Ein Jahr in London, Reise in den Alltag
April
Der Frühling ist gekommen und es wird sogar richtig warm; über 20 Grad ist es am ersten Aprilwochenende und von Aprilschauern weit und breit keine Spur.
„Nice weather, isn’t it?“, frage ich also Miss Miller zur Begrüßung, ganz so, wie wir es damals im Englischunterricht gelernt haben.
„Well, quite nice, yes.“
„It is actually.“
„It is. Absolutely.“
„Isn’t it?“
„Oh it is. Aber wie lange das wohl anhält?“
Der schlechte Ruf, den das englische Wetter im Ausland hat, ist eigentlich unverdient. Natürlich regnet es relativ oft, doch nicht häufiger als in München, Köln oder Paris. In London und dem Rest Südostenglands gibt es sogar regelmäßige Trockenperioden, in denen der Wasserverbrauch stark eingeschränkt wird. Nur reden die Engländer mehr über das schlechte Wetter als andere Völker. Wenn es nicht zu nass ist, ist es zu heiß, zu trocken oder zu windig. Und wenn es dann mal einfach perfekt ist, so wie heute, dann ist das einfach unerträglich und man klagt stattdessen über die unvermeidliche Kurzlebigkeit dieser Schönwetterphase und die Regenwolken, die sich mit Sicherheit bald am Horizont zeigen werden.
„Ich habe gehört, morgen soll es schon ganz anders werden“, fügt Miss Miller dann auch schnell hinzu. Doch sie hat Unrecht. Es kommt und kommt kein Regen und die Blumen sprießen um die Wette.
Und schönes Wetter plus Osterferien bedeutet: Besuch aus Deutschland. Wobei leider nicht die Rede von Freunden und Verwandten ist, deren Besuch mich natürlich immer hoch erfreut, sondern von der immer länger werdenden Liste von Leuten, die mir von meinen Freunden im Laufe des Jahres vorbeigeschickt werden.
„Entschuldige, aber meine kleine Cousine aus Cuxhaven ist übernächstes Wochenende in London und sie ist ja Studentin und hat gar kein Geld, kann sie wohl ein paar Nächte bei dir übernachten?“
„Mein Nachbar ist demnächst eine Woche in London und weiß nicht, was er allein alles unternehmen kann. Kannst du dich ein bisschen um ihn kümmern?“ Was ich natürlich alles trotz der Enge meines Zimmers schlecht ausschlagen kann.
Und so soll heute um ein Uhr Karmen, die Freundin meines Bekannten Stefan, bei mir eintreffen, der mir vergewissert hat, dass sie sehr umgänglich sei und mir sicherlich keine Probleme bereiten werde. Um halb zwei klingelt mein Telefon: Karmen wartet an der Chalk Farm Tube Station auf mich.
Bis auf eine kurze Klassenfahrt vor vielen Jahren, erzählt sie mir auf dem Heimweg, war sie noch nie in London, und ist jetzt ganz hingerissen von den schönen Häusern und der Atmosphäre. Die Kirschbäume, die die Straße säumen, sind in voller Blüte und trotz noch kühlen 18 Grad sitzt ganz Primrose Hill draußen vor den Häusern und Cafés, während die ersten Männer sich schon mit nacktem Oberkörper in den Biergärten sonnen. Morgen wird ganz London krebsrot sein.
Auch von meinem Zimmer ist Karmen trotz der Enge sehr angetan.
„Das ist doch herrlich hier!“, ruft sie aus und geht gleich auf den Balkon. „So schön altmodisch!“ Sie zeigt auf den blümchengemusterten Teppich und den grünen Ohrensessel.
„Dieses ganze Retro-Mobiliar muss dich aber viel gekostet haben.“
„Oh ja, ziemlich viel“, pflichte ich ihr bei.
Nachdem sie sich von ihrer Anreise ausgeruht hat, zeige ich Karmen etwas von meinem Londoner Alltag. Und ein paar Sehenswürdigkeiten natürlich, denn an denen kommt man in London beim besten Willen nicht vorbei. Schon der Weg zur U-Bahn-Station führt uns an den Häusern der Dichter Sylvia Plath und W. B. Yeats vorbei, die mit einer runden, blauen Plakette gekennzeichnet sind. Jude Laws Haus erwähne ich natürlich auch, obwohl der noch keine blaue Plakette an seinem Haus hat. Die gibt es erst nach dem Ableben.
