Die Moulokin-Mission

Alan Dean Foster · Kapitel 4 von 5 · Teil 1/3

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Die Moulokin-Mission

Der Wind heulte kläglich über das Deck…

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.

Der Wind heulte kläglich über das Deck der Slan-derscree. Ethan blinzelte hinter seiner Gesichts-maske, als er aufs Deck hinaustrat und die Kabi-nentür fest hinter sich verschloß. Elfa, Hunnar und September standen im Gespräch vor dem Mast. Als er näher trat, sah er, daß auch Teeliam bei ihnen stand, halb von September verdeckt.

»Wärme und Wind für dich an diesem Morgen, Freund Ethan«, rief Hunnar vergnügt. »Wir bespre-chen, was als nächstes geschehen soll.«

»Wir können immer noch nicht nach Arsudun zu-rückkehren.« September sprach durch das Dia-phragma seiner Maske.

»Unser erster Versuch, eine Konföderation zu gründen, hat jedenfalls nicht besonders gut ge-klappt.« Ethans Stimme klang etwas deprimiert.

»Von was für einer Konföderation sprecht Ihr, Freund Ethan?« fragte Teeliam. Er erklärte ihr sei-ne Idee.

»Jetzt begreife ich einiges von den Lügen dieses falschen Landgrafen Ro-Vijar«, sagte die ehemali-ge Prinzgemahlin von Poyolavomaar. »Der einzige Tran, den er schützen möchte, ist er selbst.«

»Wir könnten nach Wannome zurückkehren«, schlug Hunnar vor. Die Blicke, die ihm das eintrug, ließen nur Abneigung oder Schock erkennen, und er beeilte sich, zu protestieren: »Nein, mein Wunsch ist das nicht. Ich fand nur, daß ich es eini-gen Mitgliedern der Mannschaft schuldig war, ihre Wünsche weiterzuleiten. Was mich betrifft, so gebe ich zu, daß ich ursprünglich skeptisch war, meine Freunde. Jetzt freilich, und zwar je länger wir über meine Welt reisen und je mehr ich sehe, wie Leute wie Ro-Vijar und Rakossa sich zu ihrem eigenen Nutzen verschwören und Tran gegen Tran aufhet-zen, Staat gegen Staat, wird mir immer klarer, daß dieser Plan richtig ist. Diese Union, die du vorge-schlagen hast, ist ein Ziel, für das zu kämpfen sich lohnt, gleichgültig, welchen Nutzen es vielleicht deiner Regierung bringt, Freund Ethan.«

September nickte vergnügt. »Man braucht bloß ein wenig Verrat und Schwindel seitens der Politi-ker, um die Bürger zu überzeugen, daß sie eine neue Regierungsform brauchen.«

»Es gibt immer noch viele gute Männer und Frau-en unter der Mannschaft, die das anders sehen.« Hunnars Geste schloß das ganze Schiff und die Tran in der Takelage ein. »Sie sind schon lange heimwehkrank und sprechen mehr von ihren Part-nern und Jungen und Freundinnen als von Konfö-derationen und Politik. Das Abenteuer beginnt sie zu ermüden, und unser Mißerfolg in Poyolavomaar hat auch nichts anderes als Verzweiflung hervorge-rufen. Sie sehnen sich nach vertrauten Gesichtern und dem heimischen Herd.«

»Da sind sie nicht allein«, sagte Ethan und ver-spürte selbst, wie ihn etwas zu einem Herd zog, der viel weiter entfernt war, als der Ritter sich vorstel-len konnte. »Denkst du an die Möglichkeit einer Meuterei?«

Hunnar machte eine heftige Trangeste, die absolu-te Verneinung ausdrückte. »Dafür ist Ta-hoding ein zu aufmerksamer und zu erfahrener Kapitän. Er würde nie zulassen, daß es so weit kommt. Wo andere Kapitäne unzufriedene Mannschaftsmitglie-der in Ketten legen würden, kann er sie mit einem Lachen oder einem Matrosenwitz entwaffnen.

Ich möchte nur sagen, wenn diese Reise Profit bringen soll, brauchen wir einen Erfolg, der die Stimmung unserer nicht so weitblickenden Schiffs-gefährten wieder hebt.«

Ethan studierte die parallel verlaufenden Furchen hinter ihnen, die die Kufen ins Eis schnitten. »Wir können jeden Verfolger von Poyolavomaar hinter uns lassen. Die Frage ist – was soll unser nächstes Ziel sein?«

»Verzeiht.« Alle Augen wandten sich Teeliam zu. »Mir ist gleichgültig, wohin ihr geht, solange es nicht wieder Poyo ist. Aber ich habe euren Worten gut zugehört und glaube, daß ihr die besten Interes-sen aller im Sinne habt. Da ihr in Poyolavomaar wegen der Tücke seines Herrschers, nicht seines Volkes, einen Mißerfolg hattet, solltet ihr es mit einem anderen Staat versuchen, der wenigstens so wohlhabend und mächtig, aber nicht so aggressiv ist.« Sie deutete mit einer Kopfbewegung nach vorne.

»Ich bin kein Matrose, aber ich weiß mit Richtun-gen und Orten Bescheid.« Sie gab ein spuckendes Geräusch von sich. »Das ist notwendig, wenn man es sich fest in den Sinn gesetzt hat, zu fliehen. We-niger als zweihundert Satch nach… (Tranäquiva-lent für Südsüdwest) liegt das sagenumwobene Moulokin.«

»Zweihundert Satch – eine hübsche Reise, um ei-nem Mythos nachzugehen.« Hunnar lachte, und selbst Elfa sah ihren Retter zweifelnd an. »Moulo-kin gibt es nicht.«

»Du hast von diesem Ort gehört?« Ethan musterte den Ritter verblüfft. »Du hast nie von Arsudun gehört, aber dieser Ort, der viel weiter von Sofold entfernt ist, ist dir vertraut?«

»Der Name Moulokin genießt auf Tran-ky-ky mystischen Ruf, Freund Ethan.« Der Ritter grinste immer noch. »Angeblich wurden viele der schöns-ten Eisschiffe auf den Werfen dort gebaut. Und doch haben weder ich noch irgend jemand, den ich kenne, je mit jemandem gesprochen, der Moulokin einmal gesehen hätte, ja nicht einmal einen Moulo-kinesen.«

»Wenn das Ganze nur eine Fabel ist, was ist dann mit den Schiffen?«

»Freund Ethan«, sagte Hunnar, so wie man zu ei-nem Jungen spricht, »alle Eigner sind stolz auf ihre Schiffe. Je schöner das Schiff, desto größer der Stolz. Zu behaupten, ein Floß stamme aus Moulo-kin, heißt, einen Anspruch zu erheben, dem wenige gleiches entgegenstellen können. >Moulokin< mag nichts als ein Ehrentitel sein, den man den besten Schiffen verliehen hat, die auf vielen Werften ge-baut werden, ein Titel, den man ihnen beim Stapel-lauf verliehen hat.«

»Moulokin gibt es!« Teeliam schien nicht bereit, sich das ausreden zu lassen.

»Seid Ihr dort gewesen?« fragte Hunnar.

»Nein«, sagte sie, plötzlich wieder ganz kleinlaut.

»Kennt Ihr jemanden, der dort war?«

»Nein. Ich weiß von einigen Leuten, die behaup-ten, mit anderen Handel getrieben zu haben, die dort waren.« Hunnar gab ein geringschätziges Schnauben von sich. »Aber die Richtung ist be-kannt«, beharrte sie. »Moulokin muß noch mächti-ger als Poyolavomaar sein, denn es heißt, daß es noch nie von einer Horde geplündert worden ist.«

»Absurditäten, Freund Ethan«, fügte Hunnar mit sanfter Stimme hinzu. »Je reicher eine Stadt ist, desto mehr zieht sie die Aufmerksamkeit der Eis-nomaden auf sich. Sie scharen sich eine Weile zu-sammen, bis sie so stark sind, daß keine Stadt ihnen widerstehen kann. Nicht Poyolavomaar, nicht Ar-sudun, ehe deine Brüder vom Himmel ihm Schutz gewährten, auch nicht Wannome, meine eigene Stadt. Sie könnten unmöglich immer größeren An-griffen widerstehen. Je mehr Angriffe ein Staat durchsteht, desto wohlhabender wird er, und je wohlhabender er wird, desto heftiger und desto häufiger sind die Angriffe, die er damit förmlich herausfordert.

Es ist sehr freundlich von Euch, uns helfen zu wollen, Teeliam, aber Moulokin kann uns nicht die Hilfe gewähren, die es selbst nicht besitzt.«

»Was schlagt Ihr dann vor?« forderte Elfa ihn heraus.

Hunnar schien von der Heftigkeit ihrer Frage et-was überrascht. »Es muß doch irgendwo andere Staaten geben, bei denen wir es versuchen kö n-nen.«

»Anstelle des mächtigsten?« Ihre Katzenaugen musterten Ethan. Er wandte sich zu Teeliam.

