Ein Jahr in London, Reise in den Alltag

Anna Regeniter · Kapitel 12 von 12

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Ein Jahr in London, Reise in den Alltag

Juli

In der nächsten Woche versuche ich, sämtliche Freunde zu überreden, mich zum Highgate Cemetery zu begleiten. Schließlich brauchen wir noch ein paar stimmungsvolle Fotos für meinen Bericht.

Da sowohl Jake als auch Maddie keine Zeit haben, versuche ich es zuerst bei meinen alten Primrose-Hill-Hausgenossen, aber Yitkee lehnt sofort ab. „Ich habe in Singapur schon genug Geister gesehen, da spukt es nämlich noch mehr als in England.“ Felice jedoch, unbekümmert wie immer, willigt sofort ein und Elli lässt sich schließlich auch überreden. So ziehen wir zu dritt gegen Abend los. Der Highgate Cemetery wäre der perfekte Drehort für Horrorfilme: hohe, halb verfallene Steinmauern, zum Teil völlig von Efeu berankt, umgekippte Marmorstatuen, überschattet von jahrhundertealten Laubbäumen, die im Wind knarren und große, herrschaftlich anmutende Mausoleen.

Durch eine enge, steile Straße, der Swains Lane, die zum schönen Highgate Village führt, wird der Friedhof in zwei Hälften aufgeteilt: die weniger zugewachsene, neuere Ostseite, zu der man tagsüber für ein paar Pfund freien Zugang hat, und die wildere Westseite, die nur mit Führung zu betreten ist.

Die nächste Führung ist erst in einer Stunde, teilt uns der alte Mann an der Pforte mit, und so schauen wir uns zuerst auf dem Ostteil um. Und der ist schon unheimlich genug, finden wir alle drei. Obwohl wir nur zwanzig Minuten von der Innenstadt entfernt sind, hört man außer Krähenschreien und dem Knarren der Äste nichts. Nur unsere Schritte auf dem Kies stören die Stille. Bis dann plötzlich der Lärm einer scheinbar größeren Gruppe von Menschen zu uns dringt.

„Was ist denn da los?“, fragt Felice, und wir gehen weiter in Richtung der Stimmen, um es herauszufinden.

Die Geräusche kommen immer näher, und wir erblicken vor uns eine Gruppe von zehn älteren Leuten, die mit Reiseführern in der Hand andächtig einer Frau zuhören. Ich schaffe es, die ersten Worte auszumachen.

„Seine Verlobung mit Jenny von Westphalen musste er jahrelang geheim halten“, erzählt sie. „Dann, im Jahre 1843 …“

„Ist das nicht Deutsch?“, fragt mich Elli und ich bejahe.

„Was hat die denn hierher verschlagen?“

Ich zeige auf die gigantische Abbildung eines rundlichen, bärtigen Mannes auf einem Grabstein ganz in der Nähe, vor dem etliche rote Rosen liegen. Wir stehen am Grab von Karl Marx.

„Hat der aber einen Eierkopp“, ist die einzige Bemerkung, die die Reisegruppe der Statue abgewinnen kann, und ich bin froh, dass Elli und Felice kein Deutsch verstehen.

„Ah, die Deutschen, immer so kultiviert!“, sagt Elli. „Während die anderen Touristen sich mit einer Busfahrt zum Oxford Circus und Big Ben begnügen, verbringen sie ihren Urlaub auf Friedhöfen und reden schlaues Zeug über Politik und Geschichte.“

Wir folgen der Führung noch ein Stück weiter bis zum Grab der Schriftstellerin George Eliot, dann machen wir uns auf den Rückweg zum Haupttor, um rechtzeitig für unsere Führung über den Westteil zurück zu sein.

Vor dem kleinen viktorianischen Eingangstor wartet schon eine kleine Gruppe von Leuten. Um Punkt fünf Uhr weht eine hagere, groß gewachsene Gestalt aus dem anliegenden Haus auf uns zu. Es ist eine Frau um die sechzig, mit weißen Haaren und knallroten Lippen. Mit ihrem knielangen, fließenden Samtgewand, Pagenschnitt und riesigen Ohrringen sieht sie aus, als hätte sie sich gerade von einer Party in den 1920er Jahren zu uns verirrt.

