Die drei Sprünge des Wang-lun

Alfred Döblin · Kapitel 2 von 5 · Teil 4/4

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Die drei Sprünge des Wang-lun

Erstes Buch Wang-lun

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 4 Teile geteilt.

erregt aus, um Chu sich stellend, klopften ihm freudig die Hände, blitzten ihn

aus ihren schwarzen Augen an. Sie waren entzückt über die Verwandlung des

trotteligen Katers. Sie lachten mannigfach, befriedigt leise, meckernd und mit

Herausforderung, wie Hornsignale klar und triumphierend; Ma-noh glucksend,

aber unsicher. Ihre Lippen waren naß, die Münder voll Speichel. Unter ihren

Backen glühten dünne Heizplatten. Der Magen schlingerte sanft hin und her.

„Wir sind, alte Herren, zur Beratung hier. Jeder kann beitragen, soviel er im

Kopf hat. Wang hat geredet, was ihm mit einem ernsten Su-koh in Tsi-nan-fu

begegnete. Ich bin nicht weit her von Tsi-nan, aus Po-schan. Ich habe nicht

gewartet, bis mich ein flinker Freund rächen brauchte, und hätte vielleicht nicht

gleich einen so raschen gefunden. Steht hinter meiner Straße auch schon die

kleine getünchte Mauer, die für mich bestimmt war. Hat die leblose Hand des

Himmelssohns schon den roten Todeskreis hinter meinen Namen gemalt. Das

Urteil war schon fertig, das nötig gewesen ist, meinen Mund zu versperren.“

Der Alte wollte weiter stammeln; Wang unterbrach ihn. Er nahm ihn stark bei

der Schulter, preßte ihn neben sich auf den Boden. Wang streichelte dem Alten

die Wangen und die knotigen Hände, bot ihm heißen Tee. Der schluckte noch,

schnappte, schlug mit dem Unterkiefer, sah aus geröteten Augen geradezu, hatte gellende Ohren.

Die Vagabunden, von Grimm ausgehöhlt, schluchzten ihren Ballast von sich.

Die Arme wurden in einem Wirbel herumgerissen. Die heiße Wut wurde in die

Hälse gepreßt, über einen blechernen Resonanzboden geledert, und schnarrend,

tremolierend weg in die Luft geprustet. Sie kamen sich bloßgelegt bis auf die

Blutröhren, die Lungenbläschen, vor, ihr Rätsel war von Chu gelöst: sie waren

Ausgestoßene, Opfer; sie hatten einen Feind und waren glückselig in ihrem

schäumenden Haß.

In dieser Minute gab sich Ma-noh an Wang verloren. Ma erlebte die

mitleidigen, umdunkelten Blicke Wangs, fühlte, wie Wang innerlich diese

rasenden Tiere an sich zog, furchtlos begütigte und küßte; und jäh riß ein Faden

in ihm. Was kam nun? In ihm war keine Besinnung. Was lag an ihm! Was lag an

dem Prior, an den Buddhas, an den Freudenhimmeln! Versagen aller Bremsen,

Niederschmettern aller Widerstände. Verächtliches Lippenzucken über die

Vagabunden; ihre Not belanglos gegen das, was in Wang vorgeht. Frösteln. Eine

stählerne fremde Sicherheit, von innen heraus zielend. Schwindelloses

Fallenlassen in einen Schlund. Schwaches federleichtes Hinlegen vor Wangs

Fuß.

Wang bemühte sich stumm, traurig um den Alten. Er sah schon sie alle mit

Messern zwischen den Zähnen den Berg herunterlaufen. Sie entglitten ihm.

Er sprach erst, als sie unruhig seine veränderte abwesende Miene bemerkten.

Sein Gesicht war noch naß von den Tränen. Er redete müde, er murmelte vor

sich hin, zuckte oft zusammen: „Das nutzt alles nicht. Das nimmt kein Ende, und

wenn wir zehnmal hundertmal so viel wären als wir sind. Was sind wir? Weniger

als die Freunde früher des Chu, und Chu sitzt bei uns und muß sein Herz

aufreiben. Eine Schar von Bettlern aus den Nan-kubergen. Es wird Mord auf

Mord kommen.“ Der listige Erzähler von Kwan-juan überschrie ihn. Seine

vorhin höhnende harte Stimme klang bewegt, weich und leicht zornig. Wang und

er rangen mit den Blicken. Sie seien keine faulen Bettler. Wer dies erlebt hätte,

was sie, sei kein bloßer Wegelagerer. Ja, sie seien arme ausgestoßene Menschen,

die kaum mehr widerstreben könnten, halbtote, denen man rasch einen Schluck

Wasser einflöße und die man dann mit Fußstößen aufjage, rasch, damit sie nicht

vor der Tür stürben. Ihre vier Brüder seien verloren, bald käme die Reihe an sie.

Wieder funkelten seine Augen.

Wang zog seine Beine an, ging vorsichtig zwischen ihnen durch, umfaßte

vorübergehend Ma-noh und blieb ganz im Hintergrund an der Wand stehen, wo

man ihn kaum sah; nur wenn die dunkle Glut auf dem Herd heller aufschlug,

erkannte man, daß er mit gesenktem Kopf stand, mit den Händen nach rückwärts

die Bildsäule eines Buddha berührte. Ma-noh neben ihm. Wang fühlte sich schwimmen auf einem tobenden Meer. Es schien ihm, als ob er, schwankend zu

sterben oder zu leben, plötzlich die Arme niedergeschlagen hätte auf ein Floß,

sich mit dem Leib drüber wegzog und zu Ertrinkenden sprach, mit den Beinen

sein steinsicheres Floß an Land steuernd.

„Man hat nicht gut an uns getan: das ist das Schicksal. Man wird nicht gut an

uns tun: das ist das Schicksal. Ich habe es auf allen Wegen, auf den Äckern,

Straßen, Bergen, von den alten Leuten gehört, daß nur eins hilft gegen das

Schicksal: nicht widerstreben. Ein Frosch kann keinen Storch verschlingen. Ich

glaube, liebe Brüder, und will mich daran halten: daß der allmächtige Weltenlauf

starr, unbeugsam ist, und nicht von seiner Richtung abweicht. Wenn ihr kämpfen

wollt, so mögt ihr es tun. Ihr werdet nichts ändern, ich werde euch nicht helfen

können. Und ich will euch dann, liebe Brüder, verlassen, denn ich scheide mich

ab von denen, die im Fieber leben, von denen, die nicht zur Besinnung kommen.

Ein Alter hat von ihnen gesagt: man kann sie töten, man kann sie am Leben

lassen, ihr Schicksal wird von außen bestimmt. Ich muß den Tod über mich

ergehen lassen und das Leben über mich ergehen lassen und beides unwichtig

nehmen, nicht zögern, nicht hasten. Und es wäre gut, wenn ihr wie ich tätet.

