Ein Jahr in London, Reise in den Alltag
Mai
„Und wohin gehen wir heute Abend?“, frage ich Jake gespannt, der eine Tasse Tee nach der anderen trinkend in meinem Sessel sitzt.
„It’s a surprise! Warte es ab!“
Ich male mir alle möglichen romantischen Szenarien aus: eine Mahlzeit im griechischen Lemonia um die Ecke oder vielleicht russisch im Trojka oder japanisch im Zensai? Oder wir nehmen ein Taxi und fahren ins West End und essen auf einem Boot auf der Themse?
„Also, los dann. Let’s go.“
Wir gehen die Straße hinab Richtung U-Bahn, vorbei an blühenden Kirschbäumen und duftenden Vorgärten, und biegen dann rechts ab nach Camden.
„O. k., da sind wir“, verkündet Jake ein paar Minuten später schon völlig unerwartet und stößt die Tür zum Enterprise-Pub auf. So viel zu meinem Dinner for Two am Fluss.
„Hattest du nicht etwas von meal gesagt? Ich dachte, wir würden etwas essen gehen?“, sage ich enttäuscht und würde mich am liebsten gleich verabschieden.
„Essen können wir auch später. Nebenan ist ein netter Dönerladen.“ Es muss wohl stimmen: Englische Männer sind nicht sehr romantisch.
Für ein paar Minuten kann ich meine Enttäuschung kaum verbergen, aber eigentlich bin ich sowieso viel zu aufgeregt, um zu essen. Wir machen es uns auf einem schon öfters geflickten Ledersofa bequem, die Wand neben uns ist gefüllt mit staubigen Büchern: Oscar Wilde, Charles Dickens, Jane Austen. Eigentlich viel schöner als ein elegantes Restaurant. Und dann erzählt Jake so charmant von seinem Leben als Kellner in dem Hampstead-Pub, von den Konzerten mit seiner Band und von seiner Familie und hört dann seinerseits meinen Geschichten mit so viel Interesse zu, dass ich ihm binnen kürzester Zeit vergeben habe und beschließe, dass Engländer nicht nur romantisch, sondern auch äußerst charmant und geistreich sind. Falls Jake nicht ein Sonderfall ist.
„Natürlich bin ich ein Sonderfall. So ein Glück wie deines, mich gleich am ersten Tag in London zu treffen, hat nun wirklich nicht jeder.“
Ich stimme ihm zu.
„Und das Bier habe ich natürlich extra über dich geschüttet, um eine gute Entschuldigung zu haben, dich kennenzulernen. Etwas Besseres fiel mir so schnell nicht ein.“
Die Zeit vergeht wie im Flug und wieder einmal klingelt der Kellner viel zu früh schon zu den Last Orders. Der Abend ist vorbei, um Mitternacht hat hier nichts mehr auf.
„Und jetzt zeig ich dir den Kebabladen, von dem ich dir vorhin erzählt habe“, sagt Jake, als wir auf die Straße treten. Es regnet in Strömen und ich habe keine große Lust auf einen nach Fett stinkenden Schnellimbiss, noch weniger Lust jedoch, mich schon zu verabschieden.
„Es wird dir gefallen, I promise!“
„O. k., wenn du darauf bestehst.“
Hundert Meter die Straße runter betreten wir also den Marathon, einen griechischen Imbiss, der beim Eintreten aussieht wie jede andere Pommesbude. Im Hinterraum jedoch, mit Landkarten Kretas und Plastikblumen geschmückt, spielen zwei alte Männer in schwarzem Anzug und Schlapphut Saxofon und um die fünfzig Leute essen, trinken und tanzen, als sei dies der angesagteste Club in ganz London.
„Ich bin hier schon hundert Mal vorbeigegangen, niemals ahnend, dass es wert wäre, mal reinzuschauen!“, sage ich erstaunt.
Wir bestellen Pommes und gefüllte Weinblätter und dazu eine Flasche Wein und sehen uns nach einem Platz um.
Es ist so voll, dass kein Tisch mehr frei ist, aber Bartosz, selbsternannter ungarischer Poet mit langen blonden Locken und verfaulten Zähnen, bittet uns, uns zu ihm zu setzen.
