Die Moulokin-Mission

Alan Dean Foster · Kapitel 5 von 5 · Teil 1/3

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Die Moulokin-Mission

»Ihr habt die betreffende Frau gesehen, Mirmib.…

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.

»Ihr habt die betreffende Frau gesehen, Mirmib. Die Narben. Warum sollte dieser Landgraf seine Macht, seine Streitkräfte riskieren, nur um sie zu finden und sie noch mehr zu quälen?«

»Manche Herrscher können persönliche Beleidi-gungen nicht verwinden, wenn sie auch nur selten so extrem reagieren wie dieser Rakossa, Mylady. Haß kann ein ebenso mächtiger Eldur sein wie Li e-be. Die Grenze zwischen beiden ist oft nur schwer zu ziehen.« Sie tauschten einen Blick, den kein anderer hätte ergründen können. »Ich weiß nicht, was zwischen diesem Mädchen und diesem Land-grafen vorgefallen ist und kann darüber nur Speku-lationen anstellen. Aber eines kann ich mit Gewiß-heit sagen. Sollten sie sich je wieder begegnen, wird ohne Zweifel einer von beiden den Tod fin-den.«

Diese unbedeutende Sache beschäftigte Calonnin Ro-Vijar nicht. Wenn sie jetzt nach Arsudun zu-rückkehrten, würde er zum zweitenmal Trell ein Scheitern seiner Mission berichten müssen.

Die entscheidende Frage war: War die Slandersc-ree tatsächlich im Hafen von Mouloki n gewesen? Wenn ja, so konnte er sich einige weithergeholte Möglichkeiten vorstellen, was aus dem großen Eissegler geworden war. Seine >Ehreneskorte< hatte ihn effektiv daran gehindert, mit den Stadt-bewohnern zu reden oder einen von ihnen zu beste-chen. Und da ihm direkte Informationen fehlten, würde er extrapolieren müssen. Das war etwas, worauf er sich sehr gut verstand, etwas, das die Spiele, die er mit dem Menschen Trell spielte, inte-ressant machte.

Bei einem so hohen Einsatz wie dem, um den es hier ging, würde er Moulokin nicht verlassen, so-lange er nicht eindeutig in Erfahrung gebracht hat-te, was wirklich aus der Slanderscree geworden war.

15

Inzwischen waren genügend Tage verstrichen, in denen nichts Aufregenderes geschah, als daß sie über kiesigen Boden und spärliche Vegetation da-hinrollten, so daß Ethan sich jetzt förmlich ein oder zwei Geister herbeiwünschte, um die Reise etwas aufzulockern. Das Aufregendste bisher war, daß sie auf eine zwei Meter breite Spalte im Boden stießen, die so weit nach Osten und Westen reichte, wie chivlahme Spähtrupps das feststellen konnten. Man diskutierte zahlreiche Möglichkeiten, das Hindernis zu überwinden. Ein Maat empfahl, die Duralumku-fen vom Deck zu holen und sie dazu zu benutzen, die Spalte zu überbrücken.

Diesmal war es Ta-hoding, der die Lösung fand. Obwohl er nur geringes Selbstvertrauen besaß, war er von seinem neuen Kommando grenzenlos be-geistert. Trotz Ethans und Hunnars Besorgnis be-fahl er, daß der größte Teil der Mannschaft das Floß verließ. Die Slanderscree segelte einen weiten Bogen und raste dann mit geschwellten Segeln, den Wind direkt hinter sich, auf die Spalte zu.

Im letzten Augenblick wurden Rahen und Segeln so verstellt, daß sie möglichst viel Auftrieb liefer-ten. Wie ein fetter Vogel schob sich das Vorderen-de des riesigen Klippers himmelwärts. Nur die zwei vorderen Achsen flogen über die Spalte hinweg, ehe der Bug sich wieder nach unten senkte, aber das genügte. Masse und Geschwindigkeit reichten aus, um das ganze Schiff über den schmalen Ab-grund zu tragen, obwohl die Hinterachse mit ihren Rädern gefährlich nach innen schwankte.

Ta-hoding erklärte, daß sie schließlich Ersatzach-sen mit sich führten und für den Fall, daß sein Plan gescheitert wäre, immer noch irgendwelche Schä-den hätten reparieren können. Die Aussicht, in die-sem kühlen, bedrückenden Land aufgehalten zu werden, reichte aus, um selbst den vorsichtigen Kapitän zu Wagemut anzustacheln.

Am folgenden Tage erreichten sie den Rand des Plateaus. Die Sehnsucht der Matrosen nach dem grenzenlosen Eisozean, der zweihundert Meter unter ihnen und doch grenzenlos fern lockte, war für alle Maate und Offiziere offensichtlich. Auch sie spürten den Ruf des Eises.

Weiterhin auf Südkurs raste der Eisklipper paral-lel zu den jäh abfallenden Klippen dahin. An der Backbordseite dehnte sich karges Terrain, während steuerbordwärts das Eis schimmerte und darüber der blaue Himmel leuchtete.

Ta-hoding und seine Mannschaft hatten sich im Umgang mit dem Schiff auf Rädern derartiges Ge-schick erworben, daß Ethan sich jetzt keine Sorgen mehr machte oder sich gar abwandte, wenn sie unnötig nahe an den atemberaubenden Abgrund kamen. All diese Aktivität hinderte die Mannschaft daran, sich der gefährlichsten Art geistiger Müdig-keit hinzugeben, jener nämlich, die von Langeweile erzeugt wird.

»Ich fange an, mir ein wenig Sorgen zu machen, Jungchen.« September hielt sich an den Wandten fest, und sein Gesicht unter der durchsichtigen Maske ließ die Enttäuschung erkennen. »Hunnar und die anderen beginnen ebenso zu empfinden, und aus gutem Grund. Wir haben noch keinen ein-zigen Canyon gefunden, der dem von Moulokin gleicht. Das gibt einfach keinen Sinn, Junge.« Sei-ne Stimme klang angespannt, aber ruhig. »Daß es wirklich nur einen einzigen Canyon dieser Art gibt, der sich in den Kontinent eingegraben hat, meine ich. Da müssen doch auch noch andere sein.«

»Ich bin kein Geologe, Skua, aber ich muß zugeben, daß es mir auch seltsam vorkommt.«

September schnitt eine Grimasse, ein Ausdruck, der sich wie ein Wasserstrudel um einen scharfen, schnabelartigen Vorsprung seiner Nase legte. »Wenn wir auf demselben Weg zurück müssen, den wir gekommen sind, möchte ich wetten, daß die Poyos inzwischen ihre Untersuchung von Mo u-lokin abgeschlossen haben, und nachdem sie uns dort nicht gefunden haben, irgendwo anders hinge-zogen sind.« Der Gedanke schien ihn aufzuheitern.

»An diesem Punkt könnte das sogar der beste Kurs für uns sein. Ich glaube, ich werde mich mit dem Kapitän und Sir Hunnar unterhalten. Bleib gesund, Junge.« Er setzte sich heckwärts in Bewe-gung, blieb aber stehen, als Ethan zum Bug wies.

»Morgen haben wir vielleicht keine andere Wahl mehr, Skua.« Die steilen Berge, die seit Verlassen des Landes der Goldenen Saia den nördlichen und östlichen Horizont begrenzt hatten, rückten näher, begannen sich vor ihnen auszudehnen und drohten, den Weg nach Süden abzusperren. Also blieb ihnen nur der Weg, auf dem sie gekommen waren.

Die Hänge vor ihnen wirkten steiler als die, an denen sie so viele Tage entlanggerast waren. Spu-ren von Erosion, die auf unsichere Bergflanken deuteten, wurden sichtbar. Sie würden sicher um-kehren müssen, wenn sie nicht einen Paß durch diese neuen Hindernisse fanden. Die Slanderscree hatte sich als landtüchtig erwiesen, aber zum Er-klimmen von Bergen eignete sie sich nicht.

Wie Ethan prophezeit hatte, erreichten sie an je-nem Abend den ersten der niedrigen, aber doch steilen Berge. Sie beschlossen, im Windschatten des höchsten dieser Berge ein Lager aufzuschlagen. Am Morgen würden Kundschafter in mit großen Rädern versehenen Beibooten ausgeschickt wer-den, um im Westen eine Passage zu suchen, die der Eissegler passieren konnte. Die beiden Kundschaf-tertrupps würden maximal fünf Tage unterwegs sein. Diese Zeit würde die Mannschaft dazu benut-zen, um die notwendigen Reparaturen am Schiff durchzuführen, und versuchen, sich beschäftigt zu halten, bis die Kundschafter zurückkehrten.