»Wie sicher seid Ihr mit diesem Moulokin?«

»Fabeln haben keine Richtung.« Sie hob den pelzbedeckten Arm und wies ein Stück südlich vom Bug. »Dort liegt Moulokin, wenn es Moulokin überhaupt gibt. Ziemt es sich nicht für uns, es zu suchen?«

September sah einem Guttorbyn zu, der in der Ferne vorüberglitt und sie hungrig musterte. »Wir können beides tun. Wenn es Moulokin gibt, werden wir es finden. Wenn nicht, können wir ebenso gut weiter nach Süden ziehen und uns dort den nächs-ten Verbündeten suche n.«

»Einverstanden«, sagte Ethan. Wieder sah er Tee-liam an. »Aber noch eine Frage. Zweihundert Satch ist ein gutes Stück Weges von Poyolavomaar. Weit, aber nicht unmöglich. Wenn Moulokin so besu-chenswert ist, weshalb ist dann noch niemand aus Eurer Stadt dorthin gegangen?«

»Die Reise ist gefährlich.« Sie hielt inne und fü g-te nach einer kurzen Pause mit leiser Stimme hinzu. »Das möchte ich euch nicht verheimlichen.«

»Alle Reisen über das Eis sind gefährlich«, mischte Hunnar sich ein. »Inwiefern ist die Fahrt nach Moulokin gefährlich?«

»Es heißt, daß zwischen Poyolavomaar und Mo u-lokin Teufel am Werke sind.«

»Ihr habt schon Teufel gesehen.« Ethan klopfte auf den Strahler, den er an der Hüfte trug. »Ihr habt gesehen, was unsere Strahler ausrichten können. Wir können alle Teufel töten.«

»Vielleicht. Aber die See könnt Ihr nicht töten.«

»Was?« Er runzelte die Stirn.

»Die sind Sujoc-Teufel, die unsichtbar sind. Auch sie leben meist in der Hölle. Aber zwischen hier und Moulokin treiben sie sich dicht an der Oberflä-che herum. Und wo sie das tun, biegen sie den O-zean.« Sie wirkte jetzt verängstigt, so mutig sie sich auch gab.

»Das ist nicht möglich«, sagte Hunnar.

»So geht das Gerücht.«

Elfa sah Hunnar anklagend an. »Wenn Moulokin echt ist und keine Fabel, warum sollte dann nicht auch ein gebogenes Meer in gleicher Weise echt sein?«

Deduktive Logik war nicht Sir Hunnars Stärke. »Ich weiß nicht«, erwiderte er ärgerlich, »aber der Ozean kann sich nicht biegen.«

»Das werden wir ja herausfinden, denn ich glau-be, wir werden diese Richtung einschlagen«, sagte Ethan.

»Ihr zieht wie stets die Kühnheit der Vorsicht vor, Sir Ethan.« Fast hätte sie ihn dabei angeschnurrt. Hunnar brummte geringschätzig und stelzte in Richtung auf das Heck davon.

Der gute Ritter nahm es stets persönlich, wenn Elfa eine Entscheidung Ethans einer vorzog, die er getroffen hatte. Aber vielleicht hatte diesmal der rotbärtige Krieger recht.

Ethan ertappte sich dabei, wie er über Teeliams Worte nachgrübelte. Während er Ta-hoding den Kurs weitergab, ertappte er sich dabei, wie er ihre Bemerkungen immer wieder vor sich wiederholte und dabei einen Fehler in seiner Übersetzung suc h-te.

Natürlich gab es so etwas wie einen gebogenen Ozean nicht, ebenso wenig wie es Teufel gab, die so etwas verursachten. Aber er hatte einen >Teu-fel< gesehen und mit ihm gekämpft.

Angenommen, hinter dieser anderen Fabel stan-den auch Tatsachen?

Hunnar lag in der Sonne auf dem neuen Bugspriet und zog träge mit einer Klaue Striche ins Holz, während er auf das Eis hinunterblickte, das unter ihm dahinhuschte. Viele Tage waren vergangen, seit sie beschlossen hatten, dem imaginären Kurs des Mädchens Teeliam zu seinem imaginären Ziel zu folgen. Die Sonne stand noch nicht sehr weit über dem Horizont. Die Kälte des frühen Morgens war sogar für einen Tran etwas zu kühl.

Das Licht wurde grau, und das streng und abwei-send wirkende Eis wechselte in ein etwas freundli-cheres Weiß über, als die Sonne aufging. Aber sei-ne Aufmerksamkeit galt nur zum Teil dem Sonne n-aufgang. Auch an die seltsame Mission, zu der ihn seine Freunde vom Himmel überredet hatten, dach-te er nicht.

Vielmehr galten seine Gedanken der Tochter von Torsk Kurdagh-Vlata, Landgraf und wahrer Be-schützer von Wannome und Sofold. Der Wind zer-zauste ihren Pelz, der so dick und so glatt war, und er sah in Gedanken den edlen, grauen Flaum ihrer Stirn über einem Paar Augen, in denen mehr Aus-druck und Gefühl lagen, als auf den Lippen aller anderen Frauen, denen er je begegnet war.

Innerlich wußte er sehr wohl, daß Freund Ethan seinen Wünschen nicht im Wege stand und seiner-seits keinerlei Absichten gegenüber der Dame he g-te. Und doch hatte es den Anschein, als gerieten die beiden immer wieder in Streit, und der winzige, aber unglaublich schwere Mensch (das kam daher, daß Menschen massive Knochen besaßen, nicht hohle wie die Tran, wie der Zauberer Eer-Meesach gesagt hatte) behielt jedes Mal dann recht, wenn Hunnar sich ganz besonders wünschte, seine Dame zu beeindrucken. Und dann gratulierte Elfa immer dem haarlosen Zwerg, anstatt ihm. Mehr als all den Schlachtenruhm, die Reichtümer oder die Bewun-derung der Tran, die er führte, wünschte er sich ein paar Worte des Lobes aus ihrem Munde.

Die Furchen, die er ins Holz schnitt, wurden im-mer tiefer. Was dachte sie sich eigentlich dabei, wenn sie den Fremden vor ihm vorzog? Vielleicht sprach Ethan die Wahrheit, wenn er sagte, sie inte-ressiere ihn nicht – aber war es etwa möglich, daß Elfa auf den Mann einer anderen Rasse eine beson-dere, unnatürliche Anziehung ausübte? Für ein Geschöpf, das jedes Mal, wenn man ihm Gelegen-heit dazu bot, seinem Haß auf jede Art vor Kampf Ausdruck verlieh, und der ohne seine künstlichen Chiv-Schlittschuhe wie ein Neugeborenes auf das Eis fallen würde?

Er knurrte halblaut. Gleichgültig, wie er die Lage auch betrachtete, gleichgültig, was er sich dabei dachte, er sah die kindisch einfache Erklärung ein-fach nicht.

Mit zuckenden Doppellidern ertappte er sich da-bei, wie er neugierig zum Horizont starrte. Eine ungewöhnliche Formation zeigte sich dort in der Ferne. Offenbar näherten sie sich wieder einer In-sel. Er stellte eine kurze Rechnung an. Moulokin konnte es nicht sein, wenn Teeliams Schätzung von zweihundert Satch richtig war. Sie hatten bis jetzt höchstens zwei Drittel dieser Strecke zurückgelegt. Aber was auch immer es war, es wurde jedenfalls zusehends größer. Wieder eine Insel, und das Mor-genlicht glitzerte seltsam hell an ihren Hängen.

Elfa verblaßte aus seiner Vorstellung, jedenfalls genug, um es ihm zu ermöglichen, sich auf seine Umgebung zu konzentrieren. Es war, als hätte man das Felsgestein und den Boden der immer größer werdenden Insel wie einen Spiegel poliert. Das Licht der Sonne brach sich wie verrückt in diesen vielen Spiegelflächen, so wie in den Juwelen im Szepter des Landgrafen. In diesen Äquatorialregio-nen lag gewöhnlich kein Schnee. So war das jeden-falls in Poyolavomaar gewesen, aber hier schien es anders zu sein.

Die Insel schien endlos, als der Eisklipper näher raste. Tatsächlich hatte es den Anschein, als ginge der Ozean fugenlos in die Insel über. Ein paar Mi-nuten später weiteten sich seine Augen, als ihm plötzlich klarwurde, was gleich geschehen würde. Da niemand mit Land rechnete, waren die Männer in den Mastkörben unvorsichtig geworden. Jetzt sah der Mann im vorderen Korb die herannahende Masse und brüllte eine Warnung über das Schiff.

»Geschwindigkeit verringern… Kollisionskurs!«

Hunnar chivanierte bereits auf dem Backbordeis-pfad zum Steuerdeck und rief dabei Befehle. Die Takelage begann wie ein Spinnennetz zu zittern, als die. Matrosen in die Höhe rasten.

Ein Matrose lag schlafend auf dem Eispfad. Hun-nar bückte sich, stieß sich ab und segelte über die reglose Gestalt hinweg, um dahinter wieder auf dem Eispfad zu landen.

