Die denkenden Wälder

Alan Dean Foster · Kapitel 4 von 4 · Teil 3/3

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Die denkenden Wälder

Säulenbaumstamm eine Reihe miteinander verbundener Streben, die…

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.

Der schwarze Laientsaft bot ihnen auch noch Schutz, als sie ins Freie traten. Der Wind trug den Regen bis zu ihnen, aber hier, direkt unter der schützenden Station, war es noch relativ trocken. Das war gut so, denn hier gab es keine freundlichen Kabbl und Schlinger, an denen man sich festhalten konnte. Sie mußten sich mit ihren schweren Blättern an dem vertikalen Stamm nach oben arbeiten. Und obwohl alle Stationen der Sicherheitsabteilung besetzt, alle Schirme eingeschaltet waren, sah niemand die winzigen Punkte, die an dem Stamm nach oben krochen. Die Verteidi gungseinrichtungen der Station waren nach außen, nicht nach unten gerichtet. Born machte auch nicht den Fehler, den Baum zu ersteigen, den Ruumahum und Geeliwan benutzt hatten, um sie zu befreien. Jenem Stamm galt immer noch zu große Aufmerksamkeit.

Born wartete, bis sie alle unmittelbar unterhalb des Metallnetzes versammelt waren, das ihnen den weiteren Weg nach oben versperrte. Jetzt zuckten pausenlos Blitze über den Nachthimmel. Sie mußten sich beeilen. Über ihnen knatterte und flackerte das Netz bei jeder atmosphärischen Entladung. Er nickte. Gemeinsam legten Mensch und Pelziger die drei silberschwarzen Blätter über verschiedene Teile des Gewebes. Born hielt den Atem an, als das Blatt das Metall berührte. Ein paar winzige Funken, dann wurde es wieder ruhig. »Schnell hinunter!« rief er den Pelzigem zu. In einem der Wachtürme fiel dem dritten diensthabenden Ingenieur der Generatorstation eine unerwartete Bewegung auf. Er runzelte die Stirn und musterte seine Skalen. An den leichten Stromschwankungen, die sich abzeichneten, war zwar nichts auszusetzen, aber eigentlich hätte es keine solchen Schwankungen geben dürfen. Die Variationen waren stärker, als man das selbst bei einem Gewitter wie diesem erwarten durfte. Einen Augenblick lang überlegte er, ob er den Chefingenieur wecken sollte, beschloß dann aber, dessen Zorn nicht zu riskieren. Vermutlich war an den Meßanlagen etwas nicht in Ordnung der B Transformator war in letzter Zeit ein paarmal kurzfristig ausgefallen. Und an der Energiezufuhr durch den Sonnenkollektor konnte es ja nicht liegen jetzt mitten in der Nacht. Und dann schlug plötzlich ein mächtiger Blitz so nahe ein, daß der Knall selbst die Isolierung der Wände durchlief. Einige Dinge ereigneten sich nun gleichzeitig.

Die ohrenbetäubende Entladung elektrischer Energie traf einen Baum südöstlich der Station, doch es wurde kein Baumwipfel gespalten, keine Flamme zuckte auf. Statt dessen trank die nackte Spitze des Sturmtreters den Blitz in sich hinein wie ein Kind, das Milch durch einen Strohhalm trinkt. Das mit Metall imprägnierte Holz erzitterte sichtbar unter dem Aufprall, wurde aber nicht beschädigt, weil sich die ungeheure Spannung des Blitzes in der erstaunlichen Innenstruktur des Baumes gleichmäßig verteilte. Einen kurzen Augenblick lang verstärkte sich die schwache Verteilung der Spannung, die der Baum gewöhnlich aufgebaut hatte, millionenfach. Unter normalen Umständen hätte das komplizierte Wurzelsystem des Sturmtreters die ganze Ladung in den Boden abgeleitet, damit Stickstoffoxide erzeugt und so den Boden der Umgebung angereichert. Aber diesmal zog etwas anderes die ganze Kraft der Entladung ab, lenkte sie durch den Abwehrschirm, den die langen tödlichen Blätter des Baumes bildeten.

Der verblüffte Ingenieur erfuhr nie, daß seine Skalen und Geräte völlig richtig angezeigt hatten, erkannte nie die Ursache jener ersten rätselhaften Stromschwankungen. Born wußte nicht, was er erwarten sollte. Er hatte, wie er Losting erklärte, gehofft, das Schutzgewebe zu überfüttern, welches den Unterleib der Station bewachte. Statt dessen explodierten die drei Netze in dem Bruchteil der Sekunde, welche der Entladung folgte. Ein paar Sekunden lang flammten sie auf wie brennendes Magnesium, ehe sie zu schwarzer Schlacke zusammenschmolzen. Ferne Explosionen hallten über die dunkle Panta, in der Station flammten Lichter auf, blinkten hinüber zu den paar verblüfften Beobachtern, die sich am Waldrand hinter ein paar Blättern zusammengekauert hatten. Modulatoren blitzten und explodierten, waren außerstande, die ungeheure Überladung zu regulieren. Die Akkumulatoren schmolzen wie Butter in der Sonne und raubten der Station ihre Reserveenergie.

Dreißig Millionen Volt bei hunderttausend Ampere ergossen sich in das Generatorsystem der Station und schmolzen jedes Kabel, das sie nicht kurzschlossen, jede Steckdose, jede Birne, jede Röhre und jedes Gerät. Eine einzige alles übertönende Eruption hallte durch die Station, als der Zentraltransformator und die Sonnenenergieanlage durch die Wand gerissen wurden.

Der gleichmäßig trommelnde nächtliche Regen wurde von den Schreien der Verwirrten, der Verblüfften und der Verbrannten übertönt. Aber es gab keine Schreie langsam Sterbender. Alle, die den Tod gefunden hatten, waren wie der Ingenieur im Bruchteil von Sekunden elektrokutiert worden. Losting wollte losrennen. »Führen wir es zu Ende.« Born mußte ihn festhalten. »Vielleicht haben sie noch das rote Licht, das tötet, ehe ein Bläser geladen werden kann, Jäger.« Losting wies auf die zerdrückten, rauchenden Geschütztürme. Man konnte die Laserkanonen zwar reparieren, aber im Augenblick waren sie unbrauchbar. Die Drehmechanismen waren ausgebrannt.