Denn alles andere ist ja aussichtslos. Ich will wunschlos, ohne Schwergewicht

das Kleine und Große tragen, mich abseits wenden, wo man nicht tötet. Ja, dies

will ich euch von der Kuan-yin und den anderen goldenen Fos sagen, die Ma-

noh verehrt; sie sind kluge und gereifte Götter, ich will sie verehren, weil sie dies

gesagt haben: man soll nichts Lebendiges töten. Ich will ein Ende machen mit

dem Morden und Rächen; ich komme damit nicht von der Stelle. Seid mir nicht

böse, wenn ich euch nicht zustimme. Ich will arm sein, um nichts zu verlieren.

Der Reichtum läuft uns auf der Straße nach; er wird uns nicht einholen. Ich muß,

mit euch, wenn ihr wollt, auf eine andere Spitze laufen, die schöner ist als die ich

sonst gesehen habe, auf den Gipfel der Kaiserherrlichkeit. Nicht handeln; wie

das weiße Wasser schwach und folgsam sein; wie das Licht von jedem dünnen

Blatt abgleiten. Aber was werdet ihr mir darauf sagen, liebe Brüder?“

Sie schwiegen. Chu seufzte: „Du mußt uns führen, Wang. Tu, wie du willst.“

Wang schüttelte den Kopf: „Ich führe euch nicht. Wenn ihr meinen Willen

habt, will ich euch auch führen. Ihr müßt mir zustimmen, gleich und in diesem

Augenblick. Und ihr werdet nicht zögern, und die im Dorfe sind, werden nicht

zögern, denn im Grunde spricht ja keiner von euch anders. Ihr schäumt nur noch

so, wie ich selber früher, liebe Brüder. Geht mit mir. Wir sind Ausgestoßene und

wollen es eingestehen. Wenn wir so schwach sind, sind wir doch stärker als alle

anderen. Glaubt mir, es wird uns keiner erschlagen; wir biegen jeden Stachel um.

Und ich verlaß euch nicht. Wer uns schlagen wird, wird seine Schwäche fühlen.

Ich will euch und mich schützen; ich werde nach Schan-tung wandern und den Schutz der Brüder von der Weißen Lilie erbitten, wie Chu will. Aber ich

beschütze keine Räuber und Mörder. Wir wollen sein, was wir sind: schwache

hilfsbedürftige Brüder eines armen Volkes.“

Ma-noh hielt den großen Wang an den Schultern umschlungen; er flüsterte

heiß: „Und ich will mit dir wandern; ich will ein schwacher armer Bruder sein

unter deinem Schutz.“ Die andern hatten still dagesessen, sich lange angeblickt.

Dann warfen sie sich, erst Chu, darauf die vier vor Wang mit der Stirn an den

Boden.

 

Die Hütte des Ma-noh leer.

Die Krähen und großen Raben hüpften über die Stiegen durch die offene Tür,

saßen auf dem Herd, der noch warm war, zerrten mit ihren Schnäbeln an den

dicken Binsenmatten. Zwei graue Zibetkatzen ließen sich an den Schwänzen

vom Dach herunter, warfen sich mit einem Schwung langgestreckt mitten in die

aufgehäuften Tuch- und Pelzlagen, wühlten unter ihnen herum; unter den

Reflexen des Abendlichts blitzte ihr glanzvolles fleckiges Fell. Ein dicker Rabe

schaukelte auf dem leeren Regal und sah nach unten; als die größere der beiden

Katzen an die Wand gedrückt kurzbeinig sich in die Höhe zog, rauschte er unter

ängstlichem Flügelschlagen und grellem Krächzen auf, an die Decke, zur

offenen Türe hinaus.

Im Dorfe gingen um dieselbe Abendstunde die Wegelagerer einer hinter dem

andern in das Haus des Bauern Leh, das zu den vier Häusern gehörte um die

Eiche am Eingang des Dorfes. Auf dem hinteren Hofe stand eine weite leere

Scheune, die von den Bauern zu Versammlungen benutzt wurde. Die offenen

breiten Tore an den Längsseiten ließen weite Lichtmassen herein.

Was auf dieser Versammlung besprochen wurde, in der Scheune, in welcher

ein schwerer Geruch von verfaultem Stroh, muffigen Menschenkleidern und

Ochsenmist herrschte, ist kurz berichtet. Wang war nicht anwesend; Ma-noh

hatte ihn den langen Weg, wo sie zusammen die goldenen Buddhas und die süß

lächelnde Kuan-yin aus Bergkristall heruntertrugen, nicht allein gelassen; sie

saßen in jener Gerätekammer zusammen und sprachen.

Ma-noh war von einer Kette losgebunden; überglücklich, ungeschickt und

possierlich. Seine alte Gereiztheit klang peinlich in seiner Stimme; er hatte einen

Kampf zu bestehen mit seinen Grimassen, seiner Redemanier, plötzlichen

Affekten, die bodenlos geworden waren, und die er mit sich herumschleppte, wie

ein krankes Tier seinen Winterpelz in das Frühjahr. Er kannte mit dem feinsten

Gefühl seine Aufgabe, Wang zu beobachten; sah mit Angst die Gefahren, die Wang drohten; sah im Hintergrund die Furcht Wangs vor der Anbetung der

Vagabunden. Sie blieben bis in die Nacht in der dunklen kalten Kammer. Ma-

noh konnte mit Freude verfolgen, wie sich in Wang das väterliche und

herrschaftliche Gefühl für die Brüder, die ihm vertrauten, fest und fester setzte.

In der Scheune berichteten die fünf Abgesandten, was sie mit Wang-lun

beraten hätten und was ihnen Wang gesagt hätte. Vermochten fast Wort für Wort

zu wiederholen. Sie standen in der Mitte des zugigen Raums; die Männer

drängten sich um sie. Was die Boten berichteten, wirkte ungeheuer.

Neuer Überfall, Bogenschüsse in ihre Masse hinein hätten nicht so stark

erregen können. Bei einigen, die sich abseits von den übrigen zu bewegen

pflegten, kamen hohnvolle Bemerkungen auf von Bonzenwirtschaft; sie hielten

sich geduckt, als sie sich umringt fanden von leidenschaftlichen Gebärden,

stillem Vorsichhinstarren, hastigem Ausfragen, gedankenvollem Hin- und

Herspazieren.

Die von Ma-nohs Hütte herunterkamen, strömten eine unablenkbare

Sicherheit aus; sie standen eingekeilt; aus dem Haufen klang immer ihr: „Wang

hat recht.“ Diese Boten, vom alten Chu bis zu dem ungeschlachten langen

Burschen, welcher das blutige Fell in Ma-nohs Hütte getragen hatte, wurden

angestarrt, umgangen von ihren Bekannten; man faßte sie an die Hände, man

lechzte sie aus, staunte ihre Ruhe an. Wang, der ein paar Häuser entfernt in der

Kammer hockte, an die jetzt alle dachten, rief man nicht; man hätte ihn ungern

gesehen; er sollte dies alles nicht ansehen, dieses Herumgehen, dieses Zweifeln,

diese Ratlosigkeit; man fürchtete das Auslöschen aller Lampen durch ihn.