Ta-hoding war noch nicht wach und auf Deck, wohl aber ein zweiter Maat, namens Fassbire. Er erteilte selbst einen Befehl und hörte sich dann an, was Hunnar zu sagen hatte. Die Segel wurden ge-refft und die Rahen verdreht. Die Slanderscree be-gann ihre Fahrt zu verlangsamen. Ein besorgter Blick nach vorn zeigte Hunnar, daß es noch einmal gut gehen würde. Sie würden keine Eisanker brau-chen.

Als die Morgenmannschaft an Deck stolperte, blickten ihre Augen verträumt und glasig. Als frei-lich die Tran aus der Vorderkabine sahen, was vor ihnen aufragte, stießen sie erschreckte Rufe aus.

Ethan erschien dicht gefolgt von September auf Deck. Die Menschen hatten sich so gut an Tran-ky-ky gewöhnt, daß sie die Kapuzen abgelegt und die Gesichtsmasken heruntergezogen hatten, so daß sie die kühle Morgenluft, fünfundzwanzig Grad unter Null, mit einem Wind von sechzig Stundenkilome-tern ungehindert traf. Kurz darauf freilich hatten sie die Kapuzen übergezogen und die Masken ge-schlossen, weil die Gefahr von Erfrierungen ein-fach zu groß war.

Hunnar stellte fest, daß Ethan keuchte, als er seine Gesichtsmaske schloß, und mußte sich zum wie-derholten Male daran erinnern, daß die Menschen keuchten, weil sie kurzatmig waren, nicht um ihre Körper abzukühlen.

Als er Hunnar auf dem Kapitänsposten sah, rannte er zum Steuerdeck. »Was ist denn, Hunnar?«

Der Ritter, der inzwischen alle Gedanken lächer-licher, romantischer Konkurrenz vergessen hatte, deutete ernst nach vorne und dann nach backbord und steuerbord, wo sich der Berg erstreckte.

»Bis jetzt stimmt Teeliams Fabel, Freund Ethan. Ein Glück, daß ich wach war und aufmerksam, denn der Ausguck schlief oder hat irgendwo anders hingesehen, glaube ich.«

Ethan rannte an die Reling und glitt über den Eis-pfad, um die erstaunliche Barriere und die Reflexe, die von ihr ausgingen, zu studieren. »Der gebogene Ozean«, murmelte er erstaunt. Nachdem er das Steuerdeck erstiegen hatte, wiederholte er das für Hunnar.

»Du findest das angenehm, Freund Ethan? Würde es dich nicht beunruhigen, wenn du den Ozean deiner Welt so ungewöhnlich verbogen und ver-dreht sehen würdest?«

»Einen flüssigen Ozean kann man nicht biegen, Hunnar. Jedenfalls nicht so. Ich weiß nicht, wie man es nennt, aber ich habe auf anderen Welten schon Fax-Bilder davon gesehen. Vielleicht hat man einige sogar auf meiner eigenen gemacht. Ich weiß es nicht. Es ist Eis, genau wie das Eis, auf dem wir schon so viele Satch gereist sind.« Sie verlangsamten immer noch ihre Fahrt, während sie dem Kamm gezackter Eisblöcke und Speere, gefro-rener Träger und schimmernder weißer Brocken immer näher rückten.

»Aber der Ozean ist gebogen«, beharrte Hunnar mit dem Tonfall von jemandem, der einen runden Globus als eben beschreibt.

»Gebogen kann man eigentlich nicht sagen«, er-klärte Milliken Williams von der anderen Seite des Steuerdecks, »eher zusammengedrückt. Das ist eine Druckverwerfung. Vor vielen tausend Jahren muß diese eine der letzten offenen Wasserflächen auf Tran-ky-ky gewesen sein. Das Einfrieren in letzter Sekunde durch zwei Eiskörper, die sich aufeina n-der zuschoben, führte zu dieser Mauer aus zerbro-chenen Eisschollen. Das ist, wie wenn man in einer Schüssel Wasser in die Hände klatscht, dann schießt das Wasser zwischen den Händen in die Höhe. Das ist es, was dem Ozean hier widerfahren ist, Hunnar. Das ist ein Produkt der Hydrophysik, nicht eines von Teufeln und Dämonen.«

»Habe ich behauptet, daß die Teufel es gemacht haben?« fragte Hunnar würdevoll. »Du hältst mich wohl für einen abergläubischen Narren wie ein gewöhnlicher Matrose?«

»Es tut mir leid. Ich wollte dich nicht beleidigen«, antwortete der Lehrer betrübt. Hunnar akzeptierte die Entschuldigung mürrisch und wechselte dann schnell das Thema.

»Wir sollten uns jetzt nicht darüber den Kopf zer-brechen, wie wir das nennen, sondern wie wir durchkommen.«

Ethan studierte die gespenstisch regelmäßige Sil-houette. »Das ist höchstens zwanzig Meter hoch. Wir müssen doch irgendwie darüber hinwegko m-men.«

Suchtrupps wurden nach Osten und Westen ge-schickt, um einen Spalt im Eis zu finden, der für die Slanderscree breit genug war. Widerstrebende Gruppen von Matrosen verließen das Schiff, um die Eisformation selbst zu erforschen, was sie freilich erst taten, nachdem Eer-Meesach sie mit schnell angefertigten Teufelsamuletten ausgestattet hatte.

Der Eisklipper lag vor der Eisbarriere, die Segel gerefft, und wartete auf ihre Rückkehr. Als die ersten Mitglieder der Suchtrupps zurückchivaniert kamen, warteten Ethan und die anderen interessiert auf ihre Berichte. Sie klangen nicht ermutigend.

Den Spähern nach verlief die Eisformation in ei-ner ungebrochenen Linie fast schnurgerade von Osten nach Westen. Sie reichte, so weit ein Tran sehen konnte, bis zum fernen Horizont. An ma n-chen Stellen erhoben sich die mächtigen Eisbro-cken ein gutes Stück über die zwanzig Meter hin-aus, die sie an ihrem Lageplatz vor sich sahen.

Da ihnen keine Teufel begegnet waren, kehrte die Gruppe, die das Eisgebirge erklettert hatte, ebenso unverletzt und ebenso entmutigt zurück. Der Eis-wall war zwar nur höchstens hundert Meter breit, aber ebenso massiv wie die Kufen des Schiffs.

»Wir können nicht darum herum, und darüber hinweg können wir auch nicht.« Ethan stand oben auf dem Eiswall und starrte auf die einladende Weite des offenen Eisozeans auf der anderen Seite. »Durch können wir sicher nicht. Die Slanderscree hat ja schließlich keinen Thermobug.«

»Was ist ein Thermobug?« fragte Hunnar, grub die Chiv tief ins Eis und hielt sich damit gegen den Wind.

»In den arktischen Regionen anderer Welten gibt es Schiffe mit kräftigen Wärmeelementen, die man in die Bugflanken eingebaut hat, um das Eis zu schmelzen. Ich habe in Tridi Bilder davon gese-hen.« Er blickte zum Eisklipper zurück. Matrosen gingen an Deck auf und ab und versuchten, sich irgendwie zu beschäftigen, um die Enttäuschung nicht übermächtig werden zu lassen.

»Wenn wir genügend Aufladekapazität hätten, könnten wir uns den Weg mit den Strahlern frei-schmelzen.«

»Komm, Jungchen.« September deutete auf die mächtigen Eisblöcke, die sie umgaben. »Mit diesen winzigen drei Strahlern würden wir hundert Jahre brauchen, um eine ausreichend breite Bresche zu schmelzen. Was wir hier brauchen, ist eine richtige Dockanlage mit einem Brenner.« Er blickte nach Westen, und Eispartikel schlugen gegen seine Ge-sichtsmaske. »Um ein paar Eisblöcke zu bewegen.«

»Blöcke.« Ethan stampfte mit dem Fuß auf. »Was würdest du denn sagen, wie viel der hier wiegt, auf dem wir stehen? Zehn Tonnen… zwanzig?«

September musterte seinen jungen Begleiter und blickte dann zu der vor Anker liegenden Slandersc-ree hinüber. »Könnte ja möglich sein. Wenn der Wind nicht umschlägt.«

»Hast du noch nichts von meiner Welt gelernt?« Hunnars Stimme klang kritisch, aber freundlich. »Der Wind hält immer, Tag und Nacht, Jahr und Shajahr. Wenn der Wind stirbt, dreht Tran-ky-ky sich um, das Oberste nach unten.«

»Laß die Theologie, Hunnar. Meinst du, es könnte gehen?«

»Das kann ich nicht beurteilen, Freund Septe m-ber. Am besten fragst du den Kapitän…«

»Wenn Ethan und September und Williams glau-ben, es könnte funktionieren, wer sind wir dann, um Widerspruch einzulegen? Außerdem glaube ich, daß es eine ausgezeichnete Idee ist«, sagt Eer-Meesach.

Ta-hoding machte eine billigende Handbewegung zu dem Tranzauberer hinüber und ging dann, die notwendigen Befehle zu erteilen.

