Die Tote

Heinrich Mann · Kapitel 6 von 8

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Die Tote

Der Bruder

Peter Scheibel blieb nach dem Tode seiner Eltern zurück als ganz verarmter

Siebzehnjähriger und mit einer kleinen Schwester, die niemand hatte, als nur ihn.

Er sagte sich, daß er auf der Schule und später auf der Hochschule wohl sich

selbst noch würde durchbringen können, unmöglich aber ein heranwachsendes

Mädchen; und ohne Säumen ging er auf die Suche nach einer bezahlten Arbeit.

Er fand sie bei Fülle und Sohn, Häute, zuerst als Ausgeher, aber bald ließen sie

ihn Briefe schreiben. Nach acht Jahren war er Buchhalter und hatte ein

Zimmerchen für sich allein, auf einen Hof hinaus, der nicht hell war, außer im

Hochsommer mußte man immer das Gas brennen. Luft und Licht fand er zu

Hause; ihm dünkte es oft, kein Mensch könne zu Hause, die kurzen Stunden, in

denen dies erlaubt ist, so viel Sonne und frohes Herz finden. Sie wohnten hoch

über einem weiten Platz, mit elektrischen Bahnen, Obstkarren, Soldaten. Ihr

kleiner Balkon trug Blumen und Änne drinnen sang. Andere hörten sie nicht von

draußen, ihre Stimme war nicht stark; der Bruder aber blieb auf der Treppe

stehen und hörte sie.

Sie war erwachsen in den acht Jahren unter seiner Pflege, seinen steten

Gedanken, als Lohn für alle seine Mühen; aber noch blieb sie zart und unsicher,

nicht nur von Gesundheit, auch in ihren Formen, Farben und in ihrer Art, das

Leben zu nehmen oder es vorauszuahnen. Bei ihren wenigen Bekannten galt sie

für langweilig oder hochmütig, manchmal argwöhnten sie Bosheit. Nur ihr

Bruder kannte sie wirklich, er war stolz darauf, wie auf eine treu erworbene

Vertrauensstellung. Ihr ward es nur leicht bei ihm. Nur bei ihr war er glücklich.

Am Abend mitunter und dann, wenn sie ihm Gutenacht wünschte, sah er auf zu

ihr, staunte eine Weile und nannte sie Beatrix. So hatte eine Prinzessin geheißen,

in einem Buche mit bunten Bildern, das sie zusammen lasen, als er zwölf und sie

fünf Jahre alt war. Damals schnitt er Ihr aus Papier den goldenen Gürtel, wie er

von den Hüften der Prinzessin fiel. Wenn sie über ihrem langen Hemdchen den

Gürtel hatte, hieß sie Beatrix. Ob sie ihn überzeugte? Ob er es entdeckte? Ihr

eigentlicher Name und ihr Wesen, das nur er sah, waren Beatrix. Ihm blieb

nichts übrig, als ihr die Rechte zu erobern, die ihr natürlich waren.

Aber noch wollte sie nichts; sie lächelte schwach und wegwerfend zu seinen

Versprechungen von Kleidern und Schmuck, für künftig, wenn sie reich sein

würden, wenn seine Ersparnisse den Nutzen getragen haben würden, auf den er

sann. Es kam unbemerkt, sie war damals zwanzig — und als er es dann doch

sah, wie gern sie jetzt ihren bescheidenen Tand trug, begriff er noch immer nicht,

daß etwas vorging. Ihre Kopfhaltung machte ihn aufmerksam, das freiere

Auftreten, die erwachte Anmut und dann dies Lächeln, das stolz einlud: „Sieh

doch!“ Was er aber sah, ward dem Bruder nicht früher klar, als bis er Fremde es nennen hörte. Sie sagten: „Die Änne Scheibel ist aber schön geworden.“ Er hörte

es und ward von einer solchen Freude erfaßt, daß er in der winterlichen Straße

plötzlich eine laue Luft spürte und Rosen roch. Beim Betreten des Hauses fand

er endlich Worte. „Jetzt haben sie es heraus!“ sagte er. Jetzt sahen alle ihre wahre

