Die drei Sprünge des Wang-lun

Alfred Döblin · Kapitel 2 von 5 · Teil 3/4

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Die drei Sprünge des Wang-lun

Erstes Buch Wang-lun

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 4 Teile geteilt.

dem auch Wang hielt, etwas über fünfzig Mann. Aber nach zwei Tagen, als fünf

nach verhungernden, erfrierenden Genossen suchen gegangen waren auf den

zugänglichen Straßen, Abhängen, Tälern, waren es achtzig geworden. Es gab

keine lange Beratung. Die neun Geachtetsten unter ihnen bestimmten, daß das

etwa sechs Stunden entfernt gelegene Dörfchen Pa-ta-ling gleich geplündert und

eingenommen werden sollte.

Unterwegs während des Abwärtskletterns kamen einzelne überein, und es

verbreitete sich unter die andern, daß von den Bewohnern des Dörfchens

niemand entweichen dürfe; man müßte sie entweder einschließen oder

niederschlagen. Es gab beim Abwärtsrennen der Männer, zu denen kurz vor dem

Dorfe noch ein kleiner Haufen von dreißig Ratlosen stieß, ein unaufhörliches

Schreien, Zusammensinken, Wimmern um Mitnehmen. Die Kräftigen hielten

vor Hunger den Mund offen und bissen in den Wind; sie liefen besinnungslos.

Sie trugen abwechselnd die älteren und leichten Vagabunden auf dem Rücken.

Sie liefen den letzten Rest des Weges durch ein welliges Tal völlig schweigend

in einer langen Linie, die nach hinten breiter wurde; die Starken wie Windhunde

voran, ohne Gedanken an die Folgenden.

Das Dorf hatte fünfzig Häuser, die an einer einzigen Straße lagen bis auf vier

Häuser, die um einen immergrünen Eichbaum beim Eingang der Straße von den

Hügeln her standen. Von diesen Häusern sahen die Leute zuerst das Springen

von Menschen über die Schönn-i genannten Felsenklippen, das Fallen und

Aufraffen immer neuer Menschen. Sie näherten sich rasch über den weißblauen

Schnee, es schien als ob sie verfolgt wären. Ihre Zöpfe flogen wagerecht; man sah sie über die Schultern wie Peitschen schwingen.

Die Frau des Bauern Leh gellte zuerst auf dem Hofe: „Banditen, Banditen,

Banditen!“ Es rannten Frauen, Kinder, zuletzt Männer, Betten hinter sich, die

Dorfstraße herunter, schlugen an Hoftore, verschwanden in den Häusern.

Winseln, Kreischen wirbelte über den Höfen, von Dach zu Dach getragen,

zitterte über der leeren Landstraße.

Von den Hügeln her kam das Trappen, das ungleichmäßige Knistern und

Knarren, weitausgreifendes Bewegen, das nicht einmal zu atmen schien.

Gebleichte Gesichter mit reglosen Zügen, Hände, die im Schwung wie Keulen

hin und her schaukelten. Körper, die empfindungslos liefen. Rümpfe, die steif

auf Schenkeln saßen, welche wie Pferde ritten. Hinter der langen Linie der

Einzelläufer schwammen schwarze Gruppen, Hand an Hand gefaßt. Aufgelöste

Nachzügler schleuderten die Arme wie Hämmer, um vor sich Löcher in die

Luftmauern zu schlagen.

Die wenigen auf dem Dorfe, die vor ihrer Türe standen und den

langgestreckten Keil heransausen sahen, sahen auch die schwarzen krächzenden

Vogelschwärme, die mit den Vagabunden die Berge verlassen hatten.

Die ersten Räuber warfen sich mit Steingewicht gegen die Tore. Sie prallten

hintereinander auf, drangen ein. Die nächsten an die folgenden Tore. Sie

überrannten einander. Das Kreischen ließ nach; die Bergläufer in den Häusern

strömten Eiskälte aus und das Grausen von Sterbenden; sie konnten ihre Kiefer

nicht öffnen; ihre Augen zwinkerten nicht. Die letzten Häuser waren

verrammelt. Ein Heulen entstand draußen, ein Gebrüll verwundeter Tiere, daß

sich die Frauen verkrochen. Die Lebenden draußen hoben die Körper der

Hinstürzenden auf, rannten mit den kopfschüttelnden Rümpfen gegen die

Holzpfosten an. Dann öffneten plötzlich die Bauern die Tore, fällten die

Wimmernden mit Beilen, liefen in die Nachbarhöfe, hackten in die keuchenden

Münder. Nachzügler, die Stärksten, mit den Lahmen auf den Rücken, hetzten ins

Dorf, warfen ihre Last in den ersten Hof, folgten dem Schreien, zerquetschten

die Bauern wie Geschosse, würgten sie, zerschmetterten ihre Kinder auf der

Dorfstraße, wortlos ohne die Mienen zu verziehen.

Die Toten froren dünn und steif auf dem Wege.

Die Lumpen drängten sich zitternd in den Häusern. Die rohen Gesellen

umarmten und streichelten sich. Die Starken und Schwachen befiel ein

Schütteln. Sie brachen in ein dumpfes Greinen aus, von dem sie sich nach

Stunden noch nicht erholten. Sie schlangen flennend herunter, was sie

vorfanden. Es wurde keiner in den Häusern angerührt von ihnen.

Als die Dunkelheit herunterfiel, gingen zwanzig von den jüngeren Burschen

von Haus zu Haus, verteilten Beile, Dreschflegel, bestimmten Nachtwachen.

Es wurde von der Bande geplant, solange die härteste Kälte anhielt, im Dorf zu

 

bleiben, dann gemeinsam auszuziehen. Die Hausbewohner wurden davon

verständigt; an den Ortsvorsteher konnte keine Nachricht erfolgen; er war

mitsamt seiner Familie erschlagen.

Man hatte nichts zu fürchten von Verrat während dieser Zeit, der nächste Ort

lag sechs Stunden entfernt, und der Weg ungangbar.

Einen ganzen Monat lag das Dorf von jedem Verkehr abgeschnitten. Eine

Verbrüderung fand unter den Banditen statt. In der Zeit erlangte Wang über die

hundert Männer die Gewalt, die ihm die Rolle des Bandenführers aufnötigte. Bei

den täglichen Streitigkeiten, der Regelung des Verkehrs mit Ansässigen, der

Beaufsichtigung, dem notwendigen Kundschafterdienst setzte sich seine

Körperstärke und schonende Diplomatie durch; die Achtung der älteren Leute

schob ihn vor.

Schon nach zwei Wochen besprachen die Wegelagerer unter sich, nach

Auszug aus dem Dorf nicht auseinanderzugehen, sondern ein bequemeres Leben

unter Wangs Hauptmannschaft weiterzuführen. Wang trennte sich eines Morgens

von ihnen, verschwand auf zwei Tage ins Gebirge.