„Können wir nicht wenigstens kurz durchs Fenster gucken?“, Karmen lässt sich kaum weiterbewegen.
Ich schaffe es, sie ins Caff, das englische Café in der Nähe der U-Bahn-Station, zu schleifen. In dem gibt es aber herzlich wenig Kaffee, sondern das berühmt-berüchtigte englische Frühstück, das man hier den ganzen Tag über essen kann.
Das englische Frühstück, bestehend aus Schinken, Spiegeleiern, Pilzen, Tomaten, gebackenen Bohnen, Würstchen und halbverkohlten Toastscheiben, zentimeterdick mit Butter beschmiert, wird von den meisten Engländern zum Glück nur am Wochenende gegessen. Dafür wird es aber dann aber auch in vollen Zügen genossen, entweder zu Hause selbst gekocht oder halt wie hier im Caff, in dem die verschiedensten Varianten des Breakfast serviert werden: vegetarisch, mit oder ohne black pudding, der allerdings nichts mit Pudding zu tun hat, sondern aus Blutwurst besteht, oder mit Bubble-and-Squeak, einem Kartoffel- und Gemüsebratling anstatt der Pilze.
„So viel esse ich sonst kaum in einer ganzen Woche“, stöhnt Karmen, nachdem sie ihren Teller bis auf den letzten Krümel geräumt hat und gierig auf meine Überreste schaut. Neben uns sitzt die übliche Primrose-Hill-Schickeria, zusammen mit einigen Rentnern, die sich hier täglich zum ausgiebigen Klatsch treffen.
Wir treten mit vollem Magen auf die Straße. Mit Mühe schaffen wir es noch bis zur U-Bahn-Station. Die Tube ist heute leider mal wieder hoffnungslos überfüllt, was mich freut, da Karmen somit ein ganz authentisches Londonerlebnis bekommt.
Nach langem Warten gelingt es uns, einen der Züge Richtung Süden zu besteigen, und der Wagen fährt mit einem Ruck an. Doch nur einige Sekunden später bleiben wir mitten im Tunnel wieder stehen und es bewegt sich nichts weiter. Erst nach einer zehnminütigen Wartezeit fangen die ersten Leute an, sich zu räuspern und genervt auf ihre Uhren zu schauen.
Ein einzelnes „Jeden Tag das Gleiche!“ ertönt aus einer Ecke, doch der Rest der Fahrgäste verharrt in gesitteter Stille. Bis aus den Lautsprechern plötzlich ein Knistern erklingt und der Fahrer sich zu Wort meldet.
„Ladies and Gentlemen, der Streckenverantwortliche scheint gerade Mittagspause zu machen. Er antwortet nicht auf meine Anrufe. Es tut mir leid. Ich kann nichts dafür. Es tut mir wirklich leid. Seien Sie mir nicht böse. Ich versichere Ihnen, ich werde Sie alle bald nach Central London bringen.“
Einige Sekunden später setzt der Zug sich in Bewegung, und wir treffen bald in Leicester Square ein und steigen aus.
„Ah, Letschester Square!“, ruft Karmen auf der Rolltreppe Richtung Ausgang, während die Einheimischen voll Grauen zusammenfahren.
„Man spricht das Lester Square aus“, flüstere ich ihr im Lehrerton zu, während wir die U-Bahn verlassen.
Den Leicester Square selber lassen wir links liegen und gehen weiter Richtung Themse. Doch bevor wir zum Fluss kommen, gibt es einen kurzen Abstecher in die National Portrait Gallery. Auch in einer so teuren Stadt wie London gibt es etwas umsonst, und das sind Museumsbesuche. Nicht ein einziges der staatlichen Museen verlangt auch nur einen Penny Eintrittsgeld, so dass man auch mal für nur eine Viertelstunde in einer beliebigen Gallerie ohne Schuldgefühle vorbeischauen kann. Und in welchem anderen Nationalmuseum kann man sich unter dem Vorwand der Kunst ein einstündiges Video eines schlafenden David Beckham anschauen oder Portraits von Oasis und Kate Moss nebeneinander betrachten?
