Die drei Sprünge des Wang-lun
Erstes Buch Wang-lun
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 4 Teile geteilt.
ihren Folgen schwer an ihm auswirkte.
Es hatten sich chinesische Volksstämme in Kan-suh, die dem mohammedanischen Glauben anhingen, trotzig und aufsässig benommen. Sie
nannten sich die Salarrh mit den weißen Turbanen, waren uneins unter sich; man
hatte sie mit Gewalt beruhigt.
Es sollte jetzt alles, was mit ihnen in Verbindung und Verwandtschaft stand in
den anderen Provinzen, festgestellt, verbannt oder ausgerottet werden, nachdem
ihr Führer schon längst sein Leben gelassen hatte mitsamt seinem Anhang. Der
Boden schwang schon unter den Füßen der Geheimbünde, die gegen den
Kriegskaiser und die fremde Mandschu-Dynastie wüteten, aber man achtete in
der stolzen Roten Stadt nicht auf dies dumpfe Geräusch, das seine Stimme später
mit dem Schwirren der Pfeile, dem Zischen der krummen Säbel, dem
unheimlichen Gesang der rotweißen Feuersäulen, dem Knarren und Bersten der
einstürzenden Giebel verstärken sollte.
In Tsi-nan-fu lebte unter andern mohammedanischen Familien die Familie
eines gewissen Su. Dieser stellte aus Pflanzenmark Dochte her; er war ein
angesehener würdevoller Mann, der den untersten literarischen Grad erreicht
hatte. Das Familienhaus der Sus stand in der Einhornstraße, schräg gegenüber
der Herberge Wang-luns, und Wang schätzte den klugen, wenn auch
eingebildeten Mann sehr.
Der Tao-tai von Tsi-nan-fu ermittelte, daß Su-koh der Oheim eines Mannes
war, welcher in Kan-suh die ersten Unruhen gestiftet hatte. Die Häscher nahmen
den Dochtfabrikanten fest, brachten ihn samt den beiden Söhnen in das
Stadtgefängnis, wo er täglich unter Foltern vernommen wurde.
Er saß über drei Wochen in Haft, als Wang in seinem Gasthof davon erfuhr.
Dem fuhr der kalte Schreck durch die Knochen. Er stellte sich den ernsten
teilnahmsvollen Su-koh vor, fragte einmal über das andere: „Warum denn?
Warum denn aber?“ kam nicht zur Ruhe, bis er selbst festgestellt hatte, daß Su-
koh wirklich samt seinen beiden Söhnen im Gefängnis saß und unter Foltern
täglich vernommen wurde. Und zwar, weil jener Aufrührer sein Neffe war,
welcher in Kan-suh zuerst laut aus einem alten Buche vorgelesen hatte.
Wang setzte sich mittags mit seinen beiden Freunden und drei Bettlern in der
Herberge zusammen und beriet mit ihnen, was geschehen sollte. Er schüttelte in
der ihm eigenen Weise die beiden offenen Hände vor seinem Gesicht und sagte:
„Su-koh ist ein tüchtiger Mann. Seine Freunde und Verwandten sind nicht hier
und schon ohne Kopf. Su-koh darf nicht im Gefängnis bleiben.“
Der einäugige Bettler erzählte, er hätte am Jamen des Tao-tai gehört, daß in
drei oder vier Tagen der Provinzialrichter aus Kwan-ping-fu eintreffen werde,
um über Sus Familie rechtzusprechen. Wang forschte ihn mit erregten Worten
aus, wer es gesagt habe, wieviele es gehört hätten, ob schon Vorbereitungen zum
Empfang des Nieh-tai, des Richters, getroffen wären, wieviele den Nieh-tai herbegleiteten. Als er hörte, daß es ein alter, besonders für diesen Zweck
ernannter, hier noch unbekannter Nieh-tai sei, leuchteten seine schmalen Augen
höhnisch, dann grinste er, lachte nach einer Pause heraus, daß die Eßstäbchen
vom Tisch fielen und die fünf mitlachten, sich anstießen und jeder melodisch das
Lachen des andern nachsang. Ein Kopfzusammenstecken, rasches Hin- und
Herreden folgte, ein häufiges wütendes Auftrumpfen Wangs. Jeder ging seiner
Wege.
Nach zwei Tagen wußten alle Jamenläufer in Tsi-nan-fu und damit die ganze
Stadt, daß der Nieh-tai zur Entscheidung der schwebenden politischen Prozesse
morgen in Tsi-nan-fu eintreffen würde, rascher, als man erwartet hatte.
Wang-lun hatte mit zwanzig schnell aufgetriebenen Nichtstuern und Gaunern
aus der Stadt nicht weniger als drei Brücken, die der Sendling passieren mußte,
unbrauchbar gemacht, hatte sich und seinen Spießgesellen Festkleider aus einem
Pfandhaus entliehen, das ihm und dem Toh wegen mancher billig erworbener
Versatzstücke verpflichtet war, und rückte mit seinem sich übertrieben ernst
gebärdenden Zuge am angegebenen Tage durch dasselbe Tor in die mächtige
Stadt, durch das er wenige Monate vorher allein gependelt war, lächelnd, die
feisten Torwächter vertraut grüßend, als käme er eben aus einem der vielen
Teepavillons vor der Stadt, in denen sich Dichter und galante Jünglinge
ergingen.
An diesem heißen Morgen des achten Monats schlugen ehrfurchtheischend
Gong auf Gong vor ihm. Zwei der verbrüderten Lumpen ritten mit Hellebarden
dem Zuge voraus auf klapprigen Braunen, auf denen sie unsicher saßen. Es
folgten die beiden gongschlagenden Knaben mit drohenden Stirnen, vier
Unterbeamte mit den frischlackierten Zeichen der oberrichterlichen Würde. Und
in dem blauen Tragstuhl saß hinter geschlossenen Vorhängen ein träumender
ehrwürdiger Greis mit einem weißen Bart, der rechts und links von Backen und
Kinn in dichten Schwanzquasten herunterfiel auf das schwarze glatte
Seidenkleid und fast das wunderschöne Brustschild bedeckte mit dem gestickten
Silberfasan: Wang-lun selbst. Die runde schwarze Mandarinenmütze schmückte
die Kugel aus Saphir.
Ein kleiner Trupp Soldaten hinter einem Offizier schloß den Zug, Soldaten der
Provinzialarmee von der grünen Standarte. Über die Plätze und
menschengestopften Märkte, die Stätten seiner ehemaligen Wirksamkeit, zog
Wang zwischen Mauern von verstummenden Bürgersleuten; die Tore des Jamens
standen weit offen.
Nur einen halben Tag hielt sich der Nieh-tai in der Präfektur auf. Er beschloß,
die politischen Gefangenen aus der Suhfamilie nicht gleich abzuurteilen, sondern
sie mit sich nach Kwan-ping zu nehmen, dort die Antwort des Kaisers auf seinen Bericht abzuwarten.