„Deine Arme sind so zart und weiß wie die Knochen der Rentiere zur Sommerzeit im Land der Lappen“, sagt er zu mir und schenkt sich dann von unserem Wein ein. Ich frage mich, ob das Poesie ist, dummes Gerede oder sogar sexuelle Belästigung. Jake scheint sich auch nicht ganz sicher und so rücken wir vorsichtshalber ein paar Stühle nach rechts. Dort werden wir von einem älteren Mann mit langen, strähnigen Haaren angesprochen, der auf einem Block vor sich das Chaos um uns herum zeichnet.
„Darf ich ein Portrait von euch machen? Ihr passt so gut zueinander und du“, er zeigt auf Jake, „du hast so ein ausdrucksvolles Gesicht!“ Ich weiß nicht, ob ich beleidigt sein soll, dass mein Gesicht keiner Erwähnung würdig ist, oder glücklich darüber, dass selbst Fremde meinen, wir passten gut zusammen, aber Jake hat schon zugesagt und der Mann misst uns mit seinem Bleistift und bringt die ersten Striche auf das Papier.
„Nicht bewegen, um Himmels willen!“, herrscht er mich an, als ich meinen Arm hebe, um ein Haar aus den Augen zu streichen.
„Mund geschlossen halten!“ Wir sitzen also eine Viertelstunde völlig still und regungslos, bis das Bild endlich fertig ist.
Er unterzeichnet es und steckt es mir dann zu.
„Ich bin schon mit Billie Holiday aufgetreten, glaub’s mir!“, erzählt mir stolz einer der beiden Saxofonisten, der sich in einer Spielpause etwas später zu uns gesellt, und seinem Alter nach zu urteilen ist das gut möglich. Begleitet werden die beiden Musiker heute Abend ungewollt von einem Iren, der mit viel Gefühl Volkslieder seiner Heimat vor sich hinsingt, ohne dabei aber die geringste Notiz von den Saxofonspielern zu nehmen.
„Can you please shut up?“, fragt ihn Pat, einer der Musiker, höflich. „Du kannst singen, wenn wir fertig sind, aber jetzt halt erst mal die Klappe!“
Das tut er aber erst, als ihm nach einem weiteren Bier die Augen zufallen und sein Kopf sich auf den Tisch neigt.
Als das Marathon dann doch irgendwann schließt, wird es draußen schon hell und wir laufen bei Amselgesang durch die ruhigen Straßen von Primrose Hill zurück nach Hause.
„Wenn nicht bald etwas passiert, muss ich nächsten Monat zurück nach Deutschland ziehen“, klage ich Felice am nächsten Morgen mein Leid, den Tränen nahe. Die Osterferien, und damit meine letzte Gehaltszahlung, liegen schon wieder Wochen zurück und ich habe weder eine neue Stelle gefunden noch, wie gehofft, im Lotto gewonnen. Aber wie immer kommt unvorhergesehene Hilfe.
„Ganz einfach, du hilfst mir halt für ein paar Wochen in meinem Kleiderladen aus, bis du was Besseres findest“, tröstet mich Felice, „jetzt, wo der Sommer kommt, bin ich so beschäftigt, dass ich eine Aushilfe gut gebrauchen kann.“
Ich werde also von nun an auf dem Camden Market arbeiten, was keine größere Umstellung in meinem Leben bedeutet, da ich sowieso jede freie Minute dort auf der Suche nach ausgefallenen Schnäppchen verbringe.
Der Camden Market ist eine Ansammlung von Marktständen mit ausgefallener Mode, chaotischen Second-Hand-Buchläden, vegetarischen Fast-Food-Ständen und Plattenläden. Von unserem Haus in Primrose Hill bin ich dank des Regents Canal, der die beiden Stadtteile verbindet, in wenigen Minuten dort. Der schmale Kanal, gerade groß genug für die kleinen, buntbemalten Hausboote, die überall an den Stegen anliegen, bildet einen Wasserweg von der Themse bis nach Paddington im Westen der Stadt, und von dort aus über den Grand Union Canal sogar weiter bis nach Birmingham. Auf meinem Weg zur Arbeit heute muss ich mich um die vielen Angler herumschlängeln, die im Schatten der Trauerweiden auf einen Fang warten, und aus der Ferne hört man sogar einen Löwen brüllen, denn der Londoner Zoo ist gleich um die Ecke.