Er lief zu Ma-noh, fand ihn munter, unter Massen Decken und Werg

vergraben, in einer Ecke seiner Hütte grinsend liegen, brachte ihm Reis, Bohnen

und Teeblätter.

Nach seiner Rückkehr sprach er Tage und Nächte viel mit den Älteren. Daß

sie arme ausgestoßene Menschen seien. Daß man ihnen nichts tun dürfe, wie sie

selbst keinem etwas täten. Daß nichts schrecklicher sei, als wenn Menschen sich

töteten, und der Anblick nicht zu ertragen. Ma-noh, der Einsiedler aus Pu-to-

schan, habe ihm viel Gutes und Kostbares von den goldenen Buddhas erzählt,

besonders von der Frau Kuan-yin, welche tausend Arme an beiden Schultern

hätte und den Weibern Kinder schenkte. Sie seien seine Freunde und sollten tun

wie er. Soviel Leiden bringe schon das Schicksal allein, soviel Leiden; warum

sie der Himmel hasse, wer wisse das? Er werde, wenn das strenge Wetter

nachließe, durch die Dörfer gehen und allen Leuten, auch den Mandarinen

sagen, was er denke; dies sei er fest entschlossen.

Die Vagabunden, die ihn von den Pochwerken her kannten, erstaunten

keineswegs, als sie Wang so reden hörten; sie hatten solche Gespräche aus

seinem Munde erwartet. Sie dachten nicht daran, sich von ihm abzuwenden;

seine Meinung stimmte völlig mit ihrer überein; der Himmel haßte sie; man

durfte es nicht schlechter machen.

Sie waren gesellige Menschen mit besonderen Vorstellungen über allerhand Dinge, mit großer Lebenskenntnis, in vielen Dingen überlegen dem Durchschnitt

ihrer Volksgenossen. Es gab kaum fünf unter ihnen, die sich nicht verjagt und

getreten vorkamen und den Eindruck hatten, ein unfreies, gezwungenes Leben

zu führen.

Manche waren die Opfer eines starken Triebes geworden, den sie nicht

beherrschen konnten, auch nicht beherrschen wollten, die alle Schlauheit in sich

aufboten und schärften, um diesem Triebe zu dienen, mit dem sie sich

gleichsetzten. Einige Opiumraucher, Spieler von feinerem Gesichtsschnitt, ältere

Leute. Nicht wenige, die ein Gewerbe trieben, ab und zu betrogen, entdeckt und

bestraft wurden, nun sich schikaniert von den Polizisten fühlten, Schabernack

auf Schabernack, Gehässigkeit auf Gehässigkeit folgen ließen, die Grenzen

überschritten, und im Grunde froh waren, mit einem Schlage vogelfrei zu

werden, der brütenden Gesetzlichkeit entflohen. Dies waren die Glücklichen, die

wenig Bitterkeit in ihrer Freiheit fühlten.

Am schlimmsten waren die Hitzköpfe, die Rachsüchtigen, die Zügellosen

dran. Sie hatten sich, meistens jung, wegen eines Ehrgeizes, einer Verliebtheit,

einer Eifersucht, zu einem verhängnisvollen Schritt reißen lassen, standen

außerhalb ihrer Familie, Sippschaft, Heimat, in deren Rahmen ihre Triebe wie

ihr Verbrechen sinnvoll wurden, gingen mit bösen Blicken herum, verfluchten

sich, kauten an dem unzerreißbaren Gummi ihrer Leiden. Ihnen nützte nichts; sie

waren zu allem fähig; man durfte sie nicht anrühren. Sie waren nicht mitteilsam,

überall dabei, wo etwas vorging und geplant wurde, machten ihrer Grausamkeit

Luft, wo sie konnten, wurden von den Kameraden scharf beobachtet.

Dann kamen viele, die warteten, die sich angeschlossen hatten, nur um

irgendwo in den achtzehn Provinzen zu hausen. Das waren die entlassenen

Soldaten, die noch ihre zerrissenen blauen Kittel trugen und auf neue

Anwerbung hofften. Krüppel, die aus kleinen Ortschaften stammten, wo man sie

nicht ernähren konnte, und die nun die Wallfahrtswege belagerten. Tüchtige

ernste Menschen, die ihre Familien durch Überschwemmungen verloren hatten;

solche, bei denen der Mißwachs auf den Äckern ein jährlicher Gast war; solche,

die erst vorübergehend aus Scham in die fernen Berge zum Betteln liefen, dann

schwer loskamen und keinen Ausweg sahen.

Es gab besondere auffallende Erscheinungen, unter ihnen Wang-lun; unruhige

Geister, die es nirgends hielt, die hier wie überall unter Vertrauten auftauchten

und verschwanden; derartige Menschenwellen wogten in dem ungeheuren

Reiche viel.

Den harten und unbeweglichen Kern aller Bergläufer bildeten die vier, fünf

alten Verbrecher, welche seit Jahren die Plage der Pässe und höheren Wege

ausmachten. Sie waren freundliche, etwas falsche Gesellen, die viele Anekdoten zu erzählen wußten, gutmütig die andern aushorchten, über die jüngeren grobe

Späße machten. Einer hatte in seiner Körperfülle das Aussehen eines würdigen

Mandarins; es fehlte ihm an seiner Mütze nur der Knopf. Er hielt sehr auf

respektvolle Behandlung und bediente sich eines komischen

Höflichkeitszeremoniells bei den kleinsten Dingen im Verkehr, wobei gestört er

in unsäglich gemeines Schimpfen ausbrechen konnte. Er war Hypochonder,

äußerst wehleidig und verbrachte das meiste Geld, das er durch Diebstahl und

Raub erwarb, bei kleinen Wurzelfrauen, Hökerinnen in den Nachbarorten, bei

denen er nach Medikamenten ein und aus ging. Er hatte eine Masse Eigenheiten,

schnitzte sehr gewandt Tabaksdosen mit Blumendeckeln, suchte bei jedem frisch

Ankommenden zu erfahren, was es für Neuigkeiten darin in den Städten gäbe,

bemühte sich auf die furchtbarste Art, wenn er es wollte und es für ihn nötig

wurde, die Muster zu beschaffen. Er seufzte seinen Hökerfrauen vor, die ihn als

feinen Herrn behandelten, wie ein armer Mensch seine Haut zu Markte tragen

müsse, um auch nur eine Spielerei zu erwerben. Wenn er einbrach, war er der

zähste, sicherste Mensch, mit Muskeln von Stahl, einer unbezwinglichen Geduld

und Kälte. Vor Leuten, besonders jungen Männern, die ihn überraschten und die

er angreifen mußte, hatte er einen Ekel, wenn sie sich nicht wehrten oder um

Schonung bettelten, nachdem er sie gefaßt hatte. Er hatte zwei

Kaufmannsgehilfen einmal, die vor Entsetzen auf ihrem Ofenbett laut schrien,

als er in ihr Zimmer nachts eindrang, mit einem Eisenstück erst betäubt, dann

aber, als die kräftigen Menschen trotz seines Befehls unter ihrer Decke weiter

wimmerten, sie mit der ersten besten Schnur einen nach dem andern erwürgt,

war toll, ohne etwas zu nehmen, in die Berge zurückgerannt. Er führte seitdem

den Namen „Seidenschnur“.

