Die denkenden Wälder
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Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
»Born ist wieder da . . . schaut doch, Born ist zurückgekehrt. . . Born, Born!«
Ein kleines Grüppchen sammelte sich um ihn, begrüßte ihn vergnügt, aber es waren ausschließlich Kinder. Eines davon hatte die Frechheit, an seinem Umhang zu zerren, ohne Respekt, wie er einem zurückkehrenden Jäger gebührte. Er sah hinunter und erkannte den Waisenjungen Din, für den die ganze Dorfgemein-schaft sorgte.
Etwas, das einen einzigen schrecklichen, hustenden Laut ausgestoßen hatte und dann wieder im Wald verschwunden war, hatte seine Mutter und seinen Vater dahingerafft, als sie beim Früchtesammeln waren. Die anderen der Gruppe waren von Schrecken erfüllt geflohen und hatten, als sie später zurückkehrten, nur noch die Werkzeuge der beiden vorgefunden. Sonst hatte man nie wieder eine Spur von ihnen gesehen. Also übernahm es die ganze Dorfgemeinschaft, den Jungen aufzuziehen. Aus Gründen, die keiner kannte, am allerwenigsten Born, hatte der Junge sich ihm angeschlossen. Der Jäger konnte den Jungen nicht von sich stoßen. Es war ein Gesetz ein Gesetz, das dem Überleben diente , daß ein freies Kind sich jeden Beliebigen zum Ziehvater oder zur Ziehmutter wählen konnte. Wie freilich jemand den verrückten Born auswählen konnte . . . »Nein, du kannst den Graserpelz nicht haben«, sagte Born und schob den Jungen sanft von sich. Din war mit dreizehn kein Kind mehr. Es war also nicht mehr so leicht, ihn von sich zu schieben. Hinter dem Waisenknaben rollte ein fettes Pelzknäuel einher, das noch nicht ganz so groß wie der Junge war. Das Pelzigerjunge Muf stolperte bei jedem dritten Schritt über seine eigenen Stummelbeine. Als es zum dritten Mal stolperte, legte es sich mitten im Dorf schlafen; das war die beste Lösung des Problems. Ru-umahum musterte das Junge und brummte mißbilligend. Aber er konnte es ihm nachfühlen: er selbst fühlte sich auch schläfrig. Es war Zeit für ein ausgedehntes Nickerchen.
Born ging nicht unmittelbar auf sein Haus zu, sondern auf das eines anderen.
»Geh Hell!«
Grüne Augen, so grün wie die dunkelsten Blätter, spähten heraus, und dann folgte ihnen Gesicht und Körper einer Waldnymphe, schlank wie ein Kätzchen. Sie ergriff seine beiden Hände.
»Schön, daß du zurück bist, Born. Alle haben sich Sorgen gemacht. Ich . . . war sehr besorgt.«
»Besorgt?« antwortete er herablassend. »Wegen eines kleinen Grasers?« Er machte eine weit ausholende Handbewegung in Richtung des Kadavers. Ruumahum war wütend, voll unfreundlicher Gedanken über Menschen, die sich zuerst mit Frivolitäten befaßten und erst dann das Wohlergehen ihrer Pelziger im Auge hatten.
Geh Hell starrte den Graser an, und ihre Augen wurden so groß wie Rubinartblüten. Dann runzelte sie unsicher die Stirn. »Aber Born, das kann ich doch nicht alles essen?« Borns Lachen klang etwas gezwungen. »Du kannst von dem Fleisch haben, was du brauchst, und deine Eltern auch. Und der Pelz gehört natürlich dir.«
Geh Hell war das schönste Mädchen im Dorf, aber manchmal ertappte Born sich dabei, wie er unfreundliche Dinge über ihre anderen Qualitäten dachte. Aber dann mußte er wieder an ihre dünnen Blattlederhüllen denken, und er vergaß alles andere.
»Du lachst mich aus«, protestierte sie verärgert. »Du sollst mich nicht auslachen!« Natürlich reizte ihn das nur noch mehr, sie auszulachen. »Losting«, erklärte sie voll Würde, »lacht mich nicht aus.« Das brachte ihn schnell zum Schweigen.
»Wen interessiert es denn, was Losting tut?« forderte er sie heraus.