Ohne in der Stadt zu übernachten, schon gegen Abend, verließ der hohe
Blauknopf die aufgeregte Stadt; auf einem Karren unter den Soldaten seines
Zuges stand ein schmaler Holzkäfig; in dem saßen, die Hälse durch einen
einzigen Holzkragen gezogen, Su und seine beiden Söhne.
Am Abend des folgenden Tages kamen die Läufer des echten Nieh-tais an, die
zugleich Beschwerden des Richters überbrachten über die schlechte
Wegeverfassung und Polizei im Distrikt. Die ungeheuerliche Nachricht erfüllte
dann, aufgedeckt, die ganze Stadt mit Entsetzen.
Es war mit dem Namen der höchsten juristischen Behörde gespielt worden.
Der Tao-tai samt seinem Beamtenstab war verloren; die mohammedanischen
Einwohner sahen einer summarischen Bestrafung entgegen; die Täter mußten
aus ihren Kreisen stammen. Es war vorauszusehen, daß der Stadt das Recht, zu
den Prüfungen zugelassen zu werden, kaiserlicherseits auf Jahre entzogen
würde.
Wang hatte sich inzwischen mit seiner Gesellschaft demaskiert in einer der
Schluchten des Gebirges. Su-koh und seine Söhne, die schon dem Tode verfallen
waren, verbrüderten sich mit Wang; es war bei aller schreckhaften Freude kein
lauter Jubel in der Schlucht; die drei waren unter den Foltern hinfällig geworden.
Wang kehrte am nächsten Tage in die Stadt zurück zu Toh-tsin, den er ins
Vertrauen zog.
Der Nieh-tai blieb noch fünf Tage zur Untersuchung in Tsi-nan. Nach seiner
Abreise bei Anbruch der Nacht wurde der Priester des Musikfürsten durch leises
Pochen an der Kammertür geweckt. Die gesetzliche Frau des Su-koh schlüpfte in
die Kammer, verhüllte weinend ihr Gesicht mit einem dicken weißen Schleier
und setzte sich, ohne Worte zu finden, auf den Boden. Su-koh war mit seinen
Söhnen bewaffnet nach Hause zurückgekehrt, weigerte sich, sich zu verstecken
und gab an, daß er jeden, der in sein Haus eindringen würde, ihn zu fangen,
niederschlagen würde mit Hilfe seiner Söhne und Sippengenossen. Sie beschwor
auf der Diele den Bonzen und Wang-lun, sich mit ihr zusammenzutun, damit der
Mann und die Kinder wieder ins Gebirge zurückgingen.
Die Frau blieb bei dem Bonzen, Wang lief in das Haus der Sus. Er fand den
Vater gekräftigt, ruhig, würdevoll wie sonst, aber in einer entschlossenen
Bitterkeit. Su-koh erklärte, er würde die Stadt und Provinz verlassen, aber erst in
Ruhe seinen Besitz verkaufen, seine Schulden bezahlen, seinen Priester
befragen, welchen Wohnsitz er wählen solle. Wang, indem er den Kopf zwischen
die Schultern zog, bot ihm an, den Verkauf und die Lösung der Verbindlichkeiten
zu leiten, auch den Verkehr mit dem mohammedanischen Priester zu vermitteln.
Su-koh lehnte alles ab.
Da beschloß Wang-lun, sich an seine Fersen zu heften und ihm zu helfen.
Su-koh ging schon am frühen Morgen durch die entsetzten Häuser, verlangte
seine Schulden und die, welche seine Frau in seiner Abwesenheit gemacht hatte,
zu bezahlen. Er erkundigte sich, ob man wisse, wo er sein Haus zu einem
angemessenen Preise verkaufen könnte. In der Menschenmenge, die dicht hinter
ihm folgte, sprang der öffentliche Spaßmacher, der Gehilfe Toh-tsins, des
Bonzen, der riesengroße Wang-lun, schwatzend und aufgeregt.
Nach kurzer Zeit kamen die Polizisten angerannt. Aber Wang und seine Helfer
wußten es einzurichten, daß die Menschenmenge sich mit Kindern und Frauen
vor den Su drängte und drohte. Der Alte hatte seine Geschäfte schon erledigt,
ging, unbeirrt durch das Geschrei der Leute und Bekannten, die auf ihn
einredeten, in sein kleines Haus. Dann erfolgte ein Trommeln und Blasen.
Blaujackige Soldaten sperrten die Straße bis auf eine kleine Durchgangspassage,
trieben Herumstehende in die Häuser. Ein hagerer Tou-ssee, ein Hauptmann,
befehligte sie.
Barhäuptig trat Su-koh aus seinem Hause, verneigte sich höflich vor dem
Offizier und wollte, ohne einen Blick auf die Soldaten zu werfen und ohne
Erstaunen über die Umgebung, an der Hausmauer entlang gehen, um ein paar
Häuser entfernt eine Besorgung zu machen. Der knochige Tou-ssee sprang hinter
dem langsamen, wohlbeleibten Mann her, stieß ihn mit dem Säbelknauf ins
Kreuz, riß ihn bei der Schulter herum, schreiend: ob er Su-koh, der entwichene
Dochtfabrikant, wäre. Su verschränkte die Arme und sagte, er wäre das; aber
wer er, der Tou-ssee, wäre; ob er ein Wegelagerer und Räuber wäre und wie er
die Dreistigkeit so weit treibe, einen schuldlosen Mann am hellen Tag mit dem
Degenknauf zu stoßen und ihm aufzulauern.
Noch ehe Su zu Ende gesprochen hatte, hatten der Offizier und zwei
herbeigesprungene Soldaten ihn mit einigen Säbelhieben an der Mauer
niedergemacht.
Wang schrie hell mit den andern auf, die von den Ecken der Straßen dies
angesehen hatten. Er wollte zuspringen, aber er zitterte, konnte nicht von der
Stelle, seine Glieder waren plötzlich von einer Schwäche und Lähmung befallen.
Er trieb mit der Menschenflut im Zickzack über die Plätze, seiner nicht ganz
bewußt. Seine Blicke liefen hilflos über die Gesichter, die Gänsekiele und die
Ladenschilder, die goldbemalten. Er erkannte keine Farben. Eine immer
wachsende Ängstlichkeit trieb ihn vorwärts. Fünf Säbel fuhren dicht
nacheinander durch die Luft, zehn Schritte vor ihm, wohin er sah. Und dann ein
graues Durcheinander. Übereinander.
Su-koh, sein ernster Bruder, lag ungerettet auf der Straße.
Su-koh war sein Bruder.
Su-koh war ungerettet geblieben.
Su-koh lag auf der Straße.
An der Mauer.
„Wo ist denn die Mauer?“
Es drängte ihn zu der getünchten kleinen Mauer. Su-koh wollte doch nur eine
Besorgung machen. Das Haus war noch nicht verkauft; der Priester mußte
befragt werden; wegen des neuen Wohnorts mußte der Priester befragt werden.
