Ein Jahr in London, Reise in den Alltag
November
Mein Akzent im Englischen nähert sich mittlerweile der Perfektion. Anstatt des Tie-Äitsch benutze ich wie alle echten Londoner ein „f“, also „I fink“ anstatt von „I think“, was sowieso einfacher ist, und „fru“ anstelle von „through“, das „h“ am Wortanfang lasse ich einfach weg, und das obligatorische „isn’t it?“ am Satzende kürze ich in ein schneidiges „innit?“ ab.
Und trotzdem sind die Schüler nicht zufrieden.
„Seit wann wohnen Sie noch mal in England?“
„Seit vier Monaten.“
„Und Sie haben immer noch so einen schlimmen Akzent? Unglaublich.“
Dank meines für sie unaussprechlichen Nachnamens habe ich dann auch bald einen Spitznamen: „Miss Terminator“.
Meistens bin ich aber sowieso einfach nur „Miss“ – „Miss, ich habe keinen Stift“, „Miss, ich muss unbedingt aufs Klo“. Die Kinder fragen mich nach der Übersetzung und ich komme ins Stocken.
„Fräulein, Tim hat mir gerade eine runtergehauen, darf ich ihn zurückschlagen?“ hört sich genauso komisch an wie „Frau, Sie haben da ein bisschen Salat zwischen den Zähnen kleben“.
Im Englischen gibt es für das weibliche Geschlecht drei Anreden zur Auswahl: Miss, also Fräulein, nicht verheiratet; Mrs, gleich Frau, verheiratet; oder Ms, ein Zwischending, das allerlei bedeuten kann: eine Mrs, die das Extra-„r“ zu bieder findet, eine Miss, deren feministische Einstellung sie zur Ablehnung des verniedlichenden Ausdruckes bewegt, oder ich, die sich mit dreißig einfach ein bisschen zu alt vorkommt, noch Fräulein genannt zu werden. Als Lehrerin aber ist man in England eine „Miss“, ob man es mag oder nicht, und das gilt genauso für die 23-jährige Referendarin wie auch für die 62-jährige Fachschaftsleiterin und zweimalige Großmutter.
Trotzdem, finde ich, kann ich den Kindern nicht einfach beibringen, mich als „Fräulein“ anzureden, denn sie sollen doch schließlich lernen, sich in Deutschland zu verständigen, und da käme das „Fräulein“ nun bei den wenigsten erwachsenen Frauen gut an.
Also werde ich von nun an „Frau“ genannt, obwohl vielen auch gar nicht klar ist, was das nun wirklich zu bedeuten hat.
„Ist ‚Frau‘ Ihr Vorname, Miss?“, fragen mich etliche Schüler.
„Die anderen Lehrer verraten uns ihre Vornamen gar nicht, macht man das so in Deutschland?“
Für sie ist von nun an klar: Vorname – „Frau“, Nachname – „Terminator“.
Das Frau-oder-Fräulein-Problem bringt mir aber auch Schwierigkeiten anderer Art. Miss Miller beginnt jede ihrer Schulstunden mit einem begeisterten „Guten Morgen, die Klasse!“, was ich niemals wagen würde, in Frage zu stellen. Schließlich ist Miss Miller meine unmittelbare Vorgesetzte und ich auf ihre Gunst angewiesen.
Doch als ich während einer Freistunde in meinem Klassenzimmer sitzend Hefte korrigiere, höre ich, wie einige Kinder in ihrer Klasse nebenan auf ihren Gruß nicht mit ihrem normalen „Gut Morgen, Fräulein!“ antworten, sondern mit „Guten Morgen, Frau!“ Ein paar Sekunden wird es still, dann sagt sie drohend: „Frau? Wer hat euch beigebracht, das zu sagen?“
„Miss Terminator! Und die ist schließlich Deutsche!“
Als wir uns in der Pause im Lehrerzimmer sehen, wirft sie mir einen eisigen Blick zu, und mir fällt Maddies Warnung ein, mich vor ihr in Acht zu nehmen.