»Mich interessiert es.«
»Hmm . . . nun gut.« Irgend etwas war plötzlich schiefgegangen. Das entwickelte sich nicht so, wie er es sich vorgestellt hatte. Wie er es geplant hatte. Aber irgendwie war das immer so. Er sah sich in dem schweigenden Dorf um. Einige der älteren Leute hatten ihn aus ihren Häusern beobachtet, als er zurückgekehrt war. Jetzt, da der Reiz des Neuen vorbei war, wandten sie sich wieder ihren Haushaltspflichten zu. Die meisten Erwachsenen waren natürlich auf der Jagd unterwegs oder beim Sammeln von Früchten, oder damit beschäftigt, den Heimbaum von Parasiten freizuhalten. Die erwartete Bewunderung hatte sich irgendwie nicht entwickelt. Er hatte also sein Leben riskiert, um zu ein paar neugierigen Kindern zurückzukehren und einer Geh Hell, die ihm gegenüber gleichgültig war. Seine anfängliche Euphorie verflog. »Ich werde dir jedenfalls den Pelz saubermachen«, brummte er. »Komm, Ruumahum.« Er wandte sich ab und ging verärgert zum anderen Ende des Dorfes. Hinter ihm vollzogen sich im Gesicht von Geh Hell ein paar Veränderungen, die ein breites Spektrum von Gefühlen anzeigten. Dann drehte sie sich um und ging ins Haus ihrer Eltern zurück. Ruumahum schnaubte erleichtert, als schließlich das Gewicht von seinem Rücken genommen wurde, und er sich wieder frei bewegen konnte. Gleich darauf stapfte er zu seiner Ecke in dem großen Saal, legte sich nieder und entschwand in jene Region, die alle Pelziger am meisten lieben. Halblaut vor sich hin murmelnd packte Born seinen Jägergürtel aus, nahm den Umhang ab und machte sich an die Arbeit, den Graser zuzubereiten. Dabei ging er so wütend mit dem Knochenmesser um, daß er ein paarmal beinahe das Fell verletzt hätte. Als nächstes kam die Fettschicht unter der Haut. Es war nicht leicht, den Kadaver zu bewegen, aber Born schaffte es, ohne Ruumahum wecken zu müssen. Das Fett wanderte in einen hölzernen Trog. Später würde es geschmolzen und zu Kerzen verarbeitet werden. Jetzt hatte er endlich die Fleischschicht erreicht und schnitt große Stücke davon ab, die man trocknen und aufbewahren würde. Die Innereien und sonstigen nichteßbaren Teile wanderten in die Grube hinten im Raum. Dann deckte er sie mit der fertigen Mulchmixtur ab und fügte Wasser aus einer hölzernen Zisterne hinzu. Der Heimbaum würde zufrieden sein. Den hohlen Rückenknochen und die mächtigen gebogenen Rippen löste er voneinander, säuberte sie und trug sie hinaus, damit die Sonne sie trocknete. Aus den dicken Knochen würde man Werkzeuge, Gebrauchsgegenstände und Schmuck anfertigen. Die Zähne waren wertlos; man konnte sie nicht tragen, im Gegensatz zu denen des Brüters, den Losting erlegt hatte. Er würde sich aus diesen flachen Mahlzähnen keines der Halsbänder machen können, die man bei Zeremonien trug. Aber gut essen würde er. Sobald der Graser auf seine nützlichen Bestandteile reduziert war, säuberte Born sich Hände und Arme. Dann ging er in eine Ecke seines Zimmers und schob einen Vorhang aus gewebten Pflanzenfasern beiseite. Er wühlte dahinter herum und fand seinen zweiten Bläser. Er würde sich jetzt wieder ein Ersatzstück beschaffen müssen. Er überlegte. Jelum würde ihm einen machen müssen. Seine Hände waren bei der Bearbeitung des grünen Holzes viel geschickter als die Borns und auch schneller. Er lächelte. Für den neuen Bläser würde er den größten Teil des Grasers abgeben müssen, aber dennoch würde er eine ganze Weile zu essen haben. Jelum, der nicht auf die Jagd ging und zwei Kinder und eine Frau hatte, würde für das Fleisch dankbar sein.
»Ich geh zu Jelum, dem Schnitzer, Ruumahum. Ich . . .« Aus der Ecke des Pelzigers kam nur ein langgezogenes leises Fiepen. Born stieß ein Schimpfwort aus. Anscheinend interessierte sich überhaupt niemand dafür, ob er nun lebte oder tot war. Er schob den Blattledervorhang beiseite und stapfte zu Jelums Haus hinüber.
Den Rest des Tages verbrachte er zum größten Teil damit, den Handel perfekt zu machen. Am Ende erklärte Jelum sich bereit, für drei Viertel des Graserfleisches und das ganze Skelett einen neuen Bläser anzufertigen. Normalerweise wäre Born nicht so hoch gegangen. Es hatte ihn sechs Tage gekostet, den Graser zu erlegen, und dabei war er ein ungewöhnlich hohes Risiko eingegangen. Aber er war müde und von dem gleichgültigen Empfang enttäuscht; und Geh Hell verwirrte ihn. Außerdem zeigte Jelum ihm ein ausgezeichnetes Stück aus grünem Holzrohr, an manchen Stellen fast blau, das er zum Bau der Waffe verwenden würde. Es würde einen ausnehmend guten Bläser ergeben. Er wurde also keineswegs betrogen, aber er machte auch kein gutes Geschäft.
Anschließend kletterte er alleine in die oberen Bereiche des Dorfes, in eine Höhe, wo die Einzelstämme sich wieder zu einem großen Stamm vereinigten. Von diesem Plateau aus konnte er auf das Dorf hinunterblicken und hinaus in den Dschungel.
Das Dorfzentrum war der größte freie Platz, den er in seinem ganzen Leben gesehen hatte, abgesehen von der Oberen Hölle natürlich. Hier konnte er sich entspannen und die Welt studieren, ohne einen Angriff befürchten zu müssen. Während er so dasaß, landete ein Glasblitzer neben einer rosafarbenen Lianenblüte. Rote und blaue Flügel bewegten sich träge, und die Sonne brach sich in ihnen.
Dies war einer der Gründe, warum manche Leute im Dorf Born ein wenig verrückt nannten. Nur er brachte es fertig, dazusitzen und seine Zeit zu vergeuden, indem er Glasblitzer und Blumen beobachtete, die man weder essen konnte, noch zu sonst etwas nütze waren. Born wußte selbst nicht, weshalb er solche Dinge tat, aber irgend etwas in ihm fühlte sich dabei wohl. Wohl und warm. Er würde alles lernen, das es zu wissen gab. Leser, der Schamane, hatte häufig versucht, den Dämon auszutreiben, der Born zu solcher Verschwendung trieb, aber ebensooft war es ihm mißlungen. Born hatte sich nur auf Drängen des be-sorgten Häuptlingspaars, Sand und Joyla, dieser Behandlung unterzogen. Am Ende hatte Leser aufgegeben und erklärt, Borns Krankheit sei unheilbar. Und alle waren sich einig, daß man Born, solange er niemandem schadete, auch in Frieden lassen durfte. Alle meinten es gut mit ihm. Alle mit Ausnahme von Losting natürlich. Aber Lostings Abneigung hatte ihren Ursprung nicht in Borns
Besonderheiten, sondern in einer seiner fixen Ideen. Ein Tropfen lauwarmen Regens traf Born auf der Stirn und rann an seinem Gesicht hinunter. Ein weiterer folgte und dann noch einer. Es war Zeit, sich der Ratsversammlung anzuschließen.