Am Camden Lock, der Camdener Schleuse also, biege ich links auf den Markt ab und stehe dann schon vor Felices Geschäft, das anders als die vielen Marktstände auch unter der Woche geöffnet ist, wenn die Touristenströme etwas kleiner sind als am Wochenende.
Felice hat den Laden schon geöffnet, übergibt mir den Schlüssel und klopft mir zum Abschied auf die Schulter: „Und denk dran: Immer nett lächeln, wenn jemand hereinkommt. Klaro?“
Zwar verdiene ich nur vier Pfund fünfzig die Stunde, dafür kann ich aber auch die meiste Zeit des Tages meiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen: aus dem Fenster gucken und Musik hören. Alle zehn Minuten vielleicht bediene ich einen Kunden und dann kann ich es mir wieder auf meinem Hocker gemütlich machen und die vorbeiströmenden Besucher beobachten. Neben den Touristen, die sich an den Wochenenden auf dem Markt herumtreiben, schaut auch das ein oder andere Camden-Original ab und zu vorbei.
So besucht uns mehrere Male pro Tag der Best of Luck Man, ein schick gekleideter Mann aus der Karibik, der ununterbrochen allen Menschen, denen er begegnet, das „allerbeste Glück“ wünscht. Auch heute bleibt sein Besuch nicht aus. Er steckt seinen Kopf um die Ecke, zückt seinen Hut und wünscht mir nachdrücklich: „Best of luck!“
„Ja, danke, Ihnen auch!“ Und schon ist er wieder draußen, um weiteren Leuten seine guten Wünsche zu überbringen. Niemals sagt er etwas anderes als diese drei Worte, und niemand weiß, wie er es sich leisten kann, den ganzen Tag einfach in der Gegend herumzulaufen und trotzdem noch genug Geld für feine Anzüge zu haben. Denn der Best of Luck Man ist ein echter Dandy mit Seidenschal und Manschettenknöpfen. Immer wieder nehme ich mir vor, ihn in ein Gespräch zu verwickeln, um mehr über ihn herauszufinden, doch verschwindet er immer genauso schnell, wie er auftaucht.
Ebenso mysteriös ist der Mann, der sich selber zum King of Camden ernannt hat und gleichfalls regelmäßig im Geschäft vorbeischaut. Das erste Mal, als ich ihm begegne, kommt er früh am Morgen geheimnisvoll in das Geschäft hereingeschlichen, schaut sich mehrere Male um, als müsste er sich vergewissern, dass kein auf ihn lauernder Spion sich in der Umkleidekabine versteckt, und flüstert mir dann hinter vorgehaltener Hand zu:
„Du musst mir gut zuhören!“
Ich lausche gespannt.
„Ich weiß, was dein Sternzeichen ist.“
„Aha?“, sage ich, etwas erschreckt.
„Ich wusste sofort, als ich dich zum ersten Mal sah, was dein Sternzeichen ist.“
„Und was ist es?“
„Zwilling.“ Ich zucke zusammen, denn das stimmt sogar.
„Ich bin der King of Camden, darf ich dich auf eine Tasse Earl Grey einladen?“
Ich weise ihn darauf hin, dass ich gerade arbeite und unmöglich den Laden alleine lassen kann.
„Was für eine Schande. Wir werden uns wiedersehen. Farewell!“
Bevor ich ihn fragen kann, was an mir so typisch zwillinghaft sei oder warum er sich so merkwürdig altmodisch ausdrücke, ist er schon wieder verschwunden.
„Hast du schon mal die Bekanntschaft mit dem King of Camden gemacht?“, frage ich Felice abends, nachdem wir zusammen das Geschäft abgeschlossen haben. Felice nickt.
„Oh ja, a weird guy! Ein komischer Kauz. Von denen gibt es viele in Camden.“
„Allerdings. Aber er hat tatsächlich mein Sternzeichen richtig geraten. Hat er das bei dir auch?“
„Ja, aber frag mich nicht, wie er das macht.“
Als der King of Camden zum nächsten Mal in das Geschäft geschlichen kommt, bediene ich zum Glück gerade einen anderen Kunden und er macht sich ohne ein Wort wieder davon.
