

geliebteste der Wesen. Aber verdienten andere Wesen es weniger, geliebt,

befreit, bereichert zu werden? Sie waren nicht alle gut, nicht alle fein. Feinheit

und selbst Güte, meinte der Arbeiter, bringt ihnen erst das Geld. Sie waren

oftmals böse miteinander, wie gegen sie die Reichen, die das Geld nur böse

machte, meinte der Arbeiter. Alle durcheinander kämpften sie, weil sie litten;

kämpften sich durch, unbekannt einem jeden, wohin. Mit ihrer Vernunft waren

sie sich noch nie begegnet.

Die Vernunft aber spricht doch zu jedem, daß wir einer so viel Recht wie der

andere haben. Uns allen sind die Produktionsmittel vorenthalten, wir sind enterbt

und werden bewuchert an Leib und Leben. Wir sollen die Reichen enteignen, das

Glück der Erde soll unser sein, nachdem unser ihr Elend war . . . Ja; aber auch

wir werden zum Unrechttun verurteilt sein, denn wir stehen auf dem Unrecht.

Die Grundlage aller Reichtümer Heßlings ist ein wenig Geld, das einem der

Unsrigen gehörte. Er aber, in dessen Namen wir nun hintreten vor Heßling, hat

es schimpflich erworben. Wir, seine Erben, sind nicht gerechter als jener Ausbeuter; wir sollen es erst werden.

„Wie werden wir es? Wenn alle den gleichen Lohn und Gewinn haben? Kein

Unternehmer; — aber ich heute, ich weiß mehr als die anderen, kann darum

mehr und muß mehr haben. Wie entschädige ich sie?“ fragte er inständig das

Bild vor seinem Geist, die Gleichheit.

Als das Haustor knarrte, wie am Morgen wenn es geöffnet ward, trat er hervor

aus seinem eigenen Innern, sah plötzlich hellen Tag und hörte Sonntagsglocken.

Viel Zeit verloren vom Lernen; aber, nie gekannt, sein Geist war absichtslos

vorgedrungen, er hatte „gedacht, ohne daran zu denken“.

Hinausschlendernd in den festlichen Morgen, sah er über die Wiese den

Rechtsanwalt Buck wandeln.

„Sie promenieren?“ fragte der dicke Mann. „Gehen Sie nach Villa Höhe, es ist

gut für Sie. Für mich ist es gut, sie zu verlassen an einem solchen Morgen.“

„Ich gehe nicht hin,“ sagte Balrich.

„Nicht? Ihr Anblick ist Ihnen zu strahlend, zu leicht und glückumwoben? Sie

lügt zu sehr? In der Tat, was für Wesen müßten wir sein, um nicht blamiert zu

werden durch einen Frühlingstag.“

Balrich sagte:

„Wir alle werden uns einstmals ganz heimisch darin fühlen.“

„Frühlingstag und Villa Höhe, kann sein,“ sagte Buck und sah ihm lange in

das Gesicht, „für Sie sind sie gemacht.“

Er lenkte zwischen den Arbeiterhäusern auf das kahle Feld hinaus. „Sie

wenden jetzt alle ihre lange aufgespeicherte Gehirnkraft auf einmal an, Sie sind

ein Riese.“

„Das sind Phrasen,“ sagte Balrich. „Ich bin überarbeitet.“

„Ich sehe es,“ sagte Buck nachgiebig, und der Arbeiter schroff:

„Aber das ist nur eure Schuld, ihr entzieht uns die Schulbildung, damit wir

Knechte bleiben. Künftig aber werden in das geistige Leben die körperlich

Arbeitenden, alle Menschen, von früh an langsam hineinwachsen. Und in

wenigen Stunden wird dann in den Fabriken und am Studiertisch mehr geleistet

werden als jetzt in vielen.“

Buck sagte befriedigt:

„Dann wird Wissen da sein für alle. Heute übernehmen sich einige an ihm.“

„Wie am Geld,“ sagte Balrich.

„Künftig beziehen alle denselben Lohn?“ fragte Buck sanft.

Der Arbeiter errötete.

„Wohl nicht. Aber jeder seinen Gewinnanteil!“

„Der auch ein Verlustanteil sein kann,“ ergänzte Buck.

Balrich wußte es besser.

„Nein; den trägt das Unternehmen. Es gehört nicht uns, den Arbeitern. Es

gehört sich selbst.“

„Sie haben dies erdacht?“ fragte Buck, schneller als sonst. Dann wandte er

ein:

„Es gehört sich selbst. Aber wer verkörpert es? Wer hat teil an ihm?“

„Alle, von denen es lebt.“

„Es lebt auch von den Toten.“

„Unsinn,“ sagte der Arbeiter.

