Die drei Sprünge des Wang-lun
Erstes Buch Wang-lun
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 4 Teile geteilt.
dem auch Wang hielt, etwas über fünfzig Mann. Aber nach zwei Tagen, als fünf
nach verhungernden, erfrierenden Genossen suchen gegangen waren auf den
zugänglichen Straßen, Abhängen, Tälern, waren es achtzig geworden. Es gab
keine lange Beratung. Die neun Geachtetsten unter ihnen bestimmten, daß das
etwa sechs Stunden entfernt gelegene Dörfchen Pa-ta-ling gleich geplündert und
eingenommen werden sollte.
Unterwegs während des Abwärtskletterns kamen einzelne überein, und es
verbreitete sich unter die andern, daß von den Bewohnern des Dörfchens
niemand entweichen dürfe; man müßte sie entweder einschließen oder
niederschlagen. Es gab beim Abwärtsrennen der Männer, zu denen kurz vor dem
Dorfe noch ein kleiner Haufen von dreißig Ratlosen stieß, ein unaufhörliches
Schreien, Zusammensinken, Wimmern um Mitnehmen. Die Kräftigen hielten
vor Hunger den Mund offen und bissen in den Wind; sie liefen besinnungslos.
Sie trugen abwechselnd die älteren und leichten Vagabunden auf dem Rücken.
Sie liefen den letzten Rest des Weges durch ein welliges Tal völlig schweigend
in einer langen Linie, die nach hinten breiter wurde; die Starken wie Windhunde
voran, ohne Gedanken an die Folgenden.
Das Dorf hatte fünfzig Häuser, die an einer einzigen Straße lagen bis auf vier
Häuser, die um einen immergrünen Eichbaum beim Eingang der Straße von den
Hügeln her standen. Von diesen Häusern sahen die Leute zuerst das Springen
von Menschen über die Schönn-i genannten Felsenklippen, das Fallen und
Aufraffen immer neuer Menschen. Sie näherten sich rasch über den weißblauen
Schnee, es schien als ob sie verfolgt wären. Ihre Zöpfe flogen wagerecht; man sah sie über die Schultern wie Peitschen schwingen.
Die Frau des Bauern Leh gellte zuerst auf dem Hofe: „Banditen, Banditen,
Banditen!“ Es rannten Frauen, Kinder, zuletzt Männer, Betten hinter sich, die
Dorfstraße herunter, schlugen an Hoftore, verschwanden in den Häusern.
Winseln, Kreischen wirbelte über den Höfen, von Dach zu Dach getragen,
zitterte über der leeren Landstraße.
Von den Hügeln her kam das Trappen, das ungleichmäßige Knistern und
Knarren, weitausgreifendes Bewegen, das nicht einmal zu atmen schien.
Gebleichte Gesichter mit reglosen Zügen, Hände, die im Schwung wie Keulen
hin und her schaukelten. Körper, die empfindungslos liefen. Rümpfe, die steif
auf Schenkeln saßen, welche wie Pferde ritten. Hinter der langen Linie der
Einzelläufer schwammen schwarze Gruppen, Hand an Hand gefaßt. Aufgelöste
Nachzügler schleuderten die Arme wie Hämmer, um vor sich Löcher in die
Luftmauern zu schlagen.
Die wenigen auf dem Dorfe, die vor ihrer Türe standen und den
langgestreckten Keil heransausen sahen, sahen auch die schwarzen krächzenden
Vogelschwärme, die mit den Vagabunden die Berge verlassen hatten.
Die ersten Räuber warfen sich mit Steingewicht gegen die Tore. Sie prallten
hintereinander auf, drangen ein. Die nächsten an die folgenden Tore. Sie
überrannten einander. Das Kreischen ließ nach; die Bergläufer in den Häusern
strömten Eiskälte aus und das Grausen von Sterbenden; sie konnten ihre Kiefer
nicht öffnen; ihre Augen zwinkerten nicht. Die letzten Häuser waren
verrammelt. Ein Heulen entstand draußen, ein Gebrüll verwundeter Tiere, daß
sich die Frauen verkrochen. Die Lebenden draußen hoben die Körper der
Hinstürzenden auf, rannten mit den kopfschüttelnden Rümpfen gegen die
Holzpfosten an. Dann öffneten plötzlich die Bauern die Tore, fällten die
Wimmernden mit Beilen, liefen in die Nachbarhöfe, hackten in die keuchenden
Münder. Nachzügler, die Stärksten, mit den Lahmen auf den Rücken, hetzten ins
Dorf, warfen ihre Last in den ersten Hof, folgten dem Schreien, zerquetschten
die Bauern wie Geschosse, würgten sie, zerschmetterten ihre Kinder auf der
Dorfstraße, wortlos ohne die Mienen zu verziehen.
Die Toten froren dünn und steif auf dem Wege.
Die Lumpen drängten sich zitternd in den Häusern. Die rohen Gesellen
umarmten und streichelten sich. Die Starken und Schwachen befiel ein
Schütteln. Sie brachen in ein dumpfes Greinen aus, von dem sie sich nach
Stunden noch nicht erholten. Sie schlangen flennend herunter, was sie
vorfanden. Es wurde keiner in den Häusern angerührt von ihnen.
Als die Dunkelheit herunterfiel, gingen zwanzig von den jüngeren Burschen
von Haus zu Haus, verteilten Beile, Dreschflegel, bestimmten Nachtwachen.
Es wurde von der Bande geplant, solange die härteste Kälte anhielt, im Dorf zu
bleiben, dann gemeinsam auszuziehen. Die Hausbewohner wurden davon
verständigt; an den Ortsvorsteher konnte keine Nachricht erfolgen; er war
mitsamt seiner Familie erschlagen.
Man hatte nichts zu fürchten von Verrat während dieser Zeit, der nächste Ort
lag sechs Stunden entfernt, und der Weg ungangbar.
Einen ganzen Monat lag das Dorf von jedem Verkehr abgeschnitten. Eine
Verbrüderung fand unter den Banditen statt. In der Zeit erlangte Wang über die
hundert Männer die Gewalt, die ihm die Rolle des Bandenführers aufnötigte. Bei
den täglichen Streitigkeiten, der Regelung des Verkehrs mit Ansässigen, der
Beaufsichtigung, dem notwendigen Kundschafterdienst setzte sich seine
Körperstärke und schonende Diplomatie durch; die Achtung der älteren Leute
schob ihn vor.
Schon nach zwei Wochen besprachen die Wegelagerer unter sich, nach
Auszug aus dem Dorf nicht auseinanderzugehen, sondern ein bequemeres Leben
unter Wangs Hauptmannschaft weiterzuführen. Wang trennte sich eines Morgens
von ihnen, verschwand auf zwei Tage ins Gebirge.
