Ein Jahr in London, Reise in den Alltag
Juni
„WHAT ARE YOU HAVING FOR TEA?“, ruft Maddie aus der Küche. Ich frage sie verwundert, seit wann wir denn etwas zum Tee essen würden, und schließlich ist es schon spät und fast Zeit für das Dinner, also das Abendessen.
„Das meine ich ja! Tea, dinner, supper, lunch, alles dasselbe!“ Maddie klärt mich auf, dass in ihrer Heimatstadt Newcastle, und überhaupt überall außer im versnobten London, tea die Bezeichnung für das Abendbrot sei, dinner hingegen mittags eingenommen wird.
„Und was wird dann aus dem lunch und supper?“, frage ich verwirrt.
„Supper und lunch sagt man nur, wenn man so tun will, als sei man sehr vornehm. Oder natürlich, wenn man wirklich vornehm ist.“
Ich gebe zu, dass ich in den letzten Tagen zum lunch jeweils eine kümmerliche Portion Baked Beans auf Toast hatte, oder auch einmal als besonderen Luxus eine Baked-Beans-Pizza, was wohl kaum vornehm genug ist, es noch als lunch zu bezeichnen. Ich brauche unbedingt einen neuen Job.
Und Maddie hat mal wieder eine gute Idee: Ich soll Privatstunden geben. In allen Bibliotheken in meinem Umkreis, in Camden, Kentish Town und Swiss Cottage, hänge ich also Anzeigen auf. „Erfahrene Deutschlehrerin, Muttersprachlerin, gibt Unterricht. Alle Fähigkeitsgrade und Altersstufen, 15 Pfund pro Stunde.“ Ich warte gespannt auf einen Anruf, aber tagelang meldet sich niemand. Dann ein Anruf einer Polin namens Eva, die mir einen Austausch anbietet: Für jede Stunde Deutschunterricht meinerseits wird sie mir eine Stunde lang Polnisch beibringen. Ich würde sehr gerne Polnisch lernen, doch wegen meiner nicht vorhandenen Sprachlernfähigkeiten wäre das ein nutzloses Unterfangen. Der einzige andere Anruf kommt von einem Engländer namens Mr Walters, der schon ziemlich perfekt Deutsch zu sprechen scheint.
„Ich möchte Konversation machen mit Ihnen, wenn ich darf“, erzählt er mir am Telefon. Ich gebe ihm meine Adresse und wir vereinbaren einen Termin.
Zu seiner ersten Stunde klopft Mr Walters um Punkt sieben Uhr mit deutscher Pünktlichkeit an die Tür, nimmt seinen Schlapphut ab und setzt sich, ohne auf eine Aufforderung zu warten, in meinen Ohrensessel.
„Möchten Sie bestimmte Themen besprechen oder sollen wir einen Text durchlesen?“, frage ich ihn.
„Ich möchte Konversation machen.“
Und dann redet er in einem solchen Wortschwall los, dass ich in der ganzen Stunde kaum ein Wort einfügen kann. Um genau acht Uhr steht er dann plötzlich mitten im Satz auf, drückt mir das Geld in die Hand und verabschiedet sich. Jeden Dienstagabend höre ich von nun an Mr Walters haargenau eine Stunde lang für 15 Pfund zu, wie er mir in perfektem Deutsch aus seinem Leben erzählt. Und mich über deutsche Politik, deutsche Literatur und deutsche Angewohnheiten aufklärt, von denen ich noch nie in meinem Leben vorher gehört habe.
„Stellen Sie zu Hause am 4. Dezember einen Barbarazweig auf?“, fragt er mich zum Beispiel. Ich verneine, worauf er mich überrascht anschaut und mir dann im kleinsten Detail über diesen Brauch erzählt.
„Dass Sie davon aber auch selber noch nichts gehört haben, strange, very strange!“
Mr Walters weiß bedeutend mehr über mein Vaterland als ich.
„Was halten Sie denn von dem neuen Bundesverkehrsminister?“, fragt er mich herausfordernd.
