Die denkenden Wälder
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Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
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Born begann seinen Abstieg, ohne nachzudenken, schwang sich von Ast zu Ast, ließ sich fallen, legte im Sprung einige Meter zurück, auch wenn jedesmal seine Schultermuskeln dabei schmerzhaft gedehnt wurden. Ruumahum folgte dicht hinter ihm. Sie machten genügend Lärm, um die Hälfte der Nachmittagsräuber anzulocken, und das sagte der Pelziger ihm auch, doch Born war völlig mit anderen Gedanken beschäftigt und ignorierte die Warnungen Ruumahums. Einmal wäre er beinahe einem Channock auf den Rücken gesprungen, weil der knollige Rücken des Baumreptils die perfekte Imitation einer Tungtankelliane bildete, die sich zwischen den Stämmen zweier Luftbäume spannte. Borns Fuß traf auf den gepanzerten Rücken. Er bemerkte sofort, daß er auf Fleisch und nicht auf Holz getreten war, aber er bewegte sich so schnell, daß er schon viele Meter tiefer war, als die Channock herumwirbelte, um den Störenfried zu erdrücken. Wütend darüber, daß ihr die Beute entgangen war, zuckte die stumpfe Schnauze herum, um nach Ruumahum zu stoßen. Aber der Pelziger ließ sich nicht aufhalten, und eine seiner Pranken zerschmetterte den flachen keilförmigen Schädel im Vorübergehen. Wenn Born sich die Zeit genommen hätte, über das, was er tat, nachzudenken, wäre er vielleicht abgestürzt und hätte sich dabei ernsthaft verletzt. Aber er verließ sich alleine auf seinen Instinkt, und so dienten ihm seine Reflexe ungehindert. Erst als Ruumahum einen Spurt einlegte und sich vor ihn schob und dann wieder abbremste, wurde Born bewußt, wie schnell er sich bewegt hatte. Beinahe hätte er sich die Schulter ausgerenkt, als er hinter dem Pelziger abbremste. Beide keuchten schwer. »Warum bleibst du stehen, Ruumahum, wir . . .« Der Pelziger brummte leise. »Sind hier«, murmelte er. »Luftteufel, nah. Horch!« Born lauschte. Er war so erregt gewesen, daß er fast an der Etage vorbeigeschossen wäre, in der das blaue Ding lag. Jetzt konnte er das schreckliche Geräusch des Teufels hören, das halb ein Lachen und halb ein Husten war, und ein Kratzen, ein Geräusch, das dem ähnelte, das Leser hervorbrachte, wenn er während der Gebete mit den Fingernägeln über die Schneide seiner Axt fuhr. Dann hatte er hinsichtlich der Zusammensetzung dieses blauen Dings also recht gehabt! Doch jetzt war nicht die Zeit, sich im Schein seiner Intelligenz zu sonnen. Jetzt war ein Stöhnen zu hören, kein Schrei mehr; doch es klang nicht weniger menschlich. »Dort sind Leute, und der Himmels teufel ist hinter ihnen her«, flüsterte Born. »Aber was für Leute leben auf der Fünften Etage? Alle bekannten Personen leben auf
der Dritten oder Zweiten.«
»Ich weiß nicht«, antwortete Ruumahum. »Ich fühle Fremdes hier. Fremdheit und Neuheit.«
»Es muß umgebracht werden.«
»Luftteufel sterben langsam, Born Mensch«, riet Ruumahum. »Sei vorsichtig.«
Born nickte, und sie zogen sich ein Stück Weges in den Busch zurück. »Vielleicht ist der Luftteufel nicht imstande, hier durchzudringen. Er ist zu groß und auf dem Holz zu schwerfällig. Aber wenn doch . . .« Er fing zu suchen an, arbeitete sich am Umfang des Schachts entlang, immer etwas von der offenen Grube entfernt, wo der Fleisch gewordene Alptraum an dem blauen Ding kratzte und scharrte. Dann fand er etwas, das ihm vielleicht nützen konnte, eine gewisse parasitische Orchidee, die sich in der Astgabelung eines Säulenbaumes eingenistet hatte. Der untere Teil der Pflanze überwucherte den Ast zu beiden Seiten, und der große Ballen aus selbstgemachter Erde sandte nach allen Richtungen lange Luftwurzeln aus. Oben kräuselten sich dicke'Blätter einer schwärzlichen Blüte dem Himmel entgegen. Aus den Tiefen der riesigen Blume stieg ein wunderbarer, an Limonen erinnernder Duft auf. Ihre weichen Blumenblätter waren viele Meter lang.
Sorgfältig auf Distanz von der gigantischen Blüte bedacht, bewegte sich Born vorsichtig wieder auf den Schacht zu. »Leise«, drängte Ruumahum besorgt. Born sah sich nach dem Pelziger um und machte eine beschwichtigende Handbewegung, nahm den Rat aber an. Es gab hier freie Räume, bis zu denen das Licht nicht durchdrang. Es gab hier weniger Möglichkeiten, sich zu verstecken, weniger Lianengeflechte, in denen sich ein großer Fleischfresser verstecken konnte. Ohne Zweifel war hier nirgends genügend Platz für den Himmelsteufel, um seine Schwingen auszubreiten. Aber er hatte auch dicke, mit Klauen bewehrte Beine und konnte sich vielleicht so den Weg zu seiner Beute bahnen. Aus diesem Grund hatte er sich die Orchidee als stummen Verbündeten gewählt.
