Die denkenden Wälder
Säulenbaumstamm eine Reihe miteinander verbundener Streben, die…
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
Gewohnheiten falsche Schlüsse aus dem Beweismaterial ziehen kann, immer vorausgesetzt, daß sein Knollen dieselbe anthropomorphe Mimikry zeigte wie dieser neue hier.« »Das finden wir auch, Sir. Er ist hier hinten.« Die beiden Forscher in weißen Mänteln führten sie an eine breite Werkbank, die im hinteren Teil des Raumes stand. Im Licht der Deckenbeleuchtung schimmerte frische Farbe. Der Knollen war sorgfältig in zwei Teile zersägt worden. Die eine Hälfte war auf der Werkbank eingespannt, während die andere daneben lag. Eine Vielfalt glitzernder Instrumente aus Metall und Plastik umgaben auf dem Tisch einem Schwarm silberner Spinnen gleich die beiden Hälften. Teile des Knolleninneren waren herausgeschnitten und in Behälter verschiedener Größe gelegt worden. Die Szene vermittelte den Eindruck hektischer, aber planvoller wissenschaftlicher Aktivität, die plötzlich angehalten worden war. Im Querschnitt konnte man deutlich die äußere Schicht aus schwarzer Rinde erkennen, gefolgt von der ersten Holzschicht, die dunkel wie Mahagoni war. Dann die nächste, etwas hellere Schicht, die nach einigen Zentimetern die Farbe von Tannenholz hatte. Aber nach dem ersten halben Meter wurde etwas daraus, das keinem Holz glich, das auf der Erde beheimatet war. Unregelmäßige schwarze Linien durchliefen eine merkwürdig abstoßend wirkende rötlichgelbe Masse. Seltsame kleine graue Knötchen bildeten sich, wo die schwarzen Fäden sich überkreuzten. In der Mitte des Knollens lagen ein paar eiförmige Klumpen von rosabräunlicher Farbe, ähnlich den Kernen eines Apfels. Hier konzentrierte sich das schwarze Gewebe am dichtesten. Am bizarrsten waren die vielen unregelmäßigen Buckel aus irgendeiner weißen Substanz, die scheinbar willkürlich im Inneren des Knollens verteilt waren. Einige schienen hart und glatt, andere schienen im Begriffe zu sein, in eine pulverige Substanz überzugehen.
Born wußte genau, was der Knollen war, wenn er auch mit seinem verblüffenden Inneren nichts anfangen konnte. Losting ging es ebenso. »Das ist es, woraus ihr eure Lebensdrogen gewinnt?« fragte Born. »Ja«, nickte Hansen. »Habt ihr diese Verwachsungen schon einmal gesehen?«
»Ja.«
Chittagong und Celebes überfielen die Jäger förmlich mit ihren Fragen. »Wo . . . wie viele . . . wollt ihr damit sagen, daß ihr mehr als einen am selben Baum gefunden habt. . . wie groß waren die, die ihr gesehen habt. . . welche Farbe . . . seid ihr sicher, daß sie dieselbe Form . . . die Rinde . . . ?« »Nur ruhig. Ich bin sicher, daß unsere beiden Freunde solche Bäume für uns finden können, wenn sie das wollen. Oder, Born?« mischte Hansen sich ein. »Wir kennen solche Bäume und solche Gewächse. Manche haben keine Knollen, wie ihr sie nennt. Andere dafür viele.« Die beiden Wissenschaftler flüsterten miteinander. »Wie viele solche Knollen wollt ihr haben?« Jetzt war es selbst um Hansens Fassung geschehen. »Wie viele ? So viele wir finden können! Wir können aus einem ziemlich viel von der Droge gewinnen, aber in dieser Galaxis gibt es eine Menge alternder Menschen, und ich bezweifle, daß es genügend Knollen gibt, um auch nur einen Teil davon zu befriedigen. Wir können alle gebrauchen, die ihr finden könnt. Wir geben euch dafür, was ihr wollt, Born.« »Wir werden das nicht für euch tun!« schrie Losting plötzlich. Seine Hand fuhr an die Axt, die an seiner Hüfte hing, und er trat ein paar Schritte zurück. »Born ist verrückt und kann tun, was er will, aber nicht ich.« »Ich auch nicht, Losting«, murmelte Born bitter. »Und es stimmt, daß ich gelegentlich Anfälle von Wahnsinn habe. Besonders bei
Leuten, die nicht denken wollen.«
»Was meint er damit, Born?« fragte Hansen, dessen Stimme plötzlich nicht mehr väterlich klang. »Du verstehst mich doch.« Born fuhr herum und versuchte ein letztes Mal, sich dem Riesenhäuptling verständlich zu machen. »Und du mußt verstehen, daß wir es sind, die mit dieser Welt leben. Nicht auf ihr, sondern mit ihr.« Er mühte sich mit kaum verständlichen Begriffen ab. »Wir nehmen nichts von dieser Welt, das uns nicht freiwillig, ja freudig angeboten wird. Wir nehmen nur, wenn die Zeit und der Ort richtig sind. Man kann nicht mit einer Welt leben, wenn man dann nimmt, wenn es nur einem selbst paßt, sonst stirbt am Ende die Welt und man selbst mit ihr. Ihr müßt das verstehen, und ihr müßt hier weggehen. Wir könnten euch nicht helfen, selbst wenn wir das wollten. Nicht um all eure Lichtwaffen und anderen Wunder. Diese Welt ist kein guter Ort für euch. Ihr emfatiert sie nicht, und sie emfatiert euch nicht.« Hansen seufzte tief. »Das tut mir auch leid, Born. Es tut mir deshalb leid, weil dies nicht eure Welt ist, müßt ihr wissen. Ihr habt euch hier nicht entwickelt, trotz all eurer sorgfältig gepflegten abergläubischen Vorstellungen vom Emf atieren und allem anderen. Eure Entwicklung auf dieser Welt reicht nur ein paar hundert Jahre zurück, allerhöchstens ein paar hundert Jahre. Ihr habt ebensowenig einen Anspruch auf diese Welt wie wir. Nein, sogar einen geringeren als wir. Wenn die Zeit dafür kommt, werden wir bei den entsprechenden Behörden beantragen, daß die Welt uns zur Entwicklung überschrieben wird.