„Kommen Sie mit“, sagt sie unwirsch, ohne uns zu begrüßen. „Eintrittskarten kosten vier Pfund, aber eine kleine Zugabe halten wir für sehr angebracht.“ Mit Blick auf meine Kamera fügt sie hinzu: „Und wenn Sie fotografieren wollen, sind das noch mal zwei Pfund extra. Aber bitte beschränken Sie das Fotografieren auf einige Bilder.“

Meinen entsetzten Blick bemerkend erklärt sie: „Schließlich ist dies eine Ruhestätte und nicht der Eiffelturm.“ Ich trenne mich also widerstrebend von sechs Pfund und folge dem Rest der Gruppe durch die dicken Tore in das Gestrüpp des Westfriedhofes.

„Und hier ist Harry, der Ihr heutiger Führer sein wird.“

Harry ist zu meiner Überraschung ein junger Mann Mitte zwanzig, der in diesen Verfall und Moder gar nicht reinzupassen scheint. Er ist schick gekleidet, strömt bei jeder Bewegung Parfumwolken aus und redet theatralisch. Jedes seiner Worte klingt, als wäre es von höchster Bedeutung.

„Ladies and Gentlemen“, er schaut von einem zum anderen und lächelt uns charmant an. „Ladies and Gentlemen.“ Eine lange Pause. „Welcome.“

„Gott, ich habe das Gefühl, diese Führung wird lange dauern“, flüstert Elli mir zu.

„Ich habe die Freude und die wirklich nicht zu unterschätzende Ehre, Sie heute über unseren geliebten und verehrten Highgate Cemetery führen zu dürfen. Darf ich Sie also noch einmal herzlichst begrüßen und Sie bitten, mir nun diese kleine Anhöhe hinauf zu folgen.“ Und schon eilt er uns mit hochgerecktem Kinn und hastigem Schritt davon und wir kommen bald bei dem Versuch, mit ihm Schritt zu halten, ins Schwitzen. Wir atmen erleichtert auf, als Harry endlich stehen bleibt, um uns ein paar Anekdoten zu der Verstorbenen zu erzählen, deren Namen wir auf einem alten Grabstein mit Marmorengel vor uns sehen.

„Und dort drüben, Ladies and Gentlemen –“, er zeigt auf ein unscheinbares Grab, wie die anderen unter all dem Efeu und Unkraut kaum noch auszumachen, „dort drüben liegt Elizabeth Siddal begraben, die Frau des großen Dichters und Malers Dante Gabriel Rossetti.“ Wieder eine lange, theatralische Pause.

„Wenn Sie eine rote Locke aus ihrer letzten Ruhestätte sprießen sehen, so wundern Sie sich nicht.“ Wir schauen uns alle eingehend nach einem roten Haarbüschel um, aber bis auf ein paar kupferverfärbte Efeublätter gibt es nichts zu sehen.

Dann erzählt uns Harry, wie Dante Rossetti nach dem Selbstmord seiner Frau und Muse ihr sämtliche seiner noch unveröffentlichten Liebesgedichte mit in das Grab gab, sie sieben Jahre später aber unbedingt wiederhaben wollte. Denn sein literarischer Erfolg war ausgeblieben und er glaubte, diese Gedichte könnten vielleicht zu seinem Meisterwerk werden.

„Also, Ladies and Gentlemen, ließ er seine Frau kurzerhand exhumieren. Das war im Jahre 1869. Doch als der Sarg geöffnet wurde, war der Schrecken groß.“ Wir schauen uns alle verängstigt an, und in diesem Moment landet auch noch eine Dohle in der Eiche über mir und kräht furchterregend.

Ein kleines Mädchen, das ängstlich an der Hand seines Vaters hängt, fängt an zu weinen.