Sinahnvor patrouillierte auf seinem Posten am Vorderdeck auf und ab, er fror in der fast wolken-losen Nacht, als etwas, das am Hang flackerte, ihm ins Auge fiel. Er blinzelte, öffnete und schloß seine doppelten Lider, aber das Flackern blieb. Es sah aus wie ein fettes Auge, das ihm durch die Nacht zublinzelte.

Zum Glück besaß Sinahnvor keine besonders üp-pige Fantasie. Dennoch ließ ihn etwas schaudern, und es war nicht die Kälte. Wer würde sich um diese Zeit des Nichtlichts vom Schiff entfernt ha-ben? Es hatte da einige Gerüchte über einen der Menschen und die Tochter des Landgrafen gege-ben, aber solche Geschichten trieben mehr Flöße an als die Winde.

Der Wachmann hob seine Öllampe etwas höher, schob die Stange etwas vor, an der sie über die Floßwand hinaushing. Es war doch seine Fantasie gewesen – nein, da war es wieder! Ganz deutlich, ein auf- und abblinkendes Licht, ziemlich weit o-ben an dem steilen Abhang, nicht höher als die oberste Rahe am Vormast.

Gerüchte, die weniger amüsant waren, schossen ihm durch den Kopf. Wenn dies wirklich ein Land der Geister war, war es dann möglich, daß es sich um irgendein nächtliches Schemen handelte, das vielleicht kommen und ihn von Deck holen würde? Und wer würde dann wissen, wann oder wie er entführt worden war?

Er blickte ängstlich in die Runde. Die beiden Monde standen hoch am Himmel, es war also schon fast Morgen. Nirgends bewegte sich etwas. Würde seine Ablösung dann nur die Lampenstange, seine Kleider und seine Waffen finden? Denn ohne Zweifel würde ein Geist sich nur für seinen Körper interessieren.

Monont sollte jetzt die Schiffswache haben. Er konnte jetzt stumm bleiben und dem geheimnisvol-len Licht ins Auge sehen und darauf warten, daß man ihm vielleicht die Seele durch den Mund stahl, oder er konnte in der Gesellschaft eines Kameraden Zuflucht suchen. Mit schwingender Lampe stieg er vom Bugspriet aufs Deck hinunter, ging an den vorderen Kabinen vorbei.

»Reines Eis und Wind um deinen Hals«, hallte aus der Dunkelheit eine Stimme. Sinahnvor drehte die Lampe herum. Sie beleuchtete das Gesicht ei-nes neugierigen Tran.

»Was machst du hier, fern deinem Posten, Si-nahnvor?« fragte Monont besorgt. »Wenn der Nachtmaat dich erwischt, mußt du…«

»Sei still, Monont!« flüsterte Sinahnvor eindring-lich. »Dort am Berg ist ein Auge!«

Der andere Posten musterte seinen Kollegen be-sorgt. »Du hast zuviel Bui gekaut.«

Aber Sinahnvors Stimme klang überzeugt. »Da du Zweifel an mir hast, komm und sieh selbst!«

»Ich darf meinen Posten nicht verlassen.«

»Wer erfährt es schon? Der Nachtmaat kommt erst zum Wachwechsel, und unsere nächsten Fein-de sind wenigstens hundert Satch hinter uns.«

»Das ist wahr. Ich werde kommen, aber nur kurz. – Narretei«, murmelte Monont dann noch und folg-te dem anderen Posten aufs Vorderdeck.

Sinahnvor bedeutete seinem Begleiter mit einer Handbewegung Schweigen und schob dann die Stange mit der Lampe über die Reling. Er bewegte sie langsam, während er die Bergflanke absuchte. Einige Sekunden lang war das Licht nicht zu sehen, und er hatte größere Angst vor der Geschichte, die Monont den anderen am Morgen erzählen würde, als vor irgend welchen Geistern, die sie vielleicht aufscheuchen könnten. Aber dann war der Funke wieder zu sehen, unverkennbar und deutlich. Er blieb so stehen wie die Lampenstange.

»Da! Hab’ ich es dir nicht gesagt?«

Der etwas prosaischer veranlagte Monont sah zum Berg hinüber. »Ja, wahrhaftig, dort ist etwas, aber ich glaube nicht, daß es ein Geist ist. Wer hät-te je von einem Geist mit nur einem Auge gehört? Sie haben mindestens vier.«

»Seh! Beleidige ihn nicht!«

»Das ist kein Geist, Freund Idiot.« Monont stieg auf die Reling und schwang den klauenbewehrten Fuß über die Seite. Sinahnvor beobachtete ihn be-sorgt.

»Wohin gehst du?«

»Zu dem Berg.«

»Du bist wahnsinnig! Tu es nicht, Monont! Die Geister ziehen dich in den Berg hinein und erträn-ken dich in Schlamm.«

»Ich dachte, die Geister der Hölle würden uns ho-len, als wir unter das Eis und ins Innere der Welt gingen. Die Menschen und Sir Hunnar Redbeard haben gesagt, solche Geschichten seien bloß Aber-glauben. Dann töteten sie den Teufel, der aus den Wassern der Nacht kam. Er hat gestunken wie ein geschlachteter Hessavar. Es fällt mir jetzt schwer, so wie früher an Geister und Dämonen zu glau-ben.«

Er glitt über die Reling und ließ sich an einem En-tertau hinunter.

»Monont – Monont!« Sinahnvor hob die Lampe höher. In ihrem schwachen Licht sah er, wie die undeutliche Silhouette seines Freundes den Fuß der Bergflanke erreichte und schwerfällig hinaufstieg. Die Silhouette verblaßte zu einem Schatten, und dann zur Erinnerung eines Schattens. Augenblicke verstrichen, lautlose Augenblicke, die nur das Kla-gen des müden Windes durchbrach. Aber wenn er auch keine Triumphrufe hörte, so wehte n doch auch keine anderen Schreie zu ihm herüber.

Als er dann die zurückkehrende Gestalt des ande-ren Postens ausmachen konnte, offensichtlich un-versehrt, war er sehr erleichtert.

»Was war es denn?« Er streckte den Arm aus und half Monont wieder auf Deck zurück.

»Hier ist dein Geisterauge. Ich mußte es ausgra-ben.«

Sinahnvor erkannte den Gegenstand zu seiner großen Überraschung sofort. »Das ist ja nur ein Purras, eine ganze gewöhnliche Schüssel, wie sie meine Frau benutzt. Seltsam, wie sie glänzt. Das Holz muß sehr glatt poliert sein.«

»Nimm es in die Hand«, drängte Monont. »Das ist kein Holz.«

Sinahnvor nahm den Gegenstand entgegen – und hätte ihn fast fallen lassen. Er bestand aus dicken, dichtem Metall und war an manchen Stellen stark verwittert, während er an anderen noch glänzte. Er kannte das Metall nicht.

Die beiden Wachen tauschten Blicke. Was für Leute lebten hier in dieser Eiswüste, Leute, die es sich leisten konnten, gewöhnliche, alltägliche Kü-chenutensilien aus massivem Metall anzufertigen? Man hortete Metall, um Waffen und Nägel und Werkzeuge daraus zu machen, nicht Schüsseln.

Sinahnvor verstand das nicht. Und weil er es nicht verstand, sagte er: »Ich glaube, wir sollten den Nachtmaat wecken.«

Der Offizier staunte über die Schüssel nicht weni-ger, als das die zwei Wachen getan hatten. Er ent-schied sich dafür, den zweiten Maat zu wecken, der seinerseits Ta-hoding wachrüttelte, der wiederum die drei Menschen, Sir Hunnar und die anderen Mitglieder des informellen Entscheidungsgremi-ums des Schiffes weckte.

Bald darauf war die gesamte Mannschaft wach und harkte und buddelte an der nahen Bergflanke herum. Ihre Lampen wirkten wie eine Versamm-lung verrückt gewordener Glühwürmchen.

Keiner der Menschen nahm an den Grabarbeiten teil. Ihre Schutzanzüge waren der nächtlichen Temperatur von minus siebzig Grad nicht gewach-sen. Außerdem bestand die Gefahr, daß ein Grabe-werkzeug die Hülle des Schutzanzuges verletzte, und die kalte Nachtluft, die dann eindringen würde, konnte menschliche Haut fast ebenso wirksam wie ein Strahl flüssigen Heliums zum Vereisen bringen.