Er lief zu Ma-noh, fand ihn munter, unter Massen Decken und Werg
vergraben, in einer Ecke seiner Hütte grinsend liegen, brachte ihm Reis, Bohnen
und Teeblätter.
Nach seiner Rückkehr sprach er Tage und Nächte viel mit den Älteren. Daß
sie arme ausgestoßene Menschen seien. Daß man ihnen nichts tun dürfe, wie sie
selbst keinem etwas täten. Daß nichts schrecklicher sei, als wenn Menschen sich
töteten, und der Anblick nicht zu ertragen. Ma-noh, der Einsiedler aus Pu-to-
schan, habe ihm viel Gutes und Kostbares von den goldenen Buddhas erzählt,
besonders von der Frau Kuan-yin, welche tausend Arme an beiden Schultern
hätte und den Weibern Kinder schenkte. Sie seien seine Freunde und sollten tun
wie er. Soviel Leiden bringe schon das Schicksal allein, soviel Leiden; warum
sie der Himmel hasse, wer wisse das? Er werde, wenn das strenge Wetter
nachließe, durch die Dörfer gehen und allen Leuten, auch den Mandarinen
sagen, was er denke; dies sei er fest entschlossen.
Die Vagabunden, die ihn von den Pochwerken her kannten, erstaunten
keineswegs, als sie Wang so reden hörten; sie hatten solche Gespräche aus
seinem Munde erwartet. Sie dachten nicht daran, sich von ihm abzuwenden;
seine Meinung stimmte völlig mit ihrer überein; der Himmel haßte sie; man
durfte es nicht schlechter machen.
Sie waren gesellige Menschen mit besonderen Vorstellungen über allerhand Dinge, mit großer Lebenskenntnis, in vielen Dingen überlegen dem Durchschnitt
ihrer Volksgenossen. Es gab kaum fünf unter ihnen, die sich nicht verjagt und
getreten vorkamen und den Eindruck hatten, ein unfreies, gezwungenes Leben
zu führen.
Manche waren die Opfer eines starken Triebes geworden, den sie nicht
beherrschen konnten, auch nicht beherrschen wollten, die alle Schlauheit in sich
aufboten und schärften, um diesem Triebe zu dienen, mit dem sie sich
gleichsetzten. Einige Opiumraucher, Spieler von feinerem Gesichtsschnitt, ältere
Leute. Nicht wenige, die ein Gewerbe trieben, ab und zu betrogen, entdeckt und
bestraft wurden, nun sich schikaniert von den Polizisten fühlten, Schabernack
auf Schabernack, Gehässigkeit auf Gehässigkeit folgen ließen, die Grenzen
überschritten, und im Grunde froh waren, mit einem Schlage vogelfrei zu
werden, der brütenden Gesetzlichkeit entflohen. Dies waren die Glücklichen, die
wenig Bitterkeit in ihrer Freiheit fühlten.
Am schlimmsten waren die Hitzköpfe, die Rachsüchtigen, die Zügellosen
dran. Sie hatten sich, meistens jung, wegen eines Ehrgeizes, einer Verliebtheit,
einer Eifersucht, zu einem verhängnisvollen Schritt reißen lassen, standen
außerhalb ihrer Familie, Sippschaft, Heimat, in deren Rahmen ihre Triebe wie
ihr Verbrechen sinnvoll wurden, gingen mit bösen Blicken herum, verfluchten
sich, kauten an dem unzerreißbaren Gummi ihrer Leiden. Ihnen nützte nichts; sie
waren zu allem fähig; man durfte sie nicht anrühren. Sie waren nicht mitteilsam,
überall dabei, wo etwas vorging und geplant wurde, machten ihrer Grausamkeit
Luft, wo sie konnten, wurden von den Kameraden scharf beobachtet.
Dann kamen viele, die warteten, die sich angeschlossen hatten, nur um
irgendwo in den achtzehn Provinzen zu hausen. Das waren die entlassenen
Soldaten, die noch ihre zerrissenen blauen Kittel trugen und auf neue
Anwerbung hofften. Krüppel, die aus kleinen Ortschaften stammten, wo man sie
nicht ernähren konnte, und die nun die Wallfahrtswege belagerten. Tüchtige
ernste Menschen, die ihre Familien durch Überschwemmungen verloren hatten;
solche, bei denen der Mißwachs auf den Äckern ein jährlicher Gast war; solche,
die erst vorübergehend aus Scham in die fernen Berge zum Betteln liefen, dann
schwer loskamen und keinen Ausweg sahen.
Es gab besondere auffallende Erscheinungen, unter ihnen Wang-lun; unruhige
Geister, die es nirgends hielt, die hier wie überall unter Vertrauten auftauchten
und verschwanden; derartige Menschenwellen wogten in dem ungeheuren
Reiche viel.
Den harten und unbeweglichen Kern aller Bergläufer bildeten die vier, fünf
alten Verbrecher, welche seit Jahren die Plage der Pässe und höheren Wege
ausmachten. Sie waren freundliche, etwas falsche Gesellen, die viele Anekdoten zu erzählen wußten, gutmütig die andern aushorchten, über die jüngeren grobe
Späße machten. Einer hatte in seiner Körperfülle das Aussehen eines würdigen
Mandarins; es fehlte ihm an seiner Mütze nur der Knopf. Er hielt sehr auf
respektvolle Behandlung und bediente sich eines komischen
Höflichkeitszeremoniells bei den kleinsten Dingen im Verkehr, wobei gestört er
in unsäglich gemeines Schimpfen ausbrechen konnte. Er war Hypochonder,
äußerst wehleidig und verbrachte das meiste Geld, das er durch Diebstahl und
Raub erwarb, bei kleinen Wurzelfrauen, Hökerinnen in den Nachbarorten, bei
denen er nach Medikamenten ein und aus ging. Er hatte eine Masse Eigenheiten,
schnitzte sehr gewandt Tabaksdosen mit Blumendeckeln, suchte bei jedem frisch
Ankommenden zu erfahren, was es für Neuigkeiten darin in den Städten gäbe,
bemühte sich auf die furchtbarste Art, wenn er es wollte und es für ihn nötig
wurde, die Muster zu beschaffen. Er seufzte seinen Hökerfrauen vor, die ihn als
feinen Herrn behandelten, wie ein armer Mensch seine Haut zu Markte tragen
müsse, um auch nur eine Spielerei zu erwerben. Wenn er einbrach, war er der
zähste, sicherste Mensch, mit Muskeln von Stahl, einer unbezwinglichen Geduld
und Kälte. Vor Leuten, besonders jungen Männern, die ihn überraschten und die
er angreifen mußte, hatte er einen Ekel, wenn sie sich nicht wehrten oder um
Schonung bettelten, nachdem er sie gefaßt hatte. Er hatte zwei
Kaufmannsgehilfen einmal, die vor Entsetzen auf ihrem Ofenbett laut schrien,
als er in ihr Zimmer nachts eindrang, mit einem Eisenstück erst betäubt, dann
aber, als die kräftigen Menschen trotz seines Befehls unter ihrer Decke weiter
wimmerten, sie mit der ersten besten Schnur einen nach dem andern erwürgt,
war toll, ohne etwas zu nehmen, in die Berge zurückgerannt. Er führte seitdem
den Namen „Seidenschnur“.
