Die Moulokin-Mission
Ethan überdachte ihre Chancen. Die Feinde wür-den…
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
Ethan überdachte ihre Chancen. Die Feinde wür-den immer noch mit ihren Wunden beschäftigt sein. Einen organisierten Angriff auf ihre Festung erwar-teten sie vermutlich so kurz nach ihrer eigenen Attacke nicht. Schließlich hatten sie ja, soweit sie das wußten, nur einen Gefangenen genommen, und das lohnte doch kaum einen selbstmörderischen Angriff, oder? Vermutlich waren sie müde, weil sie mit Höchstgeschwindigkeit zu ihrem Stützpunkt zurückchivaniert und anschließend über die Treppe nach oben geklettert waren. Geklettert mußten sie sein, das wußte Ethan. Es war unmöglich, einen Eispfad in so steilem Winkel nach oben zu führen. Und die Kletterpartie war für sie langsam und an-strengend gewesen. Und aus eben demselben Grunde würde dieser Weg auch mögliche Angreifer entmutigen. Und Menschen, die wesentlich beweg-licher waren, würden sie nicht ins Kalkül ziehen.
»Wir werden, soweit möglich, mit den Messern arbeiten, Junge, mit Strahlern nur, wenn es sein muß.« Und sobald sie die Wachen beseitigt hatten, die den Weg zum Eis hinunter bewachten, würden sie Hunnar und seinen Leuten ein Zeiche n geben und dann die Treppe verteidigen, falls man ver-suchte, sie zurückzuschlagen.
So zumindest war ihr Plan.
Nach fünf weiteren Minuten des Kriechens er-reichten sie die windgeschützte Seite der Festung. Dort sahen sie, daß das vermutlich der höchste Punkt der Treppe war.
Auf dieser Seite war der Felsturm einige Meter niedriger. Ethan entfernte sich etwas von der Mauer und konnte Stufen erkennen, die man mühsam in das nackte Felsgestein geschlagen hatte und die nach unten in die Finsternis verliefen. Er kroch an den Klippenrand und spähte hinunter. Keine Spur von Hunnar und den anderen. So sollte es auch sein. Er war zuversichtlich, daß sie lautlos, in den Schatten und Höhlungen verborgen, auf das Signal der Menschen warteten.
Die oberste Treppenstufe wurde von zwei be-waffneten Tran bewacht. Ihre Aufmerksamkeit war nach unten gerichtet und ihre Lanzen wiesen dro-hend auf die Treppe. Von dort, wo er stand, am Felsrand, konnte Ethan die Zinne unmittelbar über dem Eingang deutlich sehen.
»Keine Wachen oben«, flüsterte er dem warten-den September zu.
»Warum sollten auch welche dort sein, Jung-chen?« Der Riese wirkte wie ein braun bekleideter Brocken, einfach ein weiteres Stück Felsgestein der Außenmauer. »Wachen an der Treppe, vielleicht noch an der Zugbrücke, genügen doch.«
Ethan dachte erneut über die Unfähigkeit der Tran nach, an glatten Flächen emporzuklettern. An der Treppe, die spiralenförmig nach unten verlief, gab es kein Versteck. Ein einziger Tran würde einen Angreifer entdecken, Alarm schlagen, frühstücken und dann zurückkehren, ehe der Kampf begann. Ein paar Soldaten mit Pfeil und Bogen oder Spee-ren konnten hier eine ganze Armee aufhalten.
Wieder flüsterte September: »Ich nehme den Fet-ten, Junge. Nimm du den anderen.« Er griff nach der kleinen Axt, die er am Gürtel trug. Ethan würde einen Dolch benutzen. Er hoffte, daß sie keine Strahler würden einsetzen müssen. Nicht, daß sie mehr Lärm als Axt oder Messer machen würden, aber die grellen Lichtstrahlen würden vielleicht jemandem im Inneren der Festung auffallen.
Er kroch wieder neben den Riesen. Gemeinsam schoben sie sich bäuchlings auf die Wachen zu, hielten sich in den Schattenregionen dicht an der Mauer. Der Wind half, die Geräusche zu übertönen, die sie verursachten; die Tran verfügten nämlich über ausgezeichnetes Gehör.
Dreieckige, pelzbewachsene Ohren bewegten sich in ihre Richtung, und einer der Wächter drehte sich herum, kniff die Augen zusammen. Die zwei Men-schen verschmolzen förmlich mit der Landschaft.
»Bist du das, Smigere?« Die doppelten Lider des Wachmannes öffneten sich gegen den Wind. »Du bist doch erst in drei Vate dran.« Ethan hielt den Atem an. Der neugierige Wächter trat einige Schrit-te auf sie zu. »Smigere, ist dir nicht gut?«
Obwohl der Posten Ethan geradewegs anstarrte, konnte er sich offenbar immer noch nicht vorstel-len, daß ein Feind hinter ihm sein konnte. Der an-dere Wachmann musterte seinen Gefährten neugie-rig.
Jetzt war keine Zeit mehr für antike Waffen. Auf so kurze Distanz war es unmöglich, mit einem Strahler sein Ziel zu verfehlen. Die beiden Tran wurden von dünnen, azurblauen Lichtfäden durch-bohrt. Smigeres Freund ging mit einem Ausdruck der Überraschung und des Schmerzes zu Boden, als könnte er immer noch nicht ganz glauben, was ihm geschah. Er blickte auf das Loch in seiner Brust hinunter, ließ die Lanze fallen und starrte verwirrt in die Schatten. Seine Augen schlossen sich, und er fiel um. Sein durchstrahlter Kollege war nach hin-ten getaumelt und fiel über den Klippenrand.
Nach einem weiteren Blick auf die vom Mond-licht beschienenen Zinnen über ihm erhob sich September und trat neben die liegengebliebene Leiche des Wächters. Er untersuchte sie kurz und hob sie dann an einem Arm und einem Bein in die Höhe. Ein leichter Stoß übergab sie der Nacht und dem Eis. Wind und Distanz wirkten zusammen, daß sie den Aufprall der Leiche weit unter ihnen nicht hörten. Ethan hatte dagegen nichts einzuwen-den, obwohl er sich geistesabwesend fragte, ob die fallenden Leichen möglicherweise einen ihrer Freunde getroffen hatten. Aber jetzt war nicht die Zeit, sich darüber Sorgen zu machen.
Sie schlichen zur Tür. Der Zugang zur Festung wurde von einer einzigen, sich nach außen öffne n-den Tür aus dickem Holz versperrt. Sie war gerade hoch und breit genug, um einem einzigen Tran den Durchgang zu ermöglichen. Wenn es also einem Angreifer wirklich gelungen sein sollte, über die Treppe hinaufzuklettern, dann konnte man ihn spie-lend leicht wegputzen, wenn er versuchte, sich Zugang zu der Burg zu verschaffen.
Sie hatten erst die Hälfte ihrer Aufgabe hinter sich gebracht. Man mußte annehmen, daß drinnen ein Torwächter stand, wenn nicht gar zwei. Aber of-fenbar waren die beiden blauen Lichter am nächtli-chen Himmel niemandem aufgefallen. Der Tod der beiden Wächter war offenbar unbemerkt geblieben.
September hatte den Strahler wieder ins Halfter zurückgesteckt und erneut die kleine Axt gezogen. »Drinnen dürfen wir unter keinen Umständen Strahler einsetzen«, murmelte er. »Bis jetzt haben wir Glück gehabt, aber im Innern der Mauern wür-de bestimmt jemand das Licht sehen.« Ethan hatte bereits sein Messer gezogen.
»Was jetzt? Gehen wir einfach hinein und sehen nach, ob Wachen da sind?«
»Vielleicht tun wir genau das, Junge. Die haben ja keinen Grund, die Türe zu versperren. Dafür ist noch genügend Zeit, wenn die Wachen an der Fels-treppe Alarm schlagen.«
Ethan schob sich dicht an die Mauer neben der Türe heran und lehnte sich mit dem Rücken dage-gen. September legte die behandschuhte Hand auf die waagrechte Stange, die das Tor versperrte, und schob sie langsam aus der für sie vorgesehenen Vertiefung. Das Geräusch, das dabei entstand, wirkte auf Ethan ungewöhnlich laut. Als die Stange entfernt war, griff September nach der Klinke und zog. Als sich nichts bewegte, zog er noch einmal, aber diesmal kräftiger. Scharniere ächzten, aber die Türe rührte sich nicht von der Stelle.