„Elizabeth sah aus, als hätte sie sieben Jahre geschlafen. Kein Zeichen von Verfall war an ihrem Körper zu sehen, aber ihre langen, roten Locken waren nach ihrem Tod weiter gewachsen und füllten den ganzen Sarg aus. Dantes Gedichte mussten vorsichtig aus den Haaren rausgeschnitten werden.“

„Ich hoffe, sie waren nach all der Mühe wenigstens ein Erfolg“, sagt ein bierbäuchiger Mann im Fußballhemd.

„Leider nicht“, erklärt Harry. „Dante starb verkannt und drogenabhängig.“

„Ach, was für eine romantische Erzählung“, wirft der Fußballfan wieder ein. „Haben Sie noch mehr solche Storys parat?“

„Aber natürlich!“ Und weiter geht es, wir eilen an Mausoleen und uralten Zedern vorbei, und unser Führer erzählt uns eine Schauergeschichte nach der anderen, bis wir eine Stunde später wieder an der großen Friedhofspforte stehen. Völlig außer Atem setzen wir uns auf eine alte Steinmauer.

„Diese Führung sollte als Fitnesstraining angeboten werden. Zweimal in der Woche hier zwischen den Gräbern rumhechten und von dem hier bleibt nicht mehr viel übrig“, bemerkt der Fußballfan, auf seinen dicken Bauch zeigend.

„Ja, Ladies and Gentlemen, da sind wir also wieder, aufgestiegen aus den Toren des Hades, zurück im Licht der Lebenden. Ich wünsche Ihnen noch einen ausgezeichneten Abend. Einen höchst beglückenden Abend! Und auf dass wir uns bald wiedersehen.“

Harry verbeugt sich elegant, wir bedanken uns für die Führung und schon verschwindet er in dem kleinen Pförtnerhaus. Ich mache noch schnell ein paar Fotos und dann keuchen wir die steile Swains Lane hoch in Richtung Highgate Village.

„Time for a pint?“, fragt Elli hoffnungsvoll. Felice und ich nicken sofort. Genug Kultur für einen Abend, finden wir alle drei.

„Auf zu einem höchst beglückenden Abend!“

 

Dennis ist so dankbar dafür, den Vampirjäger jetzt erst mal wieder für ein paar Monate abgeschüttelt zu haben, dass er mir eine andere wichtige Aufgabe zukommen lässt: Ich muss zu den Houses of Parliament, wo der Londoner Bürgermeister vor Journalisten aus aller Welt über seine Zukunftspläne für die Hauptstadt reden wird.

Als ich also in der kommenden Woche in einen unscheinbaren Raum in den berühmten Regierungsgebäuden geführt werde, sitzen dort schon an die hundert Reporter, die eifrig Notizen machen, während ihre Kulis im Blitzlicht der Kameras aufleuchten und merkwürdige Schatten an die Decke werfen. Ich setze mich neben eine vornehm gekleidete Lady in der mittleren Reihe, die mich mit „Oh, hello!“ begrüßt, was sich mit ihrem upper-class-Akzent jedoch eher wie „är, härlär“ anhört und wobei ihr Mund sich so wenig bewegt, als hätte sie gerade drei Pflaumen auf einmal im Mund.

Ich habe mein Diktiergerät angestellt und höre kaum zu, was gesagt wird, denn mir geht nur ein Gedanke durch den Kopf: Ich habe Dennis versprochen, ein exklusives Zitat vom Mayor zum Thema Müllabfuhr in Tottenham zu bekommen. Und jetzt wird mir etwas flau im Magen, denn die ersten Fragen werden gestellt, und wenn ich mich nicht bald zu Wort melde, ist die Chance vorbei.

