Die Tote

Heinrich Mann · Kapitel 5 von 8

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Die Tote

Kapitel III

 

Nichts geschah mehr, nichts kam hinzu, aber Leo Cromer, der die Tage

verbrachte wie immer, trug an irgendeinem schweren Gefühl, wie von einer

Krankheit, die ausbrechen sollte, oder als wäre er in Dinge verwickelt gewesen,

die den Gesetzen widersprächen. Etwas Außerordentliches ängstigte und lockte.

Zehnmal täglich und auch des Nachts zwischen dem Schlaf erinnerte er sich

ihres Briefes, des gefälschten Briefes — und war glücklich, ihn dazuwissen. Er

wartete nur darauf, daß ihr Bild noch einmal in sein Zimmer zurückkehre. Es

war verschwunden, in derselben Nacht, als er davorsaß: kaum, daß ihm die

Augen zufielen. Er wartete darauf, wie auf das Zeichen, daß sie ihn ganz in

Besitz nehme und ihm verbiete, noch fortzugehen, noch Schmerzen oder

Genugtuungen zu suchen, die nicht von ihr kämen . . . Und eines Morgens beim

Erwachen sah sie ihn an. Sie schien erwacht mit ihm.

Da verließ er nicht mehr das Haus und den Garten. Die ersten Wochen ihres

Zusammenlebens waren einst hier vergangen; — und die alten Stunden teilten

ihm jetzt nachträglich mehr mit, als sie damals konnten. Unter den Augen der

Toten hatten sie sich angefüllt mit Reiz, Süßigkeit und Kraft. Ja, in ihr Gesicht

auch, in die vielsagende Hand am Vorhang schien eine neue Unruhe zu kommen:

als wollte sie reden, als drängte sie zu ihm. In solchen Minuten wendete er sich

ab, um das Geschehen des Rätselhaften nicht zu stören; — und kam er zurück,

lag unter ihren Briefen ein neuer, einige Zeilen auf einem Blatt, das früher halb

unbeschrieben war, oder ein Zettel, der herausfiel aus einem unscheinbaren

Versteck. Das Erste, was er fand, fügte sich ein in ihre alten Äußerungen; noch

vor kurzem würde Cromer geglaubt haben, es sei ihm solange einfach

entgangen. Er glaubte es nicht mehr; jedesmal deutlicher sagte sie ihm Dinge,

die sie früher verschwiegen hatte. Ihre wahre Natur, immer verkannt von ihm,

eröffnete sie ihm nun, den Überdruß am Weltlichen, am Ruhm, an den

kaltherzigen Erregungen, und ihre Sehnsucht nach Zärtlichkeit, die sich bekennt,

nach Hingabe ohne Zurücknahme. Er las Sätze ihres Tonfalls und Wesens,

unverkennbar, und doch vom Klang des Unwirklichen, längst Entrückten. Sie

erwähnte die letzten Wirren ihres Lebens, aber von fern und nachträglich. Jener

Mensch, der damals die Hand nach ihr ausgestreckt hatte, sie wußte jetzt, wozu

sie ihm gefolgt war. „Es sollte zu Dir führen, Lieber. Er war nicht als ein

Gleichnis der Macht, die mich und Dich überschattete, und die wir nicht

anerkennen wollten. Ich bin überzeugt worden, Du weißt es, wie grausam; und Du? . . .“ An dieser Stelle las er nicht weiter, trat vor sie hin und antwortete ihr.

Das Winken ihrer Augen vor dem geschlossenen Vorhang ward dringlicher, sie

sagte: „Gib dich hin! Glaube! Sei gewärtig, daß ich komme und endlich dein

sei!“ „Komm!“ rief er.

Mit der Ermüdung ergriff ihn wohl die Besinnung. „Was tue ich! Ich weiß,

daß ich betrogen werde, — und ich selbst helfe dazu! Ach, mein Bedürfnis zu

lieben, ist schon größer als das, die Wahrheit zu sagen. Diese Briefe sind

untergeschoben von einem Schwindler, es steht zu vermuten, von welchem. Hier

spricht er von sich, er droht. „Wenn er Dir begegnen würde, Du könntest noch

tausendmal besser als ich verstehen, daß er Dich betrügt, und würdest doch nicht

wollen, daß es aufhört. Er ist um Dich her, täuscht Dir Erscheinungen vor,

fälscht Deine Eindrücke und Gedanken, wacht über Dir, lenkt Dich und weiß

allein wohin. Aber überraschtest Du ihn selbst in dem Augenblick, wo er Dir

eine neue Falle legt, Du hättest doch nicht den Mut, ihn zu entlarven.“ . . .

„Welche Herausforderung!“ sagte Cromer laut. „Wie er seiner Sache gewiß sein

muß! Er weiß wohl, ich werde seine gefälschten Briefe weder einem

Sachverständigen noch dem Untersuchungsrichter bringen. Ich werde das

Zimmer meines Dieners, der für ihn arbeitet, nicht durchsuchen lassen, werde

mich gar nicht wehren, ihm nie in den Weg treten. Denn was wäre mir seine

Entlarvung? Eine Befreiung? Leider nichts weniger als das. Oder ein Beweis?

