Die denkenden Wälder
Die Jäger nahmen die Bläser von den…
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
Ungeschicklichkeit beim Begehen der Baumwege bedachte, hatte, so fand Born jedenfalls, das kleine Grüppchen bis jetzt außergewöhnliches Glück gehabt. Das einzige ernsthafte Problem, mit dem sie sich bisher hatten auseinandersetzen müssen, hätte man schließlich kaum vorhersehen können. Beinahe freilich hätte es Logan das Leben gekostet. »Da soll mich doch der Teufel holen«, hatte sie zu ihrem Begleiter gesagt und nach rechts oben gezeigt. »Ist das dort oben jetzt ein Stück freier Himmel, oder leide ich unter Halluzinationen?« Born und Losting gingen ein Stück vor ihnen, und keiner der beiden Jäger achtete sonderlich auf die Konversation der Riesen.
Cohoma blickte in die Richtung, die sie ihm gewiesen hatte. Er sah etwas, das tatsächlich wie ein ovales Stück blauer Himmel aussah, durch welches flauschige weiße Wolken zogen. »Da müßten wir schon beide Sinnestäuschungen haben. Das muß wieder so" ein Loch im Wald sein wie das, das unser Boot beim Ab-sturz gerissen hat.« Sie bewegten sich darauf zu.
In dem Augenblick wandte Losting den Kopf, um sich zu vergewissern, daß ihre Schützlinge hinter ihnen sicher waren. »Halt in die Richtung!« Born ging ein paar Schritte vor Losting. Als er ihn rufen hörte, wandte er sich ebenfalls um und erkannte sofort die Ursache seiner Besorgnis. »Schon gut«, meinte Logan zuversichtlich. »Ich weiß über die Himmelsteufel Bescheid.« Sie schüttelte den Kopf und lächelte. »Wir sind zu tief unten im Wald, und dieses Loch ist zu eng, als daß auch nur der kleinste Flieger hinein könnte. Wir sind nicht in Gefahr.« Sie tat auf dem breiten Kabbl ein paar weitere Schritte auf die Ellipse aus klarem Blau zu. Wieder rief Losting und versuchte zu erklären, während die beiden Riesen weitergingen. Da Born wußte, wie sinnlos es war, mit Cohoma und Logan zu argumentieren, rannte er bereits auf sie zu. Während er von Ast zu Ast sprang, wobei ihm der Bläser auf dem Rücken herumhüpfte, versuchte er seine Axt aus der Gürtelschlaufe zu ziehen. Jetzt waren die beiden blinden Riesen beinahe an der Ellipse. Er konnte bereits sehen, wie sich der blaue Rand etwas kräuselte. Für die Axt würde es jetzt zu spät sein.
Zum Glück hatten auch andere die Gefahr entdeckt. Ruumahum und Geeliwan waren bereits zur Stelle. Ihre mächtigen Kiefer schlössen sich vorsichtig, wenn auch bestimmt, um das zähe Material ihrer Umhänge. Und dann zogen die beiden Pelziger gleichzeitig an und demonstrierten damit etwas abrupt eine weitere Funktion des
Mehrzweckcapes. Logan stieß einen unartikulierten Schrei aus, während Cohomas Ausruf etwas bestimmter ausfiel. Born hatte für alle Fälle seine Axt bereit, als die beiden Riesen aus dem blauen Flecken gezogen wurden. Das Flattern am Rand der ausgedehnten blauen Fläche wiederholte sich im unsi-cheren Schlag seines Herzens. Und dann beruhigten sich beide. Dem Heim sei Dank! Gegen einen Wolker hätte eine Axt nicht viel ausrichten können, und ob er sich auf Lostings Geschicklichkeit im Umgang mit dem Bläser hätte verlassen können, wußte er nicht. Jedenfalls hätte der Wolker ganz sicher Logan, die vor Cohoma ging, wenn nicht sogar beide Riesen getötet, ehe das Jacarigift gewirkt hätte.
Losting hatte ihn inzwischen eingeholt. Der große Jäger hielt ebenfalls die Axt in der Hand. Gemeinsam untersuchten sie das ovale Stück Himmel und Wolken und ignorierten die beiden Riesen, die sich jetzt ärgerlich hochrappelten. Ruumahum und Geeliwan hatten ihre Umhänge losgelassen, blieben aber wachsam in der Nähe. Born nickte Ruumahum kurz zu. Der alte Pelziger schnaubte nur und verschwand mit Geeliwan im Busch. Der Jäger musterte Logan, während diese sich abmühte, ihren ineinander verhedderten Umhang zwischen den Beinen hervorzuziehen. Ihr Gesicht war gerötet. »Warum sollten wir denn nicht einen Blick auf den Himmel werden, Born? Hast du immer noch Angst vor Himmelsdämonen? Dir bedeutet das vielleicht nicht so viel, aber wir haben jetzt seit zwei Wochen nur Grün über dem Kopf gehabt. Bloß ein einziger Blick auf einen normalen Himmel selbst, wenn er einen leichten Grünstich hat das ist für uns wichtig. So durchzudre-hen, bloß . . .«
»Wenn wir hoch genug dazu wären, würde ich es ja gerne riskieren, euch einen Blick in eure Obere Hölle tun zu lassen«, erwiderte Born ruhig. »Nun, da das aber nicht der Fall ist, würde ja das schon genügen.« Born schüttelte den Kopf. Man mußte sich dazu zwingen, mit diesen Riesen geduldig zu sein, erinnerte er sich. Sie konnten nicht emfatieren. »Ihr seht keinen Himmel und auch keine Wolken. Was ihr da seht, ist ein Wolker, der sich gerade anschickte, euch zu verspeisen.«
Wenn die Situation nicht so ernst gewesen wäre, hätte Born Logans Gesichtsausdruck vielleicht spaßig gefunden. Sie blickte verwirrt auf das Stück »Himmel« und musterte die Wolken, die sich darin bewegten. Dann sah sie Cohoma an, der bloß die Achein zuckte und ihren Blick ausdruckslos erwiderte. »Born, ich verstehe nicht. Gibt es Tiere, die am Rande solcher Öffnungen lauern, bis jemand ins Freie hinaustritt? Ich sehe nichts.«
»Hier ist kein freier Raum«, erklärte Born geduldig. »Paßt auf.« Sie zogen sich hinter einen Baumstamm zurück und warteten. Zehn, zwanzig Minuten des Schweigens verstrichen, und die beiden Riesen begannen nervös und unruhig zu werden. Da wanderte ein kleiner Brya ein vierbeiniger Pflanzenfresser etwa von der Größe eines Schweines auf das Stück »blauen Himmel« zu, während er in dem dichten Buschwerk nach eßbaren Wurzeln wühlte. Wieder entdeckte Born das Flattern am Rand des Stückchens Himmmel, wies aber Cohoma und Logan nicht darauf hin. Das brauchte er nicht sie sahen es selbst.
