Die denkenden Wälder
Die Jäger nahmen die Bläser von den…
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
Sie zwangen sich dazu, nicht an das zu denken, über das sie jetzt hinwegpaddelten, an das, was eine Berührung des Paddels vielleicht wecken könnte. Aber sie waren fast zu müde, um sich darüber noch Gedanken zu machen. Logan lehnte sich zurück, stützte sich auf die stinkenden Stämme und starrte in das winzige Universum hinauf, das aus glühenden pilzähnlichen Gewächsen bestand, die an der Unterseite eines größeren Astes hoch über ihnen wuchsen, von oben nach unten wuchsen. »Man möchte gar nicht glauben, daß die Hölle so schön sein kann.« Dann veränderte sich ihr Gesichtsausdruck, und sie sah sich nach Cohoma um. Er saß hinter ihr, den Kopf zwischen den Armen, und zitterte. »Jan, wenn wir einem anderen Floß begegnen, erkundigen wir uns beim Steuermann nach dem Weg, selbst wenn er einen dreiköpfigen Hund bei sich hat.« »Ich mag Hunde nicht«, erwiderte Cohoma ausdruckslos. Seiner Stimme nach zu schließen, hätte man fast glauben können, daß er ihren Vorschlag ernst nahm.
Es gab keinen Sonnenaufgang, der dem winzigen Grüppchen von Menschen und Pelzigem Frieden brachte, die auf dem winzigen orangeroten Floß zwischen den gigantischen hölzernen Türmen dahinzogen, unter einem schwarzen Himmel, an dem Pseudosterne glitzerten. Am Morgen des folgenden Tages oder dem, Was der Morgen hätte sein sollen, wurden sie im Laufe einer Viertelstunde zweimal angegriffen. Sie sahen nichts, bis der Angriff kam. Glücklicherweise war keines der beiden Geschöpfe größer als ein Mensch. Sie begegneten nichts, dessen Größe auch nur annähernd der des juwelengepanzerten Kolosses gleichkam, der die Silberglitsche angegriffen hatte. Der erste Angriff kam aus der Luft, in Gestalt eines vierflügeligen Fluggeschöpfes mit einem langen Maul voll nadelspitzer Zähne. Lautlos stürzte es sich zwischen den weitgespannten Wurzeln eines mächtigen Baumes auf sie herunter. Riesige Glotzaugen blitzten. Losting hatte noch genug Zeit, eine Warnung auszurufen. Beim ersten Anflug verfehlte es sie und mußte umkehren, wobei es wie ein alter Mann keuchte. Beim zweiten Anflug hatten die beiden Jäger ihre Bläser bereit. Aber sie bekamen keine Gele-genheit, sie einzusetzen. Ruumahum richtete sich auf seine Hinterbeine auf und schlug die mächtigen Vordertatzen zusammen. Sie erwischten eine Schwinge. Das Flugungeheuer kreischte und stürzte auf das Floß. Die langen Kiefer schnappten blindlings, bis Geeliwan ihm mit einem einzigen Schlag seiner klauenbewehrten Tatze den Schädel zerschmetterte. Kaum hatten sie den Kadaver über Bord, als etwas, das an eine Ananas mit sechzehn langen dünnen Beinen erinnerte, auf das Deck zu kriechen versuchte. Ihre Äxte schmetterten auf die tastenden Glieder herunter, bis der verstümmelte Räuber wieder in den Schlamm zurücksank.
»Lichter können andere Angehörige derselben Spezies zum Zwecke der Paarung anlocken«, überlegte Logan, »so wie das bei gewissen Tiefseefischen auf Terra und Repler der Fall ist. Es kann aber auch Raubtiere anlocken. Born, Losting, ich würde vorschlagen, löscht die Fackeln.« Die Jäger blickten sie zweifelnd an. Ein Mann, der ohne Licht in der Waldwelt alleine ist, hat keine Chance, seinen Feind zu erkennen, aber Logan und Cohoma konnten sie überzeugen. Widerstrebend entfernten sie die schützenden Blätter und tauchten die Fackeln ins Wasser. Doch sie bereiteten zwei frische vor, falls sie gebraucht werden sollten. Sie brauchten sie nicht. Jetzt, da die Fackeln ausgelöscht waren, paßten ihre Augen sich dem schwachen Licht an, das von dem schimmernden Leben rings um sie ausging. Davon gab es immer noch genug, um sich zwischen den Baumstämmen zu orientieren, die die Welt über ihnen stützten. Und sie wurden nicht wieder angegriffen. Sie waren seit einigen Stunden auf dem Floß unterwegs, als Born feststellte, daß er Durst hatte. Er kniete nieder und beugte den Kopf über das düstere Wasser.
»Warte, Born!« schrie Logan. »Vielleicht ist es nicht. . .« Die Mühe hätte sie sich sparen können. Born rümpfte die Nase, als ihm der widerliche Geruch entgegenschlug. Er hatte kein Studium absolviert, wußte nichts über Biochemie. Aber seine Nase reichte aus, ihm zu sagen, daß die Brühe, in der sie schwammen, nicht zum Trinken geeignet war. Und das teilte er den anderen mit. »Eigentlich kein Wunder«, meinte Cohoma. Sein Blick wanderte nach oben. »In diesem Sumpf muß es eine astronomische Zahl von Bakterien geben. Wenn man bedenkt, wie viele Tonnen . . .Tonnen von bereits in Verwesung begriffenen Tieren und Pflanzen Tag für Tag auf jeden Quadratkilometer der Planeten-oberfläche herabfallen, und die erstickende Hitze hier unten bedenkt.« Er wischte sich über die Stirn. »Und der tägliche Regen. Man kann sich gut vorstellen, daß diese Welt auf einem Meer aus verflüssigtem Torf und Kompost schwimmt, dessen Tiefe der Kosmos alleine kennt!«
»Offensichtlich können diese Bäume trotz ihrer ungeheuren Wasserhaushalte nicht den ganzen Regen aufsaugen«, meinte Logan nachdenklich. Sie lehnte sich auf dem Floß zurück und starrte den Stamm an, an dem sie gerade vorbeizogen. Sein Durchmesser war geringfügig kleiner als der eines interstellaren Frachters. »Ich möchte wissen, wie diese Stämme das Wasser aus dem Boden ziehen und es nach oben pumpen.« »Ich habe keine Lust, mit diesem Ding an der Station vorbeizupaddeln. Wir sollten wieder hinaufsteigen«, meinte Cohoma. »Die Richtung kennen wir ja, aber wir haben keine Ahnung, welche Strecke wir jeden Tag zurücklegen.« »Born und Losting wissen, wie man Entfernungen abschätzt.«
Cohoma lächelte. »Sicher, oben zwischen den Bäumen. Aber nicht hier.« Er wies auf das Floß und wandte sich dann zu Born um. »Was meinst du?« fragte er den Jäger. »Hätten wir oben keine besseren Chancen als hier unten? Ich meine, solange wir uns nicht wieder den falschen Schlupfwinkel aussuchen, wenn uns nach einem Nickerchen zumute ist!« »Ich suche schon die ganze Zeit nach einem geeigneten Weg nach oben«, antwortete Born. »Wir müssen bald wieder in die Welt zurückkehren. Seht ihr?« Er deutete nach vorne, während Losting grimmig weiterpaddelte und die Mammutwurzeln und Stämme nach einer weniger steilen Stelle absuchte, auf dem sich auch die Riesen bewegen konnten. Born bohrte seine Ferse in das orangefarbene Holz des Floßes. Eine flache Furche zeigte sich. Dann hob er das Bein und stieß mit der Ferse in die Furche. Sein Fuß verschwand bis zum Knöchel in orangefarbenem Brei. Als er ihn wieder herauszog, quoll eine bräunlichgelbe Masse aus dem Loch. Das Loch füllte sich nicht.