Pika-Pina-Kabel wurden fest um den flachsten Felsbrocken in dem Eiskamm gewickelt. Unterdes-sen war der mächtige Eisklipper nach einigen hochkomplizierten Manövern mit dem Heck voran an die Eisbarriere bugsiert worden. Kabel wurden hinter dem Steuerdeck festgezurrt und am Rumpf des Floßes befestigt.

Ethan und September standen mit dem Kabel-trupp auf dem Eis und sahen zu, wie Rahen und Segel so angeordnet wurden, daß sie möglichst viel Wind auffingen. Die Slanderscree, angestrengt ächzend und stöhnend wie ein alter Mann, Kabel summten im Wind, klammerten sich an einem ein-zelnen Eisbrocken fest, der gute fünfzehn Tonnen wog.

»Glaubst du, die halten?« fragte Ethan, ohne den Blick vom Schiff zu wenden.

»Die Kabel?« schnaube September. »Nach allem, was ich von Pika-Pina gesehen habe, mache ich mir eigentlich um die Kabel keine Sorgen. Die halten, aber das Schiff besteht nur aus Holz.«

Hölzer ächzten im Inneren des Schiffes, aber der Eisklipper rührte sich nicht vom Fleck. Ebenso gut hätten die Kufen ins Eis eingefroren sein können.

So kam das Geräusch, das plötzlich von der Eis-mauer herüberhallte und das so klang, als ob man einen Weinkelch zerschlüge, um so unerwarteter. Die Slanderscree, die Masse von der Größe eines Raumshuttle hinter sich herziehend, begann sich schwerfällig nach Norden zu bewegen.

Die Matrosen, die nicht unmittelbar damit be-schäftigt waren, stießen einen Freudenschrei aus. Die Segel hielten. Ebenso die Kabel und das Deck, an dem sie verankert waren.

Der Eisklipper wurde langsamer. Ta-hoding brüll-te ein Kommando. Die Rahen drehten sich. Jetzt schwang das Schiff zehn, fünfzehn Grad nor-dostwärts aus seiner ursprünglichen Lage und übte damit von einem anderen Winkel aus Zug auf den Eisblock aus.

Mit einem dumpfen Krachen, als ob man einen Grabstein herausrisse, löste sich der Block aus der Eisbarriere und folgte dem Eisklipper auf dem Eise. Es dauerte ein paar Minuten, bis Ta-hoding den Befehl zum Reffen der Segel geben konnte, um damit die zunehmende Geschwindigkeit der Slan-derscree wieder abzubremsen.

Menschen und Tran chivanierten und liefen auf Schlittschuhen zu der mächtigen, gefrorenen Mas-se. Weiß und unregelmäßig reichte sie fort bis an die Unterseite des Schiffes.

Williams blickte zu der breiten Lücke in der Eis-mauer. Ethan mußte unwillkürlich an einen Zahn denken, den man herausgeschlagen hat.

»Besser, als wir gehofft hatten«, sagte der Lehrer. »Indem wir diesen Block ganz unten losbrachen, haben wir eine nicht unbeträchtliche Menge von Eis oben gelockert.«

Tatsächlich waren einige andere massive weiße Monoliten auf die flache Meeresfläche gefallen. Man konnte sie viel leichter wegschleppen als den ersten Block.

Die Tran arbeiteten vergnügt daran mit, Kabel um den nächsten Brocken zu legen. Sie waren jetzt wenigstens zur Hälfte sicher, daß diese Eismauer nicht die Straße war, auf der Jhojoog Kahspen, Dämonenherrscher des offenen Meeres, gereist war, wie einige besonders fantasiebegabte Männer der Mannschaft ursprünglich zitternd angedeutet hatten.

11

Ein paar Tage später war eine für die Slanderscree ausreichend breite Schneise durch die Mauer fast fertiggestellt. Nur noch ein paar letzte Eisblöcke trennten sie von dem offenen Ozean dahinter.

Ta-hoding machte sich Sorgen um sein Schiff und hatte Angst, die beständige Anspannung durch Zug und Druck könnte den Aufbauten schaden, war dann freilich immer zuversichtlicher geworden, als ein tonnenschwerer Block nach dem anderen losge-rissen und weggezo gen wurde, ohne daß das Heck des mächtigen Schiffes irgendeinen Schaden erlit-ten hatte.

Noch drei oder vier Eisblöcke mittlerer Größe, und sie würden durch sein. Die Kabel wurden ge-rade dafür vorbereitet, an einem der letzten Blöcke befestigt zu werden, als ein erregter Schrei vom Ausguck am Hauptmast sie unterbrach.

»Rifs! Nordnordwest!«

Auch Ethan, der mit der Kabelmannschaft arbeite-te, hörte den Warnruf. Ebenso wie seine nicht-menschlichen Gefährten stellte er sofort die Arbeit ein, als hätte jemand ihm einen Dolchstich verpaßt, wirbelte herum und sah in die Richtung, aus der die Gefahr nahte.

Sie waren dem Rifs bis jetzt erst einmal begegnet, und das war schon einmal zu viel. Ein Rifs war eine meteorologische Anomalie, die für Tran-ky-ky typisch war, die Manifestation extremen Wetters, das sich über einem Ozean formte, der kalt und massiv, anstatt warm und flüssig war. September hatte den Rifs als einen linearen Hurrikan beschrie-ben, der Winde von mehr als zweihundert Stunden-kilometer Geschwindigkeit vor sich hertrieb.

Schwerfällig auf seinen Schlittschuhen dahinglei-tend, folgte September dem Rest der Mannschaft über den Eispfad zur Mauer. Als er wieder hervor-trat, konnte man im Nordwesten eine schwarze Linie sehen, die die Entfernung freilich unbedeu-tend erscheinen ließ. Doch sie wuchs vor seinen Augen an, drohte den Horizont zu überwältigen.

Jene schwarze Linie war eine rußigschwarze, den Himmel erfüllende Mauer aus Wind, der wie ein atmosphärischer Schwamm zusammengedrückt war. Der Orkan war imstande, das Eis von jegli-chem Leben freizufegen, sah man einmal von fest-gewurzelter Vegetation wie Pika-Pedan oder kolos-salen Lebensformen wie Stavanzer ab.

Die Slanderscree aber war weder fest verwurzelt noch kolossal und mußte das tun, was alle anderen Lebewesen taten, wenn ein Rifs nahte – fliehen.

»Wir kriegen das nie rechtzeitig fertig«, beklagte sich einer der verängstigten Tran, der an der Back-bordheckkufe des Schiffes stand.

Ethan streifte die Schlittschuhe ab und stieg die nächste Leiter nach oben. Er fand Ta-hoding, Elfa und Hunnar in erregtem Gespräch auf dem Steuer-deck. Williams und September waren nirgends zu sehen.

»Wir müssen die Trossen lösen und fliehen, bis der Rifs sich ausgestürmt hat«, sagte Elfa.

»Ein Rifs kann viele Tage wehen. Wir vergeuden Zeit«, wandte Hunnar ein.

Sie sah ihn spöttisch an. »Besser Tage vergeuden als das Schiff.«

»Vielleicht«, warf Ta-hoding ein, dem offenbar daran gelegen war, Frieden zu stiften, wobei er freilich den herannahenden Sturm nicht aus den Augen ließ. »Aber ich glaube, Sir Hunnar hat noch einen Vorschlag zu machen.«

»Richtig.« Der Ritter deutete nach achtern. »Wir müssen hier weg, müssen Tempo aufnehmen und versuchen durchzubrechen.«

»Dabei wird aber das Schiff brechen und nicht das Eis.« Sie bemerkte jetzt, daß Etha n sie beo-bachtete, und ihr Tonfall veränderte sich völlig. »Was ist Eure Meinung, Sir Ethan?«

Plötzlich war ihm bewußt, daß viele Augen auf ihm ruhten. Matrosen und Kapitän, Junker und Ritter. Sie unterbrachen ihre geradezu hektische Arbeit nicht, warteten aber dennoch gespannt auf seine Antwort.

Gut. Sie sollten es ruhig alle hören. »Ich finde, wir sollten tun, was Sir Hunnar entscheidet«, sagte er, laut genug, daß alle es deutlich verstehen konn-ten. »Der Rifs ist ein Feind, gegen den wir kämpfen müssen, und wenn es um eine Schlacht geht, hat Sir Hunnar noch immer das Richtige entschieden.«

Hunnar starrte ihn ein paar Augenblicke lang an, murmelte dann, als wäre ihm das nachträglich ein-gefallen: »Wir haben keine Wahl. Wir müssen ver-suchen, durchzubrechen.«

»Das wäre dann also entschieden!« Ta-hoding blickte erleichtert und machte sich daran, die ent-sprechenden Befehle zu erteilen. Die Menge, die sich zum Steuerdeck geschoben hatte, ging auf ihre Stationen. Hunnar und Ethan musterten einander noch ein paar Mi nuten lang, bis Hunnar schließlich lächelte und sich auf seinen Posten begab.

War er nun dankbar – oder ärgerlich, weil er He-rablassung argwöhnte? Ethan hatte keine Zeit, über die Stimmung des Ritters nachzudenken. Es gab Kabel zu verstauen, Leinen auszurichten, Matrosen zu beruhigen.