Jetzt hatte Born den Rand des Schachtes erreicht. Alles hier war klebrig und von dem vergossenen Saft aus den zerrissenen Lianen schlüpfrig. Er würde sehr vorsichtig sein müssen. Und dann starrte er plötzlich zwischen den Blättern auf den Himmelsteufel hinaus. Es schlug und scharrte nach etwas im Inneren der blauen Metallscheibe. Born war jetzt sicher, daß das Stöhnen von irgendwo aus dem Inneren des Gebildes kam. Er atmete tief durch, bedauerte, daß er keinen festeren Boden unter den Füßen hatte, und richtete das Ende des Bläsers auf den Schädel des Dämons, ein schwieriges Ziel, das die ganze Zeit an einem langen flexiblen Hals auf und ab tanzte. Born drückte ab. Es gab eine kleine Explosion, als der Tanksamen platzte. Der Jacaridorn traf den Teufel unter dem linken Auge. Er zitterte, sein langsames Nervensystem reagierte schwerfällig auf das Gift, dann drehte er sich herum, um in die Richtung zu blicken, aus der der Schuß gekommen war. Im gleichen Augenblick schrie Born so laut er konnte »Seid stark!«, um die Lebewesen im Inneren des blauen Metalls zu warnen, dann drehte er sich um und raste über den Ast hinweg davon. Ein schreckliches Krachen ertönte unmittelbar hinter ihm, als der Himmelsteufel unter Entwicklung unerwarteter Kräfte sich durch die äußere Mauer aus Ästen und Schlingpflanzen arbeitete, um ihn zu erreichen. Born bildete sich schon ein, seinen fauligen Atem im Nacken zu verspüren. Vor ihm ragte die riesige Orchidee auf.
Jetzt war der Himmelsteufel unmittelbar hinter ihm. Jeden Augenblick konnten sich lange Zähne um seinen Hals schließen und ihm den Kopf abbeißen. Jetzt war nicht die Zeit, sich umzusehen, nachzudenken oder zu überlegen. Er warf sich an dem Erdballen der Blume vorbei, darauf bedacht, mit dem Ende seines Bläsers einige der paar Dutzend herunterhängenden Wurzeln anzustoßen. Born fiel ein paar Meter, ehe er ruckartig in einem Bett aus Blättern landete. Über ihm krümmten sich die winzigen Wurzelenden, die er berührt hatte, schützend nach innen. Der Himmelsteufel stürmte durch das Unterholz, die Klauen nach Born ausgestreckt, der in hilfloser Faszination nach oben blickte. Und dann schlugen die dicken weißen Blütenblätter der Pseudoorchidee so schnell, daß das Auge ihnen nicht folgen konnte, in blinder Wut nach allen Richtungen. Drei der Blätter trafen den Teufel, schlossen sich um ihn und drückten zu. Der Teufel schien förmlich zu explodieren, seine Augen schossen aus dem Schädel, wie aus einer zerquetschten reifen Frucht Kerne, die Flügel brachen zusammen, und seine Eingeweide spritzten nach allen Richtungen davon. Die Pflanze schlug noch ein paar Minuten wild um sich, ehe die Blätter sich wieder entspannten.
Als die Orchidee wieder zu ihrer normalen Gestalt zurückkehrte, ließ sie das zerdrückte Etwas fallen, das einmal der Himmelsteufel gewesen war. Der zerdrückte Kadaver stürzte in die
Tiefe. Born setzte sich auf und sah ihm nach. Sein Herz schlug schneller. Der Teufel war zu schnell gestorben, um auch nur schreien zu können, hatte nie erfaßt, was ihn getötet hatte.
Auf seinen Bläser gestützt, stemmte Born sich in die Höhe und kletterte zu Ruumahum hinüber, der ihn stumm beobachtete. »Ich denke«, sagte er und zitterte dabei leicht, »wir können jetzt diesen Leuten helfen.« Der Pelziger nickte stumm.
Jetzt arbeiteten sie sich wieder auf den Schacht zu, darauf bedacht, von der nun wieder ruhig gewordenen
Pseudoorchidee, die man in Borns Dorf als »Dunawetts Pflanze« kannte, möglichst viel Abstand zu wahren. Born schob die zerdrückten und abgebrochenen Äste auseinander und trat in etwas hinaus, das er erst wenige Male in seinem Leben erlebt hatte, etwas, das nur wenige Leute überhaupt je zu Gesicht bekamen freien Raum. Er blickte nach oben, aber von dieser Stelle aus war der Himmel eine blaue Scheibe vor einem sonst grünen Himmel.
»Beobachte Obere Hölle«, verkündete Ruumahum und setzte sich an den Rand des Schachtes. Mit angehobenem Kopf studierte er gleichmütig die ferne blaue Scheibe. Born schob vorsichtig einen Fuß vor und setzte ihn leicht auf die tiefblaue Oberfläche des Gegenstandes. Er war kühl und hart, ganz wie die Axtklinge. Beruhigt trat er auf die leicht gekrümmte Fläche hinaus und ging auf die Halbkuppel in der Mitte zu. Als er näher kam, sah er, daß sie eine kreisförmige Vertiefung in dem Metall überwölbte. Als er auf die zerbrochenen, ausgesplitterten Ränder der Kuppel hinunterblickte, sah er drinnen ein Gewirr winziger Lianen und Wurzeln, die ebenfalls aus einem glänzenden harten Material hergestellt waren. Als er ins Innere der Scheibe blickte, sah er, daß eine Seite Kratz und Scharrspuren von den Klauen und von dem Schnabel des Himmelsdämons abbekommen hatte. Born bildete sich ein, hinter sich ein leises Stöhnen zu hören. »Hallo. Lebt hier jemand? Jetzt könnt ihr herauskommen. Der Teufel hat sich zu seinen Verwandten in der Hölle gesellt.« Das Stöhnen verstummte plötzlich, dann waren scharf klickende Geräusche zu hören. Darauf begann sich ein rechteckiges Metallstück auf Scharnieren nach innen zu falten.