»Die nicht«, erklärte Born. »Aber vielleicht funktionieren die kleinen noch, die die Riesen wie Äxte tragen.« Er lehnte sich auf dem feuchten Ast zurück und blickte zum Himmel. »Was werden diese wilden ungewöhnlichen Geräusche am Morgen bringen, Jä-ger? Überlege! Was können Männer, die gleichzeitig schreien, herbeirufen?«

Losting dachte nach, bis seine Augen sich weiteten. »Schweber, nicht Bunas . . . Photoiden.«

Born nickte. »Sicherlich regen sie sich bereits.« »Aber diese Riesen haben doch sicher schon Photoidenschweber gesehen?« »Vielleicht auch nicht«, wandte sein Gefährte ein. »Ihre Skimmer sind leise, und die Photoiden selten. Nur Beute, die für einen Photoiden groß genug ist, macht auch genug Lärm, um welche anzuziehen. Daran habe ich nicht gedacht.« Losting lehnte sich zurück und legte die Hände auf die Knie. »Was macht es schon? Die Schweber werden keine Beute sehen und wieder wegfliegen.« »Das kann sein, Losting. Aber denk daran, wie die Riesen reagieren, wie Logan und Cohoma zuerst auf mich reagierten, wie sie in der Welt reagierten. Sie haben Angst, ohne den Versuch zu machen, zu verstehen, Losting. Und inzwischen haben sie sicher schreckliche Angst. Wir werden sehen, wie sie auf die Schweber reagieren.« Hansen trat nach den immer noch rauchenden Fragmenten aus Metall und Polyplexalum, die den ausgebeulten Boden bedeckten, und betrachtete das gähnende Loch, wo einmal die Kraftanlage der Station angebracht gewesen war. Pfützen verhärteter Schlacke waren alles, was von der komplizierten teuren Anlage übriggeblieben war. Sie war nicht zerbrochen, sie war einfach nicht mehr da.

Ein sehr müder Blanchfort erschien. Wie alle anderen hatte auch er seit vielen Stunden nicht mehr geschlafen. »Berichten Sie«, seufzte Hansen. »Alles, was Energie aufnahm, ist entweder verbrannt oder zerschmolzen, Sir«, berichtete der Abteilungsleiter langsam. »Es gibt keinen einzigen Stromkreis, keinen Flüssigschalter und kein Modul in der ganzen Station, der noch funktioniert. Wir werden das ganze System neu bauen müssen.« Hansen gestattete sich ein paar Minuten, um das einsinken zu lassen. Dann fragte er: »Hat man die Ursache entdeckt?« »Mamula glaubt eine zu kennen. Es ... nun, wenn Sie es einmal gesehen haben, ist es ziemlich offenkundig.« Hansen folgte dem anderen durch die Station, vorbei an erschöpften Männern, die an geschwärzten Wand- und Bodenfragmenten arbeiteten. Bald hatten sie die Luke im Boden erreicht, durch die ein offener Lift Zugang zum Dach des abgeschnittenen Waldes unter ihnen bot. Der Lift war natürlich ausgebrannt. Jemand hatte die zerschmolzenen Drähte und sonstigen elektri-schen Verbindungen weggeschnitten und eine Winde improvisiert. Jetzt hing die Liftkabine auf halbem Wege zwischen der Station und der grünen Welt darunter. Er hing genau in der Höhe, wo einmal das geladene Gitter gewesen war.

Hansen spähte durch das Loch im Boden. Von der Stelle, wo das Gitter mit dem Baum verbunden gewesen war, rann ein Ring immer noch heißen Metalls wie Kerzenwachs in die Tiefe. Von der verkohlten Borke stiegen immer noch Rauchfäden auf. »Sehen Sie es, Chef?« fragte Blanchfort. Hansen kniff die Augen zusammen. »Ob ich was sehe? Ich . . .« »Dort, links, ein Stück unter Mamula und seinen Leuten. Da sind noch zwei weitere am Stamm.«

Der Stationsleiter starrte in die Tiefe. »Sie meinen diese lange silberne Kette, die nach unten in die Baumwipfel führt?« »Ja, das meine ich, Sir, nur daß es keine Kette ist, jedenfalls nicht aus Metall. Es ist ein Blatt oder viele ineinander verschlungene Blätter.«

»Was ist mit ihnen?«

»Mamula glaubt, sie wären letzte Nacht vor dem Sturm auf das Gitter gelegt worden. Wir haben einen Suchtrupp ausgeschickt ich hatte gehofft, unsere zwei Eingeborenen würden sich zeigen, aber das haben sie nicht getan , um die Blattkette an ihren Ursprungsort zu verfolgen. Alle drei Blätter führen etwa fünfzehn Meter weit in den Wald hinein und dann nach Südosten. Sie sind etwa dreißig Meter von der Lichtung entfernt mit ihrem Mutterbaum verbunden.« Er wandte sich um und deutete zu einem Fenster hinaus. »Dort. Es ist einer der kleineren Bäume. Nackte Krone, vorwiegend schwarz und silberfarbene Borke, Blätter, alles. Sehr wenig Braun oder Grün, nur in einigen Nebengewäch-sen.« Er warf einen Blick auf seinen Notizblock. »Eine Frau namens Stevens leitete den Suchtrupp. Nach ihrem Bericht trägt der Baum selbst eine tödliche Ladung. Alles, was eines seiner langen Blätter berührt, wird auf der Stelle getötet. Mamola hat die Theorie aufgestellt, daß der Baum, wenn er vom Blitz getroffen wird, wie es offensichtlich letzte Nacht der Fall war, die Ladung irgendwie weiterleitet. Es bedarf nur einer winzigen Aufladung, um das Verteidigungssystem des Baumes aufrechtzuerhalten. Es gibt nur wenige Bäume dieser Art, und sie stehen ziemlich isoliert.«