Überall auf Deck hallten Befehle. Der Eissegler beschrieb einen weiten Bogen. Ihr Kurs würde sie auf einer Kurve nach Osten tragen und dann nach Norden in die vorderste Front des Sturms. Mit ihm im Rücken würden sie dann auf die fast fertigge-stellte Bresche in der Mauer zurasen und sich mit Gewalt einen Weg durch die noch verbliebenen Eisblöcke bahnen.

Es gab freilich auch andere Möglichkeiten, doch Ethan zog es für den Augenblick vor, sich nicht näher mit ihnen zu befassen.

Vom Standpunkt der Floßfahrkunst war der Plan völlig klar und logisch. Vom gefühlsmäßigen Standpunkt freilich nicht, denn der Sturm schien förmlich nach ihnen zu greifen, als sie etwa die Hälfte des Kreisbogens zurückgelegt hatten.

So dicht an der Vorderseite des Orkans sah der Himmel wie eine mächtige, schwarze, gußeiserne Wand aus, die drohend zu ihrer Linken aufragte, bereit, herunterzupoltern und weiches Holz und noch weichere Lebewesen zu vielfarbigen Flecken auf dem Ozean zu zerschmettern. Wenn ihre Be-rechnungen falsch waren, und der Rifs das Schiff an der Breitseite traf, würde er sie ohne Zweifel zum Kentern bringen, und dann würden Mäste, Kabinen, Deck und Mannschaft in Stücke gerissen werden.

Wie ein goldener Faden in einem Cape aus Samt fand ein Blitz seinen Weg durch die Wogen der Finsternis. Ein Poltern und Krachen, das Kriegsge-schrei feindlichen Wetters, erreichte die Mann-schaft und veranlaßte sie, noch schneller zu arbei-ten, sich noch mehr Mühe zu geben, das Schiff herumzuziehen.

Die ersten Ausläufer des Rifs tasteten nach dem Schiff. Nicht kräftig, aber das waren auch nicht die gleichmäßigen, freundlichen, alltäglichen Winde von Tran-ky-ky. Doch die bliesen auch nicht mehr gleichmäßig in den Westen. Verstörte Zephire um-fächelten Ethan verwirrt. Träge Böen huschten an ihm vorbei, wie verängstigte Tiere, die einen Schlupfwinkel suchen.

»Das wird mächtig knapp werden, Jungchen«, sagte September schließlich mit einer Stimme, die grimmiger klang als alles, was Ethan bisher von ihm gehört hatte. Der Hüne klammerte sich mit beiden Armen an den Wanten fest. Ethan zog das massivere Holzgeländer vor, legte ein Bein um einen Stützpfeiler und klammerte sich mit beiden Händen an der Reling fest.

Als die Slanderscree auf dem neuen Südwestkurs stand, sprang sie der Rifs an, als versuchte er ver-zweifelt, die Beute doch noch zu erhaschen.

Die Farbe des Himmels wechselte von Blau nach Schwarz. Donner rollte. Mächtige Strahlen elektri-schen Todes tasteten nach dem fliehenden Klipper. Sie erinnerten Ethan an nichts so sehr, wie die leuchtende, widerliche Zyklopenkreatur, gegen die sie während der Flucht aus den Verliesen von Poy-olavomaar gekämpft hatten. Ein glühendes Auge, ein gigantisches schwarzes Maul mit gezackten Zähnen. Nur, daß jetzt die Fänge kilometerhoch und gelbgolden, anstatt durchsichtig waren.

Ethan hatte einige Mühe, den Blick von der her-annahenden Eismauer zum Steuerdeck zu wenden. Ta-hoding, der eher wie ein Brocken aus grauem Granit aussah als wie der behäbige Kapitän eines Eisfloßes, stand gegen das mä chtige Rad gestemmt und gab sich Mühe, seinen zwei Steuerleuten zu helfen. Sie rasten bereits mit annähernd einhun-dertzwanzig Kilometern pro Stunde übers Eis, vermutete er. Wieder erfaßte der Rifs das Schiff mit einem mächtigen Windstoß und trieb die Segel noch weiter hinaus, beschleunigte die Slanderscree auf noch höheres Tempo.

Wenn sie die Spalte bei dieser Geschwindigkeit verfehlten, würden sie sich um den Rifs keine Ge-danken mehr zu machen brauchen. Der Eissegler würde sich selbst gegen die Wand schmettern. Nicht einmal Schmierer würden von seiner Mann-schaft übrigbleiben. Selbst wenn sie die Spalte tra-fen, aber zu weit nach der einen oder anderen Seite überhingen, würden die gezackten Eisblöcke die Stage abreißen, die Masten abknicken oder viel-leicht sogar die Rumpfwände zerschmettern.

Über ihnen war Schwärze, auf sie jagte Weiße zu. Vom Wind gepeitschte Eis- und Schneepartikel pfiffen wie Projektile aus einer Million winziger Kanonen über Ethans Maske und erschwerten ihm die Sicht. Das Brüllen des Sturmes schien inzwi-schen von einer Stelle irgendwo zwischen seinen Ohren zu kommen, seine Stimme zu betäuben und sein Wahrnehmungsvermögen abzustumpfen. Hat-ten sie denn die Mauer immer noch nicht erreicht?

Ein marmorähnlicher Tunnel verdeckte den größ-ten Teil der Schwärze, als die Slanderscree in die Spalte einfuhr. Er bereitete sich auf den letzten Aufprall vor, so wie das alle anderen an Bord auch taten. Ein schreckliches, knirschendes Geräusch war zu hören. Ob aber nun das Schiff mit den ge-zackten Wänden kollidiert war, die zu beiden Sei-ten an ihnen vorbeirasten, oder ob der Blitz es ge-troffen hatte, vermochte er nicht zu sagen. Einen Augenblick lang erzitterte der Eissegler wie vom Fieber geschüttelt.

Und dann waren sie durch, die weißen Mauern waren verschw unden, und unter den Kufen des Schiffes pfiff klares Eis dahin. Gegen den Wind ankämpfend, blickte er nach achtern, sah die Mauer von ihrer Südseite, sah, wie sie hinter ihnen zu-rückblieb. Sein Blick wandte sich wieder nach vor-ne. Irgendwo hatten die Mächte des Schicksals entschieden, daß die Slanderscree nicht mit einem Bugspriet reisen sollte. Davon abgesehen, schien der Eisklipper den Aufprall gut überstanden zu haben. Kein Mast war umgestürzt, nirgends im Deck klaffte ein Riß.

An seinem Mund war etwas, das da nicht hinge-hörte, ihn reizte. Er öffnete die Lippen und spürte salzige Flüssigkeit. Er hielt sich die Hände vor das Gesicht, um es vor dem Wind zu schützen, und schob die Maske hinauf. Eisige behandschuhte Finger tasteten nach bloßer Haut, spürten, wie ihm Blut aus der Nase floß. Aber sie fühlte sich nicht an, als ob sie gebrochen wäre. Sie fühlte sich viel schlimmer an, und das Blut besudelte ihm den An-zug von innen.

Er sah sich um, sah wie andere Mitglieder der Mannschaft sich wieder von Deck erhoben. Wie es den Matrosen in der Takelage geglückt war, nicht abgeworfen zu werden, war ein Wunder, aber er zog es vor, sich nicht weiter damit zu befassen.

Unter zum Bersten gespannten Segeln, die droh-ten, die Rahen abzureißen, Rahen, die sich von den Masten lösen wollten, und Masten, die in ihren Verankerungen an Deck ächzten, und einem Rumpf, der auf seinen Kufen stöhnte, und zu guter Letzt einer Mannschaft, die Gebete zu ihren per-sönlichen Göttern schickte, daß das Ganze sich nicht in seine Teile auflösen möge, flog die Slan-derscree mit hundertsechzig Kilometern die Stunde südwärts.

Ein Tran kniete in der Spalte der Eismauer. Pelz-bedeckte Finger sammelten einige Fragmente auf, die nicht weiß waren, und nicht aus Eis bestanden. Im wesentlichen waren sie schlank und unregelmä-ßig. Eines der Fragmente stach ihn in den Finger, und er fluchte. Aber er hatte ohnehin genug gese-hen. Die Arme parallel zum Eis ausgestreckt, kreuzte er zu der Gruppe von Tran zurück, die un-geduldig am anderen Ende der Passage warteten.

Dort ließ er die Arme sinken, schloß einen Dan und kam elegant zum Stillstand. Schließlich konnte man vor so vielen wichtigen Leuten nicht stolpern oder stürzen.

»Das sind ein paar der Stücke, die ich gefunden habe, Ihr Herren. Am anderen Ende dieser Durch-fahrt gibt es viele solcher Fragmente.«

Tonx Ghin Rakossa, Landgraf von Poyolavomaar, nahm die paar Stücke aus zerbrochenem Holz ent-gegen. Er studierte sie, ohne dabei das eine zu be-rühren, das der Späher sich in den Finger gestoßen hatte.