Der Brya wanderte unter das Stück Himmel, und als er sich genau in der Mitte befand, stürzte der Himmel ein, mit Wolken und allem. Der zitternde Wolker glich einer dicken Matratze, die am
and mit Hunderten feiner Fäden bewachsen war. Sie hüllten den Brya, der einen letzten quietschenden Laut ausstieß, buchstäblich ein. Der Wolker krampfte sich ein paar Minuten lang konvulsivisch zusammen und entspannte sich dann. Fünf Minuten später breitete sich der Rand aus Tentakeln und Fäden wieder aus. Der Wolker kletterte wieder zu seinem Nest empor und streifte dabei die ihn umgebende Vegetation ab, damit genügend freier Raum unter ihm blieb. Dann bezog er wieder vier Meter über dem nächsten Kabbl seinen Posten. Oben war er grün gefleckt; seine Unterseite sah aus wie ein Stück Himmel mit ziehenden Wolken. Logan mußte zweimal hinsehen, um sich davon zu überzeugen, daß es sich wirklich bewegt hatte. Ein paar Knochen, die selbst für die höchst wirksamen Verdauungssäfte des Wolkers zu zäh waren, fielen herunter. »Tarnung lasse ich mir eingehen, Mimikry auch«, flüsterte Logan. »Aber ein Fleischfresser, der den Himmel imitiert . . .« Cohoma war ähnlich beeindruckt, insbesondere bei der Vorstellung, daß er die Stelle des Brya hätte einnehmen können, hätten die Pelziger sich nicht eingeschaltet. Born seufzte und wandte sich zum Weitergehen. »Ich weiß nicht, was das bedeutet, aber Himmel ist Himmel, und ein Wolker ist ein Wolker. Ihr spürt es nicht. Ihr seid blind«, sagte er kopfschüttelnd und trat auf den Kabbl. Logan und Cohoma, gebührend zerknirscht, folgten ihm und blickten etwas unsicher nach rechts, als sie den unschuldig wirkenden Kreis aus Blau und Weiß passierten.
»Da bildet man sich ein, man hätte dieses Ökosystem begriffen«, murmelte Cohoma, »Räuber und Opfer identifiziert und katalogisiert, und da reißt einem so etwas fast den Kopf ab. Fleischfresser, die den Himmel imitieren!« Drei Tage später begegneten sie dem Palinglas und entrannen erneut um Haaresbreite dem Tode.
Wochen waren vergangen. Sie schlugen in der Höhlung eines Säulenzweiges ein besonders bequemes Lager auf. Die Höhle im Holz war mehr als groß genug, um ihnen allen sechs bequeme Unterkunft zu bieten sofern sie leer war. Born und Losting winkten, als sie die Öffnung erblickten, den beiden Riesen zu, etwas hinten zu bleiben. Dann näherten sie sich vorsichtig der mächtigen Narbe im Holz, die geladenen Bläser schußbereit. Es war unwahrscheinlich, daß eine solch schöne solide Behausung, die noch dazu so geräumig war, keinen Bewohner beherbergen sollte. Aber so war es tatsächlich. Weder Ruumahum noch Geeliwan hatten irgendeine Witterung aufgenommen. Als die Jäger die Höhle betraten, fanden sie nur etwas vertrockneten Kot und mehr Totholz, als sie für hundert Feuer brauchen würden. In jener Nacht beleuchtete luxuriöses Feuer das Innere des Zweiges, spiegelte sich in schwarzen Knoten und verzerrten Stalaktiten aus zersprungenem Holz oder Rinde. Born studierte die Riesen. Von dem Feuer und ihrem ausgezeichneten Quartier milde gestimmt, war ihm mehr nach reden zumute als seit vielen Tagen. »Langsam beginne ich zu glauben, daß ihr wirklich von einer anderen Welt kommt, Kimilogan.« Cohomas Gesichtsausdruck blieb unverändert, aber Logan schien erfreut, als er sich an sie wandte.
»Das ist ein großer Schritt, den du da tust, und ein sehr wichtiger obendrein. Aber es überrascht mich nicht, daß du ihn getan hast. Du bist offensichtlich der einsichtigste deines Volkes und von allen für Veränderungen und neue Ideen am aufgeschlossensten. Es wird sehr wichtig sein.« Sie stocherte mit einem Ast in den Kohlen herum und lauschte dem ständigen Tröpfeln des Nachtwassers draußen. »Weißt du, Born, wenn du und dein Volk und die anderen Stämme hier sich wieder der Familie der Menschheit anschließen, werden sie jemanden brauchen, der für sie mit unserer Gesellschaft spricht.« Sie blickte ihn an, musterte ihn unverhohlen. »Ich könnte mir keinen besseren Kandidaten als dich vorstellen. Wenn man bedenkt, was du schon alles für die Gesellschaft getan hast, indem du Jan und mich gerettet hast, kann ich mir eigentlich gar nicht vorstellen, daß jemand anderer als du auserwählt wird. Und eine solche Position wäre sehr vorteilhaft für dich.« Losting hörte zu und blieb stumm. Sein Respekt für Borns Intelligenz war ebenso groß wie seine Abneigung gegenüber seiner Person. Er lehnte sich an Geeliwan und hörte zu, was Born den Riesen zu sagen hatte. »Die Welt, von der ihr uns erzählt, scheint mir nicht sehr einladend zu sein«, erwiderte Born und hob die Hand, als Cohoma sich anschickte, einen Einwand vorzubringen, »aber das ist natürlich eine Frage der persönlichen Wahl. Es ist offensichtlich, daß ihr unserer Welt ähnliche Gefühle entgegenbringt. Das hat nichts zu besagen.« Er hielt nachdenklich inne und beugte sich dann vor, um seine Worte zu unterstreichen. »Was ich wissen möchte, ist folgendes: Wenn ihr mit eurer eigenen Welt so zufrieden seid und mit den anderen, die es, wie ihr behauptet, gibt, weshalb kommt ihr dann unter so großen Mühen und Strapazen auf unsere Welt?« Plötzlich wirkte das Gesicht des Jägers, das im Halbschatten der Flammen lag, lauernd und hellwach. Cohoma und Logan tauschten Blicke. »Dafür gibt es zwei Gründe, Born«, erwiderte sie nach einer Pause. »Der eine ist, daß wir lernen, daß wir verstehen wollen der andere . . . nun, ich glaube, du wirst ihn begreifen. Ich weiß nicht, ob Häuptling Sand oder Leser, der Schamane, ihn begreifen würde.« Sie spielte mit einem Zweig und schnippte eine glühende Kohle zu dem vom Regen durchnäßten Rand der Höhle. Es zischte, als die Tropfen darauf fielen. »Es hat mit dem Erwerb von etwas zu tun, das man Geld nennt, und das wieder hängt mit dem Handel zusammen. In der Station wird dir das alles erklärt werden. Sobald du deine Stellung im Hinblick auf diese Sache zu verstehen gelernt hast, wirst du auch einsehen, warum ich im Augenblick zögere, auf Einzelheiten einzugehen. Ich will nur sagen, daß du und dein Volk daraus beträchtlichen Nutzen ziehen werdet. Ebenso wie Jan und ich und unsere Freunde.
