Die Armen: Ein Roman
VI Geh’ nicht fort!
VI
Geh’ nicht fort!
Was tun? Die Entlassung ernst nehmen? Sie war es schwerlich. Wollte Heßling
den Brief seines Vaters schon vergessen und alle Drohungen in den Wind
schlagen, — übrigblieben die Arbeiter. „Die hat er nicht, die habe ich. Was ich
ihnen biete, er kann es nicht.“
In der Frühe endlich fand er Ruhe und wollte arbeiten; aber da trat in seine
Tür der Rechtsanwalt Buck. Balrich stand nicht auf.
„Ich sehe, daß Sie sich wundern,“ sagte Buck und setzte sich auf das Bett.
„Sie wundern sich grundlos. Ich habe Ihnen schon immer gesagt, daß ich mich
zum Märtyrer nicht geboren fühle.“
Er machte es sich bequem, tat wie ein alter Bohémien, der zu einem jüngeren
kommt. Balrich blieb steif.
„Ihre Art, es zu treiben, mag ich nicht,“ sagte er. Buck wandte sanft ein:
„Sie kennen sie aber nur durch mich selbst.“
„Das Wissen nützt nichts. Bessern Sie sich!“ sagte der Arbeiter; und dem
anderen, der lächeln wollte, verging das Lächeln. Die Augen gesenkt, leise
brachte er vor:
„Ich wollte Ihnen sagen, Sie täten gut, sogleich hier auszuziehen, mit allen
Ihren Leuten.“
„Das habe ich mir selbst überlegt, und danke dafür. Was kann er gegen mich
machen. Der Streik ist ihm sicher — und Schlimmeres!“
Buck schüttelte den Kopf, so heimlich, als sähe jemand zu. Heßling habe sich
etwas ausgedacht, raunte er, mit Blicken nach der Tür; damit werde er die
Arbeiter zum besten halten — vorläufig; „Ihre Zeit kommt wieder. Sehr bald; die
Arbeiter brauchen den Unrat nur zu riechen. Bis dahin treten Sie einen
strategischen Rückzug an!“
Balrich, unter finsteren Brauen, maß ihn lange.
„Wer sagt mir,“ äußerte er, die Silben abteilend, „daß Sie nicht von ihm
kommen?“
Hiernach sah Buck eine Weile seine Kniee an, seufzte und stand auf. „Nichts
zu machen,“ damit wollte er gehen. Balrich holte ihn zurück.
„Nein. Dafür halte ich Sie nicht.“ Und rauh: „Dann soll ich gehen, bevor ich
hinaus muß?“
„Mit Ihren Leuten,“ ergänzte Buck. „Er hat sie sich alle nennen lassen, gleich
gestern. Mit Ihren beiden Brüdern, Ihren beiden Schwestern, Ihrem Schwager,
den Kindern, dem alten Gellert, und dem alten Dinkl. Ausgenommen sind die
Verwandten Ihres Schwagers.“
„Polsters? Wohl wegen des Inspektors Salzmann, der mit der Frau etwas hat.“
„Sie sehen, wie die Tugend belohnt wird,“ bemerkte Buck und wollte sich ein
wenig freuen, doch ließ er es.
„Alle werden Sie leben müssen,“ sagte er. „Das wird schwer sein, besonders
für Sie selbst, mit Ihrem Studium. Auf mich dürfen Sie leider nicht rechnen.“
Das läge ihm fern, brummte Balrich. Trotzdem erklärte Buck ihm noch, daß er
ihm auf keine Weise von Heßling unbemerkt etwas zukommen lassen könne:
„Und Sie kennen meine Feigheit,“ sagte er ironisch, — worauf er ging. Balrich
dachte: er überlege sich wohl nicht, daß man ihn hier könne gesehen haben.
Dann weckte er seine jungen Brüder, wir müssen fort, und machte sich auf zu
Dinkls, wir müssen fort, entlassen sind wir. Malli erhob ein Jammern. Dinkl
stellte den Fuß vor und drohte, das werde man sehen. „Wo ist Leni,“ fragte der
Bruder; schon seit den ersten Eröffnungen Bucks dachte er im Grunde nur: Was
wird aus Leni . . . Sie schlief noch. Er atmete auf, — als hätte sie schon wissen
können und könnte schon getan haben, was er fürchtete, so sehr fürchtete.
Was Dinkl betraf, er war seiner Sache gewiß. Heßling mochte noch eine Weile
Schindluder treiben mit uns, seine Zeit war doch herum und Gausenfeld gehörte
uns. Daß er uns austrieb, bewies nur, wie sehr er Angst hatte. Auch der alte
Gellert, der hierüber sich einfand, war überraschender Weise die Zuversicht
selbst. Er machte sich anheischig, bei Klinkorum Unterkunft zu schaffen für alle.
Klinkorum habe auf Heßling einen Haß!
Dies erwies sich sogleich als richtig. Der Professor erlaubte dem Gellert, in
das Souterrain aufzunehmen, wen er wollte. Seinem Schüler Balrich räumte er
sogar eine Kammer im Erdgeschoß ein.
Sie zogen um, als gerade die Arbeiter in die Fabrik aufbrachen. Umringt
mußten sie anhalten mit ihren Karren auf dem Weg um die Wiese. Das Karussell
ward aufeinandergenommen. Dinkl, den Arm erhoben, rief aus: „Wie die
Zigeuner packen wir zusammen, Genossen! Aber was unser ist, bleibt unser, und
bald macht ein anderer den Zigeuner.“ Alle stimmten murrend bei.
Da ward ein Anschlag entdeckt, zwischen den Häusern A und B im Torbogen
ein großer gelber Zettel, darauf sollte etwas stehen, von der Generaldirektion. „Natürlich wegen Balrich,“ sagten sie rückwärts. „Wer streikt wegen Balrich,
wird auch entlassen. Das findet sich, zuerst streiken!“ Und sie riefen: „Ausstand
erklären!“ Vorn aber, in dem Torbogen, riefen sie etwas anderes; und je mehr
Leute sich hineindrängten und gelesen hatten, um so viele weniger riefen noch
Ausstand.
Herbesdörfer kam zurück, er sagte zu Balrich:
„Er hat sich etwas ausgedacht. Wer dich im Stich läßt, bekommt die
Gewinnbeteiligung.“
Balrich fuhr auf. „So weit ist er? Gewinnbeteiligung? Dann gibt er bald noch
mehr her. Wer will mich jetzt noch im Stich lassen!“
Sie sahen ihn zweifelnd an. Er selbst wagte kaum zu glauben, was er sagte.
„Solche Angst hat er seit gestern. Schickt mich fort zum Schein, und tut doch
was ich will.“ Der Sieg, fühlte er, wäre zu leicht, dafür daß er so ungeheuer wäre
. . . Er sprang, brach durch bis in den Bogen, las . . . Laut lachend kam er zurück.
Sie drängten herbei, warum er lache; sie waren es nicht gewohnt von ihm.
„Eure Löhne sollen gedrückt werden! . . . Das habt ihr nicht gelesen;
natürlich, ist auch ganz klein gedruckt.“
„Aber die Gewinnbeteiligung!“
„Die ist groß gedruckt. Ob sie aber an die kleingedruckten Löhne heranreicht?
Muß überhaupt ein Gewinn kommen?“
Dies erbitterte sie.
„Gausenfeld! Hunderttausende werden verdient!“
„Auch wenn ihr beteiligt seid?“
Da wurden Stimmen halblaut, die sagten, er sei neidisch. Sobald er sie hörte,
schwieg er. Sie wollten glauben, nur glauben: ihm oder dem Heßling. Wer ihnen
das nähere Glück versprach, dem glaubten sie.
Der Maschinenmeister Polster stellte sich wohlhäbig auf und lehrte: „Die
Gewinnbeteiligung ist eins der wirksamsten Mittel zur Hebung des
Arbeiterstandes und das wirksamste Mittel zur Versöhnung von Arbeiter und
Unternehmer.“ Er wußte den Anschlag schon auswendig.
Herbesdörfer erwiderte ihm:
„Den Unternehmer kennen wir.“
Dies machte viele stutzig; — und eben jetzt wagte der Jauner sich hervor: Die
Herren dort oben hätten ihn zwar falsch beschuldigt und beinahe einsperren
lassen, hier aber müsse er sagen Hut ab! Worauf viele erwiderten: Schnauze! —
und ernüchtert den Weg zur Fabrik antraten.
Einige sagten zu Balrich:
„Wenn es wirklich etwas ist mit der Beteiligung, es ist noch nicht alles. Wir
brauchen dich weiter, Balrich.“
Händeschütteln. „Hoch Balrich!“ Auch „Ausstand!“ ward gerufen. Er aber
sagte ihnen:
„Laßt das nur! Ich weiß den Weg! Abwarten!“
Und er zog seinen Karren weiter; hinter ihm Dinkl und Malli mit den ihren,
auf einem das Letztgeborene; und am Schluß schoben die jungen Brüder
Balrichs. Die Kinder nebenher; Leni war nicht mehr zu sehen; — so führte der
alte Gellert sie in ihr neues Heim.
