Die Tote

Heinrich Mann · Kapitel 7 von 8

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Die Tote

Die Verjagten

Seit gestern ist nun auch die sechzehnjährige Linda Barocci gestorben. Alle,

die sie kannten, sagen, daß sie glücklich zu leben verdient hätte, denn sie war gut

und tapfer, was sie schon lange vor ihrem letzten Unglück bewiesen hatte,

draußen vor Porta Agnese bei ihrem Verwandten Nazzarri, der ihr nachstellte.

Nazzarri Umberto hatte seine Gärtnerei gleich hinter dem Heiligtum Santa

Agnese. Er war ein stattlicher Mann mit lebhafter Gesichtsfarbe. Die Linda,

blond, weiß und sehr zierlich, fand ihr Heil, wenn die Laune ihn ankam, stets nur

in ihrer Schnelligkeit. Denn der Garten ist groß und geht in das offene Feld über.

Wenn der Nazzarri der Kleinen lästig fiel, trat manchmal seine Gattin

dazwischen, die Frau Amelia, oder besser gesagt, sie rief ihrem Gatten von der

Tür her Namen zu, die keine Kosenamen waren; aber persönlich zur Stelle zu

sein ward ihr schwer wegen des Gewichts ihres Körpers. Diese beleibte Person

hatte ein gutes Herz, das die Linda die versuchte Untreue ihres Gatten nie

entgelten ließ. Vielmehr bezeigte sie ihr das innigste Mitleid und warnte den

Nazzarri vor allem Unglück, das seine böse Lust nicht verfehlen werde

heraufzurufen. Er aber wollte nicht hören. Gereizt durch den Widerstand des

Mädchens, hetzte er sie oft umher wie toll, und besonders zu der Stunde, wo auf

die Campagna die Dämmerung herabsteigt. Dann sahen Nachbarinnen Linda

dahin huschen über den Boden, klein und leicht wie eine Fledermaus, und

irgendwo darin verschwinden. Denn die Erde hat dort versteckte Löcher, die zu

den alten Katakomben hinabführen, und in ihnen findet man schwer den, den

man sucht, wenn auch zuweilen solche, die man nicht gesucht hat, und die das

Licht scheuen. Der Nazzarri mußte draußen warten, bis es der Linda gefiel,

zurückzukehren. Einmal, sagten sie, habe er achtundvierzig Stunden lang warten

müssen. So verzweifelt war das Mädchen, daß es sich drunten verirrt hatte und

halb verhungert hervorkam.

Dem konnte die gute Tante Amelia nicht länger zusehen. Sie und die Linda

taten soviel und soviel, bis endlich der Nazzarri dem Mädchen zu gehen

erlaubte. Sie suchte sich eine Stelle als Magd in Rom, er war aber dahinter, daß

es bei strengen Leuten wäre und in einem Haus ohne Jugend. Die Frau Gräfin

Marinotti hat ihren Palast in Via Argentina und bewohnt ihn allein mit ihrer Zofe

und Haushälterin Bona Chichetti, die bei Jahren ist wie sie selbst und eine

Gehilfin braucht, und diese war die Linda. Sie erlangte die Zufriedenheit der

beiden Alten, und so oft der Onkel Nazzarri sich einstellte — er stellte sich aber

jede Woche zweimal ein mit seinen Gemüsen — ward ihm geantwortet, daß

nichts Unrechtes zu merken sei an der Linda. Denn sie gehe nur aus, wenn ihr

Dienst es verlange, niemals am Abend, und kein Mann komme ins Haus. Eines

Tages aber sollten die guten Alten einen kommen sehen. Er war erst achtzehn und war ein Kohlenträger, Aldo Canta, von Montereale, Provinz Aquila, woher

auch die Linda kam. So trug er ihr das Säckchen mit dem Holz, das sie geholt

hatte für den Herd, und folgte ihr bis vor das Haus. Schon beim zweiten Mal

aber ging er mit ihr die Treppe hinauf, zu dem Saal im Adelsstock, wo die Frau

Gräfin in Gesellschaft ihrer Zofe Chichetti bei einem Kohlenbecken saß. Und als

sie die beiden jungen Leute auf der Schwelle sah, rief sie ihnen zu, herbei zu

treten, und sie taten es, und Aldo sagte, daß er der Linda wohlwolle, und sie

sagte, daß sie beschlossen habe, ihn zum Mann zu nehmen. Da aber die beiden

Alten erwähnten, den Fall müßten sie dem Gärtner mitteilen, fing das Mädchen

zu weinen an und der junge Mann weinte mit ihr aus Zorn, weil sie ihm gesagt

hatte, wie die Dinge standen. Die Tränen der jungen Leute bewogen sowohl die

Gräfin wie die Zofe zum Mitleid, so daß sie dem Nazzarri, als er wiederkam, die

Sache verschwiegen. Dennoch aber faßte er Verdacht, weil das Mädchen nicht

mehr zaghaft schien, sondern den Kopf hob und sang. So kam es, daß der Aldo

und die Linda, als sie eines Abends, schon im Dunkeln, vor dem Haus hin und

her gingen, um die Ecke der Via Barbieri den Nazzarri erscheinen sahen, und

dieses Mal ohne Gemüse und in der Haltung eines Spähenden. Das Mädchen,

zitternd vor Furcht, griff nach der Hand des Verlobten und zog ihn hinter die

Haustür. „Er hat uns schon gesehen,“ flüsterte sie. „O mein Aldo, was jetzt?“ —

Er sagte: „Ich will mich nicht verstecken, laß mich hinauf, Linda, und du sollst

sehen wie die Sache endet.“ — Sie hielt ihn aber fest mit aller ihrer Kraft und

beschwor ihn, daß er das, was er meine, um Gottes willen nicht tue, denn der

Nazzarri sei der Bruder ihrer Mutter. Und damit er nichts unternehmen könne,

zog sie ihn die Treppe hinauf. In die Haustür sprang schon der Nazzarri und war

sogleich hinter ihnen her. Sie liefen über die erste Treppe. Der Gärtner, auf ihren

Fersen, rief: „Das sollst du mir bezahlen, Verführer meines Kindes!“ und Aldo

rief zurück, schon von der zweiten Treppe: „Bezahlen wirst du selbst!“ Da waren

sie im Adelsstock und von dem Geschrei kamen die beiden Alten hervor. Durch

sie ward der Gärtner aufgehalten, die jungen Leute erlangten einen Vorsprung,

sie erreichten ein Zimmer unter dem Dach und sperrten sich ein.