Ich lache geniert. „Ach der. Bisher ist er mir noch nicht negativ aufgefallen.“
„Mir ist gerade sein Vorname entfallen. Wie heißt er noch mal?“
Ich werde rot und gebe zu, dass ich weder dessen Vornoch Nachnamen kenne noch irgendwie sonst über ihn informiert bin. Und dass ich im letzten Jahr hinsichtlich der neusten Geschehnisse in der deutschen Politik etwas in Verzug geraten bin.
Mr Walters lächelt mich mitfühlend an. „Don’t worry“, sagt er herablassend und lässt sich dann in einem weiteren Monolog über das deutsche Wahlsystem aus.
Leider fällt mir mittlerweile das Deutschsprechen auch gar nicht mehr so leicht. Obwohl angeblich Zehntausende Deutsche in London ansässig sind, treffe ich, wenn überhaupt, nur deutsche Touristen. Die hier lebenden Landsleute geben sich entweder alle für Holländer oder Polen aus oder wohnen zusammengepfercht in einem Vorort Londons, den ich noch nicht entdeckt habe. Auf jeden Fall bekomme ich, bis auf Telefonate mit Freunden in Deutschland, kaum noch die Möglichkeit, Deutsch zu reden.
„Er stach aus der Menge hervor wie ein wunder Daumen.“
„Ein wunder Daumen?“, fragt meine Freundin Birgit verwundert am Telefon.
„A sore thumb. Er stach hervor, wie jemand, der einem sofort auffällt, weil er anders als die anderen aussieht.“
„Ich glaube nicht, dass man das im Deutschen sagen kann“, erwidert Birgit, und ich erkläre ihr in hundert Worten, was man im Englischen so schön in einem Satz hätte sagen können.
Nach ein paar Wochen wird mir dies alles so peinlich, dass ich mich mit der Entschuldigung von Herrn Walters verabschiede, ich würde jetzt wieder nach Hause zurückziehen und könne keine weitere Konversation mit ihm mehr machen. Ich bin so erleichtert, dass ich mir schwöre, nie wieder Privatstunden zu geben, denn die Chancen, einen ganz normalen Schüler zu finden, scheinen mir gering zu sein. Auch Maddie hat die Parklands High verlassen, aber anstatt Privatstunden zu geben, arbeitet sie jetzt als Vertretungslehrerin, das heißt, sie springt für kranke Lehrer an verschiedenen Schulen im Großraum London ein.
Jeden Morgen steht sie um halb sieben auf, wartet auf einen Anruf von ihrer Agentur und trifft dann gegen vier Uhr mit abenteuerlichen Geschichten und 150 Pfund reicher wieder in der Holloway Road ein.
Heute hat sie an einer Schule in Hackney, der Londoner Bronx, gearbeitet.
„Oh, es war furchtbar!“, beginnt sie wie immer ihren Bericht.
„Und welches Fach hast du unterrichtet?“, frage ich sie gespannt.
„Also, erst Geschichte, dann Spanisch, Mathe, Kochen und Sport.“
„Sport?“ Maddies kniehohe Stiefel und Sport passen einfach nicht zusammen.
„Es war einfach schrecklich. Mir wurde mitgeteilt, die Kinder müssten die ganze Doppelstunde Rounders spielen.“
„Rounders? Was ist denn das?“
„Das wusste ich auch nicht mehr genau, obwohl ich es selber in der Schule habe spielen müssen. Und die Kinder waren sich auch nicht sicher. Sie wussten nur, dass es zwei Teams gibt, einer einen Ball wirft und die anderen hinterherrennen müssen.“
„Und was hast du dann gemacht?“
„Ich habe einfach losgepfiffen und dann flog der Ball über den Schulhof und dreißig Kinder rannten kreuz und quer durch die Gegend. Mir war noch nicht mal klar, wer in welchem Team war. Und irgendwann habe ich angeblich ein Foul übersehen und dann weigerte sich das andere Team, weiter mitzuspielen. Also saßen wir alle für siebzig Minuten auf dem Sportplatz herum und haben uns gelangweilt.“ Ich bin heilfroh, nicht mehr unterrichten zu müssen.