So lange ihr unsere Arbeit hier nicht stört, werden wir euch nicht belästigen. Wir würden es vorziehen, wenn die Beziehungen zwischen uns so freundlich wie möglich sein könnten. Wenn das nicht geht. . .« -, er zuckte die Achseln -, »sind wir bereit, alles Notwendige zu tun, um sichere Arbeitsbedingungen für unsere Angestellten sicherzustellen. Ich hatte gehofft, wir würden zusammenarbeiten können, aber . . .« »Ihr werdet keine Knollen wie diese mehr finden. Nicht ohne unsere Hilfe.« »Es wird länger dauern, mehr kosten, aber wir werden sie finden, Born. Du mußt wissen, daß diese Knollen sehr viel wert sind, alles wert sind, was nötig ist, um sie zu bekommen. Und ich bin auch noch gar nicht überzeugt, daß wir eure Unterstützung verloren haben. Wir müssen uns nur noch eingehender darüber unterhalten.« Er schüttelte betrübt den Kopf. »Wieder Papiere, Berichte, Verzögerungen. Sie werden verärgert sein.« Er wandte sich um und rief zur Tür: »Santos . . . Nichi?« Die beiden Wächter traten mit gezogenen Waffen ein. »Es muß irgendwo einen leeren Raum geben, der Flügel ist noch nicht ganz fertiggestellt. Sorgt dafür, daß unsere zwei neuen Kollegen dort angenehm untergebracht werden. Sie haben einen langen Marsch hinter sich und müssen ausruhen, brauchen etwas zu essen. Programmiert etwas Hübsches für sie.«
Losting hatte das Messer gezogen. »Ich will nicht länger hier bleiben, mir gefällt dieser Ort nicht mehr und die Riesen auch nicht.« Er sah Hansen an. »Mit dir spreche ich nicht mehr.« Als Losting das Messer zog, sah Born, wie einer der Wächter eine Handwaffe mit einer durchsichtigen Spitze auf den Jäger richtete.
»Nein, Losting. Wir müssen, wie der Hansenhäuptling sagt, Zeit haben, um vernünftig darüber nachzudenken.« »Du bist verrückt. Nur ein Wahnsinniger . . .«
»Jetzt ist nicht die Zeit für Muskeln, Losting!« sagte er mit scharfer Stimme. »Es ist schwierig, Entscheidungen zu treffen, wenn man tot ist. Denke an den Himmelsdämon und das rote Licht.« Losting musterte die beiden großen Männer, die ihnen den Weg versperrten, und sah dann fragend Born an. Jetzt veränderte sich sein Ausdruck. Er senkte die Augen. »Ja, Born, du hast recht. Darüber muß nachgedacht werden.« Langsam schob er das Messer in die Blattlederscheide zurück. Hansen zwang sich zu einem beruhigenden Lächeln. »Ich bin sicher, daß alles klarer sein wird, nachdem ihr Zeit gehabt habt, über das nachzudenken, was ihr gehört und gesehen habt. Ihr seid jetzt beide erregt, Born, Losting. Ein fremder Ort wie diese Station. Ihr habt in dieser letzten halben Stunde mehr neue Dinge gesehen als euer ganzes Volk in den letzten hundert Jahren, ganz bestimmt sogar! Kein Wunder, daß ihr emotionell reagiert und nicht rational! Entspannt euch, eßt etwas.« Er musterte Born scharf. »Und dann können wir ganz bestimmt über alles das noch einmal sprechen.«
Born nickte, lächelte zurück. Es war gut, daß der Hansenhäuptling nicht in seinen Geist sehen konnte, so wie seine Maschinen in die obere Hülle sehen konnten. Die beiden bewaffneten Riesen führten sie in einen Raum, der geräumig und bequem war, bequem nach den Vorstellungen der Riesen. Für die Jäger war die Kammer und ihre Einrichtung hart, eckig und bedrückend. Born probierte das Bett, den Stuhl, den schmalen Tisch und setzte sich schließlich mit überkreuzten Beinen auf den Boden. Losting blickte auf. Er hatte die Ritze unter der Tür angestarrt. »Sie sind immer noch dort draußen. Warum hast du mich aufgehalten? Rotes Licht oder nicht, ich glaube immer noch, daß ich sie beide hätte töten und dem Fetten die Kehle durchschneiden können.«
»Beim ersten Schritt hätten sie dich mit ihrem Licht getötet, Losting«, erwiderte Born sanft. »Einen hättest du vielleicht getötet, aber . . .« »Ich erinnere mich schon an den Himmelsdämon, ich erinnere mich gut«, gab Losting gereizt zurück. »Deshalb habe ich auch nicht gehandelt, wie mir zumute war, obwohl ich glaube, daß wir am Ende dasselbe Schicksal erleiden werden wie der Himmelsdä-mon. Das eine weiß ich, bevor ich diesen Ungeheuern helfe, sterbe ich.«
»Ich bin auch dazu entschlossen«, gestand sein kleinerer Begleiter widerstrebend. »Die Riesin namens Logan hatte recht. Sie konnte uns das alles nicht erklären. Wir mußten selbst sehen, um es zu begreifen. Und jetzt begreife ich, wenn auch nicht so, wie sie und die anderen möchten, daß wir begreifen. In gewisser Weise bin ich traurig. Denen fehlt ein Teil, Losting. Sie sind unvollständig. Das Bedauerliche ist nur, daß sie ihren eigenen Mangel nicht erkennen.« »Sie werden uns in ihrer Unwissenheit großen Schaden zufügen.«
»Vielleicht. Wir müssen darüber nachdenken. Gegen das rote Licht der Riesen können wir nicht kämpfen. Bald wird der Hansenhäuptling wieder mit uns sprechen wollen. Diesmal wird er vielleicht nicht so höflich sein. Die Riesen haben fremdartige Methoden des Tötens. Der Hansenhäuptling deutete an, daß sie ähnliche fremdartige Methoden der Überredungskunst haben. Wenn sie uns nicht überreden und das können sie nicht , kann ich mir einfach nicht vorstellen, daß sie uns erlauben, zum Heim zurückzukehren.« »Ich habe mich aus Respekt für dich zurückgehalten«, polterte Losting. »Und weil du häufig in solchen Dingen recht zu haben scheinst. Warum zögerst du dann jetzt?« »Gib mir etwas Zeit, Losting, etwas Zeit. Das muß gleich beim erstenmal sorgfältig und richtig gemacht werden.« Losting murmelte halblaut etwas vor sich hin, was der andere nicht hören konnte, und setzte sich dann mit dem Rücken zur Tür. Er zog sein Knochenmesser heraus und begann es an dem Metallboden zu schärfen.