Es waren zwei Zimmer mit Fenstern in der Höhe des Erdbodens. Die Kammer
im Parterre, nach Norden auf das Haus C hinaus, war nicht weniger dunkel, nur
trockener. Balrich arbeitete darin, schlafen aber mußte dort Leni. Sie hatte
sogleich eine Stellung als Modistin und kam erst abends heim. Dinkl, ebenso
schnell, kam bei der Städtischen Abfuhr unter; Malli durfte ihm sein Essen
einfach auf die Landstraße hinaustragen. Sie selbst tat die groben Arbeiten bei
Klinkorum, alle hatten ihr Auskommen, Gellert sogar mehr Wände
anzustreichen als sonst.
Ja; — aber Dunkelheit, alles feucht, und der Geruch nach Unrat, den Dinkl
heimbrachte, als sei es die Essenz von Gausenfeld, seines Elends, langfristigen
Elends. Balrich, der droben Horaz las, hörte unter sich die Dinklschen Kinder
einander quälen und Schmutzereien treiben. Zuweilen kam Gellert, man wußte
nicht wann, denn er machte Schicht nach Belieben; betrank sich und gab
Schnaps auch den Kindern. Dann, regelmäßig, vergaß er sich noch weiter.
Balrich hörte von oben, wie sie kreischten, vor ihm hinausflüchteten, und das
Einjährige, das sie fallen ließen, schrie dann, bis Malli kam . . . Balrich schämte
sich, er ging dem alten Lumpen aus dem Weg, um nicht sprechen zu müssen.
Nur seiner Schwester sagte er, sie solle achtgeben; was für Augen mache schon
die elfjährige Liesel! Da weinte sie bitter und senkte ihren grauen Kopf. Sie
wußte noch mehr als er; was aber soll werden, quartiert der Gellert uns aus.
„Dann verdiene ich es euch, für eine bessere Wohnung,“ erwiderte er, und
sogleich ging er hinauf zu Klinkorum: die angebotenen Nachhilfestunden, jetzt
sei er bereit, sie zu übernehmen. Er hatte bisher nur so viele gehabt, daß sein
Unterhalt bezahlt war, jetzt belegte er damit den ganzen Tag, Klinkorum
verschaffte sie ihm mühelos; — und Balrich saß wieder die Nächte bei der
Lampe.
Er tat es für Leni. Die Dinklschen Kinder waren das Ärgste nicht.
Unerträglich war es, hier Leni zu sehen, wie sie daherkam, schnell, leicht, in
ihrem Mantel, der einen Pelz imitierte, ihrem Modehut, auf den Stöckeln, die
Schenkel abgezeichnet unter dem raschelnden Rock, — und schon im Garten
bekam sie eine widerwillige Miene die Stufen hinunter zu der Tür, die aussah
wie ein wackliger Kleiderschrank, schritt sie vorsichtig, um in keinen Kot zu treten; mit Selbstüberwindung nahm ihre weiß behandschuhte Hand den Griff . .
. Der Bruder ging mit ihr aus, er führte sie zum Essen. So wenige Augenblicke
wie möglich sollte sie in der Höhle der Armen sein. Eines Abends dann, als sie
das Zimmer im Erdgeschoß betrat, fand sie es neu möbliert, in Weiß, mit rosa
Vorhängen am Bett und über dem Toilettenspiegel. Eine Minute staunte sie; dann
wandte sie sich um, in der Tür stand der Bruder; und er sah, sie hatte mit ihm
Mitleid. Da wußte er, nichts half mehr, und seine größte Furcht, eben jetzt, da er
auch dies noch gegen sie versucht hatte, traf sie ein.
Seine Schwester umarmte ihn, als dankte sie. Aber er wußte, sie erbat
Verzeihung und nahm Abschied. Er wollte nicht heucheln. „Geh nicht fort!“
sagte er rauh und so flehentlich. Ihre Augen waren voll Tränen, ihre Goldaugen;
sie stammelte:
„Wenn ich könnte. Der Weg ist so weit. Am Abend die Arbeit dauert oft
lange.“ — Im Schluchzen küßte sie ihn: damit er dies hinnehme, nicht frage.
Drunten an einem geöffneten Kellerfenster saß er und horchte, ob bei ihr es
still würde. Der alte Gellert schimpfte, weil es ihn fror im Bett . . . Und als es
still war droben, begann er schon auf ihr Erwachen zu horchen. Noch längst
nicht Tag, — war dies ein anderes Geräusch als das vom Wind, Ästeknacken
oder dem Rieseln in den Wänden? Doch! Die Tür geht. Im Garten springt ein
Kiesel. Auf, ihr nach! Hasten, fliegen wollen und das Gefühl haben, du steckest
im Boden, nie mehr erreichest du die, die fortgeht.
Das Gitter fällt, sie hört den Verfolger, sie läuft . . . Ein Sprung, er hält sie.
Auf der Landstraße, kalt und noch vor Morgengrauen, standen die Geschwister
und suchten ihre Gesichter, das Leiden und den Haß darin, um die sie wußten,
die sie nicht sahen. Der Bruder griff nach der Schachtel in ihrer Hand, sie
zerrten. Er, im zerren:
„Du grade, für die ich es tue — alles tue. Sie verleugnen mich, sie gehn mit
Heßling. Du aber mit dem Sohn.“
„Nein!“ schrie sie entsetzt.
„Ich weiß, wohin du gehst in der Stadt. Du bist schon nicht mehr im Geschäft,
keine Arbeiterin mehr, du bist —“
Leni, beschwörend dazwischen:
„Es ist alles nicht wahr!“
„Du bist seine Hure!“
Sie schluchzte, ein letztes Mal. Plötzlich hart: „Dann ist es wahr . . . Jetzt laß
mich!“
Sie ging; aber er blieb an ihrer Seite und beschimpfte sie weiter. Sie
antwortete.
„Betrüger du! Betrügst die Leute um ihr Leben. Ich soll wohl werden wie Malli?“
Da schlug er nach ihr, aber schlug in die Luft. Dort lief sie, nur noch ein
Schatten in der Nacht. Er rief ihr nach: „Du hast mich immer nur belogen,“ —
machte kehrt und redete doch weiter, als sei sie noch da.
Aber sie war fort. Fort das Rascheln hinter ihm, wenn er vertieft saß. Vorüber
die Begegnungen, er auf dem Weg zu einer Stunde, sie zu einer Kundin, und
zwei Straßen weit gingen sie zusammen. Kaum ihren Rücken fing er jetzt auf,
schon war sie dahin um die Ecke. Dahin, tödliche Verräterin! Dahin, süße
Schwester! — und er saß in dem Zimmer, das sie verschmäht hatte und an dem
er abzahlte, saß und wollte nichts wissen, als was in diesen verachteten Büchern
stand.
Er verachtete die Bücher, welchen Ersatz konnten sie ihm noch bringen statt
der Verlorenen, welche Rache ihn lehren für ihr Geschick! . . . Damit nicht alles
umsonst sei, sorgte er besser für seine zwei jungen Brüder, gab Unterhalt und
Lehrgeld, wenn sie nur hinausgelangten, dieser in einer Buchhandlung, der
andere als Monteur. Sie sollten ihm nicht sagen, wie Leni, er betrüge sie um ihr
Leben. Da allen sein Werk zu lang währte, — diese beiden mochten kleine
hartherzige Bürger werden und Pfennige fuchsen. Er sah, nichts anderes
ersehnten die Genossen, alle, wie sie waren, für nichts anderes lebten sie. Die
Gerechtigkeit? Das Glück aller? Ein gefüllter Bauch war ihnen lieber. Nicht
einmal, wahrhaft zu hassen, seid ihr stark genug! Gehaßt hätten sie den Heßling?
Und er braucht nur das Wort Gewinnbeteiligung hinzuschreiben, da glauben sie
so gern ihm, wie vorher mir. Erfahre, armer Mensch, daß du zwecklos kämpfest!
Sie brauchen dich nicht, viel lieber wollen sie betrogen sein. Was immer du tust,
mach ab mit dir und deinem Haß. Du hast nur ihn.
Das Gewissen sagte ihm, er verleumde sie; ruchlos und verstiegen sei die
Forderung, sie sollten, nur um seinetwillen, alles hinwerfen, streiken, hungern.