Natur, und nicht mehr nur für ihn war sie eine Prinzessin. Freilich verlor er

dadurch einen Vorzug und einen großen geheimen Stolz. Ihr aber tat die

Bestätigung so wohl! Unter den Blicken, die sie bewunderten, entfaltete sich ihre

Schönheit, ihm schien, ins Ungemessene. Ihn blendete sie nur noch. Hiervon

hatte er trotz allem keinen Begriff gehabt: ein Gesicht, so klar, als sei er Fleisch

gewordener Edelstein! Und aufgeblüht das Gold der Haare, in den

herangereiften Gliedern irgendein ungeahnter Saft — die Hand aber, man konnte

sie unmöglich noch nehmen ohne Demut, sie konnte sie unmöglich anders geben

als mit Herablassung. Sie spürte es selbst, denn sie lachte manchmal auf dabei,

übermütig und wie zum Spott auf ihn und sich, weil alles sich nun auf diese

theatralische Art gewendet hatte. Er zahlte ihre Kleider, die teuerer wurden, aber

nicht sie hatte jetzt zu danken, sondern er. Dazwischen zeigte sie ihm

unversehens ein ernstes, vertrauliches Auge, das sagte: „Du verstehst natürlich,

es ist meine Rolle. Im Grund bist du alles. Was wäre ich! Glücklich bin ich, weil

du nun belohnt bist.“

Aber sie hatte durchaus den Willen zu ihrer neuen Rolle. Sie ging aus, trat auf,

und trug Siege heim. Sie besuchte eine Schauspielschule, kannte Kavaliere,

schlug Heiraten aus, die ihr nicht angemessen waren. Er mußte häufig warten auf

sie am Abend, und kam sie heim, brachte sie Unbekanntes mit. Erlebnisse,

Möglichkeiten und Fragen an das Schicksal, in die er nicht immer wagte

hineinzuhorchen. Sie aß reichlich, wie ihre Schönheit es erforderte; es geschah

aber, daß sie den Teller fortschob, die Arme weiß auf den Tisch stellte, und,

zwischen ihnen kurz den Kopf rückend, über das zu geringe Zimmer hinsah, die

dürre Hängelampe, und auch über ihn — gereizt hinsah, auch über ihn, und

doch, als, sei sie abwesend. Da erschrak er so tief wie noch nie. Sein alter Rock

brannte ihm plötzlich auf dem Rücken, und leise, aber angestrengt schob er sich

mitsamt seinem Stuhl vom Tisch fort, damit sie ihn nicht mehr rieche. Denn ein

wenig, trotz aller Vorsicht, roch er wohl nach Häuten. Daß er es nicht bedacht

hatte, kürzlich, als ihre Freunde sie besuchten! In einer entsetzten Scham ward es

ihm fühlbar, daß er zu viel da sei, und daß er Ansprüche mache, unberechtigte

Ansprüche, indem er da sei. So begann er ins Café zu gehen, saß einsam und

grübelte, weil in diesem Augenblick die Damen und Herren, die mit ihr einen

heiteren Abend verbrachten, sie in dem mißverständlichen Rahmen des zu

geringen Zimmers sahen. Konnte dadurch nicht ihre Ehrfurcht leiden! Ach! es

war klar, daß dies nicht mehr weiter führte, und daß er selbst, nur er die Schuld daran trug. Er hatte eine Prinzessin bei sich aufgezogen und zeigte sich nun

unfähig, die Mittel zu beschaffen für ihre Hofhaltung. Seine Ersparnisse, die

bisher ihre Toiletten bezahlt hatten, waren schon dahin; was nun? Sie wartete,

und die Jahre vergingen, die ihre Jugend waren. Er stahl sie ihr, er war ihr Feind!