Den meisten kam Wangs Plan wie ein Rausch, dessen man sich erwehrt. Es

war eine Generalabsolution, die ihnen erteilt wurde. Sie sollten, geschützt einer

durch den andern, durch die Provinz wandern, betteln, arbeiten, an keinem Ort

sich lange aufhalten, in keinem geschlossenen Hause wohnen, keinen Menschen

töten; sie sollten niemandem wehtun, keinen betrügen, nicht rachsüchtig sein.

Wer will, solle die mildesten Götter anbeten, die Götter des Cakya-muni, die

Ma-noh und Wang vom Berge heruntergetragen hätten. Man würde Großes, so

Großes erreichen durch dies alles, daß es gar nicht ausgesprochen werden könne:

die Augen der fünf Sprecher wurden klein vor Überschwenglichkeit und

Heimlichkeit. Besonders der ungeschlachte Bursche hatte jetzt etwas Hölzernes,

Ungelenkes in seinem Wesen, sprach abgerissen, war stark gebunden in seiner

Haltung, als wäre er plötzlich versunken, fände sich in seiner Haut nicht zurecht.

Die andern fragten, was man denn erreichen werde, nicht neugierig oder

skeptisch, sondern lüstern, aufgewühlt; aber die Boten Wang-luns schnitten

darauf nur ein befangenes Lächeln; es schien sich um Geheimnisse zu handeln,

in die auch sie noch nicht eingeweiht waren oder die so stark waren, so stark. Die Frager schwiegen selbst, im Gemüt beängstigt und zugleich erschauernd.

Sie hatten das Gefühl der Rückkehr und zugleich des Abkettens. Die sich

nicht beherrschen konnten und Opfer ihrer Begierden geworden waren, diese

verbrauchten Weltverächter und kalten Ironiker, wurden am ehesten gepackt von

dem Plane. Sie waren leer, trieben und rollten sich durch ein wechselvolles

erbärmliches Leben, gutmütig, an vielem interessiert. Diese waren einer

Bannung am ehesten zugänglich, denn sie verloren und gewannen nichts, waren

völlig widerstandslos, da sie nichts beschäftigte. So tapfer sie sich in den

furchtbarsten Lagen benahmen, so unerschrockene Beschützer, Angreifer sie

waren, so waren sie am wehrlosesten, wo sich eine ernsterstarrte Miene zeigte

und ein Gefühl strömte. Es wickelte sie ein; sie liefen ihm nach, sie bettelten

hinter ihm her; sie tobten in Wut und glaubten sich um ihr Eigentum betrogen

und verloren, wenn es vor ihnen auswich. Sie waren die verlässigste Avantgarde

jeder, jeder Lehre. Sie gingen in der Scheune herum, witzelten unverändert. Sie

konnten kaum die Worte der Boten lange hören, sie waren so innig gefangen,

gequält von jedem Zuviel; sie schämten sich ihrer Veränderung.

Die Glücklichen, die aus dem Drangsal des Bürgerlebens geflohen waren,

hörten erregt, daß man zurückkehren wolle. Sie sollten verzeihen, sie wurden

gedrängt, sich zu erinnern. Sie waren es, die tief beschäftigt herumgingen, oft

zuhörten, oft sich umsahen und die Stirnen falteten. Sie empfanden ganz leise

einen Puff: man drängte sie. Der wüste Schwall ihrer Erlebnisse und

Verwicklungen stand vor ihren Augen; sie hatten einen Ekel davor wie vor einer

Schlangengrube. Sie sollten verzeihen, niemandem wehtun: das sollte die ganze

Wirrnis lichten. Sie hielten sich an die Boten, sie hingen an ihren Lippen, klagten

innerlich. In ihnen tauchte das Rachegefühl auf, heilend, versöhnte sie mit sich

und den andern; sie würden durch die alten Gassen gehen, Brüder eines

geheimen Bundes, furchterregend, ohne wehezutun. Es zog sie in dem

Augenblick, wo sie daran dachten, an die Orte hin, sie sahen sich wandern; die

Rolle des Anklägers verlockte sie. Sie sollten zurückkehren; das gab ihnen den

Schwung der Erwartung; sie hielten sich an die Boten, hingen an ihren Lippen,

sehnten sich.

In den Ecken standen mürrische Gesichter; junge und ältere, die miteinander

nicht sprachen, an den Knöcheln kauten, Stückchen Stroh vom Boden aufhoben

und zwischen die Lippen zogen. Solche finsteren Gruppen bildeten die verjagten

Gesellen, welche sich elend unter den Vagabunden fühlten, denen sie sich

notgedrungen anschlossen und die bösartig unter ihnen geworden waren. Ihnen

konnte man eine offene Quelle zeigen, und sie wagten nicht durstig sich

hinzustürzen, sooft waren sie schon zerschlagen worden; sie sahen in einer

gewohnheitsmäßigen Verbissenheit ruhig zu, wie die andern tranken, sie, unter den Ausgestoßenen Ausgestoßene. Sie wußten nicht ob sie mitgalten, ob sie

Brüder von Brüdern sein dürften. Erst als sich die lächelnden verschämten

Witzbolde unter sie mischten, wo sie sich am sichersten fühlten, lösten sich ihre

Mienen. Es gab unter allen, die in der Scheune Wangs Botschaft, diese alten

herzlichen Dinge, hörten, keinen, dessen Herz sich mit ihrem an Verlassenheit

und Weiche hätte vergleichen lassen. Wo man an ihre Herzen mit einer

Nagelspitze ritzte, sprang alles Blut hervor. Sie waren unendlich verschüchtert.

Sie schmolzen unter Wangs Worten; es gab unter ihnen einige ältere, die sich

umarmten und mit ihrem Schluchzen die tönende Scheune erfüllten. Mit einer

jungfräulichen Zagheit ließen sie zu, daß die andern sich ihnen näherten, und

hatten noch später eine erinnerungsschwere Scheu vor ihren neuen Brüdern.

Einige von ihnen, außer sich über das, was ihnen zuteil wurde, knieten vor den

Boten nieder, nachdem sie sich durch den Knäuel geschoben hatten, bogen die

Leiber zur Erde, sprachen unverständlich. Die Verzückung befiel sie, wo sie

Brüder, schwache hilfsbedürftige Brüder schlimmer Vagabunden sein durften.

Die Wartenden, die Verführten, die Heimatlosen und Krüppel aßen Worte und

Mienen wie ein süßes Gebäck. Sie fühlten sich wohlgeleitet; sie fühlten, ihnen

geschähe Recht und man führe ihre Sache würdig vor aller Welt. Sie waren es,

die schon lange am innigsten zu Wang standen und am meisten von ihm

erwarteten; er war, wie sie glaubten, ihr Bruder mehr wie der der andern. Sie

träumten mit offenen Augen und frohlockten innerlich.