Er selbst hatte es ihnen widerraten, und wartete dennoch darauf. War die Schuld
bei seiner Beschäftigung? den Büchern, die nicht vom Brot, immer nur von
Ideen wußten und ihn langsam abtrennten von seiner Klasse — ihn in seinem
bürgerlichen Zimmer, seinem schwarzen Rock, ihn mit seinem Denken, das
keinen Ausgleich mehr hatte durch die körperliche Arbeit . . . Kein Arbeiter
mehr! — und er fing an, ihnen auszuweichen. Heimkehrend aus der Stadt von
seinem Broterwerb, drückte er sich in den Garten, in das Haus, und hörte nicht,
riefen sie ihm nach. Er sah den Heßling um das Haus Klinkorum her gewisse
verdächtige Wege gehn, aber ihn verlangte es nicht, ihn abzufangen. Er eilte
vorüber an Buck, den er nicht achtete, an den Genossen, die ihn im Stich ließen,
und vermied trotzig die Begegnung mit dem jungen Hans, so oft auch das
Bürschlein ihm nachlief oder an seine Tür klopfte. Einmal verlegte es sich darauf, durch die Tür zu sprechen; Balrich hörte: „Leni“; da vertrieb er es, mit
einem Unflat geschriener Worte. Nachher dachte er: „Schade. Es war ein gutes
Bürschlein.“ Aber die Leidenschaft seines Menschenhasses war stärker. Er
erinnerte sich wohl des jungen Blonden in dem Irrenhaus, der ihm gesagt hatte:
„Lieben Sie denn?“ Er wollte es nicht; und er glaubte sich stärker so.
Da kam im Dezembersturm seine Schwester Malli, brach ein bei ihm, schlug
um sich, fiel hin und heulte zum Entsetzen. Geschehen war es mit der Liesel und
dem Alten. Eben noch ein Kind, und jetzt? „Wir waren doch so gut daran hier!“
jammerte Malli. „Jetzt müssen wir fort.“ Diese Worte erbitterten ihn mehr als
das andere.
Er ging mit hinunter. Das Kind war davongelaufen, der alte Gellert hatte sich
ins Bett gelegt, spielte den Kranken und sprach weinerlich. „Reiche mir doch nur
den Wacholder her, sonst ist es aus,“ — und die Mutter mußte ihn mit Schnaps
tränken. Da Balrich gegen ihn losbrüllte, verkroch er sich vollends unter das
karierte Bett; nur seine tränenden Äuglein zeigten sich noch, und er wimmerte:
„Weiß schon, ihr seid herzliche Leute, haltet euch zum alten Gellert und rührt
euch nicht fort.“ Er zwinkerte sie an. „Gebacken und gebraten zusammen, da
drückt jeder ein Auge zu.“
Balrich spie nach ihm, der Alte duckte den Kopf in die Federn. Balrich schrie:
„Für deinen Stall hier, wenn wir fortziehen, schaffe ich uns noch eine
Menschenwohnung.“
Gellert sagte zerknirscht:
„Das wird wahr sein. Auch Arbeit schaffst du der Malli, dem Dinkl, und dir
deine Stunden. Wen geht es an? Wer hat dir geschenkt so lange? Doch nicht der
Buck, der arme Herr.“
Er zwinkerte nur; Balrich aber, erbleicht, stand mit Mühe noch fest.
„Nimm ruhig den Stuhl,“ sagte der Alte und kroch aus dem Bett, wobei es
sich erwies, daß er angekleidet war. Er streckte die langen Beine von sich, das
Greisengesichtchen mit den violetten Sprüngen zeigte wieder Mut. Listig gab er
zu verstehen: „Für den alten Gellert hat aber mancher ein Herz übrig, nicht ihr
bloß. Der liebe alte Gellert braucht nur einmal seinen Namen zu schreiben, dann
hat er Geld bis an das Ende seiner Tage.“
Balrich, die Fäuste geballt, stürzte vor, der Alte wollte zurück in das Bett; aber
Balrich packte ihn an, er schüttelte ihn. „Tu es doch! Verrate uns! Verkaufe dem
Heßling unsere Rechte! Liefere sie aus, deine Klassengenossen, und zieh ab mit
dem Blutgeld!“
„Gib acht, was du selbst tust!“ Der Alte höhnte noch im Ersticken: „Wenn erst
die liebe Seel entfleucht, was habt ihr dann?“
Balrich stieß ihn fort, beide brachten sich in Ordnung. Der Alte, mit Ächzen:
„Der Buck, der Klinkorum, alle die Herren wollen es dem Heßling
anstreichen. Stelle dich nicht dumm, die sind es, die machen dich zum
Advokaten. Ist aber der alte Gellert tot und sein Recht verfallen, wozu noch der
Advokat.“
Balrich ergab sich; ja, er wußte es, hätte er es noch niemals sich eingestanden.
Gebrochen wich er gegen die Tür zurück, — sie sprang weit auf im Sturm,
Herbesdörfer und Polster kamen, sie wollten den Balrich hier überraschen.
Schon hatten sie draußen gehört von einem Krach im Hause Dinkl, die Kinder
draußen schwatzten.
„Und Dinkl!“ jammerte Malli, in neuem Entsetzen. „Wenn er draufkommt,
erschlägt er mich.“
Sie wollte sich anvertrauen und Trost suchen bei den Gästen; aber Gellert,
wieder ganz auf der Höhe, warf sie hinaus.
Sogleich fragte Herbesdörfer: „Was wird jetzt?“
Balrich, die Hände in den Taschen, lehnte neben der Tür. Er fragte schlaff:
„Womit?“
Herbesdörfer, aufschnellend: „Mit uns! Mit unserem Recht!“
Balrich betrachtete ihn von unten. Polster indes, stattlich und gefestigt wie er
dastand, erwiderte:
„Was, Recht. Die Menschen sind was sie sind, und wie einer sich bettet, liegt
er.“
Höhnisch sagte Balrich: „Sehr richtig,“ und dachte an die Polster.
Herbesdörfer hielt sich allein an Balrich. Hinter seinen runden Brillen stierte er
fanatisch. „Du mußt handeln! Alle fallen ab. Sie wissen es schon wieder nicht
anders, als daß ein Elend sein muß. Wozu hattest du sie aufgebracht!“
Balrich höhnisch: „Die Gewinnbeteiligung!“
„Ist das wirksamste Mittel, —“ setzte Polster ein, und er sagte den Anschlag
her; auch erläuterte er die Folgen. „Wir werden uns stehen, als ob jeder einzelne
ein eigenes kleines Geschäft hätte, — und dabei keine Verantwortung.“
„Euer Traum,“ sagte Balrich. Herbesdörfer stammelte wild:
„Hätte kein einziger eine Verantwortung, du, Balrich, hast sie! Soll Betrug und
Schmutz sein wie vorher? Eher“ — er stierte und stammelte — „mußt du,
Balrich, die Fabrik anzünden.“
Balrich stieß sich von der Wand ab und stand.
„Dafür habe ich nicht gekämpft,“ sagte er drohend. Herbesdörfer war erstaunt.
„Nicht für uns?“
„Laßt es euch gesagt sein, meinen Weg kenne ich, was schiert mich euer
ganzer Betrieb.“ Damit ging er hinaus.
„Verräter!“ rief Herbesdörfer ihm nach.
„Vernünftiger Mensch,“ sagte Polster.
Balrich, in der Jacke und barhäuptig, drang vor gegen den Sturm. „Die
bekommen mich nicht,“ sagte er laut. „Ich, anzünden und in das Zuchthaus für
die? Sie möchten mich ganz fortschaffen, das ist es. Ich störe sie in ihrer
Zufriedenheit; da schicken sie mir den Pinsel Herbesdörfer.“ Er lachte auf. „Das
glaube ich euch, auch euer Genosse Heßling würde mich gern fortschaffen, ich
komme ihm noch auf seine heimlichen Gänge.“
Da stieß er an jemand. Der alte Dinkl war es. Zerfranzter Umhang flatternd im
Sturm und am erfrorenen Finger das Blechgefäß, schlich er sich in die Kantine,
betteln. Sein Hut flog fort bei dem Anprall, Balrich sprang und brachte ihn, —
ein kleiner alter Hut, so schlecht wie die weggeworfenen in den Gräben, aber
schwer, sonderbar schwer: Balrich begriff, von dem vielen Staub, der dem alten
Dinkl an den Kopf geweht war auf den weiten Straßen und sich vermischt hatte
mit dem Wasser, hervorgetreten aus seinem Kopf. Der Greis sagte demütig:
„Viel Ehre, Herr;“ — und Balrich erinnerte sich, als er ein Junge war, hatte
dieser ihn einst geschlagen. Da sagte er: „Ich habe Geld für Sie von Ihrem
Sohn,“ und gab ihm, was er bei sich trug. Weiter irrend dachte er: „Sie sind zu
elend, was will ich von ihnen. Wir sind viel zu elend, wer darf fordern oder
rechten.“
Er sah, er war wie alle. Nicht seine Sendung hatte ihn anders gemacht, die
Prüfungen nicht, noch der Kampf des Geistes. Geklammert bleibst du an die Not
des Lebens, Armer. Dir ist versagt der Aufschwung, dich zu opfern, Armer.