Ein Mann blickte heraus und musterte ihn unsicher. Etwas Kleines, das das Licht widerspiegelte, glänzte in seiner Hand. Born hielt den Atem an, es war eine Axt - nein, nein . . . ein Mes-ser, das aus dem gleichen Material wie die Axt bestand, nur viel sauberer und glatter. Der Mann sah sich um, sein Blick wanderte
zu der offenliegenden Vertief ung in dem Metall. Als er sich davon überzeugt hatte, daß Born die Wahrheit sprach und der Himmelsteufel verschwunden war, trat er ins Freie und begann dabei die ganze Zeit Born vorsichtig im Auge behaltend , das Gewirr aus Instrumenten und Einzelteilen gründlich zu untersu-chen.
Born studierte den Riesen. Obwohl er nach menschlichem Standard nur ein Mann von normaler Größe war, überragte er Born um gute fünfundzwanzig Zentimeter. Aber da waren auch noch andere überraschende Eigenschaften. Er war ohne Zweifel ein Mensch, aber die Unterschiede waren verblüffend. Sein Haar war orangerot, statt braun, seine Augen blau, statt grün, und seine Haut seine Haut war so bleich, daß es kaum zu glauben war. Er war von schlankem Körperbau, und sein Gesicht mit den vielen Sommersprossen wirkte freundlich. »Jan?« Eine zweite Stimme, etwas höher. »Kann man . . .?« Da erblickte die Sprecherin Born, der ruhig auf der Oberfläche des Gleiters stand. Sie war ein paar Zentimeter größer als der Mann. Ihr Körper unter dem zerfetzten einteiligen Dschungelanzug war knochig und athletisch. Kurzes Haar, das die Farbe von altem Silber hatte, ließ erkennen, daß auch sie schon etwas älter war. Unter den beigefarbenen Shorts waren kräftige, lange Beine zu sehen, die für Born ebenfalls unglaublich blaß wirkten. Sie schien weniger nervös als der Mann, etwas selbstbewußter. »Wer, zum Teufel, ist das?« fragte sie mit einer ruckartigen Kopfbewegung. Der Mann, den sie Jan genannt hatte, fuhr fort, angewidert in den zerdrückten und zerbeulten Überresten der Steuerorgane des Gleiters herumzustochern. »Ich glaube, der Mann, der uns gerade das Leben gerettet hat. Für den Augenblick wenigstens.« Er blickte etwas unruhig zu ihr auf. »Der Himmelsteufel ist tot«, teilte Born ihm mit. »Er ist einer gereizten Dunawetts Pflanze zu nahe gekommen. Er wird euch nicht mehr belästigen.«
Der Mann nahm das zur Kenntnis, grunzte etwas Unverständliches und wandte sich wieder seiner Arbeit zu. »Das Armaturenbrett ist hin, Kimi«, erklärte er schließlich. »Und was beim Aufprall nicht kaputtgegangen ist, hat dieser fliegende Fleischfresser in Stücke gerissen. Dieser Gleiter fliegt nirgends mehr hin höchstens auf den Schrotthaufen.« Die Frau nahm auf den Überresten eines Drehstuhles Platz, und Born starrte sie neugierig an. Plötzlich fiel es ihr auf, und sie erwiderte seinen Blick. »Was starrst du mich so an, Kleiner?«
Borns Nackenhaare sträubten sich, mehr wegen ihres Tones als wegen dem, was sie gesagt hatte. »Wenn meine Anwesenheit stört. . .« Er nahm seinen Bläser und wandte sich zum Gehen.
»Nein, nein, warte, Bursche.« Sie stützte den Kopf einen Augenblick auf die Hände. »Laß mir eine Sekunde Zeit, ja? Wir haben ziemlich Übles mitgemacht.« Dann blickte sie wieder auf. »Du mußt verstehen, als unser Antrieb . . .« Sie bemerkte, daß Born verständnislos die Stirn runzelte, und versuchte es noch einmal. »Als das Ding, das unseren Gleiter antrieb . . .« Borns Stirn blieb gerunzelt. »Als dieses Ding, das uns durch die Luft trägt. . .« Borns Gesicht blieb ungläubig, aber sie fuhr fort » . . . hier abstürzte, dachten wir, wir wären bereits tot. Statt dessen krochen wir aus den Überresten unserer Sessel und stellten fest, daß wir noch lebten. Ziemlich durchgeschüttelt zwar, aber noch am Leben.« Sie wies auf die sie umgebenden grünen Wände. »Dieser unglaubliche Planet ein dreiviertel Kilometer hoch übereinandergeschichteter Regenwald hat unseren Fall genügend gedämpft.«
Ihre Stimme wurde leiser. »Und dann landete dieses langhalsige Scheusal auf uns. Wir konnten gerade noch durch die Reparaturluke in den Maschinenraum kriechen, als es anfing, an der Türe zu scharren. Ich dachte, jetzt wäre wirklich Schluß. Und dann tauchst du auf und behauptest, daß irgendein lokales Gewächs etwas erledigt hat, das man nicht einmal mit einem armlangen Laser verjagen kann. Und dann bist da noch du selbst, und das ist auch kein geringer Schock.«
»Was ist denn mit mir ?« fragte Born, dem die Frage aus irgendeinem Grunde peinlich war.