Kein einziger von den vier, fünf Raubtiermenschen, die mit ihnen auf den

Bergen gehaust hatten, befand sich mehr im Dorfe. Sie waren einzeln, sobald es

wärmer geworden war, nach oben geschlichen, trabten auf den verschneiten

Wegen, gruben ihre Höhlen und Hütten frei und warteten, warteten.

 

Als die fünf Boten spät in der Nacht in Wang-luns Haus traten, und ihm in der

warmen Wohnstube, derselben, in welcher er mit dem Lederbeutel gescherzt

hatte, zu erzählen anfingen von der Versammlung und dem Verlauf, sank Wang

zitternd gegen den Tisch, hörte ohne zu fragen einen nach dem andern an.

Er sagte ihnen dann, was er vorhätte und was sie in den nächsten Wochen tun

sollten. Er würde allein nach Schan-tung wandern; es würde Wochen, vielleicht

einen Monat dauern, bis er sie wiedersehe. Prägte ihnen ein, sich zu zerstreuen,

nur an einem oder dem andern Tage zusammenzukommen, sich nirgends lange

aufzuhalten, aber immer voneinander zu wissen. Es stünde ihnen frei, andere, die

ihresgleichen wären und sich zu ihnen hingezogen fühlten, aufzunehmen in ihre

Gemeinschaft; aber darauf sollten sie keinen Wert legen, neue Brüder zu gewinnen. Sollten keine Früchte von den Bäumen reißen; sollten warten, bis sie

selber fallen. Nur um sich sollten sie sich kümmern, dies könnte er ihnen nicht

tief genug einprägen. Und dann sprachen sie den Rest der Nacht, ehe sie

schlafen gingen, noch Geheimes und Himmlisches.

Es war keine Besprechung mehr. Nach den Erregungen des letzten Tages

saßen sie in dem halbdunklen niedrigen Zimmer um den leeren Holztisch herum,

die Arme aufgestemmt, mit dem Kopf ermüdet nach vorn übergesunken, starrten

vor sich hin, atmeten. Sie schwiegen, und dann redete einer für sich, spann seine

dunklen Gedanken aus, schwieg. Sie hatten manches gehört auf ihren Fahrten; es

hielt sie wach, kundschaften zu gehen auf dem neuen Gebiet.

Einer erzählte von den großen Meistern Tung-gin und Ta-pe, welche auf

Wolkenwagen stiegen, auf dem Regenbogen gingen und dann sich verirrten im

Schoß des Nebels. Sie erreichten den Scheitel des Weltalls, ohne eine Fußspur zu

hinterlassen im Schlamm und Schnee, sie warfen keine Schatten. Sie schritten

über Berge und Felsen, bis sie zum Kun-lungebirge kamen, an die Pforte des

Himmels; sie drangen in seine Umzäunung ein, sahen den Himmel über sich,

einen Baldachin, die Erde unten, eine Sänfte.

Geheimnisvoll fing Wang selber an, leise zu sprechen von den Spitzen der

Welt und den drei Juwelen. Er verstummte bald, wandte den Kopf wie beirrt

suchend zur Seite zu Ma-noh. Ma-noh im Klostersingsang: „Cakya beschützt

alle; der Maitreya kommt nach ihm, den erwarten die Frommen, des kostbaren

Mondes weißen, majestätisch stillen König.“ Er summte entrückt von den

Verwandlungen.

Jeder saß mit sich beschäftigt.

Als es hell am Morgen geworden war, nahm Wang Abschied nur von Ma-noh.

Er lehnte ohne Begründung ab, sich begleiten zu lassen. Vor Ma tat Wang in der

engen leeren Kammer das schweigende Gelübde; ließ sich die Scheitelhaare

sengen, hielt seine Finger über eine Flamme, warf sein letztes Geld auf den

Boden.

 

An demselben Tage, an dem die Bettler das Dorf verließen und sich nordwärts

zerstreuten, trat Wang-lun seine Reise nach Schan-tung zu den Brüdern von der

Weißen Wasserlilie an. Er wanderte ununterbrochen, oft sechzig bis siebenzig Li

den Tag. Ein furchtbarer Schneesturm hielt ihn zwei Tage im Gebirge fest, ehe er

in das Hügelland und die Ebene eintreten konnte.

Auf seiner beschwerlichen Wanderung brach dann der Frühling an. Die Stadt

Yang-chou-fu sah den Bettler und beachtete ihn nicht; sie sah nicht lange später Anhänger dieses Mannes Entsetzliches in ihren Mauern leiden, fiel halb in

Schutt. Er setzte über große Flüsse, über den Kaiserkanal und übernachtete

einmal in Lint-sing, der Stadt, in der er sterben sollte. Während es Frühling

wurde, näherte er sich den reichen, ihm wohlbekannten Gefilden am Westfuß des

Tai-ngan. Man schälte noch auf den Winteräckern die Binsen ab, zog die langen

Markstangen heraus; er dachte an Tsi-nan-fu, das nicht mehr fern war, und an

Su-koh. Als der erste Regen fiel, begannen sie die Aussaat auf den Feldern,

warfen Raps, Bohnen, Weizen. Das Brüllen der starken Pflugtiere, die nahen und

weiten Lieder der Saatwerfer begleiteten Wang. Er zog weiter, südlich und

östlich, umging das brausende Tsi-nan.

Seine Nahrung gewann er durch Betteln, Trägerdienste; auf dem Felde half er.

In den größeren Dörfern und Städten trat er als Geschichtenerzähler auf, trug das

Weckholz, den Würfel in der Hand, das ihm ein großer Lehrer namens Ma-noh

verliehen habe; er hörte die Leute aus, warf seine Saat mit großer Kraft.