Ein anderer dieser fünf Gesellen war ein großer hagerer Kantonese mit einer
Hornbrille. Dieser liebte weder Totschlag noch Einbruch, er war Gelehrter und
verfaßte Gedichte, gesellschaftliche und sittenfördernde Abhandlungen,
Betrachtungen über allerhand Themata, auch aus der Tierwelt, Geologie,
Astrologie. Sein Wesen blieb den meisten der Vagabunden dauernd fremd. Er
hielt sich völlig fern von ihnen; sie kamen in seine Höhle, um sich über vielerlei
Dinge, besonders Krankheiten und günstige Tage, Rats zu erholen. Es war ein
Mann von einer gewissen Bildung, der viele Dichter abschrieb und saubere
Charaktere malte. In diesen großen ruhigen Menschen kam alle paar Monate
eine Veränderung. Die ihn besuchten, merkten das vorher; er hörte ihnen nicht
mehr geduldig zu; es herrschte Unordnung in seiner sonst ziemlich gerichteten
Wohnung im Felsen. Er erklärte selbst, wenn ihn einer fragte, daß er jetzt viel
mit eigenen Sachen beschäftigt sei, nur diese Tage; sie sollten sich nicht
abstoßen lassen; er würde über die Sache, die sie ihm vortrügen, später noch genau nachdenken und ihnen Auskunft geben. Dann kamen die paar Tage, wo
die Banditen sich nicht von ihrem Gelächter erholten. Wo der gelehrte Mann
schmierig und zerfetzt von oben bis unten über alle Wege kletterte, bei allen
Bekannten vorsprach in diesem Aufzug unter einem Schwall hochtrabender
unverständlicher Worte und Brocken, dazwischen mit kolossalen
Schlüpfrigkeiten, die an ihm sonst unbekannt waren, um sich warf, und selbst
aus dem Lachen nicht herauskam, das sein Gesicht unter tausend trockenen
Fältchen vergrub. Auf diesem Hin und Her, bei dem er sich keine Ruhe gönnte,
kaum ein paar Stunden tags schlief, ohne sich zu erschöpfen, versteckte sich die
hagere Gestalt auch gelegentlich hinter einem Block bei Mondlicht an einer
Straßenbiegung, fiel mit lautem Geschrei ganze Karawanen an, die nicht selten
auseinanderstoben vor ihm, stieß einen einsamen Pilger, nachdem er lange hinter
ihm her mit Wutbläken geschlichen war, unter einem Freudenjuchzer in den
Abgrund, verging sich bei Marktflecken in viehischer Weise an Frauen und
Kindern. Nach ein paar Tagen saß er wieder in seiner Höhle, zeigte ernst seinen
Gästen die Schrunden und Beulen, die er davongetragen hatte. Er behandelte
diese Verletzungen in den ersten Tagen wie eine heilige Sache, kam rasch in das
alte Geleise, in die gelehrte Arbeit, bei der ihn keiner, unter schwerster Gefahr,
an die unruhigen Tage erinnern durfte. Der Einfluß dieser Männer auf die andern
war gering; schon unter sich kannten sie sich wenig; unter den andern allen
galten sie als gefährliche Sonderlinge, die zu keiner gemeinsamen Sache zu
bewegen waren.
Die Vagabunden sprachen geheimnisvoll über Wang-lun in den überhitzten
Stuben des Dörfchens. Seine langen Besuche bei dem Zauberer Ma-noh brachten
sie zum Erschauern; alle gaben zu, daß dahinter etwas stecke. Er war ein
Verfolgter, der nicht zur Ruhe kam. Ein Buckliger in dem Hause, das auch Wang
bewohnte, schlug auf den Tisch: „Diesem Wang ist in Schan-tung etwas passiert,
er will Gespenster bannen lernen, um sich an jemand zu rächen. Auf dem Liang-
fu-schan sitzt einer, der hat in Krügen die Dämonen der ganzen Provinz
gefangen.“ Ein anderer stimmte bei: „Ma-noh wohnt schon lange oben; er kennt
alle Berggeister. Was soll Wang von ihm wollen?“ Der Bucklige: „Ich habe ihn
einmal an der Pochmühle sitzen sehen; er schlug mit den Händen an seinen
Augen vorbei. Warum? Er hat Dämonen gesehen und wollte sie zerquetschen.“
Ein Alter legte sich über den Tisch und grinste: „Ein Gelehrter ist Wang-lun. Er
trägt etwas mit sich herum. Was ist dabei wunderbar, wenn er zaubern kann?
Wer eins kann, kann das andere.“
In Wang überwucherte unter dem Einfluß der Gespräche mit Ma die
Versonnenheit und der Ernst. Er beruhigte sich. Die Wände und Vorhänge, mit
denen sich etwas Dunkles in ihm umstellt hatte, fielen; er ebnete und bewältigte sich in der größten Heimlichkeit. Der Zickzack in ihm kam nur gelegentlich zum
Vorschein; in Possenstreichen, die andere vor den Kopf stießen, in stundenlanger
grundloser Gleichgültigkeit, in vorübergehender Böswilligkeit,
Widerspenstigkeit. Die älteren Vagabunden wußten, daß etwas Heiliges dahinter
steckte, wenn er Späße machte; daß dies nicht anders war, als ob er sich in einem
Krampf wälzte.
Gegen Ende ihres Aufenthalts in Pa-ta-ling stampfte Wang eines Abends
kältegeschüttelt in die Stube; er lachte, brüllte, sprang an den Wänden herum. Er
hätte auf einem frischen, völlig frischen, eben gefallenen weißen Schneehaufen,
sie sollten einmal denken und sich das vorstellen, einen großen verschlossenen
Lederbeutel mit dem kaiserlichen Kriegssiegel gefunden; und wenn er in den
Beutel griffe, hätte er lauter runde Goldkugeln in der Hand. Er warf einen
schwarzen Beutel auf den Tisch. Zehn glattrasierte bezopfte Köpfe stießen über
dem Beutel zusammen, ein freudiges erschrecktes Schnattern erhob sich. Einer
griff und hatte dicken Kohlestaub bis an den Ellenbogen; ein anderer faßte
vorsichtig hinein, es ging ihm ebenso. Und so zwei andern. Sie sahen sich
verblüfft über dem Tisch mit der Öllampe an, schwiegen betreten, blinzelten
gegen den langen Wang, der ruhig am Ofenbett stand, sahen sich wieder einer
nach dem andern an, schüttelten die Kohle von den Händen. Ein feister
hellfarbiger hielt den Beutel hoch gegen sein Ohr, schüttelte ihn, horchte. Auch
die vier, die in den Beutel gefaßt hatten, drängten sich durch und legten den
Kopf an den Beutel. Der erste stellte den Beutel auf die Tischplatte, wich von
dem Tisch zurück, sagte, ohne Wang anzublicken, mit einem bestürzten
Gesichtsausdruck: „Er hat recht. Wang hat recht.“ Er war so fassungslos, daß er
nicht tat, was einem andern, dem Buckligen, nach einer Pause einfiel: nämlich,
ohne den Beutel zu berühren, Wang zu bitten, ihnen das Siegel des Kaisers zu
zeigen und zu fragen, ob es das Siegel Khien-lungs oder eines früheren Kaisers
sei. Wenn er es ihnen aber nicht zeigen wolle, ihnen doch etwas noch zu sagen
über das Siegel; auch über die vielen Goldkugeln. Sie seien zwar erschreckt, sehr
erschreckt, er auch, aber sie würden es doch gern hören und den andern sagen.