Eine Gruppe von Schulmädchen sitzt in einem Kreis vor einem Robbie-Williams-Abbild und zeichnet eifrig dessen Konturen auf ihre Malblöcke. Wir unterdessen schauen uns einige Minuten lang den Beckham-Film an, der das Gesicht des schlafenden Fußballspielers zeigt.
„Sehr atmosphärisch, findest du nicht auch?“, bemerkt eine alte Frau, die sie sich grüblerisch das Kinn reibt.
Ihre Freundin lächelt angetan. „Er sieht so friedlich aus.“
Der kleine Junge an ihrer Hand jedoch, vielleicht ihr Enkel, hüpft ungeduldig auf und ab. „Passiert denn in dem Film noch was?“
Nach fünfminütigem Betrachten des völlig regungslosen Beckham entscheiden wir, dass die Antwort wahrscheinlich nein ist, und gehen weiter. Für die älteren Portraits von Königen und Adligen in Kniebundhosen und Perücken in den höheren Stockwerken fehlt uns heute die Geduld und wir gehen stattdessen weiter in Richtung Themse.
Ich erinnere mich an meine erste Woche in London, die ich hier ganz in der Nähe in einem billigen Hotel verbracht habe. Wir gehen kurz in den Kiosk, in dem ich immer mein Anzeigenblättchen kaufte, und zu meiner Überraschung erkennt mich der pakistanische Verkäufer sogar wieder.
„Ah, my friend! Haben Sie eine schöne Wohnung gefunden?“
Ich erzähle ihm von meinem Zimmer im schönen Primrose Hill und meinem Job.
„Primrose Hill no good, Sie müssen ins West End ziehen. The West End is much better!“
Ich verspreche ihm, es in Erwägung zu ziehen und bald wieder bei ihm vorbeizuschauen, und dann verabschieden wir uns.
Während wir Richtung Süden weiterlaufen, frage ich Karmen, was ihr bisher am meisten an den Londonern aufgefallen sei.
„Niemand schaut einen an! Man könnte meinen, man wäre ein Gespenst!“
Ich stimme ihr zu, die Engländer mögen keinen Blickkontakt mit Fremden, doch wird gerade dies als polite und freundlich angesehen. Doch ich wünschte, Karmen selber würde etwas mehr Blickkontakt mit den englischen Autofahrern suchen, denn während wir uns unterhalten, rette ich sie mehrere Male vor dem sicheren Tod, als sie, in die falsche Richtung schauend, direkt in die Fahrbahn eines Taxis laufen will. Die meisten Straßenüberwege haben extra spezielle Anweisungen für die Touristen – „Look Left“ oder „Look Right“ steht da in großen, weißen Buchstaben direkt auf der Fahrbahn –, aber Karmen ist zu beschäftigt, sich die schönen Häuser und Schaufenster anzuschauen, als dass sie den Boden unter sich nach Anweisungen untersuchen könnte.
Wir schaffen es dann aber doch, lebend den auf der Nordseite der Themse verlaufenden Boulevard des Embankment zu überqueren, und wechseln dann auf der Hungerford Bridge auf die Südseite der Stadt über. Vor uns ragt das London Eye in den Himmel.
Das Eye, zur Jahrtausendwende zwischen der Westminster und der Waterloo Bridge gebaut, ist das zweithöchste Riesenrad der Welt und wird nicht umsonst von einer Fluggesellschaft gesponsert, denn einmal am höchsten Punkt angekommen könnte man meinen, man befände sich tatsächlich in einem Flieger, so klein liegt die Stadt unter einem.
Karmen findet das toll, ich eigentlich gar nicht, denn ich habe schreckliche Flugangst.
Bisher hatte ich immer Glück und die Schlangen vor dem Metallkoloss waren so lang, dass ich das Besteigen des Eye vermeiden konnte, wenn mich Freunde zu einer Fahrt überreden wollten. Heute jedoch ist es neblig und die anderen Touristen zögern bei so schlechter Sicht, den Preis zu zahlen. Karmen will sich den Blick von oben auf die Stadt aber auf keinen Fall entgehen lassen und so besorgen wir uns also im Häuschen nebenan Tickets und warten in der Schlange neben der riesigen weißen Stahlkonstruktion.