Bei einem so großen Arbeitstrupp dauerte es nicht lange, bis einige Säcke mit Trophäen auf Deck untersucht werden konnten. Ethan spähte durch die Gesichtsscheibe seiner Maske (während der Nacht brauchte er keine zusätzliche Schutzbrille) und sah zwischen Holz und Erde eine wahre Schatzkammer von Gegenständen aus Metall. Auf den meisten Welten hätte man sie als bedeutungslos abgetan, aber auf dem metallarmen Tran-ky-ky deuteten sie auf eine verschwundene Zivilisation von ungeheu-rem Wohlstand hin. Da waren Messer, Utensilien aller Art, Gürtelschnallen, gravierte und zerbroche-ne Trinkgefäße, ja selbst Knöpfe und Nadeln aus Metall. Hunnar betastete einige der letzteren. Bis zur Stunde hatte er nie eine Nadel gesehen, die aus etwas anderem als Knochen bestand.

»Ungeheuer reich oder ungeheuer verschwende-risch«, murmelte er und blickte auf die Muster, die seine Öllampe auf das Deck zauberte. »Wir werden morgen noch sorgfältiger graben.«

»Wer könnte hier gelebt haben?« fragte Ethan.

»Keine Tran und auch keine Saia.« Der Ritter musterte eine wunderschön gearbeitete, fein zise-lierte Flasche aus Metall. »Für uns ist es hier zu verlassen und eislos und für die Saia ist es zu kalt. Aber das ist nicht das Werk von Geisterhand.« Seine Katzenaugen versuchten die windzerzauste Finsternis zu durchdringen. »Jemand hat hier ge-lebt…«

Am nächsten Tag wurden einzelne Abschnitte der Bergflanke markiert, je nachdem, wie vielverspre-chend sie sich in der Nacht erwiesen hatten. Die Grabtrupps lieferten einen beständigen Strom neuer Artefakte. Einige bestanden aus vertrauten Materia-lien, Holz und Bein, aber bei den meisten handelte es sich um verschiedene Legierungen, darunter auch einige, die weder September noch Williams auf Anhieb identifizieren konnten.

Erstaunlicherweise fand der Lehrer die hölzernen Artefakte am interessantesten. Als Ethan ihn nach dem Grund befragte, erwiderte er: »Weil sie darauf hindeuten, daß diese Region nach geologischen Begriffen nicht sehr lange verlassen gewesen sein kann. Zwar würde die kalte Luft Zellulosemateria-lien eine Weile konservieren, aber hier herrscht keine Wüstentrockenheit, und der Boden besitzt auch Mikroorganismen und Bakterien, die das Holz auflösen würden – auch wenn sie nicht sehr weit verbreitet sind.

Dieses Holz befindet sich in viel zu gutem Zu-stand, als daß es längere Zeit hier gelegen haben kann.«

Sie beschlossen, einige Tage zu bleiben und so viel wie möglich auszugraben. Doch bald sollte eine neue Entdeckung ihre Pläne ändern.

Die beiden Kundschaftertrupps, die man ausge-schickt hatte, um einen Paß durch die Berge zu finden, kehrten zurück. Ihr Bericht war so unmö g-lich, so mit Gesten, Ausdrücken und Adjektiven überladen, daß Ethan und seine Freunde alle Mühe hatten, ihn zu verstehen.

Während sie noch versuchten, ihnen unbekannte Ausdrücke zu enträtseln, begannen Ta-hoding und seine Mannschaft bereits mit fieberhaften Vorberei-tungsarbeiten, um sofort weiterzuziehen. An dem Punkte zog Ethan Hunnar in eine Ecke und weiger-te sich, ihn weitergehen zu lassen, bis der ihm er-klärt hätte, was vorgefallen sei.

»Suaxus, mein Junker, war im ersten Boot«, sagte der Ritter, der sich große Mühe gab, seine offe n-kundige Erregung unter Kontrolle zu halten. »Sie haben einen Paß durch die Berge gefunden. Nur daß es keine Berge sind.«

»Das verstehe ich nicht, Freund Hunnar«, drängte September.

»Sie haben diesen Paß durchquert und kamen auf der anderen Seite dieser Kette heraus. Es scheint, daß der Wind auf der anderen Seite kräftiger oder gleichmäßiger, oder auch beides, bläst. Was hier vergraben ist, liegt dort offen.« Er wandte sich um und wies auf die durchwühlte Bergflanke.

»Das sind keine Berge, das sind Bauwerke.« Und damit ließ er Ethan stehen, ehe der ihm weitere Fragen stellen konnte.

Nur Williams nahm die neue Nachricht ruhig auf. »Das leuchtet ein, ganz davon zu schweigen, daß es die Vielzahl der Artefakte erklärt, die wir gefunden haben.« Der Eisklipper raste bereits auf den jüngst entdeckten Paß zu. »Es gibt ähnliche vergrabene Städte auf vielen Welten des Commonwealth, E-than. Die selben Winde, die eine antike Metropole zudecken, können sie später auch wieder freile-gen.«

»Angenommen, bei dem, was wir gefunden ha-ben, handelt es sich wirklich um eine Stadt – wer hat sie dann erbaut?«

Der Lehrer musterte Etha n und schürzte die Lip-pen. »Wer weiß? Die Tran offensichtlich nicht, und die Saia auch nicht, obwohl man ihnen nachsagt, viel über dieses Land zu wissen. Wenn wir Glück haben, werden wir es herausfinden. Vielleicht wa-ren das die Leute, die auf Tran-ky-ky gelebt und den Saia ihre Legenden von den anderen Welten übermittelt haben.«

Der Paß erwies sich als viel breiter und glatter, als sie gehofft hatten. Die Spalte zwischen den Bergen war so gerade, daß sie eigentlich nicht von den Kräften der Natur geschaffe n sein konnte. Ethan fragte sich, ob sie wohl nicht zu guter Letzt auf ein Pflaster stoßen würden, wenn sie genügend tief gruben?

Als sie den Paß hinter sich gelassen hatten, bogen sie nach Osten, landeinwärts, weg von den Klippen. Sie brauchten nicht weit zu fahren. Auch hier wa-ren Erde und Felsgestein aufgetürmt, aber man konnte eine Menge Mauerwerk sehen, das sich dem Himmel entgegenreckte, so daß Ethan sich unwill-kürlich an einen Friedhof erinnert fühlte. Nur daß es hier die Gebeine toter Gebäude waren, die frei dastanden.

Der Boden stieg hier nicht in einem glatten Hang himmelwärts, sondern in Terrassen. »Siehst du?« rief Williams und deutete auf verschiedene Stein-anordnungen und Spuren auf jeder Etage. »Das ist kein einzelnes Gebäude, wie die Kundschafter an-nahmen, sondern eine ganze Anzahl von neuen Strukturen, die man jeweils über den alten errichtet hat. Jedes Mal, wenn ein älteres Gebäude begraben wurde, bildete es das Fundament für das nächste, das man an derselben Stelle errichtete. Eine Stadt auf dem Skelett der alten.« Seine Hand wies ost-wärts.

»Wir sehen uns hier einer ganzen Folge von Städ-ten gegenüber, nicht einer Ansammlung monume n-taler Gebäude. Wir können nur raten, wie weit sie sich erstreckt. Da wir uns praktisch, seit wir Mou-lokin verließen, parallel zu ähnlichen Bodenerhe-bungen bewegt haben, ist es durchaus möglich, daß überall ähnliche Städte begraben liegen. Vielleicht bilden sie den Teil einer einzigen langen Metropo-le, die mindestens einige hundert Kilometer lang ist.«

Die Mannschaft reffte alle Segel und verankerte den Eissegler gegen den Wind. Alle, die nicht Wachdienst hatten, gingen über Bord, um die ko-lossale Architektur zu bestaunen.

»Eines verstehe ich nicht.« Williams versuchte sich die Augen zu reiben, erinnerte sich seiner Maske, schob sie etwas hoch, um mit dem Finger darunterzufahren. »Man möchte annehmen, daß die obersten Bauten in Ausführung und Konstruktion am fortgeschrittensten sind. Und doch scheint mir die Architektur, nach allem, was ich sehen kann, von oben bis unte n und von Stadt zu Stadt prak-tisch identisch zu sein.«

»Ich möchte wissen, wer für all das verantwort-lich ist.« Ethan tänzelte vorsichtig über das feine, aber schlüpfrige Geröll. »Jetzt bin ich noch siche-rer, daß es nicht die Tran waren. Sieh dir doch die-se Bögen an, diese alten Fenster.« Er balancierte auf einem halb vergrabenen, rechteckigen Block, der wahrscheinlich einige Tonnen wog, und deutete bergauf nach rechts.