Auch Jake kommt oft vorbei und wir verbringen ein paar gemeinsame Stunden vor seiner Abendschicht zusammen im Ye Olde White Bear. Oder wir schlendern über den Markt, setzten uns an den Kanal und beobachten die Hausboote, deren Besitzer in aller Ruhe die Blumentöpfe auf den Dächern bewässern oder in Sonnenstühlen liegend Radio hören, und träumen davon, uns irgendwann eines dieser Boote für ein paar Wochen zu mieten und kreuz und quer damit durch England zu fahren.
Die ersten Wochen als Felices Aushilfe gehen dank dieser Besuche schnell vorbei, doch zwischendurch schreibe ich eine Bewerbung nach der anderen. Denn von dem niedrigen Lohn einer Verkäuferin kann man in der drittteuersten Stadt der Welt zwar überleben, aber meine Hausbootpläne werden sich so nicht verwirklichen lassen. Es geht jetzt ernsthaft ans Sparen, was für viele Londoner allerdings schon fast ein Hobby für sich ist. Denn England ist das Land der Charity Shops und ihr Besuch kann schnell zu einem zeitaufwendigen, aber sehr erfüllenden Vergnügen werden. Ganz besonders heutzutage, wo der Retro-Look ja nun glücklicherweise gerade in ist. Charity Shops sind kleine Läden, die für die Wohlfahrt Secondhand-Kleidung, Bücher, CDs, Tassen, Lampen, Spielzeug, kurz gesagt: alles verkaufen, was sich verkaufen lässt. Das Geld geht an die verschiedensten Organisationen, vom Roten Kreuz und der Heilsarmee bis zu Tierschutzverbänden wie der Hamster Rescue, der Rat Rehoming oder dem Orang-Utan-Waisenkinder-Appell. Und in jeder guten Einkaufsstraße gibt es mindestens zwei. In der Camden High Street, zehn Minuten von uns entfernt, gleich sieben.
Mein Lieblings-Charity Shop gegenüber dem Sainsbury’s Supermarkt ist eine wahre Fundgrube für Deutschlehrer. Nicht nur habe ich dort bereits zwei Heino-LPs gefunden, dessen Klänge gut als Strafe für meine Schüler beim Nachsitzen herhielten, auch liefert eine mir unbekannte Person dort die aktuellsten Ausgaben der Bravo ab. Dessen bunte Seiten boten meinen Klassen immer wieder eine hervorragende Einführung in die deutsche Kultur. Eines Tages hoffe ich, die mysteriöse Abonnentin einmal beim Abliefern zu erwischen und ihr meinen Dank auszusprechen.
Und all dies für jeweils 20 Pence, denn die alten Damen, die diese Läden überwiegend führen, kennen sich furchtbar schlecht mit dem Wert der von ihnen gebotenen Waren aus und verkaufen oft teure Designermode für ein paar Pfund.
Auch heute schaffe ich es nicht, an dem Shop vorbeizugehen, ohne ihm einen kurzen Besuch abzustatten. Zuerst schaue ich mich in der Kleiderecke um, in der sich vom Leopardendruck-Mantel bis zum Designer-Ballkleid alles finden lässt.
Knickers, also Unterbuxen, steht in krakeliger Schrift auf einer kleinen roten Box, die mir sofort ins Auge fällt. Ich werfe einen Blick in die Schachtel und sehe ein paar riesige, graue Exemplare, die selbst einem Nilpferd zu groß wären. Dann daneben eine Box mit der Aufschrift „fancy knickers, only 50 p“ – hier finden sich also die etwas schickeren Ausführungen. Ich fische ein blaugetüpfeltes Paar heraus und frage mich, wer um alles in der Welt blaugetüpfelte Secondhand-Schlüpfer aus dem Charity Shop kauft.
„Ohhh, lovely, isnt it?“, sagt die alte Dame hinter der Kasse, die mich wohl beobachtet haben muss. Sie wirft mir einen ermutigenden Blick zu. „Selbstgenäht sind die. Mal anprobieren?“
„Oh, nein, danke.“ Ich schließe schnell die Box und wende mich der weniger heiklen Hosen-und Jackenstange zu. Dort finde ich ein Paar Original-Levis aus den 50er Jahren, dazu noch in meiner Größe, die ohne Frage ein Vermögen wert sind. Doch das Preisschild fordert nur lächerliche fünf Pfund.
„Fünf Pfund für so ein schludriges Paar Jeans? Da muss sich unsere Lydia vertan haben. Sie ist manchmal etwas schusselig. Gib’ mir 50 Pence, und damit hat sich’s.“ Ich mache mich glücklich auf den Heimweg.