Die großen Glaskapseln, in die 25 Leute reinpassen, drehen sich so langsam, dass deren Bewegung kaum wahrnehmbar ist. Als wir nach viertelstündiger Wartezeit am Anfang der Schlange angekommen sind, winkt uns einer der Angestellten zu, wir werden in Grüppchen eingeteilt und dann klettern wir schnell rein, denn die Gondel hält nicht an, und im Zeitlupentempo bewegen wir uns aufwärts. Die Kapsel ist fast vollständig aus Glas und ich setze mich zitternd auf die Bank in der Mitte und staune über die meterdicken Nieten, die uns in der Luft halten.
Als man dann aber trotz Nieselregens auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses von oben auf die Houses of Parliament, Big Ben und Whitehall, den Regierungsbezirk Londons, schaut, vergesse ich schnell meine Angst.
„Guck mal, da ist die Tower Bridge!“, ruft Karmen aufgeregt, und tatsächlich, dem Lauf der Themse folgend sieht man winzig klein im Osten der Stadt die berühmte Hängebrücke mit den zwei Türmen.
Ich versuche, aus der Höhe mein Haus auszumachen, doch sieht man zwar im Norden der Stadt einen riesigen grünen Fleck, den Regents Park, alles Weitere jedoch versinkt im Nebel.
Ich erkläre Karmen, worum es sich bei den anderen Gebäuden handelt – von Westminster Abbey über den Tower of London bis hin zu Canary Wharf, dem höchsten Wolkenkratzer Londons auf der Isle of Dogs, einer kleinen Halbinsel in einer Schleife der Themse. Von oben in ihrer Gesamtheit ist die Stadt fast noch beeindruckender als von unten.
Und so sind wir enttäuscht, als wir uns nach einer halben Stunde wieder dem Boden nähern.
„Ladies and Gentlemen, Sie wurden auf Ihrem Flug über London fotografiert“, ertönt eine süßliche Stimme aus dem Lautsprecher an der Decke. „Die Bilder können Sie nach dem Aussteigen für nur acht Pfund erwerben. Vielen Dank, dass Sie heute mit uns geflogen sind.“
„Bitte bleiben Sie angeschnallt, bis das Flugzeug zum Stehen kommt“, fügt einer unserer Mitpassagiere hinzu.
Das Aussteigen erfolgt genauso schnell wie das Einsteigen, und wir werden in Eile zu dem Fotoverkäufer gelotst, wo wir uns schon bald auf Bildschirmen erkennen.
„Oje, die sind ja wieder mal ganz toll geworden“, bemerkt Karmen sarkastisch, und so kommen wir gar nicht erst in Versuchung, ein Vermögen für unsere eigenen Bilder zu zahlen.
„So, und wohin jetzt?“
„In den nächstbesten Pub“, möchte ich am liebsten sagen, aber Karmen besteht auf einem Besuch in der Tate Modern. Früher ein Kraftwerk, ist in dem massigen Gebäude, das ein wenig weiter den Fluss aufwärts liegt, jetzt eines der größten Museen für moderne Kunst untergebracht. Karmen verschnellert ihren Schritt.
„Da müssen wir mindestens ein paar Stunden drin verbringen! Und morgen noch einmal wiederkommen!“
Mir rutscht das Herz in die Hose. Nicht nur, weil mein Magen knurrt und ich mich nach einer großen Portion Pommes sehne, sondern auch, weil ich diesen Monat schon zwei andere Besucher zur Tate begleitet und mehrere Stunden darin verbracht habe. Bald werde ich jedes einzelne Kunstwerk mit Entstehungsjahr auswendig kennen.
Nach zweieinhalb Stunden in dem Museum teile ich Karmen mit, dass sie gerne noch weitergehen könne, ich jedoch draußen vor der Halle warten werde.
„Keine Sorge, lange bleibe ich auch nicht mehr. Wir sehen uns draußen!“, ruft sie fröhlich und verschwindet wieder in dem Labyrinth von Räumen und Fluren, während ich mich auf den Weg nach draußen mache.