Einst bekam er im Geschäft eine unerhört große Summe in die Hand und behielt

sie eine Nacht lang, obwohl sie schon abends wäre abzuliefern gewesen. Es war

die Nacht, in der er mehrmals starb und mehrmals lebte wie noch nie. Als es

Morgen ward, war er dem Abgrund entronnen, und was er fühlte, war

Erbitterung gegen sie, die Gläubigerin, die ihn so schwer bedrängte. Er wolle sie

einem braven Manne geben, beschloß er hart — aber wie flehentlich bat sein

Herz es ihr ab, als sie am Abend vor der Tür seines Geschäftes stand und ihn

abholte. Schön und vornehm wie keine, ging sie dennoch an seiner Seite durch

die glänzendsten Straßen. Hinter der erleuchteten Glastür eines Friseurladens sah

man eingeseifte Herren sitzen, streng, würdig, aber doch abgerüstet. Im

Vorbeigehen beugte die Schwester sich vor das Gesicht des Bruders. „Da sitzen

sie,“ sagte sie und hatte um ihren karminroten Mund zwei Züge von Haß und

Hohn. Noch beim Abendessen dachte sie wohl daran, denn unvermittelt lachte

sie auf, und wie er hinsah, war es wieder dies Gesicht. Da sie merkte, er sah hin,

verwandelte es sich, und ihre Augen tauchten in seine, mit einer solchen Kraft

von Mitleid, Dankbarkeit und Wissen, daß er fühlte: „Geschehe was immer.“ —

„Wir wollen doch noch unsere Partie spielen,“ sagte sie, da ward ihm schon

wieder bang, denn es klang wie ein letztes Mal. Dann gab sie die Karten mit

ihren Händen, von denen Duft wehte. „Du schwindelst wohl?“ sagte sie heiter,

da er gewann; und langsam, mit verlorener Miene in die Lampe starrend: „Ach

nein. Am schwersten wird man die Anständigkeit los.“

Künftig zeigte er sich noch seltener, er durfte nicht länger sich

dazwischendrängen in den Lebenskampf, dem er sie nicht hatte entheben

können. Was sie fortan erlebte, gehörte nur ihr — und wohl noch einem, aber

nicht ihm. Sein waren die Angst, die Sehnsucht und der Zorn, dies gehetzte

Herz, das anbetete und verwünschte in einem. Er wußte gleichwohl immer, was

vorging; ihm schrien es Dinge zu, die kaum waren, ein Hauch in der Luft, ein

Schatten in zwei Augen. Er kannte den Mann — hatte ihn nie mit ihr gesehen,

war ihm unbekannt, und stand doch unter einem Haustor, um ihm

entgegenzublicken, der Gestalt des Schicksals, um ihm nachzublicken, dem

Gang des Schicksals, unerbittlich wie es ging, und ganz fremd. Einmal aber

verließ er das Geschäft zu einer ungewohnten Zeit, ein hohes Fieber nötigte ihn;

und zu Haus nahm er wahr, sie waren da. Er stand, atmete nicht, und hörte. Ein

entzückter Klang drang hervor, und ja, dieser Klang: Beatrix. Da ging er fort,

fiebernd, aber seine schnellen Pulse klopften wie ein Glück — ein Glück, sei es wie immer. Sie hatte von dem, den sie liebte, genannt werden wollen, wie von

ihm! Wenn sie sich von Liebe verklärt fühlte, ging sie in das Märchenwesen ein,

das sein, sein war. Er fühlte: Meine Schwester!

Tage zogen vorbei, da sie ihn wohl ganz vergessen hatte, und Tage, an denen

sie ihn nicht fortlassen wollte; aber er wußte, wann es aus Güte und ruhigem

Sinn kam, und wann er sie retten sollte. Er rettete sie nie; sie mußte allein an sich