Das andere ist bei manchen Menschen weniger, bei anderen mehr ausgeprägt Neugierde. Das, was dich dazu getrieben hat, zu unserem Skimmer hinunterzusteigen, um zu sehen, was das war. Jener Teil deines Wesens, der dich gegen deine Einsicht und gegen den Rat deiner Freunde dazu treibt, den Versuch zu machen, uns sicher zu unserer Station zurückzuführen. Und dieses Etwas ist es auch, das die Menschheit und die Thranx von Stern zu Stern getrieben hat Neugierde und dieses andere.« »Was sind Thranx?« wollte Born wissen.
»Das sind Leute, die dir, glaube ich, gefallen würden, Born.« Sie starrte in die Dunkelheit hinaus. »Und denen diese Welt sehr gefallen würde, mehr noch als meinen Leuten.« »Gibt es solche Thranx in eurer Station?« fragte Losting plötzlich.
»Nein. Unserer . . .« - sie zögerte - »unserer Gesellschaft oder Gruppe, Organisation, Stamm, wenn du willst, gehören keine an.« Sie lächelte. »Wenn wir die Station erreichen, wird alles viel verständlicher werden.« »Ganz bestimmt«, meinte Born und starrte in die tanzenden Flammen. Später, als er sich in seinen Umhang hüllte und sich eng an den schnarchenden Ruumahum schmiegte, fragte er sich, ob wirklich alles verständlicher werden würde. Und dann fragte er sich, ob er das überhaupt wünschte.
1O
Niemand weiß, wie leise sich ein großes Tier bewegen kann, bis einmal ein ausgewachsener Pelziger dicht an ihn herangetappt ist. Ruumahum bewegte sich auf diese Weise. Als der Geruch ihn weckte, erhob er sich so leise, daß selbst Born mit seinem leichten Schlaf nicht aufwachte. Die Witterung kam von draußen, von oben und war so ausgeprägt, daß der Geruch durch zwei Etagen und den immer noch fallenden Regen drang. Geeliwan regte sich im Schlaf, als Ruumahum an den Eingang der Höhle tappte. Er schob den Kopf hinaus und blickte mit drei scharfen Augen nach oben, blinzelte häufig wegen des dichten Regens. Der Geruch war unverkennbar, aber es schadete nicht, sich zu vergewissern. Er packte das Holz mit den Vorderbeinen, folgte mit dem mittleren Beinpaar nach, dann dem hinteren, und schwang sich auf den Ast hinauf. Seine mächtigen Beinmuskeln spannten sich, als er sich lautlos an dem Stamm nach oben zog. Das war mühsamer, als sich in der dichten Vegetation einen spi-ralenförmigen Weg zu suchen, aber wenn seine Vermutung zutraf, hatte er dafür keine Zeit. Das Haar hinter seinen Ohren sträubte sich, als der drohende Geruch sich verstärkte. Es gibt nur wenige Sinneseindrücke, die einen Pelziger beunruhigen, und einen dieser Eindrücke nahm Ruumahum jetzt wahr.
Selbst für ihn war der lange, senkrechte Aufstieg anstrengend. Und dann sah er es, immer noch weit über sich, aber auf dem Weg nach unten, und nun wußte er, warum ihre Höhle leer gewesen war: es war der Baum einer Silberglitsche.
Und sie hatte ihre Witterung aufgenommen, daran bestand kein Zweifel. Sie waren bereits tot, sofern den Menschen nichts Neues einfiel. Er drehte sich um und raste durch Zweige und Lianen nach unten, eilte dahin in mächtigen Sätzen und Sprüngen. Er machte dabei genug Lärm, um sämtliche nächtlichen Jäger in weitem Umkreis zu wecken, und das wollte er auch. Vielleicht war einer von ihnen dumm genug, um nachzusehen. Vielleicht reichte dieser kurze Imbiß dann aus, die Silberglitsche für ein paar wertvolle Minuten abzulenken.
Sie hatten wenig Zeit. Die Silberglitsche bewegte sich langsam, spielte bewußt mit ihrer Beute. Er platzte so laut in die Höhle, knurrte, um Born und Losting sofort zu wecken. Geeliwan warnend, entspannte sich aber, als er den vertrauten Geruch wahrnahm.