»Doch von innen versperrt, verdammt!« Er keuchte von der Anstrengung. »Versuchen wir es noch einmal.« Er reichte Ethan seine Axt, stemmte beide Beine gegen die Mauer, klammerte sich mit beiden Händen am Griff fest und schob und zog gleichzeitig.
Wieder ächzten die Metallscharniere. Die Türe bewegte sich ein paar Zentimeter nach draußen. Auf der anderen Seite machte etwas ping. Die Tür öffnete sich einen halben Meter, dann einen ganzen – und Metall blitzte im Mondlicht.
»Vorsicht!«
September ließ den Griff los und fiel auf das Pflaster, während Ethan zur Seite trat und den Strahler herausriß. Für das Messer war jetzt keine Zeit, er wußte ja schließlich nicht, wie viele Schwerter hinter dem Tor auf ihn lauerten. Der Hüne war bereits auf die Knie niedergegangen und bereit, es mit allem und jedem aufzunehmen, der jetzt durch die Türe kam.
»Es tut mir leid… man sieht in diesem Licht so schlecht.« Elfa Kurdagh-Vlata hob das Schwert, das sie trug, und starrte die zwei verblüfften Men-schen an.
»Ihr!« stieß Ethan hervor.
Sie drehte sich um, blickte nach hinten und mus-terte dann die beiden Menschen besorgt. »Ich sehe drinnen niemanden. Wo sind die beiden Wachen?« Als keiner der beiden Menschen Antwort gab, nick-te sie, eine erstaunlich menschliche Geste. »Gut. Ich hab’ mich jetzt schon zehn Vate lang drinnen versteckt und versucht, mich zu entscheiden, was ich tun sollte. Ich wußte, daß sie hier draußen wa-ren, und konnte mir einfach nicht vorstellen, wie ich gleichzeitig zweien den Hals abschneiden soll-te, ohne daß einer Alarm schlug. Die Wache wird jetzt bald gewechselt, aber für den Augenblick ha-ben wir Zeit.« Plötzlich schien ihr etwas einzufal-len.
»Verzeiht meine Unhöflichkeit, Sir Ethan. Mein Dank euch beiden dafür, daß ihr mich gerettet habt.«
»Ich würde mir niemals für etwas danken lassen, was Ihr anscheinend selbst geschafft habt«, erwi-derte September. »Auf mein Wort, Ihr seid ein tüchtiges Mädchen.«
»Ich gebe mir Mühe, Sir Skua.« Aber während sie das sagte, starrte sie Ethan an, und ihre gelben Au-gen funkelten im schwachen Licht.
Er wandte sich hastig ab. »Wir sollten uns in Be-wegung setzen. Es hat keinen Sinn, das Glück her-auszufordern, indem wir zu lange hier bleiben.«
»Einen Augenblick!« Während Ethan und Sep-tember fragende Blicke wechselten, verschwand sie wieder im Hof. Zu Ethans großer Erleichterung kehrte sie im nächsten Augenblick zurück. Sie hatte sich etwas Unförmiges, nicht genau zu Erkenne n-des über die rechte Schulter geworfen. Zwei lange Gebilde hingen davon herunter. Arme.
»Was… wer ist das?« fragte er.
»Ich hatte Gelegenheit, einen Gefangenen zu ma-chen.« Falls das Gewicht auf ihrer Schulter sie beeinträchtigte, ließ sie sich das jedenfalls nicht anmerken. »Ich vermute, daß er ein Junker ist oder noch etwas Höheres. Wollt ihr nicht erfahren, wer uns angegriffen hat und weshalb?«
»Ihr glaubt also auch nicht, daß es sich um einen gewöhnlichen Piratenangriff handelte?« September lächelte ihr zu, obwohl sie sein Grinsen hinter der Maske nicht sehen konnte, nicht bei der schwachen Beleuchtung.
»Sicher weiß ich es nicht, aber ich möchte es ger-ne wissen.«
»Ich auch.« September ging auf sie zu. »Laßt mich ihn nehmen.«
Sie funkelte ihn böse an. »Ihr glaubt wohl, ich komme mit einer einfachen Last nicht zurecht?«
»Ich wäre gar nicht überrascht, wenn Ihr mit al-lem zurecht kämt, was Ihr wolltet, M’lady. Aber Ihr seid nicht dafür gebaut, Treppen zu steigen, und davon erwartet uns jetzt eine ganze Menge. Und finster ist es auch. Wenn wir auf offenem Eis wä-ren, hätte ich den Mund gehalten. Glaubt Ihr nicht«, schloß er und äffte sie dabei nach, »daß wir auf die Weise schneller vorankommen?«
Sie zögerte nur einen Augenblick lang, ehe sie ihm die reglose Gestalt überreichte. »Ihr habt recht, Ritter.« Dann wandte sie sich wieder Ethan zu. »So tapfer von euch, die Festung alleine anzugreifen.«
»Wir waren diejenigen, die zum Klettern am bes-ten geeignet waren«, sagte er etwas verlegen. »Ge-hen wir!«
Es war Elfa, die auf den Gedanken kam, die be-schädigte Türe hinter ihnen zu schließen und zu verriegeln.
6
»Still!« Hunnar brachte die Matrosen, die sich hinter ihm drängten, mit einer Handbewegung zum Schweigen. Er spähte um den Felsvorsprung am unteren Sockel der Treppe herum. »Es kommt je-mand.«
Ein paar Minuten lang war noch das Geräusch von Füßen auf Stein zu hören, nicht für menschli-che Ohren, wohl aber für die der wartenden Tran.
»Ich erkenne Sir Ethan!« sagte einer der Junker, und dann rannten sie alle aus ihren Verstecken, um die Tochter des Landgrafen und ihre Retter zu be-grüßen. Während sie sich um sie drängten, scherz-hafte Worte mit ihr tauschten, ihr zuriefen, mußte Ethan erneut über die Formlosigkeit nachdenken, die auf Tran-ky-ky zwischen Herrscher und Unter-tanen die Regel war. Einige der vergnügten Umar-mungen, die Elfa und die Matrosen tauschten, ka-men ihm sogar übertrieben vertraut vor. Aber Hun-nar hatte nichts dagegen einzuwenden, also verhielt auch Ethan sich still.
»Dir wolltet also den ganzen Ruhm für Euch al-lein behalten«, sagte der rotbärtige Ritter zu Ethan gewandt. Aber während er das sagte, klang seine Stimme vergnügt, nicht beleidigt.
»Wir haben nichts anderes getan, als den Weg frei gemacht.« Er wies auf Elfa. »Sie hat an der Türe auf uns gewartet.«
»Damit.« September ließ den bewußtlosen Ge-fangenen auf das Eis plumpsen. Beim Anblick ei-nes der Kidnapper erhob sich unter der rauflustigen Versammlung ein ärgerliches Murren. Alle dräng-ten auf die reglose Gestalt zu.
Hunnar scheuchte sie zurück. »Wenn wir das wol-len, können wir ihn später töten.« Er blickte auf den unglücklichen Krieger hinunter. »Ich denke sogar, daß wir das wollen werden. Ein weiser Mann kann selbst aus einem brennenden Buch lernen.«
Ein Pika-Pina-Seil wurde um die Knöchel des Ge-fangenen geschlungen, ein zweites fesselte seine Handgelenke vor seinem Leib. Zw ei Tran hoben Seile auf, die man an seinen Füßen befestigt hatte, öffneten ihre Dan und machten sich zur fernen Slanderscree auf den Weg.
Als ihre Geschwindigkeit zunahm, staunte Ethan erneut über die Zähigkeit und die Stärke der Tran-haut. Ohne Zweifel verspürte der Gefangene die Wirkung der Reibung zwischen seinem Körper und dem Eis. Er äußerte sich in diesem Sinne zu Budjir, der daneben chivanierte. Der Junker mit der wei-chen Stimme erwiderte würdevoll, daß die Haut am Rücken des Gefangenen niemanden interessierte, solange nur sein Mund funktionsfähig blieb.
Angesichts der Stimmung der Gruppe entschied Ethan, daß jetzt nicht der richtige Zeitpunkt war, auf zivilisierte Behandlung des Gefangenen zu drängen. Er hatte genug damit zu tun, sein Gleich-gewicht zu halten, während zwei andere Tran ihn über das Eis zogen.
