Die Moulokin-Mission
Ethan überdachte ihre Chancen. Die Feinde wür-den…
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
Die Slanderscree hing gute zwanzig Grad nach backbord über und lehnte sich trunken eiswärts, fuhr aber fort, mühsam nach vorne zu taumeln.
Jetzt wieder auf den Beinen, stemmte Ta-hoding die Chivs in das Eis und brüllte Befehle aufs Deck hinunter. Die Eisanker am Heck wurden abgelas-sen. Sie krallten sich sofort im Eis und den Pika-Pedan-Stümpfen achtern fest. Nach ein paar Se-kunden kreischender Fahrt verlangsamte sich der außer Kontrolle geratene Eisklipper auf Kriech-tempo. Als schließlich das letzte Segel eingeholt war, kamen sie zum Stillstand.
Ethan, September, Hunnar, Elfa und Ta-hoding stiegen über eine Pika-Pina-Leiter hinunter. Es bedurfte gar keiner detaillierten Untersuchung. Irgend etwas hatte die vordere Backbordkufe zur Seite gedreht. Sie war nicht völlig abgerissen wor-den, aber die Duralum-Streben, die sie mit dem Schiffsrumpf verbanden, waren fast aus ihrer Ve r-ankerung gerissen. Platten und Bolzen fehlten, und das Holz, aus dem sie herausgerissen waren, war zerfetzt. Während Ta-hoding sich daran machte, die Reparaturarbeiten einzuleiten und zu überwachen, gingen Ethan und die anderen auf der Spur der Slanderscree zurück. Sie folgten dem Pfad, den die beschädigte Kufe beschrieben hatte, und sahen sich gezwungen, in einer Reihe zwischen Mauern vier Meter hoher Pika-Pedan-Stümpfe zu gehen, wobei sie immer wieder über gelantineähnliche Kugeln aus schnell gefrierendem, wäßrigem Saft ausglitten.
Nach knapp zweihundert Metern erreichten sie die Ursache des Zusammenstoßes. Kleine felsige Spitzen, die noch Spuren der gebrochenen Kufe erkennen ließen, stießen aus dem Eis. Kein Wun-der, daß die Toppgasten sie so, von der dichten Vegetation verborgen, nicht entdeckt hatten. Sie waren knapp zwei Meter hoch, zu niedrig, um den Schiffsrumpf aufzureißen, aber hoch und massiv genug, um die Kufen zu beschädigen. Sie konnten von Glück reden, daß den anderen Kufen ein ähnli-ches Geschick erspart geblieben war.
Hunnar beugte sich vor und deutete auf eine wei-ße Furche in dem frostbedeckten Granit. »Seht doch… hier ist das Schiff angestoßen. Ein Glück, daß die Insel nicht größer war.«
»Insel!« stieß September hervor. »Wir stehen hier auf dem Gipfel eines Berges, Freund Hunnar. Diese Spitzen führen bis auf den Grund dieses gefrorenen Ozeans, über den wir segeln.«
»Das ist nicht sicher, Skua.« Ethan hatte Mühe mit der Vorstellung, sechs- oder siebentausend Meter massives Gestein unter den Füßen zu haben. »Ebenso gut könnten das große Felsbrocken sein, die in das Eis eingefroren sind und die von einem Gletscher hierher getragen wurden. Oder, der Oze-an ist hier vielleicht nur ein paar Meter tief. Viel-leicht befinden wir uns hier in einem seichten Meer, das eine alte Wüste bedeckt. Das könnten ja auch Felsen auf einer Ebene sein.«
September blickte enttäuscht. »Bergspitze klingt aber besser. Du nimmst einem die ganze Romantik, Jungchen.«
Ethan warf September einen Blick zu, der deut-lich sagte, >glaub’ doch, was du willst!< Er wandte sich ab, um zum Schiff zurückzugehen, und fiel nach ein paar Schritten auf die Nase.
Keiner fand das besonders komisch. Für einen so kurzen Weg hatte keiner der zwei Menschen es für notwendig befunden, die Schlittschuhe anzulegen, aber das war es auch gar nicht, was Ethan zu Fall gebracht hatte.
Drei… nein vier winzige, cremi g-weiße Tentakel waren aus dem Eis hervorgebrochen und hatten sich um seinen rechten Knöchel geschlungen. Jetzt waren sie straff gespannt und zogen ihn herunter. Rings um seinen liegenden Körper herum begann das Eis aufzubrechen. Ethan bemühte sich, irgend-wo an der glatten Eisfläche Halt zu finden. Seine Hüften begannen bereits unter der Oberfläche zu verschwinden, als er es schließlich schaffte, sich mit beiden Armen an einem Pika-Pedan-Stumpf festzuklammern. Aber im nächsten Augenblick zerbrach der wie Moder.
Inzwischen waren Hunnar und September neben ihn getreten. Hunnar zog sein Schwert, aber Sep-tember scheuchte ihn zurück.
»Um Himmels willen, Skua, beeil dich!« Ethan klammerte sich an seinem Pika-Pedan-Fragment fest, obwohl das auch keinen besseren Halt als er selbst hatte.
September zielte sorgfältig auf eine Stelle etwas links und hinter Ethan und drückte den Knopf sei-nes Strahlers. Eine Dampfsäule stieg auf. Die Ten-takel, die sich um Ethans Bein geschlungen hatten, ließen zwar nicht los, aber der Zug ließ nach.
Inzwischen hatte Hunnar Ethans Handgelenke ge-packt. Er stemmte die Chiv seitwärts ins Eis und arbeitete sich mit Hilfe der Bremsklaue an seinem Absatz langsam nach rückwärts. Ethan kam aus dem Loch im Eis frei. Mit den Tentakeln nach wie vor an seinem Bein hängend, löste sich der Unter-legene dieses Kampfes nach ihm aus dem Eis. Er trug eine rauchende Brandwunde an der Seite.
Andere hatten die Schreie und das Zischen und den Lichteffekt des Strahlers wahrgenommen. Eine kleine Schar besorgter Tran kam vom Schiff her auf sie zu. Eer-Meesach und Williams waren dar-unter.
Ethan, der unter seiner Maske schwer atmete, drehte sich auf dem Rücken herum, setzte sich auf und blickte voll Ekel und Furcht auf das Tier, das an seinem Knöchel hing. »Was ist das?«
Hunnar hatte sein Messer herausgeholt und durch-trennte jetzt die immer noch fest haftenden Tenta-kel. Ethan atmete erleichtert auf, als er sah, daß sein Schutzanzug nicht zerrissen war.
Das fahlweiße Ding mit den grauen Flecken und Punkten war drei Meter lang, die Tentakel nicht mitgezählt. Es hatte vier tellergroße Augen, zwei an der Rücken- und zwei an der Bauchseite. Die vier Tentakel waren gleichmäßig um das stumpfe Kopfende verteilt. Dazwischen war ein kreisförmi-ger Mund mit dreieckigen, spitzen Zähne n zu er-kennen, der jetzt schlaff und offen war. Die Kiefer traten über die Lippen hervor und leuchteten feucht und rosa vor der weißen Haut. Ethan überlegte, was diese Zähne wohl aus seinem Bein gemacht hätten, wenn er noch ein wenig tiefer gesunken wäre.
»Ein Kossief«, erwiderte Hunnar nachdenklich und musterte den scheußlichen Kadaver. Auf Ter-ranglo ließ sich das etwa als >Eiswurm< überset-zen.
»Sie lauern unter der Eisfläche und warten darauf, daß irgendein unglückliches Geschöpf über ihr Stück Eis gerät, das sie aushöhlen, bis nur noch eine dünne Schicht über ihnen bleibt.« Der Ritter versetzte dem gummiartigen Kadaver einen Fuß-tritt. »Dann stoßen sie nach oben, durchbrechen das dünne Eis und ziehen ihre Beute in ihr Loch. Dann stoßen sie durch das hier« – er deutete auf ein vor-stehendes Organ am Hinterende der Bestie – »Was-ser aus und bilden eine neue Eisschicht.«
Ethan studierte den Wurm voll Ekel und massierte sein Bein an der Stelle, wo die Bestie ihn gepackt hatte. »Bei den Zähnen kann man sich gut vorstel-len, daß sie sich durch das Eis fressen können.«
»Allerdings«, nickte September bewundernd. Er stand in der wannenartigen Vertiefung, in der sich die Bestie versteckt hatte. Sein Kopf reichte gerade über die Eisoberfläche.