»Also gut, Denker, der du mein Feind bist. Laß dir Zeit. Aber wenn sie wiederkommen, um uns zu holen, wenn dir in all deiner Verrücktheit nichts einfällt, dann werde ich als erstes den Hansenhäuptling töten, auch wenn sie dann mit ihrem roten Licht Asche aus mir machen.« Born schüttelte betrübt den Kopf. »Kannst du denn nicht über deine erste Wut hinaussehen, Losting? Es nützt nichts, den Hansenhäuptling zu töten. Wenn Sand und Joyla zur Welt zurückkehren, wird ein anderes Paar gewählt werden. Die Riesen werden ebenso einfach einen neuen Hansenhäuptling wählen.« Seine Stimme klang jetzt scharf. »Nein, wir müssen sie irgendwie alle töten und diesen Ort vernichten.« Lostings Wut wich einen Augenblick lang völliger Verblüffung. »Sie alle töten? Wir können nicht einmal einen töten, um uns zu retten. Wie können wir sie alle töten?« »Wir brauchen nur die Maschinen der Riesen zu töten, dann sterben die Riesen auch. Aber zuerst müssen wir hier raus.« »Dagegen habe ich nichts einzuwenden«, schnaubte Losting. »Die Tür ist verriegelt, und das . . .«, er stach mit dem Messer nach dem Boden, und es glitt knirschend ab »ist zäher als Eisenholz.«
»Du denkst immer noch nicht weiter, als deine Wut dir erlaubt, Jäger.« Born überkreuzte die Beine und begann den Boden zu mustern. »Gib der Welt Zeit, und sie wird ihre Lösung finden.« »Verrückt«, flüsterte Losting. Nachts herrschte in der Station Stille, wenn ihre Insassen die lange feuchte Nacht draußen verträumten. Nichts bewegte sich, abgesehen von dem Wachpersonal, das die Monitore besetzt hielt, welche den Wald überwachten. Außerhalb der eigentlichen Sta-tion hielten acht von Salomon Cargos Mannschaft die Laserkanonen besetzt. Da die automatischen Alarmanlagen stumm blieben, fanden diese isolierten Vertreter der Sicherheitsabteilung weniger tödliche Ablenkung, um sich die Zeit zu vertreiben.
In einem Turm war die Mannschaft mit Cribbage beschäftigt. Sie benutzten dazu ein Brett, das Thranxkünstler auf Hivehom aus Berylholz geschnitzt hatten. Im nächsten Turm beschäftigte man sich mit einem Urlaubsprospekt, der die Freuden einer be-stimmten, viele Parsec entfernten Ozeanwelt schilderte. In der dritten Kuppel waren zwei Kanoniere unterschiedlichen Geschlechts mit aktiver Pflichtverletzung beschäftigt. Die Station hatte zwar eine quasimilitärische Funktion, es handelte sich bei ihr aber nicht um eine militärische Anlage, wenn auch der Leiter der Sicherheitsabteilung Cargo sie als solche betrachtete. Aber niemand rechnete mit einem Geschwader von
Friedenswächtern der Kirche noch erwartete man die Armada eines schlauen Konkurrenten. Und nichts konnte die künstliche Lichtung, die die Station vom Wald trennte, betreten, ohne ein halbes Hundert Alarme auszulösen. So hielten sich die acht Kanoniere dienstbereit und genossen die schläfrige Ruhe des Nachtdienstes, sicher in dem Wissen, daß über sie Schutzengel mit Eingeweiden aus Silber und Kupfer wachten. Aber im Innern der Station hatten sich Atheisten der Mechanistik verschworen, den Göttern dieser Kanoniere zu freveln. Inzwischen war auch der letzte Insasse der Station in Orpheus Arme gesunken. Keine Schritte hallten in den Korridoren. Nur das gelegentliche Klicken eines sich schließenden Relais, das Summen unermüdlicher Maschinen, das leichte Brummen der Klimaanlage brachen die Stille. So gab es niemanden, dem es auffiel, daß sich inmitten eines Korridors plötzlich ein kleines Loch auftat. Selbst wenn jemand daran vorbeigekommen wäre, hätte er das Geräusch als den Widerhall des Donners aufgefaßt, der irgendwie die schalldichten Wände der Station durchdrungen hatte. Die Öffnung wurde größer, als die Bodenplatten aus Metall wie Stanniol abgeschält wur-den. Hätte jemand genau hingesehen, so wäre ihm aufgefallen, daß das Loch unter dem Boden sich einen Meter tief durch Stahlbeton fortsetzte. Zwei massige Tatzen schoben sich aus der Öffnung und weiteten sie aus, bis sie groß genug war, daß ein Mensch sie passieren konnte. Ein dicker Schädel schob sich vor, mächtige Hauer schimmerten in der schwachen
Nachtbeleuchtung. Drei Augen funkelten wie Blinklichter, als sie aufmerksam den verlassenen Korridor musterten. Dann verschwand der Kopf wieder, und aus der Höhlung drangen Geräusche, die wie ein halb ersticktes Gespräch anmuteten. Ein Grunzen ertönte. Zwei massige pelzbedeckte Gestalten zwängten sich wie Paste aus dem Loch ins Innere der Station.