Er sah auf sein Handgelenk. Die Temperatur be-trug sechzig Grad Celsius unter Null.
Als die kleine Gruppe das Schiff erreichte, gab es wieder zahllose Umarmungen und Begrüßungen, die doppelt freudig ausfielen, als sich herumsprach, daß der Stoßtrupp keinerlei Verluste erlitten hatte.
Ethan hatte die letzten zehn Minuten wütende Ru-fe und Schreie von hinten erwartet. Offenbar hatte man die Wache in der nichtsahnenden Festung bis jetzt noch nicht ausgewechselt.
Oder, wenn doch, und wenn man Elfas Flucht entdeckt hatte, waren sich die Bewohner noch nicht darüber im klaren, was zu tun war. Bis sie sich aber entschlossen haben würden, erneut anzugreifen – falls dies ihre Absicht war –, sollte die Slanderscree bereits weit weg sein.
Ta-hoding ließ bereits die Anker hieven. Der Ka-pitän war zwar gar nicht davon erbaut, das große Schiff des Nachts in Bewegung zu setzen, und er murrte auch unablässig darüber. Aber, diesmal behielt militärische Notwendigkeit die Oberhand über eismännische Tradition.
Das Verhör des Gefangenen begann am folgenden Morgen, als der Eissegler die Klippen der Insel Arsudun weit hinter sich gelassen hatte und die grelle Sonne am Himmel nur freies Eis hinter ihnen zeigte.
Obwohl Ethan sich für die meisten Aspekte der Kultur von Tran-ky-ky interessierte, zog er es doch vor, während des Verhörs dem Bug möglichst fern zu bleiben. Der Wind verschluckte die meisten Schreie, die ihm nicht durch die bloße Entfernung erspart geblieben wären. Während er sich alle Mü-he gab, jene schwachen, auf- und abschwellenden Schreie zu ignorieren, sah er sich außerstande, nicht an den Abgrund zu denken, der ihn von sei-nen Tranfreunden trennte. Dieser Abgrund würde nie verschwinden, obwohl er jederzeit sein Leben für das Hunnars gegeben hätte, ebenso wie dieser das auch für ihn getan hätte.
Vielleicht wäre Ethans Ur -Ur-Urgroßvater vor vielen Generationen eher dazu imstande gewesen und hätte an dem Verhör mit derselben grausamen Gleichgültigkeit wie Elfa, Balavere und die ande-ren teilgenommen. Solche barbarischen Akte waren in der Vergangenheit der Menschheit bis weit ins einundzwanzigste Jahrhundert alter Zeitrechnung hinein durchaus die Regel gewesen.
Bei weiterer Überlegung mußte er freilich ein-räumen, daß die Unterschiede zwischen der moder-nen Zivilisation des Commonwealth und der Feu-dalwelt der Tran in Wirklichkeit gar nicht so groß waren. Alles, was erstere von der letzteren unter-schied, waren einige informelle Übereinkünfte, die man als Moral bezeichnete, und ein paar, die als Gesetze kodifiziert waren.
In seiner Gesellschaft gab es viele Bürger, die ers-te ignorierten und gleichzeitig versuchten, letztere zu pervertieren. Am besten, er erhob sich nicht zu hoch, damit die Heuchelei der gegenwärtigen Zivi-lisation ihn nicht zu tief fallen ließ. Wenigstens hatten die Methoden der Tran den Vorzug, direkt und einfach zu sein, wenn sie auch etwas blutig geraten waren. Ein besonders langgedehntes He u-len drang über das Deck an sein Ohr, und er sah sich außerstande, ein Scha udern zu unterdrücken.
Beunruhigt stieg er die Treppe zum Steuerdeck hinauf. Ta-hoding stand wie stets, als wäre er ein Teil seines geliebten Schiffes, dicht an dem mäch-tigen Steuerrad und starrte nach vorne. Gelegent-lich rief er seinen Helfern ein Kommando zu, und dann bewegte sich das Rad, oder einer seiner Maate erhielt irgendwelche Instruktionen, die dann sofort in die Takelage hinaufwanderten, wo die Matrosen arbeiteten.
Er war der fetteste Tran, den Ethan je gesehen hatte, ein friedlicher, durch nichts aus der Ruhe zu bringender Bursche, der bei weitem nicht so blut-dürstig war wie die gewöhnlichen Matrosen oder die Ritter und Junker.
»Was machen die mit ihm?«
»Du meinst den Gefangenen?« Ta-hoding wandte den Blick nicht vom Eise. »Die verhören ihn, Freund Ethan.«
Ein schwaches Zischen, wie Speck in einer Brat-pfanne, übertönte den Wind, das war das Geräusch der mächtigen Kufen aus Duralum, die über das Eis glitten.
»Das weiß ich, aber – wie?«
Ta-hoding erweckte den Anschein, als würde er sich die Antwort sorgfältig zurechtlegen. »Ich weiß nicht, wie es bei Euren Leuten ist, oder bei den Leuten hier, aber in Wannome und den benachbar-ten Städten verläuft die Befragung eines Kriegsge-fangenen nach dem üblichen Ritual.
Um seine Tapferkeit und die Stärke und Ehre sei-ner Familie unter Beweis zu stellen, wird der Ge-fangene beredt lügen oder sich weigern, überhaupt eine Antwort zu geben. Auf diese Weise fordert er seine Feinde heraus und zeigt ihnen, daß er sich für geschickter und mutiger als sie hält. Man befragt ihn mit zunehmender Intensität, bis er keinen Wi-derstand mehr leisten kann. Dann pflegt er die rich-tigen Antworten zu geben.
Die Zeit und die Mühe, die aufgewendet werden müssen, um einen Gefangenen zu diesen ehrlichen und korrekten Antworten zu zwingen, ist ein Maß für die Verdienste, die sich der Gefangene für das Leben nach dem Tode erwirbt.«
»Was geschieht, wenn es keine Fragen mehr gibt?«
Ta-hoding musterte ihn überrascht. »Dann wird der Gefangene natürlich getötet.«
»Aber das ist unmenschlich!« Eiskristalle prassel-ten gegen seine Gesichtsmaske. Ta-hoding wandte den Blick kurz von dem vor ihnen liegenden Oze-an. »Wir behaupten ja nicht, menschlich zu sein, Freund Ethan. Wir sind Tran. Ich habe selbst gese-hen, wie dein Schwert sich in der Schlacht von Wannome rot färbte. Sag mir, wie verschafft ihr euch denn Antworten von jemandem in eurer Kul-tur, der nicht bereit ist, sich verhören zu lassen?«
»Man schnallt ihn auf einen Streß-Analyzer«, antwortete Ethan. »Das ist eine Maschine. Sie ü-berprüft seine Antworten auf schmerzlose Art und kann immer sagen, ob der Betreffende die Wahrheit spricht.«
»Angenommen«, sagte Ta-hoding nachdenklich, »der Gefangene weigert sich überhaupt, Antwort zu geben.«
»In diesem Fall wird er in Beugehaft… wird er eingesperrt, bis er sich freiwillig zur Antwort ent-schließt.«
»Und wenn er sich entschließt, nie zu antwor-ten?«
»Dann wird er wohl in Beugehaft bleiben, denke ich.«
»Und ihr bekommt die Antworten nie, die ihr braucht. Sehr ineffizient. Unsere Methode ist bes-ser.«
»Augenblick«, sagte Ethan. »Woher wißt ihr denn, daß seine letzten Antworten keine Lügen sind? Daß er nicht nur so tut, als würde er die Wahrheit sagen, nachdem ihr ihn gefol… verhört habt?«
Ta-hodings Überraschung war noch größer als zuvor. Er schien tief betroffen. »Ein Gefangener würde sämtliche Verdienste verlieren, die er sich durch seinen Widerstand erworben hat. Er würde sterben und keinerlei Verdienste haben, die ihn durch das Leben nach dem Tode begleiten!«
Ethan änderte seine Fragestellung. »Nachdem er alle Fragen, die ihr ihm gestellt habt, beantwortet hat, ehrlich und der Wahrheit gemäß, wenn das, was du behauptest, tatsächlich der Fall ist, warum ihn dann töten?«
»Nicht alle werden getötet.«
»Warum dann den einen töten?«
»Weil er es verdient.« Klang da in der Stimme des Kapitäns eine Art Mitleid für Ethan mit? Ge-wisse Nuancen der Transprache bereiteten Ethan immer noch Schwierigkeiten.