Stattdessen mache ich mich endlich auf den Weg zum Jobcentre, dem Arbeitsbeschaffungsbüro, und melde mich für ein Gespräch mit einem Berater an. Die Frau, die mir zugeteilt wird, ist sehr freundlich und ermutigend.
„Mit Ihren Qualifikationen sollten Sie doch wirklich keine Probleme haben, schnell einen neuen Job zu finden.“
Sie nickt noch einmal bekräftigend. „Und dazu noch Deutsch!“
„Ist das gut?“, frage ich zweifelnd.
„Die Deutschen sind strebsam und zuverlässig, aren’t they?“ Sie schaut mich forschend an. Ich nicke schnell und suche verzweifelt in meinem Gedächtnis nach eigenen Beispielen dieser angeborenen Strebsamkeit. Mir fällt so schnell nichts ein.
„Haben Sie denn irgendwelche besonderen Fähigkeiten außer ihrer Lehrerausbildung?“
Ich zeige ihr meinen Lebenslauf. Der besagt, dass ich etliche Praktika bei Lokalzeitungen gemacht habe, ein Diplom in Fotografie habe und schnell tippen kann.
„Ah, Sie wollen also einen Sekretärinnenjob?“
Ich seufze leise. „Was gibt es denn da in der Richtung?“
Die Frau bewegt in Windeseile die Maus hin und her, klickt mehrere Male hintereinander und schon spuckt der Drucker eine Seite voller Jobangebote aus.
„Zweisprachige Sekretärin in der Londoner City, Gehalt: £ 16,000; Sekretärin mit guter Rechtschreibung im West End gesucht. Gehalt: £ 15,000. Und so weiter.
„Haben Sie nicht etwas ... Interessanteres?“
Sie klickt wieder ein paar Mal, und lächelt dann triumphierend.
„Wie wäre es hiermit? Rezeptionistin im Travellodge Hotel. Fremdsprachenkenntnisse erwünscht, Gehalt: £ 12,000.“
Ich versuche, erfreut zu gucken, was mir aber immer schwerer fällt.
„Oder das hier. Ach nein, das ist in Tottenham. Da wollen Sie bestimmt nicht arbeiten.“
„Was denn?“
„Lokalreporter in Tottenham. Anfänger sind eingeladen, sich zu bewerben. Gehalt: £12,000.“
Ich horche auf. Das Einzige, was ich mit Tottenham in Verbindung bringe, sind die Tottenham Hotspurs, und gegen die habe ich nichts.
„Können Sie mir das ausdrucken?“ Erst habe ich einige Hemmungen – zwar ist mein Englisch mittlerweile gut, aber mit einem gebürtigen Briten kann ich mich wohl doch nicht messen. Allerdings merke ich immer mehr, dass viele Briten nicht nur Probleme mit Fremdsprachen, sondern auch mit ihrer eigenen Muttersprache haben. Während die meisten deutschen Schulkinder spätestens in der neunten Klasse kapiert haben, dass englische Verben nur in der dritten Person Singular ein „s“ angehängt bekommen, scheint zum Beispiel Barry, mein Ex-Landlord, einfach seine eigenen Konventionen zu erfinden. Seine ganz persönliche Regel ist: An jedes Verb kommt ein „s“ dran, ganz egal, ob Singular oder Plural, ob erste, zweite oder dritte Person. Die meisten seiner Erzählungen verlaufen folgendermaßen: „And then I says ‚no way‘ and he says ‚no really‘ and I goes ‚that can’t be true’ and they answers ‚honestly‘…“
Bis auf meinen Akzent, der mich immer noch als Ausländerin ausweist, sollte ich also eigentlich keine allzu großen Probleme haben. Einige Minuten später wähle ich auf meinem Handy die Nummer des Tottenham Guardian und rede mit Dennis McInnes, dem Chefredakteur der Zeitung.
„Kommen Sie doch einfach in den nächsten Tagen mit Ihrem Lebenslauf vorbei. Von Bewerbungen kann man sich so schlecht ein Bild von einem Menschen machen. Ich treffe Sie lieber gleich selber!“
„Wann darf ich kommen?“
„Wann immer es günstig für Sie ist.“
Wir vereinbaren den nächsten Tag und ich drücke dem Bettler vor dem Jobcentre vor Freude einen 5-Pfund-Schein in die Hand.