Er kletterte ins Dorf zurück. Das Feuer war in der Mitte des Platzes an der Stelle angezündet worden, die von vielen solchen Feuern zäh und schwarz gebrannt war. Ein weitläufiger Baldachin aus gewebtem Blattleder hielt den Regen fern, ein Dach, das sämtlichen Dorfbewohnern Schutz bot, so groß war es. Die mei-sten hatten sich bereits versammelt, zuallererst Sand, Joyla und Leser.
Als er sich durch den jetzt stetigen Regen nach unten arbeitete, entdeckte er Losting. Born reihte sich zwischen den Männern gegenüber seinem Rivalen ein. Offenbar hatte Losting von Borns Rückkehr gehört und auch davon, daß er Geh Hell das Graserfell angeboten hatte, denn er funkelte ihn noch giftiger als sonst über das Feuer hinweg an. Born lächelte freundlich zurück.
Das gleichmäßige Plätschern des warmen Regens auf das Blattleder und das Murmeln der in die Tiefe rinnenden Tropfen bildeten einen Kontrapunkt zu den Geräuschen der versammelten Menschen. Hin und wieder lachte ein Kind, um gleich darauf von seinen Eltern zum Schweigen gebracht zu werden.
Sand hob den Arm, um sich Schweigen zu verschaffen. Neben ihm tat Joyla es ihm gleich. Die Leute verstummten. Sand, der nie groß gewesen war er war etwa von gleicher Größe wie Born , erschien jetzt, vom Alter gebeugt und eingeschrumpft, noch kleiner. Dennoch war sein Äußeres immer noch eindrucksvoll. Er war wie eine verwitterte alte Uhr, die all ihre Zeit geduldig damit verbracht hatte, feierlich vor sich hin zu ticken, die aber im richtigen Augenblick immer noch erstaunlich laut und klar die Stunde schlug. »Die Jagd war gut«, meldete jemand. »Die Jagd war gut«, hallte es aus der Versammlung befriedigt wider.
»Das Sammeln war gut«, tönte Sand.
»Das Sammeln war gut«, pflichtete der Chor ihm bei. »Alle, die das letzte Mal hier waren, sind jetzt hier«, stellte Sand fest und sah sich im Kreise um. »Der Saft rinnt kräftig im Heimbaum.«
Und eine der Frauen im Kreis verkündete: »Der Samen von Morannund Oh reift. Ein Monat noch und sie wird gebären.« Sand und alle anderen nickten oder murmelten zustimmend. Weit über ihnen hallte der Donner, ließ die Schluchten zwischen den Bäumen erzittern und rollte von den Klippen aus Chlorophyll ab. Um sie dröhnte die abendliche Litanei: wie viele und welche Arten von Früchten und Nüssen gesammelt, wieviel Fleisch und Fleisch welcher Art gesammelt und zubereitet worden waren; was jedes Mitglied des Stammes an diesem jetzt zu Ende gegangenen Tage erlebt und geleistet hatte. Ein bewunderndes Murmeln erhob sich in der Menge, als Born verkündete, daß er einen Graser erlegt habe, aber es war nicht so laut, wie er es sich gewünscht hatte. Er hatte nicht berücksichtigt, daß es etwas anderes gab, was alle viel mehr beschäftigte. Leser brachte es zur Sprache. »An diesem Nachmittag«, begann er und fuchtelte mit dem Totem seines Amtes, der Heiligen Axt, herum, »kam etwas aus der Oberen Hölle in die Welt. Etwas so Gigantisches, daß es unsere Vorstellungen übersteigt. . .« »Nein, nicht so groß«, unterbrach ihn Joyla. »Es muß angenommen werden, daß die Säulen größer sind.« Stimmen erhoben sich beipflichtend. »Wohl überlegt, Joyla«, räumte Leser ein. »Dann eben etwas, dessen Gewicht alle Vorstellung übersteigt, selbst wenn man sich seine Größe vorstellen kann.« Als Joyla diesmal stumm blieb, nickte er befriedigt. »Es trat nordwestlich des Sturmtreters in die Welt und zog weiter in die Untere Hölle. Vielleicht war es ein Be-wohner jener Hölle, der seine Vettern in der Oberen Hölle besuchte und jetzt in seine Heimat zurückgekehrt ist.« »Täuschen wir uns nicht vielleicht hinsichtlich der Dämonen der Oberen Hölle?« fragte jemand aus der Menge. »Kann es nicht sein, daß sie in Wahrheit ebenso groß werden können wie jene unten? Wir wissen nur wenig von beiden Höllen.« »Und ich zumindest«, warf ein anderer ein, »empfinde auch gar nicht den Wunsch, mehr zu erfahren!« Beifälliges Gelächter ertönte. »Dennoch«, beharrte der Schamane und deutete mit seiner Axt auf den Mann, der sich seiner Unwissenheit gebrüstet hatte, »hat es dieser Dämon vorgezogen, in unserer Nähe abzusteigen. Was is t, wenn er nicht in sein Heim in der Tiefe zurückgekehrt ist ? Seit seinem Eintreffen hat er keinen Laut mehr von sich gegeben, sich nicht bewegt. Wenn er in unserer Nähe bleibt wer weiß, was er dann tut?« Die Menge begann unruhig zu werden. »Es besteht die Möglichkeit, daß er tot ist. Zweifellos wäre es interessant, einen toten Dämon zu besichtigen, aber noch viel wertvoller wäre soviel Fleisch.«
»Es sei denn, seine Verwandten kommen, um seine Leiche abzuholen«, rief jemand, »und in dem Falle wäre ich lieber anderswo!« Wieder beifälliges Murmeln.
Hoch über ihnen rollte der Donner. Zu seiner eigenen Überraschung stellte Born plötzlich fest, daß er
aufgesprungen war und das Wort ergriffen hatte: »Ich glaube nicht, daß es ein Dämon war.« Alle Augen wandten sich ihm zu. Plötzlich war ihm nicht mehr wohl in seiner Haut, aber jetzt konnte er nicht mehr zurück. »Woher weißt du das ? Hast du das Ding gesehen?« fragte Leser schließlich, nachdem er sich von Borns unerwartetem Ausbruch erholt hatte. »Du hast nichts davon erwähnt, keinem gegenüber.« Born zuckte die Achseln, versuchte gleichmütig zu erscheinen. »Keiner hatte es eilig, mich danach zu fragen.« »Wenn das kein Dämon war, dieses Ding, von dem du behauptest, daß du es gesehen hast, was war es dann?« fragte Losting argwöhnisch.