Sie machte eine unsichere, müde Handbewegung. »Schau dich doch an.« Born wollte das nicht. »Du bist eine Anomalie. Ich meine, nach allem, was man uns gesagt hat, gehörst du nicht hierher«, fügte sie dann hastig hinzu. »Dies soll eine nicht gemeldete, kaum erforschte, unbewohnte Welt sein, die nur . . .«
»Vorsichtig, Kimi«, sagte der Mann warnend und sah sich über die Schulter. Sie winkte ungeduldig ab. »Wozu denn, Jan. Dieser . . .« dabei deutete sie mit einer Kopfbewegung auf Born »Eingeborene weiß doch ganz offensichtlich nichts, das unsere Anwesenheit hier komplizieren würde.« Sie stand langsam auf und sah sich Born noch einmal an. »Wie ich schon sagte das müßte eine unbewohnte Welt sein. Und ganz plötzlich tauchst du nach ein paar höchst erstaunlichen Ereignissen hier auf. Ich nehme an, du bist hier kein Einzelgänger, keine Mißgeburt oder so etwas? Es gibt andere von deiner Art?«
»Im Dorf leben viele«, antwortete Born, wie er hoffte befriedigend. Diese Riesen waren faszinierend.
»Ich sagte Eingeborener, aber welcher Art er angehört, wäre noch festzustellen.« Sie studierte Born, als wäre er ein Insekt. Er ließ ihren prüfenden Blick über sich ergehen, weil er selbst mit Studieren beschäftigt war. »Du bist fast dreißig Zentimeter kleiner als ein durchschnittlicher Erwachsener, aber du hast die Arme und die Schultern eines Gewichthebers.« Dann wanderte ihr Blick an ihm entlang in die Tiefe. »Und lange Zehen, die wahrscheinlich zum Greifen geeignet sind. Deine Haut ist dunkel wie altes Eichenholz und das Haar auch und dazu grüne Augen. Alles zusammengenommen das seltsamste Exemplar Mensch, das ich je gesehen habe, wenn auch . . .«, fügte sie mit eigenartiger Betonung hinzu, »nicht uninteressant.« Der Mann gab ein Geräusch von sich, aus dem Born Ekel las, wenn er sich auch nicht vorstellen konnte, aus welchem Grunde.
Seltsam und faszinierend diese Riesen! Und doch waren sie es, die ihn seltsam nannten.
»Wenn deine Leute sich hier entwickelt haben«, schloß die Frau, »trotz deiner Hautfarbe, deiner Größe und deinen Greifzehen, so ist dies ganz gewiß der unwahrscheinlichste Fall einer parallelen Entwicklung, von dem man je gehört hat. Und außerdem sprichst du Terranglo. Was meinst du, Jan?«
Der Mann blickte kurz auf, sah Born an und seufzte dann. Er machte eine hilflose Handbewegung, die alles um sie einschloß. »Ich weiß nicht, warum ich mir an diesem Ding hier Mühe gebe. Es ist hoffnungslos. Selbst wenn wir den Antrieb ohne Hilfe einer komplett ausgerüsteten Werkstätte wieder reparieren könnten, hat uns dieses geflügelte Scheusal die Verbindungsleitungen wie Würmer zerbissen. Wir stecken hier fest. Das Tridi ist auch in keinem besseren Zustand. Wahrscheinlich wäre es besser gewesen, wenn wir uns gleich beim Absturz das Genick gebrochen hätten.« »Du gibst zu schnell auf, Jan«, erregte sie sich. Sie sah Born an. Unser kleiner Freund hier scheint über beachtliche Hilfsmittel zu verfügen. Ich sehe nicht ein, warum er nicht. . .«
Der Mann wirbelte herum, und seine Augen loderten jetzt fast wütend. »Bist du wahnsinnig? Bis zur Station sind es Hunderte von Kilometern durch diesen undurchdringlichen Dschungel . . .« »Seine Leute scheinen damit fertig zu werden«, sagte sie ruhig. «... und wenn du daran denkst, das zu Fuß zurückzulegen, geführt von irgendwelchen ungebildeten Primitiven!« fuhr er fort. Die Sprache der Riesen war seltsam, sie war hoch und verzerrt, aber Born begriff das meiste, was er hörte. Ein Wort, das er deutlich erkannte, obwohl die Vokale etwas verzerrt klangen, war »ungebildet«. »Wenn ihr um soviel klüger seid«, unterbrach er ihn scharf, »wie kommt es dann, daß ihr hier und in dieser Lage seid?« Damit trat er gegen die blau schimmernde Flanke des Gleiters.
Die Riesin, welche Kimi genannt wurde, lächelte. »Jetzt hat er dich, Jan.« Der Mann gab wieder einen angewiderten Laut von sich und machte eine Born unverständliche Geste. Aber ungebildet nannte er ihn nicht wieder. »Also«, sagte die Frau förmlich: »Ich glaube, jetzt sollten wir uns miteinander bekannt machen. Zuallererst möchten wir dir dafür danken, daß du uns das Leben gerettet hast, und das hast du ganz bestimmt.« Sie warf einen Blick zu dem Mann hinüber. »Findest du nicht, Jan?« Er gab ein halb unterdrücktes Geräusch von sich, das man mit einiger Fantasie als »ja« interpretieren konnte. »Mein Name ist Logan«, fuhr sie fort. »Kimi Logan. Dieser mein manchmal himmelhoch jauchzender, gelegentlich auch zu Tode betrübter Kollege ist Jan Cohoma. Und du?« »Man nennt mich Born.«
»Born. Ein guter Name, ein passender Name für jemanden, der so tapfer ist, für einen Mann, der mit bloßen Händen einen Fleischfresser wie dieses geflügelte Monstrum angeht.« Born strahlte. Fremd und seltsam mochten diese Riesen sein, aber wenigstens verstand es die hier, jemanden richtig zu bewundern. Vielleicht würde Geh Hell ihn eines Tages auch so bewundern wie diese Riesin.