„Paul Rothman, London Evening News. Darf ich fragen, was Sie den Londonern zu sagen haben, die einen Anstieg der Steuern zur Finanzierung der Olympiade befürchten?“

„Gemma William, Daily Telegraph. Sind Sie der Meinung, Metalldetektoren an U-Bahn-Stationen seien hilfreich im Kampf gegen den Terror?“

Eine Frage nach der anderen regnet auf den Mayor herab und mir wird klar, dass ich die einzige Lokalreporterin im ganzen Saal sein muss, und dazu noch die einzige Ausländerin, die kein perfektes BBC-Englisch spricht. Ich überlege mir, ob es vielen auffallen würde, wenn ich mir das Zitat einfach ausdenke. Wer liest schon den Tottenham Guardian? Den Leserbriefschreibern nach zu urteilen: niemand. Dann könnte ich mich jetzt einfach entspannt zurücklehnen und die Angst wäre überstanden. Aber mir kommt ein schrecklicher Gedanke: Ich stelle mir vor, wie der Parlamentsabgeordnete in Tottenham meinen Bericht liest, mit der Position des Mayors nicht übereinstimmt und sich deshalb bei ihm beschwert. Ich male mir aus, wie mein ausgedachtes Zitat in allen Zeitungen des Landes zitiert wird, der Mayor zurücktreten muss, bis dann schließlich meine Lüge ans Licht kommt und ich wegen Betruges im Gefängnis lande. Oder so ähnlich. Vielleicht ist es doch leichter, einfach mit meiner Frage rauszurücken.

„Drei weitere Fragen nehme ich noch entgegen, dann müssen wir die Pressekonferenz beenden“, gibt Mr Livingstone in diesem Moment bekannt. Jetzt oder nie, denke ich.

„Anna Regeniter, Tottenham Guardian“, rufe ich also, so selbstbewusst wie nur möglich. Doch was herauskommt, ist ein dünnes Stimmchen, das hinten im Saal wohl kaum noch zu hören ist. Trotzdem drehen sich alle zu mir um und warten gespannt.

Ich muss schlucken, würde am liebsten im Boden versinken, aber bringe es dann schließlich doch heraus:

„Die Einwohner Tottenhams sind äußerst besorgt darüber, dass viele Haushalte nicht mal eine Mülltonne zur Verfügung haben. Gibt es Pläne, dies zu ändern?“

„Die Müllversorgung in ganz London wird gerade überprüft und wir beraten zurzeit, wie wir sie effektiver gestalten können.“

Schon meldet sich ein anderer Journalist zu Wort und ich atme durch. Keine vielsagende Antwort, aber ich habe eine Antwort! Keine ausgedachten Zitate morgen und kein endloses Zittern um ein Auffliegen. Ich habe es geschafft! Doch noch eine Qual steht mir bevor, ohne die ich nicht nach Hause gehen kann: Ich muss ja noch Fotos machen.

Um das Podium herum stehen um die zwanzig Pressefotografen mit ihren Stativen und 2-Meter-Linsen. Unmöglich kann ich mich dort mit meiner Handy-großen Digital-Kompaktkamera danebenstellen, ohne jegliche Achtung der anderen Journalisten einzubüßen. Ich bleibe also einfach sitzen und schieße von meinem Sitzplatz aus ein paar Fotos. Auf dem Bildschirm prüfe ich das Ergebnis: Außer den kahlen Köpfen der zwei Männer vor mir sieht man nichts. Also stehe ich kurzerhand auf, knipse ein paarmal und setze mich wieder. Zwar ist das Gesicht des Mayors nur so groß wie ein Nadelöhr, aber wenigstens versperren keine fremden Köpfe die Sicht.

Die Journalistin beugt sich zu mir herüber.

„Fürs Fotoalbum?“ Sie lächelt herablassend.

„Unser Fotograf ist gerade krank“, antworte ich zähneknirschend. Ich wünschte, ich würde für eine Zeitung arbeiten, die sich wenigstens einen Fotografen leisten könnte.

Beim Heraustreten aus dem Saal spricht mich ein Respekt einflößender Mann in schickem Jackett mit goldenen Manschettenknöpfen an.