Meine Gehaltskürzung erzwingt allerdings noch drastischere Maßnahmen als den Besuch von Charity Shops. Als Barry, mein Vermieter, mir wieder ohne Ankündigung an einem Sonntagmorgen einige Bauarbeiter an den Hals schickt, verliere ich langsam die Geduld.
„Wir bauen eine Zentralheizung ein. Das bedeutet natürlich, dass die Miete etwas steigen wird“, erklärt er mir auf meine aufgebrachten Fragen, warum ich an diesem Wochenende schon wieder unangekündigt aus meinem Zimmer geworfen werfe.
„Steigen?“
„Um die zehn Pfund pro Woche. Ich kann die Kosten ja schließlich nicht alleine tragen.“ Er erzählt mir dann, wie er unser Haus vor zwanzig Jahren für einen Spottpreis von 25.000 Pfund ersteigert hat, es jetzt aber weit mehr als eine halbe Million Pfund wert sei. Deshalb sollten wir froh sein, dass er das Haus nicht einfach verkaufe, um einen großen Gewinn zu machen, und wir dann ganz ausziehen müssten.
Das allerdings muss ich nun sowieso, denn selbst zehn Pfund mehr pro Woche kann ich mir im Moment nicht leisten. Die Wohnungssuche beginnt wieder von vorne, diesmal verläuft sie aber bedeutend einfacher als bei meiner Ankunft in London. Denn es stellt sich heraus, dass auch Maddie umziehen will, weil ihre Wohnung zu klein und dunkel ist.
„In einer WG spart man schnell ein Drittel des Mietpreises, und wir könnten zusammen zur Arbeit und zurück fahren.“
Ich finde das eine gute Idee, besonders da Maddie seit vielen Jahren in London lebt und jede Menge Leute kennt, die Wohnungen zu vermieten haben, gerade ausziehen wollen oder neue Mitbewohner brauchen. Wir schauen uns also gemeinsam eine Wohnung nach der anderen an und entscheiden uns dann für eine Dachwohnung an der Holloway Road im nördlichen Stadtteil Islington.
„Ich ziehe auf Seite 29 um!“, erzähle ich Elli aufgeregt, nachdem wir den Vertrag unterschrieben haben. Mittlerweile assoziiere ich die verschiedenen Gegenden Londons hauptsächlich mit den Seiten meines A–Z, dem Londoner Straßenatlas.
„Von Seite 66 nach Seite 29, sehr aufregend“, bemerkt Elli. „Das ist London von seiner besten Seite.“
Die Holloway Road ist eine der großen Verkehrsadern Londons, sie führt von der Londoner City bis in die Grafschaft Hertfordshire. Selbst bei geschlossenen Fenstern (Einfachverglasung versteht sich, von Doppelverglasung halten die Engländer nicht viel) ist es hier lauter als in Primrose Hill während der Bonfire Night. Auch ist die Straße selber lange nicht so malerisch schön wie das nette Primrose Hill.
Aber: Wir haben beide unser eigenes Zimmer, ein geräumiges Wohnzimmer und ein teppichloses Bad, das wir nicht mit vier anderen Personen teilen müssen, und bezahlen trotzdem nur einen Bruchteil der vorherigen Miete. Unsere Nachbarschaft besteht aus einigen wenigen Geschäften, die auf der einen Seite von einem kleinen Park, auf der anderen Seite von einer abzweigenden Straße begrenzt wird. Und der Kommandant dieser Kleinkommune ist Savvis, der Imbiss-Besitzer. Savvis und seine Frau, beide ursprünglich Zyprioten, haben zwar auch noch ein Haus in der Londoner Randlage, verbringen aber die meiste Zeit ihres Lebens in ihrem Laden, der fast zu jeder Tages- und Nachtzeit geöffnet ist.
Wenn wir nach einer Party erst in den frühen Morgenstunden nach Hause kommen, sitzt Savvis auf einem Stuhl vor unserer Haustür und erzählt uns die Ereignisse des Abends. Dass im irischen Pub gegenüber eine Prügelei stattgefunden hat und die Polizei kommen musste, dass unter uns eine Frau eingezogen ist, die ihm sehr französisch erscheine, sie könne aber auch italienisch sein, jedenfalls sehe sie sehr schick aus, wäre aber ein bisschen hochnäsig, und dass die jüngste Tochter des Waschsalonbesitzers nebenan vorgestern geheiratet hat.