»Was hast du da von Bakterien und Verwesung gesagt, Jan?« murmelte Logan. Sie blickte auf die langsam
vorüberziehende schimmernde Traumlandschaft hinaus. »Born hat recht; wenn wir nicht bald einen Landeplatz finden, löst sich dieses Floß unter uns auf.«
Die schleimige Brühe schwappte bereits um ihre Knöchel, als Losting schließlich eine geeignete Treppe nach oben fand. Eine mächtige Wurzel, die fast horizontal ins Wasser hinausstach, bildete eine Art hölzerne Halbinsel. Anstatt aber senkrecht hundert Meter himmelwärts zu steigen, bog sich die Wurzel elegant zu ihrem Zentralstamm. Sie paddelten das zerbrechliche Floß an das Ufer aus Hartholz. Und keine Minute zu früh, denn statt Widerstand zu leisten oder zu zersplittern, zerbrach das vordere Fünftel des Floßes einfach bei der ersten Berührung. Als sie sich die Überreste näher ansahen, erkannten sie, daß es sie höchstens noch einen Kilometer weit getragen hätte. Fast alle Stämme waren wenigstens zur Hälfte verfault. Aber noch beunruhigender war die Tatsache, daß der größte Teil der grauen Schlingpflanzen, die Born gefunden hatte, völlig aufgelöst waren. Wären sie noch länger auf dem Floß geblieben, so hätte sich dieses einfach unter ihnen in seine Bestandteile aufgelöst.
Als sie auf der Wurzel standen, stellten sie fest, daß es an ihr eine Vielzahl von Vorsprüngen und Knubbeln gab, die ihnen das Klettern erleichterten. Trotzdem würde der Aufstieg wesentlich schwieriger sein als ihr fluchtartiger Abstieg. Cohoma gab nicht nur seinen eigenen, sondern auch Logans Gefühlen Ausdruck, als er sagte: »Das sollen wir besteigen?« »Alle Menschen können fliegen«, sagte Born spöttisch, »aber leider nur in eine Richtung nach unten nämlich. Ich fürchte, wir haben keine andere Wahl. Losting und ich gehen voraus und suchen den leichtesten Weg, den selbst ein Kind bewältigen könnte. Ihr folgt uns.« Er wandte sich zu den Pelzigem um. Geeliwan gähnte lautstark, als er sagte: »Folgt den Freunden dicht hinter ihnen. Laßt sie nicht fallen«, befahl er. »Verstehe«, schnaubte Ruumahum. »Dicht folgen. Werde aufpassen.« Der massige Schädel drehte sich ein letztes Mal nach hinten, wie um sich das Bild des Schlammsees noch mal einzuprägen, und seine weißen Hauer schimmerten in der nebelhaften Phosphoreszenz, die sie umgab. »Gehen jetzt. Etwas kommt.«
Wenn Logan oder Cohoma noch daran gedacht hatten, mit Born zu argumentieren und nach einem anderen, vielleicht weniger steilen Weg zu verlangen, reichte Ruumahums kurze Warnung, um sie hastig nach oben zu scheuchen. »Seit wir unsere Fackeln ausgelöscht haben, hat man uns in Ruhe gelassen«, stöhnte Logan. »Warum sollte uns jetzt etwas angreifen? Ich dachte, wir wären ziemlich unauffällig geworden.« »Eure Augen haben sich an das hier herrschende Licht gewöhnt«, rief Born zurück. »Seht euch doch an.« Logan blickte an sich herab und hielt erschreckt den Atem an. Sie flackerte wie tausend winzige Laser. Beine, Füße, Rumpf alle glitzerten in ihrem eigenen Licht purpurn und gelb. Sie streckte die Hände vor sich aus und sah, wie das Licht auch ihre Arme einhüllte. Dann spürte sie ein schwaches, an die Berührung einer Feder erinnerndes Prickeln, das sich über ihr Gesicht ausbreitete, und wischte beunruhigt über Augen, Nase und Mund.