„Es lebt auch von den alten Männern an der warmen Mauer dort, die nie mehr

ein Werkzeug in die Hand nehmen. Denn sie haben das Unternehmen eine Weile

unterhalten mit ihrer Kraft. Es lebt auch von den noch Ungeborenen; kämen sie

nicht, müßte es eingehen. Endlich lebt Ihr Unternehmen von der Stadt, die ihm

Menschen liefert und Nahrung für sie; von der Hochschule, deren Erfindungen

es benützt; ja, von denen, die früher einmal an es geglaubt haben und betrogen

wurden. Sehen Sie, mein Vater hatte Aktien, und Heßling brachte ihn darum.“

Balrich überlegte lange, bis zum See im Arbeiterwald. Wie sie standen und in

das Wasser blickten, sagte er:

„Das wäre wahr? Dann ist es nicht alles. Solche Unternehmen über dieses

Land hin und über alle Länder, das wäre die Gerechtigkeit, es wäre der

Weltfriede. Dann wäre es ein gültiger Schwur, den vor wenigen Monaten im

Münster zu Basel die Arbeitervertreter aller Länder geschworen haben: Keine

Schafe mehr wir Arbeiter, stumm zur Schlachtbank geführt, keine willenlosen

Instrumente der Kriegsinteressenten . . . Wäre es wahr?“ fragte er inständig.

„Da dann einer für den andern steht, keiner allein, und da wir am Ende, ganz

am Ende, doch gleich sind,“ sagte Buck.

Sie umschritten den See; er sogar erschien rein, im Licht des

Frühlingsmorgens. An der gleichen Stelle wieder angelangt, sagte der Arbeiter:

„Mit Euch, Herr Doktor, zu spazieren, ist ehrenvoll und ist Gewinn.“

Buck, ohne zu fragen, nahm seinen Arm und stützte sich. Sie traten den

Rückweg an; Balrich, nach herbem Besinnen, stieß hervor:

„Wenn das Bürgertum dies weiß, was für ein Verbrecher ist dann Heßling!“

Buck wiegte den Kopf.

„Nur sehr beschwerlich denkt man gegen das eigene Interesse,“ sagte er. Der

Arbeiter sagte bescheidener: „Ich kann Sie noch nicht verstehen. Vielleicht

meinen Sie mich, aber Sie können auch die Herren dort drüben meinen.“

Er wies hinüber. Vor der Villa Klinkorum ergingen sich, den Rücken

hergewendet, aber mit Gebärden, der Professor samt Zillich und dem Doktor

Heuteufel. Sogleich gab Buck den Arm Balrichs frei und ließ den Arbeiter hinter

sich. Balrich, erbittert, als sei er verraten, blieb stehen und wollte kehrt machen. Inzwischen aber erblickten ihn die drei Herren.

„Da ist er!“ rief Klinkorum. „Herbei, junger Mann! Verhandelt wird Ihre

Sache. Wollen Sie weiter hinanklimmen die Leiter der Eingeweihten, oder mit

einem hörbaren Ruck wieder zurückfallen in Ihr ehemaliges Nichts?“

Buck bemerkte, zufolge dieser gesteigerten Ausdrucksweise müsse etwas

Erhebliches vorgefallen sein. Statt Klinkorums, dem im Augenblick die Sprache

versagte, bestätigte Heuteufel dies im vollen Umfang. Vorgefallen war erstens,

daß der Bau des geplanten dritten Arbeiterwohnhauses C, hinter der Villa des

Professors und sie vollends umklammernd, jetzt wirklich begann; — und zum

zweiten war an Klinkorum, dieses Opfer des Großkapitals, die Verwaltung von

Gausenfeld herangetreten mit dem Ansinnen —

„Mit dem unerhörten Ansinnen!“ warf Klinkorum ein.

— abzulassen von dem Mittelschulunterricht, den er einem Arbeiter des

Werkes erteile. Dies war vorgefallen. „Genügt es?“ fragte Heuteufel, indes der

Konsistorialrat nur pfiff. Buck bedauerte den Professor.