Er beschloß, etwas zu sagen, überlegte es sich dann aber anders. Besser, die Diskussion einzustel-len, solange derjenige, dem sie galt, noch seine Qualen litt.
Aber tat er das? Ethan spitzte die Ohren, hörte a-ber nur das Rauschen des Windes und das Schurren der Kufen auf dem Eis.
September und Hunnar betraten das Deck. Ethan fragte sich, ob sein groß geratener Begleiter sich tatsächlich die Folterung mit angesehen hatte. Manchmal empfand er eine ungeheure Zuneigung zu dem Riesen, dann mochte er seinen stets sympa-thischen Humor, seine völlige Gleichgültigkeit gegenüber jeder Art von Gefahr und seine Bereit-schaft, jederzeit sein Leben für einen Freund zu riskieren. Und dann wieder…
Skua September war den Tran ähnlich, dachte er, und zwar nicht nur, was seine physische Größe anging. Und jedes Mal, wenn er diese Ähnlichkeit wieder unter Beweis stellte, war Ethan und Milli-ken Williams ein wenig unwohl. Manchmal kam September ihm wie ein Apfel vor. Die Haut der Zivilisation war hell und poliert, aber sehr, sehr dünn.
»Nun Jungchen, jetzt haben wir erfahren, was wir wissen wollten.«
»Ganz sicher habt ihr das«, erwiderte Ethan und gab sich Mühe, seine Stimme gleichgültig klingen zu lassen. Aber dann mußte der doch fragen: »Wer hat ihn denn getötet? Du, Sir Hunnar?«
Der Tranritter schien verstimmt. »Ich, Freund E-than? Niemals würde ich einen solchen Bruch der guten Manieren auf mich nehmen. Es stand mir nicht zu, jemandem den Todesstoß zu geben, der sich so große Verdienste erworben hatte. Nein«, fügte er beiläufig hinzu, »diese Ehre gebührte na-türlich der Person, die in dieser Angelegenheit am meisten beleidigt worden war.«
Und September ließ nicht zu, daß Ethan das Of-fenkundige ignorierte und führte mit schöner, gleichgültiger Brutalität den Gedanken zu Ende. »Das Mädchen hat es getan. Wer auch sonst? Sie wollte es langsam machen«, fuhr er im Gesprächston fort, »aber Hunner und Balavere überstimmten sie. Da der Gefangene sich tapfer gehalten hatte, schnitt sie ihm am Ende den…«
Ethan preßte sich unter dem Schutzanzug die Hände vor die Ohren und zog sie erst weg, als Sep-tembers Mund aufhörte, sich zu bewegen. Ihm war übel.
»Du hast auch nicht gehört«, sagte der Riese mit sanfter Stimme, »wie die sie behandelt haben.«
»Was für wichtige Informationen habt ihr denn aus ihm herausgeprügelt?« murmelte Ethan nieder-geschlagen.
September trat an die Reling, blickte auf das mit dünnem Schnee überzogene Eis hinunter, das unter dem Schiff dahinzog. »Dieser Angriff auf uns war ebenso zufällig und unvorbereitet wie der in der Kneipe in Arsudun.
Unser Gefangener hatte einen Rang irgendwo zwischen Ritter und Junker. Der Kommandant der Festung war noch kein ganzer Ritter. Sie erhielten Befehle – der Gefangene wußte nicht genau, wann –, die Slanderscree anzugreifen, sobald sie die Süd-spitze der Insel umfuhr, und sie, wenn möglich, zu kapern.«
»Er wußte nicht«, mischte Hunnar sich ein, »von wem die Befehle ausgingen. Das hat sein Kom-mandant ihm nie gesagt. Aber als erwähnt wurde, daß du und Freund September an Bord waren, menschliche Ausländer, erhoben sich Fragen in der Garnison. Man hatte sie gelehrt, daß man Me n-schen nichts zuleide tun dürfe.«
September wandte sich von der Reling ab und fuhr fort: »Anscheinend sollte diese Empfehlung für diesen einen Angriff ignoriert werden. Instruk-tionen dieser Art brachten unseren Gefangenen und auch uns auf die Idee, daß der Befehl für den An-griff von jemand sehr Wichtigem und Einflußrei-chem kam, vielleicht sogar dem Landgrafen von Arsudun. Das weigerte sich der Gefangene freilich zu glauben.
Ich argwöhne noch viel mehr, Jungchen.« Die Re-ling ächzte unter seinem Gesicht. »Die Slandersc-ree wäre für jeden hier eine reiche Beute. Aber daß der hiesige Landgraf tatsächlich die Ermordung von uns haarlosen Gesellen in Betracht zieht, be-deutet, daß er sich auf seinem Posten sehr sicher fühlen muß. Ich gehe sogar davon aus, daß er fast eine Garantie hatte, daß er im Falle eines Mißlin-gens nicht mit irgendwelchen Vergeltungsma ß-nahmen seitens der Commonwealth-Behörden rechnen müßte. Und daraus wiederum schließe ich, daß es zwischen diesem Landgrafen und jemand sehr Wichtigem in der Hierarchie der Station eine Verbindung geben muß.«
»Trell?«
September dachte über Ethans Vorschlag nach. »Keine Ahnung. Zu uns war er ja sehr nett. Ich würde annehmen, jemand unmittelbar unter ihm, vielleicht sogar dieser Hafenmeister Xenaxis. Der sieht jedes Kilo, das aus- und eingeht. Es kann je-der sein, der daran interessiert ist, das augenblickli-che Monopol auf den Handel mit Tran-ky-ky zu halten.
Das Wichtige daran ist, daß wir keinerlei Hilfe von jemandem in Brass Monkey erwarten können, während wir uns außerhalb der Mauern der Station aufhalten. Die Jagd auf uns ist also frei, bis das nächste Commonwealth-Schiff im Orbit eintrifft. Und bis dahin sind es zwei Monate. Wenn wir jetzt zurückkehren und Meldung erstatten, verbringen wir die nächsten zwei Monate damit, Mordanschlä-ge der einen oder der anderen Art abzuwehren. Jetzt, da man uns ganz offen angegriffen hat, wird, wer auch immer im Auftrag des Landgrafen oder hoher eingeborener Beamter von Arsudun geha n-delt hat, sich Mühe geben, seine Spuren zu verwi-schen.« Er blickte zu der Mittelkabine hinunter, wo Eer-Meesach und Williams in ein Gespräch verwi-ckelt waren.
»Aber ehe wir uns endgültig entscheiden, möchte ich noch andere Meinungen hören.«
Eines mußte man September lassen. Er fürchtete sich nicht davor, andere um die Meinung zu fragen, und seine eigene zu ändern, wenn er bessere Ar-gumente hörte.
»Ich denke, das Beste, was wir machen können, ist, unseren ursprünglichen Plan beizubehalten und zu versuchen, diese Insel-Konföderation in Gang zu bringen. Wenn wir nach Brass Monkey zurück-kehren und Trell vor ein fait accompli stellen, glaube ich nicht, daß er, oder wer sonst hinter all dem steht, irgend etwas unternehmen wird. Es hat keinen Sinn mehr, uns zu töten, wenn das Monopol einmal gebrochen ist. Zumindest hoffe ich, daß er so vernünftig sein wird.«
»Natürlich kann das Ganze ebenso gut Blödsinn sein. Dann wäre das, was hier passiert ist, ein ganz gewöhnlicher Raubüberfall.« Er blickte nach ach-tern, wo die südlichen Klippen der Insel Arsudun auf die Größe eines bescheidenen Erdhügels am Horizont zusammengeschrumpft waren.
»Wir hätten das Schiff eingenommen«, beharrte die halb verärgert, halb verängstigt klingende Stimme, »wenn die Himmelsausländer sich nicht eingeschaltet hätten. Sie hatten die kurzen Messer bei sich, die mit Stücken der Sonne kämpfen.« Jetzt klang Abscheu in seiner Stimme mit.