Ein anderer dieser fünf Gesellen war ein großer hagerer Kantonese mit einer

Hornbrille. Dieser liebte weder Totschlag noch Einbruch, er war Gelehrter und

verfaßte Gedichte, gesellschaftliche und sittenfördernde Abhandlungen,

Betrachtungen über allerhand Themata, auch aus der Tierwelt, Geologie,

Astrologie. Sein Wesen blieb den meisten der Vagabunden dauernd fremd. Er

hielt sich völlig fern von ihnen; sie kamen in seine Höhle, um sich über vielerlei

Dinge, besonders Krankheiten und günstige Tage, Rats zu erholen. Es war ein

Mann von einer gewissen Bildung, der viele Dichter abschrieb und saubere

Charaktere malte. In diesen großen ruhigen Menschen kam alle paar Monate

eine Veränderung. Die ihn besuchten, merkten das vorher; er hörte ihnen nicht

mehr geduldig zu; es herrschte Unordnung in seiner sonst ziemlich gerichteten

Wohnung im Felsen. Er erklärte selbst, wenn ihn einer fragte, daß er jetzt viel

mit eigenen Sachen beschäftigt sei, nur diese Tage; sie sollten sich nicht

abstoßen lassen; er würde über die Sache, die sie ihm vortrügen, später noch genau nachdenken und ihnen Auskunft geben. Dann kamen die paar Tage, wo

die Banditen sich nicht von ihrem Gelächter erholten. Wo der gelehrte Mann

schmierig und zerfetzt von oben bis unten über alle Wege kletterte, bei allen

Bekannten vorsprach in diesem Aufzug unter einem Schwall hochtrabender

unverständlicher Worte und Brocken, dazwischen mit kolossalen

Schlüpfrigkeiten, die an ihm sonst unbekannt waren, um sich warf, und selbst

aus dem Lachen nicht herauskam, das sein Gesicht unter tausend trockenen

Fältchen vergrub. Auf diesem Hin und Her, bei dem er sich keine Ruhe gönnte,

kaum ein paar Stunden tags schlief, ohne sich zu erschöpfen, versteckte sich die

hagere Gestalt auch gelegentlich hinter einem Block bei Mondlicht an einer

Straßenbiegung, fiel mit lautem Geschrei ganze Karawanen an, die nicht selten

auseinanderstoben vor ihm, stieß einen einsamen Pilger, nachdem er lange hinter

ihm her mit Wutbläken geschlichen war, unter einem Freudenjuchzer in den

Abgrund, verging sich bei Marktflecken in viehischer Weise an Frauen und

Kindern. Nach ein paar Tagen saß er wieder in seiner Höhle, zeigte ernst seinen

Gästen die Schrunden und Beulen, die er davongetragen hatte. Er behandelte

diese Verletzungen in den ersten Tagen wie eine heilige Sache, kam rasch in das

alte Geleise, in die gelehrte Arbeit, bei der ihn keiner, unter schwerster Gefahr,

an die unruhigen Tage erinnern durfte. Der Einfluß dieser Männer auf die andern

war gering; schon unter sich kannten sie sich wenig; unter den andern allen

galten sie als gefährliche Sonderlinge, die zu keiner gemeinsamen Sache zu

bewegen waren.

Die Vagabunden sprachen geheimnisvoll über Wang-lun in den überhitzten

Stuben des Dörfchens. Seine langen Besuche bei dem Zauberer Ma-noh brachten

sie zum Erschauern; alle gaben zu, daß dahinter etwas stecke. Er war ein

Verfolgter, der nicht zur Ruhe kam. Ein Buckliger in dem Hause, das auch Wang

bewohnte, schlug auf den Tisch: „Diesem Wang ist in Schan-tung etwas passiert,

er will Gespenster bannen lernen, um sich an jemand zu rächen. Auf dem Liang-

fu-schan sitzt einer, der hat in Krügen die Dämonen der ganzen Provinz

gefangen.“ Ein anderer stimmte bei: „Ma-noh wohnt schon lange oben; er kennt

alle Berggeister. Was soll Wang von ihm wollen?“ Der Bucklige: „Ich habe ihn

einmal an der Pochmühle sitzen sehen; er schlug mit den Händen an seinen

Augen vorbei. Warum? Er hat Dämonen gesehen und wollte sie zerquetschen.“

Ein Alter legte sich über den Tisch und grinste: „Ein Gelehrter ist Wang-lun. Er

trägt etwas mit sich herum. Was ist dabei wunderbar, wenn er zaubern kann?

Wer eins kann, kann das andere.“

In Wang überwucherte unter dem Einfluß der Gespräche mit Ma die

Versonnenheit und der Ernst. Er beruhigte sich. Die Wände und Vorhänge, mit

denen sich etwas Dunkles in ihm umstellt hatte, fielen; er ebnete und bewältigte sich in der größten Heimlichkeit. Der Zickzack in ihm kam nur gelegentlich zum

Vorschein; in Possenstreichen, die andere vor den Kopf stießen, in stundenlanger

grundloser Gleichgültigkeit, in vorübergehender Böswilligkeit,

Widerspenstigkeit. Die älteren Vagabunden wußten, daß etwas Heiliges dahinter

steckte, wenn er Späße machte; daß dies nicht anders war, als ob er sich in einem

Krampf wälzte.

Gegen Ende ihres Aufenthalts in Pa-ta-ling stampfte Wang eines Abends

kältegeschüttelt in die Stube; er lachte, brüllte, sprang an den Wänden herum. Er