Daß er betrügt, beweist nichts gegen das Mysterium, auf das er sich beruft. Ich

war ein zu sauberer Geist, ohne Falsch, und darum ohne Verzücktheit. Das

Mysterium ergibt sich wohl in den Charlatanen, die es ausnützen, aber

empfinden. Mir bleibt nur übrig, dem Charlatan zu folgen, wie sie selbst ihm

gefolgt ist, — wenn ich denn reif bin für das, was er verspricht. Die Liebe einer

Toten: wäre es denn das Äußerste? Das Wunder der Ankunft aus der Ewigkeit,

des Sichfindens, Einswerdens und nicht mehr Zweifelns — wie? Sollte alles dies

Unmögliche den Toten möglicher sein als den Lebenden? Sie komme, ich bin

bereit.“ Und wieder unter ihrem Bild: „Ich liebe dich, Lida, so sehr, daß du

wahrhaftig wiederkehren solltest. Ich würde es dir glauben — und auch nicht

glauben. Sieh! ich küsse dein Haar, und weiß doch, es ist gar nicht deins. Wenn

es noch von deinem Nacken hinge und dein Atem noch warm wäre, würde ich

dich wohl wieder sterben lassen, wie das erste Mal. Diese Sehnsucht ist

ungeheuerlich, sie ist verworfen und lächerlich . . .“ Er stieß einen Schrei aus;

hinter dem Rahmen des Bildes hervor glitt ein Papier; in ihren Schriftzügen las

er: „Niemals habe ich Dich betrogen.“ Und er, der ihr Geständnis empfangen

und ihren Tod gebilligt hatte, sagte: „Ich glaube dir! Verzeihe mir!“

Er wartete, damit zwischen ihm und ihr der weite Raum geringer werde. Auch

empfing er Zeichen, als sei sie schon nahe. „Halte Dich fertig, mit mir zu kommen; ich darf nicht bleiben.“ Mit ihr? Wohin? Was näher kam in

Wirklichkeit, war also der Schlußakt des Betruges, der ihn umkreiste, — und

schloß der Plan mit seinem Tode? „Muß ich nun doch, mehr als ich möchte, auf

meiner Hut sein? . . . Ich hoffe es nicht. Ich und der unbekannte Andere, wir

haben viel seelische Kraft aneinander gewendet; ich bin sicher, er würde so

ungern einen Revolver auf mich abdrücken wie ich auf ihn.“ Übrigens war schon

der nächste Brief deutlicher: „Bereite alles vor. Wir werden lange und weit fort

sein; Du kannst nicht verstehen, wie weit und wie lange. Nimm mit, was wir

brauchen.“ Er nickte; man deckte das Spiel auf. Er sollte bestohlen werden, im

großen Stil, wie es schien, aber doch nur bestohlen . . . An diesem Abend saß er

ihr gegenüber und dachte: „Nun hast du den Vorhang fast schon gehoben. Eine

letzte Anstrengung! . . . Denn sieh, dir glaub ich, unbeschadet dessen, daß ich

das Spiel des anderen durchschaue.“ Cromer lachte leise. „Er, der Ärmste,

durchschaut mich keineswegs. Nur du hast schon längst begriffen, daß man

glauben, den Abenteuern des Glaubens sich ergeben und doch klarsichtig bleiben

kann; lieben, sehr lieben, und dabei noch wissen . . . Was ich morgen in der Stadt

vorhabe, würde dich laut auflachen lassen — und nur dich!“ Dabei lauschte er

auf ein noch gedämpftes Lachen, das stolz, leichtsinnig und nach geheimer

Trauer klang.

In der Stadt blieb er einige Tage. Als er eines Abends heimkehrte, fuhr soeben

durch das stille Welken des Sommers der erste Sturm. Die Blätter des Gartens

sausten um ihn her, am Haus schlugen die Läden, Türen öffneten sich, und

dahinter das Dunkel leuchtete manchmal fahl auf vom letzten Licht der

fliegenden Wolken. Plötzlich stand vor ihm der Diener Philipp, weiß im Gesicht,

so fassungslos, daß er es vergaß, seinen Eifer zu bekunden. Cromer beruhigte

den jungen Menschen über die Gefahren einer Nacht wie diese und ging in sein

Zimmer. Er machte Licht, legte ab — da hielt er ein: sie folgte ihm mit den

Augen! Ihr Bild bewegte die Augen, ihre graublauen Augen, die sachlich

blickten und doch voll Spiegelungen schönerer Himmel waren. Nie vergessen,

da strahlten sie wieder; sie war da! Ein langer Schauer durchlief Cromer

mehrmals. Der Betrug vollendete sich, dieser ungeheuerliche Selbstbetrug, der

die tiefste Wahrheit seines Lebens war. Ohne ihre Augen loszulassen, mit

befangenen Gebärden, nahm er aus seinem Rock die Brieftasche, öffnete sie,

breitere die Wertpapiere, eigens mitgebracht, auf den Tisch, zählte sie den Augen

vor, die allem folgten. Eine Minute stand er noch, atmete schwer und hielt

angstvoll den Blick erhoben. Die Augen dort oben schlossen sich gewährend:

und Leo Cromer ging leicht schwankend aus der Tür. Mit verhaltener Hast

tastete er sich im Dunkeln zur Schwelle des Nebenzimmers, des Zimmers der

Toten. Ein Lichtschein fiel heraus. Cromer zögerte lange, dann öffnete er wie im Traum. Da lag nun ihr Zimmer; selten seit ihrem Verschwinden und nur leichthin

hatte er es betreten. Er hätte nicht gedacht, daß es aussähe, als habe sie es auf