Er mußte doch an der Mauer entlang gehen. Warum hatte man seinen Bruder Su-
koh daran gehindert, an der Mauer entlang zu gehen. Oh, ihm war so heiß und
ihn fror so.
Er trottete zitternd in die Kammer Toh-tsins, der ihn schon erwartete.
Als er Wang verfärbt ankommen sah, faßte er ihn, der sich willenlos führen
ließ, gequält seufzte, mit den Fingern spielte, um den Leib, zog ihn in den
Tempel. Da öffnete er neben dem Standbild des Musikfürsten eine klinkenlose
Tür; sie kamen auf einen Platz mit Schutt und Backsteinen, saßen an der offenen
Straße in einem Wegeschrank für obdachlose Geister, ein viereckiges steinernes
Bauwerk, in dessen Inneren eine Höhlung ausgemauert war, so groß, daß zwei
Menschen geduckt drin kauern konnten. Nach der Straße zu stand die breite
Opferschale für Gaben; vom Bauplatz stiegen sie durch ein mit Brettern
verstelltes Loch ein.
Im Finstern, in der stickigen Luft saßen sie lange, bis der Feuerstein Tohs
gezündet hatte und das kleine Öllicht brannte. Toh war erregter als Wang, der
mit sich tun ließ, den Bonzen umarmte, den Kopf an seiner Schulter hängen ließ.
Der verstörte Mann erzählte dann von der Niedermetzelung Su-kohs, weinte wie
ein störrisches Kind, sprach von den fünf Säbeln, und Su-koh sei totgeschlagen
worden. Er beruhigte sich unter den Worten des andern, atmete tiefer und
langsamer und schwieg nachsinnend eine geraume Weile.
Wo bekam man ein Mittel her, daß Su-koh, sein Bruder, wieder aufstand und
herumging, und alles für seine Abreise richtete? Dieses Blitzen war dran schuld,
daß es kein Mittel gab, daß er, der noch eben ernst die Arme verschränkte, an die
Erde schoß und wie eine Katzenleiche herumgezogen wurde. Jetzt erschlug man
wohl seine Söhne. Was tat man Su-koh an? Hätte er laut aus dem alten Buch
gelesen wie sein Neffe, wäre es kein Verbrechen gewesen; man hatte aber nie
etwas von ihm gehört. Darum wirft man seinen Bruder hin, läßt seinem Geiste
keine Ruhe. Der Tou-ssee hat Unrecht an ihm getan. Der Tou-ssee hat ihn mit
dem Säbel erschlagen.
Wang warf sich an der Seite des Bonzen halb herum, flüsterte, er würde
fliehen jetzt; nur ab und zu würde er nachts kommen, sechsmal an seine Tür
klopfen. Toh war glücklich.
Wang flossen, als er draußen das Tageslicht wieder sah, die Tränen über das
Gesicht. Er weinte verzweifelt auf dem Platz zwischen den zerbrochenen
Backsteinen und dem Schrein für obdachlose Seelen; er löste seinen Zopf auf,
riß an seinem grünen dünnen Kittel, knabberte gedankenlos an den Knöcheln
seiner eiskalten Hände herum. Den Beutel mit Kupfergeld, den Toh ihm gab,
schob er zurück; klammerte sich an die Kanten des Schreins, schwang sich über
die Latte, lief davon, ohne sich abzutrocknen.
Wang trieb sich sechs Tage bald in der Ebene, bald an den Randbergen der
Stadt herum. In der Nacht des sechsten Tages erschien er bei dem Bonzen, fragte
nach seinem Hirschgeweih. Toh suchte es heraus; war glücklich, seinen
ehemaligen Gehilfen zu sehen, freute sich an seinem entschiedenen Ernst. Wang
nahm die Maske in die Hand, streichelte sie, legte sie an sein Gesicht; der Bonze
sah, wie sehr sich sein Schüler verändert hatte. Die entschlossene niedrige Stirn
stand über Augen, die meist traurig und voll Unruhe blickten, aber dann wieder
ganz ohne Maßen wild und blind zankten. Und der breite bäurische Mund mit
der aufgeworfenen Unterlippe war nicht anders: öfter wie in einem Heißhunger
geöffnet, meist schlaff, ergeben. Die listigen Linien um die Mundwinkel
schwammen leer und zusammenhangslos dazwischen.
Der Priester, dieses verlogene betrügerische Wesen, wurde weich und fromm
vor seinem Schüler und ertappte sich dabei, wie er ihn in einem hingenommenen
Gefühl segnete.
So saß Toh noch den Rest der Nacht in seiner Kammer wach und dachte an
Wang, der schon lange mit seinem Hirschgeweih sich in dem Wegeschrank
versteckt hatte, ohne zu sagen, was er vorhatte.
Die Nacht ging hin. Als auf dem Wan-kingplatze die Soldaten sich im
Bogenschießen übten, standen Haufen von Gaffern und Müßiggängern an dem
Zaune; der Staub wehte wie eine hohe lose Gardine über den baumlosen Platz.
Nach den Bogenschützen traten Turner und Springer an.
Da bläfften mit einmal die Hunde, die Menschen stoben auseinander; über die
niedrige Umzäunung setzte ein tobender Mensch mit einer Hirschmaske, rannte
gerade in einen Trupp Soldaten, der aufgelöst vor einer Sprungleine stand,
beobachtet von einem hageren Tou-ssee. Die Hunde, dreißig Stück, stürmten
zwischen den Beinen der barfüßigen Soldaten hindurch, die lachend
auseinanderliefen, sich fluchend der bissigen Tiere erwehrten. Der Tou-ssee
rannte brüllend hinter der Hirschmaske her, die mit einer Rinderpeitsche ihm um
die Ohren schlug, dann nach einem erstaunlichen Satze sich neben ihn stellte,
ihm die Maske überstülpte, ihn an sich drückte und an die Erde legte.
Auf dem Platz war es merkwürdig still in diesem Augenblick, alle hörten ein
entsetzliches Stöhnen und Schnarchen. Schon raste der grauenvolle barhäuptige Mensch in die Zuschauer hinein; ein paar Kläffer folgten, blitzschnell war er
verschwunden. Die großen Hunde liefen winselnd auf dem sandigen Boden um
den zuckenden Körper des Tou-ssee, beschnupperten ihn. Die Soldaten verjagten
sie mit Steinwürfen. Sie rissen dem Tou-ssee das schwere Geweih ab.
Sein Gesicht war schwarz und gedunsen. Er war erdrosselt; die
Halswirbelsäule war ihm umgedreht.
Die Peitschenhiebe der Soldaten unter den Zuschauern nutzten nichts; in den
Nachbargassen liefen die Hunde herum. Die Mütter versteckten ihre Kinder, die
den Sand siebten, vor den rennenden Soldaten.
Das Hin- und Herrennen nutzte nichts. Das Drohen in die Häuser hinein
nutzte nichts. Schließlich fand ein Soldat eine Kinderpeitsche; aber das half
nichts; man brachte ihm aus andern Häusern solche Peitschen, mit denen die
Kinder ihre Holzesel antrieben.