Aber die federleichte Berührung blieb unverändert, und sie unterdrückte ihren Schrecken. Born leuchtete jetzt auch, ebenso Losting. Sie sah, wie Jan sie anstarrte. Sein elektrifiziertes Gesicht war ein Spiegel ihres eigenen. Und hinter ihnen blitzten Ruumahum und Geeliwan rot, gelb und purpurn. In der Ferne hinter ihnen war ein grollendes Murren zu hören, das ihnen eisige Schauer über den Rücken jagte. Sie beeilten sich. Vom technischen Standpunkt aus war die Kletterpartie gar nicht schwierig, nur anstrengend und riskant. Nach einer Weile meinte Logan, sie wären schon seit Tagen geklettert, wo es in Wirklichkeit doch nur Stunden waren. Dann begann es dunkler zu werden, weil die
phosphoreszierenden Pilze und Moose und Flechten immer weniger wurden. Ein weiteres Dutzend Meter, und das erste dünne Licht von oben drang zu ihnen durch, zuerst schwach und dämmrig, wie die Vorboten eines beginnenden Tages. Gleichzeitig verschwand ihre eigene Beleuchtung. Logan blieb lange genug stehen, um ihre schimmernden Handflächen zu beobachten. Die winzigen Lichter bewegten sich, flossen und begannen schließlich in einer Wolke von ihrer Haut zu verblassen. Winzige, unglaublich winzige fliegende Geschöpfe, die Lichtpunkte hinterließen. Das Stöhnen hinter ihnen war ebenfalls verstummt, aber es war kein Wunder, daß sie eine Weile verfolgt worden waren. Die Milliarden Glühinsekten, die sich um sie gesammelt hatten, mußten die sich bewegenden Gestalten von Mensch und Pelzigem in der Finsternis zu feurigen Silhouetten gemacht haben, flackernden, strahlenden Leuchttürmen, die lichtempfindliche Räuber anlockten. Wieder eine symbiotische Verbindung, überlegte sie. Diese Welt bot Hunderte und Aberhunderte von solchen Verbindungen an den unmöglichsten Orten an.
Jetzt stiegen sie durch immer dichtere Gewächse, nicht mehr Pilze, sondern die ersten Vorläufer wirklicher Pflanzen. Die ersten schwachen Umrisse, die im Licht der Sonne sichtbar wurden, waren wie eine Antwort auf ihre Gebete. Zuerst kletterten sie an den Luftwurzeln empor, die von den größeren parasitischen Bäumen und Lianen herunterhingen, dann an den Wurzeln kleinerer Epiphyten und Büschen. Und schließlich erreichten sie die ersten Blätter riesige Scheiben mit dem ersten grünen Schimmer. Manche waren fünf oder sechs Meter breit, so konstruiert, daß sie auch den winzigsten Lichtschimmer der Sonne auffingen. Hier gediehen immer noch Pilze, aber solche von freundlicherer, nicht bedrohlich wirkender Größe nicht wie die alptraumhaften Kolosse der Siebenten Etage. Gigantische Farne, Efeu und nicht klassifizierbare Bryophyten verdrängten die leuchtenden Pflanzen. »Bitte, laßt uns hier Rast machen«, bettelte Cohoma erschöpft und ließ sich auf einer breiten Schlingpflanze nieder, die von diamantengemustertem Efeu überzogen war. »Eine Minute bitte, nur eine Minute.« Logan sank neben ihm nieder.
Born warf einen fragenden Blick auf Ruumahum. Der Pelziger blickte sich um, die langen Ohren nach vorne gestreckt, und lauschte. Dann drehte er sich wieder. »Kein Kletterer, nicht folgen. Gefahr weg.« Nach einer Zeit, die Cohoma wie Sekunden vorkam, zog Born prüfend an einer herunterhängenden Wurzel. Sie leistete. Widerstand, und schon zog er sich an dem schraubenförmigen Gewächs nach oben. Losting folgte hinter ihm, sein Bläser schlug ihm gegen die Hüften. Cohoma sah seine Partnerin an, murmelte etwas, das Born nicht verstanden hatte, und schickte sich an, den beiden Jägern zu folgen. Logan seufzte, stand auf und versuchte sich zu strecken. Aber das führte nur zu Muskelschmerzen. Sie packte die Wurzel und begann zu klettern. Ruumahum und Geeliwan wählten sich ihren eigenen Weg.
Weitere Stunden harten Kletterns führten sie in eine Art nebligen Zwielichts, wo man endlich sehen konnte, ohne die Augen zusammenkneifen zu müssen. Diesmal war es Logan, die erklärte, daß sie keinen Schritt mehr tun würde. Born und Losting berieten, während die beiden Riesen in einem Bett rechteckiger Blätter nie-dersanken, die so dick waren, daß sie
wie kleine Schachteln aussahen.
»Also gut«, erklärte Born, »wir verbringen hier die Nacht.« »Die Nacht?« wunderte sich Cohoma. »Aber als die Silberglitsche uns aus dem Baum vertrieb, war es doch schon Nacht.« »Ihr müßt lernen, das Licht zu lesen«, meinte Born. »Die Sonne stirbt, sie sprießt nicht. Wir haben den Rest jener Nacht unterwegs verbracht und sind den darauffolgenden Tag geflohen. Es ist nur mehr wenig Zeit, ein Feuer und eine Unterkunft vorzubereiten.« »Augenblick. Woher weißt du, daß die Sonne untergeht, nicht auf?« Born deutete mit einer weit umfassenden Handbewegung auf den Wald, der sie umgab. »Das kann man emfatieren.« »Schon gut«, murrte Cohoma. »Ich will es dir glauben, Born.« Sein Ausdruck wechselte. »Wirst du und Losting auf die Jagd gegen, oder müssen wir wieder das Schuhleder kauen, das ihr Trockenfleisch nennt?«
Born nahm die Axt vom Gürtel. »Keine Zeit zum Jagen, es sei denn, ihr zieht frisches Fleisch einem Unterschlupf vor?« »Nein danke«, mischte Logan sich ein. »Ich ziehe es vor, trocken zu bleiben - habt ihr genug Zeit?« »Hier gibt es genügend tote Äste und sterbende Blätter«, erklärte Born. »Und wir sind so tief in der Welt, daß das Tropfwasser erst spät des Nachts hierher durchdringt. Außerdem ist diese Sechste Etage uns nur wenig vertraut. Einige der Waldgewächse kennen wir, andere nicht. Das gleiche gilt für die Geräusche und vermutlich auch das, was die Geräusche erzeugt. Der Abend ist keine gute Zeit, seine Umgebung zu erforschen.« »Wir essen das, was wir mitgebracht haben«, sagte Losting. »Morgen können wir in die Dritte Etage klettern und jagen und Früchte und Nüsse suchen. Seid jetzt mit dem zufrieden, was ihr habt.« »Hör zu«, erklärte Cohoma, »du brauchst nicht zu glauben, daß ich mich beklagen wollte.« Er erinnerte sich daran, daß es Borns Unvorsichtigkeit und Neugierde und nicht der Lostings zuzuschreiben war, daß sie hier waren. »Dieser dauernde Wechsel unserer Diät hat mein Innenleben durcheinandergebracht.«