»Gibt es noch andere Tiere, die unter der Eisflä-che leben?« Williams untersuchte den toten Wurm mit ebensoviel Interesse wie Ethan Ekel gezeigt hatte.
»Eine ganze Menge, und höchst verschiedenartige Tiere, mein Freund«, erklärte Eer-Meesach. »In der Umgebung von Wannome gibt es wenige. Auf der anderen Seite von Sofold sind mehr davon, weil dort die Pika-Pina-Felder wachsen. Es ist interes-sant, daß sie auch hier, inmitten der Pika-Pedan, gedeihen.«
»Können wir es mit an Bord nehmen?« In Willi-ams Augen leuchtete die Hoffnung.
»Aber natürlich, das müssen wir sogar«, sagte der Zauberer. Ethan blieb stumm. Es bereitete ihm einige Befriedigung, daß er nicht der einzige war, der den Kossief widerlich fand. Die zwei Gelehrten hatten einige Mühe, zwei Matrosen dazu zu bewe-gen, den schweren, gummiähnlichen Kadaver ins Schiff zu schleppen.
September hatte jetzt seine Untersuchung der Höhle des Kossiefs abgeschlossen. Ethan half ihm beim Heraussteigen und dankte ihm gleichzeitig.
»Ich würde mich bei deinem Dank wohler fühlen, Junge, wenn das nicht ganz so knapp gewesen wä-re. Mein erster Schuß ist nämlich danebengega n-gen. Das Eis hier ist ziemlich klar, aber ich konnte nur eine undeutliche Silhouette sehen und vergaß, den abweichenden Brechungswinkel zu berücksich-tigen.« Er warf einen letzten Blick in das drohende Loch. »Gehen wir wieder an Bord – und passen wir auf, wo wir hintreten…«
Die Reparatur der mächtigen Kufe nahm vier Ta-ge in Anspruch. Das Ganze war ein Wettrennen mit den abgeschnittenen Pika-Pedan, die hinter dem Eisklipper auf Hohen von sechs und sieben Metern heranwuchsen und beharrlich gegen den Boden des Schiffes drückten.
Williams lief besorgt herum und versuchte, bota-nische und zoologische Expeditionen zu veranstal-ten, um die Geheimnisse des homogenisierten Waldes zu erforschen. Selbst Eer-Meesach hatte ein genügend gutes Gefühl für die Gefahr, um die-sen Vorschlägen zu widersprechen. Niemand konn-te sagen, was in den Tiefen solcher dichter Wälder der Äquatorgegend lauerte. Die bekannten Schre-cken, wie der Kossief, reichten, um einen klugen Mann dazu zu veranlassen, an Bord des Schiffes zu bleiben. Es bestand keinerlei Notwendigkeit, neue erregende Todesarten zu suchen.
Immerhin fand der enttäuschte Lehrer genügend wildes Leben in der Nähe, um sich beschäftigt zu halten. Wie ein Kind mit einem neuen Spielzeug sah er fasziniert zu, wie ein weiterer Kossief, der in der Nähe des ersten lebte, einen sechsbeinigen Pflanzenfresser einfing, der zwischen den abge-storbenen Stielen hinter dem Schiff herumstöberte. Seine flachen Krabbenaugen verdrehten sich voller Schrecken, während seine stumpfen Mahlzähne vergeblich nach den zähen Tentakeln schnappten, die ihn in die Tiefe zogen.
Auch Ethan sah zu, nur daß seiner Faszination andere Gedanken zugrunde lagen. Der Schrei des Pflanzenfressers war nicht weniger bedauernswür-dig, weil er so fremdartig klang. Für ihn war das eine Chance, sich sein eigenes Schicksal auszuma-len, hätte September ihn nicht befreit.
Sobald der Kossief dem unglücklichen Graser ge-nügend Blut ausgesogen hatte, um ihn bewegungs-unfähig zu machen, erzeugte der Gräber Hitze. Das Eis schmolz unter beiden, gefror über ihnen aufs neue geformt und angefüllt mit Wasser aus der Afterdüse, die Hunnar ihm gezeigt hatte. Sicher vor Aasjägern und anderen Räubern und durch einein-halb Meter steinharten Eises geschützt, ließ sich der Kossief nieder, um seine Mahlzeit zu genießen.
Ethan schauderte. Keine angenehme Art zu ster-ben. Er gelobte sich im stillen, nie wieder alleine einen Ort zu betreten, wo die dreieckigen grünen Pflanzen wuchsen.
Am letzten Tage beschleunigten die Matrosen ih-re Reparaturarbeiten, als sie erfuhren, daß einer der Späher in der Ferne den dröhnenden Ruf eines Droom vernommen hatte. Zum Glück kam das Monstrum nicht in Sichtweite, und der Wind wehte vom Ursprungsort des Schreies her, nicht auf ihn zu.
Kleine vierbeinige Qun, etwa so groß wie Ethans Hand, rannten an den Stängeln ausgereifter Pika-Pedan auf und ab und fraßen sich in die dicken Stämme hinein, wie Mäuse, die man an einem rie-sigen Käse losgelassen hat. Sie begannen zieml ich weit oben am Stängel und fraßen sich nach unten. Hinter ihnen blieb nichts zurück. Sie zogen beschä-digte oder kranke Stängel vor und halfen auf diese Weise mit, den Wald lebenskräftig zu erhalten.
Ethans Favorit war ein Tier, das Eer-Meesach als Meworlf bezeichnete. Es hatte einen wurstförmigen Körper, von dem zehn dünne, mehrgliedrige, zwei Meter lange Beine herunterbaumelten. Über die ganze Länge seines zylinderförmigen Rückens verlief ein Sack. Wenn er aufgeblasen wurde, schwoll der Sack auf Ballongröße an. In der schwachen Brise, die zwischen den Pika-Pedan wehte, schwebte der Meworlf dann von Stängel zu Stängel und verankerte sich mit vier seiner zehn drahtigen Glieder an einem bestimmten Stamm und benutzte die anderen sechs dazu, Pflanzenfragme n-te abzureißen und sie in seinen kleinen Mund zu stopfen. Wenn er mit Fressen fertig war, trieb der Meworlf träge in der Brise oder ließ den Stängel los und trieb, wie ein Ball von einem Stängel zum nächsten hüpfend, durch den Wald.
So faszinierend die außergewöhnliche Fauna des Pika-Pedan-Waldes auch für Williams war, so schnell begann sie für Ethan an Reiz zu verlieren. Am vierten Tage drängte es ihn wie jeden anderen Matrosen auch, wieder weiterzuziehen.
Als dann wieder alle Segel gesetzt waren, bestä-tigten sich die schlimmsten Ängste der erfahrenen Eisleute.
»Wir bewegen uns nicht«, stellte Ethan beunru-higt fest. Er wandte sich an den Kapitän. »Was stimmt denn nicht?«
»Das hat mir viel Sorge bereitet, Freund Ethan.« Ta-hodings Ausdruck wirkte finsterer als gewöhn-lich. »Aber wir hatten keine Wahl. Die Kufe mußte repariert werden.«
»Natürlich.« Ethan deutete auf die sanft geblähten Segel unten an den Masten und die prallen höher oben, über den Wipfeln des Pika-Pedan-Waldes. »Du meinst, wie haben nicht genügend Schwung, um in Gang zu kommen?«
Jetzt begriff er. Solange die Slanderscree mit ver-nünftiger Geschwindigkeit dahinzog, reichte ihre Bewegungsenergie spielend aus, um sich einen Weg durch die weichen Pika-Pedan zu pflügen. Aber sobald sie einmal zum Stillstand gekommen war, wobei die dicken, grünen Pseudopoden prak-tisch über die Reling wuchsen, konnte sie sich nicht wieder in Bewegung setzen.
»Was können wir denn tun?«
»Nach rückwärts können wir nicht«, sagte Ta-hoding ernst und deutete nach hinten. »Das Pika-Pedan ist zu hoch und dick geworden, während wir hier gewartet haben.«
»Und wenn wir Leute mit Äxten und Schwertern ausschickten, damit sie uns den Weg freischla-gen?«
»Es kann sein, daß wir genau das versuchen müs-sen, Freund Ethan. Aber ich wollte, ich wüßte et-was Besseres. Bis unsere Leute eine ausreichend breite Schneise für das Schiff geschlagen haben, die auch lang genug ist, würden die Pika-Pedan, die sie als erste gefällt haben, bereits hinter ihnen wie-der hochgewachsen sein.