Born zögerte. »Ich weiß nicht. Ich habe es nur ganz kurz gesehen, als es durch die Welt fiel aber gesehen habe ich es!« Losting setzte sich wieder hin und ließ seine Muskeln im Feuerschein spielen. Dann lächelte er die Leute an, die um ihn saßen. »Komm, Born«, drängte Joyla, »entweder hast du das Ding gesehen oder nicht.«
»Aber das ist es ja gerade«, protestierte er. »Ich stürzte gerade. Ich habe es gesehen und doch nicht. Als die krachenden Geräusche und das Zittern der Welt um mich ihren Höhepunkt erreich. ten, sah ich zwischen den Bäumen etwas Tiefblaues aufblitzen. Ganz blau war es, wie eine Asanis.« »Vielleicht ist es das auch, was du gesehen hast, eine treibende Asanisblüte«, sagte Losting und grinste. »Nein!« Born wirbelte herum und funkelte seinen Rivalen an. »Die Farbe war es, aber leuchtend, tief und zu ... zu scharf. Es hat das Licht zurückgeworfen.« »Das Licht zurückgeworfen?« staunte Leser. »Wie kann das sein?« Wie das sein konnte? Alle starrten ihn an und wollten halb glauben, daß er etwas gesehen hatte, das kein Dämon war. Er mühte sich ab, jenen Augenblick des Fallens ins Gedächtnis zurückzurufen, jenen kurzen Blick auf das fremdartige Blau zwischen den Ästen. Es fing das Licht wie ein Asanisblatt nein, eher wie sein Messer, wenn es poliert war. Verzweifelt suchte er nach einem Vergleich.
»Wie die Axt!« platzte es dann aus ihm heraus, und er wies dramatisch auf die Waffe, die der Schamane in der Hand hielt. »Wie die Axt hat es ausgesehen.«
Alle Blicke wanderten automatisch zu der Heiligen Waffe, auch der von Leser. Einige fingen zu lachen an. Nichts auf dieser Welt war wie die Axt. »Vielleicht täuschst du dich, Born«, meinte Sand nicht unfreundlich. »Du sagtest ja, es sei sehr schnell geschehen. Und du bist gestürzt, als du es sahst.«
»Ich weiß es ganz bestimmt. Wie die Axt.« Er wünschte, er wäre so sicher, wie er vorgab, aber jetzt konnte er nicht mehr zurück. Nicht, wenn er nicht riskieren wollte, wie ein Narr dazustehen.
»Jedenfalls«, hörte er sich zu seinem eigenen Schrecken sagen, »läßt sich das ja auch ganz leicht beweisen. Wir brauchen nur hinzugehen und nachzusehen.«
Das Murmeln der Menge wurde lauter, aber jetzt war das kein Spott mehr, eher Schrecken.
»Born«, begann der Häuptling geduldig, »wir wissen nicht, was dieses Ding ist oder wohin es gefallen ist. Vielleicht ist es bereits in die Tiefen zurückgekehrt, aus denen es wahrscheinlich kam. Laß es dort.« »Aber wenn wir es doch nicht wissen«, wandte Born ein, stand auf und ging näher ans Feuer. »Vielleicht ist es nicht zurückgekehrt. Vielleicht ist es nur ein oder zwei Etagen unter uns zum Stillstand gekommen, schläft, wartet, bis es die Witterung unseres Heimbaumes aufnimmt, und kommt dann hierher und holt in der Nacht einen nach dem anderen von uns. Wenn es ein solches Ungeheuer ist, dann wäre es besser, wir kämen ihm zuvor und erschlagen es im Schlafe.« Sand nickte langsam und sah sich im Kreise um. »Also gut. Wer will mit Born gehen, um die Spur dieses Dämons zu suchen?«
Born wandte sich um und sah die anderen Jäger an, bat sie stumm um ihre Hilfe. Langes Schweigen, ablehnende Blicke und dann plötzlich eine Reaktion von jemandem, mit dem er nicht gerechnet hatte. »Ich komme mit«, verkündete Losting. Er stand auf und starrte Born selbstgefällig an, als wollte er sagen, wenn du vor diesem Ding keine Angst hast, dann gibt es dort gar nichts, vor dem man Angst haben könnte. Born wich dem Blick aus.
Dann schlössen sich etwas widerstrebend der Jäger Drawn und die Zwillinge Talltree und Tailing an. Am Ende hätten die anderen Jäger auch nachgegeben und sich gemeldet, aus Angst, feige zu erscheinen, aber Leser hob die Axt. »Genug. Ich gehe auch mit, obwohl ich dagegen bin. Es geziemt sich nicht, daß Menschen einen der Verdammten aufsuchen, ohne jemanden bei sich zu haben, der die Verdammten kennt.« »Das kann man wohl sagen«, murmelte jemand. Das Lachen, das darauf folgte, wirkte erlösend, lockerte das Feierliche der Versammlung. Sand legte die Hand über den Mund, um ein
unhäuptlingshaftes Lachen zu überdecken. »Jetzt lasset uns beten«, dröhnte er würdevoll, »daß jene, die den Dämonen suchen gehen, ihn krank und schwach vorfinden oder ihn gar nicht finden, unversehrt und gesund zu uns zurückkehren.« Er hob beide Hände, senkte den Kopf und begann einen Gesang.
Kein irdischer Theologe hätte jenen Gesang erkannt. Kein Pfarrer, Priester, Rabbiner oder Hexendoktor hätte seine Herkunft identifizieren können, wohl aber jeder
Bioingenieur, aber keiner von ihnen hätte erklären können, weshalb gerade dieser Gesang hier unter dem dröhnenden Nachthimmel und dem Baldachin aus Blattleder so wirksam schien.