Die Redaktion liegt in einer hauptsächlich von Jamaikanern und Westindern bevölkerten Gegend im Nordosten Londons und schon, als ich aus der U-Bahn-Station heraustrete, klingt mir aus einem geöffneten Fenster laute Reggaemusik entgegen. Eine Frau mit buntem Kopftuch lehnt sich weit aus einem anderen Fenster hinaus und unterhält sich lautstark mit einer Nachbarin auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Ihren Akzent kann ich nur schwer verstehen, dabei dachte ich, ich hätte jetzt wenigstens die Londoner Redeweise gemeistert.
Ich gehe die West Green Road entlang, die Straße, die mir der Redakteur genannt hat. Vor den vielen kleinen Supermärkten liegen Plantain-Bananen, Okras und andere exotische Früchte und Gemüse aus, Händler bieten in allen Regenbogenfarben getönte Stoffe zum Verkauf und ich bewundere die Hunderte von kleinen Zöpfchen auf den Häuptern der Frauen.
Direkt neben einer Metzgerei, in deren Fenster ein ganzes Schwein und mehrere Hühner samt Federn traurig von einer Stange hängen, finde ich den Eingang zu der Redaktion. Ich schelle und trete dann direkt in ein Büro ein, in dem mehrere Frauen Mitte zwanzig geschäftig telefonieren.
„Eine halbseitige Anzeige würde 120 Pfund kosten, eine volle Seite 200. Was meinen Sie?“ In einer kurzen Gesprächspause nutze ich meine Chance.
„Sorry, ich habe einen Termin für ein Vorstellungsgespräch mit Dennis McInnes, dem Chefredakteur.“
„Ah ja, einen Moment. Ich bringe Sie gleich zu ihm hinauf.“
In Gedanken stelle ich mir einen glatzköpfigen, hartherzig aussehenden und Respekt einflößenden Mann in Anzug und Krawatte vor, doch als ich in Dennis McInnes’ Büro eintrete, sehe ich, dass lediglich die Glatze stimmt: Vor mir sitzt ein in Jeans und T-Shirt gekleideter Mann Anfang vierzig, der mich mit einem breiten Grinsen begrüßt. Auch er telefoniert gerade, wobei es sich seinem Augenverdrehen und Stirnrunzeln nach zu urteilen um einen nicht allzu angenehmen Gesprächspartner handeln muss. Als er nach ein paar Minuten endlich auflegt, atmet er erleichtert auf.
„Entschuldigung, das war der Chef. Mr Patel, der Besitzer unseres Blättchens.“ Er steht auf, streckt mir die Hand entgegen und stellt sich vor.
„Ich bin Dennis. Und du musst Anna sein.“ Wieder einmal überrascht mich, wie man sich in England gleich mit Vornamen anredet.
„Hallo Dennis, vielen Dank, dass ich so kurzfristig vorbeikommen durfte.“
„No problem.“ Ich reiche ihm meinen Lebenslauf und ein paar Beispiele von vorigen Veröffentlichungen über den Tisch und er schaut sich alles interessiert an.
Dann überfliegt er meinen Lebenslauf und schaut auf.
„Ein Diplom in Fotografie? Hast du eine eigene Digitalkamera?“
„Ja, das habe ich.“
„Das trifft sich ja gut. Unser Fotograf arbeitet nämlich nur zwei Tage pro Woche, so dass unsere Reporter manchmal selbst die Fotos machen müssen.“
Ich beteuere, dass mir das nichts ausmachen, sondern im Gegenteil viel Spaß machen würde, und er nickt erfreut.
„Tja, da bleibt nur die Frage offen, ob du mit all deinen Qualifikationen bei einer so kleinen Lokalzeitung wie uns anfangen willst?“
Ich kann vor Glück kaum antworten.
„Ist das ein Jobangebot?“
„Wenn du den Job willst, ist er deiner!“ Zwar bedeutet dies eine Halbierung meines früheren Einkommens, aber wenigstens entspricht es weitaus mehr meinen Karrierewünschen als sich tagaus, tagein mit verrückten Teenagern herumschlagen zu müssen.