Der lange Wang-lun hatte inzwischen längst aufgehört zu lächeln. Mit einer
Miene, die immer ängstlicher wurde, stand er am heißen Ofenbett; seine linke
weite Hose schwälte am Rost, ohne daß er es merkte und den feinen sengenden
Rauch beachtete. Er ging langsam und ganz unsicher von einem zum andern, zog
ihn an der Hand zur Lampe, sah ihm suchend ins Gesicht: „Was ist denn? Was ist
denn? Was meint ihr denn?“ Er stemmte beide Hände auf die Tischkante auf,
hinter dem Tisch stehend, beäugte den Beutel von allen Seiten, bückte sich,
strich furchtsam über ihn. Dann umspannte er ihn mit der linken Hand, ging mit
ihm in die Nachbarkammer, immer Blicke nach rechts und links auf die Männer werfend, als erwarte er Schläge von ihnen. Eine dünne Spur des Kohlenstaubs
rieselte hinter ihm her. Die Kammertür versperrte der lange Wang und hockte am
Boden in dem engen Raum, in dem nur Krüge, leere Tonnen und Ackergeräte
herumstanden, drehte eine Holzhacke in der rechten Hand, legte sie vorsichtig
neben sich. Dann hob er den fast ausgelaufenen Lederbeutel, auf beide
ausgebreitete Hände gelegt, an sein schweißtriefendes Gesicht und fiel mit dem
Kopf so auf seine aufgestellten Knie. Er sagte mit klappernden Zähnen laut, daß
die nebenan es hörten: „Was ist denn? Was wollen sie von mir?“ Die Kleider
klebten ihm an den Gliedern. Er stand auf, besah das Loch in seiner Hose. Es
befiel ihn eine so lautlose schwindelnde Angst, daß er sich im Kreise drehte, auf
die Holzdiele unter seinen Filzsohlen blickte, den Boden befühlte mit der Hand,
die krummen Finger gegen die Wand drückte.
Er stand, mit dem runden Rücken in einen Winkel gelehnt, die Arme unter den
weiten langen Ärmeln ineinander verschränkt, sann mit hervortretenden Augen,
was ihm passiert war. Plötzlich erstarb alles in ihm. Er ging ruhig zwischen dem
Gerätekram an das offene Fenster. Die schneidende Luft wehte. Wang-lun, den
Kopf hinaus in die Dunkelheit gesteckt, wußte nicht, was er hier blickte. Die
kleinen Häuser drüben standen sehr fern, die Finsternis des Himmels stand nicht
ferner. Er betrachtete alles mit Befremden.
Er mummelte sich in seinen Kittel, zog den Kopf zwischen die Schultern, ging
in das Nachbarzimmer, wo fünf der Vagabunden saßen und mit Figuren spielten.
Ihnen fiel auf, wie stier sein Blick und wie ausdruckslos sein Gesicht war. Er
blieb am Tische stehen. Er sagte leise zu dem Buckligen, den er umfaßte, ohne
aber den Blick höher auf ihn als bis zu den Schultern zu richten, daß er noch
einmal durch das Dorf gehen wolle.
Und dann ging er durch die leere Straße; kehrte um, ging hügelwärts weiter.
Lief, indem er die Schwärze der Nacht Schale um Schale, Panzer um Panzer,
durchbrach. Ehe er verstand, was geschah, hatten seine Arme das Schwingen der
Keulen angenommen, war eine Sichel aus seiner Stirne gewachsen, mit der er
die Nacht durchschnitt. Er sprang über die Schönn-i genannten Klippen. Sein
Körper lief schon empfindungslos weiter; er ritt ruhig atmend auf federnden
Schenkeln. Er freute sich, daß etwas ihn mitgenommen hatte und mit ihm
davonlief. Über die Hügel, auf die Felsen. Zu Ma-noh, zu Ma-noh. Der mußte
die Gemse hören, die zu seiner Hütte heraufkletterte aus der liegenden Nacht.
Es war noch kein Zeichen des Morgens am Himmel, als Ma-noh seinen
Namen rufen hörte, die Stiege zu seiner Hütte hinuntersprang.
Der trübe Docht blakte. Stumm und mild saßen die Buddhas im Hintergrund;
die Ohrlappen bis auf die Schultern gezogen, blauer Haarknoten, weite Blicke,
ein verschwimmendes Lächeln um die prallen Lippen, auf runden glatten Schenkeln hockend. Wang lag mit der Stirne vor der tausendarmigen Göttin aus
Bergkristall, anklagend, bettelnd, verwirrt. Gewillt, hier liegen zu bleiben, nicht
fortzugehen. Durcheinander stammelnd, was ihm geschehen sei.
„Was Su-koh geschah, ist nichts gegen dieses. Su-koh haben sie mit fünf
Säbeln niedergeschlagen an der kleinen Mauer. Sie haben ihn gefangen
genommen und dann über den Nai-ho geschickt. Mich haben sie verlockt, in ihre
Mitte geschlossen, bezaubert. In meine Brust wollen sie einen Dämon zaubern,
der Bucklige will das, alle wollen das. Ich bin gut zu ihnen gewesen, habe jeden
Zank ausgewischt. Mancher von ihnen lebte nicht mehr ohne mich. Ich bin die
Dorfstraße heruntergegangen. Es war Kohle in dem Beutel. Ich kann nichts
dafür, es war nur Kohle. Und es ist doch kein Gold und kein Siegel. Warum soll
es Gold sein, wie soll das Siegel des Kaisers in den Lederbeutel kommen?