Ruumahum stand keuchend vor ihnen, und sein nasser Pelz glitzerte im Schein der glühenden Kohlen. »Andere wecken«, keuchte er. Während Losting die Riesen wachrüttelte, flüsterte Ruumahum etwas in der Sprache der Pelziger, was Geeliwan dazu veranlaßte, an den Höhleneingang zu eilen. Dort baute er sich auf und starrte nach oben. »Was ist denn los? Was ist denn?« brummte Cohoma schläfrig, als Losting ihn weckte. Logan hatte sich bereits aufgesetzt und wartete darauf, etwas zu erfahren. »Wir müssen sofort hier weg«, erklärte ihnen Born. Er befestigte seinen Umhang am Hals und sammelte seine wenigen Habseligkeiten ein. Losting tat es ihm gleich. »Dies ist der Baum einer Silberglitsche. Jetzt wissen wir, warum wir nicht um diese Höhle kämpfen mußten. Man meidet sie. Wir hätten sie meiden sollen, aber es gab keinen Anlaß zum Argwohn, gar keinen. Trotzdem fühlte ich mich bei dem Gedanken nicht wohl.«
»Na schön«, meinte Logan müde, »also noch so ein lästiges Biest. Was ist eine Silberglitsche, Born, und was können wir dagegen unternehmen?« »Fliehen«, erwiderte er drängend und schob die glühenden Überreste des Feuers mit einem dicken Stück Holz zum Höhleneingang. Der Regen würde sie löschen. »Mitten in der Nacht?«
»Die Silberglitsche diktiert das, nicht ich, Kimilogan. Wir können nur fliehen, versuchen, sie abzuschütteln. Es besteht eine schwache Chance, daß sie müde wird und von uns abläßt.«
»Etwas, das uns folgen wird wie die Akadi?« wollte Cohoma wissen. Seine schlaftrunkenen Sinne hatten inzwischen erkannt, daß die Lage ernst war. »Nein, nicht wie die Akadi. Verglichen mit einer Silberglitsche ist der Geist der Akadi wandelbar wie die . . . wie . . .« er suchte nach einem geeigneten Vergleich »die Wünsche einer Frau. Wenn eine Silberglitsche einmal die Witterung von etwas aufge-nommen hat, das in ihren Baum eingedrungen ist, dann folgt sie dieser, bis der Eindringling aufgestöbert und gefressen ist. Man kann ihr auch nicht entkommen wie den Akadi. Und im Gegensatz zu den Akadi schläft sie auch nie.«
»Das ist doch ein Märchen«, wandte Cohoma ein und machte sich an seinem Umhang zu schaffen. »Es gibt keine warmblütigen Geschöpfe, die nicht schlafen, und nur wenige Kaltblütler, die ohne Ruhe auskommen.« »Ich kenne ihre Bluttemperatur nicht«, meinte Born und ging auf den Höhleneingang zu, »ja nicht einmal, ob sie Blut hat. Noch niemand hat je eine Silberglitsche bluten gesehen. Aber jetzt ist keine Zeit für solche Reden.« Eigenartigerweise grinste er. »Wenn ihr des Laufens müde seid, schlage ich vor, macht ihr ein kleines Schläfchen und wartet ab, was euch dann aufweckt.«
»Okay, wir glauben dir ja«, sagte Logan und zog ihren Umhang zurecht. »Silberglitschen schlafen nicht«, wiederholte Born eindringlich. Dann sagte er sich, daß es sinnlos war, mit Leuten zu streiten, die sich weigerten, die Wahrheit hinzunehmen, und winkte ihnen mit einer schroffen Handbewegung zu, ihm zu folgen.
Losting hatte Fackeln vorbereitet, Bündel von Fackeln. Aber sie mußten noch die kugelförmigen Blätter suchen, die die Flammen vor dem Regen schützten, und zum Suchen war keine Zeit. Sie mußten den Baum schleunigst verlassen. Hoffentlich fanden sie die ziemlich weitverbreiteten Gewächse unterwegs. Bis dahin würden sie im Dunkeln fliehen müssen. »Schnell«, brummte Ruumahum mit dem Unmut eines schlecht ausgeschlafenen Pelzigers. »Es fühlt uns.« »Geeliwan!« flüsterte Losting. Der Pelziger trat an die nächste Liane, ließ sich auf einen niedrigeren Ast hinab, der aus einem anderen Baum wuchs, dann auf den nächsten weiter unten und blickte nach oben. Seine Augen funkelten in der Dunkelheit. Losting sprang ihm nach, dann folgte Cohoma. Logan sah sich nach Born um, als sie an die Liane treten wollte. »Ich dachte, es sei gefährlich, nachts zu reisen?«
»Das ist es«, räumte er ein, »aber hierzubleiben ist tödlich.« Sie nickte. »Ich wollte mich bloß vergewissern, daß dies nicht eine Art Prüfung sei«, erwiderte sie geheimnisvoll, wandte sich um und eilte in die Tiefe. Born zögerte lange genug, um Ruumahum, der nach oben in den Regen starrte, zuzuflüstern: »Wieviel Zeit?« »Sie wird zunächst jeden Winkel der Höhle durchsuchen. Dann folgen.«
»Eine Chance, mit ihr zu kämpfen, alter Freund?« Ruumahum schnaubte. »Born träumt. Gegen Silberglitsche kämpfen? Nicht einmal gegen junge Silberglitsche.« Sein Blick wanderte wieder nach oben. »Nicht jung. Alt, groß. Sehr groß. Und stark.«
Born brummte etwas Unverständliches und blickte nach oben. Jetzt kam ihm eine Idee. Eine beängstigende Idee, aber sonst bot sich nichts an, und für gründliche Überlegungen war jetzt keine Zeit. Wahrscheinlich würde es ihnen gelingen, einen gewissen Abstand zu der Silberglitsche zu halten. Aber entkommen konnten sie ihr nicht, oder sie abschütteln oder gegen sie kämpfen. Am Ende würde die Müdigkeit ihre Flucht verlangsamen, sie zum Rasten zwingen, und dann würde der unermüdliche Killer sie in aller Ruhe erledigen. Er zögerte immer noch, seine Idee vorzuschlagen und entfernte sich mit den anderen von dem Baum.
Sie waren schon eine Weile unterwegs, als von irgendwo hinter ihnen schwacher Donner durch den Wald dröhnte. Wie Donner wurde das Geräusch von einer schnellen
Luftbewegung verursacht, aber dabei handelte es sich keineswegs um ein elektrisches Phänomen.