Um Mittag lief es über alle Marktplätze, durch alle Läden und Gassen, in die
Teestuben, Weinschenken und Herbergen, in die weiten Höfe der
Regierungsjamen Tsi-nan-fus, durch die vier Tore in die Hirsefelder,
Gemüsegärten, über den lehmfarbigen Ta-tsing-ho auf die dunklen Hügel, daß
Wang-lun, der Fischerssohn aus Hun-kang-tsun, der Stadtschelm von Tsi-nan es
war, der den alten Su-koh und seine beiden Söhne in der Maske des
Provinzialrichters von Schan-tung befreit hatte, der den Präfekt betrogen hatte
mit einem Zug von Lumpen und Verbrechern aus den Tai-schanbergen, mit
lackierten Schildern aus einem Pfandhaus, daß Wang-lun jetzt seinen Bruder Su-
koh gerächt hätte an dem Hauptmann der Exekutionstruppe. In der Hirschmaske,
mit der er die Marktweiber sonst erschreckte, hatte er auf dem offenen Wan-
kingplatze den Tou-ssee der Provinzialtruppen vor seinen Soldaten erdrosselt.
Der Mann, von dem die Stadt schnarrte, kletterte um diese Mittagsstunde träge
ein paar Felswege in den Bergen. Dann lag er jenseits einer unzugänglichen
Schlucht auf dem Gneisschutt ausgestreckt auf dem Rücken, ohne Gefühl für die
spitzen kantigen Steine. Er lag regungslos, ohne die schweren Hände zu heben,
in dem Sonnenbrand. Im Grunde wartete er und befühlte sich innerlich, ob nun
alles gut sei, ob er nun alles gut gemacht hätte.
Die Pein der letzten Woche war unertragbar gewesen. Es trieb ihn umher von
einer Hütte auf den nächsten Kamm; vier Tage aß und trank er nichts: er vergaß
das Essen über dem Laufen, Augenschließen, Herumwälzen. Wenn das
Durstgefühl zunahm, merkte er nicht, daß es Mangel an Wasser war, was ihn
lechzen ließ; er glaubte, das Unglück in ihm wuchs und sengte. Es kam ihm oft
vor, als ob er sich neue Sachen kaufen müsse, weil man ihm Kleider und Haut
abgerissen hatte. Daß er auf einmal furchtbar schwer und furchtbar groß war. Es
quälte ihn außerordentlich, daß er so unbeweglich war, sich gar nicht von der
Stelle schieben ließ, wälzen ließ. Nicht anders war ihm, als wenn er badete an
dem fernen Strand von Hun-kang-tsun bei Beginn der Ebbe: eben trugen ihn
noch die starken Wellen, dann schleiften sie ihn wiegend über den Sand; mehr
und mehr trat das durchsichtige Wasser zurück; seine braungelbe Brust lag
trocken, die Zehenspitzen sahen aus dem Wasser. Das Meer schälte seine Arme
und Schenkel bloß: er lag tropfend schwergewichtig auf dem feuchten Boden
und mußte sich stemmen, um nicht in die Flut zu rollen.
Ihn trug nichts mehr. Er hob hundertmal wiegend die Arme; sie ließen sich
nicht schwingen.
Dazwischen kam das Glitzern der Säbel, war so intensiv, daß er mit den Augen zwinkerte.
Er versteckte sich vor den Bettlern, Dieben und Hehlern. Er konnte mit ihrem
Anblick nichts anfangen.
Su-koh war erschlagen: das hatte man ihm angetan.
Dabei fühlte er den überwältigenden Druck des Leidens, im Hinterkopf, auf
der Zunge, in der Höhlung der Brust. Und es war eine gewaltsam freiwillige
Richtung, die er seinen Gedanken gab, als er sich auf Rachevorstellungen
versetzte, Vorstellungen ohne Leidenschaft, erfunden, um ihn zu heilen, zu
befreien. Er jammerte sich vor: es wäre Grund sich zu rächen. Aber er glaubte
sich nicht, und konnte sich nicht glauben.
Und die Verzweiflung bei diesem Ringen wurde immer mehr zu einer Wut auf
den Tou-ssee, der das alles angerichtet hatte. Er fürchtete den Tou-ssee, wie er
sich ängstigte vor dem Blitzen seines Säbels. Aber die Wut auf den Tou-ssee
setzte sich siegreich durch, gewaltsam durch, setzte von Stunde zu Stunde mehr
über die Angst weg. Das Stöhnen des sinnlosen Leidens verwandelte sich in ein
Stöhnen des tastenden, suchenden, sicheren Hasses. Die endlosen Tage wurden
kürzer, und eines Nachts lief er durch die stummen Straßen Tsi-nan-fus und saß
bei Toh in der Kammer. Dachte noch nicht an sein Hirschgeweih, als er an die
Kammer pochte. Aber wie er die Schwelle überschritt, wurde ihm warm. Die
lustige Maske fiel ihm ein, und daß dies alles vorbei sei; und im selben Moment
hatte er eine Bewegung in seinen Muskeln gefühlt: die Maske gefaßt und über
den Kopf des Tou-ssee gestülpt, erdrosselt, weggeworfen. Dies war gut. Er war
glücklich. Über den Kopf stülpen die Maske dem Tou-ssee, und dann weg. Über
den Kopf des Tou-ssee gestülpt, dann weg, weg.
So war der Mord geschehen unter seinen freudigen, delirierenden Händen und
Armen.
So lag er auf dem Gneisschutt, befühlte sich mißtrauisch und abgekühlt, ob
nun alles gut sei, ob nun genug geschehen sei.
Als er nach Stunden aufstand, fand er sich ruhig. Wie wenn in seinem
Brustkorb irgend etwas eingeschlafen sei, umstellt von hohen Spinden und
Tischen.
Es dunkelte. Die Mondsichel stand über den scharfen Klippen der Schlucht.
Da trabte er aufwärts und saß in einer Halunkenhütte, ein halb umgesunkenes
Holzwerk unter einem überhängenden Felsen. Die Hütte war leer.
Bald kamen fünf mit Laternen angeschlichen. Sie wußten von der Tat Wangs,
waren stolz, daß er zu ihnen zurückkehrte. Ein krummbeiniger Strauchdieb bot
ihm den ganzen Krug des herzerfreuenden Ginseng an, der ihm um den
kropfigen Hals hing. Sie krähten von dem hageren Tou-ssee, mimten Wang mit
Sprüngen vor, wie sie sich die Erdrosselung dachten. Er trank mit verstopften Ohren. Dann überschrie er sie und bat ihm zu helfen. Sein Blutsbruder Su-koh
sei nicht beerdigt worden, sein Leib in Stücke zerschlagen. Er, Wang, müsse in
der nächsten Frühe weg; sie sollten ihm helfen, noch jetzt in der Nacht eine
Beerdigung für seinen ruhelosen Blutsbruder zu feiern.