»Glaubst du, daß es für uns ein Festmahl ist?« erinnerte ihn Born, und dann entfernten er und Losting sich, um weitere von den tellerähnlichen grünen Scheiben zu suchen, die Anzeichen einer Krankheit zeigten. Cohoma lehnte sich ins Blattwerk zurück, bis die beiden Jäger in der grünen Mauer verschwunden waren. Dann rollte er sich herum und sah Logan zu, die mit dem Kompaß beschäftigt war. »Sind wir immer noch auf Kurs?« Sie zuckte die Achseln. »Soweit ich das sagen kann, schon, Jan. Weißt du, das, was du vorher gesagt hast, stimmt natürlich. Wir müssen die Station genau treffen. Es gibt drei Möglichkeiten, sie zu verpassen, indem wir unter ihr durchziehen, zu weit rechts oder zu weit links.« Er zupfte an dem Blatt, auf dem sie saßen. »Ich wünschte, wir hätten den Umweg über die Oberfläche nicht zu machen brauchen, verdammt.« »War nicht zu vermeiden. Was ist los, Jan, findest du es nicht interessant?« »Interessant?« Er lachte schrill. »Es ist eine Sache, fremdartige Gewächse von einem Skimmer aus zu studieren, wenn man eine Laserkanone an Bord hat, eine andere, lebendig aufgefressen zu werden. Das ist ein Erlebnis, auf das ich verzichten kann.«
»Wir werden bald Probleme bekommen, weißt du.« »Oh, du bist voll von Überraschungen, Kimi, wirklich.« »Ernsthaft. Wenn wir nicht riskieren wollen, die Station zu verfehlen, müssen wir unsere Freunde davon überzeugen, daß es notwendig ist, in der Nähe der Baumgipfel zu reisen. Und da sie seit unserer kleinen Floßfahrt ihren Sinn für Entfernungen verloren haben, ist es dafür sogar höchste Zeit.«
»Stimmt, die Station ist weit oben ins Blätterdach gebaut.« »Und Born und seine Leute«, fuhr sie fort, »haben eine Heidenangst vor dem Himmel. Wenn auch nicht die gleiche wie vor der Oberfläche.« Sie blickte nachdenklich drein. »Wo wir das jetzt überlebt haben, sind sie vielleicht etwas weniger ängstlich, höher zu steigen. Denk daran, er weiß nicht, daß die Station oben in der Ersten Etage liegt. Inzwischen haben wir ihn vermutlich wenigstens teilweise davon überzeugt, daß wir von einer anderen Welt als der seinen kommen. Ich glaube, das kann er sich eher vorstellen, als daß wir freiwillig in seiner Oberen Hölle leben.« Cohoma schüttelte den Kopf. »Ich wünschte mir immer noch, ich wüßte, was diese Emfatiergeschichte bedeuten soll. Das muß eine Art Verehrung des Unterholzes sein.«
Logan nickte. »Überrascht es dich, daß sie sich irgendeine übernatürliche Stütze gesucht haben? Der Grund ihrer Welt ist die Hölle und ebenso das Dach. Da sind sie hübsch dazwischen eingezwängt, ohne Ausweg. Also ist es doch naheliegend, daß sie sich irgendeinen Halt gesucht haben. Eigentlich schade. Born und die Häuptlinge Sand und Joyla und ein paar andere haben eine Art Adel an sich.« Cohoma gab einen schnaubenden Laut von sich und wälzte sich zur Seite. »Der größte Fehler, den ein objektiver Beobachter auf einer Welt wie dieser machen kann, wäre es, das Primitive zu romantisieren. Und im Falle dieser Leute stimmt das nicht einmal. Sie sind keine Primitiven im wahren Sinne, nur zurückgesunkene Abkömmlinge von Leuten, wie wir selbst es sind.« »Sag mir, Jan«, murmelte sie, »ist es wirklich ein Rückschritt oder ist es ein Fortschritt auf einem uns fremden Weg?« »Hm? Was hast du da gesagt?« »Nichts . . . gar nichts. Ich bin nur müde.«
11
Sie hatten ihre Mahlzeit aus zähen getrockneten Früchten und noch zäherem Fleisch schon lange beendet, als Logan, die nicht einschlafen konnte, schließlich vor Born trat. Der Jäger saß nahe beim Feuer, den Rücken an den schnarchenden Ruumahum gelehnt. Losting schlief bereits seit einiger Zeit am anderen Ende des großen Unterstandes. Ihr Partner hatte sich etwas ungeschickt in seinen braunen Umhang gehüllt und schlief unruhig.
Es gab da eine wichtige Frage, die sie jetzt klären wollte. »Sag, Born, glaubst du und deine Leute an einen Gott?« »Einen Gott oder Götter?« fragte er interessiert zurück. Jedenfalls hatte ihn die Frage nicht beleidigt. »Nein, einen einzelnen Gott. Eine allmächtige, alles überblickende Intelligenz, die die Angelegenheiten des Universums lenkt und alles plant und verantwortet.« »Das würde bedeuten, daß es keinen freien Willen gibt«, erwiderte Born und überraschte sie damit wieder einmal mit einer höchst unprimitiven Antwort. »Das nehmen einige hin«, gab sie zu. »Ich nehme davon gar nichts hin, und auch niemand von den Leuten, die ich kenne«, erklärte er ihr. »In dieser Welt geschieht viel zu viel, als daß ein einziges Wesen es alles beobachten oder gar verantworten könnte. Und du sagst, daß es noch andere Welten gibt, die ebenso kompliziert wie diese sind?« Er lächelte. »Nein, wir glauben so etwas nicht.« Damit wenigstens konnte sie jetzt zu Hansen gehen. Eigentlich schade. Der Glaube an die Existenz eines einzigen Gottes würde ein festes System ethischer und moralischer Prämissen implizieren, auf das man gewisse Vorschläge und Regeln aufbauen konnte. Eine spirituelle Anarchie machte den Umgang mit primitiven Völkern viel schwieriger. Man konnte an keine höhere Autorität appellieren, die alles zusammenhielt. Nun, das war ein Problem für Hansen und die Xenosoziologen, die die Gesellschaft dann damit beauftragte, sich um Borns Volk zu kümmern. Sie wollte sich schon abwenden, zögerte dann aber. Wenn sie in Born wenigstens die Saat legen konnte . . . »Born, hast du einmal darüber nachgedacht, daß wir auf dieser Reise ungewöhnliches Glück hatten?«
»Ich würde es nicht gerade Glück nennen, im Baum einer Silberglitsche zu schlafen.«
»Aber wir sind ihr entkommen, Born, und dann gab es da ein Dutzend . . . nein, einige Dutzend Fälle, in denen wir alle hätten getötet werden können. Und doch hat keiner auch nur die kleinste Verwundung erlitten, sieht man einmal von den üblichen Kratzern und Schrammen ab.« Das machte ihn nachdenklich, wie sie es beabsichtigt hatte. Schließlich murmelte er: »Ich bin ein großer Jäger. Losting ist ein guter Jäger, und Ruumahum und Geeliwan sind klug und erfahren. Warum sollten wir nicht Erfolg gehabt haben?« »Du hältst das nicht für seltsam, trotz der Tatsache, daß zuvor keiner deiner Stammesgenossen sich weiter als fünf Tagereisen vom Heim entfernt hat?«
»Wir haben bis jetzt weder unser Ziel erreicht noch sind wir zurückgekehrt«, erwiderte er leise.