Es ist beruhigend zu wissen, dass niemals jemand auch nur einen Schritt durch unsere Haustür machen könnte, ohne dass Savvis davon Wind bekäme. Währenddessen steht seine Frau Helena Stunde um Stunde hinter der Theke und bereitet einen Döner nach dem anderen zu, bis um vier Uhr morgens endlich Ladenschluss ist. Am nächsten Tag um Punkt zehn machen sie dann wieder auf und Savvis bedient die Kunden, während Helena sich auf der Couch im Hinterzimmer eine kleine Pause gönnt.
Neben Kebab und Döner gibt es natürlich auch Fish and Chips und jegliche andere Kombination von Pommes. Pommes und Bohnen, Pommes und zermatschte Erbsen, Pommes und Schinken, Pommes und Ei, Pommes und Curry und Pommes mit Kartoffeln. Alles serviert mit einer gehörigen Portion Malzessig und viel Salz.
Das britische Nationalgericht ist jedoch weder Fish and Chips noch Chips and Eggs oder der Sunday Roast. Das beliebteste Essen der Engländer ist Chicken Tikka Masala, ein indisches Hühnchengericht, das im Tandoori-Ofen mit einer milden Gewürzmischung zubereitet wird. Kein Wunder eigentlich, denn in London findet man die besten indischen Restaurants außerhalb Indiens. Selbst der Sultan von Brunei soll sich öfters sein Abendessen aus seinem Londoner Lieblingsrestaurant nach Brunei einfliegen lassen.
Und das allerbeste indische Restaurant der Welt ist nur drei Minuten von mir entfernt, gleich gegenüber in der Holloway Road, und heißt Red Rose. Schade ist nur, dass der Besitzer und Chefkoch, Mr Iqbal, etwas launisch sein kann. Ist er gut aufgelegt, so begrüßt er mich mit einer überschwänglichen Umarmung, ruft seinen Mitarbeitern zu, dass die lovely Lady aus Germany wieder da sei, und bringt mir kleine Geschenke: einen pakistanischen Kalender (denn Mr Iqbal ist gar nicht wirklich aus Indien), ein extra Naan-Brot oder ein paar indische Süßigkeiten. Er erzählt mir, dass er bald mit der Rockgruppe The Darkness auf Tour nach Amerika und Australien gehen würde, weil die es ohne seine Balti-Gerichte unmöglich länger als eine Woche aushalten könnte, was ich für ziemlichen Unfug halte, bis er mir mehrere Ausschnitte aus Musikmagazinen zeigt: Mr Iqbal wird tatsächlich bald auf Welttournee gehen. Ich bin untröstlich.
„Aber ich werde zurückkommen. Irgendjemand muss ja für dich kochen!“ Betrete ich sein Restaurant jedoch aus Versehen während eines Arsenal-London-Spiels, ist es mit seiner Gastfreundschaft weniger gut bestellt. Der Fernseher ist auf volle Lautstärke gestellt, das ganze Kochteam sitzt mit Turban andächtig vor dem Bildschirm und Mr Iqbal kommentiert jeden Ballstoß mit Gefluche und wilden Gebärden. Unterbreche ich dann, etwa um eine Bestellung aufzugeben, winkt er nur ab.
„Moment, ich kann gerade nicht.“
Wenn ich Glück habe, wird das Spiel dann irgendwann von Werbung oder der Halbzeit unterbrochen und er kommt missmutig zur Theke. „Es kann aber noch was dauern. Komm mal in einer Stunde wieder.“
Wenn die Gunners aber gewinnen, und die Fans im Autokorso vom nahe gelegenen Stadion aus die Holloway Road hochfahren, ist meine Portion dann plötzlich doppelt so groß wie sonst und extra würzig. Da wartet man gern eine Extrastunde.