Sie liefen in Gruppen, es kamen neue Vagabunden von tieferen Hütten herauf.
Huschen der weißen Papierlaternen. Sie benahmen sich leise, als wären sie in
einem Totenhause und geboten sich Ruhe. Dazwischen tranken sie.
Mit eingesunkenem Rücken, starren Blicken, wie eine Witwe, saß Wang auf
dem Lehmboden neben dem niedrigen Holzgestell, einer Bahre, auf der ein
zusammengebundener Zeugklumpen, eine rohe Puppe lag. Wang hielt sein
Messer in der Hand, schnitt sich aus dem aufgelösten Zopf eine Strähne ab, legte
sie auf den Zeugklumpen. Der älteste der Strolche, ein schwachsinniger
gutmütiger Taps ohne Zähne, ein Ausbund von Schmierigkeit, trippelte aus dem
Haufen an die Bahre, legte ein Teeblatt in einem Stückchen roten Papier der
Puppe auf den Mund. Er wickelte einen langen Schal aus einer zerrissenen Hose
um die Beine der Leiche, damit sie nicht aufspringen möge und ruhen bleibe.
Von draußen hörte man in dieser Stille ein Knarren, Scharren und Rauschen; vor
der Hütte schwang einer ein riesiges Sacktuch an einer Latte wild und
unaufhörlich durch die warme Luft, das Seelenbanner; er lockte den Geist des
Toten aus der nächtlichen Luft her.
Der kleine dumme Tapps verneigte sich zahllose Male nach den vier
Himmelsrichtungen, rief unter Sprüngen und Händeaufheben Kuei-wang, den
König der Unterwelt, an, empfahl ihm den neuangekommenen Geist. Und alle
zusammengewürfelten jungen und alten Landstreicher dachten in dem
Augenblick an das Fest am fünften Tag des siebenten Monats, an dem ein
kleines Schiff mit dem Kuei-wang den Fluß herunterzieht, der Dämonenherr in
schwarzer Jacke mit dem Kragen aus Tigerfell, dem Schurz und den Stiefeln aus
Tigerfell, den Dreizack in der Hand; seine schwarzen Haarbüschel wulsten sich
unter dem Diadem weit hervor. Und hinter ihm stehen steif die kleinen drolligen
Dämonen, mit der viereckigen Mütze, der mit dem Rindskopf, der mit dem
Pferdemaul und die zehn pausbäckigen, puterroten Höllenfürsten und lassen sich
angucken.
Sie trugen vorsichtig zu vieren die Bahre mit der Puppe heraus, Wang voran;
die andern torkelnd, umschlungen hinterher, mit den Laternen über einen kurzen
Weg zu dem steinigen Acker, nach rechts und links Mehlkügelchen streuend für
die hungernden Geister. Versenkten die Figur in ein flaches Grab. Kleine
Papierstückchen glimmten auf, Geld für den Toten; übel qualmten Lumpen und
Lappen, seine Anzüge.
Mit leeren Holzbrettern zogen sie grunzend aufwärts. Die Laternen schwankten. Der Morgen graute über Tsi-nan-fu. Als sie oben in die Hütte
stampften, war Wang verschwunden.
Aus Furcht vor den Häschern und aus Furcht vor den Schrecknissen von Tsi-
nan-fu floh Wang-lun nach Norden. Er überschritt die Grenzen von Schan-tung,
durchquerte die Ebene von Tschi-li im Herbst und erreichte, dem schmalen Hun-
ho folgend, unter heftigen Schneestürmen den Schutz der Nan-kuberge im
nordwestlichen Tschi-li. Er mied jede Stadt. Meist war er allein. Er hungerte
viel; verdiente, wenn die Not groß wurde, durch Lastentragen, Kohleschleppen,
ein paar Cent; aber er hielt es nirgends aus. Auch widerte ihn jede längere Arbeit
an. Er kannte von Haus aus nicht die pflanzliche Geduld seiner Landsleute. Er
bettelte.
Als es kalt wurde und der Herbstregen durch seinen zerfetzten Kittel sickerte,
tat er sich mit zehn Wegelagerern zusammen; sie warteten drei Tage und Nächte
vor der Kreisstadt Tu-ngan, bis eine wenig bedeckte Karawane mit Ziegeltee
ganz in der Frühe ankam. Sie zogen den brüllenden Kaufleuten die wattierten
Überjacken aus, ließen sie sonst mit höflichem Spott weiter ziehen.
Den ganzen Winter verlebte er auf diesem Gebirge. Es wimmelte von
Einsiedeleien, kleinen und größeren Klöstern; der heilige Berg Wu-tai-schan war
nahe. Den ganzen Winter über herrschte ein lärmendes Treiben auf den breiteren
Straßen und den schmalen Wegen. Von den nördlichen Pässen strömten die
Menschen mit Pferden, Packeseln, Kamelen. Sie brachten Geschenke,
Opfergaben nach dem südlicher gelegenen Berg, dessen Klöster sich auf
gewaltigen kahlen Felsmauern erhoben; die gelben Steinwände fielen schroff ab;
auf ausgehauenen Serpentinen wanden sich die Züge hinauf in die dünne Luft.
An einem nicht breiten Fluß mit tobenden Schnellen hielt sich Wang-lun die
harten Monate auf. Der Fluß durchbrach die Granitmassen, ungeheure braune
Flächen stiegen senkrecht nieder; vor dem gebieterischen Wasser legten sie sich
in sanfter Neigung um. Wenig Geröll ragte über der schwarzen Fläche hervor;
darum kreiselten die Wellen weiß mit Gischt. Weiter nach Osten, wo der Fluß
der empfangenden Ebene zudrang, wichen die Felsen auseinander, mit neuen
Vorlagerungen; ganz fern senkte sich alles.
An einer Felsstraße, unter einem überhängenden Block, dessen Rücken mit
immergrünen Tannen bestanden war, wohnte Wang-lun bei einem Einsiedler.
Kein Regen, kein Schnee fiel in ihre geschützte Hütte; die eisigen Winde glitten
pfeifend aus den Schlünden vorbei. An wärmeren Tagen ging er tiefer herunter,
wo an dem Fluß die kleinen Wassermühlen arbeiteten, Pochwerke, in denen Sandsteinhämmer in feste Mörser fielen, um das Holz und den Talkstein für
Kerzen zu pochen. Da unten saßen Bettler, entlaufene Verbrecher, Faulenzer,
Wegelagerer. Wang führte ein Doppelleben. Er ging unruhig hin und her und saß,
auf irgend etwas wartend, bald hier bald da. Nur sekundenweise, mit einem
Zusammenpressen des breiten Mundes, einem Runzeln der niedrigen Stirn,
dachte er an Tsi-nan-fu, an die mauerumzogene Stadt der Tausende. Nur in dem
eindringlichen Blick, der oft ganz inhaltslos haftete, stand etwas von einer
kleinen getünchten Mauer, einem Säbelblitzen, einem langen langen Sitzen in
einem finsteren Wegeschrein für obdachlose Geister. Sein rechtes Auge, das sich
unter einem auffällig tief hängenden Oberlid bewegte, drehte sich in leichten
Zuckungen und schielte nach außen.