»Jetzt hat sie entdeckt, daß wir verschwunden sind«, erklärte Born Logan auf ihre unausgesprochene Frage. »Jetzt wird sie ein paar Minuten lang ihre Wut hinausbrüllen und dann die Verfolgung aufnehmen.« »Sag, Born«, fragte sie, während sie sich anstrengte, hinter Losting zu bleiben, der sich durch das dichte Blattwerk seinen Weg bahnte, »wenn eine Silberglitsche nie aufgibt, bis sie ihr Opfer eingeholt und getötet hat, wie kommt es dann, daß du soviel über ihre Gewohnheiten und ihr Aussehen weißt? Du weißt doch, wie sie aussieht?«
Die Riesin vergeudete zuviel Energie mit reden. Trotzdem antwortete er: »Es gibt Geschichten, wie eine Gruppe von zwanzig oder dreißig von einer angegriffen wurde. Die Leute verteilten sich in allen Richtungen. Nicht einmal eine Siberglitsche konnte allen Witterungen bis zum Ende folgen, ehe sie verblaßt waren. Ein paar überlebten, um von dem Ungeheuer zu berichten.«
»Du sagst, nicht einmal zwanzig oder dreißig von euch . . .« »Und ebenso viele Pelziger.«
» . . . und ihre Pelziger könnten mit einem dieser Biester fertig werden?«
»Zu groß, zu stark«, erklärte Born.
»Ich dachte, euer Jacarigift würde alles töten.« »Silberglitschenhaut ist zu dick«, erklärte er. »Außerdem wirkt das Jacarigift auf . . .auf. . .«er durchstöberte seine Erinnerung nach dem uralten Begriff »das Nervensystem.« »Warum wirkt es dann bei Silberglitschen nicht?« fragte Cohoma. »Sie müssen doch auch verletzbare Stellen haben.« »Die kannst du mir ja zeigen, wenn sie kommt«, murmelte Born. »Außerdem heißt es, daß Silberglitschen kein Nervensystem haben.« Logan war inzwischen zwar bereit, den Geschöpfen die Fähigkeit zuzuschreiben, längere Zeit ohne Schlaf oder Ruhe auszukommen, aber so weit reichte ihre Bereitschaft nun doch nicht. »Ach komm, Born«, sagte sie im Vollgefühl ihres überlegenen Wissens, »jedes Tier hat ein Nervensystem.« »Hat es das?«
»Ein Tier kann nicht ohne Nervensystem leben, Born.« »Kann es das nicht?«
»Zuallermindest«, fügte sie hinzu, »muß es irgendeine Art rudimentäres Gehirn und ein zentrales Bewegungssystem haben.«
»Muß es das?«
Sie gab auf. Cohoma hatte ihnen nicht zugehört. Er versuchte immer noch, die Vorstellung zu verdauen, daß dieses Ding, das sie verfolgte, mit dreißig Pelzigem fertig werden konnte. »Hör zu, wieviel von dem, was du mir da sagst, ist wahr, und wieviel ist von den Überlebenden jener angegriffenen Gruppe erfunden worden? Es ist doch ganz klar, daß sie etwas, das sie in die Flucht schlug, als besonders gefährlich und unverletzbar hinstellen müssen.«
Born wollte gerade antworten, als Ruumahum ihn unterbrach. Es war ungewöhnlich, daß ein Pelziger sich in ein Gespräch unter Menschen einmischte. Ruumahum tat das, um Borns Adrenalinpegel zu schonen bis zu dem Zeitpunkt, wo er mehr Energie brauchen würde. »Silberglitschenbaum«, brummte er leise, »einziges Ding auf der Welt, bei dem sogar Akadi ihren Weg ändern. Große Menschen jetzt still sein und auf Weg achten.«
Diese Information reichte aus, um Logan und Cohoma über die Tatsache hinwegsehen zu lassen, daß ihnen ein überdimensioniertes Haustier einen Befehl gegeben hatte. Sie grübelten über das nach, was sie gehört hatten, während sie schweigend durch den Wald eilten. Born beschäftigte sich wieder mit dem Gedanken, der ihm vorher gekommen war. Er versuchte sich herauszureden, aber der Gedanke ließ ihn nicht los, hielt ihn fest wie der Arm eines Grasers. Er versuchte ihm auszuweichen, aber er stand ihm mitten im Wege, so wie der Säulenbaum der Silberglitsche. Hin und wieder konnte er ihn verdrängen, wenn er sich Vorwürfe machte, weil er den Baum nicht als das erkannt hatte, was er war. Diese riesige, trockene, einladende Höhle, so leer, von allen gemieden. »Narr! Narr, Narr!« murmelte er laut.
»Und ich auch«, murmelte Losting, aber Born hörte ihn kaum. »Mach dir keine Vorwürfe, Born. Du hast ja gesagt, daß man das nicht ahnen konnte«, versuchte Logan ihn zu beruhigen. »Nein. Wenn sie weiter unten gewesen wäre, hätte Ruumahum sie gewittert. Aber sie war ganz oben am Baum, in der Nähe des Gipfels wahrscheinlich auf Höllenjagd.« »Höllenjagd?« »Sie hat am Himmel nach Luftdämonen gefischt«, erklärte er. »Sie versuchen Flieger von den Baumwipfeln aus einzufangen, so wie den, der euer Flugboot angegriffen hatte.«
»Oh«, murmelte sie. Wieder ein ernüchternder Gedanke. »Uns hat sie erst gewittert, als sie nach unten zu klettern begann. Und da hat Ruumahum sie gerochen.«
Schließlich fanden sie die kugelförmigen Blätter, dicht neben ihrem Weg. Geeliwan sah sie und hielt mit Ruumahum Wache, während Born und Losung einige abschnitten und sie vorbereiteten. Freilich würden sie, sollte die Silberglitsche angreifen, den Menschen nur ein paar zusätzliche Minuten verschaffen.
Eine Handvoll Feuerpollen, und sie hatten wieder richtiges Licht. Das munterte Cohoma und Logan auf. Wenigstens konnten sie jetzt sehen, wo sie hintraten. Aber gleichzeitig gab Logan einer neuen Sorge Ausdruck. »Sehen uns jetzt nicht die anderen Raub-tiere besser?« »Das hat jetzt nichts mehr zu bedeuten. Die Silberglitsche ist zu nahe. Die anderen Geschöpfe haben sie auch gewittert, und keines wird uns zu nahe kommen. Die fliehen ebenfalls. Ist euch die Stille nicht aufgefallen?« Logan lauschte und wußte, was Born meinte. Die üblichen Geräusche der Nacht, das Pfeifen und Klicken, Piepsen und Summen, unterbrochen von einem gelegentlichen tiefen Brüllen, fehlten völlig. Nur das gleichmäßige Tropfen des Regens blieb. In gespenstischem Schweigen eilten sie dahin. »Sie kommt näher«, keuchte Ruumahum. »Ganz langsam, aber sie nähert sich.«
»Es tut mir leid, es tut mir wirklich leid, Born«, sagte Logan im gleichen Augenblick und rang nach Atem. »Ich halte das nicht mehr lange durch. Ich weiß nicht, ob mir zuerst die Augen oder die Beine den Dienst versagen werden.« »Dann«, meinte Born, seufzte tief und traf damit die Entscheidung, die er seit Stunden aufgeschoben hatte, »ist es besser, wenn wir jetzt anfangen.« »Was anfangen?« fragte Losting. »Hinunter ... in die tieferen Etagen.«
Weder Losting noch die Riesen scherten sich darum, ob ihr monströser Verfolger jetzt ihre Rufe hörte.