»Und welchen Nutzen hat Schwert oder Pfeil ge-gen Waffen, die Schilde durchdringen und Flöße in Brand stecken können?«
Calonnin Ro-Vijar ließ sich gegen die Rücken-lehne des wuchtigen hölzernen Armsessels sinken und starrte zu dem Fenster im dritten Stock der Burg hinaus. Von hier aus konnte er über die unre-gelmäßigen Dächer der Stadt und den Hafen hin-ausblicken, über die Eisenge, fast bis hinaus zum offenen Eismeer. Wenn er an ein anderes Fenster trat, konnte er die seltsamen, glatten Gebäude der Menschen studieren und die drei glasigen Schüs-seln, wo ihre winzigen Fahrzeuge aus dem Himmel aufsetzten, Fahrzeuge, die jedes Mal, wenn eines eintraf, Reichtümer mit sich brachten, die seine Vorstellungskraft fast überstiegen.
Reichtümer, die jetzt bedroht waren.
Jetzt bemerkte er, daß der andere ihn immer noch anstarrte, und drehte sich zu ihm herum. Sie waren alleine, in den Privatgemächern des Landgrafen. Das war notwendig. Die Worte, die sie jetzt tausch-ten, waren zu gefährlich, selbst die vertrauenswür-digsten Mitglieder seines Hofes hätten sie nicht hören dürfen. Aus diesem Grunde zog er es vor, Obel Kasin hier und nicht in der formellen Au-dienzhalle zu empfangen.
Er wußte, daß sein anhaltendes Schweigen Kasins Nervosität steigerte. Trotzdem sagte er nichts, son-dern musterte den schlanken Adeligen, nahm die Binde an seinem Hals zur Kenntnis, den ausge-fransten, schlecht zusammengeflickten Riß in der Membrane seines linken Dan und die kahlen Stel-len an seinem Körper, wo man den Pelz wegge-schnitten hatte.
»Sei ganz ruhig, edler Kasin. Du hast dein Bestes getan.«
»Dann werde ich wegen meines Mißerfolgs nicht bestraft werden?« fragte der Adelige unsicher.
»Das verspreche ich.« Ro-Vijar stützte sich auf die Armlehnen, erhob sich und trat ans Fenster. Die Glasalumscheibe reichte vom Boden bis zur Decke und bildete jetzt eine Art Rahmen um ihn. Sie war größer als irgendein anderes einzelnes Stück Glas, das je nach Arsudun eingeführt worden oder dort gemacht worden war. Es war größer als irgendein Stück Glas, von dem Calonnin je gehört hatte. Und doch war es hier, in seiner Burg, aus dem Himmel zu ihm gebracht in einem der Himmelsschiffe der Menschen. Und man hatte ihm gesagt, und er glaubte das auch, daß es stärker war, als die Mau-ern, die es säumten, obwohl es nicht dicker als sei-ne kleinste Klaue war.
»Wie du sagst«, fuhr er schließlich fort, »wir können nicht mit Schwertern und Schilden gegen die Lichtlanzen des Himmelsvolkes kämpfen.« Er blickte über die Schulter.
»Aber wir werden dieses Schiff trotzdem in unse-ren Besitz bringen, Obel Kasin von Arsudun. Eines Tages wird unsere Fahne von seinem Heck und seinen Masten wehen, und es wird an der Spitze der Flotte von Arsudun segeln.« Daß man eines zu-künftigen Tages sogar auf die Slanderscree würde verzichten können, behielt er für sich. Es gab Träume, die er bis jetzt noch mit niemandem zu teilen wagte.
»Wir werden künftig vorsichtiger vorgehen und unsere nächste Aktion zu einem günstigeren Zeit-punkt vornehmen müssen. Ich werde dieses Unter-nehmen jetzt selbst übernehmen, edler Kasin. Sage bitte meinem Terminminister – dritte Türe links, zweite Etage –, er soll die Rinstaster fertig machen. Das ist unser bestes Schiff. Ich werde die Mann-schaft persönlich auswählen. Wir werden uns ans Heck dieses Monsterschiffes hängen, bis sich die richtige Gelegenheit bietet, und dann werde ich es zum größeren Ruhme Arsuduns kapern!«
»Ja, Euer Lordschaft. Möget Ihr mit dem Wind gehen.« Nach einer angemessenen Kniebeuge ver-ließ er den Raum.
Calonnin dachte nach. Kasin hatte sich große Mühe gegeben. Seine Wunden waren ein Beweis seiner Loyalität. Es brachte nichts ein, den Adeli-gen zu bestrafen. Er wußte besser als ein anderer, daß die Technologie der Menschen weit überlegen war. Wenn er gewußt hätte, daß die drei auf dem großen Eissegler Energiewaffen besaßen, hätte er den Angriff nie befohlen.
Jetzt, da ihm Verzeihung und Lob zuteil gewor-den waren, würde Kasin doppelt so vertrauenswür-dig sein. Ro-Vijar würde die Aufgabe auf sich nehmen, den Eissegler einzufangen und die Mann-schaft und die mit ihr verbündeten Menschen zu töten, weil er niemand anderem vertrauen konnte, es zu tun. Kein anderer hatte seine Motive oder den gleichen Drang wie er.
Bis jetzt hatte er sich in dieser Angelegenheit im Hintergrund gehalten. Das ging jetzt nicht mehr.
Verträumt stellte er sich das Bild des mächtigen Eisschiffes vor, sah wieder seine Kufen aus Me n-schen-Metall, die sich nicht abnutzten und auch nicht auf dem Eis zersprangen, so wie Stein, Kno-chen und Holz das taten, sah aufs neue die wohlge-fertigten Pika-Pina-Segel und die Takelage. Er stellte sie sich so vor, wie er sie Kasin beschrieben hatte, mit windgeschwellten Segeln und den Wi m-peln und Fahnen von Arsudun an allen Masten.
Und wenn seine Pläne sich erfüllten, würde eines Tages jenes mächtige Schiff ein bloßes Spielzeug sein, das man verlachte. Aber eine Weile würde es nützlich sein, es zu besitzen.
Obwohl er nicht darauf hoffen konnte, die Slan-derscree zu überholen, mußte sie ja schließlich irgendwo einmal anhalten. Und das würde der Zeitpunkt seines Angriffs sein.
So unangenehm ihm dies auch war, er würde vor seiner Abreise noch einmal mit dem menschlichen Landgrafen sprechen müssen.
Jobius Trell empfing den Landgrafen von Arsu-dun in seinem Büro. Da die Temperatur auf menschliche Norm eingestellt war, litt der fast nackte Landgraf unter der brutal heißen Tempera-tur.
Trell hatte bereits seinen mittäglichen Zeitplan geändert, um Ro-Vijar zu empfangen. Er trug eine hellorangefarbene Dienstbluse, die bis zur Hüfte offenstand, mit schmalen Tressen an den Hüften, den Ärmeln und den Knöcheln. Er begrüßte Ro-Vijar alleine. Auch der Landgraf hatte seinen per-sönlichen Leibwächter vor dem Gebäude der Me n-schen warten lassen. Beide Männer fühlten sich so wohler. Das vermittelte ihnen ein Gefühl der Ver-trautheit, da jeder von beiden überzeugt war, dem anderen mindestens gewachsen zu sein.
Ro-Vijar wählte eine Couch anstelle eines der schmalen menschlichen Stühle. Obwohl die Rück-lehne sich einladend wölbte, saß er mit starrem Rücken und hochaufgerichtet da und ignorierte die drückende Hitze, die das ganze Büro erfüllte, wäh-rend er seinen menschlichen Gesprächspartner musterte. Das war ein kleines Spiel, das sie immer spielten. Immer, wenn Trell Ro-Vijar in seiner Burg aufsuchte, bereitete es dem Landgrafen be-sonderes Vergnügen, sämtliche Sturmläden und Fenster zu öffnen, so daß die eisigen Winde von Tran-ky-ky durch den Raum blasen konnten. Da Trell in geschlossenen Räumen die Maske seines Schutzanzuges anheben mußte, weil die Sitte ver-langte, daß er seinem Gastgeber das Gesicht zeigte, konnte Ro-Vijar sich an den Leiden des Menschen erfreuen, während dessen Haut sich von der Kälte rötete – obwohl Trell dann ebenso wie Ro-Vijar das jetzt tat, sich den Anschein gab, als wäre er völlig entspannt.