Geeliwan musterte die fremdartige Umgebung und schauderte von der ungewöhnlichen Kühle, während Ruumahum andere Dinge als die Temperatur überprüfte. »Höre keine Riesen, sehe keine Riesen«, murmelte Geeliwan in der kehligen Sprache der Pelziger. »Viele sind hinter diesen Wänden«, erwiderte Ruumahum, zur Vorsicht mahnend. Dann schnüffelte er noch einmal gründlich, um einen sehr schwachen, aber unverkennbaren Geruch zu lokalisieren, und sagte: »Diese Richtung.« Dicht an die Metallwände gepreßt, wo der Schatten sie schützte, trotteten die Pelziger lautlos durch den Korridor, bogen um eine Ecke in einen anderen. Eine letzte Ecke, und sie sahen sich einem einzelnen Riesen gegenüber, der vor der letzten Tür saß. Der Riese bewegte sich nicht. »Er schläft«, murmelte Geeliwan.
»Hinter ihm ist der Geruch gleichmäßig«, pflichtete Ruumahum ihm bei. Sie verließen die Ecke und trotteten auf die Tür zu. Ruumahum entdeckte die Ritze unten an der Tür. Seine drei Nasenlöcher registrierten den Geruch Borns und Lostings. Hinter der Tür hatte Born sich nicht von der Stelle gerührt. Er saß immer noch mit überkreuzten Beinen auf dem Boden. Als er von draußen das leise Schnauben hörte, öffneten sich seine Augen wieder ganz. Losting lag am anderen Ende der Kammer auf dem Boden und schlief, erwachte aber, als Born sich bewegte. »Was ist. . .?« »Still.« Born kroch auf Händen und Knien zur Tür. Er preßte das Gesicht gegen den Boden, schnüffelte einmal und flüsterte dann vorsichtig: »Ruumahum?« Von draußen war ein zustimmendes Knurren zu hören. »Öffne die Tür. Wenn möglich, leise.« Der Pelziger brummte: »Da ist ein Wächter.«
Das leise Gespräch weckte schließlich den fraglichen Menschen. Auch wenn er im Dienst geschlafen hatte, verstand der Mann sich auf seinen Beruf. Er erwachte sofort und war augenblicklich auf das Verhindern eines Ausbruchs vorbereitet. Worauf er nicht vorbereitet sein konnte, war der Anblick eines grinsenden Geeliwan, der die mächtigen Kiefer aufriß, so daß man die blitzenden Zähne sehen konnte. Der Mann fiel in Ohnmacht. »Ist er tot?« fragte Ruumahum erstaunt.
Geeliwan schnaubte zurück: »Er schläft tief.« Der Pelziger trat neben seinen Gefährten und studierte die Tür. »Wie öffnet man das? Das ist nicht wie die Türen, die die Menschen im Heim gemacht haben.« Borns Flüstern drang unter der Tür zu ihnen. »Ruumahum, da ist ein Handgriff, er sieht wie der Griff eines Bläsers aus. Ihr müßt ihn nach links drehen und dann daran ziehen, um die Tür zu öffnen. Wir können es von innen nicht.« Der große Pelziger musterte den Griff sorgfältig, dann packte er ihn mit den Zähnen und drehte, Borns Anweisung folgend, den Kopf. Born hatte allerdings nicht erwähnt, daß der Handgriff nach einer Fünfundvierzig Grad-Drehung zum Stillstand kommen vvürde. So gab es ein klirrendes Geräusch, das in der herrschenden Stille wie eine Explosion wirkte.
»Ist abgebrochen, Born«, meldete Ruumahum und spuckte die Metallkugel aus.
Losting stand auf und zog sich in die hintere Hälfte des Raumes zurück. »Ich hab'jetzt genug von diesem Ort. Komm.« Ohne Born Zeit zu lassen, Einwände zu erheben, befahl er: »Öffne jetzt die Tür, Geeliwan!« Geeliwan erhob sich auf seine Hinterfüße. Sein Kopf berührte fast die Decke des Korridors. Er ließ sich nach vorne fallen und stieß gleichzeitig mit Vorder und Mittelpfoten zu. Es gab ein ächzendes Geräusch, dann wieder ein Klirren, ähnlich dem, das der abbrechende Griff verursacht hatte, nur viel lauter. Die Tür bog sich in der Mitte durch und faltete sich nach innen in den Raum. Jetzt hing sie nur noch lose am unteren Scharnier. Born und Losting sprangen darüber und folgten den Pelzigem durch Biegungen und Winkel im Korridor, an die sich keiner der beiden Menschen erinnerte. Rings um sie erhob sich Lärm wie in einem Nest von aufgestörten Chollakees. Und dann tauchte am Ende eines Korridors plötzlich ein Mann auf und stellte sich ihnen entgegen. Ihm fiel der Unterkiefer herunter, aber geistesgegenwärtig griff er an seinen Gürtel und versuchte, etwas kleines Glänzendes herauszuziehen. Ruumahum versetzte ihm im Vorbeilaufen einen Prankenhieb. Der Schlag hob den Mann von den Füßen und schmetterte ihn gegen die Wand. Als sie vorbeieilten, sackte er zu Boden.
Der Pelziger dröhnte: »Dieser Ort gehört getötet«, und schickte sich an, kehrt zu machen, um den Wächter zu erledigen. Aber Born widersprach, und sie eilten weiter. »Nicht jetzt, Ruumahum. Diese Geschöpfe töten, ohne zu denken. Wir wollen nicht derselben Schwäche verfallen.« Ruumahum murmelte etwas, trottete aber weiter. Wenige Augenblicke später erreichten sie den breiten Korridor, der die Station umgab. Losting und Born hatten jetzt die Äxte herausgeholt, aber sie brauchten sie nicht. Die Station schlief immer noch halb, und noch wußte niemand, was die Störung ausgelöst hatte. In der nächsten Minute hatten sie das Loch erreicht, das Ruumahum und Geeliwan in den Boden der Station gerissen hatten. Ruumahum ging voraus. Born sprang ihnen nach, die Füße voran. Losting folgte ihm, Geeliwan bildete die Nachhut. Wie ein Schwarm fluoreszierender Bienen begannen in der ganzen Station Lichter aufzuflackern; Alarmsirenen heulten. In den außenliegenden Türmen hallten Flüche, als die
Lasermannschaften an ihre Vernichtungsmaschinen eilten. Wache, gut ausgebil-dete Augen, solche von Menschen und solche von Maschinen, suchten die offene Fläche rund um die Station ab, untersuchten die unverändert gebliebene Dschungelmauer. Aber in dieser sorgfältig überwachten Region bewegte sich nichts Bedrohendes, zeigte sich nichts Unerwartetes.
