Die Tote

Heinrich Mann · Kapitel 3 von 8

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Die Tote

Die Tote

I.

 

Als am Ende des Sees der Zug hielt, stieg Leo Cromer, ohne die Gedanken an

die gehabte Beratung abzubrechen, aus, ging in dem Mondlicht um den

Schuppen herum, der eine Bahnhofshalle bedeutete, und betrat den dunklen

Baumgang. Einmal erhob er den Kopf; hinter den Stämmen das Wasser lag weiß

wie Gewebe des Lichts, die Ufer schienen unwirklich, die Stille ein Geschrei

von Geistern . . . Dies war der dichtere Schatten seines eigenen Grundes, er stand

und atmete die verborgene Wärme, das tiefe Alleinsein. Dahinten, zu Wolken

versilberten Laubes hinab, stieg die flimmernde Treppe seines Hauses, die Vasen

rannen über von Licht, die Stufen hernieder ging es wie eine Schleppe. Sie ward

bewegt! Aus ihren Falten neigte sich ein Fuß! . . . „Was heißt das?“ dachte

Cromer. „Jetzt habe ich also Gesichte? Ich scheine nicht eben glücklich zu sein

— wenn gerade sie sich mir zeigt?“ Er fragte noch: „Wäre ich es denn zufrieden,

daß sie, wie früher, wenn ich aus der Stadt heimkam, bei dem Busch dort auf

mich zuträte? Bin ich schon alt und müde genug, um billig zu sein und mich zu

bescheiden? . . . Sie hat wohl gebüßt,“ sagte er; aber er hob die Schultern.

„Buße? Ein Wesen wie sie, stirbt aus Zorn, seiner Selbstachtung zuliebe, oder

einfach um des guten Abgangs willen. Nicht für mich ist sie gestorben! Ich habe

ihr nicht zu danken gehabt. Ich habe nichts bereut.“

Auf der Terrasse angelangt, wendete er sich nochmals um; er sah aufwärts und

hinab, zu dem Garten, der dunkel duftete, und in die breiten Sternenströme des

Augusthimmels. „Wer schlafen geht, versäumt viel, — aber auch, wer denken

und handeln geht . . . Unsereiner weiß dies von vormals; ganz erfaßlich sind

solche Nächte nicht mehr für uns . . . Was für Gedanken übrigens bei jemand,

der geradeswegs aus einer Versammlung von Machtmenschen kommt! Ich kenne

mich längst, die Fragen sind erledigt, ich habe nichts versäumt, was mir gegeben

war. Erfolge: ich habe sie gekannt. Ich habe mit Menschen übergenug zu tun

gehabt, ich habe Frauen und Männer erobert und niedergekämpft, habe vielen

die Spur meines Daseins aufgedrückt, die mich hassen oder lieben mußten. Ich

habe selbst gehaßt, selbst geliebt.“

Er zog sich gegen die Fassade zurück, in den Schatten eines Pilasters. „Wie

dies alles schal wird, sobald man es sich rühmen möchte! Wie es zerrinnt!

Menschen: habe ich denn mehr bei ihnen erfahren, als ein kraftloses und

schmerzliches aneinander Hingleiten? Das Leben ist vergangen wie eine

Diskussion im Klub; man hat einander amüsiert oder weh getan, zum Schluß aber steht jeder auf, mit seiner Meinung. In Wahrheit habe ich keinen Mann

überzeugt, keine Frau ganz gewonnen, habe niemand je zu mir herübergebracht.“

Angstvoll folgte sein Blick der Bahn der Sterne, die herabstürzten aus dem

wimmelnden Schein, und die, bevor das Auge sie erfaßte, schon im Dunkel

waren. „Die Menschen halten einander nicht. Ich habe Lida nicht gehalten.

Woher der bittere Geist, der Seelen nehmen will und doch nicht an sie glaubt!

Ich habe lieber verworfen als standgehalten, und bessere Augen für den Verrat

gehabt als für die Hingabe. Lida wenigstens ist mir die Antwort nicht schuldig

geblieben, die Toten haben das letzte Wort. Da stehe ich nun . . .“

Und er dachte an die längst Vergangene, so nahe, als triebe der Geisterstrom

des Mondlichts, in das er hinausstarrte, ihn bis zu dem Ufer, wo ihr Schatten

wartete. Sie war das glänzende Glück seiner ersten reifen Jahre gewesen. Er

hatte Erfolge gehabt, die bekannt wurden; diese Liebe, die er entgegennahm,

trug zum erstenmal Zeichen von Tribut und Lohn. Aber auch er huldigte ihrer

weltlichen Geltung, dem Reichtum an Bewunderung, dem die schöne

Schauspielerin gebot. Sie liebten einander, wie Geist und Sinne den Vollbesitz

des Lebens lieben. Ihre Beziehungen waren unsentimental und darum gefährdet

bei jedem Versagen. Monate lang getrennt durch ihre Gastspiele und seine

politischen oder Geschäftsreisen, erwarteten sie einander immer nur auf der

Höhe und den Ereignissen überlegen. Probleme? Jeder von ihnen hatte sie bei

anderen abtun können; zwischen ihnen beiden lagen keine, sie hätten sonst,

anstatt ihre Heirat zu erwägen, einen raschen Strich gezogen. Warum nur, bei

solchem Einverständnis, die unvermittelte Befangenheit seit ihrem letzten

Gastspiel, das Erzwungene jenes Briefes, und als sie zurückkam, das unklare

Wesen? Er glaubte an Mißerfolg, Krankheit, Geldverluste, nur nicht an das, was

dann in der Abschiedsszene wund und verworren endlich aus ihr hervorkam,

weil er es hervorzerrte. Sie hatte ihn betrogen. Wozu betrogen? Sie war frei, war