hätte auf einem frischen, völlig frischen, eben gefallenen weißen Schneehaufen,

sie sollten einmal denken und sich das vorstellen, einen großen verschlossenen

Lederbeutel mit dem kaiserlichen Kriegssiegel gefunden; und wenn er in den

Beutel griffe, hätte er lauter runde Goldkugeln in der Hand. Er warf einen

schwarzen Beutel auf den Tisch. Zehn glattrasierte bezopfte Köpfe stießen über

dem Beutel zusammen, ein freudiges erschrecktes Schnattern erhob sich. Einer

griff und hatte dicken Kohlestaub bis an den Ellenbogen; ein anderer faßte

vorsichtig hinein, es ging ihm ebenso. Und so zwei andern. Sie sahen sich

verblüfft über dem Tisch mit der Öllampe an, schwiegen betreten, blinzelten

gegen den langen Wang, der ruhig am Ofenbett stand, sahen sich wieder einer

nach dem andern an, schüttelten die Kohle von den Händen. Ein feister

hellfarbiger hielt den Beutel hoch gegen sein Ohr, schüttelte ihn, horchte. Auch

die vier, die in den Beutel gefaßt hatten, drängten sich durch und legten den

Kopf an den Beutel. Der erste stellte den Beutel auf die Tischplatte, wich von

dem Tisch zurück, sagte, ohne Wang anzublicken, mit einem bestürzten

Gesichtsausdruck: „Er hat recht. Wang hat recht.“ Er war so fassungslos, daß er

nicht tat, was einem andern, dem Buckligen, nach einer Pause einfiel: nämlich,

ohne den Beutel zu berühren, Wang zu bitten, ihnen das Siegel des Kaisers zu

zeigen und zu fragen, ob es das Siegel Khien-lungs oder eines früheren Kaisers

sei. Wenn er es ihnen aber nicht zeigen wolle, ihnen doch etwas noch zu sagen

über das Siegel; auch über die vielen Goldkugeln. Sie seien zwar erschreckt, sehr

erschreckt, er auch, aber sie würden es doch gern hören und den andern sagen.

Der lange Wang-lun hatte inzwischen längst aufgehört zu lächeln. Mit einer

Miene, die immer ängstlicher wurde, stand er am heißen Ofenbett; seine linke

weite Hose schwälte am Rost, ohne daß er es merkte und den feinen sengenden

Rauch beachtete. Er ging langsam und ganz unsicher von einem zum andern, zog

ihn an der Hand zur Lampe, sah ihm suchend ins Gesicht: „Was ist denn? Was ist

denn? Was meint ihr denn?“ Er stemmte beide Hände auf die Tischkante auf,

hinter dem Tisch stehend, beäugte den Beutel von allen Seiten, bückte sich,

strich furchtsam über ihn. Dann umspannte er ihn mit der linken Hand, ging mit

ihm in die Nachbarkammer, immer Blicke nach rechts und links auf die Männer werfend, als erwarte er Schläge von ihnen. Eine dünne Spur des Kohlenstaubs

rieselte hinter ihm her. Die Kammertür versperrte der lange Wang und hockte am

Boden in dem engen Raum, in dem nur Krüge, leere Tonnen und Ackergeräte

herumstanden, drehte eine Holzhacke in der rechten Hand, legte sie vorsichtig

neben sich. Dann hob er den fast ausgelaufenen Lederbeutel, auf beide

ausgebreitete Hände gelegt, an sein schweißtriefendes Gesicht und fiel mit dem

Kopf so auf seine aufgestellten Knie. Er sagte mit klappernden Zähnen laut, daß

die nebenan es hörten: „Was ist denn? Was wollen sie von mir?“ Die Kleider

klebten ihm an den Gliedern. Er stand auf, besah das Loch in seiner Hose. Es

befiel ihn eine so lautlose schwindelnde Angst, daß er sich im Kreise drehte, auf

die Holzdiele unter seinen Filzsohlen blickte, den Boden befühlte mit der Hand,

die krummen Finger gegen die Wand drückte.

Er stand, mit dem runden Rücken in einen Winkel gelehnt, die Arme unter den

weiten langen Ärmeln ineinander verschränkt, sann mit hervortretenden Augen,

was ihm passiert war. Plötzlich erstarb alles in ihm. Er ging ruhig zwischen dem

Gerätekram an das offene Fenster. Die schneidende Luft wehte. Wang-lun, den

Kopf hinaus in die Dunkelheit gesteckt, wußte nicht, was er hier blickte. Die

kleinen Häuser drüben standen sehr fern, die Finsternis des Himmels stand nicht

ferner. Er betrachtete alles mit Befremden.

Er mummelte sich in seinen Kittel, zog den Kopf zwischen die Schultern, ging

in das Nachbarzimmer, wo fünf der Vagabunden saßen und mit Figuren spielten.

Ihnen fiel auf, wie stier sein Blick und wie ausdruckslos sein Gesicht war. Er

blieb am Tische stehen. Er sagte leise zu dem Buckligen, den er umfaßte, ohne

aber den Blick höher auf ihn als bis zu den Schultern zu richten, daß er noch

einmal durch das Dorf gehen wolle.

Und dann ging er durch die leere Straße; kehrte um, ging hügelwärts weiter.

Lief, indem er die Schwärze der Nacht Schale um Schale, Panzer um Panzer,

durchbrach. Ehe er verstand, was geschah, hatten seine Arme das Schwingen der

Keulen angenommen, war eine Sichel aus seiner Stirne gewachsen, mit der er

die Nacht durchschnitt. Er sprang über die Schönn-i genannten Klippen. Sein

Körper lief schon empfindungslos weiter; er ritt ruhig atmend auf federnden

Schenkeln. Er freute sich, daß etwas ihn mitgenommen hatte und mit ihm

davonlief. Über die Hügel, auf die Felsen. Zu Ma-noh, zu Ma-noh. Der mußte

die Gemse hören, die zu seiner Hütte heraufkletterte aus der liegenden Nacht.

Es war noch kein Zeichen des Morgens am Himmel, als Ma-noh seinen

Namen rufen hörte, die Stiege zu seiner Hütte hinuntersprang.

Der trübe Docht blakte. Stumm und mild saßen die Buddhas im Hintergrund;

die Ohrlappen bis auf die Schultern gezogen, blauer Haarknoten, weite Blicke,

ein verschwimmendes Lächeln um die prallen Lippen, auf runden glatten Schenkeln hockend. Wang lag mit der Stirne vor der tausendarmigen Göttin aus

Bergkristall, anklagend, bettelnd, verwirrt. Gewillt, hier liegen zu bleiben, nicht

fortzugehen. Durcheinander stammelnd, was ihm geschehen sei.

„Was Su-koh geschah, ist nichts gegen dieses. Su-koh haben sie mit fünf

Säbeln niedergeschlagen an der kleinen Mauer. Sie haben ihn gefangen

genommen und dann über den Nai-ho geschickt. Mich haben sie verlockt, in ihre

Mitte geschlossen, bezaubert. In meine Brust wollen sie einen Dämon zaubern,

der Bucklige will das, alle wollen das. Ich bin gut zu ihnen gewesen, habe jeden

Zank ausgewischt. Mancher von ihnen lebte nicht mehr ohne mich. Ich bin die

Dorfstraße heruntergegangen. Es war Kohle in dem Beutel. Ich kann nichts

dafür, es war nur Kohle. Und es ist doch kein Gold und kein Siegel. Warum soll

es Gold sein, wie soll das Siegel des Kaisers in den Lederbeutel kommen?