Plötzlich erschien etwas auf dem Computerschirm, füllte eine Fläche in Reichweite des Nordturmes. Die wachhabende Kanonierin zog den Schlupfer hoch, schaltete die elektronischen Sensoren auf Zielerkennung und schoß. Der Feuerstoß vernichtete eine kleine Wolke von Silberglitzern, die die Waldwelt verlassen hatten, um den lockenden Lichtern der Station zuzustreben.
Immer noch halb schlaftrunken, eilte Hansen, in einen Morgenrock gehüllt und von einem Wächter geleitet, zu dem Loch im Boden. »Ein Zentimeter Duralum über einem Stahlbetonsockel von einem Meter«, murmelte jemand in der kleinen Gruppe, die sich gesammelt hatte. Jetzt machte man Hansen Platz. Er hatte einige Mühe, das zu glauben, was er sah.
»Ich dachte, die haben keine modernen Werkzeuge.« »Haben sie auch nicht.« Alle drehten sich um.
Logan war herangekommen und schob sich das wirre Haar aus der Stirn. Ihr Gesicht wirkte ernst. »Das müssen die Pelziger getan haben«, schloß sie dann müde.
»Äußerst weise«, erklärte Hansen. »Was ist ein >Pelziger<, Logan?« »Es ist ein Tier, mit dem Borns Leute zusammen leben. Ein sechsbeiniger Allesfresser. Zumindest nehmen wir an, daß es ein Allesfresser ist.« Ihr Blick wanderte wieder zu dem Loch im Boden. »Als die Nacht kam und ihre menschlichen Begleiter nicht zurückkehrten oder sie holen ließen, müssen sie beschlossen haben, selbst nachzusehen.« »Interessant«, war die einzige Reaktion des Stationschefs. Immer mehr Leute kamen. Nach einer Weile wurden Geräte herangerollt und ein »Freiwilliger« in die Höhle
hinuntergelassen. Es dauerte nicht lange, bis er die Information liefern konnte, die Hansen verlangte. Hansen nahm den Bericht des Mannes mit finsterer Miene zur Kenntnis. Er klopfte dem Mann auf die Schulter und trat dann wieder an den Rand des Loches. Die Gruppe, die sich gesammelt hatte, bestand inzwischen vorwiegend aus Abteilungsleitern, Männern wie Cargo und Blanchfort. »Kann sich jemand von Ihnen vorstellen, wo dieses Loch hinführt?« wollte Hansen wissen. Vorsichtig-beflissenes Schweigen. Wehe dem Bürokraten, der ungenaue Informationen lieferte! Außerdem würden sie es ja gleich erfahren. »Weiß denn niemand von Ihnen, worauf er steht?« Verblüffte Blicke. »Das Loch führt nach unten in einen der Baumstämme, auf denen diese Station ruht. Anscheinend ist dieser Baum nicht ganz so massiv, wie wir das angenommen haben. Wie es scheint. . .«, fuhr Hansen fort, und sein Gesichtsausdruck und seine zunehmende Wut ließen seine Untergebenen unwillkürlich einige Schritte zurückweichen, »gibt es eingeborene Tiere, die Löcher in solche Bäume bohren können! Diese . . . diese Pelziger brauchten bloß ein solches Loch zu suchen und einfach in ihm nach oben zu klettern, bis sie diesen Bo-den anbohren konnten. Diesen Boden, meine Damen und Herren! Durch Betonl« donnerte er, dann wurde seine Stimme wieder leiser. »Um unsere Monitorbildschirme und Laser brauchten sie sich keine Sorgen zu machen. Auch nicht um die geladenen Kabel und Netze, die die Baumstämme umgeben. Das einzige, was mich beunruhigt, ist nur woher wußten sie eigentlich, daß sie vor solchen Dingen keine Angst zu haben brauchten?« Cohoma hatte sich inzwischen den anderen angeschlossen. »Sie sind etwas mehr als ... äh . . . nur Tiere, Sir, sie können . . . äh . . . reden. Ein bißchen wenigstens. Genug, um sich zu unterhalten. Ich habe selbst mit ihnen gesprochen. Sie reden nicht so gerne wie wir . . . äh . . .«
»Halten Sie doch den Mund, Sie Idiot!« sagte der Stationschef mit leiser Stimme, die gefährlicher klang, als wenn er geschrien hätte, und dann murmelte er: »Und die erwarten von mir, daß ich auf einer feindlichen Welt wie dieser mit einer solchen Mann-schaft eine Geheimoperation durchführe . . .«
»Entschuldigen Sie, Chef«, erbot sich der Leiter der Ingenieurabteilung. »Soll ich mir ein paar Leute holen, um dieses Loch dicht zu machen?« Er deutete auf das Loch im Boden.