Ich laufe viermal über die nahe gelegene Millennium Bridge, die dadurch bekannt wurde, dass sie zu schwanken begann, als das erste Mal Passanten darüberliefen, die aber nun nach teuren Reparaturen stabil ist, in Richtung St Pauls und wieder zurück und hoffe, dass Karmen jetzt endlich herauskommt, doch sie ist nirgends zu sehen. Dann klingelt mein Handy. Sie steht wahrscheinlich schon lange auf der anderen Seite des Museums und sucht nach mir.
„Alles klar? Versteht ihr euch gut?“ Es ist Stefan.
„Du hättest mir aber vorher sagen können, dass Karmen so eine Moderne-Kunst-Fanatikerin ist!“, beklage ich mich.
„Ist sie das? Das wusste ich selber auch nicht.“
„Sie ist jetzt schon vier Stunden lang in der Tate und ich langweile mich zu Tode.“
Stefan verspricht mir, von nun an nur noch Kunstbanausen vorbeizuschicken, die sich mit einer halbstündigen London-Eye-Fahrt zufriedengeben.
Am Abend ist Karmen völlig übermüdet und überwältigt von dem Unterhaltungsangebot, aus dem es auszuwählen gilt. Ich zeige ihr den Veranstaltungskalender für diese Woche und nach zweistündigem Durchblättern hat sie sechs Konzerte, fünf Theaterstücke, drei Vorlesungen und acht Filme gefunden, die sie sich unbedingt am heutigen Abend anschauen möchte. Aber nach ihrem Dauerbesuch in der Tate fallen ihr die Augen zu.
„Weißt du was, ich glaube, am allerliebsten würde ich heute einfach früh ins Bett gehen. Nur dass Programmangebot anzuschauen, macht mich schon müde“, sagt sie schließlich.
Wohnt man in einer Kleinstadt, in der vielleicht nur alle paar Monate ein gutes Konzert stattfindet, geht man natürlich ohne zu zögern zu diesem Konzert. Die Möglichkeit hat man ja so schnell nicht wieder. Wenn man aber in einer Stadt wie London wohnt, in der allabendlich rund fünfzig interessante Veranstaltungen stattfinden, dann kommt man in Versuchung, den Konzertbesuch auf die nächste oder übernächste Woche zu verschieben, denn es läuft einem ja nichts davon. Denn auch morgen wird es wieder Dutzende von interessanten Veranstaltungen geben.
Wegen der Kürze ihres Aufenthaltes dränge ich Karmen aber dazu, wenigstens einen kurzen Abstecher in das nur einige Minuten entfernte Camden zu machen. Das Dublin Castle ist weder ein Schloss noch in Dublin, sondern einer von vielen Musikpubs in London, in denen vorne geredet und getrunken und hinten auf einer winzigen Bühne Musik gemacht wird. Coldplay, Blur und Madness haben alle in dem stickigen Hinterraum einige ihrer ersten Konzerte gespielt, und so kann man bei jedem Besuch darauf hoffen, die zukünftigen Helden der britischen Musikszene hier zuerst zu entdecken. Obwohl im Vorderraum aus der Jukebox laute Musik dröhnt, wird sie von den Stimmen der Besucher noch weit übertönt. Stammgäste begrüßen sich, Biergläser werden angestoßen, Mädchen kreischen und Männer schreien sich über die Köpfe der anderen hinweg an. Und aus dem Hinterraum hört man das Stimmen einer Gitarre. Wir schlängeln uns zum anderen Ende des Pubs durch, zahlen Eintritt und sind dann in einem schwülen, verqualmten Raum mit niedriger Decke, der schon jetzt gefüllt ist mit Jugendlichen, ein paar älteren Ehepaaren in Anzug und Kleid sowie Vertretern jeden Alters, jeder Klasse und Rasse. Neben uns steht ein Mann im Hippie-Look um die fünfzig, dessen fein geflochtener Pferdezopf fast bis zum Boden reicht. Sobald die erste Band zu spielen beginnt, fängt er mit weit ausholenden Armbewegungen an, hoch in die Luft zu springen, und wir müssen uns auf ein paar Hockern an der Wand in Sicherheit bringen.
Mehrere Bands kommen und gehen, dann betritt die vorletzte Gruppe die schmale Bühne. Als ich mir die Musiker anschaue, glaube ich, meinen Augen nicht trauen zu können. Ich zucke zusammen und schaue mich nach Karmen um. Denn wer spielt Bass? Niemand anderes als Jake. Mir bleibt fast das Herz stehen.