»Ich verstehe. Sie dienen als Blitzableiter für den ganzen Wald und schützen die anderen Bäume vor den nächtlichen Gewittern. Nur . . .«er mußte an sich halten, um nicht loszubrüllen»letzte Nacht ist die Ladung auf etwas anderes gerichtet worden.« »Nicht gerichtet , gezogen worden.« Hansen nickte grimmig. »Kein Wunder, daß sämtliche Stromkreise durchbrannten. Und natürlich hat niemand vorher etwas Ungewöhnliches bemerkt.«

Blanchfort senkte den Blick. »Nein, Sir. Ich höre, daß Cargo einige seiner Leute ziemlich fertiggemacht hat.« »Das wird uns guttun.« Er atmete tief und trat nach einem Stück geschmolzenen Kunststoffs. »Was sagt Murchison?« »Murchison ist tot, Sir.«

Hansen schloß kurz die Augen. »Also gut, dann Mamula.« »Ja, Sir. Er glaubt, er könne einige Leitungen reparieren. Wir haben für etwa zwanzig Prozent der Anlage Ersatzteile, aber wir brauchen einen neuen Generator.« »Das sieht schließlich jeder Idiot. Dort, wo der alte war, ist schließlich ein Loch, durch das man mit einem Skimmer fliegen könnte.« »Der große Block Solarzellen ist zersprungen. Der muß auch ersetzt werden. Die gesamte Klimaanlage ist hinüber, das bedeutet unter anderem, daß die Kühlung ausfällt.« »Unter anderem«, wiederholte Hansen angewidert. »Was ist denn übriggeblieben?«

Wieder ein Blick auf den Notizblock. »Sämtliche Handfeuerwaffen und vier Projektilwaffen, also sind wir nicht gerade wehrlos. Mamula hat einen Transformator gefunden, der nicht angeschlossen war, und hat die Kühlanlagen für die Krankenstation an die Batterien gehängt. Und Notrationen haben wir auch eine ganze Menge.« » Fernmeldeeinrichtung ? «

»Die ist leider hin. Aber die Anlage im Landeboot funktioniert noch.« »Ein Jammer, daß es ein Landeboot ist und kein Aufklärer. Wann ist das nächste Versorgungsschiff fällig?« »In zweieinhalb Wochen, Sir, planmäßig.«

Hansen nickte und ging durch die nächste Tür auf den Balkon hinaus, der auch die Station umgab. »Zweieinhalb Wochen«, wiederholte er, stützte sich auf das Geländer und blickte zu der fernen grünen Wand hinüber. Dann ließ er seinen Blick nach unten zu den grünbraunen Baumspitzen schweifen.

»Zweieinhalb Wochen für eine komplett ausgestattete Station, die konstruiert ist, um selbst den Angriff einer Commonwealthfregatte abzuwehren, zweieinhalb Wochen, um die Belagerung durch zwei Eingeborene in

Lendentüchern zu überstehen, den Bastarden von fehlgeleiteten Kolonisten, die zu religiösen Fanatikern geworden sind!«

»Ja. Sir.«

Hansen wirbelte herum, als er die Stimme hinter sich hörte, und brüllte den Neuankömmling an. »Glauben Sie, Ihre Leute werden damit fertig, Cargo? Oder meinen Sie, daß wir unterlegen sind ?!« Cargo richtete sich auf und schlug die Hacken zusammen. »Ich muß mit dem zurechtkommen, was ich habe, Sir, genauer gesagt, dem besten Personal, das die Firma kaufen konnte.« Was er damit sagen wollte, war klar: es gab gewisse Dinge, die selbst die Muttergesellschaft nicht käuflich erwerben konnte. »Ich könnte einen Ausfall vorbereiten, Sir, wenn Sie das wünschen. Wir könnten die Umgebung absuchen bis . . .« »Ach, hören Sie doch auf, Cargo«, murmelte Hansen. »Ich brauche auch kein Opferlamm. Ihr Selbstmord nützt niemandem etwas. Sie könnten die ja nicht einmal von der übrigen Fauna unterscheiden. Die würden ihre Leute einen nach dem anderen weg-putzen, oder sich einfach im Hintergrund halten und warten, bis der Wald Sie erledigt hat.« Er wandte sich wieder dem smaragdfarbenen Ozean zu. »Ich kann mir immer noch nicht zusammenreimen, was sie zu solcher Gewalttätigkeit veranlaßt hat. Freilich, der Wunsch zu entkommen, uns Ärger zu bereiten, sicher, aber ein Gegenangriff ? Sie müssen verdammt zuversichtlich sein, oder schrecklich wütend. Ich weiß, daß Born unsere Absichten hier mißbilligt, aber er machte keinen

mörderischen Eindruck auf mich; wir übersehen hier irgend etwas. Ich würde gerne noch einmal Gelegenheit haben, mit ihm zu reden, einfach, um herauszufinden, womit wir ihn so gereizt haben.« »Ich hätte gerne Gelegenheit, ihm den Hals abzuschneiden«, erwiderte Cargo.

»Hoffentlich bekommen Sie die, Cargo. Aber ich würde mich auch nicht darauf verlassen, daß Sie ihn sehen, bevor er Sie entdeckt.« Cargos Haltung lockerte sich, nicht aber seine Stimme. »Sir, ich habe dreißig Jahre in den Streitkräften des

Commonwealth gedient, ehe mir klar wurde, daß das dreißig vergeudete Jahre waren. Jetzt bin ich seit vier Jahren als Leiter der Sicherheitsabteilung bei der Firma. Wenn mir dieser Knirps unter die Hände kommt, können Sie Ihr Verwaltungsdiplom darauf wetten, daß ich ihm den Hals breche, ehe er mich auch nur berührt.«

»Ich wette einen viel größeren Einsatz, Sal.« Er blickte zum Himmel. »Das wird wieder ein heißer . . . Mutter Gottes, was ist das denn?« Cargo wandte den Kopf und blickte in das schwache Blaugrün des südlichen Himmels. Langsam näherten sich drei träge dahintreibende Silhouetten der Station. Jede von ihnen war halb so groß wie der ganze Bau. »Funktionieren noch irgendwelche Geschütztürme?« »Nein, Sir«, erklärte Cargo, ohne den Blick vom Himmel zu wenden. »Aber die Gewehre haben wir noch.«

»Bringen Sie sie in die Kuppel. Lassen Sie ein paar Leute unten, um die Stützstämme zu beobachten, und schaffen Sie das restliche Personal nach oben. Der Baum mit dem Tunnel soll ebenfalls weiter bewacht werden. Ich möchte keine Überraschungen aus der Richtung, während wir mit dem da beschäftigt sind. Los!«

Rufe und Schreie hallten durch die beschädigte Station. Jeder, der noch eine funktionsfähige Handwaffe besaß, sollte sich in der Kuppel melden. Alle begriffen, die drei Photoidenschweber machten keine Anstalten, sich zu verstecken.