Drei Augen glühten wie heiße Kohlen und spiegelten den Tanz des in der Ferne flackernden Feuers wider. Ruumahum lag in einer Astbeuge und starrte zweifelnd auf die versammelten Menschen hinunter. Seine Schnauze lag auf seinen gekreuzten Vorderpfoten. Jetzt war ein unsicheres Kratzen an dem Ast zu hören. Im nächsten Augenblick krachte ein Bündel aus Pelz und Fleisch in seine Flanke. Er knurrte gereizt und blickte sich um. Es war das Junge, das sich dem jungen Waisenmenschen Din angeschlossen hatte. »Alter«, fragte Muf leise, »warum ruhst du nicht wie die anderen Brüder?« Ruumahums Blick wanderte wieder zu dem fernen Baldachin und dann zurück zu den singenden Menschen.
»Ich studiere Menschen«, murmelte er. »Geh schlafen, Junges.« Muf überlegte, kroch dann näher an den ausgewachsenen Pelziger heran und starrte ebenfalls auf das Feuer hinunter. Nach einer Weile blickte er fragend auf. »Was machen die?«
»Das weiß ich auch nicht genau«, erwiderte Ruumahum. »Ich glaube, auf ihre Art versuchen sie den Brüdern gleich zu werden . . . wie wir.« »Wir? Wir?« Muf hustete komisch im Regen und setzte sich auf seine Hinterpfoten. »Aber ich dachte immer, wir versuchen den Menschen gleich zu werden?«
»Ha. Das glauben viele. Und jetzt geh schlafen!« »Bitte, Alter, ich bin verwirrt. Wenn der Mensch versucht, uns gleich zu werden, und wir versuchen, dem Menschen gleich zu werden wer hat dann recht?« »Du stellst viele Fragen, Junges, Fragen, die du hoch nicht ganz begreifst. Wie kannst du dir einbilden, daß du die Antwort verstehen würdest? Die Antwort ist... das was gesucht wird, ein Treffen, eine Verbindung, ein ineinander verwobenes Netz.«
»Ich verstehe«, flüsterte Muf, der überhaupt nichts verstand. »Und was wird geschehen, wenn das erreicht ist?« »Ich weiß nicht«, erwiderte Ruumahum und sah wieder zum Feuer hinunter. »Keiner der Brüder weiß es, aber wir suchen es jedenfalls. Außerdem findet der Mensch uns interessant und nützlich und hält sich für den Meister. Die Brüder finden den Menschen nützlich und interessant, und es ist ihnen gleichgültig, wer Meister ist. Der Mensch glaubt, diese Beziehung zu verstehen. Wir wissen, daß wir sie nicht verstehen. Und um diese befriedigte Ignoranz beneiden wir ihn.« Er machte eine Kopfbewegung zu den versammelten Menschen in der Tiefe. »Vielleicht werden wir es nie begreifen. Aber die Offenbarung wird nie versprochen, nur erhofft.«
»Ich verstehe«, murmelte das Junge und verstand noch weniger. Mühsam rappelte es sich auf und wandte sich zum Gehen, blieb dann aber noch einmal stehen. »Alter, eine Frage noch.«
»Ja, was denn?« brummte Ruumahum, ohne den Blick von der Gebetsversammlung abzuwenden.
»Es geht das Gerücht bei uns Jungen, daß wir weder geredet noch gedacht haben, bis die Menschen kamen.«
»Das ist kein Gerücht, das ist die Wahrheit. Wir haben nur geschlafen.« Er gähnte und ließ dabei seine
rasiermesserscharfen Zähne und Hauer sehen. »Aber der Mensch auch. Wir erwachen gemeinsam, glaubt man.« »Ich weiß«, räumte Muf ein, aber er wußte gar nichts. Dann wandte er sich ab und machte sich daran, selbst eine Schlafstelle für die Nacht zu suchen. Ruumahum wandte seine Aufmerksamkeit erneut den Menschen zu und überlegte, wie glücklich er sich doch preisen konnte, einen so interessanten und so wenig vorhersehbaren Menschen wie Born zu haben. Und jetzt war da dieses Ding, das sie morgen suchen gehen würden. Nun, wenn die Welt sich morgen verändern sollte, dachte er und gähnte erneut, so war es besser, dieser Veränderung ausgeschlafen entgegenzutreten. Er rollte sich zur Seite, zog den Kopf zwischen die Vorder und die Mittelpfoten und begab sich sofort und friedlich ins ersehnte Land des Schlafes. Born wollte, noch bevor die Morgennebel sich gehoben hatten, losziehen, aber Leser und die anderen wollten davon nichts hören. Losting musterte den Urheber einer solch lächerlichen gefährlichen Idee voll Mitgefühl. Jemand, der auch nur in Betracht zog, sich noch während der Nebel aus dem sicheren Schutz des Heimbaumes zu begeben, wo doch niemand sehen konnte, was vielleicht im Hinterhalt lauerte, mußte wirklich verrückt sein. Ihre Expedition bestand aus zwölf Teilnehmern sechs Männern und sechs Pelzigern. Die Menschen gingen hintereinander durch die Baumwege, während die Pelziger über, neben und unter ihnen ausschwärmten und damit einen Schutzschild um sie bildeten. Born und Leser gingen an der Spitze, während Losting sich erboten hatte, die Nachhut zu übernehmen. Losting sah diese Expedition mit gemischten Gefühlen und war bemüht, sich von ihrem Urheber Born so fern wie möglich zu halten. Außerdem war Losting trotz der Abneigung, die er für Born wegen dessen Interesse an Geh Hell empfand, intelligent genug, um Borns Fä-higkeiten zu erkennen. Und so war es durchaus richtig, daß Born die Spitze der kleinen Gruppe übernommen hatte. Aber, beruhigte sich Losting selbst, Verrückte sind immer schlau. Ihr Weg durch die Verästelungen der sonnigen Dritten Etage war schnell und ohne Unterbrechungen zurückgelegt. Nur einmal verursachte ein warnendes Murren zur Linken ihres Pfades und unter ihnen die Gruppe dazu, innezuhalten und die Bläser schußbereit zu machen. Taandason, von dem die warnenden Geräusche ausgegangen waren, kam kurz darauf auf dem Kabbl herangerannt, der parallel zum Weg der Menschen verlief. Sein Atem ging vor Ärger etwas schneller. »Braune Vielbeine«, meldete der Pelziger. »Ein Jagdpaar. Sie haben mich gesehen, und sie hat gespuckt, aber ihr Begleiter hat sich umgedreht. Jetzt weg.« Der Pelziger wandte sich um, sprang auf einen tiefer liegenden Ast und verschwand im Unterholz. Leser nickte befriedigt und winkte der Kolonne, weiterzugehen. Dorne wurden in die Köcher zurückgesteckt, Tanksamen in die Taschen.