Bevor du dich empörst, müssen vor dir und hinter dir die Gewehre starren und
die Wahl muß heißen: sterben oder sterben. Sonst lebst du weiter von jedem
Brot. Sie werfen es dir hin, du darfst nicht fragen, wer und woher. „Wozu wirft
der Buck mir das Brot hin, bezahlt den Klinkorum und den Gellert? Einen
Versuch macht er, ein Kunststück. Denkt sich, was heißt Kampf oder Recht oder
Sieg; aber es ärgert manchen, und ein Arbeiter soll Jurist werden. Dann werden
wir sehen, was noch übrig ist von seinem Ideal.“
Er schrie in den Sturm vor Qual.
„Das Ideal im Hause Gellert! In sauberen Pfützen schwimmt es. Vor gar nichts
muß es den grausen, der es herausfischt.“
Von den Schneefeldern sauste ihm eisige Nässe entgegen. Dahinten im
Arbeiterwald entschwand eine Gestalt, — kaum streifte er ihren Umriß. Er ging,
verloren in seinen Zusammenbruch.
„Zwei Jahre bald, da fand ich hier die arme Thilde. Sie hatte viel Kummer; ich
machte sie glücklich. Das war etwas. Seitdem, was hab’ ich vollbracht?“
Er besann seinen Kampf und wie er nun stehe. „Gut,“ sagte er grimmig,
„wenn man genug hat am Träumen. Die Wirklichkeit aber? Der feste Boden zum Kämpfen? Ein altes Stückchen Papier in meiner Brusttasche ist alles; das soll
zum Schwert werden und die Welt niederringen, zum Evangelium und sie
umwälzen.“ Alle die Mächte, aufgetürmt zwischen ihm und dem Feind, sie
erschienen ihm erst jetzt leibhaftig. Dort hindurch! — und du bist nichts, als der
verstobene Funke eines Gedankens.
Er stand, hielt sich den Kopf und stöhnte. „Was war es mit mir? So hatten sie
recht, daß sie mich dorthin schickten, wo der junge Blonde so mitleidig war, mir
meinen Wahn zu erlauben? Namenloser Wahn!“
Er rang um den Glauben, der ihn verließ. Er erblickte ihn unter den Zügen
Lenis, und sie wandte sich ab. „Geh nicht fort!“ rief er wieder, die Arme
hingereckt. Aber auch dieses Mal ging sie.
Am Waldrand die kahlen Äste kreischten im Sturm; erst drinnen ward es
stiller: kalte Moderluft; den Schritten widerstand die zähe Masse verfaulten
Laubes. Dort unten der See, dünn beeist, und im Wind auf seiner Decke kreisend
Blätter und schwarze Zweiglein — kreisend und dann verschwindend in den
Löchern. Da streifte in solcher Wüste sein Blick einen menschlichen Umriß,
Thilde; — er hatte sie nicht erkannt vorhin und doch schon gewußt um sie. Die
Bank war schwarz von Nässe, an dem Pfad beim See. Sie hatte,
zusammengekrümmt, ihr schwarzes Tuch bis über das Haar gerafft. Auf der
grauen Fläche des Eises erschien ihm ihr graues Profil. Bleichen Himmel um
sich, standen Bäume darin wie Trauergäste.
Er wollte rufen und tat es nicht, sah sie Schultern und Knie noch tiefer
beugen, und wollte es nicht glauben. Jetzt sank sie zu Boden — bog die Arme
und ließ das Tuch entgleiten, schaudernd, als würfe sie mehr ab. Der Wind trug
es ins Wasser; und sie, auf die Brust gelegt, rutschte hin, wie aus Durst, oder als
glaubte sie, dort sei ein Bett.
Er lief; er meinte auch, daß er schreie und nur der Wind mache, daß sie nichts
hörte. Hinab warf er sich den Abhang, fiel in eine Grube voll braunen Schnees,
arbeitete sich hervor, stürzte dahin . . . Ihr Gesicht und auch schon die Brust
waren im Wasser gelegen. Eissplitter hatten ihr die Wange zerschnitten. Er
brachte sie zu sich, zog unter der Jacke seine Wollweste aus, trocknete und
bedeckte sie, führte sie zurück auf die Bank. Ihr breitknochiges, hohles Gesicht
blickte unbeteiligt, noch nicht zurückgekehrt von dort. Er nahm ihre harte, kalte
Hand. Er starrte dorthin, wie sie; so saßen sie lange, stumm. Leise sich nähernd
legte er über sie den Arm und flüsterte rauh:
„Tu mir es nicht an!“
„Dir?“ sagte sie, aufstehend. Aber er mußte sie stützen. Kaum auf ebener
Straße, machte sie sich los von ihm. Er sah an ihr hin und sah sie verändert, die
Brust gesunken, den Leib hoch zugespitzt.
„Darum?“ fragte er.
„Darum,“ sagte sie gradeaus in die Luft. „Es sollte nicht hungern. Es sollte
nicht schlechter daran sein als das andere, im Friedhof.“
„Hungerst du denn, Thilde?“
„Du wolltest es nicht wissen,“ sagte sie hart, — und er senkte die Stirn, er trat
fort von ihrer Seite. Ich bin ihr ausgewichen. Ich wollte es nicht wissen, daß
auch sie entlassen war um meinetwillen und Not litt mit dem Kind, das von mir
ist. Ich handle wie mein ärgster Feind, ein Bourgeois handelt nicht schlechter.
Was wird aus mir!
Er fand kein Wort, das zu sprechen er wert wäre. Sie langten an bei der Hütte
auf weitem Feld, da fiel sie nieder. Er trug sie auf das Bett unter der Treppe,
wartete sie und blieb, bis sie schlief. Er ging Essen zu holen, gab den Hausleuten
Geld und versprach ihnen mehr. Alles ihr. Er hatte nicht zu arbeiten für die, die
gegangen war, noch für jene, die ihn verrieten, und auch für sich nicht, seit er
ohne Glauben war. Für diese.
Sie war erwacht und hatte gegessen, da sagte er: „Ich will dich heiraten,
Thilde.“
Sie blieb hart. „Das tust du nicht.“ Er sagte es bittend noch einmal. Zuletzt
ergab sie sich, ward sanft, weinte, und nun mußte er schwören, daß er sie
liebhabe. Er schwur es, und sie nahm es hin. Dann ging er, im Herzen gewiß, daß
er gelogen habe und, vollends der Liebe verlustig, verdammt sei zum Haß.
Eines Abends, früher in der Dunkelheit heimkehrend, stieß er auf Heßling.
Der Generaldirektor in Person stand wartend im Garten Klinkorums. Sein Auto
hielt neben dem Haus, im Schatten der Mauer, als hätte er es versteckt. Einen
Zweiten sah Balrich verschwinden, er dachte, es sei Gellert, schon wieder habe
der Reiche ihn versucht. Auch fiel es ihm ein, daß letzthin in seinem
Schreibtisch, wie er heimkam, die Papiere anders lagen als er sie gelegt hatte. Er
trat drohend ein. Heßling, wider Erwarten, drückte sich nicht, er kam
entschlossen unter dem beschneiten Busch hervor und keuchte:
„Mensch, wie lange treiben Sie sich hier noch umher?“
„Und Sie, Mensch?“ erwiderte der Arbeiter und ging den Weg weiter, als
stände niemand darauf. Heßling taumelte unter seinem Anprall in den Busch
zurück, — indes droben ein Fenster klirrte. Die Stimme Klinkorums erscholl:
„So ist es nicht zu machen, Herr Geheimrat,“ rief sie, — und aus dunkler Höhe,
aber einen ungewissen Glorienschein um das redende Haupt, tönte sie fort, in
eintöniger Größe.
„Der Reiche hat sich vergriffen am heiligsten Menschentum — und will nicht
einmal bezahlen.“
„Doch,“ rief der Reiche.
„Aber nicht reell,“ tönte die unerbittliche Richterstimme. „Darum wehe! Der
Rächer steht hinter dir!“
Die Stimme sagte du. Auch Balrich ward von ihr geduzt.
„Du aber, mein Rächer, packe zu, pack ihn an!“ Dies wartete der Reiche nicht
ab, er nahm Reißaus.
Balrich sah jäh: „Auch um den steht es nicht gut.“ Er hatte gemeint, das sei
ein Sieger, — da er selbst doch besiegt war. Aber sind wir besiegt, wenn der
Sieger Furcht hat? Der Heßling hat nun die Gewalt, ich bin verlassen, ihm
glauben sie. Nur glaubt er sich selbst nicht. Die Sieger wissen, sie bleiben es
nicht. Sie müssen immer schlechter werden, damit sie es eine Weile noch
bleiben. Abhängen von Gellert und mit Klinkorum einen dunklen Handel haben:
sieht so der Sieg aus, um was kämpft man?
Indessen glühte es auf, durch den kahlen Garten, als bräche Feuer aus.