»Und dieses Gebäude dort drüben, das fast frei daliegt. Das Dach ist viel zu flach, um die An-sammlung von Schnee zu vermeiden, und scheint aus Glas zu sein. Ein Oberlicht auf Tran-ky-ky? Nicht bei der Qualität von Glas, das die Tran ma-chen. Der schwächste Windstoß würde es zerdrü-cken. Es sei denn, es ist mehr als normales Glas.«

»Vielleicht haben es doch die Saia gebaut und es vergessen, Jungchen«, meinte September. »Ein etwas selektives Gedächtnis in solchen Dingen könnte ihnen die Peinlichkeit ersparen, zuviel Wis-sen preiszugeben.«

Ein Gebäude nach dem anderen legten sie frei: Wohnungen, Lagerhäuser, öffentliche Versamm-lungsorte, selbst etwas, bei dem es sich um ein offenes Amphitheater zu handeln schien. Ein offe-nes Stadion auf Tran-ky-ky!

Es bedurfte keiner dreißig Jahre Erfahrung, auch nicht mehrerer wissenschaftlicher Grade für Tran oder Menschen, um daraus auf ein Klima zu schließen, das völlig anders als das der Gegenwart war. Nachdem Williams diesen Schluß gezogen hatte, überließ er die Archäologie Eer-Meesach und den anderen. Mit Hilfe der primitiven Navigations-instrumente der Tran und der unzureichenden, aber nützlichen, die den Schutzanzügen beigegeben waren, widmete er sich einer gründlichen Untersu-chung der Sterne. Keine noch so sorgfältig geform-te Metallschale, oder eine detaillierte, in den Stein gehauene Inschrift konnte ihn von seinem plötzli-chen, geradezu fanatischen Interesse für Astrono-mie ablenken. Der vakuumklare Himmel, die Navi-gationskarten der Tran und ihre alten Legenden schienen ihn noch in seiner Entschlossenheit zu bestärken, seine einsamen nächtlichen Studien fort-zusetzen. Ethan konnte sich vorstellen, was der Lehrer zu beweisen versuchte.

Aber damit hatte er nur teilweise recht.

Als Ethan schließlich seinen Argwohn zu bestäti-gen suchte, fand er den Lehrer ins Gespräch mit Ta-hoding vertieft. »Ich will nicht stören, Milliken, aber ich möchte gerne wissen – warum eigentlich dieses plötzliche Interesse für die lokale Astrono-mie? Ich hätte geglaubt, du würdest in den Städten herumwühlen, statt hier, draußen auf Deck des Nachts zu erfrieren. Du versuchst doch, Beweise zu finden, daß das Klima hier einmal viel wärmer war, nicht wahr?«

»Nicht nur hier auf diesem Plateau.« Damit äu-ßerte Williams nur, was für ihn offensichtlich war. Sein herablassender Ton war keineswegs beleidi-gend gemeint. Ethan war noch nie einem weniger sarkastischen menschlichen Wesen begegnet. »Ü-berall auf Tran-ky-ky. Die greifbaren Beweise in der vergrabenen Metropole im Verein mit dem wenigen, was ich bisher berechnen konnte, deuten darauf hin, daß das so war. Und was noch wichtiger ist, es ist zugleich auch ein Hinweis darauf, wer diese aufeinanderfolgenden Städte gebaut hat.«

»Mach es nicht so spannend, Milliken. Wer war es? Die Tran, die Saia, oder ein heute ausgestorbe-nes Volk? Ich wette, daß letzteres der Fall ist, und daß die Erbauer dann starben, als es plötzlich über-all kälter wurde. Die Saia waren ihre Zeitgenossen und bewahren die Erinnerung an sie in den Lege n-den.«

»Das wäre plausibel, entspricht aber wahrschein-lich nicht den Tatsachen.« Er tippte etwas in den Rechner, der in seinen Ärmel eingebaut war. »Die-se Städte wurden sowohl von den Tran als auch den Saia gebaut.«

Ethan mußte an sich halten, um nicht laut aufzu-lachen. »Das ist verrückt, Milliken. Hier ist es jetzt für die Saia viel zu kalt, und wenn sie diese Städte gebaut hätten, würden sie sich doch ganz bestimmt daran erinnern. Und für die Tran ist das hier jetzt zu verlassen. Und wenn man davon ausgeht, daß das Klima wärmer war, dann muß es früher für sie zu heiß gewesen sein.«

»Damit vernachlässigst du den wichtigsten Punkt, weil…« Williams hielt inne, atmete tief. »Es kommt nicht nur darauf an, daß es früher einmal heiß war und jetzt kalt ist, Ethan. Ich glaube, daß Tran-ky-ky eine Störung seiner Bahn um seine Sonne aufweist, deren Periodizität berechenbar ist.«

»Ich weiß nicht, was ich sagen soll.«

»Ich werde versuchen, dir das zu erklären. Jeder erfahrene Astronom hätte es binnen einer Woche feststellen können, wenn man ihm die richtigen Fakten geliefert hätte. Aber der einzige Astronom, der diese ferne Welt besucht hat, war die Drohne der ersten Forschungsexpedition, die Tran-ky-ky entdeckte. Und die Regierung des Commonwealth interessierte sich in allererster Linie für die Tatsa-che, daß es sich um einen bewohnbaren Planeten mit stabilem Klima und ebensolcher Flora und Fauna handelte. In den Akten über Tran-ky-ky werden relativ langfristige Änderungen auftauchen, aber es gibt keinen Anlaß, vor Beginn der nächsten Periode etwas zu unternehmen.«

»Welche nächste Periode?«

»Eine Warmwetterperiode. Ich würde, ganz grob gesagt, schätzen, daß es eine bestimmte Ära der Kälte gibt, der eine kürzere Periode warmen Kli-mas folgt, während der Planet näher an seiner Son-ne vorbeizieht. Sagen wir zehntausend Jahre. Der Übergang vom kalten zum heißen Wetter vollzieht sich relativ schnell, da die Orbitalgeschwindigkeit von Tran-ky-ky, je näher er seinem Zentralgestirn kommt, zunimmt, und dann wieder abnimmt, wäh-rend er in die Kaltzone hinausfliegt. Das ist eine eigenartige Situation, und ich kenne die Einzelhei-ten nicht genau, aber ich bin sicher, daß es so ist.

Überlege doch, was das für diesen Planeten be-deuten würde.« Er sprach wie aus weiter Ferne, und sein Blick schien Ereignisse zu erfassen, die in Zeit und Raum entfernt waren. »Während der heißen Periode schmelzen die Eisozeane, und zwar sehr schnell. Der Meeresspiegel steigt dann und überflu-tet Inselstaaten wie Sofold und einen großen Teil von Arsudun. Sofold ist in Wahrheit auf der Spitze eines Meeresgebirges erbaut, während die Berg-spitzen von Poyolavomaar dann echte Inseln wer-den.« Plötzlich ließ er den Blick sinken und sah den anderen verlegen an.

»Das war es, was mich am Moulokin-Canyon so verblüfft hat.« Ethan erinnerte sich an die Verwir-rung des Lehrers bezüglich der Geologie des Cany-ons.

»Es ist in Wirklichkeit gar kein Flußcanyon, ob-wohl es einem ähnelt. In Wahrheit handelt es sich um einen ausgetrockneten Unterseecanyon, einen von der Art, wie sie einen Kontinentalsockel bis auf den Meeresgrund durchschneiden. Die Klippen des Plateaus, an denen wir so lange entlanggesegelt sind, sind in Wahrheit der alte Kontinentalsockel. Und jetzt«, meinte er befriedigt, »jetzt bin ich be-reit, Artefakte auszugraben. Aber nicht in den Städ-ten. Nein, hier, unter dem Schiff.«

»Augenblick. Was erwartest du unter dem Schiff zu finden? Was wolltest du sagen, als du behauptet hast, die Tran und die Saia hätten die Metropole gebaut?«

»Das sage ich dir in ein paar Tagen, Jungchen«, sagte er, September nachäffend.

Es sollte genau zwei Tage dauern. Was der Lehrer entdeckte, war bei weitem nicht so spektakulär, dafür aber viel wichtiger als alle anderen Gegens-tände, die man bis jetzt in den >Gebäuden< ent-deckt hatte.

Er breitete sie auf einem Tisch in der Zentralkabi-ne aus, wo Menschen wie Tran sie sehen konnten. »Seht«, begann Williams, »das dort drüben sind Insekteneier.« Er wies auf einen Haufen ovaler, winziger, weißer Perlen. »Versucht eines zu öffnen. Die Schale ist so zäh wie Stelamik. Ich mußte me i-nen Strahler benutzen, um an den Inhalt heranzu-kommen. Tiereier.« Er wies auf ähnliche Gegens-tände, nur daß diese größer und vielfarbig waren. »Samen, würde ich denken.« Er wies auf eine An-sammlung schwarzer und brauner, vorwiegend kugelförmiger Gegenstände. »Die konnte ich mit dem Strahler kaum aufkriegen.