Warum verlangen sie das von mir? Sie sollen es nicht wollen; sie sollen es nicht

wollen. Sie sollen mich wieder gehen lassen; ich habe nichts gesagt von dem

Lederbeutel. Ich bin der Wang-lun aus Hun-kang-tsun. Ich bin ein Mörder; kein

Mandarin hilft mir jetzt. Ich lasse mich nicht verhetzen. Ihr sollt mir helfen, ihr

fünf Fos; Ma-noh, hilf mit; bete mit mir; hilf mir sie bezwingen.“

Er richtete sich auf den Knien auf, hielt Ma-noh an der Brust fest, der sich

schon neben ihn geworfen hatte. „Oder bin ich schon verzaubert? Sag, Ma-noh?

Es kommt schon zu spät bei mir, nicht wahr, ja, es kommt schon zu spät.“

Heulend stieß er, von den Buddhas abgewandt, lange Schreie aus, öffnete

immer die Arme und schlug sie wieder zusammen. „Was soll geschehen, Ma-

noh? Was soll mit Wang-lun geschehen? Die bösen Geister haben ihn befallen.

Wang-lun haben die bösen Geister befallen.“

Ma-noh drückte Wangs verklammerte Finger von sich ab, ließ ihn auf den

Boden rutschen, legte einen dünnen gelben Mantel mit roter Borte über sein

Flickkleid, setzte die viereckige schwarze Mütze auf, das Dach des Lebens,

schlug den Rasselstab, schüttelte die Klapper. Die pfeifenden Worte, die er

ausstieß, gingen unter in dem blechernen Geklirr; und während er die eklen

Schlangengötter mit Flüchen anrief, die Nagas, die Lus und ihre Könige,

während unter dem Dröhnen der Klapper die Garudavögel gebannt

aufschwirrten aus dem Kreise, die grünschwingigen Garudas mit roten

Menschenbrüsten, weißem Bauch, auf ihren schwarzen Vogelköpfen standen

zwei Hörner, zitterte in Ma-noh das Herz vor Glück. Er tanzte, selbst träumend

und hingerissen, um Wang, der den Kopf duckte; er verstand alles, was Wang

sagte; er bückte sich, strich ihm über die Schultern, den Scheitel, und hätte sein

Knurren und Zischen in Lachen verwandeln mögen. Wang dachte an seinen

Vater und seine Mutter, und wie seine Mutter eingeschlafen war, als der Vater

unter Hundegekläff in einer Tigermaske hin und her sprang vor der Frau und über die Hingesunkene schnaufte und flüsterte. Ihn fror plötzlich sehr unter der

Achsel, an den Knien, an den Fersen.

Er lag schwindlig, lang auf den Leib gestreckt am Boden. Ma häufte Decken

über ihn, drückte das Licht aus. Eine weiße Helligkeit trat durch die verklebten

Fenster. Ein Scharren und Kratzen an der verriegelten Tür, Füße und Schnäbel

von hungrigen Krähen. Dann lief es einmal weich über die Stufen, kroch über

das niedrige Dach, schnuppernd, schlüpfte wieselartig über Balken weg. Alle

Augenblicke krachte es ganz weit; fernes Schieben, Schurren, Poltern folgte.

Schneemassen kamen ins Rollen, stürzten in die Schluchten.

Ma-noh, in der schwefelgelben Kutte, mit roter Schärpe, auf dem Schädel die

vierzipflige Mütze, öffnete die Tür. Brausen des Flusses drang in das dumpfe

Zimmer, in dem die Klapper nicht mehr lärmte. Blendende Weiße warfen die

Schneemassen herein. Ma pfiff und gluckste. Er hielt die große Almosenschale

in der Hand, mit Körnern und Brocken gefüllt. Die Krähen stießen wütende

Schreie aus. Er hielt die zudringlichen Vögel mit spitzem Lachen zurück. Weit

über die Stiege, in den hohen Schnee der Straße flogen die harten Stücke.

 

Obwohl Wang schon am ersten Abend unruhig drängte, hielt Ma-noh ihn über

drei Tage auf dem Berge fest. Am Morgen des vierten klopften Männer an Mas

Tür, fünf Räuber aus dem Dorf. Sie hatten Wang gesucht und brachten die

Nachricht, daß sie verraten seien, daß gestern nachmittag dreißig Berittene,

abgeschickt aus der Unterpräfektur Cha-tuo, unter einem riesigen Pa-tsoung in

das Dorf einfielen. Sie hätten, unterstützt von Dorfbewohnern, die Soldaten

verjagt, ein Pferd lahmgeschlagen; es konnte aber nicht verhindert werden, daß

vier ältere Wegelagerer, darunter ein Kranker, von den Soldaten ergriffen und auf

den Pferden mitgeschleppt wurden. Als sie den Raub bemerkt hätten, waren die

Reiter schon im Galopp und schossen mit Pfeilen nach rückwärts. Die Brüder

drängten sehr fort, berichteten sie. Auch die gutmeinende Dorfbevölkerung bäte,

rasch abzuziehen, weil sonst beide, Banditen wie Dörfler, verloren seien. Alle

Wege wären gut passierbar, das Wetter erträglich, es werde ein rasches Frühjahr

geben.

Von den Männern, die zu der Einsiedelei geschickt waren, gehörten drei zu

den engeren Freunden Wangs von den Pochwerken. Es waren die erfahrensten,

zuverlässigsten Männer.

Auf das erregte Bitten Wangs blieben sie fast einen halben Tag gemeinsam in

Ma-nohs Hütte.

Wang konnte sich schwer bezwingen. Er ging ratlos in einem Durcheinander von Empfindungen an den niedrigen glühenden Herd, über dem der Wassertopf

an einem rohen, schlecht geschnittenen Eichmast hing. Sein breites Gesicht

schrumpfte unter der Hitze. Er wandte sich und streifte mit den fliegenden

Ärmeln die goldenen Buddhas, die ihre bezaubernde, flimmernde, irisierende

Miene zuwandten dem stummen Ma-noh, der ihre Blicke aufzufangen suchte,

dem Wanderer Wang, den hockenden fünf Vagabunden, die die Köpfe

zusammensteckten, teeschlürfend die Nachbarorte durchhechelten. Über und

über waren sie bepackt mit zerlumpten Kitteln, Tuchfässer, schwer bewegliche

Fleischpakete.

Wang schwankte unter einer Aufwallung und einem unertragbaren Sieden in

der Brust die Stiege herunter, und seine schrägen schmalen Augenschlitze

kniffen sich zu, geblendet vom Weiß, das entgegenprallte. Er stand am Rand der

Bergstraße. Aus dem Flußtal schleiften Nebelschlieren. Von einem drehenden

Windstoß gerafft zogen sie sich schlangenartig rasch hoch und pufften,

breitschleiernd, über Wang und die lange Bergstraße. Das Rauschen der

Schnellen klang unglaublich nah. Das Tal kochte kalt und war verschüttet in den

brodelnden Dunst. Muskellose weiche Schneearme streckten sich herauf.