Im übrigen hatte er schon in der Ebene seine freche, unbehinderte Lustigkeit
wiedergewonnen. Er trug sich vorübergehend mit dem Plan, in die Gilde der
Dachdecker einzutreten. Er erlangte bei seinen Gefährten am Pochwerk leicht
die Oberhand. Daß er kräftig und unverbraucht war, hätte ihm in diesem
gewalttätigen Kreise allein nicht viel geholfen. Den Ausschlag gab seine
spielende Art Menschen zu behandeln. Er hatte dies bei seinem alten Toh
gelernt: demütig und schmeichelnd zuzuhören, unaufdringlich auszuforschen,
leicht schon im Wiederholen das Gehörte zu retuschieren, unmerklich und mit
wunderlicher Offenheit, die eine Ehrlichkeit vortäuschte, eigene Wünsche zu
unterschieben.
Die Strolche, mit denen er tagelang hockte, schwankten in ihrer Auffassung
über ihn. Ein paar jüngere nahmen ihn nicht für voll; sie hielten ihn für einen
Halbnarren mit entsetzlicher Gewandtheit, eine Art Affenmenschen. Wang
wurde bösartig, wenn man seine Späße mißverstand, ließ seine
Liebenswürdigkeit wie eine Maske fallen, stieß schlimme Drohungen aus; daß er
aber dann sich finster zurückzog, tagelang die Gesellschaft mied, bewies ihnen
seine Verworrenheit. Die älteren scheuten ihn. Sie nörgelten nicht an seiner
kindischen Verspieltheit; ihnen fielen die nicht seltenen Minuten seiner
unheimlichen Entrücktheit auf. Sie hatten ein Gefühl von Ehrfurcht vor solchen
Dingen. Sie spürten ein schweres Leiden in ihm, und sie hielten Leiden für eine
Fähigkeit, eine Gabe. In den niedrigen Leuten schwang der alte Geist des
Volkes; mehr als in den Literaten strömte in den Gestrandeten, viel Erfahrenen
das tiefe Grundgefühl: „Die Welt erobern wollen durch Handeln, mißlingt. Die
Welt ist von geistiger Art, man soll nicht an ihr rühren. Wer handelt, verliert sie;
wer festhält, verliert sie.“ Wang bot ihnen ein heimatliches Gefühl. Sie hingen
ihm auf ihre Art an, besorgten sich um ihn brüderlich, um den Stärksten unter
ihnen fast mütterlich.
Das feine Klappern der Pochhämmer, das gleichmäßige Gischen des Flusses scholl zu der Einsiedelei hinauf. An der Bergstraße, in deren Wand bei jeder
Biegung des Weges eine fromme Inschrift eingegraben war, saß Wang-lun bei
Ma-noh.
Zu Ma-noh war er eines Tages betteln gegangen. Wang hatte geglaubt, einen
bärtigen Mann in Nachsinnen zu finden, der ihm mit sanften Worten von seinen
Vorräten abgab. Statt dessen prallte eine hohe Stimme gegen ihn, wie er die
Stiege betrat. Am Eingang der Hütte riß eine Hand an seinem Ärmel, zog ihn
herum. Ein spitzes Gesicht fuhr dicht an seines, in einem schwer verständlichen
Dialekt wurde gefragt was er wolle. Seine scharfen Augen konnten sich
inzwischen an das Halbdunkel gewöhnen. Ma-noh trug einen Mantel aus kleinen
bunten Flicken, die wie Fischschuppen übereinander standen. Es war ein kleiner
etwas gebückter Mann, der sich wie ein verschrobener Alter gebärdete, ein
verblüffend junges frisches Gesicht zeigte, schlanke gebogene Nase, feiner
Mund mit Rednerfalten, unsichere Augen, die vor jedem Gegenstand
zurückwichen wie aufschlagende Gummibälle. Er pfiff mehr als er sprach. Beim
Anblick der Umgebung klopfte Wang das Herz; sie erinnerte ihn an den dunklen
Tempel des Musikfürsten Hang-tsiang-tse in einer fernen Stadt. Als er ein paar
demütige Phrasen leierte, Ma-noh ihm ein Stück Ziegenkäse in die Hand
drückte, stand er noch gefesselt herum, tat Fragen nach den Götterbildern, die
auf einem kleinen Regal standen. Ma stellte sich mit dem Rücken vor sie, sprach
hastig, was Wang nicht verstand. Der neugierige höfliche Bettler fragte gelassen
weiter, erzählte eine erlogene Geschichte von einem Priester in Ki; der
Einsiedler sprang, machte eine verwunderte Miene über die Kenntnisse des
Strolches. Schließlich erzählte Wang, er sei eine Stunde von hier ansässig, bei
einem Pochwerk beschäftigt, bat den weisen Herrn, ihm von der Kraft seiner
Götter Kunde geben zu wollen, denn er sei mit seinen Göttern unzufrieden.
Widerwillig lud Ma-noh den ungewöhnlichen Gast zum Teetrinken ein.
Und dies war der Anfang ihrer Bekanntschaft.
Der unruhige Mann, der später mit dem Flüchtling aus Schan-tung sein Haus
teilte, war ein Mönch, aus Pu-to-schan entwichen, jener herrlichen Insel im
Süden.
Stumm und mild saßen seine Buddhas im Hintergrund der Hütte. Die
Ohrlappen bis auf die Schultern gezogen, unter dem blauen aufgeknoteten Haar
die runde Stirn mit dem dritten Auge der Erleuchtung, weite Blicke,
aufgehelltes, fast verdunstendes Lächeln über dem vollen glatten Gesicht, über
den aufgeworfenen Lippen, feine Hände preziös zur Brust erhoben, hockend auf
runden schlanken Schenkeln, Fußsohlen nach oben gedreht wie das Kind im
Mutterleib. Ma gab den Buddhas, oder wie Wang sagte, den Fos verschiedene
Namen; sie sahen sich alle ähnlich. Nur ein Buddha war anders, dessen Name schon nach Schan-tung gedrungen war, eine Göttin, die Kuan-yin. Aus
Bergkristall stand sie inmitten der andern, mit unzähligen Armen, die sich wie
Schlangen aus den Schultern rangen und einem Mund, der sich so zart verzog,
wie wenn ein leichter Wind über eine Weidenpflanzung fegt.