Ein einzelnes braunes Vielbein würde nicht zögern, zwei oder drei Menschen anzugreifen, überlegte Born. Und ein Jagdpaar würde fast alles angreifen, was es in der Waldwelt gab. Aber eine Gruppe von Menschen und Pelzigem in solcher Zahl würde selbst die größten Räuber des Waldes zögern lassen, ehe sie angriffen. Ob freilich ein Dämon ähnlich denken würde, blieb abzuwarten.
Sie mußten sich jetzt dem Ort nähern. Born erkannte einen Blutbaum, dessen krugähnliche Blätter mit karminrotem Wasser gefüllt waren, das die Tanninsekretion der Pflanze erzeugte. Bald nachdem sie den Blutbaum passiert hatten, verspürten sie eine gleichmäßige Brise. Ein Murmeln erhob sich unter den Menschen. Innerhalb der Dschungelwelt gab es nur selten einen Wind, der gleichmäßig aus einer Richtung kam. Statt dessen gab es Luftzüge, die wie Schemen kamen und gingen, zwischen den Ästen und Stämmen wie Lebewesen dahinhuschten. Aber diese Brise war gleichmäßig und warm. So warm, überlegte Born, daß sie aus der Hölle selbst kommen könnte.
Leser schwang beherzt und ausgiebig seine Axt und bannte alle bösen Geister der Umgebung in ihre Schlupfwinkel. Ein jeder zog sich seinen grünen Ümhang dichter um den Körper,
um darunter Schutz zu suchen.
Born gab seinen Gefährten mit einer Handbewegung zu verstehen, daß sie langsamer gehen und ausschwärmen sollten. Vor ihm schien die Welt plötzlich ihre Perspektive zu verändern. Er machte noch ein paar Schritte auf dem Kabbl, schob ein herunterhängendes Walohrblatt beiseite und rief den anderen zu, was er sah, wobei sich seine eine Hand krampfartig um eine Liane spannte. Ähnliche Rufe drangen aus der Nähe an sein Ohr, aber er war einen Augenblick lang wie gelähmt, nicht imstande, sich nach seinen Gefährten umzusehen.
Kaum eine Handbreit von ihm entfernt war das dicke Holz des Kabbl, auf dem er stand, wie ein verfaulter Stiel zerschmettert worden, ebenso wie all die anderen Gewächse in der Nähe. Ein riesiges Loch hatte sich in der Welt gebildet. Born blickte auf, sah zweihundert Meter über sich einen Kreis von seltsamer Farbe. Ein blauer Flecken mit weißen Kumuluswölkchen darauf das unverdeckte Blau der Oberen Hölle.
Und unten seine Hand krampfte sich um die Liane, daß die Knöchel weiß hervortraten, unten ebensoweit entfernt, irgendwo in der Fünften Etage lag ein strahlend blauer Gegenstand, der das Licht der Sonne wie die Axt widerspiegelte. Und in seiner Mitte war etwas, das noch heller glänzte, etwas, das Regenbogen erzeugte, eine ungleichmäßige Halbkugel aus einem Material wie die durchsichtigen Schwingen eines Glasblitzers. Und oben war die Halbkugel aufgerissen und offen.
Schon hatten Lianen, Schlinggewächse, Kabbl, Tungtankel und andere Gewächse die glatten Flanken des entstandenen Schachtes zerfasert, schoben sich hervor, kämpften erbarmungslos um den unerwarteten Reichtum des Sonnenlichts.
Born studierte die sich ausbreitenden Epiphyten und sonstigen Gewächse und schätzte, daß in höchstens zweimal Sieben Tagen die neue Vegetation das Loch völlig ausgefüllt haben würde. Dann würden sie diesen Ort eine Weile meiden
müssen, bis sich dichtere und festere Gewächse eingestellt hatten.
»Hier, Born!« rief eine Stimme.
Er wandte sich um und sah Leser auf dem abgebrochenen Ast eines Säulenbaumes stehen. Er beugte sich so weit hinaus, wie er das wagte, und gestikulierte mit der Axt. In dem grünlichen Licht reflektierte sie die Sonnenstrahlen, daß sie wie ein Blitz wirkte. In wenigen Minuten hatten sich sämtliche Mitglieder des Suchtrupps auf dem meterbreiten abgebrochenen Zweig versammelt. Die Pelziger bildeten ein gewichtiges Grüppchen für sich und warteten ab, was die Menschen tun würden. »Es ist ganz gewiß ein Dämon, und er schläft«, begann einer der Zwillinge Talltree, wie Born feststellte.