Da atmeten sie nun nach dem Lauf, standen und sahen erregt einander an. „Ich

wollte es nicht sagen,“ gestand Linda, „aber ich wußte es, denn ich hatte einen

Mönch von Sant’ Agnese gesehen, der uns beobachtete, und so wußte ich, wir

seien verloren.“ — „Das sind wir nicht,“ sagte Aldo. — „Aber er wird mich Dir

fortnehmen.“ — „Das wird er nicht tun,“ sagte Aldo. Und inzwischen hörten sie

schon seinen Schritt vor der Tür. Er riß daran und trat dagegen, obwohl die

beiden Alten ihm zuredeten; aber er hörte nichts und schrie nur immer nach dem

Verführer seines Kindes. „Wohin mit uns, wenn die Tür zerbricht,“ sagte Linda.

Aldo aber öffnete das Fenster und sah, daß das Zimmer in einem Winkel des Hofes lag. An der andern Wand des Winkels war ein Balkon, dorthin dachte er

zu entkommen mit seiner Geliebten. Er sagte ihr, er wolle den Gang wagen über

den Abgrund, und dann werde er ihr zu helfen wissen. Aber sie zeigte ihm die

klaffenden Risse in dem Stein des Balkons, seine lockeren Eisenklammern und

dahinter das verfallene Haus. Denn dort ist ein Haus, das seine Bewohner

verlassen haben, und die Arbeiter, die es wieder herstellen sollen, betraten es

noch selten. Der junge Kohlenträger sprach nichts mehr, er schwang sich, indeß

Linda dastand ohne Regung, über das Fenster, er faßte ein Stück Eisen in der

Mauer, trat in eine Lücke zwischen den Steinen, dann in die nächste, und so bis

zu dem Balkon. Behutsam stieg er hinein, und aus dem Zimmer dahinter holte er

eine Leiter, die schob er hinüber, in das Fenster zur Linda. „Komm!“ sagte er,

und sie kam — über die Leiter, die er nicht auf die unsichere Brüstung des

Ballons legte, sondern in seiner festen Hand hielt. Wie sie aber mitten über der

Tiefe kniete, gab im Zimmer hinter ihr die Tür nach und der Nazzarri stürzte

herein. Ein Blick, erstarrt waren sein Geschrei und seine geschwungene Faust.

Die beiden Alten kam eine Schwäche an. Der Aldo drüben empfing in seinen

Armen die Linda, und gemeinsam traten sie in das Dunkel des verlassenen

Hauses.

Wer sich nicht zufrieden gab, war der Gärtner. Er machte Aufruhr im Hof und

auf der Straße. Die meisten lachten ihn aus, auch die Wächter glaubten ihm

nicht, denn das Haus war verschlossen von allen Seiten. Mehrere Neugierige

fanden sich immerhin, die im Hof Übungen anstellten, um ein langes Seil bis

dort hinauf und über den Balkon zu werfen. Zum Schluß gelang es ihnen, aber

wie man ein wenig daran zog, fiel ein Stein herab, und so ließ man es. Erst am

Morgen konnte der Nazzarri den finden, der den Schlüssel hatte, und das Haus

aufsperren. Hierbei drangen Viele mit ein, denn der Fall war in der Straße

umhergekommen, und sie sahen es als ein Abenteuer an, das nicht ohne Grauen

und Gefahr wäre, führten einander irre im Haus, erschreckten einander und

ahmten die Stimmen von bösen Geistern nach. Die Liebenden inzwischen zogen

sich vor der nahenden Menge zurück, aus dem Innern des Hauses, hin und her,

bis in seinen äußersten Winkel, und so fanden sie sich am Ende wieder in dem

Zimmer, durch das sie hineingelangt waren. Es sah so wüst und kahl aus im

Tageslicht, als eröffnete es ihnen, hier ende die Welt. „Nun geht es in Wahrheit

nicht weiter,“ sagte Linda. „Nur einen Schritt noch,“ sagte Aldo. „Mit Dir!“

sagte Linda, und sie traten auf den Balkon hinaus, an seinen Rand, der schon

wankte. Vom Hof die Leute sahen es, welche ernsten Gesichter sie beide hatten,

die Augen groß aufeinander, und blauer Himmel nahm ihre Stirnen auf. Unter

ihren Füßen geschah ein Krachen. Ihre Arme hoben sich, sie wollten wohl

hingreifen, wo ein Halt wäre; und so faßten sie Eines um das Andere. Umschlungen stürzten sie hinab. Aldo, der zuerst unten aufschlug, war sofort tot,

die Linda fiel auf ihn, sie brachten sie noch lebend in das Hospital Santo Spirito.

Zu ihrem Glück blieb sie ohne Bewußtsein. In der Nacht starb auch sie. Sie war

sechzehn Jahre alt, ihr Aldo erst achtzehn. Sie hatte die Mutter in Montereale,

Provinz Aquila.