Nachdem ich den Vertrag unterzeichnet habe, stellt er mich den anderen zwei Reportern vor: Nishan, dessen Eltern aus Indien stammen und der sich hauptsächlich um die politischen Meldungen in Tottenham kümmert, und Helen, einer älteren Frau, die Kolumnen über Gärten, Gesundheit und Mode schreibt. Beide machen einen sympathischen Eindruck und kümmern sich gleich rührend um mich. Ich teile mir ein kleines Büro mit Nish, der mir zuallererst eine Tasse Tee macht und mir dann meine Hauptaufgaben vorstellt: Film- und Musikrezensionen, lokale Veranstaltungen wie die Wahl des schönsten Vorgartens Tottenhams oder des hilfreichsten Nachbarn. Und alles andere, was gerade so anfällt.
In meiner ersten Arbeitswoche sind das die Leserbriefe. Denn wir haben ein Problem: Wir bekommen nicht genügend Briefe von Lesern zugeschickt. Diese Woche stammt der einzige Brief von einem Verschwörungstheoretiker, der jede Woche mehrseitige Episteln zu seinen neusten UFO-Sichtungen in Tottenham und Umgebung schreibt. „Wenn Sie meinen Brief nicht abdrucken, gehe ich davon aus, dass auch Sie der Verschwörung in diesem Land angehören, die die Anwesenheit Außerirdischer vertuschen will“, endet jeder seiner Briefe.
„Wir sollten ihn mal zu einem Interview einladen“, schlage ich im Scherz vor, doch die anderen lachen nicht.
„Wir bekommen nächste Woche schon Besuch von einem Vampirjäger. Ein Verrückter pro Woche reicht mir eigentlich“, erklärt Nish.
„Ein Vampirjäger? Das hört sich doch interessant an!“ Interessanter jedenfalls als der neuste Gartenwettbewerb oder die Caritas-Tombola-Verlosung, finde ich.
„Dann kannst du ihn ja interviewen. Ich habe nämlich Angst vor ihm!“ Nish grinst mich hoffnungsvoll an und drückt mir einige im Selbstdruck veröffentlichte Bücher in die Hand.
„Hier, damit kannst du dich schon auf ihn vorbereiten.“
„Ich glaube, er ist eher selber ein Vampir als ein Vampirjäger, jedenfalls sieht er so aus“, macht mir jetzt auch Helen Angst.
Ich nehme die Bücher entgegen, die alle so abenteuerliche Titel wie The Vampyre Syndrome und Beyond the Highgate Vampire haben, lege sie aber erst mal beiseite, denn zuallererst müssen wir uns um die fehlenden Leserbriefe kümmern. Leserbriefe sind wichtig, sie stellen eine Verbindung zwischen Redaktion und Lesern her und außerdem haben wir keinen Stoff, mit dem wir die leere Briefseite jetzt, am Tag vor Redaktionsschluss, noch auf die Schnelle füllen könnten. Also ist meine Aufgabe für heute: selber welche schreiben. Was sich leichter anhört, als es ist. Ich starre und starre den Bildschirm an, doch alles, was mir einfällt, sind Themen, die schon in den letzten Wochen durchgekaut worden sind. Müll auf der Straße, Müll im Park, eine ungenügende Zahl an Polizisten und nicht genügend Ampeln für Schulkinder. Die gleichen Probleme wie in jeder Großstadt.
„Nish, bitte hilf mir. Mir fällt einfach nichts ein.“
„Mh“, er zögert einige Zeit. „Wie wär’s mit Müll?“
Ich gebe auf und schreibe also einen weiteren Brief zum Thema Abfall.
Fünf Minuten später lese ich ihn Nish vor.