Er hatte Tschi-li verlassen, war wieder in Schan-tung, dem Lande, das den

großen weisen Kung-fu-tse geboren hatte, den Wiederhersteller der alten

Ordnung, die stählerne Mittelsäule des Staatsgebäudes; dem Lande, das auch

durch Jahrhunderte die Geheimbünde hervorbrachte, welche Kaiser stürzten und

furchtlos das notwendige Gleichmaß wiederherstellten, dessen dies Gebäude

bedurfte. Das Land hatte einen ungeheuren Toten geboren, bot nun unablässig

Lebendige auf, um zu bewirken, daß sein Fleisch, seine riesenhaften Knochen

die Erde düngten, nicht breit auf dem kostbaren Boden laste. Die Geheimbünde

waren die Spitzhacke, die Schaufel, die Barke der Provinz. Sie überlebten

Regierungen, Dynastien, Kriege und Revolutionen. Sie schmiegten sich elastisch

und windend allen Veränderungen an, blieben völlig in jeder Drehung

unwandelbar und dieselben. Die Bünde waren das Land selbst, das sich mit

blinden Augen lang hinstreckte; die Leute schacherten oben, feierten ihre Feste,

vermehrten sich, besänftigten ihre Ahnen, Heerführer kamen, Soldatenvölker,

kaiserliche Prinzen, Feuersbrünste, Schlachten, Sieg, Niederlage; nach einiger

Zeit, einer unbestimmten Zahl von Monaten zitterte das Land in kleinen

Schwingungen, Vulkanaugen warfen flammende, nicht zärtliche Blicke, Ebenen

senkten sich; ein breitmäuliges Donnern; und das Land, beunruhigt, hatte sich

auf die andere Seite zum Schlafen gelegt; es war alles wieder gut geworden. Es

waren Jahrhunderte her, als die Mingherrschaft, die vom Volk getragene, echt

chinesische, schwächer wurde, sich drehte, langsam verzuckte. In die schwere

Zerrüttung des Reiches, bereitet durch Verbrüderung von Ohnmacht,

Verbrecherwesen, Eunuchentum, griffen die Bünde ein; sie nahmen eisig den

Hohn der Höflinge hin, die einen Knaben auf den Thron setzten. Dann erklärten

sie ihm öffentlich den Krieg, bemächtigten sich des Landes; erschreckend weiß schimmerte in die Provinzen hinein die Wasserlilie Schan-tungs. Die Bünde

hatten die glückliche Zeit der Mingkaiser nicht vergessen in den Jahrhunderten.

Sagen schlangen sich um ihre Namen. Die Mandschus drückten nicht schwer; sie

ließen das Volk gehen, wenn es sich nur beherrschen ließ. So große Kaiser die

Mandschus dem Reiche gaben, die Unvergängliches schufen und unterstützten,

so blieben sie den starren Genossenschaften Fremde, die nicht Recht haben

durften. So milde, liebevoll und selbstvergessend die starken Fremden sich um

das Volk bemühten, sie vermochten kein aufrichtiges Lächeln auf den Lippen der

Frau zu erwecken, die sie auf Tod und Leben in den Armen hielten. Die

Mandschu mußten erkennen, daß ihnen diese Herzen verschlossen waren. Es

kam zu keiner Rachsucht. Sie hielten das Volk unter dem Schwert. Es fing an

Gewalt mit Gewalt zu ringen. China, die Witwe, die sich in einer aussichtslosen

Sehnsucht verzehrte, sammelte Freunde gegen den ernsten Gemahl. Zur Kühle

trat Zorn, zur Enttäuschung trat Zorn.

Wang umging die grünen Weinberge am Westfluß des Tai-ngan. Als er die

ersten Hügel des Gebirges hinter sich hatte, rastete er bei seinen alten Freunden

aus der Tsi-nanzeit einige Tage. Einen verschmitzten jungen Töpfer, den er bei

ihnen vorfand, schickte er nach Tsi-nan herunter mit einem Gruß an den Bonzen

Toh, den Verwalter des Tempels des Musikfürsten Hang-tsiang-tse. Die

Rückkehr des Boten konnte Wang dann nicht mehr erwarten. Der Töpfer fand

den Bonzen nicht im Tempel; er hatte nach Wangs Mord an dem Tou-ssee seine

Kammer verlassen und hielt sich in der Stadt verborgen, erst in den grünen

Häusern, wo ihn eine Wang befreundete Dirne aufnahm, dann in einem Dörfchen

jenseits des Flusses, wo er seine Fähigkeit des Ziselierens an Zinngefäßen

auszuüben begann. Hier traf ihn der gewandte Töpfersmann. Der Schreck und

die Freude bei der Nachricht ließ Toh den Stahlgriffel aus der Hand fallen. Er

forschte bei versperrter Tür den jungen Menschen aus, der von Wangs ernstem,

ja ehrfurchtgebietenden Auftreten berichtete und dessen Mission in Schan-tung

ahnte. Beide, Toh und der Töpfer, gingen frühmorgens aus dem Dörfchen heraus.

Als sie im Gebirge eintrafen, waren vier Tage seit der Abreise des Töpfers

verstrichen und Wang einen Tag weitermarschiert, ohne zu sagen wohin. Erst

viel später, in den Zeiten der letzten Not, sah Wang noch einmal seinen Lehrer

und lernte noch einmal seine Anhänglichkeit kennen.

Die Birken und das lichte Haselgehölz in der schönen Berglandschaft, die der

Mann aus den Nan-kubergen durchwanderte, schlugen aus. Kraniche segelten

durch die Luft. Das Stoßen und Verhalten des Windes nahm ab; die Felsen

wurden höher und kahler. Das Kohlengebiet von Po-schan kam näher. Ab und zu

begegneten ihm lange endlose Züge von Maultieren, die kandierte Datteln, die

süßen roten Früchte, in die Ebene hinunter schleppten.

Dann verbreiterten sich die Wege; auch die Berge traten auseinander. Dunkle

weite Felder dehnten sich mit unregelmäßigen Löchern, Püngen, in denen die

abgebaute Kohle zu Tag lag. Die Luft wurde, selbst bei Sonnenlicht, dichter und

dunkler. An vielen Orten stiegen Rauchsäulen in die Luft, wie Balken, die das

Gebiet abgrenzten und eingitterten. Die Straße war hart; runde Granitblöcke

lagen herum. Der Boden ging wellig. Auf der nackten steinernen Ebene stand die

große Stadt Po-schan.

Wang hatte von Chu die Adresse eines reichen Grubenbesitzers erhalten. Er

traf den Mann in seinem ungeheuren festen Hause nicht an; er bereiste zu

Handelszwecken, hieß es, die Nachbarschaft. Wang mußte seine Rückkehr

abwarten. Er ging hinaus und vermietete sich als Arbeiter bei einer Grube. Sie

standen zu fünf und zehn an den tiefen Schachten, mit geschwärzten

Oberkörpern, zogen an mächtigen Winden. Im Takt, Hand hinter Hand an dem

schlüpfrigen Lederriemen, zogen sie; ihr Gesang fiel gleichmäßig von Höhe zu

Tiefe und stieg an, wie der Eimer mit Wasser und Kohle. Sie wohnten in der

Ebene dicht zusammen in Lehmhütten.

Abend um Abend ging Wang herüber in die Stadt. Zwischen den

Kohlenhaufen mußte er sich durchwinden, die wie spitze Hüte aussahen. Dann

kamen leere abgezäunte Flächen, über denen ein erstickender Säuregeruch stand;

hier kristallisierte in großen Gefäßen das Schwefeleisen an der Sonne, das sie

aus einer Lauge von Schwefelkies gewannen. Am sechsten Tage traf der Besitzer

ein, er hatte schon von dem fremden Arbeiter gehört, der Tag für Tag nach ihm

fragte.