„Karmen, können wir gehen?“, frage ich sie etwas abrupt, doch die ist alles andere als in Heimgeh-Stimmung. Sie ist gerade in ein Gespräch mit einem Hugh-Grant-Verschnitt vertieft, der sie bewundernd anlächelt und nicht so aussieht, als wolle er sich so schnell verabschieden.
Als ich endlich ihre Aufmerksamkeit erhasche, stellt sie mich ihrem neuen Bekannten vor.
„Und das hier ist übrigens Richard. Richard wohnt in Notting Hill!“
„Hallo Richard!“ Richard würdigt mich kaum eines Blickes und redet weiter auf Karmen ein. Was soll ich nur tun?
„Karmen, können wir bitte bald gehen?“, frage ich noch einmal, und sie nickt, aber setzt ihr Gespräch angeregt fort. Schon kündigt die Band ihr letztes Lied an und die Musiker werden sich bald unter die Zuschauer mischen.
„Bitte, Karmen, es ist dringend!“, flehe ich sie an, aber Karmen scheint in love zu sein und tut so, als hätte sie meine Bitte nicht gehört.
Ich stehe also zitternd neben den beiden und warte auf das Unumgängliche. Gleich wird Jake wahrscheinlich auch noch mit seiner Freundin zusammen an mir vorbei zum Ausgang gehen und mich mitleidsvoll anlächeln, während ich hier alleine und unglückselig herumstehe. Wenn ich wenigstens einen Gesprächspartner hätte! Ich versuche verzweifelt, an Karmens und Richards Unterhaltung teilzunehmen, aber die beiden flüstern sich irgendwelche Nettigkeiten ins Ohr und haben keinerlei Interesse an der Außenwelt.
Jake steht mittlerweile an der Bar, unterhält sich mit mehreren Leuten und bahnt sich dann einen Weg zur Ausgangstür. Genau neben welcher natürlich ich sitze. Ich starre konzentriert in die andere Richtung, nippe an meinem Glas Wein und schiele in Richtung Bar. Von der Schwarzhaarigen jedenfalls gibt es keine Spur. Dann ruft plötzlich jemand hinter mir meinen Namen.
„Das ist aber eine Überraschung! Ich habe dich schon seit Wochen nicht gesehen. Ist Elli auch hier?“
Es ist Ellis netter Kollege Liam, und ich bin ihm unendlich dankbar, gerade in diesem Moment hier aufzutauchen.
„Ist was? Du siehst etwas besorgt aus.“
„Ich bin nur ein bisschen müde.“
Liam erzählt mir ausführlich vom Popquiz des Vortags, das ich leider verpasst habe, und geht sämtliche Fragen und Antworten durch.
„Und weißt du, welche Gruppe den allerlängsten Songtitel aller Zeiten hatte? Well?“
Ich schüttele ungeduldig den Kopf, während ich alle paar Sekunden nach Jake Ausschau halte. Er redet mit einigen Freunden, die in unmittelbarer Nähe zu mir stehen.
„Und die nächste Frage erst! An welchem Tag wurde Liam Gallagher geboren?! Wer soll das denn wissen?!“
„21. September. Gar kein Problem!“, sage ich stolz.
„Ah, du Besserwisser! Nächsten Dienstag musst du wieder mitkommen. Aber wann hat der frühere Schlagzeuger von Oasis Geburtstag? Ich wette, das weißt auch du nicht!“
Eine halbe Stunde später nutze ich eine kurze Gesprächspause, um mich wieder nach Jake umzuschauen. Aber der ist wie vom Erdboden verschluckt. Mein Blick schweift von einer Ecke des Raumes zur anderen, aber er ist nirgendwo zu sehen. Liam verabschiedet sich und ich wende mich wieder Karmen und ihrem neuen Beau zu, die mich weiterhin ignorieren.
Dann eine Stimme hinter mir.
„Ich wollte euch beide nicht unterbrechen, aber jetzt, wo du alleine bist ...“
„Jake!“ Ich versuche, so gelassen wie möglich zu tun, kann aber ein breites Grinsen nicht unterdrücken. Noch schlimmer, als jetzt wieder mit ihm reden zu müssen, wäre es, wenn er einfach ohne ein Wort verschwunden wäre. Ich gratuliere ihm zu dem gelungenen Konzert, erzähle ihm von meinem Besuch in Buckingham Palace, davon, dass ich meine Kündigung eingereicht habe und bald umziehen möchte, und wir reden und reden.