„Mein Name ist Richard Hanlon, New York Times. Nett, Sie kennenzulernen.“

Ich drücke ihm die Hand und bin stolz, das Interesse einer so wichtigen Person erregt zu haben. Vielleicht gibt es in New York die gleichen Müllprobleme und er möchte ein Zitat von mir?

„Nice to meet you.“

„So jung und schon beim Guardian, da müssen Sie Talent haben!“ Er lächelt mich bewundernd an und ich zucke zusammen. Ich muss unbedingt das Missverständnis aufklären und ihm beibringen, dass der Tottenham Guardian keineswegs mit dem echten Guardian, der großen britischen Tageszeitung, die jeden Morgen von Tausenden von Menschen zum Frühstück gelesen wird, gleichgesetzt werden kann. Doch da hat er mir schon seine Visitenkarte in die Hand gedrückt und ruft mir hinterher:

„Wenn Sie mal nach New York geschickt werden, melden Sie sich bei mir, o. k.? Vielleicht kann ich Ihnen weiterhelfen!”

Ich versichere ihm, dass ich das auf meiner nächsten Dienstreise in die USA ganz bestimmt tun werde, und entfliehe so schnell wie möglich, bevor der Irrtum auffallen könnte.

 

Als ich anschließend Dennis am Telefon von dem Zitat und den Fotos erzähle, ist er begeistert und gibt mir den Rest des Nachmittages frei. Und das heißt, ich habe ein langes Wochenende vor mir, denn heute ist Freitag. Die Temperaturen steigen für mehrere Tage auf fast 30 Grad an und mit den in vielen Vorgärten Londons wachsenden Yucca-Palmen wirkt die Stadt plötzlich richtig tropisch. Was in anderen Ländern einfach Sommer genannt wird, ist in England eine Heatwave dritten Grades und die Regierung gibt den Bürgern strenge Regeln, um in dieser ungewohnten Hitze nicht zu Schaden zu kommen: die Sonne meiden, keinen Sport treiben, Wasser trinken.

Von meinen Nachbarn in der Holloway Road werden diese Tipps natürlich etwas anders interpretiert als vom Prime Minister und Co erhofft. Der einzige Ratschlag, dem sie folgen, ist der des Sportvermeidens – erst mal im Biergarten angekommen, besteht die einzige Bewegung im regelmäßigen Gang zur Bar, und ansonsten kosten sie jede Sekunde der Wärme in Bikinis oder Shorts gekleidet aus.

Am Samstagmorgen sind es schon um zehn Uhr 22 Grad, und selbst die Richter im Old Baileys dürfen ausnahmsweise ihre Mozart-Perücken vor Gericht abnehmen. Und wir fahren ans Meer.

Jake und ich machen uns auf nach Brighton für einen kurzen Wochenend-Trip. Denn auch die aufregendste Stadt der Welt muss man ab und zu verlassen. Wir treffen uns gegen Mittag in Soho, dem Nabel der englischen Unterhaltungsszene, und setzen uns in das French House, ein uralter, chaotischer Pub in der Dean Street.

Nun tun die Engländer zwar so, als mochten sie die Franzosen nicht, in Wirklichkeit aber bewundern sie sie über alles. Franzosen verkörpern all die Qualitäten, die die Briten in den Augen ihrer kontinentalen Nachbarn nicht besitzen: Eleganz, guten Geschmack und gutes Essen. Und damit sich diese Qualitäten irgendwie auf sie abfärben, lieben sie Pubs wie diesen ganz besonders: Während des Krieges tranken hier General de Gaulle und der Rest der französischen Exilregierung, der Maler Francis Bacon war ein regelmäßiger Gast, genauso wie der Dichter Dylan Thomas, der einmal so betrunken war, dass er das gesamte Manuskript für sein berühmtes Hörspiel „Unter dem Milchwald“ unter seinem Stuhl vergaß, wo es zum Glück am nächsten Morgen von einem Kellner gefunden wurde.

Und um es den Engländern zu zeigen, werden im French House keine Pints, sondern nur Half Pints ausgeschenkt, was Jake sehr ärgert.