Chen-yao-fen war groß und breitschultrig, mit starkknochiger Stirn; hatte ein

energisches Wesen, sprach in den kurzen dringlichen Sätzen der

vielbeschäftigten; seine Fragen griffen unmittelbar an. Wang hatte solchem

Manne noch nicht gegenüber gestanden. Er schwankte im Beginn des

Gespräches; seine Sicherheit verließ ihn einen Augenblick; einige dunkle

Erinnerungen aus seiner Betrügerzeit in Tsi-nan überhuschten ihn; er kam sich

ertappt vor. Erst als er den Namen Chus ausgesprochen hatte, der Kaufmann

verblüfft an ihn herantrat, und er, Wang mit Chen zu verhandeln anfing, schwieg

alles unter kalter aufmerksamer Ruhe. Chen stand geraume Zeit, die linke

ringgeschmückte Hand am Mund, still da, von dem Schicksal Chus erschüttert.

Dann versperrte er die Türe, hieß den Gast, dessen Wünsche er nicht begriff,

sich an einem kleinen Tisch vor dem Hausaltar setzen, bot ihm seine eigene

Teetasse an. Wang, dessen Gesicht und Ohren Reste von Kohlenstaub bedeckten,

trug sein Anliegen vor, knapp und einfach; welche Not sie in den Nan-kubergen

gelitten hätten diesen Winter, wie sie in das kleine Dorf eingedrungen wären,

wie die Bettler sich verbrüdert hätten und ihm folgten, was der Unterpräfekt von Cha-tuo gegen sie unternommen hätte. Sie würden untergehen, bäten um den

Schutz der Vaterlandsfreunde, denn sie seien schuldlos, wie Chu.

Der Kaufmann, der die aufgerissenen Augen nicht von dem Mann ließ,

welcher mit hängenden Armen und geschwollenen Fäusten dasaß und seine

Sache hersagte, wie wenn es sich um eine Schale Reis handle, fragte nur,

welcher Art der Schutz sei, den man ihnen gewähren sollte. Er erhielt zur

Antwort: Druck auf die Behörden; im Notfall unmittelbare Aufnahme der

Verfolgten und Eintreten für sie. Dann bat er schon mit leisen Worten Wang zu

gehen, um keinen Verdacht zu erregen; morgen würden sie bei den Laugetöpfen,

an denen er ein neues Verfahren ausprobe, das er auf seiner Reise kennen gelernt

habe, sich in Ruhe weiter sprechen können. Wang verneigte sich und schwang

die Hände, nachdem er auf das stündlich Dringende seiner Sendung hingewiesen

hatte.

Der Kaufmann keuchte, als er allein war. Er verstand dies alles nicht, verstand

nicht, warum Chu, der Schweigsamste von allen, der Hab und Gut liegen

gelassen hatte, ohne ein Wort zu verlieren, sich diesen Vagabunden offenbart

hätte, sie alle verraten hätte. Er warf sich in der Nacht. Als er sich morgens

ankleidete, steckte er ein kurzes breites Messer in seinen Tabaksbeutel am

Gürtel; wenn es sein müßte, wollte er den Sendboten bei den Laugetöpfen

beseitigen. Chen war nichts weniger als totschlaglaunig; diese Sache erforderte

ein augenblickliches Eingreifen. Um keinen weiter zu belasten, suchte er seine

Freunde und Gildengenossen nicht auf. Er zündete Räucherkerzen an vor der

Ahnentafel in seinem Wohnzimmer, gelobte hundert Täls zum Bau einer Pagode

beizutragen, wenn diese Angelegenheit gut abliefe, rief seine Träger.

Seine Sänfte trug ihn bis an die Abzäunung der Felder. Dann schleppten die

Träger zu zweien große eigentümlich geformte Tonkrüge mit einer bleischweren

Masse gefüllt hinter ihm her, setzten sie auf seinen Ruf neben eine der flachen

Laugeschalen ab, die groß wie ein Zimmer war. Eine schwarzbraune Flüssigkeit

bedeckte ihren Boden, atmete einen zusammenziehenden ätzenden Dunst aus.

Die Träger schickte Chen weg mit einer Handbewegung.

Wang kam, hockte auf Chens Wink neben ihn vor der Schale nieder. Beide

wanden sich dünne Seidenschals, die neben Chen lagen, vor Mund und Nase.

Wieviel sie auf den Nan-kubergen seien?

Hundert, als er wegging, jetzt vielleicht vierhundert, vielleicht tausend.

Warum so ungewiß, vielleicht vierhundert, vielleicht tausend? Wodurch

könnten sie sich so rasch vermehren?

Sie seien einer Ansicht. Sie litten alle viel. Sie beschützten sich gegenseitig.

Noch einmal, wer er sei, woher er stamme, welche Rolle er bei ihnen spiele?

Er heiße Wang-lun, sei der Sohn eines Fischers, aus Hun-kang-tsun im Distrikt Hai-ling, Schan-tung, gebürtig. Er führe sie; er hätte ihnen geraten,

nichts zu tun gegen Bedrückungen, sondern als Ausgestoßene zu leben ohne

Widerstand gegen den Weltlauf.

Was er damit bezwecke, der Führung, dem Raterteilen, was er mit alledem

bezwecke? Warum sie sich denn nicht einfach in die acht Himmelsrichtungen

zerstreuten, so lebten, ganz so lebten, wie er meine und wie es ja wohl

entsprechend sei; statt sich zusammenzutun, die Aufmerksamkeit der

Ortsbehörden auf sich zu lenken, Schutz fremder Genossenschaften zu verlangen

und all das.

Wer sich zerstreue, verkäme, meinte Wang. Auch er hielte es für gut, daß die

Brüder zusammenhielten; sie wären sonst in Kürze wieder Mörder, Seeräuber,

Frauenschänder, Einbrecher. Es sei nicht genug, Wegelagerer zu sein, sondern

man müsse wissen, auf welchem Wege man zu lagern habe.

Jetzt erst befiel den entschlossen dasitzenden Kaufmann ein Erstaunen. Er

betrachtete den Mann neben sich, der ruhig Antwort erteilte und immer in die

schwarzbraune saure Galerte blickte.

„Du hast deine Lauge vier Tage lang stehen, Chen. Es genügt nicht, daß du

den Kies, den wir aus der Grube holen, wäschst. Du hältst die Lauge tagelang

unter dem Sonnenlicht. Ein Kristallschwefel nach dem andern schießt auf, je

mehr das Wasser abdunstet. Gieß deine Lauge in einen Bach: es wächst kein

Kristall, Chen.“

An den nächsten Tagen stundenlange Unterhaltungen der beiden. In der

letzten spielte Wang seinen Trumpf aus; daß er wohl den Schutz der Weißen

Wasserlilie für seine Brüderschaft erbitte, aber nicht mit leeren Händen komme.

Denn er bringe dem Bund ein ständig wachsendes Heer, auf das Verlaß sei.

Wenn man die Saiten des Juch-kin zu stark spanne, hören sie auf zu klagen und

zu tönen, springen wie ein Schwärmer um Neujahr dem Spieler an die Wange,

pfeifen eine blutige Strieme hin.