»Ich glaube immer noch nicht, daß es ein Dämon ist«, erwiderte Born entschieden. »Ich glaube, daß es ein Ding ist, ein Gegenstand, der künstlich hergestellt ist«, jetzt deutete er mit einer Kopfbewegung auf Leser, »wie die Axt.« Das war Blasphemie. Einige stießen erschreckte Rufe aus. Leser hob die Hand, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen. »Leute, dies ist nicht der Ort für laute Geräusche. Die Dämonen der Oberen Hölle könnten durch das Loch zu uns kommen, das dieser größere Dämon gemacht hat. Wir werden weiter über diese Sache sprechen, aber ruhig.« Jetzt setzte sich die Unterhaltung im Flüsterton fort. »Also, Born«, fuhr Leser fort, »weshalb bist du so sicher, daß dieses blaue Ding unter uns nicht ein Dämon ist, sondern ein Gegenstand wie die Axt?«
»Er sieht so aus«, erwiderte Born unbehaglich. »Seht doch, wie regelmäßig seine Umrisse sind und wie er das Licht zurückwirft.« »Könnte ein Dämon das nicht auch tun? Wirft die Haut der Cbiolen nicht auch das Licht zurück, bist du sicher, Born?«
Born ertappte sich dabei, wie er den Blick abwandte. »Sicher kann man da nicht sein, Schamane, es sei denn . . .« und dabei starrte er den Älteren an »man würde hinuntergehen und es sich selbst ansehen.« »Aber wenn es ein Dämon ist?« fragte Drawn laut. »Und er schläft, und wir ihn wecken, wenn wir an ihm
herumstochern?« Der Jäger erhob sich aus seiner hockenden Position und hielt seinen Bläser umfaßt. »Nein, Freund Born, ich respektiere deine Ver-mutungen und schätze deine Fähigkeiten, aber ich komme nicht mit. Ich habe eine Frau und zwei Kinder und ich bin nicht bereit, einem Dämon auf den Schädel zu klopfen, nur um zu sehen, ob jemand zu Hause ist. Nein, ich nicht.« Er hielt inne, überlegte. »Aber ich will überlegen, was der Schamane und meine Brüder sagen.« »Und was meinen die Jäger?« fragte Leser.
Jetzt meldete sich der andere Zwilling zu Wort. »Wahrlich, es mag sein, wie Born es sagt. Aber wenn es ein gemachtes Ding ist, ohne Leben, dann scheint mir, bildet es keine Gefahr für den Heimbaum. Oder wenn es, wie Drawn sagt, ein schlafender Dämon ist, der nur darauf wartet, daß irgend jemand blindlings auf ihn tritt und ihn weckt. Wenn wir ihn in Frieden lassen, schläft er vielleicht in alle Ewigkeit oder geht wieder friedlich seiner Wege. Ich selbst glaube, daß es ein Dämon einer neuen Art ist, einer, der sich bei seinem Sturz aus der Oberen Hölle verletzt hat. Wir sollten hier weggehen und ihn nicht stören, sondern ihn in Frieden sterben lassen, auf daß er sich nicht in Wut und Ärger erhebe und uns alle vernichte.« Tailing und Talltree standen gemeinsam auf, als wäre damit alles gesagt. Manchmal fing einer der Zwillinge einen Satz an, und der andere führte ihn dann zu Ende. Sie taten das, ohne einander anzusehen, was einen nicht überraschte, denn muß denn im Wald ein Ast eines Baumes sich mit dem anderen besprechen, ehe er Blätter wachsen läßt? Manche glaubten, die Zwillinge gehörten mehr dem Wald als den Menschen an. »Was auch immer es ist, Schamane«, schloß Talltree, »es scheindaß wir nichts zu verlieren haben, wenn wir seine Ruhe nicht stören, aber alles zu gewinnen, wenn wir leise, so wie wir gekommen sind, nach Hause zurückkehren.« »Denkt ihr denn gar nicht darüber nach?« fragte Born erregt. »Seid ihr gar nicht neugierig? Wollt ihr nicht wissen, ob es etwa ein guter Dämon ist?« »Ich habe noch nie von hilfreichen Dämonen gehört, und mich interessiert nur mein eigenes Leben«, erwiderte Drawn. Die anderen lauschten aufmerksam. Nach Born war Drawn der beste Jäger des Dorfes. »So wie es daliegt. . .« und damit deutete er mit einer Kopfbewegung in das Loch im Dschungel »bedroht es uns nicht und den Heimbaum auch nicht. Ich wüßte nicht, was uns da eine genaue Untersuchung einbringen könnte. Ich sage, wir sollten nach Hause zurückkehren.« »Ich auch . . . ich auch . . . und ich . . .«
Einer nach dem anderen schloß sich der Meinung an, alle waren gegen Born. Immer gegen Born, dachte er verärgert. »Dann geht doch zurück«, schrie er angewidert und stieg auf einen höher liegenden Ast. »Dann gehe ich alleine hinunter.« Die anderen Jäger murmelten unter sich. Leser und Drawn, die ältesten von ihnen, schienen Verständnis für ihn zu haben, aber sie waren sich auch darin einig, daß Born noch viel zu lernen hatte, daß sein Verstand und seine Sorgfalt mit seinen anderen Fähigkeiten in der Entwicklung nicht Schritt gehalten hatten. Das Dorf würde ihn vermissen, sollte er nicht zurückkehren. Aber wenn er gehen wollte, mußte man ihn gehen lassen doch das hieß nicht, daß man seinen Wahnsinn teilen mußte. Also kauerte Born alleine auf seinem Ast und schmollte, während seine Gefährten sich zur Rückkehr vorbereiteten. Umgeben von ihren Pelzigem kehrten sie um.
Die Versuchung war groß, sich am Ende doch ihnen anzuschließen und den Versuch zu wiederholen, sie zu überreden. Nur Lostings kaum verhohlenes Grinsen hinderte ihn daran. Nichts würde diesen aufgeblasenen Burschen mehr freuen, als Born für immer verschwinden zu sehen und ihm damit den Weg zu Geh Hell freizumachen. Aber den Gefallen würde Born ihm nicht tun. Er würde die Wahrheit über das blaue Monstrum dort unten erfahren und ins Dorf zurückkehren und davon erzählen. Die anderen, die ihn alleine gelassen hatten, würden sich schämen, und Geh Hell würde ihm ihr Lächeln schenken.