Klinkorum stürzte auf seinen Balkon hinaus, und Balrich, der umkehrte, sah es
lodern über die Wiese her: Fackeln. Da schmetterte auch Blechmusik los, zum
Empfang des Autos; denn mit vielem Schnauben hatte es sich aus dem Feldweg
losgearbeitet und kam zum Vorschein. Es fuhr langsam, voran die Musik, und
die Fackeln umringten es. Welch sieghafter Anblick; Heßling, aus dem Wagen
heraus den Zylinderhut hebend und sein überall hin dankendes Gesicht,
glutüberflogen wie von den Bränden einer Schlacht! Die Arbeiter, grell
ausgeschnitten aus der Nacht, mit toten Schatten unter den Wangenknochen und
hölzern klappenden Mündern, brüllten ihm zu. Vorn brüllte Jauner, und Polster
hinten, in der Mitte aber brüllte der Sohn Kraft. Eine geschwenkte Fackel warf
Streiflichter in sein wankendes Gebiß, in die Nasenlöcher, gebläht, um den
Geruch dieser Menge von Männern aufzunehmen, — und wohin verlangten
seine verstörten Augen? Zu Balrich; ihn suchte er, ihm winkte seine schwache
Hand, ihm selbstvergessen jauchzte der Sohn Kraft . . . „Abgesehen, ich weiß, ist
es auf mich,“ sagte Balrich. „Die ganze Mache doch nur auf mich!“ Das Gebrüll
um den Heßling verfing sich in dem der Musik, Takt ward das Stampfen, dahin
zog Heßling, welch sieghafter Anblick!
Jemand war im Schatten zurückgeblieben, Herbesdörfer; er trat zu Balrich.
„Da hast du es,“ stammelte er wild. „Du hast ihm kein Feuer machen wollen,
jetzt machen die es ihm. Einen Fackelzug dem edlen Spender der
Gewinnbeteiligung. Was willst du tun. Mit den niedrigen Löhnen beziehen sie
heute mehr als sonst mit den höheren. Da fährt er hin auf sein Fürstenschloß und
hat uns alle in der Tasche.“
„Da hat er etwas Rechtes,“ sagte Balrich und trat fort, in die Nacht, die sich
schloß.
Der Generaldirektor hielt noch, von der Terrasse seiner Villa Höhe, ein
berauschter Herrscher, die Ansprache, befahl Bier für alle aufzufahren in den
Räumen der Dienerschaft und rühmte noch feierlich vor den Seinen das
Hochgefühl der Verantwortung, die er trage. Dann aber, er hatte mit seinen
Söhnen „die Runde“ gemacht und im Haus nach den Selbstschüssen gesehen,
schloß auch um ihn sich die Nacht.
Er lag im Bett und geschwellt bedachte er, daß die Liebe des Volkes wert sei
was sie koste. Ergreifend diese Menschen in ihrem Vertrauen, die
Gewinnbeteiligung werde dauern, das Leben friedlich und glücklich bleiben.
Ach! so war es nicht gewollt von Gott. „Ich wäre reif, erledigt zu werden,
verstände ich mein Interesse so schlecht. Was sie sich wünschen, würde das in
meiner Person verkörperte Ganze verzwergen, ich aber bin von meinem
Gewissen verpflichtet, es zu erweitern, immer zu erweitern, mag der einzelne
bestehen oder nicht. Was zählt, ist nur das Ganze; das Ganze um seiner selbst
willen; und ich bin das Ganze.“
Dem einzelnen, erklärlicherweise, machte allein der Zwang dies begreiflich.
Waren jene großen Kinder ergreifend, nicht weniger waren sie gefährlich, denn
der Glaube an Frieden und Glück ist äußerst gefährlich. Sie waren, bis sie
verstanden was nottat, noch rauhe Wege zu führen, vielleicht blutige. Inzwischen
trage der Verantwortliche Sorge, ihren Wahn einzuschläfern durch eine
Gewinnbeteiligung. Schon haben sie den Aufwiegler vergessen — vergessen
den, der ihnen das Ganze versprach, und das Ganze als Mittel zum Frieden und
Glück!
Der Generaldirektor drehte das Licht an und ab, es half nicht, er selbst vergaß
nicht jenen. Dahinten saß er, ein heller Punkt in der Nacht, saß wach und
arbeitete für den alten Brief in seiner Tasche. Ein Wisch Papier, zum Lachen
wertlos vor der angesammelten Macht, die besteht, — aber wenn Tausende eines
Tages in seinem Namen das Recht anriefen, was gab es dagegen? Es gab die
Aussperrung, v. Popp, das Zuchthaus. Das war nicht genug. Er hatte immer
geglaubt, es sei genug, — bis jener kam. Der mußte fort, um jeden Preis.
Freilich, Klinkorum, der ihn beherbergte, erriet die Lage und verlangte für seine Baracke jetzt einen Betrag, — wer ihn bezahlt hätte, gestand offen ein, er fürchte
sich . . . Aber er mußte fort zum Heil des Ganzen, und damit nicht länger ein
Phantom umgehe, das sie Recht nannten — ungreifbar, verderblich den
Gemütern, wesenlos vor der Macht, die besteht, und dennoch sie lähmend.
Grausig, träumte ächzend der Generaldirektor, als sie noch ihr Geheimnis
behüteten, mystische Sage vom Erbrecht der Enterbten, überliefert durch einen
alten Tunichtgut, vertreten von dem Arbeiter, der Latein lernt. Man ging wie auf
geladenen Minen, kein Schritt ohne Angst. Jetzt wissen wir. Die Minen sind
entladen, der geheime Feind ein Nachhilfslehrer im blanken Gehrock. Die Welt
kann nur die Achseln zucken, würdest du glauben. Statt dessen —
„Statt dessen!“ stöhnte der Aufgeschreckte; — und er sah Gesichter, hörte
Stimmen, er kämpfte in seinem zerwühlten Bett gegen den Alpdruck der
Gerüchte, die ihm zugingen, den Stachel der Fragen, die man stellte, gegen die
Verleumdungen und ihren würgenden Griff. Viel Feind, viel Ehr’! Aber wenn
jeder, der ihm die Hand drückte und noch der an seinem Tisch zum
Gichtkranken gewordene v. Popp ihn als bedroht hinstellte, seinen Besitzstand
anzweifelte und in Gausenfeld, diesem ehernen Fels, nichts Festgegründetes
mehr sehen wollte: dann kam ein Augenblick — und war er nicht schon da? Bei
den Verhandlungen über große Aufträge, ja, mit den Behörden, gebrauchten die
Gegner die Waffe, die jener Arbeiter in der Tasche trug. In seiner eigenen
Aktionärsversammlung war es erwähnt worden. Dies war nicht Mystik mehr,
nicht Utopie; die Wirklichkeit selbst will dir an den Hals. Herangewühlt haben
sich die Feinde. Katilinarische Existenzen reißen an sich, was heilig in deine
Hand gelegt ist, Besitz und Macht!
Der Generaldirektor warf die Decke ab und trank Wasser. Er wußte Bescheid
um solche Existenzen und was die Begehrlichkeit, so arm sie sei, vermag, — die
Lebensgier. Da bringt man die Beneideten wegen eines Wortes ins Gefängnis
und enteignet sie. Was du selbst gekonnt hast, wird auch jener können! . . . Jetzt
klapperte er, das Fieber kam . . . Damals warst du jung, jetzt ist er es. Der Feind
schwingt das Messer, was rettet dich noch. Komm ihm zuvor, kein Mittel, das
nicht gut wäre! Bluten soll er! Auf ihn!
Der Generaldirektor drückte den Knopf, er läutete Sturm. Indes im Hause ein
Laufen begann, wappnete er sich mit der geballten Seidendecke, schwang ein
Rasiermesser und brüllte „Auf ihn!“ Frau und Söhne, die ihn in ganz
erschöpftem Zustand vorfanden, schickten zum Arzt. Das Auto raste.
Balrich, wach sitzend, hörte es rasen, sein Lichtkegel fiel in die Finsternis und
zerfiel, — und so schnell und so klar wußte Balrich: jetzt ängstigt sich der Feind.
Dies gilt dir, — wie zuletzt nur dir der Fackelzug galt. Der Reiche hat alles für
sich, er liegt auf dem Grab der Gerechtigkeit wie ein Tier aus Stein, zu schwer, um es fortzuwälzen. Aber das Tier, obwohl aus Stein, hat Angst, gern würde es
dir dein Recht abkaufen. „Ihm war es ernst mit den Hunderttausend, die er bot;
ich kann sie haben.“
Da stand er auf und drückte sich in den Winkel. Das Recht deiner Brüder
verkaufen, — dahin führten dich deine Zweifel. Zum eigenen lichtscheuen
Vorteil! Für das Recht nicht mehr kämpfen, es nur gebrauchen wie einen
Dietrich — und sein, wozu sie dich machen, ein Erpresser! . . . Er hielt sich die
Stirn. „Das dachte nicht ich! Aber ich muß doch schlau werden wie er. Ich kann
ihm eine Fälschung verkaufen, oder kann heimlich Zeugen bestellen zu dem
Handel, dann halte ich ihn. Jedes Mittel ist gut. Das Messer in seinen Bauch!“
Die Nacht inzwischen verging, die auch dem anderen verging.