»Das ist richtig«, räumte sie ein und zog sich zu ihrer eigenen Schlafstelle zurück. »Du meinst also nicht, dies sei auf die Einschaltung eines lenkenden Wesens wie zum Beispiel eines Gottes zurückzuführen? Auf jemand jedenfalls, der immer weiß, was gut für dich ist, und der über dich wacht?« Born blickte ernst drein. »Es hat jedenfalls nicht über uns gewacht, als die Akadi kamen, aber ich werde darüber nachdenken.« Damit wandte er sich von ihr ab.
Die Saat war gelegt. Damit zufrieden und auch mit dem, was Hansen dazu sagen würde, rollte sie sich in ihren Umhang und schloß die Augen. Nicht, daß es auf der Station irgendwelche Missionare gegeben hätte, die ihr danken würden. Die Station war alles andere als eine von der Kirche gesegnete Unternehmung. Das gleichmäßige Tröpfeln des Regens, der durch einige Millionen von Blättern und Blüten in diese Etage heruntersickerte und auf das Dach ihres Unterstandes trommelte, wirkte wie ein Schlaflied und ließ sie am Ende einschlafen. »Wir müssen in die Erste Etage hinauf, Born«, beharrte Logan am nächsten Tag.
Born schüttelte den Kopf. »Es ist zu gefährlich, so nahe am Himmel zu reisen.« »Nein, nein«, fuhr sie verzweifelt fort. »Wir brauchen ja nicht den Kopf ins Freie zu stecken. Wir können gute fünfundzwanzig Meter . . .« und sie übersetzte das in Prozente einer Etage für ihn »unter den obersten Zweigen bleiben. Kein Himmelsdämon wird durch so viel Busch stoßen, um dich zu fangen.«
»Die Erste Etage hat ihre eigenen Gefahren«, entgegnete Born. »Sie sind kleiner als jene auf der Etage des Heims, aber schneller und schwerer zu finden und schwieriger zu töten, ehe sie zuschlagen.« »Schau, Born«, versuchte Cohoma zu erklären, »wir könnten die Station verfehlen, wenn wir nicht in genügender Höhe reisen. Sie ist , wie unser Flugboot , aus Materialien gebaut, die man einfach in den Wald hineingesenkt hat, aber nicht sehr tief. Wenn wir sie verfehlen und umkehren müssen, dann könnten wir durcheinandergeraten und die Richtung nicht finden. Auf die Weise würden wir vielleicht jahrelang in diesem Dschungel herumirren.« Um seine Worte zu unterstreichen, nahm er seinen Kompaß und zeigte ihn Born und Losting, als würden sie sein Prinzip be-greifen. »Seht ihr diesen Richtungsfinder, den wir haben? Wenn man einen Ort damit sucht, funktioniert er beim ersten Mal am besten. Bei jedem weiteren Mißerfolg wird er weniger nützlich.« Schließlich gab Born nach, wie Logan das erwartet hatte. Ihr Jäger hatte eigentlich nur zwei Alternativen, er konnte jetzt ihren Rat annehmen oder die Reise abbrechen. Und nach allem, was sie bisher gemeinsam durchgemacht hatten, glaubte sie nicht, daß er letzteres vorschlagen würde. Also zogen sie weiter aufwärts. Diesmal langsam, nicht in einem kräftefressenden, fast senkrechten Aufstieg, sondern schräg. Auf diese Weise bewegten sie sich nicht nur nach oben, sondern auch nach vorwärts durch die Fünfte Etage, Vierte und die Dritte. Sie fühlte ihr Widerstreben, die vertraute Umgebung zu verlassen und gegen sie die Gefahren und die Unsicherheit oberer Etagen einzutauschen. Sie und Cohoma fühlten sich in der Waldwelt inzwischen so zu Hause, daß keiner der beiden Jäger versuchte, sie zu täuschen und ihnen vorzuspiegeln, sie hätten bereits eine höhere Etage erreicht. Und immer weiter ging es nach oben, durch die Zweite Etage hindurch, wo das Licht der Sonne ein helles Gelbgrün war und den größten Teil der Vegetation direkt erreichte und nicht mit Hilfe von Spiegelpflanzen. Wo der Tag hell genug war, daß man hätte meinen können, sich in einem immergrünen Wald einer mittleren Klimazone auf Moth oder Terra zu befinden. Logan und Cohoma begannen sich immer wohler zu fühlen, während Born und Losting immer vorsichtiger wurden. Und dann hatten sie die Erste Etage selbst erreicht, kletterten inmitten einer Vielfalt grellbunter Blumen, die von einer schönheitstrunkenen Natur verschwenderisch mit Farben ausgestattet war. Logan wußte, daß jeder der Botaniker der Station ein Jahr seines Lebens darum gegeben hätte, jetzt bei ihnen zu sein, waren sie doch bei ihren normalen Arbeitseinsätzen gezwungen, ihre Erkenntnisse nur vom Skimmer aus zu sammeln. Die Vorschriften der Firma waren hier angesichts der feindlichen Natur dieser Welt sehr eindeutig. Botaniker waren teuer.