Warum verlangen sie das von mir? Sie sollen es nicht wollen; sie sollen es nicht
wollen. Sie sollen mich wieder gehen lassen; ich habe nichts gesagt von dem
Lederbeutel. Ich bin der Wang-lun aus Hun-kang-tsun. Ich bin ein Mörder; kein
Mandarin hilft mir jetzt. Ich lasse mich nicht verhetzen. Ihr sollt mir helfen, ihr
fünf Fos; Ma-noh, hilf mit; bete mit mir; hilf mir sie bezwingen.“
Er richtete sich auf den Knien auf, hielt Ma-noh an der Brust fest, der sich
schon neben ihn geworfen hatte. „Oder bin ich schon verzaubert? Sag, Ma-noh?
Es kommt schon zu spät bei mir, nicht wahr, ja, es kommt schon zu spät.“
Heulend stieß er, von den Buddhas abgewandt, lange Schreie aus, öffnete
immer die Arme und schlug sie wieder zusammen. „Was soll geschehen, Ma-
noh? Was soll mit Wang-lun geschehen? Die bösen Geister haben ihn befallen.
Wang-lun haben die bösen Geister befallen.“
Ma-noh drückte Wangs verklammerte Finger von sich ab, ließ ihn auf den
Boden rutschen, legte einen dünnen gelben Mantel mit roter Borte über sein
Flickkleid, setzte die viereckige schwarze Mütze auf, das Dach des Lebens,
schlug den Rasselstab, schüttelte die Klapper. Die pfeifenden Worte, die er
ausstieß, gingen unter in dem blechernen Geklirr; und während er die eklen
Schlangengötter mit Flüchen anrief, die Nagas, die Lus und ihre Könige,
während unter dem Dröhnen der Klapper die Garudavögel gebannt
aufschwirrten aus dem Kreise, die grünschwingigen Garudas mit roten
Menschenbrüsten, weißem Bauch, auf ihren schwarzen Vogelköpfen standen
zwei Hörner, zitterte in Ma-noh das Herz vor Glück. Er tanzte, selbst träumend
und hingerissen, um Wang, der den Kopf duckte; er verstand alles, was Wang
sagte; er bückte sich, strich ihm über die Schultern, den Scheitel, und hätte sein
Knurren und Zischen in Lachen verwandeln mögen. Wang dachte an seinen
Vater und seine Mutter, und wie seine Mutter eingeschlafen war, als der Vater
unter Hundegekläff in einer Tigermaske hin und her sprang vor der Frau und über die Hingesunkene schnaufte und flüsterte. Ihn fror plötzlich sehr unter der
Achsel, an den Knien, an den Fersen.
Er lag schwindlig, lang auf den Leib gestreckt am Boden. Ma häufte Decken
über ihn, drückte das Licht aus. Eine weiße Helligkeit trat durch die verklebten
Fenster. Ein Scharren und Kratzen an der verriegelten Tür, Füße und Schnäbel
von hungrigen Krähen. Dann lief es einmal weich über die Stufen, kroch über
das niedrige Dach, schnuppernd, schlüpfte wieselartig über Balken weg. Alle
Augenblicke krachte es ganz weit; fernes Schieben, Schurren, Poltern folgte.
Schneemassen kamen ins Rollen, stürzten in die Schluchten.
Ma-noh, in der schwefelgelben Kutte, mit roter Schärpe, auf dem Schädel die
vierzipflige Mütze, öffnete die Tür. Brausen des Flusses drang in das dumpfe
Zimmer, in dem die Klapper nicht mehr lärmte. Blendende Weiße warfen die
Schneemassen herein. Ma pfiff und gluckste. Er hielt die große Almosenschale
in der Hand, mit Körnern und Brocken gefüllt. Die Krähen stießen wütende
Schreie aus. Er hielt die zudringlichen Vögel mit spitzem Lachen zurück. Weit
über die Stiege, in den hohen Schnee der Straße flogen die harten Stücke.
Obwohl Wang schon am ersten Abend unruhig drängte, hielt Ma-noh ihn über
drei Tage auf dem Berge fest. Am Morgen des vierten klopften Männer an Mas
Tür, fünf Räuber aus dem Dorf. Sie hatten Wang gesucht und brachten die
Nachricht, daß sie verraten seien, daß gestern nachmittag dreißig Berittene,
abgeschickt aus der Unterpräfektur Cha-tuo, unter einem riesigen Pa-tsoung in
das Dorf einfielen. Sie hätten, unterstützt von Dorfbewohnern, die Soldaten
verjagt, ein Pferd lahmgeschlagen; es konnte aber nicht verhindert werden, daß
vier ältere Wegelagerer, darunter ein Kranker, von den Soldaten ergriffen und auf
den Pferden mitgeschleppt wurden. Als sie den Raub bemerkt hätten, waren die
Reiter schon im Galopp und schossen mit Pfeilen nach rückwärts. Die Brüder
drängten sehr fort, berichteten sie. Auch die gutmeinende Dorfbevölkerung bäte,
rasch abzuziehen, weil sonst beide, Banditen wie Dörfler, verloren seien. Alle
Wege wären gut passierbar, das Wetter erträglich, es werde ein rasches Frühjahr
geben.
Von den Männern, die zu der Einsiedelei geschickt waren, gehörten drei zu
den engeren Freunden Wangs von den Pochwerken. Es waren die erfahrensten,
zuverlässigsten Männer.
Auf das erregte Bitten Wangs blieben sie fast einen halben Tag gemeinsam in
Ma-nohs Hütte.
Wang konnte sich schwer bezwingen. Er ging ratlos in einem Durcheinander von Empfindungen an den niedrigen glühenden Herd, über dem der Wassertopf
an einem rohen, schlecht geschnittenen Eichmast hing. Sein breites Gesicht
schrumpfte unter der Hitze. Er wandte sich und streifte mit den fliegenden
Ärmeln die goldenen Buddhas, die ihre bezaubernde, flimmernde, irisierende
Miene zuwandten dem stummen Ma-noh, der ihre Blicke aufzufangen suchte,
dem Wanderer Wang, den hockenden fünf Vagabunden, die die Köpfe
zusammensteckten, teeschlürfend die Nachbarorte durchhechelten. Über und
über waren sie bepackt mit zerlumpten Kitteln, Tuchfässer, schwer bewegliche
Fleischpakete.
Wang schwankte unter einer Aufwallung und einem unertragbaren Sieden in
der Brust die Stiege herunter, und seine schrägen schmalen Augenschlitze
kniffen sich zu, geblendet vom Weiß, das entgegenprallte. Er stand am Rand der
Bergstraße. Aus dem Flußtal schleiften Nebelschlieren. Von einem drehenden
Windstoß gerafft zogen sie sich schlangenartig rasch hoch und pufften,
breitschleiernd, über Wang und die lange Bergstraße. Das Rauschen der
Schnellen klang unglaublich nah. Das Tal kochte kalt und war verschüttet in den
brodelnden Dunst. Muskellose weiche Schneearme streckten sich herauf.