»Viele solche Fragmente? Genügend, um den Teil eines großen Schiffes zu bilden?«

»Nein, Sire. Ich habe nicht viele gefunden.«

Rakossa warf die Splitter verärgert aufs Eis. »Dann sind sie dem Rifs entkommen.« Er betastete vorsichtig die Binde, die er über dem rechten Arm trug. »Wenn auch nicht unbeschädigt.«

»Die Furchen ihrer Kufen führen hinter der Spalte weiter südwärts, Sire«, fügte der Späher, auf Lob bedacht, hinzu.

Rakossa ignorierte ihn. »Wenn wir nur wüßten, wie stark sie beschädigt sind. Jedenfalls haben sie Zeit gebraucht, um sich durch die Mauer durchzu-arbeiten.« Die aufgetürmten Eismassen zeigten ihnen, wie die Passage bewerkstelligt worden war, und Rakossa staunte gierig über die Kraft und die Macht eines Schiffes, das solches Gewicht bewe-gen konnte.

»Sie sind aufgehalten worden.« Er kniete nieder und wischte das pulverisierte Eis weg, das in den Furchen der Kufen lag. »Trotz des Rifs ist das noch nicht weggeweht. Sie sind sehr nahe, werden aber jetzt ihren Vorsprung wieder vergrößern.«

»Dennoch werden wir sie einholen, Hoheit«, sag-te Calonnin Ro-Vijar.

»Ja, wir werden sie einholen, und diese Hure auch.«

Rakossa wandte sich um und blickte zu den Schif-fen, die hinter ihnen warteten. Mit ihren halbgereff-ten Segeln und den flatternden Wimpeln boten sie ein vertraue nerweckendes Bild. Die Verfolger hat-ten einen kleinen Wald von Masten zur Verfügung – soweit sie nicht vom Sturm abgerissen worden waren. Und sie hatten nur die Ausläufer des Rifs erfaßt.

»Aber wir werden sie mit dreißig Schiffen einho-len, statt mit fünfunddreißig. Drei sind schwer be-schädigt. Ihre Kapitäne haben mir mitgeteilt, daß sie nie wieder segeln werden. Zwei sind fast so schlimm dran, können aber mit den Mannschaften der drei Wracks nach Hause fahren. Schon fünf Schiffe verloren, Ro-Vijar.«

»Ein Grund mehr, Rache an den Verantwortlichen zu nehmen, mein Freund«, erwiderte der Landgraf von Arsudun, in dem Versuch, Vorteil aus dem Schaden zu schlagen. Rakossas Gemütszustand war der kritische Faktor, nicht der Zustand seiner Schif-fe.

»Mag sein«, sagte Rakossa nachdenklich. »Hier vergeuden wir Zeit.« Er stampfte mit dem Fuß auf, und drei Chiv zerschnitten das Stück Holz, das der Späher gebracht hatte, und hinterließen eine Marke im Eis darunter.

Zwei Wochen, nachdem sie die Eismauer hinter sich gelassen hatte, erreichte die Slanderscree das Plateau. Hundert Meter jäher Basaltklippen, die sich in ungebrochener Glorie von Osten nach Wes-ten dehnten. Ein kahl und verlassen wirkender Ort, ohne irgendwelchen Bewuchs, wie er die Klippen von Arsudun schmückte.

Teeliam wurde auf Deck gebracht, und man zeig-te ihr die undurchdringlichen Mauern, die den Eis-ozean teilten. »Dort liegt Moulokin«, sagte sie, sichtlich befriedigt.

»Moulokin? Wo?« Hunnar gab sich keine Mühe, seinen Sarkasmus zu verbergen. »Ich sehe hier nichts als Eis, Fels und Himmel. In der Reihenfol-ge, und zwar ohne Ausnahme.«

»Nichtsdestoweniger ist dies die Region von Moulokin.«

»Und wo liegt diese Märchenstadt?«

»Könnte sie irgendwo auf dem Plateau liegen, Töeliam?« fragte Ethan leise.

»Nein, das ist absurd.« Die ehemalige Prinzge-mahlin von Poyolavomaar nahm Ethans Höflich-keit, die in striktem Gegensatz zu Hunnars Skepsis stand, kaum zur Kenntnis. »Wie könnte ein Staat, der seinen Ruhm von den Schiffen bezieht, die er baut, viele Kijat über dem Ozean liegen?«

»Das hatte ich mir auch überlegt«, meinte Ethan trocken. »Ich wollte nur darauf hinweisen, daß ich keine Spur einer Stadt sehen kann.«

»Moulokin ist hier irgendwo.« Teeliams Über-zeugung war ungebrochen. Sie blickte zu der stei-nernen Mauer. »Irgendwo, in diesem Land.«

Ethan und Hunnar wechselten Blicke. Dann fragte Ethan: »In welcher Richtung? Vielleicht stimmen unsere Berechnungen nicht.«

Teeliam überlegte, erinnerte sich an Geschichten, Gerüchte und Legenden, die sie gehört hatte. »Es heißt, die Sonne ginge in Moulokin spät unter«, murmelte sie. Dann wies sie nach Westen. »Ich würde also annehmen, in dieser Richtung.«

»Wie Ihr meint.« Hunnar zuckte die Achseln auf Tranart. »Eine Richtung ist so gut wie die andere.« Er erteilte einem Maat Instruktione n, der sie an einen weiteren durchgab, der sie seinerseits zum Steuerdeck hinaufrief.

Der Eisklipper wendete nach Westen und begann, mühsam gegen den Wind anzukreuzen.

Trotz aller Mühe, die Ta-hoding sich gab, kamen sie nur langsam von der Stelle. Klippen zogen her-auf und wichen dann wieder zurück, als die Slan-derscree wieder in den Wind kreuzte, sich aber nie außer Sichtweite des Landes begab. Es hatte wenig Sinn, ihr Ziel zu verpassen, nur um wieder Wind aufzunehmen.

Hin und wieder senkte sich die das Plateau umge-bende Mauer etwas und gab den Blick auf ein Fjord frei. Wenn der Eisrigger einen Steuerbordschlag fuhr, konnte der Toppgast im Hauptmastkorb sol-che Lücken in der Felsmauer sehen. In manchen standen Bäume, wie sie an der Oberseite des Pl a-teaus offenbar nicht wuchsen, aber keines der Täler zeigte irgendwelche Spuren von Bewohnern, weder die weitgerühmte Schiffbaukunst Moulokins noch auch nur einen einzigen Traneremiten.

Tage dehnten sich zur Woche, aus einer Woche wurden zwei, und nirgends zeigte sich eine Lücke in den Klippen. Hin und wieder tastete sich das Plateau nach außen oder zog sich nach innen zu-rück, und zwang sie damit, den Kurs leicht abzuä n-dern. Aber es verschwand nie und änderte auch seine allgemeine Ost-West-Orientierung nicht.

Doch am Anfang der dritten Woche begann das Plateau sich allmählich südwärts zu ziehen. Ethan überlegte, wie weit sie wohl schon westwärts ge-fahren waren. Man konnte auch nicht sagen, wie weit sich die Klippen in westlicher Richtung aus-dehnten.

»Nach den Hypnobändern, die ich vor langer, langer Zeit auf dem Schiff hierher aufgenommen habe«, erklärte Ethan September, »hat man bis jetzt nur in sehr beschränktem Maße Vermessungsarbei-ten durchgeführt. Arsudun war die größte besiedel-te Insel, die das erste Team fand. Also hat man dort die Homanxstation errichtet. Aber das hier«, und dabei machte er eine weit ausholende Handbewe-gung, die die aufragenden Klippen umschloß, »ist eine Insel von Kontinentgröße.«

»Eines ist jedenfalls klar, Jungchen«, meinte der Hüne, »wir haben es hier nicht bloß mit einem Berggipfel zu tun, der seinen Kopf über den Ozean hinausstreckt.«

Hunnar schloß sich ihnen an, er bremste auf dem steuerbordseits gelegenen Eispfad und drehte seine Chiv im letzten Augenblick, um sie nicht mit Eis-partikeln zu besprühen. Sein Gesichtsausdruck und die Tatsache, daß er beinahe vergessen hätte, seine Dan zu senken, deuteten auf Erregung hin. Sep-tember fing ihn auf, als er taumelte, beinahe ge-stürzt wäre. Er war so mit seinen eigenen Gedan-ken beschäftigt, daß er vergaß, sich für seine Unge-schicklichkeit zu entschuldigen.

»Wir haben die Spuren eines Schiffes entdeckt! Sie verlaufen ebenfalls parallel zu diesem Hoch-land. Aber sie nähern sich aus dem Osten, ehe sie nach Süden wenden.«

»Vielleicht hat sich noch jemand ein wenig ver-rechnet«, sagte ein ähnlich erregter Ethan.