All die Grundschattierungen und Farben verschmolzen bei den exotischeren Blüten zu einem wahren Farbenrausch. Logan ging an einer kastanienbraunen Blüte vorbei, die einen halben Meter durchmaß und deren Pigmentierung so intensiv war, daß sie an manchen Stellen fast purpurfarben wirkte. Die einzelnen Blütenblätter hatten aquamarinblaue Streifen, und sie entsproß einem Bett aus goldmetallicfarbenen Blättern. Nicht daß diese trunkenen Variationen sich auf die Farbe beschränkten. Eine Blüte hatte Blätter von ineinander verschlungenen mehrfachen Spiralen von Rosa und Türkis. Und dann gab es hier Blumen, die wie eine Phalanx von Spießen wuchsen; grüne Blüten an grünen Stielen, und grüne Zweige, an denen grüne Trauben hingen. Es gab Blumen in Blumen, Blumen, die die Farbe von Rauchquarz hatten, Blumen mit durchsichtigen Blütenblättern, die nach Karamel dufteten.
Und ihnen an Glanz und evolutionärer Vielfalt gleich, gab es Legionen nichtpflanzlichen Lebens. Es kroch, hüpfte, glitt, summte und flog vor dem benommenen Blick der beiden Piloten wie fleischgewordene Träume herum. Born hatte recht, die Tiere waren hier kleiner und, bewegten sich schneller, und manche schossen so schnell an ihnen vorüber, daß man sie kaum wahrzu-nehmen vermochte.
Jäger und Sammler würden hier viermal so hart arbeiten müssen, um die gleiche Menge an Nahrung einzusammeln. Es gab hier einen größeren natürlichen Wettbewerb und, wenn man den Jägern Glauben schenken wollte, auch größere Gefahren. Das erklärte auch, warum die Überlebenden des gescheiterten Auswandererschiffes es vorgezogen hatten, dieses luftige Paradies gegen die weniger dem Wettbewerb ausgesetzten Regionen der Dritten und Vierten Etage einzutauschen. Nachdem Logan die schrecklichen nächtlichen Stürme aus der vergleichsweisen Sicherheit der Station miterlebt hatte, vermutete sie, daß der Schutz, den die Tiefen vor gefährlichem Wetter boten, ein weiterer Faktor in dieser Entscheidung gewesen war. Und dann war da noch der Lärm. Er war hier ohrenbetäubend. In erster Linie schien der Lärm von mächtigen Kolonien kleiner sechsbeiniger Geschöpfe auszugehen, die etwa die Größe eines Schenkels hatten. Sie waren einen halben Meter lang, schlank ge-baut und bewegten sich mit ihren sechsklauigen Beinen blitzschnell durch die Zweige. Ihre hartgepanzerten Glieder hingen an einem mit Pelz bedeckten zylindrischen Körper, dessen eines Ende in einen langen peitschenähnlichen Schweif auslief, während sich am anderen Ende eine Schnauze befand, die an die eines Aardvark erinnerte. Darüber befanden sich drei Augen und dahinter ein flexibler Fleischkamm, der wahrscheinlich ein Hörorgan darstellte.
Sie waren sozusagen die Spottdrosseln dieser Welt, diese sechsbeinigen Kookaburras. Sie konnten jede Art von Geräusch erzeugen, von einem schrillen Pfiff bis hin zu einem schrillen Kichern. Ganze Scharen von ihnen begleiteten die kleine Gruppe, während diese sich ihren Weg durch die Schlingpflanzen bahnte, und unterhielten sie die ganze Zeit über mit ihrem Geschnatter. Hin und wieder knurrte sie einer der Pelziger drohend an, dann rannten sie weg, nur um kurz darauf wieder zu erscheinen, wenn ihre Courage sich genügend gefestigt hatte. Nur Langeweile konnte sie vertreiben.
Und dann zeigte sich noch ein weiterer Grund für das Leben in größerer Tiefe an. Selbst hier, einige Dutzend Meter unter den Gipfeln der Bäume, waren die Äste und Kabbls dünner, weniger straßenähnlich, die Schlingpflanzen, Lianen und sonstigen Gewächse waren dünner. Öfter, als ihnen recht war, mußten Logan und Cohoma ihre Arme anstatt ihrer Beine dazu gebrauchen, um von einem Ort an den nächsten zu gelangen. Als Born sie fragte, ob sie müde wären und vielleicht etwas weiter unten weiterziehen wollten, wo der Weg angenehmer war, bissen beide die Zähne zu-sammen, wischten sich den Schweiß von der Stirn und aus den Augen und schüttelten den Kopf. Besser, hier alle Reserven zu vergeuden, als das Risiko eingehen, die Station zu verfehlen. Auf diesem Weg setzten sie also die Reise fort und gingen nur gelegentlich tiefer, wenn der Wald über ihnen zu dünn wurde, um Schutz zu bieten, stiegen aber gleich wieder höher, wenn die Waldwelt sich in den Himmel hochreckte. In jener Nacht regnete es früh. Zum erstenmal seit dem Absturz ihres Skimmers wurden die beiden Riesen gründlich durchnäßt, ehe die beiden Jäger einen geeigneten Unterschlupf bauen konnten. Ohne Hunderte von Metern schützenden Laubwerks traf sie die ganze Wucht des nächtlichen Wolkenbruches. Sie hatten ähnliche Gewitter in der Station erlebt und hatten daher sowohl Umfang als auch Wut erwartet. Der Lärm aber war es, der sie überraschte, dagegen war die Station hinreichend geschützt. Sie waren gute dreißig Meter tiefer gestiegen, in der Hoffnung, hier etwas Schutz zu finden. Doch selbst hier zitterte und dröhnte der Wald. In diesen Höhen gab es echten gleichmäßigen Wind, nicht den verlorenen spielerischen Zephyr, den sie auf der Etage vom Heim erlebt hatten.