Sie berieten in der kaum mannshohen Hütte unter dem Felsen. Ma-noh mit
welkem spitzen Gesicht, im bunten Flickmantel und aufgewundenen Zopf,
höflich, leicht gnädig, im Inneren aufgebläht, erwartungsvoll erregt. Wang,
zwischen den andern am Herd, bog den Rücken rund; seine Blicke wanderten
von einem Augenpaar zum andern.
Er fing an zu sprechen, die Hände auszustrecken, die Freunde zu beschwören:
„Die vier Alten haben die Reiter mitgenommen, und man wird sie ins Gefängnis
werfen und ihnen die Köpfe abschlagen. Sie konnten nicht so schnell laufen wie
ihr. Den Lahmen hab ich auf meinem Rücken getragen, als wir vom Berg
herunterliefen. Es wird ihnen keiner glauben, wie elend wir sind und daß der
Frost so schlimm war. Der Lahme muß daran glauben, daß ihm ein Bootsmann
das Bein zerschlagen hat. Sein Unglück ist groß, man wird ihn an einem
ungünstigen Ort verscharren, sein Geist muß betteln, wie im Leben hungern,
frieren. Sein Bein war zu kurz und die Soldaten hatten Pferde. Uns nimmt man
alles. Wir sollen in den leeren Bergen erfrieren, die Raben sind mit uns
ausgezogen, keiner konnte mehr leben, keine Karawane gab zu essen. Unsere
armen Brüder nimmt man uns. O, wir sind arm.“
So jammerte Wang-lun, blickte ihnen allen in die traurigen gesenkten
Gesichter und litt. Mit einmal kam die Angst wieder und die Befremdung vor
ihnen. Er wandte sich, schluckte an dem Kloß hinter seinem Gaumen. Er preßte
es gewaltsam herunter, hielt seine eiskalten schwitzenden Hände über den Herd.
Sie taten ihm nichts, sie wollten nichts von ihm, es war nur ein Gerede gewesen, er wollte sie gar nicht fragen. O, war das Leben schwer. Dazu blitzte es ihm vor
den Augen; bald schienen es von dem Herd verwehte Funken zu sein, bald fuhr
es so rasch und glatt zusammen, fünf Säbel und eine kleine getünchte Mauer.
Ein breitschultriger alter Mann unter den abgesandten, ein Bauer, dem sein
Land mitsamt seiner Familie fortgeschwommen war, veränderte seine
entschlossene Miene nicht bei den zitternden Worten Wangs: „Wir müssen
unsere Brüder wieder holen. Wenn du ihn in das Dorf getragen hast, Wang, mußt
du ihn zurückbringen. Hätten wir Pferde und Bogen wie die Soldaten, wäre
nichts geschehen. Der Unterpräfekt von Cha-tuo soll ein kluger Mann sein aus
Sze-chuan. Aber er ist zu feingebildet für uns in Nan-ku. Sag selbst, Chu, Ma-
noh, wir müssen mit unserer Sprache herauskommen.“
„Der Unterpräfekt Liu von Cha-tuo,“ fiel ein jüngerer großer neben ihm ein,
auffallend helle Gesichtsfarbe, große scharfe Augen, „der ist aus Sze-chuan
gekommen, aber der klägliche Sü weiß, woher Liu seine Täls genommen hat. Er
hat sie nicht aus den kanonischen Büchern herausgelesen, die Lieder des Schi-
king sollen keine Goldschnüre um den Hals tragen. Ich habe gehört von einer
großen Stadt Kwan-juan, als ich einmal über den Ta-pa-schan herüberwanderte.
Da kam in das Jamen des glanzvollen Unterpräfekten ein Kurier vom Vizekönig
von Sze-chuan; es sollten neue Steuern für den Krieg mit dem und dem erhoben
werden auf das und das. Der klägliche Sü weiß die Antwort, die der glanzvolle
Liu an den erhabenen Vizekönig zurücksandte, weil er nämlich dem
heimwandernden Kurier einen Strick um die Beine legte, um ein paar Käsch
beim Betreten einer so großen Stadt zu besitzen. Liu, besorgt um die Stadt, wie
ein echter Vater, lehnte die Steuer ab für Kwan-juan: „Die Stadt ist zu arm, die
schwarzen Blattern grassieren, die Reispreise unerschwinglich für den kleinen
Mann.“ Aber als ich selber nach zwei Tagen entzückt über solche Landesliebe in
die glücklichen Mauern eintrat, klebten schöne lange Zettel an jeder Wand mit
dem Stempel des glanzvollen Liu, in deutlicher würdevoller Sprache. Er gab
dem mächtigen Vizekönig zuerst das Wort: „Himmelssohn, Krieg mit dem und
dem.“ Und zum Schluß Steuern auf das und das, für jeden eine Gabe, diese
Gilde jene Gilde. Die guten Leute wußten auf einmal, wie unbezahlbar bei ihnen
in den Mauern alles war, das und das und das. Sie waren sehr glücklich und
priesen Liu, der sich um die Hebung ihrer Stadt so wohl verdient machte, priesen
seine Eltern und Großeltern und zahlten drei Jahre die Likinabgaben für — Liu,
den weisen Unterpräfekten.“
Der hellfarbene Mann lachte wie berauscht. Ma sah ihn streng an; Wang
erkannte, daß Sü nicht zu halten war. Einer neben Wang stieß seinen Nachbarn
an, dessen Gesicht glühte von dem heißen Wasser, flüsterte, er solle doch reden;
das sei besser, als halblaut fluchen vor den Fenstern anderer Leute.
Wang wurde von seinem Schmerz gefaßt und mit eisernen Händen unter ein
dickes dunkles Moor zum Ersticken gehalten. Er keuchte. Das war alles falsch,
was hier gesprochen wurde.
Während die zwei neben ihm verlegen gestikulierten und heftig auf sich
einsprachen, Sü prahlerisch eine neue Geschichte schmetterte, fing Wang an zu
klagen, Ma-noh neben sich auf den Boden zu ziehen. Er redete hilflos
schnappend, drehte den Kopf, seine Lippen bebten: „Ma, bleib sitzen hier. Seid
nicht aufgeregt, liebe Brüder. Sü, du bist gut, es ist richtig, was du sagst. Ich will
euch ja nicht langweilen, aber mir fiel etwas ein, wie Sü erzählte von dem
Unterpräfekten aus Kwan-juan in Sze-chuan, der uns die vier Armen hat rauben
lassen. Wir wollen sie ihm gewiß nicht lassen, liebe Kinder. Habt mich nicht im
Verdacht, liebe Kinder, als ob ich das tun wollte. Mir fiel nur ein von Schan-tung
etwas, als ich in der Stadt Tsi-nan-fu war, in dem großen Tsi-nan-fu und bei
einem Bonzen diente; er hieß Toh-tsin. Ihr werdet ihn nicht kennen, es war ein
guter Mann, der mich sehr geschützt hat. Da war mein Freund ein Mann, den sie
auch totgeschlagen haben. Ich will euch alles erzählen von Su-koh, so hieß er.