Sie berieten in der kaum mannshohen Hütte unter dem Felsen. Ma-noh mit

welkem spitzen Gesicht, im bunten Flickmantel und aufgewundenen Zopf,

höflich, leicht gnädig, im Inneren aufgebläht, erwartungsvoll erregt. Wang,

zwischen den andern am Herd, bog den Rücken rund; seine Blicke wanderten

von einem Augenpaar zum andern.

Er fing an zu sprechen, die Hände auszustrecken, die Freunde zu beschwören:

„Die vier Alten haben die Reiter mitgenommen, und man wird sie ins Gefängnis

werfen und ihnen die Köpfe abschlagen. Sie konnten nicht so schnell laufen wie

ihr. Den Lahmen hab ich auf meinem Rücken getragen, als wir vom Berg

herunterliefen. Es wird ihnen keiner glauben, wie elend wir sind und daß der

Frost so schlimm war. Der Lahme muß daran glauben, daß ihm ein Bootsmann

das Bein zerschlagen hat. Sein Unglück ist groß, man wird ihn an einem

ungünstigen Ort verscharren, sein Geist muß betteln, wie im Leben hungern,

frieren. Sein Bein war zu kurz und die Soldaten hatten Pferde. Uns nimmt man

alles. Wir sollen in den leeren Bergen erfrieren, die Raben sind mit uns

ausgezogen, keiner konnte mehr leben, keine Karawane gab zu essen. Unsere

armen Brüder nimmt man uns. O, wir sind arm.“

So jammerte Wang-lun, blickte ihnen allen in die traurigen gesenkten

Gesichter und litt. Mit einmal kam die Angst wieder und die Befremdung vor

ihnen. Er wandte sich, schluckte an dem Kloß hinter seinem Gaumen. Er preßte

es gewaltsam herunter, hielt seine eiskalten schwitzenden Hände über den Herd.

Sie taten ihm nichts, sie wollten nichts von ihm, es war nur ein Gerede gewesen, er wollte sie gar nicht fragen. O, war das Leben schwer. Dazu blitzte es ihm vor

den Augen; bald schienen es von dem Herd verwehte Funken zu sein, bald fuhr

es so rasch und glatt zusammen, fünf Säbel und eine kleine getünchte Mauer.

Ein breitschultriger alter Mann unter den abgesandten, ein Bauer, dem sein

Land mitsamt seiner Familie fortgeschwommen war, veränderte seine

entschlossene Miene nicht bei den zitternden Worten Wangs: „Wir müssen

unsere Brüder wieder holen. Wenn du ihn in das Dorf getragen hast, Wang, mußt

du ihn zurückbringen. Hätten wir Pferde und Bogen wie die Soldaten, wäre

nichts geschehen. Der Unterpräfekt von Cha-tuo soll ein kluger Mann sein aus

Sze-chuan. Aber er ist zu feingebildet für uns in Nan-ku. Sag selbst, Chu, Ma-

noh, wir müssen mit unserer Sprache herauskommen.“

„Der Unterpräfekt Liu von Cha-tuo,“ fiel ein jüngerer großer neben ihm ein,

auffallend helle Gesichtsfarbe, große scharfe Augen, „der ist aus Sze-chuan

gekommen, aber der klägliche Sü weiß, woher Liu seine Täls genommen hat. Er

hat sie nicht aus den kanonischen Büchern herausgelesen, die Lieder des Schi-

king sollen keine Goldschnüre um den Hals tragen. Ich habe gehört von einer

großen Stadt Kwan-juan, als ich einmal über den Ta-pa-schan herüberwanderte.

Da kam in das Jamen des glanzvollen Unterpräfekten ein Kurier vom Vizekönig

von Sze-chuan; es sollten neue Steuern für den Krieg mit dem und dem erhoben

werden auf das und das. Der klägliche Sü weiß die Antwort, die der glanzvolle

Liu an den erhabenen Vizekönig zurücksandte, weil er nämlich dem

heimwandernden Kurier einen Strick um die Beine legte, um ein paar Käsch

beim Betreten einer so großen Stadt zu besitzen. Liu, besorgt um die Stadt, wie

ein echter Vater, lehnte die Steuer ab für Kwan-juan: „Die Stadt ist zu arm, die

schwarzen Blattern grassieren, die Reispreise unerschwinglich für den kleinen

Mann.“ Aber als ich selber nach zwei Tagen entzückt über solche Landesliebe in

die glücklichen Mauern eintrat, klebten schöne lange Zettel an jeder Wand mit

dem Stempel des glanzvollen Liu, in deutlicher würdevoller Sprache. Er gab

dem mächtigen Vizekönig zuerst das Wort: „Himmelssohn, Krieg mit dem und

dem.“ Und zum Schluß Steuern auf das und das, für jeden eine Gabe, diese

Gilde jene Gilde. Die guten Leute wußten auf einmal, wie unbezahlbar bei ihnen

in den Mauern alles war, das und das und das. Sie waren sehr glücklich und

priesen Liu, der sich um die Hebung ihrer Stadt so wohl verdient machte, priesen

seine Eltern und Großeltern und zahlten drei Jahre die Likinabgaben für — Liu,

den weisen Unterpräfekten.“

Der hellfarbene Mann lachte wie berauscht. Ma sah ihn streng an; Wang

erkannte, daß Sü nicht zu halten war. Einer neben Wang stieß seinen Nachbarn

an, dessen Gesicht glühte von dem heißen Wasser, flüsterte, er solle doch reden;

das sei besser, als halblaut fluchen vor den Fenstern anderer Leute.

Wang wurde von seinem Schmerz gefaßt und mit eisernen Händen unter ein

dickes dunkles Moor zum Ersticken gehalten. Er keuchte. Das war alles falsch,

was hier gesprochen wurde.

Während die zwei neben ihm verlegen gestikulierten und heftig auf sich

einsprachen, Sü prahlerisch eine neue Geschichte schmetterte, fing Wang an zu

klagen, Ma-noh neben sich auf den Boden zu ziehen. Er redete hilflos

schnappend, drehte den Kopf, seine Lippen bebten: „Ma, bleib sitzen hier. Seid

nicht aufgeregt, liebe Brüder. Sü, du bist gut, es ist richtig, was du sagst. Ich will

euch ja nicht langweilen, aber mir fiel etwas ein, wie Sü erzählte von dem

Unterpräfekten aus Kwan-juan in Sze-chuan, der uns die vier Armen hat rauben

lassen. Wir wollen sie ihm gewiß nicht lassen, liebe Kinder. Habt mich nicht im

Verdacht, liebe Kinder, als ob ich das tun wollte. Mir fiel nur ein von Schan-tung

etwas, als ich in der Stadt Tsi-nan-fu war, in dem großen Tsi-nan-fu und bei

einem Bonzen diente; er hieß Toh-tsin. Ihr werdet ihn nicht kennen, es war ein

guter Mann, der mich sehr geschützt hat. Da war mein Freund ein Mann, den sie

auch totgeschlagen haben. Ich will euch alles erzählen von Su-koh, so hieß er.