Logan und Cohoma gehörten auch zu denen, die sich unter den Polyplexalumscheiben drängten. Drei Lasergewehre waren dort aufgebaut und himmelwärts gerichtet. Hansen sah die beiden Scoutpiloten, winkte Cargo zu und sprach sie an: »Haben Sie schon einmal so etwas gesehen?« Logan studierte die aufgedunsenen Ungeheuer fasziniert. »Nein, Chef, nie. Ich kann mich auch nicht erinnern, daß Born je so etwas erwähnt hätte.« »Können Sie sich vorstellen, daß Ihre Pygmäen sie unter Kontrolle haben?« fragte Cargo.

Logan überlegte. »Nein, das glaube ich nicht. Wenn sie gefährlich, aber manipulierbar sind, hätte Born sie bestimmt herbeigerufen, um uns zu schützen, als wir über die Lichtung gingen.«

Die Schweber waren gigantische Gassäcke, etwa eiförmig mit flatternden, segelähnlichen Flossen am Rücken und an den Seiten. Das gleichmäßige Flattern dieser über die ganze Körperlänge hinweg angeordneten Auswüchse trieb sie träge durch die Luft. Die Gassäcke selbst waren von blassem durchscheinenden Blau, durch das die Sonne schien. Unter jedem Sack lag eine Masse aus gummiartigem Gewebe, das sich wie Kabel eingerollt hatte. Und von diesen »Kabeln« hing eine Reihe kurzer dicker Fäden, die wie Spiegellianen glänzten, an die Logan sich aus den Wochen im Wald erinnerte. Farben blitzten von den sich drehenden kreisenden organischen Prismen. Dem ganzen Geschöpf wurde dadurch das Aussehen eines Ballons verliehen, der versuchte, einen Regenbogen auszubrüten. Unter diesem glitzernden Konglomerat hingen längere Tentakel. Diese sahen natürlicher aus, waren von hellblauer Farbe wie die Gassäcke und von einer klebrigen, glitzernden Masse bedeckt. Immer näher trieben sie der Station, während ein kleines Grüppchen heftig darüber debattierte, ob diese Geschöpfe dem Pflanzen, oder dem Tierreich zuzuordnen waren. »Halten Sie die Waffen schußbereit!« befahl Hansen. Bis jetzt hatten die schwebenden Ungeheuer noch nichts Feindseliges unternommen. Aber ihre schiere Größe machte ihn nervös. Das gespenstische Schweigen, mit dem sie immer näher heranschwebten, trug nicht gerade zu seiner Beruhigung bei. »Wenn sie auf zwanzig Meter heran sind, schießen Sie«, befahl er Cargo, »aber nicht vorher.« Der nickte.

Jetzt kippte einer der Schweber zu ihnen ab; seine herunterhängenden kabelähnlichen Tentakel zuckten in der Luft. Er hielt außerhalb der zwanzig Meter, die Hansen festgelegt hatte, an und schwebte still in der Luft. Obwohl keinerlei optische Perzeptoren zu sehen waren, hatte Hansen das ungute Gefühl, daß er sie stu-dierte. Mit flatternden Flossen hing er in der Luft, während die Spannung in der Kuppel und dem Rest der Station unerträglich anstieg. Jemand stieß einen Schrei aus, und aller Augen richteten sich nach oben. Die beiden anderen Schweber trieben jetzt auf das Landeboot zu, der letzten Verbindung zur Firma, zum Rest des Universums, über die sie verfügten. Ein langer Tentakel senkte sich herunter und krümmte sich um den Bug des Shuttle. Der Tentakel zog neugierig, mühelos. Ein Kreischen war zu hören, als das Boot etwas zur Seite rutschte. Ein bleistiftdünner Strahl intensiven roten Lichts zuckte zu dem neugierigen Schweber hinüber. Cargo wirbelte herum und brüllte die Gewehrmannschaft an: »Wer hat da

geschossen? Ich habe keinen Befehl. . .«

Der Strahl berührte den Gassack und schien schräg durch ihn hindurchzugehen. Der Schweber sank etwas tiefer, nahm dann aber gleich wieder die ursprüngliche Position ein. An dem Punkt, wo der Laserstrahl ihn getroffen hatte, kräuselte etwas Rauch. Ein schwaches, kaum hörbares Pfeifen war zu vernehmen, es klang wie ein Seufzen. Der Schweber hob sich etwas in die Höhe, vergaß einen Augenblick lang, das Shuttle loszulassen. Ein leises Klirren hallte zu ihnen herüber, als ein Ankerkabel nach dem anderen riß wie eine Pianosaite. Jetzt feuerte jemand seine Pistole ab, dann eröffneten auch die anderen Gewehre das Feuer. Cargo fluchte und schimpfte, aber die Panikschreie in der Station übertönten ihn. Ein roter Strahl nach dem anderen zuckte zu den Schwebern hinüber. Und jedesmal, wenn einer der Strahlen einen Gassack traf, sank der ver-letzte Schweber etwas in die Tiefe, blies sich dann aber wieder auf und nahm die ursprüngliche Position ein. Strahlen, die in dem Tentakelwald landeten, schienen davon abzuprallen. Aus ihrem Versteck hinter einem Gebüsch von Kammlianen flüsterte Born: »Für Schweber sind sie sehr geduldig.« »Vielleicht wollen sie nicht kämpfen«, meinte Losting besorgt.