»Mag sein.« Ein Teil von Hunnars üblicher Wür-de schien in ihn zurückzukehren. »Vielleicht be-deutet es nur, daß ein weiteres Floß hier auf For-schungsfahrt ist, oder sich verirrt hat.«

»Sicher. Aber wenn die Moulokinesen den größ-ten Teil ihres Handels im Süden und Westen täti-gen, würde das erklären, weshalb wir bis jetzt keine Spuren entdeckt haben und weshalb man in Poyo-lavomaar so wenig von ihnen weiß.« Hunnars Er-regung hatte sich als ansteckend erwiesen. »Ganz zu schweigen vom fernen Arsudun.«

»Alles möglich, alles möglich.« Die Augen des Ritters blitzten im Mittagslicht. »Wir werden se-hen.«

Am nächsten Tag entdeckten sie zwei weitere Spuren von Schiffen. Wie die ersten, kamen auch diese aus dem Osten, ehe sie südwärts bogen.

»Wenn Moulokin an diesem Plateau liegt«, mein-te Ethan, »dann weiß jeder Kapitän, daß er zuerst auf das Plateau stoßen muß, ehe er nach Süden oder Norden biegt.«

Die eigentliche Entdeckung erwies sich dann eher als eine Art Enttäuschung. Im einen Augenblick raste die Slanderscree noch südwärts, mit recht hohem Tempo sogar, da sie ja nicht gegen den Wind ankämpfen mußten. Im nächsten Augenblick brüllte der Ausguck vom Vormast etwas, das keiner überhören konnte.

Die dienstfreie Mannschaft rannte an die Back-bordreling, um zu sehen, wie eine Legende zur Wirklichkeit wurde. Von dem Tage an gerechnet, an dem sie zum erstenmal die Klippen des Plateaus am Horizont entdeckt hatten, bis zu ihrer auge n-blicklichen Position, war fast ein Standardmonat vergangen. Ethan konnte nicht abschätzen, wie groß die Strecke war, die sie zurückgelegt hatten, aber sie war jedenfalls weit genug, um ihn zu über-zeugen, daß Tran-ky-ky sich jetzt wenigstens eines echten Kontinents neben seinen Tausenden von Inseln rühmen konnte, die wie Gewürz über seine endlosen Eismeere verstreut waren.

Und gleichzeitig begriff er, warum die Tran sich jene Inseln anstatt dieser Landmasse für ihre Städte und Dörfer ausgewählt hatten. Inseln boten leichten bequemen Zugang zu den Pika-Pina- und -Pedan-Feldern, Zugang zu dem Eisozean, auf dem aller Handel abgewickelt wurde. Alles, das sie bis jetzt von dem mächtigen Plateau gesehen hatten, deutete auf ein Landesinneres, das ebenso kahl und un-fruchtbar war wie die nördlichste Tundra auf Er-den.

Die Rufe hatten natürlich auch Ethan aus seiner Kabine gelockt und ihn veranlaßt, auf Deck zu rennen, um dort zu erfahren, was all der Lärm zu besagen hatte. Während er noch seinen Schutza n-zug schloß, bemerkte er, wie die Matrosen in der Takelage Segel einholten.

»Was ist denn, Skua?« rief er den Hünen an, wäh-rend er zur Reling rannte. Doch dann brauchte er nicht mehr zu fragen, weil er es selbst sah.

Als hätte die Axt eines Gottes hineingeschlagen, waren die Klippen backbord voraus dicht hinter dem Bug, vom Rand bis zum Eis gespalten. Und als sie näher rückten, konnten sie das Ausmaß der Schlucht erkennen. Ethan vermutete, daß sie höchs-tens zweihundert Meter breit war. Und diese Breite behielt sie bis tief in den Canyon hinein.

Von der Stadt war nichts zu sehen, wohl aber zahlreiche Andeutungen, daß sie nahe sein mußte. September lehnte sich über die Reling und deutete wortlos aufs Eis hinunter.

Trotz der dünnen Schicht von Eispartikeln und Schnee konnte Ethan ganz deutlich zahllose paral-lele Furchen erkennen, die die glatte Oberfläche durchzogen. Das waren die Spuren von Schiffen, die in diese Richtung gefahren waren. Zwar überla-gerten und überlappten sie einander, aber alle führ-ten sie zu der Schlucht in dem Felsplateau.

September hatte inzwischen sein winziges Mono-kular herausgeholt. Er hatte die Schutzmaske seine Anzugs hochgeschoben und hielt das kompakte Teleskop an ein Auge.

»Was siehst du denn, Skua?«

»Nacktes Felsgestein, Jungchen. Gestein, das sich durch nichts von dem unterscheidet, aus dem die Klippen bestehen, an denen wir jetzt seit Wochen entlanggerast sind. Kein Segel, kein Bauwerk, nichts. Vielleicht beschreibt der Canyon eine Bie-gung und verbirgt die Stadt.« Er schob das Mono-kular wieder in die Tasche und sah mit zusamme n-gekniffenen Augen zum Plateau hinüber. »Aber eines steht fest: All diese Spuren führen an einen vielbesuchten Ort. Nur die Wolken landeinwärts geben mir zu denken. Selbst wenn der Wind dort schwächer ist, kommt es mir unwahrscheinlich vor, daß sie an einer Stelle so dicht gedrängt sind und reglos hängen bleiben.«

Tatsächlich hatte es den Anschein, als beherbergte das Plateauinnere unmittelbar hinter der Felskante eine dichte Masse seltsamer weißer Wolken. Der blaue Himmel über und neben ihnen ließ die Wol-kenformation deutlich hervortreten. Ethan dachte zunächst an vulkanischen Rauch, wie man ihn über den stets brennenden Gipfeln von Sofold sehen konnte, aber dieser Rauch war viel zu hell, um vul-kanischen Ursprungs sein zu können. »Wenn es ein geschäftiger Hafen ist, weshalb sehen wir dann keine anderen Schiffe?«

»Teeliam sagt, dieses Moulokin sei in erster Linie ein Zentrum des Schiffsbaus. Poyolavomaar, Arsu-dun, Sofold – das sind alles Handelshäfen. Viel-leicht kommt niemand hierher, wenn nicht ein fer-tiggestelltes Floß für ihn bereitsteht. Oder die Mo u-lokinesen sind abergläubisch und treiben nur zu bestimmten Jahreszeiten Handel. Ich bin gespannt, was sie von uns halten.«

Vom Steuerdeck, unmittelbar hinter ihnen, hallten Rufe herauf. Ta-hoding gestikulierte mit seinen Maaten und Helfern. Segel wurden gerefft und an den Rahen festgeschlagen. Die Slanderscree näher-te sich vorsichtig dem Canyon.

Etwas drückte gegen die Gesichtsmaske von E-thans Schutzanzug. Er hob sie vorsichtig, schloß sie aber gleich wieder. Das Thermometer zeigte eine Außentemperatur von minus zwanzig Grad an. Aber es war nicht die Kälte, die ihn die Maske so schnell wieder schließen ließ.

Sie bewegten sich fast genau auf Ostkurs. Das be-deutete, daß der unermüdliche Westwind direkt von hinten kam. Und doch kamen sie nur langsam vor-wärts. Der Eisklipper schwankte etwas, und er sah, daß Ta-hoding kreuzte. Es war verrückt: Niemand kreuzt vom Winde weg!

»Starker Orkan weht aus dem Canyon«, stellte September interessiert fest. Ein Blick nach oben zeigte ihm, daß die Segel unsicher gegen die Rahen klatschten. Gelegentlich war der Wind, der vom Plateau her wehte, kräftig genug, um die Segel gegen die Masten zu drücken. In solchen Augenbli-cken erzitterte das ganze Schiff, als widerstrebte es ihm, die Fahrt fortzusetzen. Aber unter Ta-hodings vorsichtiger und geschickter Führung machten sie stetigen Fortschritt. Bald fuhren sie in die Mündung der Schlucht ein.

Über hundert Meter hohe Wände ragten zu beiden Seiten des Eisschiffes auf. Und je tiefer sie in die Schlucht eindrangen, desto höher türmten sich die steinernen Wände, obwohl der Canyon durch nichts erkennen ließ, daß er sich verengte.

Etwa hundertsiebzig Meter hoch waren die Klip-pen, und allmählich rückten sie näher zusammen. Sie hatten jetzt weniger Raum zum Manövrieren, und Ta-hoding und seine Mannschaft hatten alle Mühe, das im Zickzack fahrende Schiff daran zu hindern, gegen die Canyonwände zu stoßen. Seine Schläge wurden immer kürzer und immer gefährli-cher für den Fall, daß eine Segelmannschaft sich beim Umsetzen auch nur um Sekunden verspätete. Einmal gab es ein Mißverständnis zwischen den Matrosen am Toppsegel des Hauptmastes und ei-nem Maat, und sie drehten die Rahen nach Steuer-bord statt nach Backbord. Mit einem mächtigen Ruck setzte die Slanderscree ihren Steuerbordkurs fort, anstatt herumzuschwenken und die Eisfläche im Kanal wieder zu überqueren. Ethan starrte wie vom Donner gerührt auf die immer näher rückende graue Klippe.