Ihr werdet mir glauben, daß ich unsere armen Vier nicht dem Unterpräfekten

lassen werde. Nachdem mir das passiert ist in Tsi-nan-fu, und sie mir meinen

Freund Su-koh totgeschlagen haben. Er war ein Anhänger des westlichen Gottes

Allah, der seinen Anhängern vieles erfüllen soll. Aber in Kan-suh fingen

Unruhen an, als diese Leute plötzlich laut beten wollten, und Su-kohs Neffe las

zuerst aus einem alten Buch laut vor, und sie haben ihn in Stücke geschlagen mit

seiner Familie. Dann haben sie nach meinem Freund in Tsi-nan-fu gesucht, er

war ein so würdiger ernster Mann, er hätte die höchsten Prüfungen bestanden. Es

kam, wie es will. Sie haben ihn wieder gefaßt, als ich ihn schon herausgeholt

hatte mit seinen beiden Söhnen. Er sagte, sie dürften ihm nichts anhaben, er

wolle schon auswandern, erst müsse er seine Schulden bezahlen und sein Haus

verkaufen und sein Priester müsse ihm einen günstigen Tag angeben. Aber es

gab ein Trommeln. Eine Eidechse, ein weißer Tiger, ein dünnbeiniger Tou-ssee

gab ihm einen Stoß von hinten mit dem Degenknauf, neben seinem Haus an

einer kleinen getünchten Mauer. Dann haben sie ihn eben, wie er sich umdrehte,

mit fünf Säbeln totgeschlagen. Ihr müßt nicht lachen, weil ich nichts dabei getan

habe. Sein Geist, der eben aus ihm geflogen war, muß in meine Leber gefahren

sein, denn ich war besessen die Tage darauf. Und dies ist mir in Tsi-nan-fu an

meinem eigenen Freunde passiert. Der Tou-ssee lebt nicht mehr, ihr werdet es

mir glauben. Aber es ist zum Weinen, um selbst über den Nai-ho zu gehen: sie

kommen immer wieder und nehmen etwas weg. Sie geben keinen Frieden und

keine Ruhe. Sie wollen mich und euch und uns alle ausrotten und nicht leben

lassen. Was wollen wir machen, liebe Kinder? Ich, euer Freund Wang aus Hun-kang-tsun, bin schon wie weich gerittenes Fleisch, wie stinkende Zeugmasse. Ich

kann nur weinen und jammern.“ Wang hatte die Haltung eines kranken Kindes

angenommen vor Ma-noh, und in einem Stöhnen, Keuchen und Schluchzen

arbeitete seine Brust.

Das Wasser stürzte ihm aus Auge und Nase, sein breites derbhäutiges Gesicht

war ganz klein und mädchenhaft. Er lehnte gegen Ma-noh in einer Art

Betäubung.

Er log nicht von Su-koh. Man hatte ihm in Su-koh einen Freund weggerissen.

Wang, der Gassenläufer und Ausrufer in Tsi-nan-fu, war in der Herberge dem

Mohammedaner begegnet. Das ernste gelassene Wesen fesselte ihn stark. Es zog

ihn intensiver an, als er sich bewußt wurde in dem unruhigen Treiben der Stadt.

Er hatte rasch das völlig unklare Gefühl, hier etwas Verhängnisvolles zu treffen,

etwas so Tiefes, daß er sich davon abwenden müßte. Er kam wenig mit Su-koh

und seinen Söhnen zusammen; ihre Gespräche betrafen tägliche Dinge. Dann

kam die Verhaftung Su-kohs, und sie deckte ihm die Stärke seiner Beziehungen

zu dem Mann mit Furchtbarkeit auf. Nicht kam er zu einer Vorstellung, worum

es sich handelte zwischen ihm und dem Mohammedaner; er merkte nur die

Hingerissenheit und unbedingte Teilnahme an Sus Schicksal. Wang hatte das

schwerlastende Empfinden, daß man ihn selbst, etwas in ihm von einer

schaurigen Verborgenheit, angriff. Und es war nicht die Roheit des Eingriffs, die

ihn erschreckte, sondern das Entsetzen vor dem Verborgenen, das ihm vor

Gesicht kam, das er nicht sehen wollte, nicht jetzt schon, vielleicht später, viel

viel später. Die fünf Säbel und die kleine Mauer fuhren vor seinen Augen

zusammen, immer erneut, jede Stunde jede Minute; es war nicht zu ertragen, es

mußte überdeckt, vergraben werden. Und so kam die Rache für Su als etwas

Erdachtes, Erzwungenes. Erst als er sein Hirschgeweih in Händen hatte in der

Kammer des Bonzen, als er sich flüchtete zu den Erinnerungen an die Späße, die

mit dem starken Geruch des Geweihs in ihm aufstiegen, an die Jagden über

Marktplätze, Jonglieren über Dächer, da wußte er sicher, daß er den Tou-ssee

töten würde, mit der Maske glatt und fest alles zustülpen würde. Diese

Bewegung machte ihn damals glücklich und sicher: zustülpen. Er wollte sich

noch einmal wegtäuschen über die Zukunft, vor der er sich schämte und graute.

Es war schon nicht mehr nötig, daß er am Morgen aus dem Wegeschrank

aufstand und auf den Übungsplatz lief: er hatte in der Nacht schon zehn,

fünfzigmal den Hauptmann erstickt unter der Maske, es war schon alles

geschehen. Aber er lief hin; er mußte sich dabei sehen, es sich tief einprägen.

Und so geschah der Mord, als ein Opfer, das er sich brachte. So rächte Wang den

Mohammedaner, seinen Freund.

Die scharfe nüchterne Stimme des Mannes, den vorher Wangs Nachbar gedrängt hatte, übertönte das Durcheinander von gezischelter Wut und

Drohworten. Er rief, es möchte derjenige, welcher am nächsten der Türe sitze,

die Hütte umgehen und nachsehen, ob einer draußen sei; er wolle dann sprechen.

Als die Türe aufgestoßen wurde und ein langer Bursche mit vorgestrecktem

Kopf aus der Hütte verschwand, war es für eine Minute still in der Hütte, so daß

man zum erstenmal das Geräusch des Flusses und der stürzenden Schneemassen

hörte. Der Bursche kam grinsend zurück: es hätte nur etwas Totes neben der

Hütte gesessen. Und er zog das Fell einer graubraunen Zibetkatze aus seinem

Kittel hervor. Ma-noh schüttelte sich vor Abscheu; er wollte den Burschen

davonjagen, bezwang sich und schnüffelte erregt, als er die andern überernsten

Gesichter sah.