Und hinter ihm knurrte Geeliwan: »Schweberärger kommt langsam, dauert lange.« Ob nun die andauernden Stiche der Laser oder der Lärm der winzigen Gestalten in der Station sie dazu reizte, würde man wohl nie erfahren—jedenfalls begannen die Schweber zu reagieren. Ihre kürzeren, fast quarzähnlichen Fasern bewegten sich, bildeten komplizierte Muster. Instinktive Verteidigungsanordnungen, während das rote Licht von unten weiter nach ihnen stach. Die Sonne stand hoch am Himmel und war heiß. Aber in dem neu angeordneten Komplex kurzer Fäden konzentrierte sich das Sonnenlicht, wurde verstärkt und wieder verstärkt, durch ein Gewirr organischer Linsen hin und hergeworfen, die so kompliziert waren, daß selbst ein menschliches Auge, verglichen mit ihnen, eher primitiv wirkte. Von den nächsten Schwebern schössen Strahlen ungeheuer konzentrierten Sonnenlichts auf die Station hernieder. Die Wände der Station waren hauptsächlich aus

Aluminiumwaben gefertigt, nicht aus Duralum. Und wo sie das Licht traf, schmolzen sie einfach weg und verbrannten, was hinter ihnen lag. Hansen floh aus der Kuppel. Cohoma, Logan und der größte Teil des Personals taten es ihm gleich. Cargo blieb mit seiner Mannschaft und verfluchte ihr Ungeschick. Er kam nicht auf die Idee, daß die Gassäcke der Schweber aus Segmenten bestehen könnten. Er erkannte nicht, wie schnell sie sich ersetzten, wie schnell frisches Gas in den neuen Zellen entstand. Er begriff einfach nicht, wie hilflos die

Lasergewehre, mit denen man immerhin ein Shuttle oder ein Flugzeug abschießen konnte, gegen dieses Ding waren, begriff es immer noch nicht, als das verstärkte Licht des dritten Schwebers die Kuppel traf, das zähe Polyplexalum verschmorte, die Lasergewehre schmolzen, Stühle, Konsolen, Boden und Instrumente in Flammen aufgingen. Erst als er und die letzte Gewehrmannschaft zu Asche verbrannten, wurde klar, wie nutzlos sein Handeln gewesen war. Die verärgerten Schweber blieben noch eine halbe Stunde und trieben träge über der Station hin und her. Immer wieder jagten sie ihre konzentrierten Lichtstrahlen in die Ruinen, lange noch, nachdem die letzten verzweifelten roten Lichtstrahlen aus dem rauchenden Wrack nach oben gestochen waren.

Schließlich wurden sie müde, als das, was bei ihnen als Verstand diente, befriedigt war. Sie ließen die Station, mit Löchern und Pockennarben übersät, zurück und trieben träge wieder gen Süden, woher sie gekommen waren, während im Inneren der Ruine Dutzende kleiner Feuer flackerten. »Jetzt sollten wir Schluß machen«, polterte Losting. »Vielleicht sind noch einige übrig«, meinte Born. »Laßt uns warten, bis die Flammen ihr Werk beendet haben und die Sonne untergegangen ist.« Wie es gelegentlich geschah, begann der Nachtregen an jenem Tage schon bei Sonnenuntergang. Es war noch hell genug, um sehen zu können, als sie die Stationsruine betraten. Tropfen zischten, wenn sie das heiße Metall trafen. An einigen Stellen waren die Korridorwände unter dem Angriff der Schweber wie Butter zerschmolzen. Die Jäger betraten den Außenkorridor mit schußbereiten Bläsern, wenn auch keiner damit rechnete, in der rauchenden Ruine noch etwas Lebendes zu finden.

»Selbst notwendiger Tod ist unangenehm«, meinte Born ernst und sog prüfend den Gestank verkohlten Fleisches ein. »Dies ist kein Ort, an dem man sich lange aufhalten soll.« Losting nickte und deutete auf den Weg, der die Station umgab. »Ich nehme diese Hälfte und treffe dich auf der anderen Seite. Je schneller wir hier ein Ende machen und den Heimweg antreten, desto besser fühle ich mich.« Born nickte zustimmend und entfernte sich in entgegengesetzter Richtung.

Der große Jäger wartete, bis sein Begleiter verschwunden war, ehe er Geeliwan folgte. Er fand nicht viele Leichen, die meisten waren unter Schutt und Schlacke begraben oder bis zur Unkenntlichkeit verkohlt. Losting dachte über das Vernichtungswerk nach, das die Schweber getan hatten. Einmal hatte er zugesehen, wie ein neugieriger Photoide einen schlafenden Jäger mit einem baumstammdicken Tentakel sanft betastete und den Träumer dann in Frieden ließ und freundlich weiterschwebte. Er hatte auch einmal gesehen, wie ein erschreckter Wagetaucher einem der sonst sanft-mütigen Schweber einen Tentakel abgebissen hatte. Der Schweber hatte vor Wut und Schmerz den Baum des Fleischfressers in Stücke gerissen und seine obere Hälfte zersplittert, ehe er den Angreifer geröstet hatte. Er wünschte, es hätte eine andere Möglichkeit gegeben. Er betrat die Überreste des Skimmerhangars. Die kleinen Aufklärungsfahrzeuge waren kaum mehr zu erkennen. Bei den meisten waren die durchsichtigen Kuppeln zerdrückt und die Rümpfe zerschmolzen. Hinter einer noch teilweise intakten Kuppel sah er die verkohlten Überreste von zwei Riesen, deren Knochen weiß an das Metall geschweißt waren. Hätten die überlebenden Riesen nicht so lange Widerstand geleistet, so hätte die Schweber vermutlich Langeweile erfaßt, und sie wären wieder zu ihren Nistplätzen im Süden zurückgekehrt. Statt dessen hatten diese in Panik geratenen Mörder bis zum Schluß erbittert gekämpft, wo ihre Lichtwaffen doch gegen die Nervensysteme der

durchsichtigen Photoiden völlig unwirksam waren. Plötzlich knurrte Geeliwan und machte einen Satz. Der Pelziger hatte Witterung aufgenommen, zu spät. Der Gestank der immer noch brennenden Station hatte den anderen Geruch überlagert. Der Lichtstrahl traf ihn mitten im Sprung über den Augen. Er fiel zu Boden und blieb liegen. Losting hatte seinen Bläser hochgerissen und drückte ab, noch ehe der Pelziger stürzte. Der Knall des platzenden Tanksamens war zu hören. Jemand stieß einen Schrei aus, dann war es wieder still.