„Dear Editor, ich wohne bereits seit meiner Kindheit in Tottenham und muss sagen, dass das Müllproblem in unserem Stadtteil immer größer wird. Während andere Londoner Viertel wie Hampstead oder Chelsea ihre eigenen Müllcontainer haben, wird hier der Müll einfach in schwarzen Säcken auf die Straße geworfen und bleibt dann dort liegen, bis die Müllabfuhr sie abholt. Kein Wunder, dass nicht viele Touristen zu uns kommen. Warum lässt die Stadtverwaltung uns so im Stich? Hochachtungsvoll, Mohammed Imran.“
„Perfekt. Noch vier solcher Briefe und die Seite ist voll.“
Ich erdichte mir U-Bahn-Gleise, die so alt sind, dass man in den Zügen gefährlich hin- und hergeworfen wird, Lobbriefe über Artikel, die wir in der letzten Ausgabe veröffentlicht haben, und Kritik daran, dass unsere Horoskop-Seite nicht mehr besteht.
„Perfekt! Thank you so much!“, lobt mich Dennis, als er meine Meisterwerke anschließend liest. „Und zum Dank darfst du dann tatsächlich nächste Woche Mr Farrant, den Vampirjäger, interviewen. Das wolltest du doch, oder?“
Ich nicke, und verbringe den Rest des Tages damit, die merkwürdigen Bücher über den Highgate Friedhof und den angeblich dort wohnhaften Vampir zu lesen. Vielleicht liegt es an den vielen uralten Gebäuden, die sich überall auf der Insel finden, oder einfach an der Fantasie der Engländer, auf jeden Fall scheinen sich Gespenster in Großbritannien ganz besonders wohl zu fühlen. Die meisten Städte haben ihre eigenen Ghost Walks, also Geister-Führungen, jeder ältere Pub scheint seine Gespenstergeschichte zu haben und ein Großteil der Bevölkerung behauptet, zumindest eine Person zu kennen, die schon einmal Bekanntschaft mit der Geisterwelt gemacht hat.
Und Mr Farrant besteht sogar darauf, einen ganz besonders heißen Draht zu allem zu haben, was spukt. Er ist nämlich ein Psychic Investigator.
„Ja, ja, das sagt er nur so, wahrscheinlich ist er selber ein Geist. So sieht er jedenfalls aus. Glaub es mir nur“, wiederholt Helen immer wieder.
Allmählich wird mir doch etwas unheimlich zumute.
„Aber keine Angst, wir sind nebenan, wenn du ihn interviewst“, muntert mich Nish auf.
Ich lache nervös und notiere mir einige Fragen, die ich Mr Farrant nächste Woche stellen werde.
Zum Glück treffen wir uns weder auf dem Friedhof noch in einem Spukhaus, sondern Mr Farrant kommt zu uns in die Redaktion.
„Hu-hu, der Vampir wartet unten auf dich!“, kommt schließlich am kommenden Montag ein Durchruf aus Dennis’ Büro, und ich eile die Treppe hinab, um ihn zu begrüßen.
„Mr Farrant?“
Ein hagerer, weißhaariger Mann mit wässerig-blauen Augen drückt mir schüchtern die Hand. Um seinen Hals hängt ein riesiges Amulett, welches er vor meinem neugierigen Blick schnell unter seinem Hemd versteckt.
Er erzählt mit dünner Stimme von seinen Begegnungen mit der Geistergestalt auf dem Highgate-Friedhof, erzählt davon, dass man bei Umbauarbeiten an alten Häusern vorsichtig sein müsse, weil dabei dunkle Kräfte freigesetzt werden könnten, und beschreibt die verschiedenen Gespenster, die ihm bei seinen Erkundungen schon über den Weg geflogen seien.
Nachdem er mir seine kalte Hand zum Abschied gereicht hat und im Lärm der West Green Road verschwunden ist, stürzen sich Dennis, Nish und Helen sofort auf mich.
„Er ist merkwürdig, isn’t he?“, fragt Nish neugierig.
„Hat er dir nicht auch Angst gemacht?“
„Eigentlich war er ganz sympathisch“, sage ich stolz. „Er schien mehr Angst vor mir zu haben als ich vor ihm. Und er erzählte alles mit so eindringlichem Blick, dass es schwer war, ihm nicht zu glauben.“
„Siehst du, er hat dich hypnotisiert!“, lacht Dennis. „Dann schreib jetzt einen langen Artikel über sein neues Buch, dann lässt er uns hoffentlich für ein paar Monate in Ruhe.“
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