Das Schlimmste aber an Mr Iqbal ist, dass er extrem eifersüchtig ist. Sieht er mich etwa mit einer Plastiktüte vorbeilaufen, die aussieht, als könnte sie ein Take-away von einem anderen Restaurant enthalten, wirft er mir giftige Blicke zu und weigert sich, zurückzugrüßen. Ganz schlimm wird es, wenn ich mal ein bisschen knapp bei Kasse bin und mir mehrere Wochen kein Take-away leisten kann. Anstatt des üblichen „long not seen“, also „wir haben uns aber lange nicht gesehen“, ruft er mir ein „long not ordered“ – „lange nicht mehr bestellt“ – hinterher. Und schaut mich an, als hätte die lange Abwesenheit ihn zutiefst gekränkt.
Irgendwann geht es so weit, dass ich einen weiten Umweg um das Red Rose mache, um Mr Iqbals ständigen Forderungen zu entgehen. Von nun an werde ich mein traditionelles freitagabendlichen Take-away in aller Ruhe im Sitara ein bisschen weiter die Straße aufwärts bestellen. Oder gleich selbst kochen.
Am kommenden Freitagabend, an dem ich die Wohnung für mich alleine habe, lade ich Jake sogar auf eine Paella zu uns ein. Als ich mit meinem neuen Kochbuch in der Küche stehe, wird mir jedoch bald bewusst, dass ich vergessen habe, Safran zu kaufen. Und ohne Safran wird die Paella nicht gelb. Ich laufe die Straße hoch und durchsuche den Coop, Sainsbury’s und sämtliche kleinere Tante-Emma-Läden, doch niemand verkauft Safran oder wüsste auch nur, wo man welchen bekommen könnte.
„Ist aber auch sehr teuer, ich würde es einfach weglassen“, empfiehlt mir die Verkäuferin in einem der kleineren Läden. So schnell gebe ich aber nicht auf. Ich versuche es bei Nash.
Nashs Kiosk liegt rechts neben Savvis Schnellimbiss. So wie Savvis seinen Imbiss kurzerhand nach sich selber genannt hat, kennen wir Nashs Namen auch zuerst nur von dem großen Schriftzug an seinem Geschäft – „Nash. Newspapers, Food, Drink“. Und so ziemlich alles andere, was irgendwie verkäuflich ist. Ich wundere mich, wie Nash so viele Sachen in dem kleinen Laden lagern kann, doch was auch immer wir brauchen, Nash gräbt es irgendwo aus den Tiefen seines Geschäftes hervor. Und wenn nicht er selber, dann eines seiner Familienmitglieder, die alle auf verschiedenen Etagen des Hauses wohnen und abwechselnd hinter der Theke aushelfen.
Als ich ihn also an diesem Abend ohne viel Hoffnung nach Safran frage, nickt er sofort eifrig: „Ah, Safran, das Gold unter den Gewürzen. Ich habe zwar keines hier, aber –“, er unterbricht und redet auf Gujarati auf einen kleinen Jungen ein, der irgendwie mit zur Familie zu gehören scheint und gerade hinter der Theke an einem Schokoriegel knabbert. „Los, lauf schon“, drängt Nash ihn auf Englisch, als er seinen Anweisungen nicht sofort nachkommt. Einige Minuten später humpelt langsam eine ältere Frau in traditionellem indischem Gewand durch die Hintertür herein. Mit einem zahnlosen Grinsen begrüßt sie mich, drückt mir ein kleines Päckchen in die Hand und verschwindet dann wieder, bevor ich mich bedanken kann.
„Das war meine Mutter, sie spricht leider kein Englisch“, erklärt Nash. In meiner Hand halte ich ein durchsichtiges Tütchen prallgefüllt mit einem gelben Puder. Ich habe mein Safran!
Auf meine Frage, wie viel ich ihm schulde, schüttelt Nash überzeugt den Kopf. „Keine Sorge, wir haben ganze Container von dem Zeug! Lass es dir gut schmecken!“ Und dann wendet er sich dem nächsten Kunden zu, der gerade zur Tür hereinkommt. Ich bedanke mich und renne schnell die Treppe hoch. Jetzt steht meiner Paella nichts mehr im Wege, und das gelbe Päckchen hätte mich in einem normalen Geschäft sicher ein kleines Vermögen gekostet!