Hier gab es auch keinen Schallschutz, um Donner und Blitz fernzuhalten, der gleichsam als Kontrapunkt zu dem peitschenden Regen ihre Sinne erschütterte. Logan nieste und
sagte sich, daß die ersten Kolonisten hier an
Lungenentzündung hätten zugrunde gehen müssen, hätten sie nicht die Wahl getroffen, in etwas geschützteren Tiefen ihr Heim zu suchen. Es war nur ein kurzer kalter Hauch, die Feuchtigkeit und die dauernde Wärme machten es schwer, sich ernsthaft zu erkälten, wie sie das befürchtete. Aber als am nächsten Morgen die Sonne aufging, blieben beide Riesen bis auf die Haut durchnäßt.
In den folgenden Tagen wurden sie von Born, Losting begnügte sich mit der Rolle des Zuschauers, umgeschult. Diese Welt näher am Himmel war so tödlich, wie Born das angedeutet hatte; nur war die Methode des Mordes hier in ihrer Tödlichkeit der Subtilität der Ausführung angepaßt. Ohne den Rat und den Schutz von Born, Losting und den Pelzigem wären die beiden Riesen binnen eines Tages tot gewesen.
Die Gefahr, die sich Logan am deutlichsten einprägte, war eine hellgelbe Frucht. Sie hatte die Form einer Sanduhr und etwa die Größe einer Birne. Von ihren Blüten ging ein Duft aus, der an den von Geißblatt im Frühling erinnerte. Die schwere Last der Früchte zog den epiphytischen Busch fast in die Tiefe. Born wies sie darauf hin, wie Tokkas und andere Obstfresser ihm gezielt aus dem Wege gingen. »Bitterer Geschmack?« fragte Cohoma. Born schüttelte den Kopf. »Nein, der Geschmack ist herrlich, und das Fruchtfleisch ist sehr nahrhaft und gibt dem müden Wanderer frische Kräfte. Das Problem liegt darin, die Frucht von ihren Samenkörnern zu trennen.«
»Das ist ein Problem bei fast allen Obstarten«, meinte Cohoma. »Bei der Grüßerfrucht ist das besonders problematisch«, er klärte Born und pflückte eine vom Ast. Nachdem er die Pflanze eine Minute lang stumm angestarrt hatte, stellte Logan fest er hatte wieder emfatiert. »Kein Tier dieser Welt hat das Problem lösen können«, fuhr der Jäger fort und drehte die hübsche harmlos wirkende Frucht zwischen den Händen. »Nur die Menschen.«
Er suchte herum, bis er einen langen dünnen Ast fand, der aus einem Busch in der Nähe wuchs. Er knickte ihn ab und spitzte ein Ende mit dem Messer zu. Dann schob er die Spitze in die Frucht, sorgfältig bemüht, die Mitte nicht zu durchbohren. Dann legte er die aufgespießte Frucht auf einen Ast und benutzte sein Messer dazu, sie von dem Stock weg einzuschneiden. Dann hob er den Ast hoch über den Kopf und begann die eingeschnittene Stelle kräftig gegen den Vorsprung eines kleinen Kabbl zu klopfen. Beim sechsten Klopfen gab es einen so lauten Knall, daß Logan und Cohoma sich unwillkürlich duckten. Zu ihrer Linken war ein wildes Knurren zu hören. Ruumahum schob den Kopf durch einen Drahtbusch. Als er sah, daß niemand verletzt war, schnaubte er spöttisch ob des närrischen Gehabes seiner Begleiter und verschwand wieder. Born zog den Stock heraus und zeigte ihn den Riesen. Die ganze linke Seite der Frucht, wo er die Einschnitte gemacht hatte, war weggesprengt worden, als wäre in ihrem Inneren eine kleine Bombe gewesen, was auch genau den Tatsachen entsprach.
»So verbreitet die Grüßerpflanze ihren Samen«, erklärte Born überflüssigerweise. Dann brach er Stücke der übriggebliebenen unbeschädigten Frucht und reichte sie Cohoma und Logan. Logan schob sich das Stück Fruchtfleisch zögernd in den Mund; die De-monstration, deren Zeuge sie eben geworden war, hatte ihren Appetit nicht gerade gesteigert. Als freilich ihre Geschmacksknospen erst einmal angeregt waren, nahm sie das ganze Stück, rollte es im Munde herum und drückte den Saft heraus. Es schmeckte ausgezeichnet, süß und doch würzig, so ähnlich wie Grenadine und Limone.
»Was wird später aus dem Samen?« fragte sie, als sie den letzten Tropfen ausgedrückt und das letzte Stückchen Fruchtfleisch verschluckt hatte. Anstelle einer Antwort zeigte ihnen Born die linke Seite des Parasitenbusches. Er studierte den Stamm des am nächsten stehenden Baumes und zeigte schließlich auf eine ganz bestimmte Stelle. Die beiden folgten seiner Hand. An dem Stamm war ein Dutzend kleiner Löcher zu sehen, die ein paar Zentimeter tief in das massive Holz gebohrt waren. Unten in jedem Loch konnten sie ein winziges schwarzes Samenkorn erkennen. Aus jedem stachen sechs Dorne. Jeder Same durchmaß vielleicht, die Dornen mitgerechnet, einen halben Zentimeter. Born bohrte mit dem Messer einen davon heraus. Logan wollte danach greifen. Born stieß ihre Hand beiseite, hatte sie in all diesen Siebentagen gar nichts von der Welt gelernt? Sie und Cohoma Studiertenden winzigen Samen interessiert. Eine nähere Untersuchung ergab, daß die sechs Dornen rasiermesserscharf und mit mikroskopischen Widerhaken versehen waren. »Ich verstehe«, murmelte Cohoma. »Die Samen schlagen in den Bäumen Wurzeln. Aber wie breiten sie sich aus? Trocknet die Frucht so lange aus, bis der Innendruck sie abschleudert?«
»Das kann nicht sein, Jan«, wandte Logan ein. »Wenn die Frucht austrocknet, wo bleibt dann der Druck? Nein, es muß . . .« Born schüttelte den Kopf. »Die Grüßerpflanze schlägt keine Wurzeln. Wenn ein Tier, das alt oder krank ist, seine Urteilsfähigkeit verloren hat, dann kann der Hunger es dazu verleiten, einen Grüßer zu essen.« Er setzte den Marsch fort. Logan blieb noch eine Weile stehen und musterte die Löcher in dem dicken Hartholz und folgte dem Jäger dann. »Ein Tier versucht, eine dieser Früchte zu essen, beißt durch das Fruchtfleisch, bis es den inneren, unter Druck stehenden Sack anbohrt, und bekommt die ganze Ladung ins Gesicht«, meinte Cohoma mit grimmiger Stimme. »Wenn es Glück hat, tötet es der Samen. Andernfalls verblutet es wahrscheinlich. Und inzwischen dient der Kadaver als Nahrungsvorrat.« »Jan, die Pflanzen haben auf dieser Welt das perfekte Gleichgewicht mit den Tieren erreicht. Nein, das muß ich zurücknehmen. Sie haben die Oberhand. Die Tiere sind in der Minderzahl und außerdem zu klein. Ich habe mich immer gefragt, wie es kam, daß Borns Vorfahren in so kurzer Zeit soviel Technologie verloren haben. Jetzt wundert mich das nicht mehr. Wie kann man gegen einen ganzen Wald kämpfen?«
Die Entdeckung kam einige Tage später und wurde mit dem üblichen Phlegma der Pelziger verkündet. »Panta«, rief Ruumahum ihnen zu. Die beiden Pelziger saßen am Ende einer langen, relativ freien Kabbl. Borns Stimmung stieg. »Eine Panta ist ein großer offenliegender Raum, eine Senke in der Welt. Es könnte natürlich . . .«, fügte er eilig hinzu, als er den
Gesichtsausdruck der Riesen bemerkte, »eine natürliche Panta sein. Im Umkreis von zwei Tagereisen vom Heim gibt es ein halbes Dutzend davon.«
Er wandte sich wieder Ruumahum zu.