»Du hast ein Dorf erwähnt, Born«, fuhr sie fort. Er wandte sich um und deutete nach oben und Südwesten. »Der Heimbaum liegt dort, ein gutes Stück Weges durch den Wald, zwei Etagen höher. Meine Brüder werden euch als Freunde begrüßen.« Und den Jäger bewundern, der es wagte, den schlafenden blauen Dämon aufzusuchen, und der einen Himmelsteufel getötet hat, um sie zu retten, dachte er bei sich. Er sprang einige Male auf dem blauen Metall auf und ab und bemerkte dann, daß die beiden Riesen ein paar Schritte zurückgetreten waren und ihn beobachteten. »Es tut mir leid«, erklärte er. »Ich will euch nichts zuleide tun. Von allen, die hierherkamen, hatte nur ich den Mut, zu euch hinunterzusteigen und euch zu finden. Ich vermutete, daß dieses . . . dieses . . . Ding . . . nicht lebte, sondern etwas Geschnitztes sei.« »Man nennt es einen Gleiter«, erklärte ihm Cohoma. »Es trägt uns durch den Himmel.«
»Durch den Himmel«, wiederholte Born, der die Worte nicht recht glaubte. Es schien ihm unmöglich, daß so etwas Schweres fliegen können sollte. »Wir sind sehr froh, daß du das getan hast, Born. Nicht wahr, Jan? Sind wir das nicht?« Sie stieß ihn an, und er murmelte irgendetwas. Die Abneigung, die er ursprünglich gegenüber Born empfunden hatte, schwächte sich schnell ab. Inzwischen war ihm bewußt geworden, daß der kleine Eingeborene keine Gefahr für sie darstellte. Ganz im Gegenteil. »Ja, das war ganz bestimmt eine mutige Tat. Eine außergewöhnliche Tat, jetzt, wo ich es mir überlege.« Er lächelte. »Du bist sehr weit gekommen, Born. Vielleicht könntest du uns helfen, wenigstens den Versuch zu machen, zu unserer Station zurückzukehren unserem Heim auf dieser Welt.«
»Ehe wir abstürzten, haben wir noch einmal unsere Position aufgenommen«, erklärte Logan. Sie zögerte und wies dann in Richtung auf den Heimbaum. »Die Station liegt in der Richtung, etwa . . . mal sehen, wie kann ich dir Entfernungen begreiflich machen.« Sie dachte einen Augenblick lang nach. »Du sagtest etwas von Etagen in diesem Wald?« »Jeder weiß, daß die Welt aus sieben Etagen besteht«, erklärte Born, als hätte er ein kleines Kind vor sich. »Von der Unteren bis zur Oberen Hölle.« »Da muß ich erst ausrechnen, wie hoch einer der großen Bäume ist«, murmelte sie. »Sagen wir knapp über siebenhundert Meter.« Sie rechnete in Gedanken, übersetzte Meter in Etagen und sagte Born dann, wie weit die Station entfernt war.
Jetzt war Born an der Reihe zu lächeln; um zu lachen war er zu neugierig. »Niemand hat sich je weiter als fünf Tagereisen vom Heimbaum entfernt«, erklärte er ihnen. »Ich selbst war neulich zwei Tagereisen entfernt, und das erwies sich schon als gefährlich genug. Und ihr redet von einer Reise, die viele, viele Tage dauert. Das läßt sich nicht machen, glaube ich.« »Warum nicht?« wandte Cohoma ein. »Du hast doch keine Angst oder? Nicht . . .«, fügte er rasch hinzu, als Born einen Schritt auf den Größeren zutrat, »nicht ein
außergewöhnlicher Jäger wie du?« Borns Muskeln lockerten sich wieder. Er war bereits zu dem Schluß gelangt, daß er von den beiden Riesen den Mann entschieden weniger mochte.
»Das ist keine Frage der Angst«, sagte er ihnen, »sondern der Vernunft. Das Gleichgewicht der Welt ist sehr empfindlich. Jedes Geschöpf hat seinen Ort in diesem System des Gleichgewichts, nimmt das, was es braucht, und gibt zurück, was es kann. Je weiter man sich von seinem eigenen Platz entfernt, desto mehr stört man die Ordnung der Dinge. Und wenn das Gleichgewicht ernsthaft gestört ist, dann sterben die Menschen.« »Was er damit sagen will, Jan«, meinte Logan zu ihrem Begleiter gewandt, »ist, daß sie glauben, je weiter sie sich von ihrem Heimatdorf entfernen, desto geringer sind die Chancen, daß sie wieder zu ihm zurückkehren. Ein Gefühl, für das man Verständnis haben muß. Aber die Erklärung ist interessant. Ich frage mich, wie sie zu dieser Betrachtung der Welt gelangt sind. Natürlich ist das nicht.«
»Ob natürlich oder nicht«, wandte Cohoma mürrisch ein, »ich begreife immer noch nicht, weshalb . . .«
»Später«, schnitt sie ihm das Wort ab. Er wandte sich ab und murmelte etwas im Selbstgespräch. »Ich glaube, zuallererst sollten wir aus dieser Lichtung verschwinden«, schlug sie vor, »ehe ein Verwandter des Monstrums, das du so elegant erledigt hast, Born, neugierig wird und nachschauen kommt.« Das war das erste vernünftige Wort, das er von den Riesen gehört hatte. Er winkte ihnen zu, ihm zu folgen. Cohoma füllte seine Taschen mit ein paar kleinen Päckchen aus verschiedenen Gefäßen und folgte dann Born auf dem Weg zwischen den Bäumen. Es überraschte Born, wie ungeschickt die Riesen trotz des Fehlens von Ästen und Schlingpflanzen waren, und wie schwerfällig sie sich bewegten. Er erkundigte sich so taktvoll das möglich war, nach ihren Problemen und war froh, daß keiner beleidigt schien.