„Immer müssen die Franzosen sich wichtigmachen. Nur um uns zu ärgern fahren sie auf der rechten Straßenseite, messen Strecken in Kilometern und dann das hier! Bier in Half Pints ausschenken! Unbelievable! “

„Dann kaufst du eben zwei Half Pints, das macht auch keinen großen Unterschied.“

„Es geht ums Prinzip. Getränke in Half Pints sind anmaßend und so middle-class!“ Letzteres spuckt er aus, als hätte er das schlimmste Schimpfwort aller Zeiten benutzt.

Middle-class ist für viele Briten ein abwertender Begriff, denn es steht für alles, was mittelmäßig, langweilig und spießig ist. Selbst der Bankmanager mit seinem 40.000-Pfund-Jahreseinkommen sieht sich noch der Working Class zugehörig, schließlich war sein Großvater noch ein ehrlicher Handwerker.

„Wayne Rooney, ja, das ist noch ein richtiger Mann! Nicht so ein Waschlappen wie der Beckham, der im Rock herumläuft und sich die Fingernägel lackiert! Rooney würde bestimmt keine Half Pints trinken“, mischt sich jetzt der Mann neben uns an der Bar ins Gespräch ein, während er gerade eben ein solches in der Hand hält.

Aus Protest bestellt Jake nur ein Mineralwasser und dann machen wir uns auf nach Victoria, von wo aus unser Zug nach London-on-Sea fährt – denn Brighton ist dank der kurzen Entfernung zur Hauptstadt schon fast zu einem ihrer Vororte geworden. Die Bahnfahrt dauert nur fünfzig Minuten, für viele Londoner weitaus kürzer als die tägliche Fahrt zur Arbeit, und noch ehe wir uns versehen, atmen wir schon die salzige Luft des Seebades ein.

Als wir bei Möwenschreien die steile Hauptstraße zur Seafront hinuntergehen, sieht man schon am Horizont das Meer silbrig über den Hausdächern schimmern. Über ein paar Umwege durch die belebten, engen Laines, das Zentrum des alten Fischerdörfchens, in dem sich heute ein Café an das andere reiht, gelangen wir schließlich an die Strandpromenade.

Wir gehen im Sonnenschein am Meer entlang, vorbei an schlafenden Rentnern in blau-weiß gestreiften Sonnenstühlen, vorbei an Karussellen und unzähligen Süßigkeitenständen voller grellroter und gelber Zuckerstangen und natürlich den obligatorischen Fish-and-Chips-Shops. Eine kleine Portion vom Best Fish’n’Chip Shop in the World leisten wir uns auch, setzen uns dann mit unseren Pommes mit Essig und zwei Plastikbechern Tee auf den Kieselstrand. Ein bisschen vermisse ich zwar die einsamen Sandstrände meiner Kindheits-Urlaube in Dänemark, aber Jake scheint ganz in seinem Element zu sein.

„Wer da noch einen Urlaub nach Spanien bucht, muss verrückt sein! Besser als das hier geht nicht!“

Wir überlegen, wie schön es wäre, hier zu wohnen: einen Steinwurf von London entfernt, vor uns das Meer und über uns die Möwen. Jake erzählt mir von seinem Bruder, der auf einer winzigen Insel namens Piel Island vor der englischen Nordwestküste wohnt, die zwar keinen Strom, dafür aber ihren eigenen König hat. Der jeweilige Landlord des einzigen Pubs der Insel hat seit dem Mittelalter das Recht, sich King of Piel Island zu nennen.

„Nächstes Jahr müssen wir ihn unbedingt zusammen besuchen.“

Aber erst einmal fantasieren wir weiter über Brighton.

„Stell dir vor, du würdest jeden Morgen an der Strandpromenade entlang zur Arbeit gehen, anstatt dich in die volle U-Bahn pressen zu müssen“, träume ich vor mich hin.

„Obwohl ich die Tube schrecklich vermissen würde. Egal wie voll und stickig.“

„Das ist der Beweis: You are a proper Londoner now!“ Fast fühle ich mich mittlerweile wirklich so: Wenn mich jemand fragt, woher ich komme, ist die Antwort ein automatisches „London“. Nordlondon, versteht sich.