Und mit einer aufschließenden Erschütterung hörte Wang, was diese Fos
lehrten: daß man keinen Menschen töten dürfe. Ma-noh war verblüfft über
Wang; er lachte über ihn; dies lehrten doch eigentlich schon die Richter. Wang,
betreten, sagte ja; aber dann schossen seine Brauen hoch, das rechte Auge drehte
sich in Zuckungen und schielte nach außen. Er nickte mit dem Kopf: „Die Fos
lehren gut. Die Richter lehren gut. Aber nur deine Fos haben recht, Ma.“
Ma liebte ohnmächtig die Buddhas. Zu einer Zeit schrie er ihnen seine
ehrgeizigen Wünsche, und was sie ihm nicht erfüllt hatten, in die riesigen
Schalltrichter ihrer Ohren und stellte sich bläkend vor sie. Zu anderer Zeit
überwältigte ihn die Hoffnungslosigkeit, ohne Sinn streckte er sich auf dem
blanken Steinboden. Sie blickten über ihn weg mit dem Lächeln, das fast
verwehte. Er mühte sich um sie, fühlte sie als Herren; und sie wurden ihm
nichts, wie er sich um sie bemühte.
Und doch war ihm zu keiner Zeit der Gedanke gekommen, den Wang einmal
vorschlug, als er wieder dicken Staub auf den Gesichtern der Allerherrlichst-
Vollendeten fand: die Bildsäulen auf einen Karren zu laden, nach der Nordseite
der Straße zu fahren, und vorsichtig die Fos einen nach dem andern in die
Stromschnellen zu schütten.
Ma haßte seinen Gast wegen dieses Gedankens. Er fühlte sich durchschaut,
weil Wang zu wissen schien, daß er es nicht konnte. Und ganz inwendig war er
neidisch auf diesen Gast, der so einfach einen ungeheuren Plan hinwarf und
bereit schien, das Unerhörte sofort auszuführen. Er verfluchte Wang laut vor
dem Regale, auf der Kniematte liegend, daß der Amithaba es hörte: wie
schlimmes jener geredet hatte und wie er sich jetzt bezwang, sich niederzwang,
und seine Zuflucht nahm zu dem Gesetz, zur Lehre, zur großen frommen
Genossenschaft, wie die Formel lautete. Er stellte sich ein, unaufhörlich den
Namen Omito-fo murmelnd, und ging entzückt über sich wie eine Schleichkatze
den Pfad; er sah den Pfad dünn sich hinschlängeln, einen Faden, der ihn
nachzog, über die ersten Erhebungen, dann über die vier Stufen zur Seligkeit.
Nun in die Strömung eingegangen, nun einmal wiederkehrend, nun keinmal
wiederkehrend, nun Archat, Lohan, sündenlos Würdiger, der mit demselben
Blick Gold und Lehm, den Katalpabaum und die Mimose, den Sandelbaum und
die Axt betrachtet, mit der er gefällt wird. Und oben die Freudenhimmel, wo sich
voneinander trennen, wie durch Strahlung voneinander weichen, die sonst
zusammenfließen würden: Geister des begrenzten Lichts, die Bewußtlosen, die Schmerzlosen, die Bewohner des Nichts und schließlich jene, welche da sind,
wo es weder Denken noch Nichtdenken gibt.
Stumm und mild saßen die Buddhas auf dem Regale; die Ohrlappen bis auf
die Schultern gezogen, unter dem blauen aufgeknoteten Haar die runde Stirn mit
dem dritten Auge der Erleuchtung, weite Blicke, ein aufgehelltes, fast
verdunstendes Lächeln über den aufgeworfenen Lippen, hockend auf den runden
schlanken Schenkeln, wie die Kinder im Mutterleib die Fußsohlen nach oben
gerichtet. Es füllte eine stundenlange Stille die finstere Hütte des Ma. Wäre sein
Abt, der Chan-po, hereingetreten und hätte ihn wie früher an den Schultern
gefaßt und mit den kalten Augen das spitze entrückte Gesicht betrachtet, so wäre
wieder das stille zornige Lachen erfolgt, das Ma oft gehört hatte. Bevor er noch
seinen weisen Lehrer fragen konnte, ging der Alte immer mit Kopfschütteln
hinaus. Und Ma, frierend, zerschlagen, beantwortete sich willenlos seine Fragen
selbst, während er sich die blaugefrorenen Finger rieb: man fliegt nicht in den
Götterhimmel; die Söhne Cakyas gehen den Grat hinauf, über die vier Stufen,
die vier schweren Stufen.
Ma konnte nicht gehen, nicht mehr von dem Augenblick an, da er wußte,
wohin der Weg ging. Auf Pu-to, der Insel, in der Halle der Versenkung, hatte ihn
nach Schluß einer Schiffermesse das Gefühl heimgesucht, das weich und streng
zugleich ihn wie ein Balken durchdrang und sich um ihn langsam drehte; und
darauf kam eine schmerzliche bittere Hingerissenheit, und darauf ein doppeltes
Winken von seidenen Tüchern, rot und gelb, von zwei Seiten her. Die Tücher,
groß wie Laken, schlossen sich unaufhörlich rollend, bewegt zusammen; in der
Mulde, in dieser mittleren Mulde glitt er hin. Seine Füße waren wie die eines
Toten mit Binden umwickelt. Der Luftzug von den Tüchern hob ihn etwas an,
und doch glitt er in einer Linie weiter. Eine Fächerpalme kam. Etwas Graues,
Großes schnellte näher, ein Ei, eine riesige graue Perle. Bei ihrem Anblick wallte
es in ihm wahnsinnig; er ächzte, richtete sich auf, lief über die Ähren eines
Feldes, schwamm händeringend um die Perle, gegen die er sich in einer
züngelnden Welle verlor.
Ma wußte nichts von seinem Traum, als er aufwachte. Sein Ächzen war das
einzige, was ihm ins Ohr scholl. Mit solchen Träumen aber schlug die Welle von
Unruhe in ihn hinein. Er fing an, Maßregeln der Klosterdisziplin zu kritisieren.
Statt Versenkung nach Versenkung, Überwindung nach Überwindung zu
klimmen, wie die Lehre fordert, wartete er auf die letzten höchsten Zustände,
wie ein Verliebter auf das Rendezvous. Und wußte dabei mit schneidender
Deutlichkeit, daß er sich in jeder Versenkung betrog, daß die goldenen Buddhas
ihm so fern, so undurchdringlich waren.
Und doch mußte er sie erreichen, wenn er nicht endlos wiedergeboren sein wollte; er mußte das Ufer der Rettung erreichen, wenn er nicht ertrinken wollte;
so peitschte das Tha-mo ein, das gute Gesetz von den Welten, den atmenden
Wesen, der Zerstörung und Erneuerung der Welten. Er lief eines Tages an den
Strand; ein Bootsknecht setzte ihn über; seine Wanderschaft fing an. Es hatte
sich nichts während der zehn Wanderjahre durch die Provinzen Ngan-wei,
Kiang-su, Ho-nan in ihm geändert.
Ma-noh betrat kein Kloster mehr. Er verschrullte, wo er wie ein Kakihändler
seinen Karren mit den Buddhas schob und sich zuletzt an der Bergstraße auf
Nan-ku ansiedelte. Er umschlich den heiligen Wu-tai-schan, konnte sich nicht
losreißen von diesen Dingen, an die ihn nur seine Unzulänglichkeit bannte. Der
Fischersohn von Hun-kang-tsun wurde ihm rasch zu einer tieferen Quelle des
Nachsinnens als die hundertacht Figuren auf der Fußsohle des Cakya-muni und
die achtzehn Bedingungen der Unabhängigkeit. Dieser Bursche, der ihn auf
Schritt und Tritt belog, gehörte ohne Zweifel zu den Strolchen, mit denen das
entlassene Heer die Provinz überschwemmte. Er drängte sich seinem Wirt auf.