Die Matrosen mühten sich verzweifelt, den Fehler zu korrigieren, ihn zu kompensieren. Ein stumpfes, geduldig klingendes, mahlendes Geräusch war zu hören. Zum Glück fuhr der Eissegler jetzt so lang-sam gegen von vorne kommenden Wind, daß durch den Aufprall nur die Reling eingedrückt und ein paar Deckplanken zersplittert wurden.

Die Leichtigkeit, mit der die Planken zersplitter-ten, lenkte Ethans Aufmerksamkeit auf die bauml o-sen Klippenränder über ihnen. Wie stabil waren sie? Falls es hier einen Erdrutsch gab, boten die engen Mauern des Canyons keine Chance zur Flucht.

Doch auch diese Sorge war unbegründet. Die Kollision des Schiffes mit der Felswand hatte aus dem Klippenrand kein Steinchen gelöst.

Ein paar heftige Worte wanderten auf dem Weg über den Maat mittschiffs vom Steuerdeck zu den Toppgasten. Sie hatten den doppelten Zweck, die Atmosphäre an Bord zu lockern und gleichzeitig die Matrosen in der Takelage zu tadeln. Aber die Schimpfkanonade steigerte nur die allgemeine Spannung und führte nicht zu dem Gelächter, das sie in weniger drohender Umgebung ausgelöst hät-te.

Das Geheimnis des mythe numwobenen Stadtstaa-tes, die sich verengenden Canyonwände, die den Himmel verdeckten, das von zahllosen Kufen zer-narbte Eis, über das sie fuhren, vereinten sich mit ihren schlimmen Erlebnissen in Poyolavomaar und stellten die geistige Stabilität der Mannschaft auf eine harte Probe. Ethan wußte, daß es gut sein wür-de, wenn sich ihnen etwas – feindlich, freundlich, oder selbst unerklärlich – in den Weg stellte, ehe noch zu viele Minuten verstrichen.

Es kam ihm in den Sinn, was sie wohl tun wür-den, wenn Moulokin sich als ebenso unwirklich erweisen sollte, wie es sich als schwer auffindbar erwiesen hatte, wenn die Canyonwände sich ein-fach weiter verengten zu einer steinernen Sackgas-se. Vielleicht hatten die vielen Schiffsspuren nichts anderes zu bedeuten, als daß sie zu einem Punkt führten, an dem irgendein religiöser Schrein viele zusammenrief. Oder war die Schlucht vielleicht einfach ein häufig benutzter Zufluchtsort vor Stür-men?

>Normale< Eissegler sollten keine Schwierigkei-ten haben, ihre Fahrzeuge zu wenden und getrieben von dem Wind, der vom Land her wehte, wieder den eisgefüllten Canyon hinunterzurasen. Aber der Canyon war ebenso schmal, wie die Slanderscree lang war. Es würde unmöglich sein, sie herumzu-drehen. Sie würden rückwärts segeln müssen, mit dem Heck voraus, und das würde das Steuern un-gewöhnlich schwierig machen.

September hatte sich in seinen Theorien eine Bie-gung im Canyon zurechtgelegt. Und tatsächlich bog dieser plötzlich scharf nach Süden. Die Mann-schaft hatte alle Mühe mit den Leinen und Rahe n, um den Eisklipper sicher um die Biegung zu len-ken.

Der Wind wehte nach wie vor vom Plateau herun-ter, blies aber jetzt etwas sanfter. Der Eissegler konnte mit weniger Manövrierarbeit weiterfahren.

Nur, daß die Schlucht jetzt versperrt war.

Zuerst dachte Ethan, es handle sich um einen Erd-rutsch, der von den so stabil scheinenden Klippen heruntergepoltert war. Aber als sie näher kamen, wurde offenkundig, daß das Hindernis von Tran-hand geschaffen war: die großen Steine und Blöcke waren sorgfältig aufeinandergetürmt und bildeten eine Mauer, die sich wie ein Netz aus Granit über die Eisenge erstreckte.

Sie war vielleicht dreißig Meter hoch und ziem-lich dick. Wie auf Tran-ky-ky üblich, war das ko-lossale Doppeltor aus Holz gebaut. Es erhob sich fast ebenso hoch wie die steinernen Mauern selbst und war zu beiden Seiten von je einem dreieckigen Turm flankiert.

Das Bauwerk verblüffte ihn. So eindrucksvoll die Tore auch sein mochten, dies konnte unmöglich das sagenumwobene Moulokin sein. Hinter der Mauer türmten sich die Klippen ebenso hoch und noch enger gedrängt als vor ihnen in die Höhe. Hinter der Mauer war kein Platz für eine Stadt. Und wenn es dort tatsächlich eine geben sollte, sagte er sich, so würde man sie ohne Zweifel vom Mastkorb aus sehen können.

Die Mauer selbst war ein typisches Bauwerk ein-heimischer Ingenieurkunst. Sie wirkte massig und undurchdringlich. Aber hinter jenem Tor mußte etwas liegen, denn die vielen Furchen im Eis führ-ten geradewegs durch das doppelte Tor.

Sie waren ihm schon sehr nahe gerückt, als der Klang eines Horns an ihr Ohr drang. Dreimal tönte es und verstummte dann wieder. Ethan rannte zum Bug und fand dort Elfa, Teeliam, Hunnar, Septe m-ber und viele andere, die alle nach vorne starrten.

Eine Stimme rief sie von einem der beiden Türme an. Ihr Klang, der bei so vielen Transätzen und Wörtern von entscheidender Bedeutung ist, war weder feindselig noch einladend. »Wer seid ihr in dem großen Schiff? Woher kommt ihr, und was wollt ihr von dem friedlichen Volk von Moulo-kin?«

Ein erregtes Raune n erhob sich unter der Mann-schaft, wanderte an den Masten empor und drang in die tiefsten Kabinen. Es gab Moulokin; Moulokin war Wirklichkeit! Zumindest hatte eine unsichtbare Stimme auf einer eindrucksvollen Mauer die Reali-tät einer Legende für sich in Anspruch genommen.

Hunnar antwortete: »Wir kommen von einem fer-nen Staat, der Wannome heißt und im Nordosten von euch liegt. Wir haben den Wunsch, mit eurem Landgrafen und eurem Rat über eine Angelegenheit zu verhandeln, die für alle Tran von großer Wich-tigkeit ist. Und wir haben drei wichtige Besucher bei uns.«

»Tritt vor, Junge. Zeit, uns zu zeigen.« September schob seine Maske zurück, damit die verborgenen Wächter in der Mauer unbehindert sein pelzloses Antlitz sehen konnten. Williams und Ethan taten es ihm gleich.

»Sie stammen von einer anderen Welt als Tran-ky-ky.« Hunnar wies himmelwärts. »Einer Welt in dem Ozean aus schwarzem Eis.«

Plötzlich herrschte Bewegung auf den Wällen. Ethan konnte Transoldaten aus ihren Unterständen hervortreten sehen. Sie gesti kulierten zu dem Eis-segler herüber und schienen erregt miteinander zu diskutieren.

Das Erscheinen der drei Menschen hatte sie also überrascht. Jetzt konnte er sich etwas entspannen. Calonnin Ro-Vijar hatte sich also nicht einen Glei-ter oder ein anderes modernes Fahrzeug herbeige-zaubert und war ihnen hierher zuvorgekommen, hatte Ärger aufgerührt und Lügen verbreitet, wie er sie in Poyolavomaar mit solchem Erfolg gesät hat-te.

»Sie haben euch viel Wichtiges mitzuteilen, so wie sie es auch uns mitgeteilt haben«, fuhr Hunnar fort. »Wichtige Dinge, die ganz Tran nützlich sein können.«

»Diese Tran hier sind aus Moulokin und denken zuallererst an Moulokin«, erwiderte die Stimme aus dem Turm. »Aber – wir werden mit euch sprechen, und vielleicht sogar zuhören.

Was eure eigenen Pläne und Wünsche angeht, so wisset, daß schon viele versucht haben, Moulokin mit gewichtigen Versprechungen, die auf dünnem Eise standen, zu bewegen. Wir selbst machen keine Versprechungen. Wollt ihr in diesem Wissen im-mer noch sprechen? Wir werden euch die Tore öffnen.« Eine Pause, und dann: »Ich glaube, euer Schiff wird das Tor passieren können. So großartig die Schiffszimmerleute unserer Stadt sind, haben sie doch noch nie etwas geschaffen, das auch nur halb so herrlich wäre.«

»Wir werden mit Vergnügen unser Wissen mit allen teilen.« Dann senkte Hunnar die Stimme und sah sich in der Gruppe um, die ihn umgab. »Was meinst du, Freund Ethan?«

Ethan, der sich wie stets nicht ganz wohl fühlte, wenn so viele Augen auf ihm ruhten, erwiderte mit leiser Stimme: »Alles deutet darauf hin, daß das wirkliche Moulokin irgendwo jenseits dieses Tores liegt. Ob’s nun existiert oder nicht, allem Anschein nach haben wir hier Tran gefunden, die Selbstver-trauen besitzen und bereit sind, zuzuhören. Das ist eine sehr wertvolle Kombination, die wir nützen sollten.«

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