»Nein, Sie brauchen sich nicht ein paar Leute holen, um dieses Loch dicht zu machen«, sagte Hansen und ahmte dabei den weinerlichen Ton des Ingenieurs nach. »Setzen Sie sich darauf!« herrschte er ihn an. »Cargo! Wo ist Cargo?« »Sir?« Der Leiter der Sicherheitsabteilung trat vor. »Lassen Sie diese Öffnung unverändert. Stellen Sie einen Laser mit einer vierköpfigen Mannschaft auf und wechseln Sie die Leute alle vier Stunden aus.« Er stemmte die Hände in die Hüften und zupfte geistesabwesend an seinem braunen Morgenmantel. »Vielleicht versuchen sie auf diesem Weg zurückzukommen. Diesmal verhandeln wir nicht, schließlich gibt es schon einen Toten. Wir werden dieses Heim finden und mit diesen Leuten von vorne beginnen.«
»Sir?« Cargo zögerte und fragte dann: »Die
Geschützmannschaften sind beunruhigt. Sie wissen nicht, wonach sie Ausschau halten sollen.«
»Zwei kleine dunkelhäutige Männer in Begleitung von . . .« Er sah über die Schulter und winkte Logan zu. »Wie sollen diese Biester aussehn?« »Sechsbeinig«, erklärte sie Cargo, »dunkelgrüner Pelz, drei Augen, lange Ohren, zwei kurze dicke Hauer im Unterkiefer, ein paarmal so schwer wie ein Mensch, entfernt bärenähnlich und . . .«
»Das genügt«, sagte Cargo trocken. Dann nickte er Hansen zu, machte auf dem Absatz kehrt und eilte zur nächsten Sprechanlage, um seine Leute zu verständigen.
»Sagen Sie«, befragte Hansen Logan, »hatten Sie je den Eindruck, daß Ihr Freund Born vielleicht unsere Absichten hier nicht billigen könnte?« »Wir haben nie über Einzelheiten unserer Tätigkeit gesprochen, Chef«, antwortete sie. »Und manchmal gab es verschiedene Deutungen für seine Fragen und Antworten. Aber da er damit beschäftigt war, unser Leben zu retten, hielt ich es nicht für zweckmäßig, mit ihm über Motive zu streiten. Ich war der Ansicht, unser erstes Ziel wäre es, heil hierher zurückzukommen.«
»Und trotz dieser Unsicherheit hinsichtlich seiner Reaktionen haben Sie zugelassen, daß er diese zwei halbintelligenten Tiere in Freiheit herumlaufen ließ, so daß sie ihn befreien konnten.« Logan unterdrückte ihren Ärger nicht ganz. »Was hätte ich denn tun sollen? Sie an den Ohren hinter mir herziehen? Mir schien es in dem Augenblick am besten, mit Born und Losting auf gutem Fuße zu bleiben. Die Pelziger haben gesehen, was eine Laserkanone ausrichten kann. Keiner von Cargos intelligenten Hel-fern hat Gänge in diesen Stämmen entdeckt! Wie konnte ich ahnen, daß . . .«
»Sie hätten darauf bestehen können, daß er seine Haustiere mitbringt.« »Sie verstehen immer noch nicht, Sir.« Sie gab sich Mühe, es ihm verständlich zu machen. »Die Pelziger sind keine Haustiere. Es sind unabhängige, intelligenzbegabte Geschöpfe mit eigener Vernunft. Sie schließen sich aus freien Stücken dem Menschen an, nicht, weil sie domestiziert worden sind. Wenn sie beispielsweise im Wald zurückbleiben wollen, gibt es nichts, womit Born oder sonst jemand sie zwingen könnte, ihre Meinung zu ändern.« Sie blickte bedeutungsvoll auf das Loch im Boden, wo das Metall wie die Schale eines Apfels abgezogen war. »Möchten Sie sich mit ihnen auf eine Auseinandersetzung einlassen?« »Sie können sehr überzeugend argumentieren, Kimi. Es ist meine Schuld. Ich erwarte von allen zuviel. Und diese Erwartungen erfüllen sich nicht immer.« Er blickte brütend in den finsteren Tunnel. »Ich wünschte, es gäbe eine Möglichkeit, der Konfrontation auszuweichen. Nicht daß unser Aufenthalt hier weniger illegal wäre, wenn wir ein paar Eingeborene töten müßten.«
»Nicht Eingeborene, Sir«, erinnerte ihn Logan, »Überlebende eines . . .« Hansen legte den Kopf zur Seite und funkelte sie an. Seine Stimme klang gleichmäßig und hart. »Kimi, in Speicher zwölf habe ich einen Wartungsingenieur namens Humi gesehen, dessen Gesicht ein blutiger Brei und dessen Rückgrat gebrochen ist. Er ist tot! Soweit es mich betrifft, macht das aus Born und Losting und ihren Vettern, die hinsichtlich unserer Anwesenheit hier ähnliche Gefühle haben, Eingeborene, feindliche Eingeborene, unberechenbare Wilde! Ich habe gegenüber den Leuten, die die Mittel für diese Station aufgebracht haben, eine Verpflichtung zu erfüllen. Ich werde alle notwendigen Schritte unternehmen, um diese Investition zu schützen. Und jetzt eine Frage, gibt es eine Möglichkeit, daß Sie den Weg zu diesem Dorf finden?«
Logan überlegte. »Angesichts unserer vielen Umwege bezweifle ich das. Nicht ohne Borns Hilfe. Unser Skimmer ist inzwischen schon völlig überwuchert. Selbst wenn wir ihn orten könnten, weiß ich nicht, ob wir das Heim von dort aus finden können. Sie haben keine Ahnung, Sir«, bettelte sie fast, »wie es ist, zu Fuß auf dieser Welt herumzulaufen. Es ist schon schwierig genug, sich in den Etagen zurechtzufinden, geschweige denn in horizontaler Richtung. Und die eingeborenen Fleischfresser, die Verteidigungssysteme der Flora . . .«
»Sie brauchen mir das nicht zu erklären, Kimi.« Hansen schob die Hände in die Taschen seines Morgenmantels. »Ich habe selbst mitgeholfen, diese Station zu bauen. Nun, wir werden versuchen, wenigstens einen von ihnen lebend gefangenzunehmen, wenn sie zurückkommen.« »Entschuldigen Sie, Sir«, sagte Cohoma mit unsicherem Blick, »zurückkommen? Ich möchte meinen, daß Born so schnell er kann nach Hause zurückläuft, um den Widerstand gegen uns zu organisieren und seine Dorfgenossen zu warnen.«
Hansen schüttelte betrübt den Kopf und lächelte herablassend. »Sie werden nie mehr als ein Scout sein, Cohoma.« »Sir«, begann Logan, »ich glaube nicht, daß Sie jetzt fair . . .« »Und für Sie gilt dasselbe, Logan! Für Sie beide gilt das!« Seine Stimme wurde wieder gefährlich leise, gar nicht mehr väterlich. »Sie haben beide den Fehler begangen, diese Leute zu unterschätzen. Vielleicht kamen Sie sich wegen Ihrer Größe überlegen vor. Vielleicht kommt es auch daher, daß Sie das Produkt einer technisch fortgeschrittenen Kultur sind die Gründe sind eigentlich nicht wichtig. Wahrscheinlich bilden Sie sich immer noch ein, daß Sie diesen Born dazu überredet haben, diese Reise zu machen. Sie glauben, Sie hätten ihn hinsichtlich der wahren Absichten dieser Station im dunklen tappen lassen. Aber schauen Sie doch, was geschehen ist. Warum glauben Sie denn, daß Born mehr als alles andere fortschrittliche Waffen haben wollte ? Um damit Raubtiere zu bekämpfen? Patrick O'Morion, nein! Damit er schließlich und endlich mit uns auf gleicher Basis verhandeln konnte.