Ich schaue aufs Meer hinaus und beobachte die Möwen, die erschreckend tief über unseren Fish’n’Chips kreisen. Ein ganz besonders großes Exemplar setzt zum Sturzflug an und ich bewerfe den Vogel zur Abwehr mit dem größten Chip, der sich auf meinem Pappteller noch finden lässt. Die Möwe fängt ihn im Flug auf und wir haben erst mal unsere Ruhe.

Dann zeigt Jake plötzlich auf eine Figur, die eilig an der Wasserkante entlangjoggt.

„Das gibt es doch nicht, it’s the fucking jogger!“

Jake hat wie so viele seiner Landsleute die Angewohnheit, um der Emphase willen in jeden Satz mindestens ein fucking einzubauen. Er scheint zu glauben, so seinen Aussagen mehr Gewicht zu verleihen.

„That’s fucking great!“, ruft er, wenn Arsenal London endlich ein Tor schießt. „I can’t fucking believe it!“, wenn der Gegner es tut.

„Kannst du nicht mal aufhören, ständig zu fluchen, es hängt mir allmählich zum Hals raus“, beschwere ich mich dieses Mal.

„I never fucking do“, sagt er und schaut mich verwirrt an. „Wann um alles in der Welt habe ich denn zum letzten Mal geflucht?“ Ich gebe auf.

„Du meinst doch wohl nicht etwa den Jogger?“

In der Holloway Road begegne ich jeden Tag mindestens einmal einer merkwürdigen Gestalt, die von den anderen Bewohnern und meinen Freunden einfach als „der Jogger“ bezeichnet wird. Seinen Namen hat er auch wirklich verdient, denn tagaus, tagein trägt er, wie auch immer das Wetter sein mag, Joggingschuhe, knappe Shorts und ein T-Shirt mit der Aufschrift „Wimbledon 1987“.

Trotz seines ständigen Joggens könnte er nicht ungesünder aussehen. Sein Gesicht und die staksigen, spargelähnlichen Beine sind so fahl, als hätten sie seit Jahren kein Sonnenlicht mehr gesehen, dabei sind sie ja ununterbrochen Wind und Sonne ausgesetzt und seine Wangenknochen stechen hervor wie Messerklingen.

Die Gestalt kommt näher.

„Kannst du nicht sein T-Shirt sehen? Das ist tatsächlich unser Jogger!“ Ich schiele gegen die Sonne und entziffere dann wirklich den unverkennbaren Schriftzug auf dem Hemd des Mannes.

„Entweder er verfolgt uns oder er verbringt wirklich den Tag damit, von London nach Brighton und wieder zurückzulaufen.“

„Zwei Marathons pro Tag? Das kann doch wohl nicht sein“, zweifele ich Jakes Idee an. Wir gehen ihm ein Stück nach, um zu sehen, in welche Richtung er weiterläuft. An einem Imbissstand kauft er auf der Stelle laufend eine Tasse Tee und rennt dann, beim Joggen ein paar Schlucke trinkend, eilig am Strand entlang weiter.

„Irgendwann werden wir noch rausfinden, was es mit dem Jogger-Mann auf sich hat“, verspreche ich Jake. Wir setzen uns in ein paar rotgestreifte Liegestühle, zahlen dem Strandwart ein Pfund Sitzgebühr und genießen den warmen Sonnenschein.

Jake ist plötzlich überraschend still geworden.

„Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, woanders als in London zu wohnen. Wenn man mal hier gelebt hat, muss einem selbst Köln oder Hamburg provinziell vorkommen“, unterbreche ich sein Schweigen. „Ich kenne viele, die nur für ein paar Monate zum Englischlernen nach London gekommen sind und zehn Jahre später immer noch hier sind.“ Er schweigt wieder.

„Du könntest dir also nicht vorstellen, für eine Weile in einer anderen englischen Stadt zu leben?“, fragt er dann gedrückt.