»Wie groß?«
»Groß«, erwiderte der Pelziger mit leiser Stimme. »Und in der Mitte ein Ding aus Axtmetall wie Himmelsboot.« Drei Augen starrten plötzlich Logan an.
Ohne zu wissen, weshalb, wandte sie sich ab und konzentrierte sich stattdessen auf Born. »Die Station! Das muß sie sein!«
»Dann haben wir es geschafft. Schnell.«
Er wandte sich ab, um den Kabbl hinunterzulaufen. Diesmal war es Logan, die ihn zurückrief. »Nicht so schnell, Born. Es gibt Anlagen wie unseren Kompaß , die die Station vor gefährlichen Waldbewohnern und Himmelsdämonen schützen. Kein Geschöpf der Wald weit kann sie erreichen.« »Silberglitsche?« fragte Losting unsicher. »Nein, Losting, nicht einmal eine Silberglitsche.« Der Jäger ließ sich nicht so leicht aus dem Konzept bringen. »Ist eure Station je von einer Silberglitsche angegriffen worden?«
Logan mußte zugeben, daß dies nicht der Fall war, bestand aber darauf, daß selbst ein Ungeheuer wie eine Silberglitsche einem schweren Laser oder einem Explosivgeschoß nicht gewachsen war. Beide Jäger mußten gestehen, daß sie keine Ahnung hatten, was diese magischen Waffen waren. Cohoma versicherte ihnen mit einem Lächeln, das er kaum zu unterdrücken vermochte, daß sie giftiger als Jacaridorne waren. »Dann müssen die Dämonen eurer eigenen Welt um vieles größer sein als selbst jene unserer Hölle«, meinte Born, »wenn ihr solche Waffen braucht.« »Das sind sie auch«, gab sie zu, ohne sich die Mühe zu machen, ihm zu erklären, daß diese Dämonen zweibeinig waren. Außerdem gab es jetzt, da sie praktisch in Rufweite der Station waren, ein Experiment, auf das sie schon die ganze Zeit gewartet hatte. Sie blickte Ruumahum an. »So«, sagte sie im Befehlston, »jetzt bring uns zu der Panta, Ruumahum.« Der Pelziger musterte sie einen Augenblick lang, machte dann kehrt und trottete in das Grün vor ihnen. Born sagte nichts. Vielleicht erkannte er die Bedeutung dieses kleinen Ereignisses nicht. Logan und Cohoma aber lehrte es, daß die Pelziger auch den Befehlen anderer Menschen, nicht nur jenen aus Borns Stamm, gehorchten. Das würde sich vielleicht noch als sehr wichtig erweisen.
Noch ein paar Lianen, einige zwei Meter hohe Blätter, ein paar Äste, die sie beiseite schieben mußten und sie standen am Rande eines weiten grünen Kreises, der mit Grün, Beige und Braun gepflastert war. Der Boden der Panta bestand aus den Spitzen Hunderter, ja Tausender von Bäumen, Kabbls und Epiphyten, die abgeschnitten worden waren, um der Station einen schützenden »Burggraben« freien Raums zu liefern, in dem nichts Deckung finden konnte. In der Mitte des grünen Amphitheaters ruhte die Station auf den ab-geschnittenen Kronen von drei Säulenbäumen, die dicht nebeneinander standen. Sie trugen das ganze Gewicht der Station. Die Konstruktion bestand aus einem riesigen Metallbau mit einer etwas abgeflachten Kuppel darüber. Ganz oben erhob sich ein durchsichtiger Dom. Ein breiter Balkon, geschützt von hüfthohem Drahtgeflecht, umgab das ganze Bauwerk. Vom Mittelgebäude führte je ein überdachter Gang in alle vier Himmelsrichtungen zu Kuppeln aus Duralum und Plastik. Und aus jedem dieser Türme ragte die stumpfe Mündung einer Laserkanone. Die voneinander unabhängig gesteuerten Kanonen konnten sich frei drehen, so daß drei auf jeden beliebigen Punkt bis zwanzig Meter vor der Station eingestellt werden konnten. Ein unbefangener Beobachter, der all diese Feuerkraft sah, hätte annehmen können, daß die bescheidene Forschungsstation eine Invasion aus dem sie umgebenden Wald erwartete. Tatsächlich waren diese Laserkanonen auch zum Schutz gegen nicht ortsansässige Räuber gedacht. Die »Himmelsdämonen«, um die sich die Insassen und Begründer der Station wirklich Sorge machten, pflegten mit hoher Geschwindigkeit anzugreifen und im Gegensatz zu der auf dieser Welt üblichen Spielart über Intelligenz, schriftliche Befehle, Verordnungen und Gesetze zu verfügen. Und die waren viel gefährlicher als die Zähne von Fleischfressern. Auf halbem Wege zwischen dem Sockel der Station und der Spitze des abgeschnittenen Waldes umgab jeden
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