»Auf der Welt, von der wir kommen«, erklärte Logan, »sind wir es gewöhnt, auf dem Boden zu gehen.«
Born war schockiert. »Kann es sein, daß ihr in der Hölle selbst lebt?«
»Der Hölle? Ich verstehe nicht, Born.«
Er wies nach unten. »Zwei Etagen unter uns liegt die Untere oder Wahre Hölle, die Oberflächenhölle aus Schlamm und sich verschiebenden Erdmassen. Das ist die Heimat von Ungeheuern, die so schrecklich sind, daß es keinen Namen für sie gibt, heißt es immer.« »Ich verstehe. Nein, Born, so ist unsere Heimat nicht. Dort ist der Boden fest und offen und liegt in hellem Licht es gibt dort keine Ungeheuer. Wenigstens«, fügte sie grinsend hinzu, »keine Ungeheuer, mit denen man nicht leben könnte.« Wie dem Kirchenbüro der Commonwealthregistratur, dachte sie bei sich.
Born schwirrte der Kopf. Alles, was die Riesen gesagt hatten, schien jeder Vernunft zu widersprechen, und doch deutete allein die Tatsache ihrer Anwesenheit und der greifbare Beweis ihres metallenen Himmelsfahrzeugs darauf hin, daß es vielleicht noch größere Wunder gab.
Für den Augenblick freilich mußte er seiner Neugierde zugunsten wichtigerer Dinge Zügel anlegen. »Ihr wirkt beide müde und hungrig. Die Strapazen müssen euch erschöpft haben.«
Cohoma fügte ein von Herzen kommendes »Amen!« hinzu. »Ich bringe euch zum Heimbaum. Dort können wir uns weiter unterhalten.« »Eine Frage, Born«, meinte Logan. »Sind deine Leute allen Fremden gegenüber so aufgeschlossen, wie du das bist?« »Glaubt ihr, wir sind nicht zivilisiert?« fragte Born. »Jedes Kind weiß, daß ein Gast ein Bruder ist und so behandelt werden muß.«
»Ein Mann nach meinem Herzen«, seufzte Cohoma und lächelte. »Ich muß mich entschuldigen, Freund Born. Ich hatte anfänglich einige falsche Vorstellungen von dir. Geh voraus, Kleiner.«
Born deutete nach oben. »Zuerst zur Etage vom Heim, eine kleine Kletterpartie.« Die beiden Riesen stöhnten. Nach dem zu schließen, was er bis jetzt von ihren Kletterkünsten zu sehen bekommen hatte, konnte Born ihre Reaktion begreifen. »Ich werde versuchen, einen bequemeren Weg zu finden. Das kostet uns etwas Zeit. . .« »Das wollen wir riskieren«, sagte Logan.
Born fand eine spiralförmige Zweigwurzel, die in einer eng gerollten Doppelspirale von einem Luftbaum irgendwo über ihnen herunterhing. Ein paar Dutzend Meter würde der Aufstieg also sehr einfach sein. Gerade wollte er zu klettern beginnen, als er hinter sich einen Schrei hörte. Er griff nach seinem Bläser, ent-spannte sich aber, als er sah, daß es nur Ruumahum war. Die Angst, die die beiden Riesen beim Anblick des freundlichen Pelzigers zeigten, war amüsant. »Das ist nur Ruumahum«, teilte er ihnen mit. »Mein Pelziger. Er würde euch ebensowenig etwas zuleide tun wie mir.« »Menschen«, brummte Ruumahum belustigt und beschnüffelte zuerst Logan, dann Cohoma. Keiner der beiden Riesen regte sich von der Stelle. Erst als der große Kopf mit seinen Hauern in sicherer Entfernung war, wagten sie wieder zu atmen.
»Mein Gott«, murmelte Logan und blickte ehrfürchtig auf die massige Gestalt des Pelzigers, als diese im Dschungel verschwand. »Es redet. Das sind zwei vernunftbegabte Lebewesen, die die Forschungsabteilung übersehen hat.« Sie sah Born mit neuem Respekt an. »Ein fleischfressender Hexapode, wie habt ihr das je zähmen können?« fragte sie erstaunt. Born überlegte verwirrt, dann dämmerte es ihm. »Willst du damit sagen«, sagte er verblüfft, »daß ihr keine eigenen Pelziger habt!« Sein Blick wanderte zwischen dem verblüfften Cohoma und der staunenden Logan hin und her. »Eigene Pelziger?« wiederholte Logan. »Warum sollten wir?« »Nun«, rezitierte Born, ohne nachzudenken, »jeder Mensch hat seinen Pelziger, und jeder Pelziger seinen Menschen, so wie jeder Blitzer seine Blüte, jeder Kabbl seinen Ankerbaum und jeder Pfeffermall seinen Resonator hat. Das ist das Gleichgewicht der Welt.« »Ja, aber das erklärt immer noch nicht, wie ihr ihn gezähmt habt«, beharrte Cohoma und starrte dem inzwischen verschwundenen Fleischfresser nach. »Zähmen«, wiederholte Born zweifelnd und runzelte die Stirn. »Das ist keine Frage der Zähmung. Pelziger mögen Menschen, und wir mögen Pelziger.« Er zuckte die Achseln. »Das ist natürlich. So war es immer.« »Es hat gesprochen«, sinierte Logan. »Ich habe ganz deutlich gehört, wie er >Menschen< sagte.«
»Sehr intelligent sind die Pelziger nicht«, räumte Born ein, »aber sie können gut genug reden, um sich verständlich zu machen.« Er lächelte. »Es gibt Menschen, die weniger reden.«
Aus irgendeinem Grunde brachte dies die beiden Riesen dazu, eine lange Diskussion zu beginnen, die von komplizierten Ausdrücken wimmelte, die Born nicht verstand. Das beunruhigte ihn. Außerdem war es Zeit, den Nachhauseweg anzutreten, Zeit für die Bewunderung, die ihm gebührte. »Wir müssen jetzt gehen, aber ich stelle eine Bedingung.« Diese halbversteckte Drohung reichte aus, um die Riesen aus ihrer Diskussion zu reißen. Beide starrten ihn an. »Was für eine Bedingung?« fragte Logan. Born starrte Cohoma an. »Daß er mich nicht mehr >Kleiner< nennt, sonst nenne ich ihn jedesmal, wenn er ausgleitet, einen Tölpel.« Cohoma lächelte säuerlich, aber Logan lachte laut. »Da hat er recht, Jan.« Letzterer brummte bloß, daß es Zeit wäre, sich auf den Weg zu machen, und kletterte dann hinter Born an der Wurzel hinauf. »Keine Zeit zu vergeuden«, fügte er mürrisch hinzu.