Trotzdem«, sagte er und machte eine Trangeste, in der sich Hoffnungslosigkeit, gemischt mit Re-signation, ausdrückte, »muß ich gestehen, daß ich auch keine andere Möglichkeit sehe.« Er watschel-te davon, um Hunnar Anweisungen zu erteilen.
Alle, die nicht unmittelbar mit der Segelarbeit be-schäftigt waren, wurden über Bord geschickt und begannen bald, wild auf die Stämme vor dem Schiff einzuhacken, wobei sie Äxte, Küchenwerk-zeuge, eben alles, was schneiden konnte, benutzten. Die großen Stiele fielen leicht und bespritzten die Tran mit Wasser und Saft, die genau wußten, daß sie sich in einem Wettlauf mit der Zeit befanden.
Selbst Ethan konnte mit dem Schwert eine zehn Meter hohe Pika-Pedan-Säule in zehn Minuten fällen, auch wenn die Arbeit seine an derartige Aktivität nicht gewöhnten Muskeln ermüdete. Um einen Pfad freizuschlagen, der für ein Schiff von der Größe der Slanderscree ausreichte, war es not-wendig, eine große Zahl von Pika-Pedan zu fällen. Sie konnten nicht aufhören. Wenn die Pika-Pedan hinter ihnen die Bodenhöhe des Schiffes, die vier Meter betrug, erreichten, würden sie umkehren müssen und versuchen, auf irgendeinem anderen Wege auszubrechen.
Bald sollte sich erweisen, daß sie viel früher auf-hören mußten, als sie gedacht hatten.
Alle Augen an Bord und auch bei dem Arbeits-trupp wanderten zu dem Aussichtskorb auf dem Hauptmast, wo der Toppgast jetzt erregt nach Os-ten wies und schrie:
»Stavanzer!«
»Wie weit?« brüllte Ta-hoding und hielt sich die Pranken an die Lippen.
»Zwanzig, vielleicht auch dreißig Kijat«, hallte es vom Ausguc k zurück.
»In unsere Richtung?«
»Das ist auf diese Entfernung schwer zu sagen, Captain.«
»Wie viele?«
»Auch schwer zu sagen. Sicher kann ich nur einen erkennen.« Eine Pause. Und dann »immer noch nur einer.«
Es war nicht notwendig, den Befehl zu geben, das Hacken einzustellen und zum Schiff zurückzuke h-ren. Wenn ein Stavanzer in der Umgebung war, dann war der Rückzug an Bord eine Frage des In-stinktes, nicht der Entscheidung. Alle chivanierten oder rannten durch das Labyrinth gefällter Pika-Pedan-Stiele, ohne daß man ihnen das befehlen mußte.
»Was nun, Captain?« fragte Ethan Ta-hoding, als er atemlos aufs Steuerdeck heraufgeklettert war.
Eer-Meesach stand an der Reling und blickte mit seinen uralten Augen nach vorne. »Den meisten verkündet er die Nähe des Todes, Freund Ethan. Aber er könnte auch unsere Rettung sein.«
»Wie das?«
»Bedenke, was geschieht, wenn der Donnerfresser nahe an uns vorbeizieht, Ethan. Du weißt, wie der Stavanzer sich über das Eis schiebt. Dabei walzt er alles auf seinem Wege nieder und macht das Eis so glatt, wie das nur ein Hobel könnte.«
»Ich verstehe. Wir können also auf dem Wege entkommen, auf dem er hereinkommt?«
»Mehr als das, Freund Ethan«, erklärte Ta-hoding, der zugehört hatte. »Sobald wir auf der Spur des Donnerfressers genügend Geschwindig-keit gewonnen haben, können wir unsere Fahrt in jeder Richtung fortsetzen, in der wir wollen.«
»Kritisch ist nur, zuerst einmal die Geschwindig-keit zu erreichen«, schloß Eer-Meesach.
»Kinetische Energie«, murmelte Ethan und mußte dann versuchen, den fremdartigen Terranglobegriff ins Tranische zu übersetzen.
»Leicht wird das nicht sein.« Ta-hoding sagte das nicht nur zu seinen Zuhörern, sondern auch zu sich selbst. »Selbst wenn es uns gelingt, auf seine Spur einzubiegen, sind da noch andere Gefahren zu be-denken.« Ethan drängte nicht auf eine Erklärung.
»Wir müssen eine Entscheidung treffen. Wir ha-ben zwei Alternativen.« Er deutete mit dem Arm zum Bug, und einen Augenblick blähte sich sein Dan im Winde auf. »Wir müssen uns auf ein oder zwei Kijat einen Weg freischlagen. Wir können aufs neue Segel setzen und auf die Waldmauer zufahren. Wenn uns das mißlingt, haben wir keinen Platz zum Manövrieren. Und es wird sehr schwie-rig sein, einen zweiten Anlauf zu nehmen. Außer-dem möchte ich mir die Möglichkeit für den Fall offen lassen, daß der Donnerfresser abbiegt und uns angreift.«
»Mir scheint ziemlich klar, was zu tun ist«, sagte eine neue Stimme. September betrat jetzt das Ste u-erdeck. »Wir warten und versuchen, hinter ihm hineinzuschlüpfen.«
Ta-hodings Blick wanderte von einem zum ande-ren. Seine gewöhnlich vorhandene Leichtigkeit schien jetzt wie weggewischt. Er wirkte ganz ge-schäftsmäßig. »Das wäre dann also entschieden«, sagte er und trat an die Reling, um seine Befehle zu erteilen.
Nach den ersten Vorbereitungen folgten zwanzig Minuten des Wartens. Alle Matrosen waren an ihren Posten, und Ritter und Junker standen bereit zu helfen, sofern sich das als nötig erweisen sollte. Die Qun waren in ihre Löcher verschwunden, und ein letzter Meworlf warf sich wie ein durchdrehe n-des mechanisches Spielzeug gegen die Stängel, in dem Versuch, aus der gefährlichen Umgebung zu fliehen.
Und dann erhob sich ein tiefes Brausen, ein peri-odisches, wie Atem klingendes Dröhnen, das an einen KK-Antrieb erinnerte, der die Lichtge-schwindigkeit überschreitet. Von seinem einzigen bisherigen Zusammentreffen mit der mächtigen Bestie wußte Ethan, daß das Geräusch auf die Fort-bewegungsart des Stavanzers zurückzuführen war. Indem er durch zwei nach unten gerichtete düsen-ähnliche Gebilde, die sich an seinem Hinterteil befanden, im Takt komprimierte Luft ausstieß, konnte er sich auf seinem glatten, schmierigen Bauch über das Eis bewegen, während er zwi-schendurch die zwei im Oberkiefer befindlichen und nach unten gerichteten Hauer zum Einhaken benutzte – wenn man auch eigentlich dieses gum-miartige Gebilde nicht gerade als Kiefer bezeich-nen konnte.
Das Dröhnen wurde tiefer. Die Slanderscree erzit-terte, als das Eis unter ihr im Rhythmus des Monst-rums bebte.
Ethan empfand den Drang, in die Takelage zu klettern, um sich über den schwankenden Pika-Pedan-Kronen einen Überblick zu verschaffen. Aber er blieb, wo er war, um den Matrosen nicht ins Gehege zu kommen.
Von den Männern in den obersten Rahen drang ein Murmeln zu ihnen herunter, ihre Augen waren auf etwas Fernes gerichtet, das die anderen nicht sehen konnten. Ihre Begleiter drängten sie zum Schweigen. Ethan ließ den Blick nach vorne wan-dern.
Am fernen Ende des primitiven Pfades, das sie so mühsam in den rostfarbenen Wald geschlagen hat-ten, tauchte jetzt eine große Masse auf. Sie ragte vielleicht zwölf Meter über das Eis auf, und ein schwarzes Maul sog die gefällten Pika-Pedan mit jovianischer Geduld ein, während die hornige, aus dem Kiefer gebildete Unterlippe die an Nährstoffen reichen Stängel knapp über dem Eis absäbelte.
Einmal hob sich der Oberkiefer, und die mächti-gen Hauer krachten so hart in das Eis, daß die ein paar Kijat entfernte Slanderscree erzitterte. Eiswur-zeln und proteinreiche Knollen wurden wie von einem Absauggerät eingesogen: Proteine, Knollen und Pulpe verwandelten sich dann später in Zellen und Nährstoffe, während das Eis geschmolzen und durch die ungeheuere Metabolismusmaschine wie-der ausgestoßen wurden.