Am Tag in der Stadt hatte Balrich wieder einmal den Hans Buck hinter sich,
das Bürschlein ließ sich nicht abschütteln. „Ich kann dir etwas verraten,“ sagte
es. „Er hat Angst.“
„Lassen Sie mich in Ruhe!“ verlangte Balrich. Das Bürschlein sagte trotzdem
Du.
„Es geht dich an. Er gibt her, was du willst.“
„Er soll nur hergeben, was mein Recht ist.“
„Hunderttausend Mark hat er wieder gesagt.“
Balrich fuhr auf. „Du lügst!“ worauf das Bürschlein befriedigt lächelte.
„Du weißt es also noch. Nimm sie!“
Rauh drohend sagte Balrich: „Auf solche Gedanken kommt nur ein reiches
Bürschlein.“ Haßerfüllt gegen seine eigenen Nachtgedanken stieß er hervor:
„Diebe seid ihr, jeder für sich. Mein Recht ist das Recht aller!“
Da ward der Sechzehnjährige rot und sagte fest:
„Sei nicht zu stolz! Du sollst noch sehen, ob ich schlechter bin als du. Ein
Enterbter bin ich auch, und ich hasse den Heßling. Du aber —“
Er reckte sich.
„— kannst nur noch hassen. Du liebst niemand.“
Jetzt versuchte Balrich nicht mehr zu entkommen, er ging ganz langsam.
„Nicht einmal sie,“ sagte leise der Knabe.
„Hast du sie gesehen?“ fragte der Bruder, auch leise. „Geht es ihr denn
schlecht?“
Er war bei dem Haus, wo er eine Stunde geben sollte, aber er ging vorüber.
Der Knabe flüsterte jagend sein brünstiges Geheimnis.
„Ich würde für sie betteln oder die Leute anfallen. Ich liebe sie, wie noch kein
Mensch geliebt hat. Wenn ich von weitem sie kommen sehe, zittern mir die
Knie; ich bin schon hingefallen, wo sie ging. Vorüber — da lauf’ ich, will sie
packen und forttragen. Um vier Jahre älter zu sein als ich bin, gäbe ich den ganzen Rest meines Lebens! Du weißt noch nicht, was ich tue. Nachts schleiche
ich mich in das Haus und liege vor ihrer Tür.“
„Sie läßt dich nicht ein?“ fragte der Bruder angstvoll; denn er fragte für sich.
„Ich war bei ihr. Ihr wurden die Sachen verkauft, Möbel und Kleider. Er gibt
ihr nichts mehr. Er hat nichts mehr. Er liebt sie nicht, der Schuft. Im Gedränge
kam ich mit hinein. Ich sah sie weinen wegen eines Kleides und habe es mit
meiner Uhr bezahlt, damit sie es behielt. Da hat sie mich umarmt.“
Der Knabe blieb stehen, bleich und die Augen geschlossen.
„Dann hat sie mich fortgejagt.“
„Warum?“ fragte der Bruder. Der Knabe machte plötzlich lange Schritte. „Ich
weiß es nicht,“ sagte er hastig, — aber er hatte es vor Augen, wie sie ihn
fortstieß und ihm nachrief: „Dich kann ich nicht brauchen, du hast nichts!“ . . .
Er sagte:
„Weil ich bezahlt hatte“; — und bei dem Wort zu ihren Ehren war es ihm, als
küßte er sie.
Plötzlich mit Zorn: „Du aber, ihr Bruder, kannst Geld haben und bringst es ihr
nicht. Was weißt du also!“
Dabei lief er schon, — lief davon. Der Zurückgebliebene dachte: „Weiß ich
denn nichts? Das Bürschlein wüßte mehr? Es spricht, als habe es den
Trojanischen Krieg gesehen, und sei selbst ein Held, der für Helena stirbt. Was
nützt es Leni . . .
Aber alle sind für sie in die Unterwelt gestiegen, Ajax, der so stark war,
Hektor, der so schön war, — und endlich kam wohl auch sie. Soll es nicht für sie
sein, wozu dann all mein Bemühn!“
Er sah, es war schwer, lange, lange und gar das Leben lang nach einem
Gedanken zu zielen, und inzwischen, abseits von unserem einzigen Weg altern
und verderben die, die wir lieben sollten. Der Versucher kam nachts, er sagte nur
immer, daß es kein Recht und kein Gewissen gäbe vor dem Leben, seinem und
ihrem. Bei Tage, neu erstarkt, fürchtete er einzig, sie wiederzusehen.
Nach Neujahr 1914 ließ er sich zum letzten Mal von Klinkorum prüfen.
Hiernach hielt Klinkorum ihn, ungewöhnlicherweise, zurück, er ließ sogar
Kaffee bringen; und dann eröffnete er dem Schüler, seine Gönner seien besorgt
um ihn. Er sehe überanstrengt aus und stehe nun vor dem Examen. In den drei
Monaten, die fehlten, habe er soviel zu lernen, wie andere in dem ganzen letzten
Jahr. Klinkorum wolle ihm keine übertriebenen Hoffnungen machen. Nach
seinen schulmännischen Erfahrungen —. Hierüber verbreitete er sich. Als
Balrich ihn unterbrach, schnappte er nach Luft und sagte: „Ach so. Sie
bekommen ein Theaterbillett.“
Was das solle? Zur Ablenkung und Auffrischung. Klinkorum würde es nicht empfohlen haben, aber die Gönner —. Welche Gönner? Nun, sie seien unter den
Vätern seiner jungen Schüler. Balrich aber erriet wohl, wie immer war es Buck.
Vielleicht konnte auch Klinkorum dies nur erraten. Der Professor rief ihm nach
über die Treppe: „Auch einen neuen Anzug bekommen Sie.“
Neu gekleidet begab Balrich sich in das Apollo-Theater. Es hatte schon im
Vestibül geschliffene Spiegel nebst vergoldeten Stukkaturen, und unter diesen
die Hauptrollen spielten Kronen und Füllhörner. Der Platz sodann, der ihm auf
die Nennung seines Namens an der Kasse ausgefolgt ward, war ein Balkonplatz,
der teuerste im Hause, — was ihn zuerst sehr drückte, als sei es Hohn und
Versuchung. Die Treppe war weich belegt und ganz flach, man kam hinauf wie
von selbst. Die warme Luft, schon im Gang vor den Logen, duftete. Den Duft
verbreiteten die Damen, die aus ihren Pelzen mit nackten Schultern
hervorkamen. Von weicher Hand wird dir der Mantel abgenommen; sanft, hinter
einer Tür, die nicht klappt, läßt dich der glatte Diener in deinen samtenen Sessel.
Lau und wohlverwahrt wie im Bade sitzt man. Ein jeder hier bewegt sich
gelassen, niemals kann es ihm fehlen. Die Herren im Frack erstiegen heimisch
die Stufen zu den rot gepolsterten Logen, sie küßten den Damen die langen
Handschuhe, und wurden diese abgestreift, die beängstigend weißen Hände.
Manche Dame neigte sich so dreist hervor, als hätte sie gar nichts zu fürchten für
ihre Blöße; und an ihren langen Perlenketten spielten sie alle so satt und
unachtsam, als könnte in alle Ewigkeit niemand sie ihnen entreißen. „Ihr seid
nicht so sicher, wie ihr denkt,“ dachte Balrich — und wich ihnen doch aus, wenn
sie das Lorgnon auf ihn richteten. Buck hatte ihn wohl hergeschickt, damit er
sich seine Opfer ansehe? Oder sollte er nur irre gemacht werden — irrer noch,
als schon so vieles ihn machte?
An ihm wollte einer vorbei. Um Platz zu machen, stand er auf, fand sich nicht
schnell genug in die Lage und drehte sich um, — was jener übel zu nehmen
schien. Er wartete, bis Balrich wieder Front machte und musterte ihn mit toten
Augen frech durch sein Monokel. Balrich zeigte finstere Brauen und eine Faust,
worauf der Herr, den Versuch zu lächeln in seinen starren Mundfalten, weiter
ging. „Ihr seid reif,“ dachte Balrich. „Doch gut, daß ich hier sitze, einer von uns,
auf deren Kosten ihr euer freches Leben führt.“ Das Orchester begann zu spielen
in seinen Haß hinein, das reizte noch mehr. Den leeren Sessel neben ihm wollte
jemand aus der Reihe ziehen, aber Balrich lag auf der Balustrade und rührte sich
nicht. „Na wollen Sie oder wollen Sie nicht?“ sagte da zornig eine Stimme —
ihn lähmte der Schrecken — die Stimme Lenis. Sie schob ihn fort, daß es
krachte; „hat man das erlebt,“ sagte sie, so kam sie auf ihren Platz. Hier aber
machte sie plötzlich „Ach!“ — und warf sich zur Seite, als suchte sie zu fliehen.