Während sie nach oben kletterten, dachte Born über Cohomas letzte Bemerkung nach. Die Vorstellung »Zeit zu vergeuden« interessierte ihn persönlich, da man im Heim gewöhnlich nur ihn damit konfrontiert hatte. War es möglich, daß es noch andere gab, die ähnlich wie er über die Art und Weise nachdachten, wie man die Zeit verbrachte? Wenn ja, so war dies ein weiterer Grund, diese Riesen besser kennenzulernen. Und einige andere Gründe waren ihm bereits bewußt.
5
Ein breiter Streifen Waldes war rings um die gepanzerte Station mit ihrer Kuppel niedergebrannt worden, die in der größten Lichtung besser gesagt, der einzigen freien Stelle in der Waldwelt stand, eine silbergraue Blase, die sich aus einem grünen Meer erhob, als hätte sie ein kolossaler Taucher ausgeatmet, der weit unter der Oberfläche schwamm. Das kreisförmige, von einer Kuppel bedeckte Bauwerk ruhte auf den abgesägten Stämmen von drei Säulenbäumen, deren glatt zurechtgestutzte Äste ein System von Streben und Stützen bildeten, das ebenso stark war wie jedes künstliche Tragegebilde, das man hätte konstruieren können. Irgendwann einmal würden die abgeschnittenen Riesenbäume sterben und niederstürzen, aber bis dahin würde man die Station nicht mehr brauchen. Viel größere dauerhafte Bauwerke an anderer Stelle würden sie ersetzen, wie es der große Plan vorsah. Die freigebrannte Zone rings um die Station sollte weitere Todesfälle verhindern, wie sie durch Angriffe der vielen Räuber des Waldes vor der Einrichtung der verschiedenen Verteidigungsanlagen an der Tagesordnung gewesen waren. Als die Ingenieure erkannt hatten, daß kein Dschungelgeschöpf es wagte, eine frei unter dem Himmel liegende und damit auch fliegenden Raubtieren zugängliche Fläche zu überqueren, hatten sie den Dschungel mit Lasern viele Meter weit niedergebrannt, nicht nur in waagerechter Richtung, sondern auch einige Meter in die Tiefe. Zwei Bewohner der Station waren von fliegenden Raubtieren weggeschleppt worden, während sie sich auf der Promenade rings um die Station ergingen. Wieder wurden die Verteidigungseinrichtungen verstärkt, bis die Station einer kleinen Festung ähnelte. Eigentlich paßten die Laser und sonstigen Kanonen nur schlecht zu einem Bauwerk, das in erster Linie der Forschung diente. Die weniger tödlichen Anlagen befanden sich im Inneren des grauen Gebäudes. Und jenen Knoten von inneren Laboratorien sollte die waffenstarrende Außenmauer schützen.
Forschungstrupps zogen in bewaffneten Gleitern aus, um den endlosen Wald nach brauchbaren Produkten abzusuchen. Eine Entdeckung nach der anderen brachten sie zurück der Wald erwies sich als ein unerschöpflicher Hort von Überraschungen , aus denen in den Labors kommerzielle Möglichkeiten entwickelt wurden. Diese Erkenntnisse wurden an andere Leute weitergereicht, die ihrerseits diese Information an einen Tiefraumsender weiterleiteten, der sie mittels verschiedener komplizierter Einrichtungen die Station war illegal, und sie war weder registriert, noch inspiziert, noch amtlich gebilligt zu einer fernen Welt weitergab. Dort übersetzte ein Mann mit einer Maschine die Myriaden von Entdeckungen in Zahlen, gab sie an einen zweiten weiter, der sie einem dritten übergab, der sie für einen vierten »wusch«, der sie wiederum sorgfältig auf den Schreibtisch einer Person legte, die körperlich, wenn auch nicht geistig verkümmert war. Jene Person studierte die Zahlen, und dann lächelte sie immer wieder schief und nickte, und anschließend wanderten Befehle über die sorgfältig getarnte Kommandokette, bis sie schließlich in der Kuppel auf der >Welt-ohne-Namen< verteilt wurden. Die Lage der Welt-ohne-Namen wurde so gründlich geheimgehalten, daß nur wenige von den im Innern der Kuppel tätigen Leuten die geringste Vorstellung hatten, wo sie waren. Kein Pilot wurde zweimal dorthin gesandt; jeder Pilot reichte sein Wissen an den Nachfolger weiter, denn man wagte es nicht, Koordinaten irgendwelchen mechanischen Geräten anzuvertrauen. Das war riskant, weil auf diese Weise die Koordinaten auf alle Zeit verlorengehen konnten, andererseits sprach der Vorteil absoluter Ge-heimhaltung dafür. Da niemand die Lage des Planeten kannte, konnte sie auch niemand freiwillig oder sonstwie Agenten des Commonwealth oder der Kirche verraten. Jeder, den man zu diesem Thema verhörte, konnte offen alles zugeben, was er wußte nämlich nichts.