Schwer entschloß sich Chen am Spätabend des vierten Tages Freunde zu sich

einzuladen zu einer Mahlzeit auf den folgenden Tag. Und nachdem sie, sechzehn

an der Zahl, drei Stunden diniert hatten, viele seltene Gemüse, Krebsschwänze,

Pasteten, Hahnenköpfe, Hammelklößchen, gedünstete Nudeln, nachdem das

zarte Gebäck, die Weine, Liköre und der Essig von den kleinen Tischen geräumt

waren, mußte Chen seinen rauchenden Freunden von dem seltsamen Bettler aus

den Nan-kubergen in Tschi-li erzählen.

Er erzählte erst scherzweise, anekdotenhaft von ihm, dann als die Gäste auf

andere Dinge übergehen wollten, hielt er fest, und plötzlich war der Ton ihres

Gespräches, nach ganz unmerklichen Wendungen, geändert, und das Gurgeln der

Wasserpfeifen ließ nach. Es trat alles ein, was Chen gefürchtet hatte. Es gab Lachen, Entrüstung, Befremdung über seine Rolle; bei manchen, den klügeren,

Angst und Versteinerung.

Sie saßen um die kleinen, dicht aneinander geschobenen Tische in dem

prunkhaft erfüllten Wohnzimmer. Bunte Teppiche und Bambusmatten wärmten

den Fußboden. Dunkel gebeizte Holzsäulen, zwei Reihen, stützten eine fein

gefelderte Decke, von der eisengetriebene Lampen und Laternen herunterhingen

an den Füßen von Greifen, aus den Mäulern von Drachen. Fleckige Orchideen

lagen an jedem Platz. Ein ausgezogener prachtvoller Wandschirm verkleidete

den Achtgenientisch an der Hinterwand des Hauses vor dem Hausaltar. Ein

ungeheurer meterhoher Prunkspiegel war nach der Wand zu gedreht und zeigte

auf seinem glanzigen schwarzen Holz Reiher, die über Wellen hinziehen, auf

Felsen am Ufer sitzen, ganz klein am Firmament gegen Sonnenstrahlen

auffliegen.

Chen-yao-fen saß in einfachem schwarzen Seidengewand unter seinen bunt

geschmückten Gästen. Sie naschten Süßigkeiten, schluckten aus winzigen

Teetassen, brachen Nüsse. Sie genossen die Weichheit und Leichtigkeit der

Stunde, warteten auf die Schauspielerinnen, die Chen aus der Stadt zu mieten

pflegte, und waren gar nicht geneigt, an Bettler aus den fernen Nan-kubergen zu

denken. Als dann der Name Chus fiel, und daß Chu in den Nan-kubergen

anscheinend von ihnen gesprochen hatte, wurde die Erregung, das Aufspringen,

das Drängen um Chen allgemein. Das Klappern der feinen Bonbonschälchen

hörte auf. Sie scharten sich an dem Wandschirm vor Chens Hausaltar zusammen.

Pelien-kao, die Weiße Wasserlilie, tagte.

Die Flüche auf Chu wurden laut. Man wollte Näheres, Näheres, Näheres

wissen. Was denn, wie denn, warum denn? Die Erklärungen Chens wiederholten

sich; man sollte die Anhänger der Wasserlilie in Tschi-li orientieren, auf die

Entwicklung der Dinge aufmerksam machen, sie veranlassen, ihren Einfluß

geltend zu machen, daß nichts gegen den neuen Bettlerbund geschehe, die

Bettler im schlimmsten Fall selbst aufnehmen und verbergen.

Durch den heftigen Widerspruch der andern wurde Chen, der nicht ganz sicher

sprach, gereizt, sprach mit großer Kraft und nicht ohne Spitzen. Man trennte sich

auf das Verlangen vieler, die sehr bestürzt waren, kam überein, sich abends noch

einmal zu treffen.

Es war Furcht, was die meisten dieser sechzehn Männer beherrschte. Ihre

Sache sollte plötzlich ein Gesicht bekommen. Plötzlich: das war das

Wesentliche; ohne Not, ohne Grund. Die Regierung Khien-lungs dauerte lange.

Der Kaiser hatte eine harte, nicht ungerechte Hand. Es war gefährlich,

aussichtslos gegen ihn Aufruhr zu erheben. Es war nicht die Zeit.

Abends flackerten die bunten eisengetriebenen Laternen und Lampen von der getäfelten Decke. Die Vorwürfe, die einzelne gegen Chen vorbrachten, waren

heftiger als mittags. Daß er sich eingelassen hätte mit diesem Sendling, statt

einem raschen Mann fünf Schnüre Käsch zu geben, dazu ein kleines scharfes

Messer. Einer jammerte, weinte, gab sich und seine Familie verloren.

In der Finsternis schlug mit einem verabredeten Zeichen Wang an die

Hintertür des Hauses. Neben dem Altar kam der große lumpenbekleidete

Mensch hinter dem Wandschirm hervor, stand unter den erregten Kaufleuten. Er

sagte fast wörtlich, was er Chen erzählt hatte. Als sie in ihn drangen, berichtete

er, wie sie vom Berg laufen mußten, die armen und kranken Männer, die mit ihm

auf dem kahlen Nan-kugebirge wohnten. Er sprach, als ob es ihn nicht beträfe.

Einigen von den stolzen Kaufleuten kam der Gedanke: man füttert diesen

verhungerten Burschen aus und schickt ihn mit ein paar Täls nach Hause. Sie

beruhigten sich bei seinem Anblick, den sie genossen. Er sah wahrhaft nicht

ängstlich aus, sie lächelten leise und nickten sich mit den Köpfen zu. Es mag

sein, daß es ihm und den andern schlecht ging; die armen Teufel sollten nicht

verkommen, keineswegs. Aber wozu dieser Lärm? Wegen ein paar Hungerleider

bemüht man nicht Kaiser und Zensoren; wenn der Hwang-ho übertritt, kommen

in einer Stunde zwanzigtausend Menschen um, und das Reich zittert nicht, und

der Himmelssohn fährt sich nur einmal fragend über die Stirn. Es war ein Irrtum

Chus, die Weiße Wasserlilie für eine Wohltätigkeitsanstalt zu halten. Wer wußte,

was Hunger und entartete Gesellschaft aus ihm gemacht haben.

Die Erregung flaute ab, das Kopfschütteln wurde allgemein. Sie unterhielten

sich miteinander, während Wang diesem und jenem Auskunft gab. Es war

lächerlich dieses Argument, daß sich ihnen Scharen kräftiger Menschen

anschlössen, wo sie doch nicht wußten, was mit ihnen tun. Man ließ sich nicht

von hundert, von tausend Menschen hinreißen zu Dingen, die man nicht billigte.