Hinter einem blasig aufgeworfenen Stück Boden hob sich unsicher eine Gestalt, Logan. Schwankend ließ sie die Pistole fallen und zog sich mit beiden Händen den Jacaridorn aus der Brust. Ein winziger roter Fleck erschien, besudelte ihre Tunika. Benommen starrte sie ihn an. Losting hatte bereits wieder nachgeladen, als der zweite Strahl ihn an der Hüfte traf, Haut, Knochen, Nerven und Organe zerfetzte. Gewöhnlich tötete ein einziger Schuß sofort. Aber Losting war kein normaler Mann. Er ließ sich auf die Knie fallen und fiel erst dann nach links. Immer noch lebend, griff er mit beiden Händen an die riesige Wunde. Der Bläser klapperte auf den Metallboden.

Logan taumelte ein paar Schritte nach vorn und versuchte, zu der verkrümmten Gestalt auf dem Boden etwas zu sagen. Ihr Mund bewegte sich, aber es kam nichts heraus. Dann wurden ihre Augen glasig, als das Nervengift seine Wirkung tat, und sie stürzte wie ein Baum, lag da, reglos wie eine zerbrochene Spiel-zeugpuppe, einen Arm grotesk verkrümmt. Zwei Gestalten erhoben sich aus dem schwarzen Tunnel in der Nähe.

Cohoma ging zu der reglosen Gestalt Logans und kniete neben ihr nieder. Hansen warf kaum einen Blick auf sie, ging auf Losting zu. Und hinter ihm murmelte der Scoutpilot, als er weder Puls noch Herzschlag fand, verbittert: »Der hat dich erwischt, Kimi.«

Der Stationschef hielt seine Pistole auf Losting gerichtet, als er sich ihm näherte. Der röchelnde Atem des Jägers hallte laut durch den vom Tod erfüllten Korridor. Hansen hatte den größten Teil seiner Kleidung und seine bürokratische Würde verloren. Sein Atem ging keuchend. Das graue gekräuselte Haar auf seinem Oberkörper war verschwitzt und mit Ruß verschmiert. »Ehe ich dich töte, Losting warum?« »Born hat es gewußt«, keuchte der Jäger unter Schmerzen. Langsam wurde an ihm alles taub, kroch über seinen ganzen Körper. »Er hat es dir gesagt. Ihr nehmt, ohne zu geben. Ihr nehmt, ohne zu bitten. Ihr borgt, ohne zurückzugeben. Ihr emfatiert nicht. Unsere . . . Welt.« »Es ist nicht eure Welt, Losting«, sagte Hansen müde. Cohoma, der hinter ihm stand, bekam plötzlich große Augen. Er murmelte etwas von Empathie und erzwungener Evolution. Hansen hörte ihn nicht. »Aber ihr habt euch geweigert, das zu akzeptieren. Schade.« Hansen wandte sich ab und rief: »Muerta . . . Hofellow . . . seht nach, ob dieses Vieh auch tot ist.« Ein Mann und eine Frau, der Mann mit einer Pistole, die Frau mit einer Machete bewaffnet, kamen aus einem Seitengang. Ohne ein Risiko einzugehen, jagte die Frau einen weiteren Feuerstoß in den Kopf des Pelzigers, aber Geeliwan war längst so mausetot, wie man es nur sein konnte.

»Hölle und Verdammnis!« brüllte Hansen, den Ärger und Enttäuschung übermannten. »Kein Grund . . . kein Grund für alles das!« Er machte eine alles umfassende Handbewegung und blickte dann wieder auf Losting hinunter. Seine Stimme klang wegen soviel Verschwendung bedauernd. »Verstehst du denn nicht, du hast uns nicht aufgehalten! Ich habe vier Leute . . .« Er blickte noch einmal auf Logans reglosen Körper. »Nein, drei Leute.«

»Ihr seid alle tot«, sagte Losting, und bei jedem Wort schoß ein scharfer Schmerz durch seinen Leib. Jedes Wort war eine neue Überraschung. »All eure kleinen Himmelsboote sind zerbrochen und das große . . . auch. Eure kleinen Waffen sind tot, und eure Wände und Netze. Der Sturmtreter hat ihnen das Leben genommen. Jetzt wird der Wald zu euch kommen.«

Hansen sah ihn bedauernd an. »Nein, Losting, du irrst. Ihr habt das zwar geschickt gemacht, und beinahe hättet ihr es sogar geschafft. Aber wir haben genügend Lebensmittel und bekommen jede Nacht Wasser vom Himmel. Ich weiß, wie schnell dieser Wald wächst. Vielleicht bedeckt er die Station, ehe unser nächstes Schiff eintrifft. Es stimmt, daß unser Shuttle nicht mehr fliegen kann, aber sein lebenerhaltendes System funktioniert noch und die Sendeanlage auch. Ich glaube nicht, daß diese Gassackprismen zurückkommen werden, und ich glaube auch nicht, daß uns sonst etwas angreifen wird, was einen Schiffsrumpf durchdringen könnte. Dieser Wald kann uns unter einer grünen Lawine begraben, aber unser Notsignal wird dennoch empfangen werden. Ihr habt es fertiggebracht, daß einige Leute viel Geld verloren haben, und ihnen viel Mühe bereitet. Das wird sie nicht freuen. Aber sie werden diese Station wieder aufbauen, von vorne beginnen, wegen des Unsterblichkeitsextrakts. Du kannst dir gar nicht vorstellen, welche Mühe die Menschen auf sich nehmen werden, um sich ihn zu beschaffen. Wir werden nicht dieselben Fehler noch einmal machen. Wir werden auf der anderen Seite dieses Planeten neu bauen, weit von eurem Stamm entfernt. Der neue Außenposten wird Luftpatrouillen haben, dreimal so viele Kanonen, viel größere, mit unabhängi-gen Energieanlagen, und wir werden eine viermal so breite und zweimal so tiefe Lichtung freibrennen. Nein, wir werden nicht dieselben Fehler ein zweites Mal machen. Du bist ein tapferer Mann, Losting, aber du bist geschlagen. Schade. Ich wäre lieber dein Freund gewesen.« »Gra . . . räuber . . .«, flüsterte Losting. Erlag in einer

riesigen Blutlache, seine Gliedmaßen begannen unkontrolliert zu zittern.