Inzwischen ging der Vorhang auf.
Da zeigte es sich, daß die Bühne nur eine Fortsetzung des Saales war.
Zwischen feinen Möbeln bewegten sich dort dieselben Herren und Damen,
benahmen sich wie diese hier und redeten. Was sie redeten, schien fein zu sein
wie die Möbel, es schien feiner als es in Wirklichkeit bei Heßlings gehört ward,
und war wohl auch unterhaltend und leicht, wenigstens für sie, die es so hurtig
sprachen und verstanden. Balrich folgte nur langsam, war immer in Gefahr, den
Faden zu verlieren, und kaum daß er die Gefahr einen Augenblick überlegte,
hatte er ihn wirklich verloren. „Ich stehe vor dem Abiturium,“ überlegte er; „und
ich habe nicht nur gelernt, habe auch erlebt. Hat der Herr mit den Mundfalten so
viel erlebt? Dennoch kann er folgen. Sie haben etwas, das ich nicht ersetzen
kann“ . . . Eingeschüchtert hielt er still, — indes neben ihm Leni immer
unruhiger ward. Endlich wandte sie den Kopf nach ihm, zog ihn aber zurück und
sagte laut zu sich selbst:
„Was ist hier denn los heute? Wo sind die Amerikaner?“
„Welche Amerikaner?“ fragte Balrich, bevor er es bedacht hatte.
„Die komischen. Hier wird wohl jemand begraben?“
„Kann sein,“ sagte Balrich, um zu schließen. Aber ihr schien das Gespräch
nun angeknüpft. Sie sah ihn an.
„Zu merkwürdig doch. Ich komme her, weil ich denke, hier ist noch das
Variété, sonst komme ich natürlich nicht her, — und da sitzt du.“
Auch er fand dies merkwürdig, mehr als sie es wissen konnte in ihrem
leichteren Herzen; aber da er sich nicht rührte, mußte sie weiter versuchen. „Wie
das Leben spielt,“ sagte sie, schüchtern lächelnd; und sogleich, damit nur das
Gespräch nicht einschlafe:
„Bist du mir noch böse?“
Auch er sah nun hin, in ihr Gesicht, das sie verführerisch machte. Aber da
erschrak es; sie sah, er weinte. „Karl!“ rief sie unterdrückt. Nie hatte sie ihn
weinen gesehen. Und flehentlich: „Wenn ich gewußt hätte, so sehr geht es dir
nach, ich hätte es nicht getan.“
„Doch,“ sagte er und sah sie immer an. „Aber nicht das geht mir nach. Mir
geht es nach, daß ich dir nicht soll helfen können.“
Sie begriff, er hatte erfahren, wie es mit ihr stand. Er fühlte, sie sei nun
gedemütigt. Beide ratlos, sahen sie auf die Bühne, wo mittlerweile ein Herr und
eine Dame aufeinander losgingen, bis er die Tür warf und sie hinfiel.
„Was haben sie?“ flüsterte Leni. „Sie sind doch reich?“
Statt seiner Antwort fiel der Vorhang, — und nun es hell ward, schrak links
von ihm jemand auf, er sah hin, eine Dame, halb alt und noch schön — wie die
Frau Buck; und auch verstört und schmerzensreich wie jetzt diese, hatte die
Mutter des Bürschleins wohl schon ausgesehen . . . Leni zog ihn am Arm und raunte:
„Sieh her, der Mensch mit den Leichenaugen.“
Balrich überzeugte sich, daß der Herr von vorhin ihn anstarrte.
„Der ist hier, weil ich hier bin,“ raunte Leni. „Ich brauche nur zu pfeifen,“
sagte sie schon lauter und spitzte wirklich nach dem dort die Lippen. Er lächelte
wie eine Maske, und Leni sagte erfreut:
„Du siehst, auf einen, der sich dünn macht, kommt es nicht an.“ Schnell fragte
Balrich: „Dann liebst du den Heßling nicht?“ Hierüber erschrak sie. Ihre schönen
Goldaugen zuckten, er hatte Mitleid mit ihr, noch bevor sie sprach. Sie sagte
aber, ergeben wie eine Magd:
„Einen lieben? Das darf ich noch nicht. Das darf ich erst, wenn ich reich bin.“
Worauf sie zum erstenmal die Augen senkte.
„Man weiß doch schon viel,“ murmelte sie, und hiernach schwieg er. Eine
lange Weile, dann erst bemerkte sie, daß die Musik längst aufgehört hatte und
daß auf der Bühne wieder gespielt ward. Die Herren und Damen gingen
durcheinander, drehten und rieben sich wie die Teile einer Maschine, — die man
aber kennen mußte. Jeder hatte mit jedem etwas vor; und obwohl doch alles nur
Worte waren, lauerten vorgeblich überall die aufreibendsten Schwierigkeiten und
Gefahren. Hörte man jenen Herrn mit seinen Markzigarren, diese
schmuckbedeckte Dame, es ließ sich für sie kaum leben. „Warum? Was wollen
sie,“ fragte Balrich. Leni hatte wohl schon Wind bekommen, sie erklärte:
„Es juckt sie innerlich — sie suchen einander die Flöhe ab.“
Dazu lachte sie höhnisch, und ihr Bruder lachte mit. Links von ihm die Dame,
bei der man an Frau Buck dachte, beugte sich vor und zischte ihm in das
Gesicht. Leni, um ihn zu rächen, zischte zurück. Halblaut machten sie sich so
lange lustig über die Alte, bis auch der zweite Akt aus war und sie sich eilends
davon machte.
Dies erhöhte die Stimmung der Geschwister. „Bin ich schön?“ fragte Leni;
und in ihrem Kleid, das die reichen Frauen genau nachahmte, machte sie
schaukelnde Schritte, die Arme vom Leibe, das Gesicht in der Luft, — als
spaziere sie noch durch Gausenfeld, am Sonntag, wenn alle ihre Verehrer
unterwegs waren. Der Bruder lachte, tief überzeugt. Ob sie schön war! Bedeckt
die Hüften und die Schenkel mit gestickten Silberblumen, die Büste prahlerisch
glänzend aus den Spitzen und falschen Perlen, das Gesicht aber, nie hatte es so
freche Farben gehabt. Der Bruder unwillkürlich schaukelte wie sie und trug den
Kopf hoch. Einige Gänse an ihrem Wege wollten Gesichter schneiden und die zu
ihnen gehörigen Hämmel wollten aufmucken; da machte der Bruder seine
drohenden Brauen und die Ellenbogen hielt er steif, so ging es. Die Schwester
sagte:
„Ich kaufe uns Bier. Die Alte dort, mit dem massierten Busen, hat es auf dich
abgesehen. Sie denken, dich halte ich mir aus. Du kannst dein Glück machen,“
worauf er leichtsinnig mitlachte.
„Wir müssen grade so gemein werden wie sie,“ sagte die Schwester, in dem
spiegelnden Foyer, weithin reiche Leute. „Du willst ihr Recht studieren, damit
du sie enteignen kannst. Auch ich tue nichts, was ihre eignen Weiber nicht schon
tun. Die Nichte des Generals —“
„Die Anklam?“
„Die hat eine andere Klaue.“
Flüchtig sah sie ihre geschminkten Nägel an.
„Solche Rechnungen, bei Gott, hat er für mich nicht bezahlt. Ich habe ihm, zu
meiner Strafe, die Quittungen gestohlen und lese sie manchmal.“
Zweites Glockenzeichen, das Gedränge lief ab, noch blieben die Geschwister.
Da sah er ihre gefärbte Lippe wanken, auf den schwarzen Rand der Augen trat
ein heller Tropfen. Hilfesuchend griff sie nach seinem Arm, — und ihm sagte ihr
Zittern, dieser kurze Atem, die Hast: sie liebt jenen Mann! Was immer sie tut,
was aus ihr noch wird, die Schuld hat der Mann. Nur ihn hat sie geliebt — und
hat durch ihn nun schon ein Herz, das nur noch haßt.
Brüderliches Schicksal! Erschreckend wie ein Vorzeichen! Stumm aneinander
gedrängt hasteten sie durch den leeren Gang und kamen als letzte auf ihre Plätze.
Da fragte die Schwester noch einmal wie zu Anfang:
„Bist du mir noch bös?“ — aber er hörte es diesmal, als fragte sie: „Jetzt, da
du weißt? Jetzt, da du sogar vorausweißt?“
Er ergriff ihre Hand. Auf der Bühne trugen sie nachgerade schon Trauer,
infolge von Schmerzen, die man nicht begreifen konnte, — und waren sie es
wert, daß man sie begriff? Meine Schwester, sah Balrich, liebt einen Reichen. Er
hat sie gehabt. Jetzt verläßt er sie, denn sie ist arm . . . Er stieß hervor:
„Er soll dich heiraten! Sonst —!“
„Was sonst?“ Sie lächelte erfahren. „Auch ich habe schon auf ihn schießen
wollen — erst heute früh. Und abends bin ich hier. Das Leben spielt,“ sagte sie
nachlässig. Er sagte streng:
„Das soll es nicht. Komm heim! Du mußt wieder heimkommen!“
„Und du, würdest du wieder in die Fabrik gehen? Ich kann nicht mehr so
werden wie Malli.“
Er wollte widersprechen, sie ließ ihn nicht. „Heirate doch Thilde!“ Er
versicherte, er tue es, aber darauf achtete sie nicht. „Wir können uns die Hand
reichen!“ Hochtrabend streckte sie ihm die Hand hin. Er wandte sich zornig ab.