Der mächtige Schädel bohrte sich gleichgültig in die Mauer von frischen Pika-Pedan, die vor ihm aufragte, und verschwand dann wieder. Wie ein alter Eisenbahnzug, der ringsum von Schnee um-geben ist, glitt die dunkle, graue Masse an ihnen vorüber. Parasiten und andere Gewächse von re-spektabler Größe bildeten an den Flanken und dem Rücken des Leviathan eine Art fantastisches Blatt-werk, einen privaten Dschungel, den niemand zu erforschen wagte. Das auf- und abschwellende Heulen, das beim Einsaugen und Ausstoßen der Luft entstand, war jetzt ohrenbetäubend.
Zum Glück waren Gesichts- und Gehörsinn des Donnerfressers nur schwach entwickelt. Er brauc h-te diese Sinne auch nicht, da es nichts gab, vor dem er sich hüten mußte. Die Bestie glitt vorbei, und ihr stumpfes Schwanzende entfernte sich, ohne daß er die Slanderscree oder ihre vor Angst stumme Mannschaft zur Kenntnis genommen hätte.
Dann war er verschwunden, obwohl sie immer noch hören konnten, wie er seine endlose Mahlzeit zu sich nahm, während er sich gleichmäßig nach Westen zu entfernte.
Obwohl es schwierig war, objektiv zu sein, wenn man mit einem so überwältigend grandiosen Bei-spiel der Vielfalt der Natur konfrontiert war, schätzte Ethan seine Länge auf siebzig bis achtzig Meter. Ein ausgewachsenes Exemplar, aber nach allem, was er gehört hatte, kein ungewöhnlich gro-ßes. Er selbst hatte schon größere gesehen. Er be-zweifelte, daß der hier mehr als zweihundertfünfzig Tonnen wog.
Sie hätten eine weitere halbe Stunde warten sol-len, um ganz sicher zu sein, ehe sie die Anker hiev-ten, aber die Matrosen begannen, unruhig zu wer-den. Die Angst, der Donnerfresser könne vielleicht die Richtung ändern (sie waren in ihren Gewohn-heiten höchst unberechenbar) und sie angreifen, vergiftete das Blut der Matrosen mit Angst. Am Ende konnte selbst der geduldige Ta-hoding das Warten nicht länger ertragen.
»Alle Segel setzen, an die Winschen!«
Die Eisanker waren schon lange eingeholt. Schwerfällig, aber viel graziöser als der Donner-fresser, begann die Slanderscree, sich in Bewegung zu setzen. Das Skelett des Schiffes ächzte, als die Duralumkufen sich aus der Ansammlung von an-gewehtem Schnee und Eis lösten.
Das Mahlen der Kufen wurde zu einem gleichmä-ßigen, scharrenden Zischen, als das mächtige Schiff langsam in Fahrt kam. Zwei, dann vier, schließlich zehn und fünfzehn Kilometer die Stunde. Zwanzig. Dreißig, und jetzt war ihr Fahrgeräusch ein durch-dringendes, pfeifendes Zischen, als das Duralum durch das Eis schnitt. Sie näherten sich dem Ende der kurzen Lichtung, die die Mannschaft freigelegt hatte.
»Hart Backbord!«
Die beiden Steuerleute mühten sich an dem mäch-tigen hölzernen Rad ab. Ineffiziente Muskeln spannten sich, wo Hydraulik bessere Dienste ge-leistet hätte. Ein nervenzerreißendes Kreischen kam von der Steuerkufe, die sich jetzt langsam drehte. Die Matrosen in der Takelage trimmten die Segel.
Und die Slanderscree wendete unerwartet schnell nach backbord. Beide Steuerleute gaben sich große Mühe, das Rad festzuhalten, das ihnen die Füße vom Deck zog. September warf sein ganzes Ge-wicht auf die Backbordseite des Rades, und Ta-hoding fügte das seine hinzu. Die vier Körper reichten aus, die Kufe auf Kurs zu halten, und das Schiff drehte bei, während seine Geschwindigkeit noch zunahm.
Jetzt konnten Ta-hoding und September loslassen. Die Füße des Steuerbord-Steuermannes berührten wieder die Decksplanken, als das Rad langsam zurücklief. Jetzt rasten sie eine breite Straße von freiem Eis hinunter, die der Stavanzer freigelegt hatte.
Auf Kommando ließen die beiden Steuerleute das Rad los, damit das Schiff sich seinen eigenen Kurs suchen konnte. Jetzt, da der Westwind direkt von hinten wehte, bestand keine Gefahr mehr, daß sie vom Kurs abgedrängt würden. Das Rad drehte frei, kreiste so schnell, daß es leicht einem Mann den Schädel hätte zerschmettern können. Die Steuerleu-te nahmen ihre Posten wieder ein, prüften das Rad und stellten fest, daß es sich wieder locker bewegen ließ.
Mit sechzig Stundenkilometern rasten sie durch die Schneise. Pika-Pedan-Pulpe besudelte das Eis unter den Kufen, und die Gewächse links und rechts von ihnen wurden zu einem grünen Streifen. Vor dem Winde, dessen Geräusch der sie umge-bende Wald dämpfte, schienen sie unter der Ober-fläche dahinzufliegen, statt auf ihr, umgeben von smaragdenem Schweigen.
Gespenstische Stille herrschte, und so hörte die ganze Mannschaft den erschreckten Schrei des Toppgasten vom Vormast.
Ethan blickte nach vorne, ohne zu bedenken, daß sie dabei weitere wertvolle Sekunden verloren. Ein, nein zwei gigantische, schwarze Gruben, wie die Mündungen von Hohlen, kamen auf sie zu und versperrten den Weg völlig. Während sie näher rasten, wurde aus einem geheimnisvollen Flüstern ein beängstigendes Murmeln, dann ein brüllender Orkan, der ihm die Zähne im Kopf erzittern ließ.
Ta-hoding rief verzweifelt den Maaten und den Männern in der Takelage Befehle zu und versuchte gleichzeitig, seine Steuerleute anzuweisen.
Wieder drehte die Steuerkufe ab, und die Angst verlieh den Tran an den Speichen des Steuers Kräf-te, wie sie normale Körper nie besitzen. Wieder bohrte sie sich ins Eis. Die Slanderscree bog nach Süden ab, schmetterte in einem Regen zerfetzter Stängel und grünen Saftes gegen den Wald. Aber jetzt raste das Schiff so schnell dahin, daß der Wald überhaupt kein Hindernis mehr darstellte. Pika-Pedan-Stämme verschwanden rings um sie, nieder-gepflügt von dem schweren Eissegler.
Jetzt hatten sie freie Bahn vor sich.
Wie Inseln in einer erbsengrünen See wölbten sich ein paar graue Buckel über den Wipfeln des Waldes.
»Wenden!« Ethan ertappte sich dabei, wie er mit beiden Fäusten auf die Reling schlug, und so brüll-te, daß ihm die Kehle weh tat. »Wenden!«
Befehle wurden geschrieen, aber die erfahrenen Matrosen wußten, welches Risiko sie eingehen mußten und was geschehen mußte, damit das ge-schah, was notwendig war. Jeder Mann auf Deck und in der Takelage rannte, so schnell er oder sie dazu fähig war, an die Steuerbordseite des Schiffes.
Mit herumgerissener Steuerkufe und richtig ge-trimmten Segeln und aller beweglichen Masse nach einer Seite verlegt, hoben sich die Backbordkufen der Slanderscree unendlich langsam von der Ober-fläche des Eisozeans.
Ein paar Zentimeter, ein halber Meter, zwei Me-ter. Ein paar Matrosen arbeiteten sich mühsam zur Backbordseite hinüber. Das Schiff hielt, krängte gefährlich weit auf die rechte Seite, hielt auf den Kufen der einen Seite das Gleichgewicht. Das Du-ralum würde halten, aber was war mit den Bolzen aus Eisen und Stahl und den hölzernen Gerüsten, die die Kufen mit dem Schiff verbanden? Alle Mat-rosen in der Takelage klammerten sich fest, so gut sie konnten. Wenn sie jetzt abstürzten, in den Wald hinunter, wußten sie, daß sie nicht mit Rettung rechnen durften.