Wenn die Temperatur steigt und die Ozeane schmelzen, gibt es ohne Zweifel heftige Regenfälle. Das fördert dann nicht nur geradezu eine Explosion des Wachstums auf dem Lande, sondern eine sol-che drastische Veränderung tötet auch die Pika-Pina und die Pika-Pedan. Trotz solcher Verände-rungen ist es einigen Pflanzen gelungen, die Kälte-perioden zu überleben. Denkt nur an das gelbe Gras und die einzelnen Drahtbüsche, an denen wir in den letzten Tagen vorbeigekommen sind. Diese Gräser und die unbekannten Abarten, die in diesen Samen verborgen sind, übernehmen das Land. Die Pika-Gewächse ziehen sich zu den Polen zurück und warten dort auf die Rückkehr der Kälteperiode. Wir haben ja gesehen, wie schnell sie wachsen. Sie könnten sich in sehr kurzer Zeit von den Polen wieder herunterschieben, vielleicht auch noch von isolierten Einschlüssen an den Ufern, um erneut die beherrschende Pflanzenspezies zu werden.

Ich wünschte, ich hätte hier ein vernünftiges La-bor. Diese Eier… irgendwie überleben sie dreißig-tausend Jahre, ehe das Land wieder warm wird und sie befreit. Das ist wichtig, weil es zu der Zeit ziemlich desorganisierte Leute geben muß, die herumwandern und nach Nahrung suchen.

Die Goldenen Saia sind gar keine andere Abart der Tran, und die Tran sind auch keine Spezies der Saia.« Er wies auf Hunnar, auf Elfa, auf Ta-hoding. »Ihr und die Saia seid die gleiche Rasse.«

Ein Maat gab einen angewiderten Laut von sich.

»Die Saia sind die Warmwetterausführung der Tran. Während des Einbruchs der Kälte entwickeln jene, die den radikalen Wetterumsturz überleben, einen dicken Pelz. Flügelähnliche Dan erscheinen, und die Fußklauen dehnen sich aus, wachsen und werden zu Chiv, mit denen man über das Eis glei-ten kann.« Er setzte sich hinter seinen Tisch leben-der Fossilien.

»Überlegt doch, was eine solche Umwälzung in einer sich entwickelnden, aber immer noch primiti-ven Gesellschaft bewirken würde: Hungersnot, Tod durch Hitze, die fast sofortige Vernichtung vertrau-ter Lebensmittelvorräte. Die Seereise unmöglich, das völlige Abreißen interkontinentaler Verbin-dungswege. Eine drastische Reduzierung der Be-völkerung – was das Ausmaß dieser Städte im Ver-gleich mit den gegenwärtigen Tranansiedlungen erklärt.

Das erklärt auch, Hunnar, weshalb deine Leute sich keine Erinnerung an eure Ahnen aus der Zeit des warmen Wetters bewahrt haben. Das Überleben erfordert mehr als jede wache Minute der verstör-ten Überreste jener Zivilisation des heißen Klimas. Die wichtigen Dinge, die man den vor Kälte zit-ternden Kindern überliefern muß, bestehen allen-falls noch in der Kunst, Feuer zu machen oder Na h-rung zu kochen. Geschichte ist da nicht wichtig. Angesichts der Frequenz des Wärme -Kälte-Zyklus habt ihr nie eine Chance, als Rasse sozusagen Atem zu holen.«

»Kein Eis – frei fließendes Wasser in den Ozea-nen?« Hunnars Ausdruck verriet gleichzeitig Schrecken und Unglauben, so als hätte jemand ihm zweifelsfrei bewiesen, daß die Welt eine Scheibe sei.

»Kein Eis«, sagte Ethan langsam, »und wahr-scheinlich auch keine richtigen Winde. Regen statt Schnee und Eispartikeln – Gutes-Wasser-das-vom-Himmel-fällt«, übersetzte er schwerfällig, als ihm einfiel, daß die Tran kein Wort für den Begriff Re-gen hatten.

»Kein Eis.« Hunnar schien außerstande, über je-nes unglaubliche Konzept hinwegzukommen. »Da könnte man bis zum Mittelpunkt der Welt stürzen.«

»Wasser kann einen auch tragen, Hunnar, wenn auch nicht so gut wie Eis.« Ethan verzichtete auf den Versuch, dem Tran zu beschreiben, was schwimmen bedeutete.

»Ein Grund mehr für diese Konföderation.« Sep-tember holte sie in die Gegenwart zurück, riß sie aus Spekulationen über Vergangenheit und Zu-kunft. »Wenn man diese Informationen ein paar Bürokraten des Commonwealth in den richtigen Agenturen übermitteln kann, würde das eine so große, wichtige Veränderung bedeuten, daß… nun, ich kann es gar nicht in Worte kleiden, was es für dein Volk bedeuten würde, Hunnar.

Mehr oder weniger würde es bedeuten, daß das nächste Mal, wenn eure Welt sich erwärmt und ihr eine nette, blühende Gesellschaft entwickelt, richtig in Gang kommt, daß dann, wenn sie wieder kalt wird, die Technologie des Commonwealth da sein wird, um euch zu helfen, damit zurechtzukommen. Vorausgesetzt, es gibt dann ein Commonwealth. Ich gebe keine Prophezeiungen für irgendeine Re-gierung ab. Die haben so eine Art, sich selbst zu vernichten.

Und dann wäret ihr imstande, zum erstenmal eine wahrhaft planetarische Gesellschaft zu entwickeln, Kontinuität der rassischen Entwicklung und Ge-schichte zu entfalten, die eure Welt jedes Mal wie-der zunichte gemacht hat, sobald sie richtig in Gang gekommen war.

Aber es wird niemandem etwas nützen, wenn wir dieses Wissen nicht zu den Commonwealth-Behörden tragen und ihnen zeigen, daß es hier eine Welt gibt, die danach schreit, den assoziierten Sta-tus zu bekommen und anerkannt zu werden.«

16

Bis sie auf die Versammlungshalle stießen, ver-gingen einige Tage. Der eindruc ksvolle Kuppelsaal war von einem mächtigen Erdrutsch verschüttet worden. Der unsichere Boden ließ Ethan und ein paar andere zögern, ehe sie eintraten, obwohl die Decke noch intakt und daher dem Anschein nach stabil war. Aber Williams und Eer-Meesach waren nicht zurückzuhalten. Aridere folgten ihnen, wenn auch etwas zögernd, in den größten umschlossenen Raum, den sie bis jetzt auf Tran-ky-ky gefunden hatten.

Aus Stein und Metall so solide gebaut, daß sie das kumulative Gewicht von Erdreich, Felsen und den Bauten darüber trug, war die Kuppel mit Fresken und Mosaiken bedeckt, die die meisten der An-nahmen von Williams schlüssig bewiesen.

»Du hattest nicht ganz recht, mein Freund.« Eer-Meesach strich mit dem Finger über eine der Wandfresken. »Das gelbliche Gras vertreibt Pika-Pina nicht, sondern ist vielmehr eine Warmwetter-variante davon, so, wie die Goldenen Saia Warm-wetterversionen von uns Tran sind.«

Williams studierte die Fresken und nickte dann langsam. »Wahrscheinlich werden die Nährstoffe, die in den Pika-Pina und -Pedan konzentriert sind, landeinwärts befördert und helfen mit, die schla-fenden Grasländer zu beleben.«

»Aber was ist das?« Der alte Zauberer deutete auf eine Vielfalt kleiner Gebilde, von denen ein jedes anders aussah als das nächste. An dem kahlen Stein hingen noch Überreste der alten Farben.

»Erinnerst du dich nicht vom Land der Saia dar-an?« fragte Elfa. Sie wandte sich zu Ethan. »Wie hast du sie genannt?«

»Blumen.« Er trat zu ihr und wich dabei den Stei-nen und Felsbrocken aus, die den Boden übersäten. »Das Pika-Pina blüht also, ehe es den Gräsern weicht. Milliken, vielleicht hat jedes Geschöpf, das auf Tran-ky-ky fliegt, schwimmt oder chivaniert, sowohl eine heiße als auch eine kalte Variante. Dieses Geschöpf dort an der Wand, ist das nicht ein Stavanzer?«

»Nein«, widersprach Hunnar. »Diese seltsamen Dinge, die es vorne…«

»Kiemen!« schrie Ethan. »Der Stavanzer hat mich immer schon an Wale erinnert. Die rudimentären Kiemen zeigen sich erst, wenn die Ozeane zu Was-ser werden. Ein Stavanzer könnte niemals sein ei-genes Gewicht auf Land tragen.«

»Ich bin sicher«, fügte Williams hinzu, »daß das Geschöpf lange genug als Amphibie existieren könnte, um den Übergang auf die Wasserexistenz abzuschließen.«

»Ich würde gerne diese Dinge sehen, die du >Kiimehn< nennst.« Hunnar nahm ein Messer vom Gürtel und reichte es, mit dem Griff voran, Willi-ams. »Geh und töte einen Stavanzer, und dann helf ich dir, hineinzuschauen.« Gelächter von Menschen und Tran hallte durch den Saal und erzeugte ein Echo, das keineswegs gespenstisch klang.