Wang schwitzte, wischte sich nach Bauernart mit dem Handrücken Nase und

Stirn, verbreitete unter die exquisiten Parfüme den beleidigenden Geruch der

Landstraße. Er begriff die Lage völlig. In Chen, der gewohnt war zu befehlen,

stieg der Zorn über seine Brüder auf, die sich in einer ihm unfaßlichen Weise

abwandten, als bestünde keine Gefahr für sie, untereinander schon plauderten

und herumgingen, als überließen sie den Mann und seine Sache ihm. Wangs und

Chens Blicke begegneten sich.

Plötzlich lächelte der große zerlumpte Mensch, als er über die feinen

Konfitüren auf den fünf runden Tischchen inmitten des Saals blickte. Pfiffig

verbreiterte sich sein Mund, die gelben Zähne traten hervor; er drehte grinsend

den Kopf nach beiden Seiten, indem er langsam unter höflichen Verneigungen

die plaudernden Herren zerteilte und mit der Hand über eine gefüllte

Porzellanschale fuhr, wie man das nackte Köpfchen eines Säuglings streichelt. Er hockte auf einem geflochtenen Schemel neben den Tisch nieder, aß mit

feuchtem Schmatzen die Schale leer. Die Herren hinter ihm gurrten, kicherten,

lispelten, stellten sich in kleinen Gruppen um ihn herum, boten ihm von einem

Nachbartisch eine neue Schale, die er dankend abnahm. Er erzählte, wie schön

und ausgewählt der Geschmack dieser Bonbons sei, nahm auf den Rat der

Herren besondere Stücke aus der Schale und aß. Chen stand am Wandschirm

still; die Blicke der lächelnden Herren kreuzten sich; man blinzelte sich an; es

wurde vergnüglich.

Dann ließ Wang seine Beine herunter, ging um sein Tischchen herum und

nötigte einen feinen Herrn, der ihm am freundlichsten Stücke angeboten hatte,

— es war der jüngste, eben der, welcher sich über die neuste Wendung der Sache

herzlich freute —, sich auf seinen strohgeflochtenen Schemel zu setzen. Der

Herr ging amüsiert mit um das Tischchen, drehte aber vor dem Schemel, stehen

bleibend und sich verfinsternd, den Kopf zur Seite und wandte Wang den

Rücken. Der sprang vor ihn unter vielen Verbeugungen, wies mit unverändertem

Lächeln auf den besetzten Tisch, pries die auserwählten Süßigkeiten. Als der

Herr kalt ein paar Schritte an ihm vorbeiging, folgte Wang mit entzücktem

Kopfnicken, bot ihm den Arm zur Stütze und die Schultern, um ihn zu dem Platz

zu führen an dem Tisch mit den ganz unübertrefflichen Bonbons. Der streifte

wortlos mit einer raschen Handbewegung Wangs Ellenbogen. Da umfaßte ihn

seufzend der knochige Bettler aus den Nan-kubergen von hinten, trug ihn

unbekümmert um sein kinderhaftes Schreien und Strampeln an den Schemel,

setzte ihn mit einem Krachen darauf, drückte ihm die aufstrebenden Schultern

herunter. Mit dem linken Arm umschlang er dem Herrn von hinten den Hals. Er

wandte das wutkalte Gesicht nach allen Seiten, in Fischerplatt drohend, hielt in

der rechten Hand das schmale fein ziselierte Messer, das der Herr zum Schmuck

an seinem Gürtel getragen hatte, im Kreis um sich schlagend. Immer wieder lud

er den jungen Herrn ein, zu fressen; bis der, gedrängt durch die halblauten

Zurufe der andern, einen Bonbon nahm und schluckte. Wang zog seinen Arm

von dem Hals des Mannes, rekelte sich offen und gähnte. Er spuckte einem

fettleibigen älteren Herrn, der in der Mitte des Saales ganz allein erstarrt stand,

den halbzerkauten Rest einer Dattel auf die bemalten Schuhe. Er begrüßte unter

Totenstille den Hausherrn, den hohen ernsten Chen-yao-fen im schwarzen

Seidenkleid, verneigte sich grinsend, versprach morgen wieder die Ehre des

Empfanges zu erbitten, schlich um den Wandschirm und war zur Tür hinaus. Das

Messer des angefallenen Herrn klirrte, geworfen gegen den Ebenholzrahmen des

Wandschirmes.

Chen war der einzige, der während des Spiels alles erfaßt hatte; aber auch die

andern, sofern sie nicht vor Bestürzung ohne Gedanken dastanden, wußten etwas Neues, was nicht sich deckte mit ihren Gesprächen. Es krachte im Zimmer, ein

dumpfes Aufwuchten; der junge Herr war von dem Schemel, auf dem er noch

hockte, ohnmächtig hintenüber gefallen; der umgestürzte Schemel lag halb unter

seinen Beinen. Man lief zusammen, bemühte sich um den Bewußtlosen, der

plötzlich erbrach, bald die Arme bewegte, sich hoch richtete und die trüben

Augen zwinkerte. Es kam zu keinem lauten Gespräch. Die reichen Herren

stellten, als wären keine Diener im Haus, peinlich die Ordnung im Zimmer

wieder her, beseitigten mit seidenem Schal das Erbrochene. Man ging hin und

her.

Chen-yao-fen, mit energischer klarer Stimme, sagte, es würde ihn beglücken,

wenn die kostbaren Herren morgen oder in den nächsten Tagen wieder den Fuß

über seine verwahrloste Schwelle setzen würden; heute bäte er sie nur noch, bei

ihm zu speisen. Einer nach dem andern dankte; man konnte sich schwer trennen,

schurrte zerstreut zu den Sänften.

Wang berührte mit keinem Wort den Vorgang in Chens Wohnung, als er den

Kaufmann am folgenden Tag auf den Schwefelfeldern traf. Er setzte ihm

auseinander, daß kein Mißverständnis darüber herrschen möge: die Brüder aus

den Nan-kubergen bäten um keinen Schutz, sondern um Anerkennung und

Brüderschaft. Sie seien an sich stark, aber sie könnten gefährlich werden: und

dies sollte verhindert werden. Während sie Zusätze zur Lauge in die Pfannen

gossen, drang Chen tiefer in die Vorstellungen Wangs ein; seine Ansichten über

die Armut, sein Glauben an die goldenen Buddhas wurde ihm deutlicher; er

dachte, während er sich vor den blauen Dämpfen das Gesicht mit dem Schal

einhüllte, über das Tao, jenen starren unbiegsamen Weltlauf nach, der Anfang

und Ende von Wangs nicht ganz klaren Gedanken war. Es waren Schwärmer, die

unter der Not, den Behörden, den stolzen Kung-fu-tseanhängern bald

Entsetzliches leiden würden. Das heimische alte Tao klang ihm so freudig aus

Wangs Gesprächen entgegen.

Als sie nach stundenlangem schweigenden Dahocken und Rühren aufstanden

und Chen die Hände schwang, wußte Wang, daß er die Weiße Wasserlilie

gewonnen hatte.