Ethan sah Holz und Himmel, als er zur linken Sei-te des Schiffs hinüberblickte. Ein riesiger, schwar-zer Schlund, wie ein Loch im Weltraum, ragte über der anderen Reling auf. Ein leises Donnern war zu hören, etwas zerrte an ihm, und war dann ver-schwunden. Zwei Hauer, ein jeder dicker als der Hauptmast der Slanderscree, fingen das Licht der Sonne, spiegelten es in seine Maske und blendeten ihn einen Augenblick lang.
»Bei den Dienern des Finsteren, wir schaffen’s!« heulte jemand.
Die Hauer fuhren herunter, vierzehn Meter aus massivem Elfenbein, Tonnen der Schönheit im Maul eines Dämonen.
Aber inzwischen war das Schiff bereits an ihm vorbeigeschossen. Ethan lehnte sich über die Re-ling, um nach hinten zu blicken, sah, wie die Hauer das Eis trafen und zentnerschwere Splitter hochspritzten. Ein winziges, böses Auge hinter dem monströsen Schlund musterte ihn stumpf, und er bildete sich ein, er könne durch das Auge hindurch ein lächerlich kleines Gehirn sehen.
Undeutlich wurde ihm bewußt, daß die Maate Be-fehle riefen. Rahen wurden geschwenkt, Segel ge-trimmt. Langsam senkte sich das Schiff wieder in Normallage. Ein dumpfes Dröhnen erklang, wie ein titanenhaftes Rülpsen, als die Backbordkufen wie-der auf das Eis herunterkrachten, eine hölzerne Stütze irgendwo unter Deck knackte hörbar. Aber alle Kufen hielten.
Alle hatten den Stoß erwartet und sich festgehal-ten. Keiner wurde über Bord geworfen.
»Das war knapp«, murmelte Hunnar, als er aufs Steuerdeck stieg. Der Atem des Ritters ging schwer, stellte Ethan fest. Er selbst schwitzte trotz der Ausgleichsgeräte seine Schutzanzuges heftig. Auch thermotropische Stoffe brauchen Zeit, um sich anzupassen.
Ethan stieg vorsichtig in die Hauptkabine hinun-ter. Alles, was in der Kombüse noch intakt war und erhitzt werden konnte, würde jetzt herrlich schme-cken.
Er traf Eer-Meesach an der Türe. Sie gingen ge-meinsam hinein.
»Das war ein Leitbulle, kein Einzelgänger.« Der Zauberer schien diesmal keine große Begeisterung über die interessante Begegnung zu empfinden. »In einer Herde bewegen sich die Stavanzer auf paral-leler Linie und fressen. Wir sind hinter dem Führer hergefahren und wären fast in die Herde hineinge-rast. Ein Glück, daß wir die Nachhut gerade noch verpaßt haben.«
Ethan sah den mächtigen Schlund noch immer vor sich, dem sie gerade noch entronnen waren. Wahr-scheinlich war das nur seiner fiebrigen Fantasie zuzuschreiben, die von Angst und Schrecken noch verzerrt wurde, aber der letzte Stavanzer hatte groß genug ausgesehen, um das ganze Schiff zu ver-schlucken und den Hauptmast als Zahnstocher zu benutzen.
Er hatte körperlich kaum etwas geleistet, trotzdem hatte er eine Menge Kalorien verbrannt. Jedenfalls war Essen etwas Beruhigendes und Normales.
Er hatte jetzt für eine Weile genug von unge-wöhnlichen Dingen.
8
Als die Toppgasten das nächstemal riefen, klang ihre Stimme normaler, und wenn man überhaupt etwas aus ihrem Klang heraushören konnte, dann Angenehmes.
Minuten später verschwand der grüne Wald mit einemmal, begann hinter ihnen zusammenzu-schrumpfen. Sie hatten die Pika-Pedan hinter sich gelassen und fuhren erneut durch Pika-Pina. Bald konnte Ethan achtern das Loch in der grünen Wand nicht mehr erkennen, durch das sie herausgeko m-men waren.
Noch drei weitere Tage, und sie ließen die pelz-bedeckten Schmetterlinge und den grünen Eisflaum hinter sich und chivanierten wieder über offenes Eis. Ta-hodings Erleichterung war fast körperlich zu verspüren, und die seiner Männer so heftig, daß man sie kaum ertragen konnte.
Als sie ein kleines Handelsfloß überholten, dessen winziges Deck über und über mit Ware beladen war, hätte ein unbefangener Betrachter aus dem Geschrei der Mannschaft schließen können, daß sie den tranischen Himmel erreicht hatten. Das war nicht der Fall, aber die normale Welt offenen Eises und anderer Schiffe war für die einfachen Matrosen alles, was sie sich wünschten.
Die Mannschaft des Kauffahrers drängte sich an die Reling und starrte ehrfürchtig auf den mächti-gen Eissegler. Es war offensichtlich, daß sie noch nie von ihm gehört hatte n, ein Beweis dafür, wie weit die Slanderscree Arsudun hinter sich gelassen hatte. Beide Mannschaften hatten kaum Zeit, ein paar kurze Rufe und Fragen zu tauschen, ehe der ungeduldige Wind sie wieder trennte.
»Wohin fahren sie?« fragte Ethan Hunnar.
»Nicht nach Poyolavomaar«, sagte der enttäusch-te Hunnar. »Wir werden versuchen, beim nächsten Schiff, an dem wir vorbeikommen, mehr zu erfa h-ren.«
Jenes Schiff erwies sich als ein weiterer Kauffa h-rer, diesmal doppelt so groß wie der erste, dem sie begegnet waren, fast dreißig Meter lang. Es besaß sogar eine Zentralkabine. Aber die Überraschung seiner Mannschaft, als sie die Slanderscree ent-deckten, war nicht geringer als dies bei dem ersten Floß der Fall gewesen.
Obwohl der Kauffahrer einen ähnlichen Kurs wie der Eissegler fuhr, war Poyolavomaar nicht sein Ziel. Aber die Mannschaft bestätigte gerne, daß das mächtige Schiff richtigen Kurs hatte.
Sie passierten weitere Schiffe. Der Handel war hier nicht besonders intensiv, aber regelmäßig. Ein paar Felsinseln wuchsen am Horizont heran und glitten an ihnen vorbei. Einige zeigten Spuren tra-nischer Behausungen. Am Ende wurden sie so zahlreich, daß Ta-hoding ein paar Segel einziehen ließ.
Sie fuhren jetzt durch eine Gegend, die mit zahl-reichen winzigen Inseln übersät war. Rauch kräu-selte sich aus den Kaminen von Häusern mit steilen Dächern, die wie braune Entenmuscheln an winzi-gen Häfen hingen, oder ameisenähnliche Hänge bedeckten. Im Windschatten der Inseln kauerten sorgfältig gepflegte Pika-Pina-Wälder. Jedes Mal, wenn die Slanderscree vorbeizog, blickten ein paar Tran verblüfft auf und murmelten dem wunderba-ren Schiff nach, von dem sie nicht einmal sicher wußten, ob es ein Schiff oder nur ein Schemen gewesen war.
Zwei Wochen später, nach einer Vielzahl von In-selgruppen, die sich wie Riffs über das Eis verteil-ten, erreichten sie Poyolavomaar.
Nadelspitze Vorsprünge ragten aus dem Eis und reckten sich in eindrucksvolle Hohen, wie Ethan sie noch nie auf Tran-ky-ky gesehen hatte. Ein paar stiegen bis zu dreitausend Meter in den klaren blauen Himmel. Die scharfen, bizarr wirkenden Felsen deuteten auf eine geologisch jugendliche Region hin, denn unter den gnadenlosen Angriffen der Winde des Planeten konnten solche Felstürme sich ihre stolze Einmaligkeit nicht lange bewahren.
Die Inseln, die den Kreis bildeten, von dem Ta-hodings Freund gesprochen hatte, berührten fast die Flanken der Slanderscree, titanische Steintänzer, die nur einen Sprung voneinander entfernt für im-mer erstarrt waren. Wenn der Wind durch die Gra-nitnadeln pfiff, verhielt er sich höchst seltsam, als wäre er sich der ungewöhnlichen Umgebung be-wußt, in der er spielte. Ta-hodings Aufgabe wirkte sehr schwierig, bis er erkannte, daß sie ja nur einem der zahlreichen Flöße zu folgen brauchten, die alle auf die Inselkette zustrebten.