Die ganze Organisation war höchst professionell. In dem größten jener inneren Labors studierten die fähigsten Forscher der Station das riesige eiförmige Stück aus dunklem Holz, das einen Teil des Saales beherrschte. Man hatte es aufgeschnitten. Dieses Stück Holz hatte all die Kosten, die Geheimhaltung und die Mühe aufgewogen, und Wu Tsingahn hatte schon daran gearbeitet, ehe der Bau der Station abgeschlossen worden war. Er war ein kleiner Mann mit fein geschnittenen, gequält wirkenden Zügen und schwarzem Haar, das der Aufenthalt an einigen ungewöhnlichen Orten für Jahre zu früh hatte weiß werden lassen. Der persönliche Schmerz, der sein Gesicht prägte, hatte weder die Klarheit seines Verstandes beeinträchtigt, noch seine analytischen Fähigkeiten abgestumpft. Wie allen anderen in der Station war ihm bewußt, daß seine Tätigkeit auf diesem Planeten weder mit den Regeln der Kirche noch den Vorschriften des Commonwealth zu vereinbaren war. Die meisten waren des Geldes wegen hier.
Tsingahns Hände zitterten etwas, und gelegentlich zuckten seine beiden Augenlider. Beides waren Nebenwirkungen der Droge, die um teures Geld großes Vergnügen bereitete. Tsingahn war jetzt von dieser Droge abhängig. Er brauchte sie regelmäßig in großer Dosis. Er war gezwungen worden, seine moralischen Prinzipien hintanzustellen, um seiner Sucht nachgehen zu können. Aber das störte ihn schon lange nicht mehr. Außerdem war die Arbeit nicht besonders schwierig und intellektuell anregend. Es klopfte an der Türe. Tsingahn rief >Herein<, und ein großer Mann, der hinkte und dessen Kontaktlinsen im Licht der Deckenlampe blitzten, trat ein. Der Mann war kein Riese, aber seine Oberarme hatten einen größeren Umfang als die Schenkel des Biochemikers. Er trug eine Waffe im Gürtelhalfter. Die war nicht zu übersehen. »Hallo, Nearchose.«
»Hallo, Doc«, antwortete der Große. Er ging durch das Zimmer und deutete mit einer Kopfbewegung auf das Stück Holz. »Schon herausgefunden, wie es funktioniert?« »Ich wollte es bis jetzt noch nicht riskieren, seine Drogen produzierenden Eigenschaften zu verändern, Nearchose«, erklärte Wu mit leiser Stimme. »Wenn ich es ganz seziere, könnte das gefährlich sein.« Seine Hand berührte das Holz. Nearchose studierte es. »Wieviel, glauben Sie denn, ist ein solcher Kloben wert, Doc?«
Tsingahn zuckte die Achseln. »Wieviel ist einem Menschen eine Verdoppelung seiner Lebenszeit wert, Nearchose?« Der Blick, mit dem er das Stück Holz musterte, enthielt mehr als reines wissenschaftliches Interesse. »Ich glaube, ein Knollen von dieser Größe würde genug Extrakt liefern, um die Lebensspanne von zwei bis dreihundert Leuten zu verdoppeln ganz zu schweigen von der Auswirkung auf die allgemeine Gesundheit und das Wohlbefinden. Für die Droge ist bis jetzt noch kein Preis festgelegt worden, da man sie bis zur Stunde nur in kleinen experimentellen Mengen exportiert hat. Die Proteine haben sich als unglaublich kompliziert erwiesen. Eine synthetische Herstellung scheint nicht in Frage zu kommen. Es ist durchaus möglich, daß wir erst nach dem Sezieren wissen, wie wir weiter vorgehen müssen.« Erblickte auf. »Was würden Sie dafür zahlen, Nearchose?« »Wer, ich?« Der Wachmann lächelte schief und zeigte dabei seine Metallzähne, einen Ersatz für Zähne, die er keineswegs auf natürlichem Wege verloren hatte. »Ich werde sterben, wenn die natürliche Zeit dafür gekommen ist, Doc. Ein Mann wie ich . . . ich könnte mir das Zeug nie leisten. Ich würde natürlich alles darum geben oder tun, wenn ich glaubte, daß ich damit durchkäme.« Tsingahn nickte. »Wesentlich wohlhabendere Männer werden dasselbe tun.« Er zwinkerte ihm zu. »Vielleicht stecke ich Ihnen von der nächsten Charge ein Fläschchen zu. Was würden Sie davon halten, Nearchose?« Das Gesicht des Großen wurde plötzlich ernst, und er blickte auf seinen Freund hinunter, den er, wenn es darauf angekommen wäre, mit einer Hand hätte in Stücke brechen können. »Machen Sie keine solchen Witze mit mir, Doc. Das ist nicht komisch. Ein paar hundert Jahre in guter Gesundheit zu leben, anstatt mit siebzig, vielleicht mit achtzig langsam in Stücke zu zerfallen . . . Sie sollten so etwas nicht tun.« »Tut mir leid, Nick. War nicht böse gemeint. Sie wissen ja, daß ich meine eigenen Gebrechen habe. Was ich da getan habe, ist kleinlich und bösartig. Ich wollte Ihnen wirklich nicht weh tun.« Nearchose nickte. Er wußte natürlich um die
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