stolz, nichts nötigte sie, zu berechnen und zu lügen. Sie war vor ihm

zusammengebrochen und weinte — und er empfand, was er mit ihr, mit ihr nie

hätte empfinden dürfen, Mitleid, ein verachtungsvolles Mitleid. Er drehte ihr den

Rücken. Gleich nachdem er ihre Wohnung verlassen hatte, geschah das Unglück.

Ein gewöhnlicher Unglücksfall. Die Frau, die nun nicht mehr da war, hatte

sich selbst verloren, bevor er sie verlor. Ihr Ende war äußerlich, schattenhaft;

ihn, der als Freund einer beliebten Künstlerin an ihrem Sarge repräsentierte, ging

es noch weniger an als die anderen. Was ihm übrig blieb, war Bitterkeit, Zorn

und eine Vermehrung seiner Zweifel am Leben selbst. Man konnte noch

gewinnen, man konnte nicht mehr glauben, zu besitzen . . . Dennoch hatte er

wieder geliebt, Zwischenfälle, die auch schon dahin waren. „Ebenso gut könnte

ich der oder jener gedenken, warum ihrer? Ist es, weil sie sterben mußte, und weil solche süße und weiße Nacht werben möchte für den Tod? Es ist wahr, sie

kam als Letzte, bevor ich alterte. Aber noch jetzt bin ich weit von fünfzig.“

Er trat in das Haus; es schien ihm erfüllt von einem Duft, wie wenn das

Mondlicht geduftet hätte. Durch das offene Fenster seines Zimmers fiel es auf

die Wand, scharf abgegrenzt und weiß wie ein Spiegel. Er ging im Dunkeln zu

Bett, suchte aber nicht einzuschlafen. Es schien ihm eigentümlich nutzlos,

Verzicht zu leisten auf dieses ungewollte Lebendigwerden toter Stunden, toter

Augen. Sie waren da, viel eher konnten Stunden und Gesichter des

bevorstehenden Tages ausbleiben als sie. Sie war da! Ihre Augen waren da, ihr

Lächeln kühn und lockend wie je! Aus der Tür ihres Zimmers hervorgetreten,

stand sie in einer fremden Helligkeit ihm wirklich gegenüber und sah ihn an! Er

fuhr auf: „Lida!“ — und ihm setzte das Herz aus. Da begriff er, daß es nichts war

als ihr Bild, die große Photographie, die er nach ihrem Tod aus seiner Nähe

entfernt hatte. Das Mondlicht war dorthin gerückt, scharf begrenzte es das Bild.

Wie aber kam das Bild auf die Tapetentür, genau auf die Tür? Cromer sah nach;

Das Bild war unbeweglich; unten versperrte es den Türgriff, man konnte nicht

öffnen. Er drehte die Beleuchtung auf. Durch zwei kleine Löcher in der Tapete

lief eine Schnur hin und zurück und in die Ringe am Rahmen. Er wollte einen

der Knoten lösen: da war es keine Schnur, es waren viele Fäden, seltsam weich

und zäh. Er riß; das Bild stürzte, und in der Hand hielt Cromer eine lange

goldblonde Haarsträhne.

Darauf sah er in das Gesicht der Toten. Er fragte: „Wozu dies, da es

unmöglich ist. Wozu Rätsel aufgeben, die keine sein können . . .“ Dennoch

zögerte sein Gedanke, nicht anders als sie, die Tote, dastand und zögerte. Sie

hielt eine Hand, eine ihrer vielsagenden Hände am Saum eines Vorhanges, den

sie nicht öffnete. Den Kopf verheißend zur Schulter geneigt, die Augen so

wissend in ihrer Umschattung, und dieses Lächeln der gelösten Lippen, — aber

sie öffnete nicht den Vorhang. Er zuckte die Achseln. Die Haarsträhne ließ er

nochmals sachlich durch die Finger gleiten, dann warf er sie zu dem Bild.

Mochten es Frauenhaare sein, so waren es doch nicht ihre. Er hatte sich keine

von ihr zurückbehalten, er war weit davon entfernt gewesen. Sein Diener, ein

eifriger Mensch, hatte in der kurzen Zeit seines Hierseins schon mehrere Zeichen

von Selbständigkeit gegeben. „Er hat es richtig gefunden, mich mit dieser

Neuerung zu überraschen. Die Art der. Befestigung ist auffallend. Immerhin ist

er jung und offenbar romantisch. Ich werde ihn auffordern müssen, es weniger

zu sein.“ Er wollte läuten, zog aber die Hand zurück. „Bin ich denn neugierig?

Welchen Zweck hätte es, in der Nacht ein Gespräch vor diesem Bild zu führen?“

Er zuckte die Achseln, stärker als das erste Mal, und ging ernstlich schlafen.