Es war ein fairer Tausch. Trell hatte freilich einen leichten Vorteil, weil er nämlich wahrnehmen konnte, daß dem anderen unbehaglich war. Da Tran keine Schweißdrüsen besaßen, schwitzten sie nicht. Also konnte Trell erkennen, daß sich der Landgraf besonders unbehaglich fühlte, weil er immer wie-der den Mund mit der Pranke zudeckte, damit man seine heraushängende Zunge und sein die Hitze ableitendes Hecheln nicht sehen sollte. Wenn er versuchte, während eines ganzen Besuches ohne Hecheln auszukommen, würde sein überhitzter Körper ihn in die Ohnmacht treiben. Höchst un-würdig.
»Sie sind also entkommen«, sagte Trell und kam zur Sache, nachdem der Austausch von Artigkeiten abgeschlossen war. »Das ist unangenehm.«
»Keine Sorge, Freund Jobius«, sagte Callonin be-ruhigend. »Sie haben nichts erreicht und werden auch nichts erreichen. Ich selbst werde ihnen mit einer Mannschaft meiner besten und vertrauens-würdigsten Soldaten folgen. Irgendwann müssen sie ja dieses mächtige Schiff einmal vor Anker gehen lassen, um ihren widerlichen Verrat zu verbreiten. Wenn sie das tun, werde ich den Um-ständen entsprechend handeln. Welche Methode auch immer ich anwenden werde, sie wird jeden-falls endgültig und effizient sein.«
Trell nickte. »Gut, gut.«
»Der Adelige, dem ich die Leitung dieses ersten Vorhabens anvertraut hatte, tat, was er konnte. Er wurde durch die Handwaffen der drei Menschen auf dem Schiff besiegt.« Er lehnte sich an die ekel-haft weiche Rücklehne der Couch und zwang sich dazu, den Anschein zu erwecken, als interessiere ihn Trells Reaktion auf seine nächste Frage über-haupt nicht.
»Wenn du mir wenigstens ein paar ähnlicher Ge-räte beschaffen und mich und meine Ritter in ihrem Gebrauch unterrichten könntest, wäre der Erfolg unserer Reise gesichert.«
Trell schüttelte den Kopf und lächelte väterlich. »Freund Calonnin, du weißt, daß ich das nicht kann. Die Bestimmungen des Commonwealth und der Kirche verbieten die Lieferung moderner Waf-fen an Nichtmitglieder des Commonwealth ganz eindeutig. Selbst assoziierte Rassen können keine Energiewaffen bekommen, höchstens unter beson-deren Umständen. Der Besitz ist auf Vollmitglieder beschränkt. Ich habe diese Regel nicht eingeführt, darf aber nicht riskieren, daß sie gebrochen wird.«
Trell hoffte, daß sein Freund seine Ablehnung verstehen würde.
»Bis auf weiteres wirst du mit den Waffen deiner eigenen Zivilisation zu Rande kommen müssen. Ich bin sicher, daß sie sich in euren geschickten Hä n-den als mehr als ausreichend erweisen werden.«
»Ich wollte auch nicht andeuten, daß das nicht so sein würde«, versicherte ihm der Landgraf. »Aber eure Lichtmesser und Lichtlanzen würden diese Geschichte einfacher und schneller erledigen.«
Trell drohte ihm verspielt mit dem Finger. »Ge-duld ist eine weitere moderne Waffe, die du dir selbst beschaffen kannst, Ro-Vijar. Aber, wenn dieses Hindernis für unsere künftigen Pläne ent-fernt ist – wer weiß, was für Vereinbarungen wir dann treffen werden? Vereinbarungen, mit denen man selbst extreme Vorschriften umgehen kann. Aber nicht jetzt, nicht heute.«
»Ich verstehe, Freund Trell.« Ro-Vijar stand da und hechelte wie ein überanstrengter Hessavar. »Ich lasse meinen Vetter, Sir Das Kooliatin, als Herrscher Arsuduns zurück. Du kannst ganz offen mit ihm sprechen. Er ist fantasielos und hegt kei-nerlei Absichten, mich vom Thron zu verdrängen – ein vertrauenswürdiger Verwandter.« Letzteres sollte kein Kompliment für den abwesenden Kooli-atin sein, sondern nur irgend welchen Ideen zuvor-kommen, und wären sie noch so wenig ausgeprägt, die der menschliche Kommissar etwa in bezug auf die Zusammenarbeit mit anderen Leuten als Calon-nin hegen sollte.
»Dann sollten wir deine Pläne nicht länger verzö-gern.« Trell stand auf und trat neben den Landgra-fen. Seine runden Pupillen blickten in die geschlitz-ten des Tran. »Je schneller diese unangenehme Geschichte abgeschlossen ist, desto besser werde ich ruhen.«
»Ich auch, Freund Trell.« Er streckte die mächtige Pranke aus und umfaßte die schmale Hand des Kommissars. Dann lehnte Trell sich vor, stützte beide Hände auf die Schultern des Landgrafen und blies ihm ins Gesicht.
»Mein Atem ist deine Wärme. Geh mit dem Wind, Freund Calonnin.«
Ro-Vijar ging hinaus und gab sich ungeheure Mühe, nicht davonzurennen, um der Treibhaushitze von Trells Büro zu entkommen und sie gegen die kühle Brise draußen zu vertauschen.
Der Kommissar wartete, bis der Landgraf sein Vorzimmer verlassen hatte. Dann setzte er sich wieder. Er betätigte einige Schalter und machte sich dann an die Arbeit. Wie er das jeden Tag zu tun pflegte, leistete er sich das Vergnügen, einige private Molekularkarteien zu inspizieren, und sich an den verborgenen Bankkonten dort zu freuen. Sie wurden unter zahlreichen Namen und Finnen ge-führt, aber sie gehörten alle ihm. Als er dieses Ve r-gnügen ausgekostet hatte, wandte er sich den pro-saischeren Arbeiten eines Commonwealth-Kommissars zu.
Calonnin würde diesmal Erfolg haben. Der Land-graf war energisch und findig und stand Trell in punkto Habgier in nichts nach. Er setzte großes Vertrauen auf den Eingeborenenführer, seine Fan-tasie und seinen Unternehmungsgeist.
Aber Calonnin Ro-Vijar war viel zu fantasiereich und unternehmungslustig, als daß man ihm etwas so Tödliches wie moderne Energiewaffen hätte anvertrauen dürfen. Das hätte gerade noch gefehlt, daß man einem so primitiven Geist einen Nadler anvertraute und ihn damit größenwahnsinnig mach-te. Nein, Ro-Vijar würde viel gefügiger, wenn auch nicht gerade gelehrig, bleiben, wenn seine Metho-den gewalttätiger Auseinandersetzung auf Lanze, Pfeil und Schwert beschränkt blieben.
Das war für die Pläne wichtig, die Trell für die zukünftige Entwicklung von Tran-ky-ky hatte. Man mußte nur Versuchungen von Ro-Vijar fernhalten, dann kam er nicht so leicht auf seltsame Ideen. Er drückte einen Knopf, der automatisch seine Unter-schrift auf die Anforderung der Zahlmeisterabtei-lung drückte, die irgendwelche Materialien benö-tigte, und nahm sich dann das nächste Band vor.
Trell schätzte Calonnin Ro-Vijars Qualitäten im großen und ganzen völlig richtig ein, irrte aber in einem wichtigen Punkt. Der Landgraf brauchte keine modernen Waffen dazu, um größenwahnsin-nig zu werden. Das schaffte er auch so.
Während er zum Hafen und seinem wartenden Schiff chivanierte, überdachte Ro-Vijar sein Ge-spräch mit dem menschlichen Kommissar. Wenn Trell ihm keine Lichtmesser und Lichtlanzen liefer-te, würde er sie sich eben anderswo beschaffen. Hatten nicht die drei Menschen, die er töten würde, drei dieser unwiderstehlichen Waffen bei sich? Sobald er diese unangenehme Aufgabe hinter sich gebracht hatte, würde er sich irgendeine Geschichte einfallen lassen, um Trell das Verschwinden der Waffen plausibel zu machen. Trell würde zwar Verdacht schöpfen, aber was konnte er schon be-weisen?
Wenn ein Junges über einen Megorph stolpern konnte, war es dann nicht möglich, daß ein Mensch über die Zukunft stolperte? Mag sein, daß diese Bringer des Wohlstands reich und weise waren. Aber allmächtig waren sie nicht.