Ihr werdet mir glauben, daß ich unsere armen Vier nicht dem Unterpräfekten
lassen werde. Nachdem mir das passiert ist in Tsi-nan-fu, und sie mir meinen
Freund Su-koh totgeschlagen haben. Er war ein Anhänger des westlichen Gottes
Allah, der seinen Anhängern vieles erfüllen soll. Aber in Kan-suh fingen
Unruhen an, als diese Leute plötzlich laut beten wollten, und Su-kohs Neffe las
zuerst aus einem alten Buch laut vor, und sie haben ihn in Stücke geschlagen mit
seiner Familie. Dann haben sie nach meinem Freund in Tsi-nan-fu gesucht, er
war ein so würdiger ernster Mann, er hätte die höchsten Prüfungen bestanden. Es
kam, wie es will. Sie haben ihn wieder gefaßt, als ich ihn schon herausgeholt
hatte mit seinen beiden Söhnen. Er sagte, sie dürften ihm nichts anhaben, er
wolle schon auswandern, erst müsse er seine Schulden bezahlen und sein Haus
verkaufen und sein Priester müsse ihm einen günstigen Tag angeben. Aber es
gab ein Trommeln. Eine Eidechse, ein weißer Tiger, ein dünnbeiniger Tou-ssee
gab ihm einen Stoß von hinten mit dem Degenknauf, neben seinem Haus an
einer kleinen getünchten Mauer. Dann haben sie ihn eben, wie er sich umdrehte,
mit fünf Säbeln totgeschlagen. Ihr müßt nicht lachen, weil ich nichts dabei getan
habe. Sein Geist, der eben aus ihm geflogen war, muß in meine Leber gefahren
sein, denn ich war besessen die Tage darauf. Und dies ist mir in Tsi-nan-fu an
meinem eigenen Freunde passiert. Der Tou-ssee lebt nicht mehr, ihr werdet es
mir glauben. Aber es ist zum Weinen, um selbst über den Nai-ho zu gehen: sie
kommen immer wieder und nehmen etwas weg. Sie geben keinen Frieden und
keine Ruhe. Sie wollen mich und euch und uns alle ausrotten und nicht leben
lassen. Was wollen wir machen, liebe Kinder? Ich, euer Freund Wang aus Hun-kang-tsun, bin schon wie weich gerittenes Fleisch, wie stinkende Zeugmasse. Ich
kann nur weinen und jammern.“ Wang hatte die Haltung eines kranken Kindes
angenommen vor Ma-noh, und in einem Stöhnen, Keuchen und Schluchzen
arbeitete seine Brust.
Das Wasser stürzte ihm aus Auge und Nase, sein breites derbhäutiges Gesicht
war ganz klein und mädchenhaft. Er lehnte gegen Ma-noh in einer Art
Betäubung.
Er log nicht von Su-koh. Man hatte ihm in Su-koh einen Freund weggerissen.
Wang, der Gassenläufer und Ausrufer in Tsi-nan-fu, war in der Herberge dem
Mohammedaner begegnet. Das ernste gelassene Wesen fesselte ihn stark. Es zog
ihn intensiver an, als er sich bewußt wurde in dem unruhigen Treiben der Stadt.
Er hatte rasch das völlig unklare Gefühl, hier etwas Verhängnisvolles zu treffen,
etwas so Tiefes, daß er sich davon abwenden müßte. Er kam wenig mit Su-koh
und seinen Söhnen zusammen; ihre Gespräche betrafen tägliche Dinge. Dann
kam die Verhaftung Su-kohs, und sie deckte ihm die Stärke seiner Beziehungen
zu dem Mann mit Furchtbarkeit auf. Nicht kam er zu einer Vorstellung, worum
es sich handelte zwischen ihm und dem Mohammedaner; er merkte nur die
Hingerissenheit und unbedingte Teilnahme an Sus Schicksal. Wang hatte das
schwerlastende Empfinden, daß man ihn selbst, etwas in ihm von einer
schaurigen Verborgenheit, angriff. Und es war nicht die Roheit des Eingriffs, die
ihn erschreckte, sondern das Entsetzen vor dem Verborgenen, das ihm vor
Gesicht kam, das er nicht sehen wollte, nicht jetzt schon, vielleicht später, viel
viel später. Die fünf Säbel und die kleine Mauer fuhren vor seinen Augen
zusammen, immer erneut, jede Stunde jede Minute; es war nicht zu ertragen, es
mußte überdeckt, vergraben werden. Und so kam die Rache für Su als etwas
Erdachtes, Erzwungenes. Erst als er sein Hirschgeweih in Händen hatte in der
Kammer des Bonzen, als er sich flüchtete zu den Erinnerungen an die Späße, die
mit dem starken Geruch des Geweihs in ihm aufstiegen, an die Jagden über
Marktplätze, Jonglieren über Dächer, da wußte er sicher, daß er den Tou-ssee
töten würde, mit der Maske glatt und fest alles zustülpen würde. Diese
Bewegung machte ihn damals glücklich und sicher: zustülpen. Er wollte sich
noch einmal wegtäuschen über die Zukunft, vor der er sich schämte und graute.
Es war schon nicht mehr nötig, daß er am Morgen aus dem Wegeschrank
aufstand und auf den Übungsplatz lief: er hatte in der Nacht schon zehn,
fünfzigmal den Hauptmann erstickt unter der Maske, es war schon alles
geschehen. Aber er lief hin; er mußte sich dabei sehen, es sich tief einprägen.
Und so geschah der Mord, als ein Opfer, das er sich brachte. So rächte Wang den
Mohammedaner, seinen Freund.
Die scharfe nüchterne Stimme des Mannes, den vorher Wangs Nachbar gedrängt hatte, übertönte das Durcheinander von gezischelter Wut und
Drohworten. Er rief, es möchte derjenige, welcher am nächsten der Türe sitze,
die Hütte umgehen und nachsehen, ob einer draußen sei; er wolle dann sprechen.
Als die Türe aufgestoßen wurde und ein langer Bursche mit vorgestrecktem
Kopf aus der Hütte verschwand, war es für eine Minute still in der Hütte, so daß
man zum erstenmal das Geräusch des Flusses und der stürzenden Schneemassen
hörte. Der Bursche kam grinsend zurück: es hätte nur etwas Totes neben der
Hütte gesessen. Und er zog das Fell einer graubraunen Zibetkatze aus seinem
Kittel hervor. Ma-noh schüttelte sich vor Abscheu; er wollte den Burschen
davonjagen, bezwang sich und schnüffelte erregt, als er die andern überernsten
Gesichter sah.