Häuser und andere Bauten, auch ein paar waffe n-starrende Bollwerke, drängten sich um die Hänge am Sockel der Klippen. Die sichtbaren Inseln, und wahrscheinlich die anderen auch, wenn man dem geschwätzigen Handelsmann in Arsudun vertrauen durfte, waren mit mächtigen ins Eis eingelassenen Steinmauern verbunden. Jede der Mauern hatte ein breites Tor in der Mitte, um den Zugang zu erlau-ben. Zum Glück spannte sich über dem Tor, dem sie sich jetzt näherten, kein Bogen, sonst hätten sowohl die Masten als auch das Mauerwerk Scha-den gelitten. So wie die Dinge standen, hatte der Eissegler gerade genug Platz, um sich durchzuquet-schen, während die Wachen in den Türmen entwe-der nur vor Staunen den Mund aufrissen oder Be-fehle brüllten.
Jetzt waren sie innerhalb des Ringes der hochra-genden Inseln. In der Nähe der Mitte dieses Pferchs aus ewigem Eis lag eine siebente Insel, die den anderen ebenso unähnlich war wie diese sich von Arsudun oder Sofold unterschieden. Sie war fast eben und erreichte an ihrem höchsten Punkt knapp fünfzig Meter Höhe. Ringsum erstreckten sich vom Ufer Docks und Piers ins Eis hinaus.
Ethan hatte auch an den umliegenden Inseln Docks bemerkt. Der großen Zahl von Flößen nach zu schließen, die hier vertäut lagen, mußte dies das Zentrum der Ha ndelstätigkeit sein.
Den höchsten Punkt der Insel krönte eine dreistö-ckige Steinburg, die ebenso eindrucksvoll wie die von Wannome war. Rauch kräuselte sich aus zahl-reichen Kabinen und Öffnungen nach Westen.
»Was für ein herrlicher Ort«, murmelte Ethan. Er suchte nach besseren Worten, aber sie wollten ihm nicht einfallen. Gelegentlich wünschte er sich, er hätte die Sprache eines Dichters statt der eines Handelsvertreters.
»Ja, wahrhaftig, Jungchen. Man kann sich nur schwer eine bessere Anordnung für einen Hafen vorstellen. Und die brauchen nichts anderes zu tun, als diese Verbindungsmauern zu verteidigen. Kein Feind wird diese Berge übersteigen.«
Williams studierte die dicht bewaldeten Hänge. »Und reich an Holz. Ohne Transportprobleme. Die brauchen einen Baum bloß zu fällen, dann rutscht er von selbst bis aufs Eis hinunter.«
»Wahrlich, Captain Midan-Gee hat uns nicht ge-täuscht.« Ta-hoding suchte bereits eine freie Anle-gestelle. »Das hier ist ein wohlhabender und mäch-tiger Staat.«
»Ein guter Ort, um die Konföderation ins Leben zu rufen«, fügte Ethan hinzu.
Hunnar schnaubte skeptisch und stelzte davon. Er hatte nur sehr geringe Hoffnung für die bizarre Idee der Menschen, die Tran könnten sich auf irgend etwas außer ihre ererbte Angst, ihren Argwohn und den Haß gegenüber Fremden einigen.
Plötzlich klatschte Williams in die Hände, ver-blüfft wie ein kleiner Junge, der gerade eine Münze auf der Straße gefunden hat. Die Handschuhe sei-nes Schutzanzugs dämpften das Geräusch etwas, und was nicht erstickt wurde, verschluc kte der Wind, aber Ethan sah die Bewegung.
»Hast du etwas Interessantes gesehen, Milliken?«
»Nein, das nicht, Ethan. Mir ist nur gerade klar-geworden, was das hier ist!« Der Ausruf ließ Hun-nar aufmerken. »Poyolavomaar ist eine Caldera.«
»Eine was?« Natürlich erkannte Hunnar den Ter-ranglobegriff nicht, aber Ethan ebenso wenig. Der kleine Lehrer versuchte zu erklären. »In der Ver-gangenheit, Sir Hunnar, erhoben sich diese Gipfel, die wir jetzt sehen, noch höher, und dieser kreis-förmige Hafen, den wir jetzt durchfahren, war ein massiver Berg, der einige Saldi hoch war. Es war ein Vulkan, wie der rauchende Berg, den ihr als Der-Ort-wo-das-Blut-der-Erde-brennt kennt.
Und ebenso wie jener Vulkan explodierte auch dieser hier in einer katastrophalen Explosion, von der nur Bruchstücke der Außenwand übrig blieben. Ein Schlackekegel in der Mitte begann im Inneren der Höhlung, die der alte Berg hinterlassen hat, einen neuen Berg aufzubauen, konnte damit aber gar nicht richtig beginnen, bis der Magmafluß – das ist geschmolzenes Felsgestein – zum Stillstand kam. Die weiche Schlacke löste sich schnell und hinterließ die Insel im Zentrum, auf die wir jetzt zufahren. Der ursprüngliche Vulkan war vermutlich mehr als doppelt so hoch als die ihn umgebenden Inselspitzen.«
Die Erkenntnis, daß sie auf dem Schlund eines Geisterberges fuhren und daß irgendwo weit unter ihnen vielleicht in diesem Augenblick plutonische Drücke genügend Energie aufstauten, um unerwar-tet hervorbrechen zu können, war etwas beunruhi-gend. Ethan war froh, als das kleine stromlinien-förmige Eisfloß bei ihnen längsseits ging. Jetzt hatten sie wenigstens etwas, worauf sie sich ko n-zentrieren konnten.
Einer der Maate der Slanderscree wechselte ein paar Worte mit dem Befehlshaber des kleinen Schiffes und meldete sich dann bei Ta-hoding.
»Hafenlotse«, sagte der Kapitän mit offensichtli-cher Erleichterung. »Die sind hier recht gut organi-siert, wenn auch der Pier, den sie uns zugewiesen haben, nur knapp halb so lang ist wie wir. Aber das macht nichts. Das ist ein Problem, mit dem wir wahrscheinlich überall zu tun bekommen, wo wir hinfahren.«
Die Segel wurden eingezogen, und der große Eis-klipper folgte dem Lotsenboot zur Nordostseite der Zentralinsel. Die anderen Schiffe ließen ihnen ge-nügend Platz, und ihre Mannschaften drängten sich an die Reling, um dem mächtigen Eissegler nach-zustarren.
Wieder wurden die Anker abgelassen und die schon in Arsudun mit Erfolg angewandte Andock-methode mit Erfolg wiederholt. Die Slanderscree wurde vom Wind ein Stück nach Westen gescho-ben, bis die Anker sie zum Stillstand brachten.
Ethan, September, Hunnar, Williams, Elfa und ein Soldat namens Tersund versammelten sich, um den Hafenmeister zu begrüßen, der nicht lange auf sich warten ließ. Er war für einen Tran klein gebaut, etwa so groß wie Ethan, und trug eine seltsame Jacke mit einem Karomuster in Purpur und Silber, wobei die Karos von verschiedener Größe waren. Wie alle Jacken auf Tran war sie seitlich geschlitzt, damit die Dan sich frei bewegen konnten, und an Schultern und Oberschenkeln mit silbernen Tressen besetzt. Gurte aus schlangenähnlicher Haut bildeten ein >X< über seiner Brust. Er zupfte geistesabwe-send an seinem linken Ellbogen.
»Ich heiße Valsht«, sagte er mit dünner, etwas schrill klingender Stimme, der man dennoch anhör-te, daß sie gewohnt war, Befehle zu erteilen, »Han-delsmeister von Poyolavomaar. Ich bringe Euch Grüße und Wärme.« Er machte eine komplizierte Folge von Bewegungen mit seinen Pranken, deren Bedeutung Ethan nicht erkannte.
Hunnar stellte sie vor und gab dann eine Reihe von Erklärungen ab. Als der rotbärtige Ritter geen-det hatte, antwortete Valsht, fast als wäre er be-sorgt, sie nicht bald wieder loszuwerden, obwohl dies wahrscheinlich nur eine unwillkürliche Reak-tion seines nervösen Charakters war.