7
Der Gegenstand Calonnin Ro-Vijars habgieriger Gedanken näherte sich in diesem Augenblick dem Äquator von Tran-ky-ky. Es war beinahe Mittag. Ethan studierte das Eis, das unter ihnen vorbeizog.
Gleichgültig, wo sie auch waren, die Sonne schien immer wieder neue, verborgene Muster in der O-berfläche des Eisozeans hervorzubringen. Aber was Ethan jetzt bemerkte, beunruhigte ihn mehr als irgendwelche Fantasiegesichter oder halbverdeck-ten Ungeheuer, die von Verfärbungen und Sprün-gen unter der Eisoberfläche zurückgeworfen wur-den.
An manchen Stellen lag eine dünne Wasser-schicht über dem Eis. Weit verstreute Pfützen bil-deten unerwartete Spiegel. Einmal schoß die Slan-derscree durch eine Senke, die mit genügend Was-ser gefüllt war, daß die Gischt bis zur Reling her-aufspritzte. Einige Stunden später war die Temp e-ratur wieder soweit abgesunken, daß die isolierten Pfützen zufroren, aber allein schon der Anblick von flüssigem Wasser auf Tran-ky-ky war ein Schock für ihn.
Die Wirkung auf die Mannschaft war noch viel schädlicher. Sie waren es gewöhnt, nur in ihren Häusern fließendes Wasser zu sehen, wenn man das Eis oder den Schnee zum Trinken geschmolzen hatte. Ihre Reaktion war daher vergleichbar der eines Menschen, der mitansehen mußte, wie der Boden unter seinen Füßen sich aufzulösen begann. Es war ein erschütterndes Erlebnis, festzustellen, daß die Welt, auf der man sich befand, nicht unzer-störbar war.
Williams und Eer-Meesach gingen zwischen den verstörten Matrosen auf und ab und versicherten ihnen, daß ihre Spekulationen vom Weltuntergang grundlos waren, daß keine Gefahr bestand, daß der Ozean an diesem einen, ungewöhnlich warmen Ort auf der Planetenoberfläche mehr als ein paar Zen-timeter tief schmolz. Außerdem, so erklärte ihnen Williams, würde die Slanderscree natürlich schwimmen.
Er brauchte eine Weile dazu, ihnen den Begriff des Schwimmens zu erklären.
Als dann die Sonne ein paar Grad tiefer sank und das Wasser wieder gefror, waren selbst die aber-gläubischen Matrosen überzeugt, daß sie nichts zu befürchten hatten.
An diesem Nachmittag hallten Warnrufe von den Körben, die an der Spitze eines jeden Mastes ange-bracht waren. Ethan eilte aufs Steuerdeck, das Ner-venzentrum des großen Eisklippers, um zu erfah-ren, was geschehen war.
Er fand Ta-hoding, der seinen Maaten Befehle zubrüllte und das Reffen einiger Segel veranlaßte. Pika-Pina-Planen schrumpften in dem Wald von Takelage und Rahen zusammen. Ethan verzichtete darauf, den Kapitän zu unterbrechen, solange dieser so offensichtlich beschäftigt war, und konnte bald selbst erkennen, weshalb sie ihre Fahrt verlangsam-ten.
Ein grüner Faden, der sich über den vorderen Ho-rizont erstreckte, wurde zuerst zu einem. Band und dann eine m breiten, grünen Streifen. Soweit das Auge reichte, von links nach rechts, streckte er sich über die Eissee. Das Band wurde immer breiter, und kurz darauf glitten sie über einen Ozean, der grün war und nicht weiß. Die massiven Duralum-Kufen der Slanderscree hinterließen in dem sma-ragdgrünen Teppich hinter ihnen parallele Furchen. Sir Hunnar trat neben Ethan.
»Das ist eines der größten Pika-Pina-Felder, die ich je gesehen habe, Freund Ethan. Hier würde es sich sicher gut leben lassen, wenn irgendwo hohes Land wäre.«
Ethan wußte, daß die anpaßbare, fruchtbare Pflanze überall zu leben vermochte, wo sie ihre Wanderwurzeln in an Nährstoffen reichen Boden senken konnte. Vielleicht ragten die Inseln hier nur ein oder zwei Zentimeter über die Oberfläche auf. Ebenso gut war es möglich, daß die Pfahlwurzeln des Feldes sich tief durch das Eis bohrten und unter der Oberfläche aufragende Berggipfel berührten.
An manchen Stellen waren die dicken, dreiecki-gen Stiele von tiefem, kräftigem Grün, an anderen fast rot oder braun. Hunnar schwärmte immer noch vom Reichtum dieser unerforschten, von Eis um-gebenen Prärie.
Er brauchte dazu keine komplizierte Sammlung von Konsonanten, sondern bezeichnete das Ge-wächs mit seinem einfachsten Namen aus dem Alltagssprachgebrauch, damit die Menschen mit ihrem geringen Wortschatz ihn verstehen konnten. Gelegentlich wurden von dem Eisklipper Wolken von schmetterlingsähnlichen Geschöpfen mit Fle-dermausflügeln aufgestöbert, kleine Bälle aus schwarzem, purpurfarbenem und grauem Pelz, die von Flügeln getragen wurden, die scheinbar viel zu zart waren, um mit den wilden Winden von Tran-ky-ky zu Rande zu kommen.
Dann jagten wieder größere Baumbewohner hin-ter ihnen her. Sie hatten lange, dünne Schnauzen, halb so lang wie ihr Körper, mit gebogenen, nadel-spitzen Zähnen. Mit membranähnlichen Schwingen flatternd, stießen sie auf die Fledermausschmetter-linge herunter und bewegten ihre Schnäbel wie Sensen, wenn sie nach ihrer behänden, aber dicht gedrängten Beute schnappten. Fast jedes Mal schnappten sie sich ein oder zwei der kleinen Ge-schöpfe.
Hunnars Aufmerksamkeit wanderte zu Eer-Meesach hinüber, der dem Schullehrer Williams etwas wissenschaftlichere Erklärungen gab. Ob-wohl der alte Zauberer nach den Begriffen von Tran-ky-ky klein und eingeschrumpelt war, ragte er immer noch über seinen menschlichen Kollegen auf, und sein weiß-grauer Pelz bildete einen auffäl-ligen Kontrast zu dem tiefen Schwarz von Williams Gesicht, das unter dem Glas seiner Maske leuchte-te.
»Wir sehen also, daß die Regenerationskräfte des Pika-Pina so groß sind, daß es, selbst wenn man es heute schneidet, bis morgen hinter uns wieder hochgewachsen ist.« Der Zauberer deutete mit et-was zitternder Pfote auf die Spuren hinter dem Schiff.
»Wenn sie sich so schnell regenerieren«, fragte Williams, »warum breiten sich diese Pflanzen dann nicht aus, bis sie jeden Quadratmeter Eis auf dem ganzen Planeten bedecken?«
»So einfach ist das nicht, Freund Williams.« Und dann stellte ihm Eer-Meesach noch einmal die Wachstumsmethode des Pika-Pina dar, von der Ethan schon gehört hatte und über die er immer wieder staunen mußte.
Lange Bahrwurzeln schmolzen und arbeiteten sich mühsam durch das Eis unmittelbar unter der Oberfläche, bis sie eine kleine Höhlung, gewöhn-lich eine uralte Luftblase, ausfindig machten. Dort dehnte sich die Wurzel aus und bildete einen di-cken Knollen. Die Nährstoffe, die sich in solchen Knollen konzentrierten – und auf die die Tran be-sonders erpicht zu sein schienen –, waren schwer zu finden und nur mit Mühe auszugraben. Wenn der Knollen dann groß und kräftig genug war, pflegte er vier, fünf oder mehr neue Wurzeln auf die Suche nach anderen Hohlen auszuschicken, während der Nährstoffvorrat des Knollens bestä n-dig von Seiten anderer Knollen und zu guter Letzt von irgendeiner fernen Landmasse nachgefüllt wurde.