Eine Woche später war die Slanderscree mit einer Ladung angefüllt, die ebenso ungewöhnlich wie vielfältig war. Da gab es tonnenweise Schnitzarbei-ten, Artefakte und Mosaikstückchen. Genügend Beweise der wechselhaften Geschichte Tran-ky-kys, sowohl was die Soziologie als auch was das Klima anging, um auch den stursten Bürokraten oder Landgrafen von der Wahrheit zu überzeugen.

September und Ethan waren wieder damit be-schäftigt, Geschichte und Zukunft der Tran zu dis-kutieren, als die letzten Stücke der Ladung in den Stauräumen unter Deck untergebracht wurden.

»Vermutlich haben die Saia auf ein paar Konti-nenten zusammengelebt, Junge«, sagte der Riese. »Damit beschäftigt, eine neue Zivilisation zu er-richten, bis die Kälte sie wieder auslöschte und sie zwang, sich auf die Inseln zu verteilen, um dort in kleinen Gruppen zu überleben. Je unwirtlicher das Klima, desto mehr Land braucht man gewöhnlich, um die Leute zu ernähren.

Jetzt da wir beweisen können, daß sie einmal alle zusammengelebt und auch zusammengearbeitet haben, sollte es leichter sein, sie dazu zu bewegen, das wieder zu tun.« Und wie um seinen Worten mehr Nachdruck zu verleihen, beendete er seine Ausführungen mit einem kräftigen Rülpsen.

Als sie viele Tage später die Beweise im dampf- und nebelverhüllten Land der Goldenen Saia vor-legten, nahmen diese das Unwiderlegbare in der für sie typischen Weise entgegen, nämlich ohne ir-gendwelche Gefühle zu zeigen. Nur ihre Worte verrieten ihre wahre Erregung. Hier war der Beweis für den größten Teil ihrer Legenden, und zwar mit einem Wissen untermauert, das niemand für mö g-lich gehalten hatte. Williams und Eer-Meesach konnten sich aus den Legenden große Teile der Geschichte ergänzen, die der stumme Stein und ebenso die stummen Wände ihnen nicht hatten offenbaren können.

Im Gegensatz zu der schwierigen Fahrt canyo-naufwärts kam es bei der Rückkehr vorwiegend darauf an, das Schiff auf Kurs zu halten. Der An-trieb bereitete keine Probleme, schließlich schob der Wind, der vom Plateau herunterwehte, unabläs-sig an ihrem Heck.

Als sie den Eisrand erreichten, brachte der Kapi-tän das Schiff zum Stehen, worauf Hunnar und eine kleine Gruppe von Matrosen nach Moulokin chiva-nierten. Man erwartete, daß sie mit Schiffszimmer-leuten, Kranen, Werkzeugen zurückkehrten, um beim Entfernen der Räder und Achsen und dem Einbau der fünf massiven Duralumkufen zu helfen.

Ihre Ankunft in der geschäftigen Schiffbaustadt erweckte dort großes Erstaunen. Weder der Land-graf Lady K’ferr, Minister Mirmib noch irgendei-ner der anderen, die in die Reise der Slanderscree eingeweiht waren, hatten erwartet, ihre Mannschaft je wiederzusehen. Sie waren sicher gewesen, daß die Geister der Toten, die in der großen, hohen Wüste lebten, die gesunden Körper der Matrosen an sich reißen würden, um in körperlicher Form durch die Lande der Geister wandern zu können.

Sir Hunnars hastige, nicht besonders präzise Schilderung ihrer Entdeckungen erzeugte mehr Verwirrung als Klarheit. Schließlich gab er den Versuch auf, etwas zu erklären, das er selbst nicht ganz begriff.

Am folgenden Tage kehrte er in Begleitung einer großen Anzahl von Fachleuten aus den Werften der Stadt zur Slanderscree zurück. Eer-Meesach konnte ihre Entdeckungen besser erklären. So belehrt, machten sie sich daran, den großen Klipper wieder eistüchtig zu machen.

»Was ist mit der Flotte aus Poyolavomaar?« frag-te Ethan etwas zögernd den Anführer des mouloki-nesischen Trupps.

Der vierschrötige Tran überließ die Installation einer Duralumkufe seinen Kollegen. »Sie blieben noch zehn Tage nach eurer Abreise in dem Land der Goldenen Saia, Sir Ethan, und entfernten sich dann. Seitdem sind nur wenige Schiffe nach Mo u-lokin gekommen. Und keines von ihnen hat sie gesehen, obwohl zwei eine große Zahl von Kufe n-spuren erwähnten, die nordostwärts führten.«

»Nach Poyolavomaar.« Ethan wollte immer noch nicht ganz glauben, daß der wahnsinnige Rakossa und Ro-Vijar von Arsudun so schnell klein beige-geben hatten, auch wenn alle Beweise dafür spra-chen.

»Es ist so. Auch hat keines unserer eigenen Schif-fe sie gesichtet, obwohl zwei immer noch weiter draußen suchen, um sich zu vergewissern, daß sie wirklich abgezogen sind. Aber ich glaube, man kann schon mit einiger Gewißheit sagen, daß sie sich anderswohin begeben haben, nachdem sie euch nicht hier fanden.«

»Das bezweifle ich.« Ethan blickte in die Runde, wer sich seiner Meinung anschloß. Teeliam Hoh überwachte die Montage der vorderen backbordsei-tigen Kufe, während der Vorarbeiter Teeliam an-starrte, aber ihre Gedanken waren nicht bei dem komplizierten Vorgang, der dort unten stattfand.

»Tonx Rakossa würde mich nie entkommen las-sen, solange noch ein Funken Leben in ihm ist. Solange ich in Freiheit bin, können seine Gedanken sich auf nichts anderes konzentrieren.«

»Vielleicht hat er sich mit Ro-Vijar gestritten«, meinte Ethan halb im Scherz, »und hat verloren.«

»Hoffentlich nicht.«

»Was? Aber Ihr sagtet doch…«

Sie starrte ihn an, und ihre kalten Katzenaugen waren so schwarz wie die Wasser unter der See auf Eis. »Wenn er von jemand anderem, einem Unbe-kannten, weit entfernt von hier getötet werden soll-te, wenn er umkommen sollte, ehe wir uns wieder begegnen, beraubt mich das der Chance, ihn selbst zu töten.« Sie sprach ganz ruhig, als spräche sie über die selbstverständlichste Sache der Welt.

»Natürlich. Daran hätte ich denken müssen.«

Sie fuhr fort, ihn anzustarren, den Kopf etwas zur Seite gelegt. »Ihr glaubt, uns zu kennen, nicht wahr, Sir Ethan?«

»Euch kennen?« Ethan war über die seinen Aus-druck verzerrende Gesichtsmaske und die Schutz-brille dahinter froh. »Teeliam, ich lebe jetzt seit mehr als einem Jahr auf Tran-ky-ky.«

»Dann ist es wahr, daß Ihr wahrhaft glaubt, uns zu kennen. Ich habe es in Euren Gesten gesehen, in der Art und Weise, wie Ihr mit Euren Gefährten aus diesem fernen Lande Sofold sprecht. Aber Ihr ver-steht uns nicht. Als ich davon sprach, dieses Ding zu töten, sah man das an Eurem Körper und Eurer Art, die Worte zu bilden.

Ihr seid…« Sie hielt inne, lächelte halb, »viel zu zivilisiert, in dem Sinne, in dem Ihr, glaube ich, jenen Begriff benutzt, denn trotz allem, was Ihr mit dem hervorragenden Sir Hunnar und meiner guten Freundin Elfa geteilt habt, sind sie immer noch nicht Teil von Euch noch Ihr von ihnen. Sie sind Teil von mir und dieser Welt. Ihr werdet das nie ändern.« In ihrer Stimme klang Stolz und eine Spur von Arroganz.