Ich spüre, dass ihm etwas auf dem Herzen liegt. Schließlich rückt er mit der Wahrheit heraus.

„Ich muss in drei Monaten nach Manchester ziehen. Ich habe ein Jobangebot dort, das ich einfach nicht ausschlagen kann.“

„Ein Jobangebot?“, bekomme ich gerade noch heraus.

„Man hat mir angeboten, als Talentscout für eine Plattenfirma zu arbeiten. Ich müsste zu so vielen Konzerten wie möglich gehen und mich nach neuen Talenten umschauen. Einen perfekteren Job gibt es glaube ich nicht, oder?“

Mir fällt nichts ein.

„Wir könnten uns jedes zweite Wochenende sehen, oder –“, er zögert. „Oder hättest du nicht Lust, mitzukommen? Für ein paar Monate? Wenn es dir nicht gefällt, können wir ja jederzeit wieder nach London zurückziehen.“

Die Idee kommt zu überraschend für mich, um über die plötzlichen Entwicklungen geschockt zu sein. Ich denke an all die Leute und Orte in London, die ich liebgewonnen habe und schrecklich vermissen würde, und die ganzen Pläne, die ich schon für mein zweites Jahr in der Stadt geschmiedet hatte. Und dann denke ich, wie traurig es wäre, sie ohne Jake ausführen zu müssen, und ich erinnere mich an mein Weihnachten in Manchester und dass es sich sicherlich auch dort gut leben lassen würde.

„Mit dem Zug bist du in zwei Stunden wieder in London, wir könnten also ohne Probleme einmal pro Monat zurückfahren.“

„Und was wird aus Elli und Maddie und Felice und den anderen?“

„Auch in Manchester wirst du nette Leute kennenlernen. Warte es nur ab.“

„Ich weiß nicht. Ich werde nicht mehr einfach in ein paar Stunden durch den Eurotunnel nach Hause fahren können, nicht mehr in der stickigen U-Bahn wie in einer Sardinendose um Platz kämpfen müssen, nie wieder einfach so gelangweilt durch Soho schlendern ...“ Mir kommen fast die Tränen.

„Ich fühle mich hier so zu Hause, und ich habe immer das Gefühl, dass ich genau zur richtigen Zeit am richtigen Platz bin. Das möchte ich nicht so einfach aufgeben.“

„Glaube bloß nicht, dass mir der Abschied leichtfallen wird. London ist und bleibt meine Heimat“, sagt Jake.

„So wie die Muslime Richtung Mekka beten, werde ich für immer mein Pintglas in Richtung London heben“, sagt er melodramatisch.

Wieder in London angekommen, berichte ich natürlich sofort Maddie und Elli von meinem Dilemma.

„Der Norden Englands ist schon sehr schön. Ich könnte mir auch vorstellen, irgendwann zurückzuziehen“, meint Maddie diplomatisch. Aber Elli ist vehement dagegen.

„Ob du es willst oder nicht, bis November musst du jetzt auf alle Fälle hierbleiben, und wenn ich dich einsperren muss.“

„Und warum gerade November?“

„Erinnerst du dich noch an unsere Wette – wer auch immer die meisten Punkte im Celeb-Spotting bekommt, wird ins Ivy eingeladen?“

„Ich habe natürlich verloren, aber was hat das mit November zu tun?“

Sie verzieht ihr Gesicht.

„Nein, natürlich habe ich verloren. Warum müssen aber auch immer die Deutschen gewinnen?!“, fragt sie mit gespielter Verbitterung. „Auf jeden Fall habe ich vor kurzem versucht, einen Tisch für uns im Ivy zu buchen, aber vor November haben sie keinen Tisch zur Verfügung. Nicht mal zum lunch! Und was anders könnte das bedeuten, als dass du unbedingt noch ein weiteres Jahr in London verbringen solltest?“

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Sie haben Ein Jahr in London, Reise in den Alltag zu Ende gelesen

Anna Regeniter

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