Bevor sie es sich versahen, war das Theater aus.
„Was denn,“ machte Leni. „Die Schauspielerin ist wirklich ins Wasser gegangen?“
„Mit einem Autopelz,“ sagte Balrich. „Damit es nicht so kalt ist.“
Er wußte, wie man ins Wasser geht. Es war zu schwer für die Reichen . . . Nun
sie aber aufstanden, sah er rückwärts unter den Logen die Dame noch sitzen, die
ihn an Frau Buck erinnerte. Vor ihm und seiner Schwester hatte sie sich dorthin
geflüchtet, saß als letzte noch da und sah auf den geschlossenen Vorhang . . . Da
sie nahe vorbeikamen: nein, sie sah nicht, auch ihre Augen waren geschlossen,
und aus den Lidern hervor weinte sie.
Er brachte Leni zu einem Mietsauto. Sie sagte:
„Nun, es war schön. Es war doch etwas anderes . . . Fährst du nicht mit?“
Da er es ablehnte, sagte sie, wieder einmal demütig:
„Also auf ein anderes Mal. Alles kommt, wie es muß.“
Trotzdem wartete sie noch. In seine Augen spähend endlich wagte sie sich
heraus.
„Du weißt, wenn du vielleicht Geld brauchst —“
Da sie die Antwort schon las, sprach sie schnell weiter. „Obwohl erst gestern
bei mir der Gerichtsvollzieher war.“
Sie lachte; und damit es ihr leichter sei, lachte auch er. So fuhr sie.
Balrich, nach Gausenfeld wandernd, das Gesicht zerschnitten von der Eisluft,
dachte: „Warum weinte die Frau? . . . Die ins Wasser ging in dem Stück, war
eine Junge. Weinte die Alte, weil sie selbst einmal fast gegangen wäre? Oder im
Gegenteil, weil sie nie den Mut gehabt hat? Was fehlt ihr? Hat sie wirklich ihr
ganzes Leben verfehlt, obwohl sie doch reich ist?“ Eine andere Welt, dir
unzugänglich; nur dieses siehst du, auch die dort leiden. So wären sie denn nicht
die Unwissenden, auf jeden Fall Glücklichen. Was immer sie wirken oder tun,
das Leiden würde selbst sie rechtfertigen, du hast es jetzt schwerer, ihre
Vernichtung zu wollen.
Da erschrak er tief. Du hast nun schon erfahren, daß die Nächsten dich
verlassen und daß es unmöglich ist, mit ihnen eins zu sein. Du weißt schon, der
Sieg — der Sieg, für den du doch lebst, bleibt immer zweifelhaft und ist
nichtswürdig. Du weißt, dein Kampf hat dich nicht besser gemacht. Jetzt sollst
du auch noch lernen, daß die Feinde so viel Recht haben wie du . . .
Er war in seinem Zimmer, aber er machte nicht Licht, und noch im Dunkeln
verhüllte er sein Gesicht. So stand es, so und nicht anders trat er nächstens in die
Prüfung ein, jene Schulprobe, die für die meisten vor allen ihren Lebensproben
liegt.
Fortan arbeitete er schwerer als sonst und um so heftiger. Er wollte nichts
wissen von den Schmerzen, die ihm den Kopf in Reifen spannten, noch von den
schlaflosen Stunden der Todesangst. Er sagte: „Ich will nicht wehrlos werden. Sie sollen mich nicht entwaffnen. Mögen sie leiden, sie sind dafür bezahlt! Ihr
Leiden ist nicht genug, sie müssen gutmachen! Herausgerissen aus ihren
Samtlogen, sollen sie werden wie alle. Mit allen aber soll es besser werden.
Vielleicht, im Grunde hat dann auch die Dame es besser, die im Theater geweint
hat.“
Und nachdem er aufgetrumpft hatte und um sich gedroht in seiner Einsamkeit,
kam es endlich doch so, daß er sich hinbeugte und weinte. Auch er, wie jene
Fremde, weinte, weil wir zu sterben nicht wagen, zu sterben nicht einmal
wünschen, wennschon wir erkannt haben. Beweine uns Armen, und auch die
Reichen! Du wendest nicht ihr Geschick, und unser Elend ist unsterblich.
Herausgerissen diese aus den Logen des Übermuts, werden andere sich
hineinsetzen. Die Armut aber ist mehr, viel mehr, als ein Gesetz der Wirtschaft;
die Seele will sie.
Nie hatte er sich so schwach gefühlt, — da sprachen draußen vor dem Hause
bekümmerte Genossen ihn an. Sie hatten, nach der ersten Üppigkeit, nun
weniger mit der Gewinnbeteiligung als früher ohne sie. Das Geschäft ging
reißend zurück. Sie waren betrogen und darbten wie nie. Herbesdörfer verlangte
den Ausstand, Polster wollte noch hoffen; wer sie hetzte, war Gellert. „Bedankt
euch bei dem Balrich! Er hat euch die Gewinnbeteiligung verschafft, er bringt
euch noch weiter fort!“
Balrich zuckte auf, er wollte rufen: „Der Alte sinnt nur, euch zu verkaufen!“
Aber er selbst? Worauf hatte er selbst schon gesonnen? . . . Er stammelte
demütig:
„Ich habe mich wohl geirrt und es falsch gemacht. Wollt ihr, so gehe ich und
bitte den Heßling, er möge es sein lassen wie früher.“
„Das wird uns helfen!“ murrten sie.
„Er verhöhnt uns noch!“ stieß wie einen Tierlaut der Herbesdörfer hervor. Sie
drängten Balrich in den Feldweg, wo das Automobil des Generaldirektors sich
bereit gehalten hatte, damals für den Fackelzug. Der Jauner war da und stieß mit.
Gegen die Mauer warfen sie den Verlassenen, sprangen zurück und hoben Steine
auf. Nach demselben Stein griffen Herbesdörfer der Fanatiker und der Spitzel
Jauner. Balrich hielt still und wartete. Aber Polster mit Dinkl riß ihre schon
erhobenen Arme herab.
Balrich trat wieder unter sie, mit der festen Miene, die sie kannten.
„Sogar jetzt noch bin ich mit euch. Euer Recht habt ihr abgelegt und mich
verlassen.“
„Wenn unsere Kinder Hunger leiden! Ein feines Recht!“
Polster, vernünftig und breitbeinig, faßte ihr Geschrei in richtige Worte.
„Du, Balrich, denkst nicht mehr wie wir. Du hast etwas gelernt, brauchst nicht zu sorgen, und willst durch dick und dünn, weil du eine Idee hast. Wir aber
sollen hungern für deine Idee.“
„Nein!“ rief Balrich.
„Hättest du einem einzigen geholfen auf der Stelle, wir würden mehr von dir
halten, als selbst wenn du uns alle endlich reich machst in zwanzig Jahren.“
„Es ist wahr!“ riefen sie. „Nimm, was du kriegst!“
Da sagte auch Balrich: „Es ist wahr“; und zur Bekräftigung ging er mit ihnen
trinken.
Als Erster heraustretend aus der Kantine, stieß er auf Napoleon Fischer. Der
Abgeordnete machte sein weltkundigstes Gesicht.
„Da sind wir,“ sagte er. „Ich muß den Karren aus dem Dreck ziehen, worin Sie
ihn verfahren haben, Sie junges Talent.“
Er grinste, — und Balrich sah ihn schon wieder auf der Tribüne,
geschäftsmäßig keifend, in seinem Herzen aber kaltblütig und ganz ohne
Glauben. Der Abgeordnete seinerseits hatte Balrich gemustert.
„Sie haben wohl auch schon manches erlebt diesen Winter?“ fragte er, mit
einem falschen Blick.
Balrich nickte. Auch schon! Dies alles erlebte man demnach üblicherweise:
Sendung, Verrat, Erkenntnis und Abdankung, — bis endlich du dich darein
ergibst, nur eben dein Schäfchen zu scheren, gewöhnlicher Mensch, der du bist .
. . Er bäumte sich auf.
„Sie aber lügen! Sie halten uns Arme hin, und Ihr Geschäft ist Tücke. Sonst
würden Sie sagen: Glaubt nichts, aber handelt!“
Napoleon Fischer lehnte ab.
„Dann wäre ich kein zielbewußter Sozialdemokrat, sondern gradezu ein
Anarchist.“
„Das bin ich!“ sagte Balrich.