Jetzt kennt er die Art und die Anordnung unserer Verteidigungsanlagen, die Lage der Station, hat eine ungefähre Vorstellung von unserer zahlenmäßigen Stärke und sieht, wie wir von jeder Hilfe von außerhalb isoliert sind. Außerdem ahnt er unsere Absichten und ist zu dem Schluß gelangt, daß sie seinen eigenen zuwiderlaufen. Nein, ich kann mir nicht vorstellen, daß ein solcher Mann wegläuft, um Hilfe zu holen. Zumindest einmal wird er es selbst versuchen.«
Cohoma senkte niedergeschlagen den Kopf. »Und alles das hätte nichts zu besagen«, fuhr Hansen fort, »wenn er immer noch in diesem Raum säße mit einem Wachtposten vor der Tür. Es schmerzt mich, einen so tüchtigen Mann töten zu müssen. Das Ärgerliche ist diese spirituelle Haltung, die sie offensichtlich ge-genüber jedem Unkraut und jeder Blume einnehmen. Und das haben Sie beide nicht erkannt. Für Ihren Born sind unsere erklärten Absichten hier Grund genug für einen heiligen Krieg. Ich wette meine Pension, daß er jetzt dort draußen auf irgendeinem heiligen Dornbusch hockt, uns beobachtet und überlegt, wie er den Ket-zern einen schnellen Weg zur Hölle bereiten kann. Und jetzt erzählen Sie mir mehr von diesen . . .diesen Pelzigern.« Er trat nach dem verbogenen Metall, das das Loch umgab. »Ich habe hier einen Toten und ein Loch in der Station, die mir beide beweisen, welche Kräfte sie besitzen. Wie verletzbar sind sie?« »Sie bestehen aus Fleisch und Knochen. Aus Fleisch jedenfalls«, verbesserte sich Cohoma. »Sterblich sind sie. Wir haben gesehen, wie einige von ihnen von einem Stamm räuberischer Tiere getötet wurden, die als Akadi bekannt sind. Erst wenn sie anfangen, Nüsse nach einem zu werfen, muß man sich in acht nehmen.«
Hansen sah Cohoma eigenartig an und beschloß dann, mit seiner Befragung fortzufahren. »Und wie steht es mit Waffen?« »Etwas, das sie Bläser nennen, eine Art großes Blasrohr, wie eine Bazooka. Sie schießen damit vergiftete Dorne. Sonst haben wir nur die üblichen primitiven Geräte gesehen: Messer, Speere, Äxte und dergleichen. Nichts, worüber man sich Sorgen machen müßte.«
»Daran werde ich mich erinnern«, meinte Hansen grimmig, »wenn ich eins dieser Messer in Ihrem Hals stecken sehe, Jan. Eine Keule macht einen genauso tot wie ein SCCAMProjektil. Sonst noch etwas?« Logan lächelte schief. »Nein, es sei denn, sie hätten gelernt, eine Silberglitsche zu zähmen.«
»Eine was?«
»Das ist ein großer Baumbewohner hier im Dschungel. Wenigstens fünfzig Meter lang, besitzt ein paar hundert Beine und hat ein Gesicht, das nur ein Nestmeister der Aann schön finden könnte. Wenn man Born Glauben schenkt, schläft es nie und kann nicht getötet werden.« »Danke«, erwiderte Hansen spöttisch. »Das klingt richtig ermutigend.« Er schickte sich an zu gehen, wandte sich dann aber noch mal um. »Es besteht natürlich auch die Möglichkeit, daß überhaupt nichts passiert. Also setzen wir den normalen Betrieb unter besonderen
Sicherheitsvorkehrungen fort. Ich kann es mir nicht leis ten, hier dicht zu machen und abzuwarten, bis Ihr kleiner Wurzelfreund seine Absichten erklärt. Sie melden sich beide morgen zum Dienst und lassen sich neu einteilen.« »Ja, Sir«, sagten beide niedergeschlagen. Hansen atmete tief durch. »Was mich betrifft, so muß ich wieder einen Bericht schreiben, einen, der noch negativer klingt als die anderen. Gehen Sie mir aus den Augen, alle beide.«
Cohoma schien etwas sagen zu wollen, aber Logan legte ihm die Hand auf den Arm und zog ihn weg. Hansen fuhr fort, Anweisungen zu erteilen. Die Menge löste sich auf, jeder und jede an seinen zugewiesenen Platz. Der Stationschef blieb als letzter zurück. Er starrte lange in das Loch, bis die Lasermannschaft eintraf.
Als sie anfingen, die Waffe auf ihrem Dreibein aufzubauen, drehte er sich um, ging in sein Büro und versuchte sich dabei die Sätze zurechtzulegen, mit denen er seinen fernen Vorgesetzten erklären würde, wie es möglich gewesen war, daß zwei Eingeborene und zwei großgeratene sechsbeinige Katzen die Verteidigungsanlagen der Station durchbrochen hatten. Der Direktor würde nicht erfreut sein. Nein, er würde ganz bestimmt nicht erfreut sein!