Hansen beugte sich über ihn. »Was? Ich habe nicht ge-hört . . .« »Alles würdet ihr stehlen«, keuchte der Jäger und bäumte sich ein letztes Mal auf. »Selbst die Seele eines Menschen, selbst den Duft einer Blume. Ihr ...» Er fiel zurück und starrte mit glasigen Augen durch die zerstörte Kuppel in den nächtlichen Himmel.

Hansen schüttelte langsam, traurig den Kopf. »Ich verstehe euch nicht, Losting. Ich weiß nicht, ob wir einander je verstehen könnten.« Er schüttelte immer noch den Kopf, als ihm der Jacaridorn aus Borns Bläser in den Hals drang.

Es war schnell vorbei. Ruumahum tötete die beiden, die sich über Geeliwans Leiche beugten. Borns Axt erledigte Cohoma, ehe der die Pistole ziehen konnte.

Der Jäger hackte mehr, als notwendig war, auf die gestürzten Riesen ein. Auch als der größte Teil ihres Blutes bereits aus ihren Adern geronnen war, hackte er noch auf sie ein, bis seine Wut endlich aufgezehrt war. Erschöpft taumelte er neben dem Mann zu Boden, den er auf der ganzen Welt am meisten gehaßt hatte. Ruumahum schnüffelte an Geeliwans Flanke, aber für den gefallenen Pelziger gab es keine Hoffnung mehr. Er war nicht unverletzlich. Logans Strahl hatte das Gehirn getroffen. Ein dünner, grüner Faden rann aus einer Ader am Schädel und besudelte seinen Pelz . . . Das Gesicht des sterbenden Jägers war von einem Schmerz verzerrt, der nicht nur physisch war. »Kein Glück . . . nicht für Losting. Du . . . siegst immer, Born. Du bist mir immer einen Ast voraus, ein Wort, eine Tat. Das . . .ist nicht fair, nicht fair. So viel Tod . . . warum?« »Das weißt du doch, Jäger«, murmelte Born. »Es gab eine Krankheit, einen Parasiten, der neu auf die Welt gekommen war. Es kam uns zu, ihn auszuschneiden. Er hätte das Heim getötet. Du hast das Heim gerettet, Jäger.« Seine Stimme brach. »Ich liebe dich, mein Bruder.« Born saß da und beschwor feierliche Bilder für sich herauf, während Ruumahum auf seinen Hinterbeinen kauerte und mit dem weinenden Himmel trauerte. So verharrten sie, bis die Zeit einen neuen Tag und Licht brachte.

Die erste Welle von Kabbls, Kriechpflanzen, Fom und Luftschößlingen kroch bereits über die einstmaligen Ränder der Lichtung, als Born und Ruumahum sich auf den Weg machten.

Zwei Leichen, ein Mensch und ein Pelziger, waren auf Ruumahums breitem Rücken befestigt. Die Vorstellung, mit einer solchen Last bis zum Heim zurückzukehren, war absurd. Es würde ihren Weg verlangsamen, sie behindern, sie gefährden. Aber weder Ruumahum noch Born dachten auch nur einen Augenblick daran, ohne sie zurückzukehren. Born erinnerte sich der Worte des Hansenhäuptlings, als er letzte Nacht in der Dunkelheit und im Regen zu ihm gekrochen war, um ihn zu töten. Diese Worte waren falsch. Er glaubte nicht, daß die Riesen versuchen würden, anderswo auf der Welt eine neue Station zu errichten, nicht jetzt. Nicht jetzt, wo all ihre Arbeit hier auf unerklärliche Weise vernichtet und verschluckt worden war. Und selbst wenn sie es taten, konnten sie die Knollen nicht finden, die sie wollten. Nicht auf der anderen Seite der Welt. Wenn sie es hier versuchten, würde es ihnen nie gelingen, ihre Lichtwaffen und ihre Metalle an Ort und Stelle anzubringen. Dafür würde der Stamm sorgen. Sie würden es anderen Stämmen sagen. Die Warnung würde sich ausbreiten. Geh Hell war die erste, die ihn bei seiner Rückkehr begrüßte, als sie erschöpft und halb tot viele Siebentage später in das Dorf taumelten. Sie blieb nicht lange bei ihm, nachdem sie Lostings Leiche gesehen hatte. Und zu seiner Überraschung stellte Born fest, daß es ihn nicht störte. Dann schlief er zwei Tage lang, und Ruumahum noch einen Tag länger.

Dem Rat wurde die Geschichte erzählt.

»Wir werden wachen und nicht zulassen, daß sie ihre Krankheit erneut in die Welt setzen«, erklärte Sand, als der Bericht beendet war. Leser und Joyla stimmten ihm zu. Jetzt galt es nur noch, ein Letztes zu tun. Am nächsten Tag nahmen die Leute ihre Fackeln und Kinder und gingen mit den Leichen von Losting und Geeliwan in den Wald. Für dieses Langeher suchten sie den größten der Bewahrer, den höchsten, den ältesten, den stärksten. Dieser Baum war der letzte Ruheplatz für die geehrtesten Rückkehrenden des Heims. Ohne auf die größeren Gefahren nächtlicher Himmelsdämonen zu achten, kletterte die Prozession in die Erste Etage. Und dann sangen sie die Zeremonie und rezitierten die Worte mit feierlicheren Stimmen, als sie sie je gehört hatten. Und dann wurden die Leichen mit dem Öl und den Kräutern behandelt und Seite an Seite in der Baumhöhle beigesetzt. Dann häuften sie Humus und organische Abfälle über sie. Losting hätte an diesem Totengesang Freude gehabt. Seine Geschicklichkeit als Jäger, seine Kraft und sein Mut wurden gepriesen und besungen. Von seinen Jagdkameraden, von Sand und Joyla und von Born, ganz besonders von Born. So sehr, daß zwei andere den Verrückten wegführen mußten. Es war geschehen.