»Was nützt es denn, eine weitere Etage tiefer zu steigen?« »Dann haben wir nur weniger Tageslicht, wenn der Morgen kommt.« »Die Silberglitsche wird uns spielend folgen«, fügte Losting hinzu. »Uns ewig folgen. Das weißt du doch, Born.« Born musterte seinen Verbündeten und Rivalen. »Bis in die Hölle?«
Das war das erste und zugleich das letzte Mal, daß Cohoma oder Logan jemals hörten, wie ein Pelziger einen erschreckten Grunzlaut von sich gab. Losting war zu schockiert, um etwas einzuwenden, als Born fortfuhr: »Ich werde nicht hierbleiben, um mit dir, Losting, zu streiten oder mit sonst jemandem. Wenn die Silberglitsche uns weiterhin folgt, werde ich bis in die Siebente Etage hinuntersteigen. Hinunter zu dem, was auch immer dort unten sein mag.« »Der Tod ist dort«, seufzte Geeliwan. »Der Tod erwartet uns auch hier, Freund«, erinnerte, ihn Born. Er blickte wieder nach vorne zu Losting. »Wir wissen, was die Silberglitsche tun wird, wenn sie uns erreicht. Zumindest finden wir auf diese Weise vielleicht eine neue Todesart.«
»Born, du selbst hast gesagt, es sei der sichere Tod, zur Unteren Hölle auf die Oberfläche zu gehen«, meinte Logan leise. »Weniger sicher, als wenn wir hierbleiben. Vielleicht folgt die Silberglitsche uns nicht, weil sie hier ganz oben in der Welt lebt. Mag sein, daß sie sich unter ihren Verwandten unten am Grunde ebenso wohl fühlt, aber das wissen wir nicht. Ich glaube, eine Chance wäre das zumindest. Aber ich werde natürlich keinen von euch zwingen, mit mir zu kommen.« Er würde das tun, was er für das beste hielt, und davon ausgehen, daß die anderen die Klugheit seiner Entscheidung erkannten und ihm folgten. So hatte er es immer gehalten. Und auch jetzt, als er den langsamen Abstieg in unsichtbare Tiefen begann, war es so, und er tauchte in immer tiefere, drohendere Dunkelheit.
Sie folgten ihm alle, aber nicht aus Respekt für seine größere Weisheit, wie er glaubte, sie folgten ihm, weil in einer Krise unsichere Leute immer dem folgen, der sich selbst zum Führer erklärt. In der Hinsicht erwies Losting sich als ebenso menschlich wie Logan oder Cohoma. Sie kletterten über Kabbls und Lianen hinab. Nach unten gebogene Baumäste, parasitische Gewächse von der Größe von Sequoias und größer blieben hinter ihnen zurück. Ein solcher Baum wucherte in tausend dicke Luftwurzeln aus, die ineinander verschlungen waren. Sie benutzten sie, um sich viele Meter weit schneller nach unten zu bewegen. Dann ließen sie die Fünfte Etage hinter sich und drangen in die Sechste ein, eine Region brauner, weißer und purpurfarbener Gewächse, die das Grün zu verdrängen begannen. Und dann hatten sie die Mitte der Sechsten Etage hinter sich, dann ihren Boden und betraten eine Welt der Gespenster. Eine schwach vom Licht der Fackeln erhellte Welt, die sich furchtsam an ihr mütterliches Holz drängte. Eine Welt von Säulenbaumsockeln, deren Stämme im Umfang
Sternenschiffen glichen. Nach allen Seiten hoben sich vielfältige Stützen. Schimmernde Pilze, so groß wie Lagerhäuser, die in einem wirren Durcheinander obszöner, grotesker Formen wucherten und wuchsen. Kleine leuchtende Geschöpfe krochen zwischen ihnen herum und verbargen sich vor dem Lichtschein ihrer Fackeln. Hier gab es keinen Morgen und keinen Abend, keinen Tag und keine Nacht nur ewige Dunkelheit, die weder dem Mond noch der Sonne angehörte. Obwohl die phosphoreszierenden Pilze und ihre verwachsenen Verwandten genügend Licht lieferten, daß man etwas sehen konnte, ließen sie ihre Fackeln brennen, denn sie warfen einen sauberen, angenehmeren Schein als das, was hier leuchtete. Gelbes, rotes und weißes Licht umgab sie, eine gespenstische Szene, die nur Silhouetten andeutete und Formen unbestimmt ließ.
Endlich kamen sie am unteren Ende eines der mächtigen Stützpfeiler an, der letzten Treppe, die nach oben führte. Hier wuchs eine Gruppe orangeroter Schößlinge, Gewächse, die nie der Photosynthese mächtig sein würden. Ohne Zweifel hatten sie den Bo-den erreicht, die Siebente Etage, die Untere Hölle selbst. Und doch schien es darunter noch eine weitere Etage zu geben, denn ganz in der Nähe wurde der Boden weich, klebrig und feucht, dicker als Wasser, aber dünner als Schlamm. Logan wandte sich um. Ihr Atem ging schwer, und sie blickte auf den Weg zurück, den sie gekommen waren. Der Stamm hinter ihnen war wie eine dunkle schwarzbraune Klippe. Darüber konnte sie nur Finsternis erkennen und den schwachen Schimmer ferner Pilze. Es gab hier nichts, was daraufhindeutete, daß es ein paar hundert Meter über ihnen eine Welt des Lichts und des grünen Lebens gab, durch die der Wind wehte und auf die Regen fiel.