»Vielleicht nicht.« Er wußte, daß es keinen Sinn hatte, mit einem solch widerspenstigen Kunden zu streiten. »Ich kann mir nur Mühe geben, den Le u-ten nach besten Kräften zu helfen, die mir inzwi-schen so viel bedeuten.«

Teeliam brummte Unverständliches und chiva-nierte davon. Ethan konnte nicht sagen, ob sie da-mit einer Meinung Ausdruck verlieh, die ihr tiefes Empfinden aufzwang, oder ob ihre herausfordern-de, mürrische Art einfach ein Wesenszug war, den Rakossas Handlungen in ihr geweckt hatte n. Es war durchaus möglich, daß sie glückliche oder optimi s-tische Leute einfach nicht mochte.

Oder solche männlichen Geschlechts.

Dennoch mußte er über das, was sie gesagt hatte, nachdenken, auch wenn man es ohne ihre emotio-nelle Betrachtungsweise sah. Wie gut kannte er denn die Tran wirklich? Er betrachtete Elfa, Hun-nar und viele andere als seine Freunde. Dennoch mußte er zugeben, daß es Anlässe gab, wo er ihre Überlegungen einfach nicht enträtseln konnte, e-benso wenig wie sie die seinen. Waren sie etwa dazu verdammt, für immer als eine Art psychologi-sche Brieffreunde zu existieren, fähig, miteinander in Verbindung zu treten, aber nur über eine endlose geistige See der Fremdheit hinweg. Es war in der Tat möglich, daß er sie nicht so gut begriff, wie er dachte. Was freilich das betraf, daß er sie nie ken-nen lernen würde, so hoffte er, daß dies die vorder-gründige Meinung von jemandem darstellte, der es gewöhnt war, nur in absoluten Werten zu denken.

Doch eines wußte er sicher. Obwohl Teeliam an-derer Ansicht war, würde der Kontakt mit dem Commonwealth und die Mitgliedschaft in ihm die Tran und ihre Welt verändern. Auch anderen primi-tiven Völkern war es so ergangen. Einige waren bereits zu gleichem Status mit Menschen und Thranx aufgestiegen und nahmen voll an der Re-gierung teil. Andere gaben sich große Mühe, dort-hin zu gelangen. Beharrlichkeit im Verein mit der wohlwollenden Überwachung seitens der Regie-rung und der Vereinigten Kirche würden jeder noch nicht ganz soweit entwickelten Gesellschaft dabei helfen, den Übergang zu einer modernen Raum-fahrttechnologie mit so wenig Wachstumsschmer-zen wie möglich zu erreichen.

Daß es manchmal Schmerzen gab, war nicht zu leugnen, nicht einmal vor sich selbst. Aber dieser Schmerz würde beträchtlich gemildert werden, sobald sie nach Brass Monkey zurückkehrten und die Nachricht von ihrer Entdeckung an die entspre-chenden Behörden übermittelten – dies hatte den Vorrang vor der Aufnahme neuer Staaten in die Konföderation. Er bezweifelte nicht, daß es ihnen möglich sein würde, einen weiten Bogen um Poyo-lavomaar zu schlagen und unangefochten nach Arsudun zurückzukehren.

Jetzt geriet er aus dem Tritt. Was konnten sie tun, was sollten sie tun, sobald sie den fernen Homanx-Außenposten erreicht hatten? Bei wem konnten sie sich melden? Er war sich immer noch nicht sicher, wie weit Jobius Trell sich mit Calonnin Ro-Vijar eingelassen hatte. Es bestand durchaus die Mög-lichkeit, daß Trell direkt mit dem Landgrafen von Arsudun kollaborierte – September schien dies zu glauben, aber Beweise dafür besaßen sie nicht.

Nicht daß er geneigt gewesen wäre, die Meinung des Riesen einfach in den Wind zu schlagen. Mehr als einmal hatte September Andeutungen gemacht, daß er in höherem Maße gewöhnt war, mit den oberen Etagen der Macht zu verhandeln, und so war es ihm keineswegs neu, die Motive und die Handlungen der Mächtigen dieser Welt zu analy-sieren.

Man bedenke also, daß Trell der Homanxko m-missar auf Tran-ky-ky war, daß er alle Aspekte dieser Welt kannte. Brass Monkey hatte ein paar Friedenshüter, die dort mehr aus dem Grunde stati-oniert waren, um die Eingeborenen vor den Ho-manx zu schützen als umgekehrt. Standen sie mit Trell im Bunde, oder direkt mit Ro-Vijar? Und was war mit den Zollagenten, dem Hafenmeister Xena-xis, ganz zu schweigen von den Computern und den sonstigen Datenverarbeitungsmaschinen?

Wem inmitten der bescheidenen menschlichen Kolonie des Außenpostens konnten sie solch epo-chemachende Entdeckungen anvertrauen? Wer würde Informationen dieser Art nicht nur aufzeich-nen und gegen eine möglicherweise feindlich ge-sonnene Bürokratie schützen, sondern dieses Wis-sen auch an unbestechliche Stellen außerhalb des Planeten weiterleiten, wo sie dann so schnell und so weit verbreitet werden würden, daß weder Trell noch sonst jemand sie länger geheim halten ko nn-ten?

Er ging mit seinem Problem zu September. Der Hüne saß am gefrorenen Ufer, und sein weißes Haar war fast eins mit dem Hintergrund auf See und Land.

September saß reglos da, starrte unbewegt auf die mit Schnee bestäubte weiße Wand des Canyons. Es war ungewöhnlich, ihn so nachdenklich zu sehen.

»Immer noch im Ei?« Diese Redensart, die aus der Sprache der Thranx stammte, war schon lange in den allgemeinen Slang eingegangen.

»Hmm? Oh, hallo Jungchen.« Wie seltsam still er doch war, dachte Ethan, als er seine Aufmerksam-keit wieder dem Eis zuwandte. »Nein, nicht im Ei.«

»Woran denkst du?«

»An meinen Bruder. Besser gesagt, den Mann, der einmal mein Bruder war.«

»Du hast ihn schon einmal erwähnt, das liegt eine ganze Weile zurück.« Ethan setzte sich neben die hünenhafte Gestalt. »Du sagtest >ich hatte einmal einen Bruder<. Ich verstand damals nicht, was du mit >einmal< meintest.«

Septembers Mund entspannte sich zu einem Grin-sen. Er beobachtete zwei pelzbedeckte, käfergroße Geschöpfe. Sie vollführten ein Miniatureisballett, rutschten am Ufer des gefrorenen Flusses herum.

»Ich nehme an, im technischen Sinne sind wir immer noch Brüder. Sobald man einmal einer ist, bleibt man das wahrscheinlich immer. Ich hab’ ihn seit zwanzig, fünfundzwanzig Jahren nicht mehr gesehen. Ich bin seitdem ein gutes Stück herange-wachsen. Manchmal frag’ ich mich, ob er das auch ist, aber ich bezweifle es.«

»Wenn du ihn nicht gesehen hast, wie kannst du dann wissen, daß er nicht, wie du das ausdrückst, herangewachsen ist?«

»Das verstehst du nicht, Jungchen. Sawbill ist schon schlecht zur Welt gekommen.« Ein paar Mi-nuten herrschte Schweigen. September hob den Blick von den Schlittschuhkäfern zu den Wolken, die am Himmel dahinrasten. »Er hat sich viel zu früh in ein widerliches, stinkendes Geschäft einge-lassen. Das ist ein Teil davon.«

»Was für ein Geschäft?« September sprach nur ganz selten über sich, und dann immer in dieser scherzhaften Art. Es war so selten, ihn gesprächig und mit sich selbst beschäftigt zu finden, daß Ethan vergaß, was ihn eigentlich zu dem Hünen geführt hatte, und weiterbohrte.

»Er hat sich zu tief… Nun, um es kurz zu sagen, er hat sich dazu ausgebildet, Emomann zu wer-den.«

Ethan wußte von den Männern und Frauen und Thranx, die Emotionen verkauften. Sie waren Exis-tenzen am Rande des Gesetzes, und was sie ver-kauften, blieb am besten in den dunkleren Winkeln der Krankenhäuser verborgen. Die Gesetze des Commonwealth, die so viel Freiheit garantierten, bewahrten sie davor, zur Aufgabe ihrer Tätigkeit gezwungen zu werden, konnten aber nicht verhin-dern, daß gelegentlich einer von ihnen umgebracht wurde, wenn er es zu wild trieb, oder zu lange an einem Ort blieb. Angesichts der gesellschaftlichen Nebenwirkungen ihres Berufes wählten ihn sich nur wenige als Beruf fürs Leben. Ein Emomann (oder eine Emofrau) wurde selten reich. Aber der Beruf lieferte in anderer Weise Befriedigung, eine Art von Befriedigung, die einige wenige dazu brachte, ihn auszuüben. Daraus war der Spruch entstanden, daß Emoleute selbst ihre besten Kun-den waren.