Und doch galt es zu bedenken, daß in der kleinen Gruppe nur tapfere Männer waren und daß der weise Leser kein Idiot war. Es bestand immer noch die Möglichkeit, daß er unrecht hatte und alle anderen recht. Aber mit dieser Möglichkeit wollte er sich jetzt nicht weiter befassen, und so stieß er einen leisen Pfiff aus.
Ruumahum erschien im nächsten Augenblick; der kleine Ast bog sich unter ihrem vereinten Gewicht. Der Pelziger musterte ihn erwartungsvoll, legte dann die vier
Vorderpfoten übereinander und schlief ein. Born studierte die massige Gestalt geistesabwesend, ehe seine Aufmerksamkeit sich wieder nach rechts wandte. Dort, hinter ein paar dicken Zweigen und ein paar herunterhängenden Schlingpflanzen, lag die Grube, die nach oben bis in die Obere Hölle reichte. Und auf dem Grunde dieser Grube lag ein Rätsel, das er alleine würde lösen müssen. Nun, nicht ganz alleine. Er verpaßte Ruumahum einen Hieb über den Schädel, der einen Menschen auf der Stelle bewußtlos hätte werden lassen. Der Pelziger blinzelte nur, gähnte und fing dann an, sich mit der rechten Vorderpfote zu putzen. »Aufstehen«, sagte Born entschieden. Ruumahum musterte ihn schläfrig. »Was tun?« »Komm, du Nichtsnutz, ich will mir das blaue Ding aus der Nähe ansehen.« Ruumahum schnaubte. Hatte dieser Mensch nicht zwei eigene Augen? Aber dann räumte er ein, daß Born recht hatte. Schließ lich würde jemand Born schützen müssen, während er alleine in der Lichtung stand. Ganz alleine kroch Born an den Rand der Grube und spähte hinunter. Da war keiner mit einem geladenen Bläser, der ihm Feuerschutz bot. Da war niemand mit einem Eisenholzspeer, dessen Anwesenheit ihm Mut machte. Und unter ihm lag der schimmernde blaue Kreis, so wie vorher. Er hatte sich nicht bewegt und zeigte auch keine Spuren einer früheren Bewegung. Und gerade wie er hinsah, war ein lautes Knacken zu hören, und der Gegenstand schien ein wenig tiefer zu sinken. Das Loch, das er sich gerissen hatte, bewies sein großes Gewicht, und es schien, als, sänke es immer tiefer, Ast für Ast, Kabbl für Kabbl. Vielleicht sank es weiter, stürzte in die Sechste Etage und schließlich sogar in die Untere Hölle. Born würde es dort nicht um alles Fleisch im Walde suchen, nicht einmal für Geh Hell. Er mußte jetzt handeln, jetzt, ehe ihm die Chance für immer genommen wurde.
Er beugte sich weiter über den Abgrund und hielt sich an der scheinbar unzerreißbaren Liane neben sich fest. Mag sein, daß die Liane unzerreißbar war aber das hieß nicht, daß seine Hände aus Stahl waren. Etwas packte ihn an der Hüfte und am Hals und zog daran. Der Schrei, den er ausstoßen wollte, verstummte, als er bemerkte, daß es nur Ruumahum war, der ihn festhielt. »Was, zum . . .?«
Ruumahum blickte vielsagend nach oben und dröhnte dann: »Teufel kommt.«
Born spähte durch eine Ritze im Blattwerk nach oben. Zuerst sah er den dunklen Fleck am Himmel gar nicht, aber er wurde rasch größer. Und als die Silhouette schließlich Form annahm, zog sich Born einen weiteren Meter in den Wald zurück und lud seinen Bläser. Der Himmelsteufel hatte einen langen stromlinienförmigen Körper, der zwischen breiten Schwingen hing. Vier lederne Säcke, auf jeder Seite zwei, sogen die Luft ein und stießen sie durch gum-miartige Ventile in der Nähe des Schwanzes wieder aus. So bewegte das Scheusal sich ruckartig, während es immer tiefer und tiefer sank. Ein langschnauziger Reptilienkopf bewegte sich über einem schlangenartigen Hals. Zwei gelbe Augen starrten in die Tiefe, und im fahlen grünen Sonnenlicht blitzten nadelspitze Zähne. Der Himmelsteufel war gleichsam ideal dafür ausgestattet, lautlos Hunderte von Metern über den Baumwipfeln zu kreisen und unvorsichtige Baumbewohner anzugreifen. Aber jetzt fand er sich zu etwas hingezogen, das tief unten in dem Schacht lag. Flügel mit drei Meter Spannweite gaben ihm in dem zylindrisch geformten Loch nur wenig Manövrierraum, aber irgendwie schaffte er es, sank in immer enger werdenden Spiralen nach unten und untersuchte dabei jedes Stückchen der grünen Wand, die an ihm vorbeizog.
Born saß reglos auf seinem Ast, hinter einem breiten Blatt verborgen, das größer war als Losting, eng in seinen grünen Umhang gehüllt. Der Himmelsteufel war jetzt auf gleicher Höhe mit ihm, kreiste, zog weiter. Jetzt wagte Born es wieder, sich an den Rand des Abgrunds vorzuschieben. Der schuppige Rücken und die breitgespannten Flügel waren bereits unter ihm, näherten sich dem blauen Gegenstand. Und dann erreichte das Monstrum schließlich den Boden, faltete die Flügel zusammen und hielt inne. Schwerfällig stakste der Himmelsteufel auf der blauen Fläche herum, arbeitete sich unsicher auf die Kuppel im Mittelpunkt des Gegenstandes zu. Jetzt stocherte er mit seinem Schnabel darin herum. Born konnte ihn schreien hören, ein fernes, halbersticktes Krächzen. Und dann drang ein anderer Laut an sein Ohr. Ein Laut, der all die Geräusche des Dschungels übertönte. Es war ein menschlicher Schrei, und er kam aus der Nähe, ja vielleicht sogar aus dem Inneren des Gegenstandes!