Augenblicke verlassen; das Licht brannte, gleich mußte sie zurück sein. Ihr

Schritt? Nein, noch nicht; nur sein Herz fühlte er gehen. Die alten, leichten

Tafeln von Rosenholz, deren zerbrechliche Schnitzereien diese Wände

überzogen, nachdem sie hundert Jahre lang in einem unbekannten Haus ihre

Glätte verloren hatten, sie bebten noch wie sonst bei jedem Windstoß, wie

Kulissen, aufgestellt um die schöne, erfahrene Spielerin, die hier zu Gast war.

Ein stärkerer Schlag des Sturmes, ein Ächzen im Holz — und ein aufgestörter

Duft. Ihr Duft! Ihr Fächerschlag! Die Sinne so sehr gespannt, daß er zu

schweben meinte, hörte Cromer dicht hinter der dünnen Wand das Rauschen

ihres Kleides. Er wollte rufen; da ging das Licht aus — und mitten im schwarzen

Sausen des Wetters unterschied er das trockene Klappen der Tür, der schwanken

Kulissentür, durch die sie eintrat. Sie war im Zimmer.

„Lida?“ sagte er stimmlos, einen Arm ausgestreckt in das Unsichtbare. Und

auch die Antwort kam geflüstert, wie aus einer tief erschütterten Brust.

„Leo.“

„Endlich“, sagte er. „Du bist zurück. Ich wäre sonst auch gestorben, wie du.“

Da ward ihre Stimme vernehmbar, ja, ihre klare und süße Stimme hörte er

wieder. „Lieber“, sagte sie, „ich war nicht tot. Nur wer nicht geliebt hat, stirbt.“

„Ist es wahr?“ sagte er stehend. „Ist es dies, was du erfahren hast?“ Er trat

rasch vor sie hin, auf ihre Stimme zu.

„Ich bin gekommen, um es dir zu sagen“, — und in einem Schein, der

vorüberflog, sah er, sah ihren Mund sprechen, ihre Augen leben und erkannte ihr

helles Haar. Der oft umfangene Fluß ihrer Glieder bewegte sich, einen

Herzschlag lang, vor seinem Blick, ihre Hand stand vielsagend aufgerichtet. „Du

weißt noch nicht, Lieber, wohin ich dich führen muß, und wie teuer es ist, mich

wiederzusehen. Bist du denn bereit?“

„Zu allem“, sagte er, „deine Lippen!“

„Noch nicht. Mach dich fertig, geh, und dann folge mir!“

Eilig und geschäftsmäßig fielen die Antworten.

„Wir haben einen Wagen?“

„Wir haben einen Wagen. Du nimmst alles mit.“

„Ja.“

„Alles, was du besitzest?“

„Ja. Deine Lippen.“

„Komm!“

Ein neuer Schlag, ein Schein, und darin ihr Gesicht, grell vorgestreckt, tiefe

Schatten um die fahlen Lider, worunter der Blick verging, und die Lippen, geisterhafte Rosen, aufgeblättert zum berauschenden Zerfallen . . . Er kehrte

zurück aus diesem Kuß, wie aus allen Abgründen, ermattet, blind, noch umwölkt

von der Ewigkeit. Taumelnd fort in sein Zimmer, auf einen Sessel hingebrochen,

die Augen bedeckt und schweigen . . . bis dahinten im Garten Schritte liefen und

Räder knirschten. Das Geräusch eines Autos: es verlor sich schon. Cromer stand

auf. Ein Blick auf den Tisch: alles, wie vorausgesehen, war fort. Er trat unter das

Bild; die Augen waren ausgeschnitten. Sie hatte glänzend gespielt, die Frau

hinter den ausgeschnittenen Augen, und war nun wohl von dannen mit ihrem

Herrn, dem Unbekannten. Auch Philipp, sein anderes Geschöpf, war fort mit

ihm. „Gut denn: der Mechanismus des Wunders hat sich bewährt bis ans Ende.

Aber auch hier“, sagte er, mit dem Finger auf seiner Brust . . . Er schloß die

Läden der Gartentür, der Diener hatte es sich erspart. „Er war erregt, keiner von

uns hat es leicht gehabt heute. Ich werde nun schlafen dürfen, ich werde wieder

gut schlafen und wohl in Frieden altern dürfen. Jene drei müssen leider durch die

Sturmnacht fahren mit ihren Wertpapieren — die wertlos sind, die so wertlos

sind, daß man die Diebe nicht einmal festnehmen wird, wenn sie sie vorlegen.“