Es war erstickend feucht hier, obwohl nur gelegentlich ein verirrter Tropfen so weit durchdrang. Der Hauptanteil des nächtlichen Regens war hoch über ihnen von einer Million von Bromeliaden oder anderen das Wasser aufhaltenden Gewächsen aufgefangen worden. Diese vereinzelten Tropfen erinnerten sie daran, daß sie noch nicht gestorben waren, daß weit über diesem finsteren Ort noch eine lebende grüne Welt existierte. Auch Born blickte nach oben. »Ruumahum?«
»Sie folgt uns immer noch«, murmelte der Pelziger, nachdem er geschnuppert hatte. »Aber langsamer, viel langsamer, ja vorsichtig.« »Wir haben keine Zeit für Vorsicht.« Er wandte sich zu Logan und Cohoma und wies auf den Morast, der ihre kleine trockene Halbinsel umgab. »Ich verstehe nichts von solchem Gelände. Und doch müssen wir diese Stelle verlassen, ehe die Wut der Silberglitsche die Oberhand über ihre Vorsicht gewinnt.«
Lange wertvolle Augenblicke vergingen, während die vier Menschen über das Problem nachdachten. Logan ertappte sich dabei, wie sie mit der Hand an einem der orangeroten Schößlinge entlangfuhr, die an der Stelle aus der Wurzel hervorwuchsen, wo diese im Wasser verschwand. Sie glichen orangeroten Schilf Stauden, obwohl sie ohne Zweifel nichts mit der Familie der Schilfgewächse gemeinsam hatten. Sie zog ihr Knochenmesser und prüfte das Material. Das Messer schnitt hinein, wenn auch nicht leicht. Die Faser war dicht, aber nicht mit Wasser gefüllt oder mit Fruchtfleisch. Nun, sie hatten auch Äxte. »Born, sieh nach, ob du irgend etwas findest, das man als Seil verwenden könnte. Eine Art Ranke oder so etwas. Ich glaube, aus dem Zeug hier kann man ein vernünftiges Floß bauen ein Fahrzeug, mit den man sich auf dem Wasser bewegen kann wenn wir die Schößlinge kreuzweise in zwei Lagen anbringen.«
Sie arbeiteten schnell. Es war ein Wunder, daß sich niemand verletzte. Jedesmal, wenn sie einen der orangeroten Stämme fällten, ging ein Geruch davon aus, der an verfaulte Zwiebeln erinnerte. Dann kamen Born und Ruumahum mit einer ganzen Ladung einer klebrigen grauen Wasserpflanze zurück, die sie sich auf den Rücken geladen hatten. Logan und Cohoma legten die »Stämme« zurecht und hielten sie fest und erklärten Born und Losting, wie sie sie zusammenbinden sollten. Ruumahum und Geeliwan bewachten unterdessen den Weg, über den sie gekommen waren. Ihre periodischen gutturalen Warnungen, die sie nach unten riefen, ließen erkennen, daß die Silberglitsche sich immer noch mit derselben unnatürlichen Langsamkeit bewegte. Keiner von ihnen dachte darüber nach, warum das Monstrum so vorsichtig war.
Logan fragte plötzlich: »Born, wir haben die hier doch nicht um Erlaubnis gebeten oder emfatiert oder so etwas, oder? Ist das nicht gegen deine Religion oder deine Moral oder so?« Sie wies auf die gefällten Stämme. »Sie gehören nicht dem Wald an, meiner Weib« Er blickte angeekelt. »Das ist eine Art von Leben, dem ich mich nur entfernt verwandt fühle. Ich kann mit ihnen nicht emfatieren. Es gibt hier nichts, was man emfatieren könnte.« »Es ist fertig«, verkündete Cohoma mit lauter Stimme und zwang damit Logan, weitere Fragen zu unterlassen. So faszinierend dieses fremdartige Emfatieren auch war, das Überleben war wichtiger. Ein Ruf hallte zu ihnen herunter. »Schnell, Born!« Das war Ruumahum. »Sie sieht uns. Jetzt kommt sie schnell.« Sekunden später, wie es schien, standen die beiden Pelziger neben ihnen; ihr Nackenhaar war gesträubt, und ihre Blicke wanderten immer wieder nach oben. Auch Logan starrte hinauf, ebenso Cohoma, aber bis jetzt gab es noch nichts zu sehen. Als sie ihre wenigen Habseligkeiten auf das Floß geworfen hatten, kletterten auch die zwei Pelziger hinauf. Wenigstens gab es keine Platzprobleme. Das Floß war groß genug, um doppelt so viele Menschen und Pelziger zu tragen. Cohoma, Born, Logan und Losting schoben, stemmten sich gegen das Floß, versuchten es abzustoßen, aber es bewegte sich nicht von der Stelle. »Ruumahum, Geeliwan«, wies Cohoma die Pelziger an, »geht ans andere Ende des Floßes.« Die Pelziger kamen dem Befehl nach, und als die Menschen erneut schoben, glitt das Floß in den braunen Schlamm. Als erstes prüfte Cohoma die Tiefe des Sumpfes. Das Stück Holz, das er dazu benutzte, tauchte ein und ließ ihn erkennen, daß der Grund wenigstens zwei Meter unter ihnen lag. In der dickflüssigen Brühe fiel das Rudern schwer. Alle ruderten angestrengt, wobei Losting und Borns Ungeschicklichkeit im Umgang mit Paddeln sie zunächst behinderte. Aber sie lernten schnell. Und so dauerte es nicht lange, bis sie eine beträchtliche Distanz zwischen sich und das Ufer gelegt hatten. Über ihnen wölbte sich Dunkelheit. Es war, als ruderten sie lautlos durch eine unvorstellbar große, finstere Kathedrale. Die Vegetation, die rings um sie auf den kleinen trocknen Flecken und den Stämmen toter oder lebender Bäume wucherte, war dicht, aber hier galt nicht das Bestreben nach Freiheit, da keines der Ge-wächse der Sonne entgegenstrebte. »Wo ist der Baum, an dem wir heruntergeklettert sind?« fragte Logan. Sie spähte in die Richtung zurück, aus der sie gekommen waren. Aber aus der Entfernung sahen die Wurzeln gleich aus, da das Ungewisse Licht der glühenden Pilze nicht weit reichte. Und dann sah sie das Ding und wußte, an welchem Stamm sie herun-tergekommen waren und wie eine Silberglitsche aussah. Sie schrie. Als das Monstrum den Sockel der Baumstütze erreichte, hielt es inne wenigstens sein Vorderteil hielt inne. Der Rest reichte weit den Baum hinauf und in die Schwärze dahinter, niemand wußte, wie weit. Sein Körper war etwa ein Fünftel so dick wie der Säulenbaum selbst. Es sah aus wie ein lebender Wald, und an seinem zylindrischen Körper saßen Tausende von unabhängig voneinander zuckenden und sich bewegenden Fäden, die wie poliertes Antimon aussahen. Der Kopf war eine aufgedunsene schreckliche Maske, das Gesicht einer perversen Natur. Zahlreiche pulsierende Mäuler öffneten und schlössen sich an dem kugelförmigen Kopf, blitzende Zähne sprossen nach allen Richtungen, Tentakeln wuchsen scheinbar planlos um die gierigen Mäuler, und die ganze grauenerregende Visage war buchstäblich mit schwarzen Flecken wie Pockennarben überzogen, die möglicherweise Augen darstellten. Das Scheusal gab sanft miauende Laute von sich, die in perversem Kontrast zu dem gräßlichen Äußeren standen. Und dann gingen sie in ein hohes Pfeifen über, das Cohoma und Logan eisige Schauer über den Rücken jagte. Der Kopf alleine streckte sich viele Meter über das Wasser. Langsam schwang er hin und her, als beschnupperte er die
Wasseroberfläche. Und dann hob sich der Kopf. Und wenn auch jene schwarzen Punkte nach allen Richtungen wiesen, war Cohoma doch zumute, als starrten sie direkt ihn an. »Oh, mein Gott, mein Gott«, stöhnte Logan. »Es hat uns gesehen.«
»Nicht so ... nicht so«, jammerte Cohoma.