Hollywoodstars wie in Primrose Hill lassen sich von unserem Wohnzimmerfenster in der Holloway Road aus zwar nicht beobachten, aber etwas zu sehen gibt es doch jedes Wochenende. Denn gegenüber von uns liegt der irische Pub The Floirín, in dem jeden Samstagabend Musiker mit so klangvollen Namen wie Lamond O’Flanagan oder Seamus Mulkere ihr Können unter Beweis stellen. Die Iren sind neben den Zyprioten und Kolumbianern die in der Holloway Road am stärksten vertretene Volksgruppe, und von allen dreien ohne Frage die lauteste. Iren lieben es, zu erzählen, und das viele Reden benötigt halt ein bisschen Schmierstoff für die Kehle. Nicht nur beglücken uns also Seamus & Co jeden Samstag mit Klassikern wie Streams of Whiskey und Dirty Old Town in einer solchen Lautstärke, dass es unmöglich ist, sich in unserer Wohnung normal zu unterhalten, auch fließt das Guinness mitunter so gut, so dass es am Ende des Abends manchmal hitzig werden kann.
Es ist die erste richtig warme Nacht in diesem Mai, und als wir am offenen Fenster meine gelbe Paella essen, sehen wir zwei offensichtlich schon leicht angeheiterte Männer im Anzug aus dem Floirín heraustolpern.
„Pat“‚ schreit der eine so laut, dass man es bei uns im vierten Stock ohne Probleme hören kann, „ich werde es dir nie vergeben, was du damals in Cork zu Mary gesagt hast.“
„Ich bin überhaupt nicht Pat, ich bin doch sein Bruder, du Idiot!“, schreit darauf der andere zurück und gestikuliert wild mit den Händen.
„Nein, Pat, das war nicht nett, damals 1989.“
„Ich bin nicht Pat, kriegst du das nicht in deine Birne, Larry?“ Daraufhin schwankt er auf Larry zu, holt aus und haut ihm eine runter. Der fällt wie ein gefällter Baum um und bleibt still liegen.
„Oh my God, wir müssen die Polizei rufen!“, ruft Jake, den sonst so schnell nichts aus der Ruhe bringt. „Der sieht ernsthaft krank aus!“
Wir beobachten, wie der Mann, der nicht Pat heißt, auf Larry zugeht, dann aber ausrutscht und geradewegs auf den schon liegenden Mann fällt.
„Meinst du, wir sollten einen Krankenwagen rufen?“, frage ich, jetzt auch etwas besorgt. Nachdem minutenlang keiner der beiden sich bewegt, greift Jake endlich zum Telefon.
„Hallo? Ich rufe wegen einer Schlägerei vor einem Pub in der Holloway Road an, es sieht ziemlich böse aus“, fängt er an, dem Notrufdienst zu erzählen.
„Ja, gleich außerhalb des Floiríns, wir sind im Haus gegenüber.“
Wenige Minuten später schon hören wir das Tatütata der Polizei und wir schauen einander erleichtert an. Aber wo sind Larry und Pats Bruder? Der elende Haufen von Körpern ist plötzlich wie vom Erdboden verschwunden.
Ich lehne mich weiter aus dem Fenster, schaue in alle Richtungen, doch nirgendwo sind die Totgeglaubten zu sehen.
Jake stößt mich an: „Das gibt es doch nicht! Da sind sie.“ Er zeigt auf zwei sich in den Armen liegende Männer auf unserer Straßenseite, die die besten Freunde zu sein scheinen.
„Komm, ich lade dich noch auf ein Guinness ein, Pat, und mache es wieder gut.“
„Ich heiße nicht Pat, verdammt noch mal!“
„Halt den Mund und trink noch einen mit mir! Komm schon.“
Das Polizeiauto fährt langsam die Straße runter an ihnen vorbei. Einer der Polizisten schaut zu unserem Fenster herauf.
Jake duckt schnell den Kopf.
„Meinst du, wir bekommen jetzt Ärger, weil wir die Polizei umsonst gerufen haben?“
„Wir konnten ja nicht wissen, dass die beiden sich so schnell wieder vertragen.“
„Stimmt, es hätte ja auch ernst ausgehen können.“
Ich werfe einen letzten Blick aus dem Fenster. Das Polizeiauto entfernt sich langsam, während die beiden Männer nebeneinander die Straße entlangtaumeln. Ein Mann mit buschigem Schnurrbart kommt ihnen entgegen und wirft ihnen einen wütenden Blick zu. Es ist Mr Iqbal vom Red Rose.
„Good evening, Larry. Long not ordered!“ Er läuft kopfschüttelnd weiter.
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