»Diese Konföderation, von der Ihr sprecht, und die Gründe dafür, übersteigen die Befugnisse eines Dieners, wie ich einer bin. Das ist eine Angelege n-heit, die Tonx Ghin Rakossa, der Landgraf von Poyolavomaar, der Bringer des sanften Windes und Trost der sechs Gipfel, entscheiden muß. Ich habe Anweisung, Euch unverzüglich zu Seiner Hoheit zu bringen.«
Die kleine Rede, die eingeübt klang, obwohl Valsht sich sichtlich Mühe gab, sie spontan wirken zu lassen, ließ in Ethan eine Warnglocke anschla-gen. Doch er zuckte die Achseln. Tran-ky-ky machte ihm jeden Fremden, dem sie begegneten, verdächtig. Wenn Hunnar diese Gedanken hätte lesen können, hätte er wahrscheinlich laut aufge-lacht.
Der Hafenmeister entspannte sich etwas und gab sich Mühe, jeden Winkel des Eisklippers zu sehen. »Ihr scheint eine lange Reise hinter Euch zu ha-ben.«
»Eine bescheidene Reise«, meinte Hunnar.
»Wir sind ein Staat mit viel Handel.« Valsht sagte das ganz selbstverständlich, ohne dabei prahlerisch zu wirken. »Schiffe kommen aus vielen tausend Satch Entfernung, um hier in Poyolavomaar Handel zu treiben und ihre Waren auszutauschen. Wir ha-ben…« – und dabei rollte er seine strahlend gelben Augen in einer Art und Weise, in der Ethan inzwi-schen das Tranäquivalent eines Zwinkerns erkannt hatte – »viele Möglichkeiten der Erfrischung für müde Reisende. Einer der Gründe, weshalb unsere Stadt als Handelszentrum so beliebt ist, denn ist der Handel nicht eine ermüdende Sache und die Ent-spannung nach einem harten Tag eher eine Not-wendigkeit als ein Luxus? Ich bin sicher, Eure Mannschaft würde Freude an dem haben, was unse-re Stadt zu bieten hat.«
»Eure Gastfreundschaft ist höchst willkommen. Wir nehmen an.« Hunnar wandte sich um und rief zum Steuerdeck hinauf: »Captain, man lädt uns ein! Drei Viertel der Mannschaft bekommen Urlaub, um die Stadt zu besuchen. Sie haben ihn sich ver-dient. Das übrige Viertel mag gehen, wenn das erste Viertel der Urlauber zurückkehrt.«
Ta-hoding war einverstanden. Der Befehl wurde an die Maate weitergeleitet, die ihn ihrerseits an ihre Untergebenen weitergaben. Aus verschiedenen Teilen des Schiffes hallten vergnügte Rufe, als die Matrosen erfuhren, daß sie an Land gehen und sich vergnügen durften.
Nachdem diese Entscheidung getroffen war, folg-te der Begrüßungsausschuß dem Hafenmeister in die Stadt, wobei die Tran sich der Eispfade bedien-ten, während die Menschen es vorzogen, ihre Schlittschuhe an Bord zu lassen und zu Fuß zu gehen.
Rufe und Beleidigungen, Begrüßungen und Flü-che, Versprechungen und Lügen füllten die eisig-kalte Luft um sie. Sie kamen aus Nischen, Garkü-chen, Cabarets und verhängten Türen, Gruppen zusammengedrängter Tran und einzelnen Hand-werkern und Kindern. Selbst die Bettler schienen wohlgenährt. Man konnte hier sowohl Anzeichen von Wohlstand als auch von Rücksichtslosigkeit erkennen, und die meisten Tran, die ihnen begegne-ten, wirkten ziemlich habgierig.
»Irgend etwas stimmt hier nicht«, brummte Sep-tember. September war der geborene Pessimist und reagierte immer so auf Unbekanntes, das wußte Ethan. Er erwähnte seinen eigenen anfänglichen Argwohn, den er bei Valshts vorbereiteter Rede empfunden hatte, nicht, weil er inzwischen zu dem Schluß gelangt war, daß der Verdacht unbegründet sein dürfte.
»Was stört dich denn, Skua?« Er geriet versehent-lich auf den Eispfad, glitt aus und fand dann sein Gleichgewicht wieder, während er böse auf ein paar Jungen blickte, die seine Ungeschicklichkeit beobachtet hatten.
»Ich weiß nicht, Jungchen. Das stört mich ja so.« Er erwähnte keine Einzelheiten, und Ethan, den die Aussicht erregte, endlich einer Regierung ihren Vorschlag eines Staatenbundes vortragen zu dür-fen, ging nicht weiter darauf ein.
Der Hügel, den sie erstiegen, wurde nie steil, und der Hauptzugang zur Burg verlief an der Westseite der Insel, so daß man den Wind im Rücken hatte, wenn man auf die Burg zuging. So brauchten die Tran nicht bergauf zu kreuzen, sondern wurden mühelos nach oben getrieben, während Ethan und September alle Mühe hatten, Schritt zu halten.
Ein mächtiges Tor aus dunklem Holz mit Bronze-angeln gab ihnen den Zutritt in einen weite n Hof frei. Die Wachen starrten die Menschen an und deuteten auf sie, während sie unablässig miteina n-der redeten. Die Gruppe passierte die Waffenka m-mer, die auf Ethan ungewöhnlich groß wirkte, und betrat dann das Hauptgebäude. Eine lange Eisram-pe führte ins nächste Stockwerk, einen Korridor, und schließlich in einen kreisförmigen Saal mit einer Kuppeldecke.
Er unterschied sich völlig von dem Thronsaal in der Burg von Wannome, wo Elfas Vater Hof hielt. Auf einem Podest in der Mitte, anstatt am hinteren Ende des Saales, standen drei Sessel mit hohen Lehnen. Das Podest bestand aus einer riesigen be-hauenen Steinscheibe, die ein oder zwei Zentimeter über den Boden herausragte, was Ethan zu dem Argwohn veranlaßte, daß sie drehbar war. Schmuckmosaiken und Reliefs füllten gebogene Wände und wechselten mit Fenstern ab, die den Ausblick auf Inseln und Hafen boten.
Ohne Zweifel war der Tran, der auf dem mittleren Sessel saß und sie anstarrte, Rakossa, Trost der sechs Gipfel und so weiter. Verglichen mit den anderen Tranherrschern, die Ethan bis jetzt zu Ge-sicht bekommen hatte, schien er sehr jung zu sein. Sein graues Fell zeigte noch kein einziges weißes Haar, und die Haut darunter war ohne Falten. Nach menschlichen Begriffen war der Landgraf vermut-lich noch jünger als er selbst.
Von den beiden anderen Tran, die zu beiden Sei-ten von ihm Platz genommen hatten, war einer ein älterer Mann, der andere eine junge Frau. Berater, überlegte er, vielleicht auch Königin und Vater. Wieder musterte er die mit Wasserspeiern gesäum-te steinerne Scheibe und dachte über den Mecha-nismus nach, der sie betrieb. Die drei studierten ihrerseits die fünf Besucher mit offenkundigem Interesse, wenn auch mit völlig verschiedenem Gesichtsausdruck.
Valsht ging auf den Thron zu und blieb in korrek-tem Abstand davon stehen. »Verzeiht, Sir, aber ich habe Pflichten, zu denen ich zurückkehren muß.« Der junge Landgraf entließ den Hafenmeister mit einer gleichgültigen Geste. Valsht drehte sich um und eilte an den Besuchern vorbei. Dabei musterte er Ethan mit einem kurzen, rätselhaften Blick.
Keiner sprach oder bewegte sich. Schließlich trat Hunnar vor. »Mein Atem ist Eure Wärme. Wir kommen zu Euch aus einem fernen Land, das sich Sofold nennt. Wir kommen, um etwas zu schmie-den, von dem wir hoffen, daß es ein Bund sein wird, eine Konföderation vieler Inselstaaten, zum Zwecke, als Gleichberechtigte mit fremden, neuen Freunden von jenseits des Himmels Handel zu trei-ben. Diese Freunde.« Dabei wies er auf Ethan und September.
»Sie bringen allen Tran viel Glück, die so voraus-schauend sein werden, wie das Eure Hoheit ohne Zweifel sein wird, diesen einigenden Vorschlag zu billigen. Mir ist klar, daß dieser Gedanke…«
Völlig überraschend erhob sich der Landgraf und deutete mit zitterndem Finger auf sie. »Lügner! Abkömmlinge von Guttorbyn! Ihr bringt nur die Aussicht auf Sklaverei und Armut!«
Von allen Besuchern war nur September nicht zu schockiert, um nicht zu murmeln: »Das war’s denn wohl.«
Ethan wirbelte herum und starrte den Hünen ver-blüfft an.