13
Mensch und Pelziger ruhten auf einem breiten Tungtankel im Schütze eines breiten Panpanooblattes, welches Schutz vor dem Nachtregen bot. Hansen hatte recht. Für Born und Losting, Ruumahum und Geeliwan waren die Handlungen der Riesen Grund für einen heiligen Krieg. »Wir können uns in den Bäumen unterhalb des Schauplatzes ihres Mordes verbergen«, schlug Losting vor, und seine Stimme übertönte scharf das beständige Trommeln des Regens, »und dann können wir sie einen nach dem anderen wegpicken, wenn sie herauskommen.« »Auch in ihren Himmelsbooten?« sagte Born. »Natürlich, mit unseren Bläsern.« »Die Brüder sammeln«, brummte Ruumahum. Born schüttelte besorgt den Kopf. »Sie haben lange Augen, um zu sehen, und lange Waffen, um zu töten, Ruumahum. Wir müssen uns etwas anderes überlegen.«
Dann herrschte Stille, wenn man von dem ewigen Klatschen des Wassers absah. Einmal öffneten sich Borns Augen halb, und er murmelte: »Wurzeln . . . Wurzeln.« Andere Augen musterten ihn voll Hoffnung, aber er verstummte wieder. »Ich habe eine Idee, wie man anfangen könnte«, verkündete er schließlich, ohne dabei jemanden anzusehen. »Es kratzt an den Außenbezirken meines Bewußtseins wie ein Viiehp, der am Eingang der Brya sucht. Wurzeln . . . Wurzeln und eine Parade.« Er stand auf, reckte sich. »Wo ist die Macht der Riesen verankert? Von wo kommen die Wunder, die man ihnen zuschreibt?« »Von der Hölle natürlich«, murmelte Losting.
»Aber welcher Hölle, Jäger? Unsere Welt bezieht ihre Kraft aus der Unteren Hölle. Diese Riesen beziehen, nach dem, was sie sagen, die ihre aus der Oberen Hölle. Ihre Wurzeln sind mit dem Himmel verwachsen, nicht mit dem Boden, nach allem, was ich gesehen habe. Sie haben sich auf unserer Welt festgesetzt, indem sie nach unten gruben; wir werden uns in der ihren festsetzen, indem wir nach oben graben.« »Wie kann man nach oben graben?« wollte Losting wissen. Anstelle einer Antwort trat Born an den Rand des schützenden Panpanoo und blickte in den lauen Regen empor. »Wir müssen einen Sturmtreter finden.« Er wandte sich um und sah Ruumahum fragend an. »Wie viele Tage bis zum nächsten großen Regen?« Der Pelziger stand auf und trat neben seinen Menschen. Seine stumpfe Schnauze schnupperte die Nachtluft. Während das Wasser ihm vom Gesicht tropfte, sog er prüfend die Luft ein. »Drei, vielleicht vier Tage, Born.« Sturmtreter waren nicht besonders selten, aber auch nicht sehr weit verbreitet, und man fand nie zwei beieinander. Aber es hatte ihnen keine Mühe bereitet, auf der Dritten Etage den silberschwarzen Stamm zu entdecken, der auf der von der Station abgelegenen Seite im Wald emporragte. Er stand in einiger Entfernung zu der freigelegten Fläche, aber die langen kettenähnlichen Blätter reichten bis hinunter in die Sechste Etage. Und ebenso weit reichten sie ohne Zweifel nach oben. Es gab nur eine Möglichkeit, mit den Blättern des Sturmtreters umzugehen: Indem sie Hände und Pfoten, Arme und Beine mit dem Saft der Laient bedeckten, war es möglich, Hunderte von Metern ineinander verschlungener Blätter hochzuziehen und auf-zuwickeln. »Ich verstehe immer noch nicht«, gab Losting zu, als sie sich den klebrigen Saft von den Händen rieben.
»Erinnerst du dich an das von den Riesen gemachte Lianennetz, durch das wir fuhren, als sie uns in ihre Station brachten? Erinnerst du dich, wie der SalRiese uns erklärte, was es aß? Ich habe einmal gesehen, wie ein Cruta so viel Tesshandafrucht aß, bis er explodierte. Er platzte richtiggehend auseinander. Ich werde wahrscheinlich nie wissen, ob ich ebenso dumm schaute wie der Cruta, aber vergessen habe ich das nicht. Und das wollen wir hier,so hoffe ich, auch erreichen.«
Losting sah ihn verständnislos an. »Vielleicht machen wir damit nur die Wurzeln der Riesen stärker und fester.« Aber Born zuckte die Achseln.
»Dann versuchen wir etwas anderes.«
Trotz Lostings Ungeduld warteten sie den Gewittersturm ab, der in der dritten Nacht tobte. Am vierten Abend wußte Born, daß er die richtige Entscheidung getroffen hatte, als Ruumahum prüfend die Luft einsog und erklärte: »Diese Nacht viel Regen und Wind und Lärm.« »Dann müssen wir uns beeilen, ehe er uns anheult, sonst rettet uns selbst der Saft des Laient nicht.« Schon trommelten die ersten großen Tropfen auf das Dschungeldach über ihnen. In fast völliger Dunkelheit arbeiteten sie sich auf die Station zu, bewegten sich unter der freigelegten Fläche, die von vielfachen elektronischen Sensoren, Lichtverstärkern und dem roten Lichttod bedeckt war. Sie hatten drei der langen silbernen Blätter. Jeder Pelziger quälte sich mit einem ab, und Born und Losting trugen das dritte. Dick mit Laientsaft beschmiert, zogen sie die endlos scheinenden Blätter hinter sich her, bis sie die finstere Wand erreichten, die von einem der die Station tragenden Stämme gebildet wurde. Born berührte den Stamm, sah sich um. Der Baum begann infolge des Verlustes seiner blättertragenden Krone und der Infektion des Herzholzes bereits zu sterben. Langsam arbeiteten sie sich parallel zu dem mächtigen Stamm in die Höhe. Der Donner dröhnte über ihnen; Blitze zerrissen den Himmel. Born war bereits bis auf die Haut durchnäßt. Ruumahum hatte recht gehabt. Viel Regen diese Nacht.