Der Mann am Herd, dem unter dem Kinn ein kleiner grauer Bart wuchs, stand

auf, stellte sich an die Tür, die er mit seinem Rücken versperrte, sprach leise

scharf; fuchtelte sonderbar in der Luft, als ob er Fliegen fange. Er zupfte seinen

Bart. Sein altes Gesicht mit den großen Augensäcken war lebendig wie eines

schnurrenden Katers. Die schlaffe Haut tat dem Spiel seines Ausdrucks keinen

Eintrag; es kräuselte, blitzte, rollte über das platte Gesicht mit dem weit

vorgeschobenen Unterkiefer. Er klappte oft laut die Zähne zusammen, man sah

seine dünne rosa Zunge spielen, er bog den dickgepolsterten Rücken, machte

dies und dies Knie krumm. Von dem Mann wußte man, daß er ohne Grund aus

seiner Heimat aufgebrochen war in geachteter Stellung. Er hauste seit Jahren in

den Nan-ku-Bergen, tat in Dörfern ehrbare Dienste. Leute aus seiner

Heimatstadt, die von dem neugierigen Gesindel nach ihm ausgefragt wurden,

berichteten kopfschüttelnd, daß er ohne mindeste Veranlassung alles habe stehen

und liegen lassen. Sie waren überzeugt, daß der Alte der Aufdeckung eines

Verbrechens zuvor gekommen sei, das aber dann nicht aufgedeckt wurde, eine

Geschichte, die sie viel belachten und zur Beleuchtung seines ebenso

furchtsamen wie geheimtuerischen Wesens benutzten.

Chu sprach leise: „Da niemand vor der Türe horcht, will euer Diener reden.

Wir müssen verschwiegen darüber sein, werte Herren, nicht meine ich aus Angst

und Besorgtheit, die gar nicht angebracht ist bei Leuten, welche nichts zu

besorgen haben, sondern aus Gründen. Euer Diener Chu hat viele Gründe, leise

zu sprechen und die Türe zu versperren, und wenn die werten Herren ihn ruhig

angehört haben und ihm zustimmen sollten, so werden sie wie er leise sprechen.

Ich habe gute Beziehungen zu Po-schan, meiner Heimatsstadt in Schan-tung, wo

meine Neffen und Geschwister meinen Besitz verwalten. Was der geliebte

Bruder Wang erlitten hat und was die Einwohner Kwan-juans erlitten haben, ist

uns vielmals begegnet da. Schöne Sachen sind uns begegnet, schöne Sachen,

aber das Kind, das vor euch steht, will nicht vor alten Kennern schwatzen. Seht

einmal: wie oft tritt in den südlichen reichen Provinzen der Gelbe Fluß über die

Ufer, und wie oft wirft sich das Meer mit einer weißen Brust über das Land und

erdrückt Häuser und Mann und Frau und Kind? Wie oft läuft der Taifun die

wimmelnde Küste herunter, tanzt über das gelbe Meer, und alle Dschunken,

Boote, großen Segler bekommen plötzlich Beine und tanzen mit ihm auf eine

barbarische grausige Art mit. Und das kleine Kind will gar nicht sprechen von

den bösen Dämonen, die den Mißwachs auf den Äckern bringen, daß die

Hungersnöte ausbrechen. Aber seht, die Menschen wollen es den großen

Gewalten nachtun; und wer ein großer Herr ist, will ein größerer sein. Und da

treiben Menschen, von Müttern geboren, in den achtzehn Provinzen herum, die

die Macht in Händen haben, und werfen sich wie die finstere See über das

flache, sorgsam bebaute Land hin und quetschen mit ihrem breiten Leib den Reis

und alle Früchte zusammen. Da gibt es Herren, die drehen sich wie die

dunkelfarbigen Sandstürme über ganze Städte und bewohnte Dörfer und reißen

im Drehen soviel Sand wie Menschen mit, daß alle das Atmen vergessen. Und

am schlimmsten wütet eine Springflut, die vor langer Zeit über das kostbare

Land, über die Blume der Mitte, gefallen ist, ihr die Blätter und Blüten abreißt.

Von Norden ist die Springflut gekommen und brandet über unsere fetten Äcker

und Städte. Sie hat den Schlamm und das spitze Geröll auf unsere fetten Äcker

und friedreichen Städte geworfen, und sie nennt sich Tai-tsing, die reine

Dynastie. Und von ihr will ich etwas erzählen.“

Wang hatte sich längst hochgerichtet, sah den Alten mit aufgerissenen Augen

an, stellte sich ihm gegenüber. Die andern reckten die Hälse, rückten näher an

die Tür; die Pulse rollten voller durch ihre Schläfen; sie sahen den Alten, sie

waren seine Beute.

„Ich will euch nichts von ihr erzählen, denn die alten Herren wissen alles

selbst. Wenn der Tiger heult, dringt der Wind in die Täler. Die Mandschus, die

harten Tataren, die aus ihren nördlichen Bergen geradewegs von der Fuchsjagd über unser schwaches Land gefallen sind, werden nicht bis zum Eintritt der

Ewigkeit über uns leben. Unser Volk ist arm und schwach, aber wir sind viel und

überleben die stärksten. Ihr wißt, was man macht, wenn man am Meere wohnt

und die sieben ruhigen Jahre sind vorbei, die Regenzeit und der Nordweststurm

ist vorbei, das Unglück ist geschehen, was man macht, wenn man noch lebt?

Bauen, Dämme bauen, Tag und Nacht, Pfähle rammen, den Lehm häufen, Ruten,

Stroh dazwischen, Weiden anpflanzen. Die klugen Männer werden mich

unbescheiden nennen, wenn ich sie in dem fremden Hause frage, welche Dämme

sie gebaut haben, weil sie sich doch vor der Springflut fürchten und weil sie die

Wasser aus dem Lande zurückdrängen wollen? Aber andere haben langsam und

leise den Lehm in den Händen zusammengetragen, haben Stroh gestohlen von

dem und dem, zu einer Zeit, wo keiner auf sie achtete, haben heimlich feine

Weidenschößlinge gesetzt und sie geschützt. Es gehen schon unsichtbar Wälle

und Dämme durch das Land, mit Schleusen und Abzügen, die wir schließen,

wenn der Augenblick gekommen ist: das Wasser kann nicht zum Meer zurück,

das Land ist nicht ersoffen; wir verdunsten unter dem Feuer langsam das Wasser

wie die Salzpfänner und behalten die Körner zurück. Ich bin aus Po-schan; wir

haben nicht soviele Fruchtbarkeit wie am gelben Sandfluß; aber bei uns blüht

zwischen den Kohlen seit langer Zeit eine Blume, heimlich, aber wohl geschützt:

die Weiße Wasserlilie.“

Keiner der Männer saß mehr an der Erde; „die Weiße Wasserlilie“ stießen sie

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