»Ich habe gleich gewußt, daß etwas nicht stimmt, Junge. Als der Hafenmeister uns hier hergeleitete, passierten wir das Zentrum der Stadt. Und man wich uns sorgfältig aus. Niemand, außer den Jun-gen, hatte auch nur Augen für uns, mit Ausnahme der Soldaten hier in der Burg. Und selbst sie wirk-ten nicht besonders erregt. Vergleiche das mit den Fragen und den Blicken der Mannschaften der an-deren Flöße.
Das bedeutet, daß vor dir und mir schon andere Menschen hier waren. Oder…« – und dabei blickte er auf die dritte Gestalt, die auf dem Podest saß, den distinguiert wirkenden älteren Tran, den Ethan für einen Ratgeber oder den Vater des Landgrafen gehalten hatte – »zumindest eine Nachricht über uns.«
»Das ist die erste Wahrheit, die Ihr gesprochen habt«, sagte der junge Landgraf ärgerlich. Da nn deutete er auf den lächelnden Tran zu seiner Rech-ten. »So ein Glück, daß mein guter Freund, Calon-nin Ro-Vijar, Landgraf von Arsudun, vor zwei wertvollen Tagen hier eintraf. Er berichtete mir von Euren infamen Plänen, die unabhängigen Völker meiner Welt, angefangen mit Poyolovomaar, zu versklaven.«
Hunnar trat einige Schritte auf das Podest zu, sei-ne Hand fuhr an den Griff seines Schwerts. »Ro-Vijar, wart Ihr es, der unser Schiff vor der Südküste von Arsudun angreifen und Elfa Kurdagh-Vlata entführen ließ?«
Der ältere Tran erhob sich und musterte sie he-rablassend. Er gab sich so kühl wie die Luft, die durch die offenen Fenster hereinwehte. »Ich habe euch in der Tat ins nächste Leben gewünscht, Ver-räter, um zu vermeiden, daß eure bösen Absichten verbreitet würden.«
Wenn die Konfrontation schon schlecht begonnen hatte, so konnte sie sich durchaus noch verschlim-mern. Ethan trat auf den Thron zu. »Euer Hoheit«, sagte er verzweifelt, »Ro-Vijar ist es, der lügt, um sein Monopol und den Handel mit meinem Volk zu schützen und Euren Geist gegen uns zu vergiften. Er tauscht die Wahrheit gegen Geld.«
»Ruhig!« Rakossa wirkte angewidert. »Wir glau-ben den gebrochenen Worten eines haarlosen K’nith nicht, der sich als wahre Person verkleidet. Eure Falschheit berührt uns nicht.«
Ethan sah die Augen von Rakossa, wild und angsterfüllt, gefährlich und schlau. Sie waren gelb und hatten Katzenpupillen und waren ganz anders als die Augen von Menschen, aber im Blick eines Wahnsinnigen ist etwas, das weit über Äußerlich-keiten hinausgeht und selbst rassische Abgründe überwindet. Es hatte keinen Sinn, mit Tonx Ghin Rakossa zu diskutieren. Sein Entschluß war gefaßt. Logik und Vernunft würden ihn nur noch weiter reizen.
Nur in dem fast neutralen Ausdruck der Tranfrau, die bis jetzt noch nichts gesagt hatte, deutete sich etwas anderes an. Vielleicht war es Sympathie, vielleicht auch Sadismus. Ethan konnte es nicht sagen.
Hunnar zog sein Schwert halb aus der Scheide. Einige der Mosaikwände öffneten sich, zeigten Räume dahinter, aus denen jetzt Dutzende bewaff-neter Tran quollen. Hunnar hielt inne.
»Kämpft und sterbt hier«, sagte Rakossa mit schneidender Stimme, »oder wartet, bis man euch abgeurteilt hat.«
»Mir scheint, daß das schon geschehen ist«, murmelte Tersund.
Der Landgraf fuhr fort. Es war ihm anzumerken, daß er mit sich sehr zufrieden war. »Euer Schiff ist bereits erobert, die Matrosen an Bord gefangen. Ebenso wie jene, die sich so gedankenlos in meiner Stadt verstreut haben. Ihr werdet sie in den Verlie-sen begrüßen können.«
Ethan zählte unterdessen die Feinde, die sie um-gaben. Sie füllten den kreisförmigen Saal und sta n-den Schulter an Dan. Besser hier sterben, als…
Er spürte wie sich eine Hand über seinen Strahler legte, als er sich anschickte, ihn zu ziehen. »Nein, Jungchen, das sind zu viele, und draußen warten wahrscheinlich noch mehr. Das Leben ist Schick-sal, der Tod das Fehlen von Gelegenheit. Wir ha-ben nichts zu verlieren, wenn wir abwarten und hoffen.«
»Aber welche Chance haben wir denn ohne Strah-ler, Skua?« Dennoch ließ er die Waffe stecken.
Ro-Vijar stieg von dem Podest und ging auf sie zu. Ohne zu zögern schnallte er Ethans Strahler ab, dann den Septembers und schließlich den von Wil-liams.
Andere Wachen entwaffneten Hunnar und Ter-sund. Man führte sie aus dem Saal. Rings um sie drängten sich die Tran so dicht, daß sie sich kaum bewegen konnten, ohne ihnen auf die Füße zu tre-ten.
»Ro-Vijar ist der Lügner, Hoheit!« rief Ethan ü-ber die Schulter zurück. »Er hat Geld anstelle einer Seele!«
Ro-Vijar gab sich große Mühe, nicht zu lächeln, und flüsterte dem Landgrafen ins Ohr: »Neigt Eure Ohren nicht den Worten der Himmelsausländer, mächtiger Herrscher des mächtigen Staates. Sie sind wahrhaft weiter fortgeschritten als wir arme Tran – in Falschheit und Täuschung, Ihr müßt auf ihre falschen Klänge achten.«
»Seid unbesorgt, Freund Calonnin. Wir beabsich-tigen nicht, ihnen zuzuhören.«
»Warum sie nicht gleich töten«, schlug der Land-graf von Arsudun beiläufig vor, als die Gefangenen den Saal verließen, »dann spart Ihr in Eurem Ge-fängnis Platz?«
Doch Rakossa wandte sich schnell zu Ro-Vijar. »Wir haben auf Euch gehört, weil wir auf Euren guten Rat vertrauen, Freund und Mitherrscher Ca-lonnin. Glaubt aber nicht, daß wir wegen unserer Jugend vorschnell statt methodisch sind. Man wird ihnen einen fairen Prozeß machen.«
»Das ist recht und billig«, erwiderte Calonnin, der seine Enttäuschung kaum verbergen konnte. Ihn drängte es, nach Arsudun zurückzukehren. Diese ferne Handelsstadt bot nur primitive Vergnügun-gen, und er lechzte nach den kultivierten Annehm-lichkeiten, die Trell ihm bot. »Ich wollte nicht re-spektlos sein. Mich widern diese bleichgesichtigen Schwindler nur so sehr an.«
»Ich bin nicht beleidigt.« Rakossa blickte auf die Tür, durch die man die Gefangenen geführt hatte, und sagte dann nachdenklich: »Man wird ihnen einen fairen Prozeß machen, und sie dann aburtei-len. Erst nachher wird man sie töten.«
Calonnin hatte einen angenehmen Gedanken. »Da ist etwas zu bedenken, Euer Hoheit. Man kann von jenen Tran viel lernen, die von den haarlosen Teu-feln korrumpiert worden sind. Am besten könnte ich es in Erfahrung bringen, weil ich am meisten über sie weiß. Ich möchte einen der Gefangenen zum Verhör.«
»Wie Ihr wünscht. Welchen von ihnen wünscht Ihr?« Calonnin gestattete sich ein boshaftes Grin-sen. Es ist erstaunlich, was für unangenehme Ge-danken zwischen zwei Dekadenten von ähnlichem Geist durch bloße Gesten übermittelt werden kö n-nen. Das Mädchen, das stumm auf seinem Sessel saß, konnte Calonnins Absicht aus dem Lächeln ihres Landgrafen erahnen. Sie lächelte nicht.
Als man Elfa von ihnen trennte und eine Gruppe Soldaten sie wegführte, verlor Hunnar einen Au-genblick lang die Kontrolle über sich. Zum Glück hatte ihre eigene Eskorte offenbar Befehl, den Ge-fangenen kein Leid zu tun, und so schlugen sie den wütenden Ritter nur bewußtlos.