Der Mann am Herd, dem unter dem Kinn ein kleiner grauer Bart wuchs, stand
auf, stellte sich an die Tür, die er mit seinem Rücken versperrte, sprach leise
scharf; fuchtelte sonderbar in der Luft, als ob er Fliegen fange. Er zupfte seinen
Bart. Sein altes Gesicht mit den großen Augensäcken war lebendig wie eines
schnurrenden Katers. Die schlaffe Haut tat dem Spiel seines Ausdrucks keinen
Eintrag; es kräuselte, blitzte, rollte über das platte Gesicht mit dem weit
vorgeschobenen Unterkiefer. Er klappte oft laut die Zähne zusammen, man sah
seine dünne rosa Zunge spielen, er bog den dickgepolsterten Rücken, machte
dies und dies Knie krumm. Von dem Mann wußte man, daß er ohne Grund aus
seiner Heimat aufgebrochen war in geachteter Stellung. Er hauste seit Jahren in
den Nan-ku-Bergen, tat in Dörfern ehrbare Dienste. Leute aus seiner
Heimatstadt, die von dem neugierigen Gesindel nach ihm ausgefragt wurden,
berichteten kopfschüttelnd, daß er ohne mindeste Veranlassung alles habe stehen
und liegen lassen. Sie waren überzeugt, daß der Alte der Aufdeckung eines
Verbrechens zuvor gekommen sei, das aber dann nicht aufgedeckt wurde, eine
Geschichte, die sie viel belachten und zur Beleuchtung seines ebenso
furchtsamen wie geheimtuerischen Wesens benutzten.
Chu sprach leise: „Da niemand vor der Türe horcht, will euer Diener reden.
Wir müssen verschwiegen darüber sein, werte Herren, nicht meine ich aus Angst
und Besorgtheit, die gar nicht angebracht ist bei Leuten, welche nichts zu
besorgen haben, sondern aus Gründen. Euer Diener Chu hat viele Gründe, leise
zu sprechen und die Türe zu versperren, und wenn die werten Herren ihn ruhig
angehört haben und ihm zustimmen sollten, so werden sie wie er leise sprechen.
Ich habe gute Beziehungen zu Po-schan, meiner Heimatsstadt in Schan-tung, wo
meine Neffen und Geschwister meinen Besitz verwalten. Was der geliebte
Bruder Wang erlitten hat und was die Einwohner Kwan-juans erlitten haben, ist
uns vielmals begegnet da. Schöne Sachen sind uns begegnet, schöne Sachen,
aber das Kind, das vor euch steht, will nicht vor alten Kennern schwatzen. Seht
einmal: wie oft tritt in den südlichen reichen Provinzen der Gelbe Fluß über die
Ufer, und wie oft wirft sich das Meer mit einer weißen Brust über das Land und
erdrückt Häuser und Mann und Frau und Kind? Wie oft läuft der Taifun die
wimmelnde Küste herunter, tanzt über das gelbe Meer, und alle Dschunken,
Boote, großen Segler bekommen plötzlich Beine und tanzen mit ihm auf eine
barbarische grausige Art mit. Und das kleine Kind will gar nicht sprechen von
den bösen Dämonen, die den Mißwachs auf den Äckern bringen, daß die
Hungersnöte ausbrechen. Aber seht, die Menschen wollen es den großen
Gewalten nachtun; und wer ein großer Herr ist, will ein größerer sein. Und da
treiben Menschen, von Müttern geboren, in den achtzehn Provinzen herum, die
die Macht in Händen haben, und werfen sich wie die finstere See über das
flache, sorgsam bebaute Land hin und quetschen mit ihrem breiten Leib den Reis
und alle Früchte zusammen. Da gibt es Herren, die drehen sich wie die
dunkelfarbigen Sandstürme über ganze Städte und bewohnte Dörfer und reißen
im Drehen soviel Sand wie Menschen mit, daß alle das Atmen vergessen. Und
am schlimmsten wütet eine Springflut, die vor langer Zeit über das kostbare
Land, über die Blume der Mitte, gefallen ist, ihr die Blätter und Blüten abreißt.
Von Norden ist die Springflut gekommen und brandet über unsere fetten Äcker
und Städte. Sie hat den Schlamm und das spitze Geröll auf unsere fetten Äcker
und friedreichen Städte geworfen, und sie nennt sich Tai-tsing, die reine
Dynastie. Und von ihr will ich etwas erzählen.“
Wang hatte sich längst hochgerichtet, sah den Alten mit aufgerissenen Augen
an, stellte sich ihm gegenüber. Die andern reckten die Hälse, rückten näher an
die Tür; die Pulse rollten voller durch ihre Schläfen; sie sahen den Alten, sie
waren seine Beute.
„Ich will euch nichts von ihr erzählen, denn die alten Herren wissen alles
selbst. Wenn der Tiger heult, dringt der Wind in die Täler. Die Mandschus, die
harten Tataren, die aus ihren nördlichen Bergen geradewegs von der Fuchsjagd über unser schwaches Land gefallen sind, werden nicht bis zum Eintritt der
Ewigkeit über uns leben. Unser Volk ist arm und schwach, aber wir sind viel und
überleben die stärksten. Ihr wißt, was man macht, wenn man am Meere wohnt
und die sieben ruhigen Jahre sind vorbei, die Regenzeit und der Nordweststurm
ist vorbei, das Unglück ist geschehen, was man macht, wenn man noch lebt?
Bauen, Dämme bauen, Tag und Nacht, Pfähle rammen, den Lehm häufen, Ruten,
Stroh dazwischen, Weiden anpflanzen. Die klugen Männer werden mich
unbescheiden nennen, wenn ich sie in dem fremden Hause frage, welche Dämme
sie gebaut haben, weil sie sich doch vor der Springflut fürchten und weil sie die
Wasser aus dem Lande zurückdrängen wollen? Aber andere haben langsam und
leise den Lehm in den Händen zusammengetragen, haben Stroh gestohlen von
dem und dem, zu einer Zeit, wo keiner auf sie achtete, haben heimlich feine
Weidenschößlinge gesetzt und sie geschützt. Es gehen schon unsichtbar Wälle
und Dämme durch das Land, mit Schleusen und Abzügen, die wir schließen,
wenn der Augenblick gekommen ist: das Wasser kann nicht zum Meer zurück,
das Land ist nicht ersoffen; wir verdunsten unter dem Feuer langsam das Wasser
wie die Salzpfänner und behalten die Körner zurück. Ich bin aus Po-schan; wir
haben nicht soviele Fruchtbarkeit wie am gelben Sandfluß; aber bei uns blüht
zwischen den Kohlen seit langer Zeit eine Blume, heimlich, aber wohl geschützt:
die Weiße Wasserlilie.“
Keiner der Männer saß mehr an der Erde; „die Weiße Wasserlilie“ stießen sie