Seine Fragen, seine haftenden Blicke beleidigten ihn. Am meisten aber
beleidigte es Ma, wie Wang mit den fünf Buddhas umsprang, zuerst wie jeder
rohe Chinese, als hätte er Angestellte oder Rechtsanwälte vor sich, die man nach
Erfolg lobt oder wegschickt. Später mit einer zudringlichen Nähe, die Ma quälte.
Und darum quälte, weil er fühlte, daß alles Verleumden nichts half, daß Wang
unerklärliche Fühlung zu diesen stummen milden Wesen gewann. Ma schloß
neidisch tagelang seine Klause, ließ den bekannten Gast nicht ein, ahmte drin
vor dem Regale Wangs Mundspitzen, Kopfsenken, stilles Schielen nach. Wenn
ihn nichts von Ruhe überkam, bewarf er Wang mit Vorwürfen, spuckte sich auf
die Füße, weil er so dumm war, die Eifersüchteleien des Klosters wieder
einzulassen. Ja dieser Netzflicker kniete auf der Bambusmatte vor dem Regal,
als wäre Ma-noh nur sein Tempelverwalter, vor den Buddhas, die Ma zehn Jahre
vor sich geschleppt hatte durch die endlosen Provinzen Ngan-wei, Kiang-su, Ho-
nan, der Strauchdieb, der sicher einen Menschenmord auf dem Gewissen hatte.
Es gab ein Ringen zwischen ihm und Wang, Wiederkauen der Vorwürfe,
langsames Vollaufen von Unwillen. Wang kam ununterbrochen, konnte sich an
Sutren und Sentenzen aus den heiligen Büchern nicht sättigen; Ma-noh mußte
ihm widerstrebend mehr geben; der große Mensch nickte dazu, als hätte er dies
und jenes schon erwartet. Schamlos erschien dies Ma-noh, und er rang die
mageren Hände, gab sich in seiner eigenen Wohnung verloren, war gehemmt,
vor Wang die Tür zu verriegeln. Wenn der Strolch auf der schmutzstarrenden
Matte kauerte, Lehren auf seine plumpe Art wiedergab, setzte sich der kleine
Mönch atemlos neben ihn, fühlte sich ängstlich an ihn heran, beschnüffelte ihn.
Zweimal wies er Wang in einer Aufwallung die Tür.
Ein stiller Augenblick, der das Gebirge um Ma-noh weit werden ließ, war es
dann, als sich Ma einmal abends nach Wangs Fortgang vor seiner Tür bei etwas
Merkwürdigem ertappte: wie er in einer zerfließenden Versunkenheit den
schneeschweren Himmel betrachtete und dabei klar wußte, daß er Wang
unterlegen sei und nicht litt. Plötzlich in der folgenden Nacht trat vor ihn die
Erinnerung an diese Versunkenheit. Dumpfes Staunen hinter diesen Zustand:
„Und nicht litt.“ Er war Wang unterlegen und litt nicht. Das Gefühl zog sich eng
über seine Haut, machte das Herz zu einer Feder; zart und schlecker dachte es in
ihm hin zu Wang unter kniebrechender Knechtung: „O wie gut ist es, Ma-noh zu
sein.“
Nur Minuten.
Dann wehrte er sich, knirschte alles bedächtig herunter, legte sich vorn über
seinen Leib und zersprengte das Gefühl.
Erschrak zum Schluß über sich und das ganze Geschehnis. Zerrte sich in den
Schlaf.
Konnte in den nächsten Tagen Wang nicht unter die Augen treten; schämte
sich vor ihm, und sich selbst stach und biß er. Unberührt aber verharrte dieses
Gesicht in ihm: „Schneeschwerer Himmel, und ich bin Wang unterlegen.“ Es trat
aus seiner Brust heraus und zog ihn hinter sich, wachsend, wachsend. Er
überlegte manche Nacht, ob er nicht wieder wandern sollte. Blieb zu seinem
eigenen Staunen. Näherte sich leidend Wang. Ihre sonderbaren Gespräche
nahmen einen Fortgang. Es folgten die Tage, wo Ma-noh ungeduldig wurde,
wenn der Strolch nicht hereintrampelte, wo er sich erkundigte, was er vorhatte,
auf das Halunkenpack hetzte.
Der Priester belehrte den Strolch mit einer Empfindung von Angst. In ihm
rüstete sich alles, die Waffen zu strecken.
Eine eisige Kälte stellte sich zu Beginn des neuen Jahres ein. Die Felsenwege
wurden ungangbar unter der Glätte. Auf höheren Partieen des Gebirges lag der
Schnee wie Daunen meterhoch geschichtet. Trat man in die weißen Massen, so
schrumpften sie nicht weich zusammen; es gab ein zartes Klirren wie von
tausend Schieferplatten, der Schnee riß Wunden in die Hände. Die Luft, zuerst
von einer tiefgrünen Durchsichtigkeit, nahm einen grauen Ton an.
Eine mongolische Karawane, die von den nördlichen Pässen herüberkam, zog
dicht bis an die Nan-kuberge. In einer Nacht erfroren fünfunddreißig Maultiere;
zwei Bären saßen am hellen Morgen unvertreibbar mit rot unterlaufenen
drohenden Augen bei einem Pferde, von dem man nicht wußte, ob es erfroren oder lebend zerrissen war. Die Tee- und Seidenballen, die mächtigen Pelze
blieben auf dem letzten Paß liegen, die Pilger überwinterten in einem rückwärts
gelegenen Dorfe.
Nach dieser Karawane kam niemand mehr über die Straßen zum Wu-tai-
schan. Es sollten die Menschen zur Erstarrung, die Berge zum Springen gebracht
werden. Die Pochwerke hatten ihre Arbeit eingestellt. Der Fluß, schmaler als
sonst, blies durch die Täler seine Luft, die von der Kälte zum Ersticken
verdichtet war.
Die Wegelagerer und Verbrecher hatten sich zu einem kleinen Teil in die
Dörfer geschmuggelt, welche westlich und östlich der Berge lagen. Die übrigen
warteten eine kleine Zeit auf die Pilgerzüge, von denen sie lebten. Dann
schlossen sich überall größere und kleinere verzweifelte Haufen zusammen. Die
Wege, hinter die sich die Höhlen und Hütten der Heimatlosen verkrochen,
mußten bald unübersteigbar werden; dann gab es kein Hin und kein Her.
In mehrere gewundene schmale Höhlen, die vor dem Wind geschützt waren
auf der Straße oberhalb Mas Einsiedelei, hatte sich der Haufen geflüchtet, zu