»Seid ruhig und wie nennt ihr es paddelt!« stieß Born zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, obwohl er ebenso verängstigt war wie die Riesen. Schweiß tropfte ihm von der Stirn. Sie hatten sich weit vom Ufer entfernt, ihr Floß schwamm mitten im Wasser. Die Silberglitsche hatte sie bis in die Hölle verfolgt. Born fühlte, daß das Monstrum nicht zulassen würde, daß ihm seine Beute entkam. Es reckte sich nach ihnen, heulte laut. Noch mehr von jenem scheinbar endlosen Körper floß an dem Säulenstamm herunter, und immer noch war kein Ende zu sehen. Immer weiter streckte sich das Ungeheuer nach links, tastete nach dem nächsten größeren Gewächs. Born sah verzweifelt, daß es sie bald, ohne das Wasser berühren zu müssen, vom Floß würde holen können. Losting sah es auch, und die Jäger suchten verzweifelt nach einer Spalte, einem Riß im Sockel eines der riesigen Stämme, wo sie sich eventuell verstecken konnten, obwohl die Kräfte der Silberglitsche groß genug waren, daß sie selbst jene mächtigen Stämme auseinanderreißen konnte, um sie herauszuholen. Plötzlich war hinter ihnen ein gewaltiges Rauschen zu hören, und im selben Moment schoß das Wasser in die Höhe, spie ein kolossales schemenhaftes Ding aus, das so ungeheuer groß war, daß es jede Vorstellung überstieg. Das Ding erfüllte das ganze weite Becken offenen Wassers, das sie eben überquert hatten. Das Schlammungeheuer ignorierte sie ebenso, wie Born ein Blatt ignorieren würde, das ihm im Wald auf den Kopf fiel. Sie waren zu winzig, als daß man sie zur Kenntnis nahm. Lange, vielgliedrige Beine mit Klauen so groß wie kleine Bäume schössen hervor und klammerten sich um die Silberglitsche. Ein Auge, so groß wie der Skimmer der Riesen, blitzte einen Augenblick lang zwischen jenen krallenbewehrten Beinen auf. Was sie von seinem Leib sehen konnten, dort, wo er aus dem Wasser herausragte, war ein grotesker Zwitter aus Geheiligtem und Profanem. Denn er war mit Juwelen überkrustet Smaragden und Saphiren, Topasen, Turmalinen, angeordnet in ineinanderverwobenen Mustern natürlicher Lumineszenz. Es war überwältigend schön, erschrek-kend und ekelhaft. Sie stürzten vom Floß und hielten sich verzweifelnd an den orangeroten Stämmen und den grauen Bändern fest, als das Floß wie ein Blatt im Winde hin und her geschleudert wurde von der Wut der kämpf enden Titanen. Born konnte nicht schwimmen und versuchte sich vorzustellen, wie es wohl wäre, wenn man Wasser atmete. Er entschied, daß es da wohl noch vorzuziehen wäre, aufgefressen zu werden. Stunden später, wie es schien, hörte das Gischten endlich auf. Als Born den Kopf wieder heben konnte, war das erste, was er sah, Ruumahum und Geeliwan, die Seite an Seite am hinteren Ende des Floßes standen. Die Pelziger starrten ins Wasser. Born stemmte sich mühsam hoch. Hinter ihnen war jetzt nichts mehr, nur Schweigen Schweigen und die weit entfernten leuchtenden Silhouetten von Pilzen und Moosen im Schein ihres eigenen kalten, von innen kommenden Lichtes. Und in der Ferne ein leises, gluckerndes Geräusch, wie von einem Kind, das ins Wasser bläst. Von der Silberglitsche und der Ausgeburt der Hölle, die
emporgestiegen war aus den Tiefen, um ihr zu begegnen, war keine Spur zu sehen.
Logan setzte sich auf, psychisch und physisch erschöpft. Sie wischte sich das nasse Haar aus den Augen und versuchte mit wenig Erfolg, ihren rasenden Puls zu beruhigen. Born betrachtete sie eine Weile, fand dann sein Stück Holz an der Stelle, wo er es zwischen zwei Stämme geklemmt hatte, und fuhr fort zu paddeln.
»Wohin, Jancohoma?« fragte er. Er bekam keine Antwort. »Jancohoma, wohin?« wiederholte er lauter.
Cohoma zog den Kompaß heraus, aber seine Hand zitterte so, daß er das Gerät nicht ablesen konnte. Er packte mit der linken Hand das rechte Handgelenk und starrte auf die Leuchtskala. »Du solltest uns . . .du solltest dich hier etwas nach rechts halten, Born. Ein wenig mehr noch . . .« Ihm versagte die Stimme. Er räusperte sich.