„Gerade von diesem Schüler versprachen Sie sich das Beste.“

Klinkorum zögerte; aber dies war der Augenblick nicht, Rücksichten zu

verschwenden. „Das fällt mir nicht ein,“ schnob Klinkorum. „Er ist ein

schwerfälliger Kopf. Durch unbegründeten Dünkel erschwert er dem Lehrer die

Aufgabe;“ — wobei er gegen Balrich den Finger erhob. „Aber!“

„Aber gerade darum setzen Sie Ihren Ehrgeiz ein. Sie wollen der Lehrer eines

Arbeiters sein, der einst zeigen wird, was der Wille kann.“

„Ich will nicht auch noch mein Geld verlieren,“ stieß Klinkorum, hervor.

„Es ist Ihr heiliges Recht,“ bestätigten ihm Zillich und Heuteufel.

„Er entwertet mein Haus — wie? Und diesen Zeitpunkt meiner schlimmsten

Vergewaltigung durch seine Übermacht benutzt der freche Gewalthaber, um mir

auch noch die Ausübung meines Gewerbes zu untersagen. Ein Rächer wird mir

erstehen! Die Herren sind Zeugen, daß ich es schon längst voraussage: ein

Rächer!“

„Man sieht ihn noch nicht,“ seufzten seine Zeugen.

„Nein, man sieht ihn noch nicht,“ bestätigte Klinkorum und sah an Balrich

vorbei. Dann begann er auszuholen.

„Kommen wird die Zeit, da wird auch seine Villa, meine Herren, seine Villa

Höhe erschüttert werden von dem Gestampf einer Volksmenge, verpestet von

ihrem Geruch, bedroht von ihrer Rache, was sage ich, dem Erdboden

gleichgemacht!“

Diese Aussicht schien die beiden andern mit heftiger Freude zu erfüllen. Der

Arbeiter sah es immer nur staunend . . . Klinkorum kehrte aus seiner

Entrücktheit wieder.

„Lasse er aber ab von dem Bau jener Mördergrube, des Hauses C, dann

immerhin mag es sein, daß ich mein Amt als Lehrer seines Arbeiters

niederlege.“

„Geschäft ist Geschäft,“ sagte Buck, und sah Balrich nach, der den Rücken

wandte und ging. Die andern, zu sehr im Eifer, beachteten es nicht.

„Soll er Ihnen Ihr Grundstück abkaufen!“ gab Heuteufel zu bedenken.

„Und zwar für das Doppelte seines Wertes,“ ergänzte Zillich.

„Wo nicht,“ schloß Heuteufel, „machen Sie ihm ganz Gausenfeld rebellisch.“

„Wie können solche Menschen sich noch selbst betrügen!“ dachte dahinten,

langsam entschreitend, der Arbeiter Balrich.

Er besann ihre Lage, und sie schien ihm zwar besser, aber auch

verachtenswerter als die seiner eigenen Klasse. Sie überhoben sich kindisch über

die noch Ärmeren, damit sie doch, mit ihrem wenigen Geld, ihrem Wissen und

ihrem schwarzen Rock noch Figur machten neben den Überreichen. Lehnten

sich auf — und krochen mit dem nächsten Wort schon wieder unter das Joch des

Geldes, unrettbar, weil sie selbst etwas voraushatten. Der Arbeiter fühlte: wer

irgend etwas voraushat, ist ein Mitverschworener gegen uns. Zwischen denen,

die nur etwas und uns, die nichts haben, ist derselbe ungeheure Abstand wie

zwischen uns und den Überreichen. Das ganze Bürgertum bis zu seinen Ärmsten

ist eine von uns abgeschnittene Welt, aus der wir nur verwehte Geräusche hören,

und von uns zu ihnen gelangt nichts, gar nichts.

Er besann: „Jeder Arbeiter kennt schon meine Geschichte. Denn Dinkls

natürlich haben nicht dicht gehalten; aber dem Klinkorum erzählt keiner sie.

Jeder alte Lumpensammler weiß Bescheid, daß Gausenfeld eigentlich unser ist

und uns zufallen soll. Nur die drei Käskrämer dahinten —“ Balrich spie aus, vor

so viel Taubheit und Dummheit. Standen da mit ihren Aktien und sahen nicht,

wie unter ihnen der Boden schon riß!

Neben der Kantine die Arbeiter kegelten mit viel Geschrei. Balrich ging

vorüber, da waren sie still.