Als die Zeremonie beendet war, begann die lange doppelte Reihe von Männern und Frauen und Kindern, flankiert von ihren schweigenden Pelzigem, den langen spiralförmigen Abstieg zum Heim. Die hoch aufragenden Bewahrer standen unter trauernden Wolken, als das allumfassende dunkle Grün die letzte Fackel erstickte. Dunkler Wald, grün und unergründlich, wer wußte schon, welche Gedanken sich in jenen malachitfarbenen Tiefen regten?

Zwei Tage später reifte eine Knospe, die ganz unten an dem Bewahrer wuchs. Die zähe Haut platzte, und ein kleines smaragdfarbenes Etwas fiel heraus. Sein stacheliger nasser Pelz sog das Licht der Sonne in sich auf. Drei winzige Augen öffneten sich blinzelnd, kleine Elfenbeinhauer spähten unter den noch nassen Rändern eines bislang noch ungeöffneten Mundes hervor. Dann gähnte das Ding und fing an, sich zu putzen.

Während es sich säuberte, zog es die letzten grünen Wurzelenden aus der Samenknospe. Dann legten sie sich zurück und wurden zu Pelz, tranken das Sonnenlicht in sich hinein. In dem kleinen Leib begann die Photosynthese. Erstaunt miauend, weil die Welt so riesig war, sah das Pelzigerjunge sich um und erblickte die hellen Lichter, die im Halbschatten zu ihm herunterblitzten.

»Ich bin Ruumahum«, verkündete der Geist hinter jenen Augen. »Kommt mit mir zu den Brüdern und den Menschen.« Der Erwachsene drehte sich um. Schwach, aber mit immer sicherer werdenden Schritten folgte das Junge dem Alten hinauf ins Licht. Und weit über ihnen schrie ein neugeborenes Kind nach der Brust seiner Mutter.

Kräfte regten sich im größten der Bewahrer, reagierten auf die in ihn gebetteten Leiber. Der Baum reagierte, sonderte einen holzigen Saft ab, der die zwei Gestalten umgab, um das verletzliche organische Material zu isolieren und zu beschützen. Der Saft verhärtete sich schnell und bildete eine undurchdringliche Barriere für Bakterien, Fäulnis und Insekten. Und im Inneren jenes hohen Astes flossen Saft und seltsame Flüssigkeiten zusammen und arbeiteten, lösten auf und fügten hinzu, bewahrten, belebten und bauten auf. Winzige Spuren der neuen Eingebetteten wurden im Inneren des ganzen siebenhundert Meter hohen Gewächses verteilt, während winzige Teile älte-rer Eingebetteter zu den neuen getragen wurden. Knochen wurden aufgelöst, Fleisch und Organe verschwanden. Ein Netz geduldiger schwarzer Fäden ersetzte sie, die das Holz durchwucherten. Alte Nervenverbindungen von Mensch und Pelziger drangen in dieses weite Netz ein, neue Nährstoffe spendeten den verwandelten Zellstrukturen Energie.

Der Prozeß, Losting und Geeliwan in das Seelenbewußtsein einzubeziehen, dauerte lange, aber doch nicht zu lange. Der Weltwald war ungemein leistungsfähig. Neuer Saft regte sich, rätselhafte Verbindungen, die ein Chemiker für unmöglich gehalten hätte, wurden produziert. Reize wurden an die neue Fläche angelegt, Katalyse vollzog sich. Losting und Geeliwan wurden mehr, wurden etwas Größeres. Sie wurden ein Teil des Bewahrermatrixbewußtseins, das seinerseits nur ein einziger Knoten des noch größeren Waldbewußtseins war.

Denn der Wald beherrschte die Welt ohne Namen. Er entwikkelte sich, wandelte sich und wuchs. Er fügte zu sich selbst hinzu. Als die ersten Menschen ihn erreicht hatten, sah der Weltknoten die Bedrohung, die sie darstellten, und auch ihr Versprechen. Der Wald hatte Kraft, Vielfalt und Fruchtbarkeit. Und jetzt erweiterte er seine Intelligenz langsam und geduldig, wie Pflanzen das tun. Losting spürte, wie die letzten schwachen Spuren einer nicht mehr benötigten Individualität verblaßten, fühlte, wie er selbst in jenes größere Bewußtsein einging, das aus Dutzenden menschlicher Bewußtseinseinheiten und denen vieler anderer Bewahrter zusammengefügt und verschmolzen war, die alle durch das Bewußtsein der baumgeborenen Pelziger verbunden waren, und er war glücklich. »Du hast nicht gewonnen, Born!« rief er triumphierend, als die Größe ihn aufnahm. Und dann verschwand sein Neid und alle Zwietracht, und er war Teil des größeren Ganzen. Wie ein toter Kokon fielen solche menschliche Stimmungen und Emotionen von ihm ab.

Das Waldbewußtsein wuchs um ein kleines Stückchen. Bald würden Born und Ruumahum und die anderen sich hinzufügen. Bald würde es das Ende seines Planes erreichen. Dann würden irgendwelche Eindringlinge von draußen nicht mehr fähig sein, einfach zu kommen und zu töten und ungestraft zu schneiden und zu brennen. Am Ende würde es hinausgreifen über die endlose Leere, die es jetzt unbestimmt zu erahnen begann. Dann . . .

Im Wald emfatierte Born einen jungen Schößling und lächelte ihn an, weil es ein schöner Tag war. Er blickte hoch zu seinem geliebten fremden Himmel und merkte nicht, daß er über ihn hinausblickte. Universum! Hüte dich vor dem Kind im Umhang aus grünem Flaggentuch.

 

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Alan Dean Foster

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