»Da war ein Mädchen«, fuhr September fort und ließ die Worte heraussprudeln, als wollte er sie loswerden, »da ist immer ein Mädchen.« Er lachte glucksend, ein verbittertes, schlecht schmeckendes Geräusch, das nichts mit Humor zu tun hatte.

»Ich interessierte mich für sie, interessierte mich viel zu sehr. Ich war damals sehr jung. Sawbill interessierte sich auch für sie… Als Kundin und auch sonst.

Es gab böse Worte zwischen uns. Wir stritten, ich dachte… Nun, Sawbill verkaufte ihr jedenfalls etwas, das er ihr nicht hätte verkaufen sollen. Sie wollte es haben – die Galaxis ist schließlich frei. Aber er hätte es nicht tun sollen. Sie war – >unter-drückt< ist, glaube ich, der beste Ausdruck dafür. Was Sawbill ihr verkaufte, machte sie auf gewisse Weise frei. Jedenfalls verpaßte sie sich eine Über-dosis. Sie…« – sein Gesicht verzerrte sich schreck-lich – »sie wurde etwas, das weniger als ein Mensch, aber mehr als tot ist. Sie machte freiwillig eine Ware aus sich. Nicht eine Lynx, oder etwas Anständiges wie das, sondern etwas viel Niedrige-res, etwas…« Er hielt inne, konnte nicht weiterre-den.

Ethan überlegte, ob er weiterreden sollte. Schließ-lich sagte er mit ganz weicher Stimme, so vorsich-tig er das konnte. »Wenn du sie jetzt finden könn-test… vielleicht hat sie sich verändert, das abge-legt, was sie quälte, und du könntest…«

»Junge, ich habe gesagt, sie hat sich eine Überdo-sis verpaßt. Sie hat die Anweisungen nicht befolgt. Das passiert Leuten immer, die die Ware eines Emomannes gebrauchen.« In seiner Stimme lag eine abgrundtiefe Trauer.

»Als Sawbill schließlich aufhörte, sie zu belie-fern, fand sie andere, die das taten. Ich kann sie nicht finden, weil sie tot ist, Junge. Für mich und die meisten Welten jedenfalls. Sie wurde einfach von innen heraus aufgefressen. Nicht körperlich, damit hätte ich vielleicht noch fertig werden kö n-nen. Ihr Körper blieb ganz in Ordnung, bis auch er aufgezehrt war. Aber als das anfing, war ihr Geist schon lange weg.« Er wandte seine Aufmerksam-keit wieder dem Eis zu. »Ich hoffe, daß sie tot ist, Ethan. Ich hätte ihr den Gefallen tun und sie selbst töten sollen. Das konnte ich nicht, aber, wie ich schon sagte, ich war damals sehr jung. Alles, was Sawbill tat, war völlig legal. In dem Punkt war er immer sehr vorsichtig. Das ist er wahrscheinlich immer noch, was auch immer er heute tun mag.«

»Aber hättest du ihn denn nicht daran hindern können, auf legalem Wege oder sonst wie? Der Mann war dein Bruder. Sah er denn nicht, was er dem Mädchen antat?«

»Jungchen, Emomänner haben ihren eigenen Verhaltenskodex, ihre eigenen Moralbegriffe. Nach seiner Art zu denken, tat er ihr überhaupt nichts zuleide. Das machte sie selbst. Das Gesetz des Commonwealth steht auf seiner Seite. Die Drogen von Emomännern waren nie suchtbildend, nicht wie Bloddhype vielleicht. Sie achten immer sehr auf Legalität. Nicht auf Moral.«

»Wie kann man denn legal und zugleich unmora-lisch handeln?« wollte Ethan wissen.

September lachte und musterte seinen jungen Freund bedauernd. »Jungchen, du weißt nicht viel von Regierungen, wie? Oder den Gesetzen.«

»Regierung – das bringt mich auf etwas.« Ethan beeilte sich, das Thema zu wechseln. Er war zu tief in die Seele eines Mitmenschen eingedrungen, war in Hohlen geraten, und wünschte sich jetzt, er hätte sie nie betreten. »Wie werden wir unsere Entde-ckungen den richtigen Commonwealth-Behörden zur Kenntnis bringen, ohne daß man sie vertuscht?«

»Du siehst also Trell endlich mit dem gleichen Argwohn wie ich, Jungchen?«

»Fast.«

»Sehr gut. Man sollte nie einem Beamten vertrau-en, der so viel lächelt.«

»Er weiß alles, was in Brass Monkey geschieht. Wir brauchen jemanden, dem ein abhörsicherer Astrosender zur Verfügung steht.«

»So jemanden gibt es nicht«, knurrte September. Er schien ganz auf das Problem konzentriert und hatte offensichtlich das Thema, das ihn vorher so gequält hatte, bereits vergessen. »Warte mal.« Er stand auf, ragte über Ethan auf. »Ein Büro sollte es geben, das abhörsicher senden kann.«

»Gib mir keine Rätsel auf, Skua. Trell ist Kom-missar und kann…«

»Überleg doch, Jungchen. Brass Monke y ist groß genug, um einen Padre zu haben.«

»Da Ethan nur selten zur Kirche ging und weniger religiös als die Mehrzahl seiner Zeitgenossen war, hatte er überhaupt nicht an den lokalen Vertreter der Vereinigten Kirche gedacht. Niemand, zu aller-letzt ein vergleichsweise unbedeutender Funktionär wie Trell, würde es wagen, eine Kirchensendung abzuhören, oder gar zu verhindern.«

»Jetzt, da wir dieses kleine Problem gelöst haben, sollten wir zurückgehen und sehen, ob wir mithel-fen können, unser Schiff wieder zusammenzubas-teln, was, Jungchen?«

Sie verließen das Ufer und gingen zum Eissegler hinüber. Eben wurde die letzte Duralumkufe, dieje-nige, die als Steuer diente, am Heck hochgehivt. Ethan sah verstohlen zu seinem Begleiter hinüber. Sein Ausdruck zeigte jetzt wieder die Patina unzer-störbaren Selbstvertrauens, nur etwas angekratzt war sie.

Skua September hatte sich also ebenso verwund-bar wie jeder andere Mensch erwiesen. Sein mäch-tiger Körper gab ihm nur größere Tiefen, in denen er seine Leidenschaften verbergen konnte.

In ihrer typisch formlosen Art verzichteten die Moulokinesen auf jegliche lärmenden Demonstra-tionen, um die Rückkehr der Slanderscree zu fei-ern. Die Stadtbewohner gingen ihren Alltagsge-schäften nach, und die Schiffszimmerleute, die mitgeholfen hatte n, die Räder gegen Kufen zu ver-tauschen, kehrten in ihre Werften zurück. Offiziell bestand das ganze Protokoll aus Minister Mirmib und zwei Adjutanten, die am Dock auf sie warteten.

»Landgraf Lady K’ferr Shri-Vehm heißt euch er-neut in Moulokin willkommen, meine Freunde. Unser Atem ist eure Wärme.

Heute Abend ist ein Fest zur Feier eurer unerwar-teten, aber nichtsdestoweniger willkommenen Rückkehr. Dann könnt ihr mir über diese wunder-bare Geschichte berichten, die ihr uns gebracht habt.«

»Wunderbar ist nicht das richtige Wort«, meinte Ethan, zu dem Minister gewandt. »Bedeutungsvoll wäre besser. Neben anderen Dingen zeigt sie, daß eure neue Konföderation nicht so weit hergeholt ist, wie wir ursprünglich annahmen, weil nämlich alle Tran schon einmal in einer viel stärkeren Union lebten.«

»Eine Union, die wiederholt vom Klima zerrissen wurde, das fremdartiger ist, als ich glauben kann, so lauten wenigstens die Gerüchte, die unsere Schiffszimmerleute mir berichtet haben«, erwiderte Mirmib.

Die Feierlichkeiten des Abends erlebten über ei-nige Tage hinweg verschiedene Inkarnationen, und die Mannschaft genoß die Gastfreundschaft Mo u-lokins ungeheuer. Ihre Berichte lösten unter den Stadtbewohnern beträchtliche, lebhafte Spekulatio-nen und Diskussionen aus. Einige ihrer Geschich-ten paßten nahtlos zu der lokalen Religion, die ob der Bestätigung gleichzeitig stärker und ob ihrer Realität schwächer wurde.

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