Er trat ein und stieg in die Bank zwischen zwei anderen. Der eine rückte ein

Stück fort, — und im Gesicht seines Gegenübers sah Balrich Feindschaft. Sie

trauten ihm nicht, er war jetzt anders; denen soll man nicht trauen, die Genossen

hatten recht. Er machte sich, ihnen zu gefallen, klein beim Essen. Da kam

Herbesdörfer, sah durch seine runden Brillengläser Balrich an mit Ehrfurcht und

riß die Mütze herunter, — wobei die Mütze fortflog. Balrich war schneller als

Herbesdörfer und holte sie. Als Balrich wieder saß, legte sein Nachbar ihm

schwer die Hand auf die Schulter und sagte:

„Weiß schon.“

Weiß schon, du bist unser Mann, hast unseretwegen das Mitlachen, Mitschreien verlernt, machst es dir schwerer als wir es uns machen.

Beim Fortgehen, in der Tür, traf er auf Simon Jauner. Der gab ihm die Hand,

und mit der anderen beteuerte er irgend etwas, wohl seine Verschwiegenheit. Sie

war ihm anzuraten. Hier hörte der Spaß auf, jeder einzeln hatte ihn dessen

versichert. Wenn von der Sache mit Balrich die Herren etwas erfuhren, war dem

Jauner sein Messerstich gewiß, er wußte es. So tat niemand sich Zwang an vor

ihm; Dinkl machte wieder seinen alten Witz und nannte den alten Gellert Herr

Generaldirektor. Es war ein Witz, und doch keiner mehr. Man lachte brüllend,

aber auch Gellert lachte, er fühlte sich nicht verhöhnt, eher geschmeichelt.

Balrich wollte hinaufgehen zu seinen Schulbüchern, aber eine Frau hielt ihn

noch auf. Ihr Mann trank, Balrich sollte helfen. Sie hatte vor ihm den demütigen

Nacken Mallis.

Die alten Männer am Haus in der Sonne wandten ihm, wie er vorbei war,

runde Augen nach und schwiegen, tiefer als irgend jemand. Die Kinder aber, das

Volk von Kindern — eine Wolke von ihnen, stob immer, wo er ging,

verschleiernd ihn und seinen Weg.

„Wir halten alle zusammen,“ fühlte Balrich hochgemut. „Jetzt hilft es ihnen

nichts mehr, daß sie verschworen sind gegen uns; so fest verschworen sind sie

nicht.“

Und sie wußten nichts, kein Spion steckte ihnen noch etwas, im Dunkeln

liefen sie durcheinander und hätten wissen wollen.

In der Fabrik spürte man ihre Unruhe. Bis zu den Inspektoren nur Unsrige,

und lächelten in den Bart, wenn von droben einer sich heranmachte und wollte

riechen, was im Werk war. Man ließ sie abfallen, nicht den Mund durften sie

auftun; denn nie war besser gearbeitet worden. Jeder wußte: für uns; die Ware

hier ist schon für uns, die Maschinen sind unser; den Beweis hat der Balrich.

Unvergleichliche Freude, wie einst der Generaldirektor, geleitet vom

Oberinspektor, durch die Arbeitssäle stolzierte und hatte Furcht. Wahrhaftig, bei

dem Kessel mit den Mühlrädern — Herbesdörfer stand davor und sah ihm

entgegen — machte Heßling einen Bogen. Er dachte, grün im Gesicht, wie leicht

man, half gar noch einer nach, zwischen die Mühlräder gerate. Die Furcht, die

immer den Herbesdörfer quälte, auf einmal erlernte auch Heßling sie.

Jetzt aber erblickte er den Balrich, und jetzt — alle hatten das Auge auf ihm

— fühlte er sich verloren. Er sah und aller Augen begleiteten ihn: der da, mit den

schwarzen Brauen, der da, mit der breiten Stirn, den breiten Schultern, dem

Schopf — das ist er, der mich in der Hand hat und mehr kann als ich und mich

zerschmettern und die Gerechtigkeit wiederherstellen wird. Die Arbeiter nickten

einander zu. Wie ihm das Licht aufging! Wie er zitterte!

Balrich stand stämmig da und erwartete den Kapitalisten, seinen Bauch, sein blondes, massiges und hartes Gesicht, — stand da, erfüllt wie je von dem

Bewußtsein: alles Böse in der Welt geschieht für Diesen . . . Heßling, angelangt,

blieb stehen, ließ den Fuß nur ein wenig in der Schwebe; aber genug, daß

Todfeinde sich messen . . . Dann warf der Generaldirektor den Kopf in den

Nacken, und der Arbeiter legte Hand an.

Draußen, gedämpft, fragte der Generaldirektor seinen Oberinspektor, was es

damals gewesen sei mit dem Arbeiter, der Latein lernte bei Klinkorum.

„Das war er,“ sagte der Oberinspektor.