tragen, er konnte ihr nur stumm und treu wie ein Hund bedeuten, daß er

Bescheid wisse um ihre gekrampften Mienen, die Trennung hießen,

bevorstehender Zusammenbruch, Angst des Endes, um ihr Umherirren und

Seufzen, worin schon neue Hoffnungen sich meldeten, ein anderer Mann, und

wieder Leichtsinn und wieder Schmerz. Ihm schien die Zeit stillzustehen in

allem Hin und Her, das nur ablief und zu nichts führte, und dem er beiwohnte in

immer gleicher Demut und Ergriffenheit. Dennoch erschien ein Abend — sie

hatte ihn nicht fortgehen lassen, und war selbst nicht vorbereitet zum Ausgehen,

setzte sich hin bei ihm, fand keine Ruhe, hatte schon ihr Zimmer aufgesucht und

kam noch zurück. Er sah auf, erstaunt wie von jeher, wenn die Gunst des

Augenblicks ihm ihren Anblick schenkte. In ihrem Gesicht aber entstand nichts

von der kleinen Freude, die sein Staunen sonst ihr schenkte. Seltsam, sie hatte

ein Gesicht, als sähe sie, nun sie zu ihm sprach, nicht sich, sondern wie vor

Zeiten, wirklich ihn. Sie sagte: „Hast du denn eigentlich nie daran gedacht, zu

heiraten?“ Er bedachte, was ihr denn einfiele. Um Zeit zu gewinnen, sah er an

sich nieder, und er murmelte: „Jetzt doch wohl nicht mehr.“ Dies war es aber

nicht: in ihm stammelte es anders. „Wer, wie ich . . .“ Und: „Beatrix!“ Ihr Blick

zog sich schon zurück, sie sah nicht weg, und sah schon nicht mehr ihn. „Hättest

du geheiratet,“ sagte sie, „vielleicht würde ich dann ein Asyl gehabt haben, wenn

es mit mir aus ist.“ Er schrak auf, fassungslos: „Mit dir!“ Da schwieg sie zuerst

gramvoll — und sagte dann, mit einer Stimme wie eine Kranke: „Sieh mich

doch an! Sieh mich doch nur wirklich an!“ Und weil sie es wollte, sah er sie, sah

mit einem Schlag alles. Sie hatte die Lippen heute nicht gefärbt, die Haut des

Gesichtes gelassen, wie sie war, dem Blick nicht nachgeholfen, das Kleid

umgehängt wie um irgendeine Nebenperson, und stand auf einmal da, als sei sie

entblößt von einem goldenen Nebel und in den Alltag versetzt. Die Augen

erkaltet von Enttäuschungen und geschwächt von Verlusten, der Zug des Hohnes

eingewurzelt um den Mund, umgewühlt die Stirn wie ein Feld mit Leichen und

müde dies menschliche Wesen nach getragenen Lasten, entstellt das Antlitz und

der Leib durch Kampf, den täglichen Kampf um das Brot der Seele und um ihr

Dasein, den nie entschiedenen Kampf: so stand sie vor dem Bruder, der die

Hände erhob, langsam aufhob und sie faltete. Da sie sah, er habe begriffen, sagte

sie: „Diese acht Jahre waren eine lange, lange Zeit.“ Und während ihre Stimme, kranke Kinderstimme, noch nachklang, strich sie tastend über ihre Hüften, als

seien sie wund oder als suchte sie nach ihrer verlorenen Form. Da riß er sie an

sich, und hinsinkend weinten sie.

Das Gesicht noch trocknend, eilte sie schon fort. Unter der Tür,

zurückgewendet, sagte sie: „Morgen gehe ich auf eine Reise. Du kannst

unbesorgt sein . . .“ und sagte es inständig, als setzte sie hinzu: „Glaub’ mir oder

doch lass’ mich es glauben!“ Morgen kam, und sie war fort, und er in seinem

Hofzimmer beim Gaslicht erdrückte mit beiden Händen in seinem Herzen, was

er wußte, sein ungeheures Wissen. Zwei Tage, da rief man ihn in die

Frauenklinik: tot sei sie, tot sei seine Schwester. Er ging und beugte noch einmal

seinen grauen Kopf vor ihrer unvergänglichen Schönheit.

Der Sarg schwankte hinaus, da war ein Mensch da und hielt dem Bruder die

Hand hin. Es war ihr erster Geliebter, jener, der an Gestalt und Gang dem

Schicksal geglichen hatte. Armes Schicksal, verstört und bleich. Trotz der trüben

Frühe standen draußen Leute, um den Sarg zu sehen. Der Bruder hörte sagen:

„Sie war nur eine . . .“ Er sah sich nicht um nach dem Wort, er dachte: „Wißt ihr

denn gar nichts?“ und er fühlte Verachtung und Mitleid.