Dann läutet einer der Kellner die Last-Order-Glocke.
„Drink up please, everyone!“
„Können wir uns am Wochenende treffen?“, fragt Jake unverblümt, als die Kellner uns zum Gehen drängen. „Eigentlich sollte ich es ja aufgeben. Wie oft hast du mir jetzt schon versprochen, mich anzurufen oder mich im Pub zu treffen, eh? Aber wenn wir Ort und Zeit ausmachen, kommst du mir nicht so schnell davon.“
„Und deiner Freundin macht das nichts aus?“, frage ich sarkastisch.
Er schaut mich verdutzt an.
„Was meinst du, meine Freundin?“
„Ich habe euch zusammen gesehen.“
„Wie bitte? Mit wem und wo willst du mich denn bitte gesehen haben?“
„Ist ja egal. Jedenfalls möchte ich nicht zu einem romantischen Dinner mit dir ausgehen, nur weil deine Freundin an dem Tag gerade nicht kann.“
„Ich weiß wirklich nicht, wovon du redest. Um Himmels willen, kannst du dich nicht ein bisschen deutlicher ausdrücken? Seid ihr Deutschen immer so unpräzise?“
Ich nehme also all meinen Mut zusammen und erzähle ihm von dem Morgen, an dem ich ihn mit der schwarzgelockten Frau im Park gesehen habe. Er überlegt eine Weile.
„Primrose Hill? Und wann genau soll das gewesen sein?“
Dann fängt er an zu lachen.
„Und du findest das lustig?“, frage ihn verärgert.
„God, you’re paranoid, aren’t you? Das war meine kleine Schwester Sioban, sie wohnt in Primrose Hill.“
„Ah.“ Ich glaube ihm kein Wort und bete, dass Karmen jetzt endlich auf meine Bitte eingeht und sich von ihrem Richard verabschiedet.
„Hier, darf ich euch vorstellen? My little sister Sioban –“ Er dreht sich um und zieht die mir schon bekannte Schwarzhaarige am Arm herbei. Sie lächelt mich freundlich an.
„Nice to meet you!“ Ich erwidere ihren Blick.
„Du bist also Jakes Schwester?“ Ich schaue sie zweifelnd an.
Tatsächlich hat sie die gleichen graugrünen Augen wie er. Sie nickt.
„Also, ich lass euch jetzt alleine, bis morgen dann, Jake!“, ruft sie und gesellt sich einer anderen Gruppe am Eingang zu.
„Ich könnte dich ebenso fragen, wer der Mann war, mit dem du dich eben noch unterhalten hast.“ Zu meiner Freude sieht er mich ein bisschen gekränkt an. „Ihr scheint euch ja gut zu verstehen.“
„Nur ein Bekannter.“
„O. k. Also, was mich betrifft, ich bin young, single and free.“
„Das hört sich an wie irgendein blöder Werbespot aus dem Fernsehen“, sage ich. „Ich wusste nicht, dass ihr Engländer so direkt sein könnt. Was ist mit der typisch englischen Reserviertheit passiert?“
Er lacht. „Ich war immer direkt. Aber du gehst nie darauf ein. Also, können wir uns jetzt treffen oder nicht? Du hast zwei Minuten, dich zu entscheiden, dann ist deine Chance vorbei.“
Wir werden uns also am nächsten Samstag sehen.
Auf dem Heimweg schwärmt Karmen ununterbrochen von Richard, der sie gleich ins Country House seiner Eltern in den Cotswolds eingeladen hat.
„Am liebsten würde ich gleich nach England ziehen!“
Als wir wieder in meinem Zimmer angekommen sind, fällt ihr noch etwas ein:
„Mein Cousin aus Bremen kommt übrigens im August nach London, dem würde es hier bestimmt toll gefallen“, beginnt Karmen. „Meinst du, du könntest dich ein paar Abende um ihn kümmern? Sonst ist er hier ganz allein.“
Ich nicke natürlich.
„Aber nur, wenn er sich nicht für moderne Kunst interessiert.“
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