»So«, fuhr der Zauberer fort, »kann das Pika-Pina, da ja viele Knollen in der Nähe sind, sich schnell wieder hinter unserem Schiff regenerieren, da ja bereits Wurzelpfade durch das Eis gebohrt sind. Aber, um sich weiter in ein neues Gebiet aus-zudehnen, muß sich die Pflanze neue Pfade durch das widerstandsfähige Eis graben. Deshalb…«
Ein Schrei vom Hauptmast unterbrach seine Vor-lesung. Ethan blickte nach vorne, wo aus dem grü-nen Feld eine Mauer zu werden begann.
»Pika-Pedan«, murmelte er.
Ta-hoding studierte den Wald bereits durch ein primitives, aber funktionsfähiges Tranteleskop. »Er scheint sich ebenso weit nach Osten und Westen auszudehnen wie sein kleiner Vetter«, meinte er auf Ethans Frage. Er legte das Glas weg und blickte besorgt.
Pika-Pedan war der riesige Verwandte des kleine-ren Pika-Pina und konnte bis zu zehn Meter hoch werden.
Hunnar tauchte am Deck auf, faltete seine Dan und kam vor ihnen zum Stillstand. »Wetter und Eis sind deine Angelegenheit, Captain. Tu, was du für das beste hältst.«
»Poyolavomaar liegt dahinter.« Ta-hoding deutete nach vorne. »Wir wissen nicht, wie weit sich das Feld nach Osten und nach Westen ausdehnt. Und die Richtungsangaben, die ich besitze, sehen keine Umwege vor. Wenn wir versuchen, den Wald zu umfahren, könnten wir uns hoffnungslos verirren und nie unser Ziel erreichen.
Deshalb müssen wir versuchen, durchzuko m-men.« Er trat nach vorne an die vordere Reling des Steuerdecks. »Hallo, Deck!« Die wartenden Maate reagierten sofort.
Ta-hoding ließ zusätzliche Segel setzen. Die Mat-rosen auf den Rahen murrten, als sie die gerade gerefften Segel wieder setzen mußten, worauf diese sich sofort in dem gleichmäßigen Wind blähten.
Jetzt zog die Slanderscree wieder unter vollen Se-geln dahin. Ihr Tempo nahm schnell zu.
»Was hättest du denn befohlen, guter Freund E-than?«
Er fuhr erschreckt herum und sah, daß Elfa ihn anstarrte. Er hatte sie nicht auf Steuerdeck kommen sehen. Große, suchende Augen leuchteten auf ihn herunter, wetteiferten darin mit der Sonne.
»Natürlich müssen wir durch.« Er gab sich redli-che Mühe, ebenso sicher wie Ta-hoding zu klingen.
»Eine kühne Entscheidung, aber typisch für dich.« Sie schenkte ihm ihr schönstes Lächeln, entfernte sich dann aber, um Eer-Meesach eine Frage zu stellen, ehe Ethan ihr erklären konnte, daß er nur Ta-hodings Entscheidung beigepflichtet hat-te.
Ethan wandte sich um und ertappte Hunnar dabei, wie er ihn finster anstarrte. Als der Ritter bemerkte, daß der andere seinen Blick bemerkt hatte, wandte er sich um und chivanierte die Rampe zum Haupt-deck hinunter.
Ethan überlegte, ob er ihm folgen sollte, um zu erklären, und entschied sich dann dagegen. Offe n-bar war es auch seinen wiederholten Protesten nicht gelungen, Hunnars absurde Eifersucht zu besänfti-gen. Wenn er erneut seine Unschuld beteuerte, würde das ebenso wenig bewirken wie zuvor.
Ein leichter Stoß ging durch das Schiff, zwang ihn, sich an der Reling festzuhalten. Es fühlte sich an, als hätte die Slanderscree einen gigantischen Schwamm gerammt. Das weitläufige Panorama aus grünen Feldern und blauem Himmel war der mäch-tigen smaragdgrünen Mauer gewichen, die jetzt zu beiden Seiten des Schiffes dahinglitt. Bei einem Tempo von mehr als neunzig Stundenkilometern hatte der Eissegler den Pika-Pedan-Wald gerammt und mahlte sich durch ihn hindurch.
Ein Blick nach hinten zeigte ihm eine immer län-ger werdende Schneise, die sich wie ein Band ent-rollte: die Pika-Pedan-Stiele, die von der dahinja-genden Schiffsmasse vier Meter über dem Eis ab-geschnitten wurden. Grüne Stämme lagen über den Stümpfen, Fragmente vom Besen eines chlorphylli-schen Kolosses.
Da ihnen jegliche Orientierungspunkte in der Fer-ne fehlten, war es schwierig, ihr Tempo einzu-schätzen. Ethan vermutete, daß das Schiff seine Fahrt seit dem Aufprall verlangsamt hatte, sich aber immer noch mit respektabler Geschwindigkeit be-wegte. Wasser und Pulpe bespritzte seinen Schutz-anzug, und er mußte sich umdrehen, um nichts ins Gesicht zu bekommen. Vorne am Bugspriet war es bestimmt noch viel schlimmer.
Die Vorstellung, daß die dichte Vegetation dem Schiff so leichte Durchfahrt ermöglichte, fiel ihm schwer. Aber die Pika-Pedan sahen zwar viel ma s-siver und baumähnlicher als ihre miniaturisierten Verwandten aus, waren aber innen genauso weich und schwammig und bestanden in erster Linie aus mit Wasser vollgesogenen, weichen Fasern, die unter dem Gewicht der Slanderscree sofort ab-knickten.
Von Backbord hallte ein schrilles Kreischen her-über. Als Ethan hinübersah, sah er ein Paar er-schreckter Guttorbyn – geflügelte, drachenähnliche Räuber – aufsteigen. Ein paar Minuten lang flogen sie parallel zum Schiff und zischten und kreischten ihre Wut zur Mannschaft herüber, ehe sie in südöst-licher Richtung abbogen. Ein ganzes Rudel hätte sie ohne Zweifel angegriffen, aber da dies nur zwei waren und sie noch dazu erschrocken waren, zogen sie die Flucht dem Angriff vor.
Die pelzbedeckten, schmetterlingsähnlichen Ge-schöpfe waren in der hohen Vegetation reichlich vorhanden, und einmal dachte Ethan, er hätte etwas Langes, Glänzendes entdeckt, wie ein sich winden-der Sonnenstrahl, das sich mit unglaublicher Ge-schwindigkeit aus dem Weg davonschlängelte, den das Schiff sich bahnte. Statt zu schreien, gab es seltsame Flötentöne von sich, während es im dich-ten Grün verschwand. Ethan sollte nie erfahren, daß er in Wirklichkeit gar nicht das Geschöpf selbst, sondern nur seinen strahlenden Schatten gesehen hatte.
Der Wind fuhr immer wieder kräftig unter die Gipfel der Pika-Pedan. An Bord war es ungewöhn-lich ruhig, nicht nur weil der vertraute Orkan fehlte, sondern auch, weil jedes Mitglied der Mannschaft seinen eigenen Gedanken nachhing. Ethan wußte, daß die Tran gewöhnlich nicht in die wogenden Pika-Pedan-Wälder eindrangen und sie erforschten. Das lag sowohl an ihrer Undurchdringlichkeit als auch daran, daß ganze Herden gewisser Tiere in ihnen weideten.
Aber diesmal hatten die Tran den Vorteil auf ihrer Seite. Die Mäste der Slanderscree ragten ebenso wie die Rücken der Tiere, die sie fürchteten, über den Wald auf. Aus den verschiedenen Ausguc k-körben konnte man wenigstens jene Tiere rechtzei-tig entdecken, die einen Rücken hatten, und hatte daher eine Chance zur Flucht.
Vielleicht waren die Männer in den Ausguckkör-ben zu beschäftigt, um jene besondere Gefahr zu entdecken. Vielleicht hätten sie sie auch ohnehin nicht bemerkt.
Plötzlich erbebte das ganze Schiff und verlor sei-nen Schwung. Ethan und alle anderen, die sich gerade an irgend etwas festhielten, wurden auf Deck geschleudert. Während Ta-hoding noch hinter dem Steuer herumrollte, schrie er bereits Befehle.
An plötzliche, unvorhersehbare Windstöße ge-wöhnt, war es den Matrosen in der Takelage besser ergangen als jenen auf Deck. Kein einziger war heruntergefallen, wenn auch ein paar von denen, die sich auf den obersten Rahen aufhielten, ein paar Minuten lang Mühe hatten, wieder etwas unter die Füße zu bekommen.