Der November ist für viele Londoner ein schlafloser Monat, denn am fünften November ist Bonfire Night. Und an diesem Tag ist es Pflicht, so viele Raketen, Heuler und Böller wie möglich abzuknallen.
Bis 1959 war das Nichtfeiern sogar gesetzlich verboten: Wer nicht feierte, war ein Staatsfeind, denn schließlich wird mit den Feuerwerken der Hinrichtung Guy Fawkes gedacht, der im Jahre 1605 Hochverrat beging und versuchte, das englische Parlament in die Luft zu jagen. Und zwar, um sich gegen die Unterdrückung der Katholiken im Lande einzusetzen.
Aber da die Briten sich nicht so eng an Regeln halten, nehmen sie es auch mit dem Jahrestag nicht ganz genau – knallen tut es schon Wochen vorher, und zwar in einer das Trommelfell schädigenden Lautstärke. Denn während man bei uns zu Silvester ausnahmsweise für ein paar Tage Feuerwerke der Kategorie 2 erstehen kann, ist es hier kein Problem, Knaller mit Stärke 3 oder 4 und so beeindruckenden Namen wie „Koloss“ und „Urknall“ zu kaufen.
Als wieder einmal um zwei Uhr nachts ein Böller nach dem anderen mit der Unaufdringlichkeit eines Düsenjägers direkt vor unserem Haus gezündet wird, klopfe ich an Yitkees Tür, aus der noch ein Lichtstrahl fällt.
„Schläfst du auch noch nicht?“
„Ich schlafe im November immer tagsüber“, entgegnet Yitkee resigniert.
„Aber es sind nur noch zwei Tage bis zum fünften, und anschließend wird es für ein paar Tage ruhiger.“
„Für ein paar Tage?“, frage ich, Böses ahnend.
„Ein paar Tage ist Ruhe, wenn wir Glück haben, und dann ist Diwali. Das Lichtfest der Hindus ...“
„... und das wird mit Raketen und Knallern gefeiert“, beende ich seinen Satz. Hindus gibt es in London eine Menge, schließlich war Indien mal britische Kolonie. Bis Diwali, denke ich allerdings, werde ich wohl einen solchen Schlafmangel haben, dass das ganze Haus explodieren könnte, ohne mich zu wecken.
Aber Mr Fawkes’ gescheiterter Sprengstoffanschlag hat auch seine guten Seiten: Überall in der Stadt gibt es riesige Feuer, und das größte und beliebteste findet gleich um die Ecke statt. Auf dem Hügel von Primrose Hill.
Da der Fünfte in diesem Jahr auf einen Montag fällt, wird die „Bonfire Night“ aus praktischen Gründen halt ein paar Tage vorgeschoben. Die Feier findet also am Samstag statt, um acht Uhr abends, und schon vom frühen Nachmittag an füllen sich langsam die Straßen. Immer mehr Menschen strömen unsere Straße entlang Richtung Park, und die Pubs sind so voll, dass die Leute an allen Ecken auf die Bürgersteige drängen.
Wie immer gut organisiert, hat Yitkee ein paar Leuchtkerzen besorgt, und um auch Teil des Geschehens zu sein, stehen wir zu zweit auf unserem Balkon und schwenken die flimmernden Stäbchen elegant durch die Luft.
„Auf den Hügel müssen wir aber auch, oder?“, frage ich, als es langsam Zeit wird für den Beginn des Feuers.
Wir lassen uns also von den Massen Richtung Park mitreißen. Alle umliegenden Straßen sind abgesperrt, Autos würden bei diesem Gedränge sowieso nicht durchkommen, und der Bürgersteig ist bedeckt mit abgebrannten Leuchtkerzen, weggeworfenen Dosen und Chipstüten. Als wir die Häuser hinter uns lassen und den steilen Berg des Parkes hinaufgehen, wird das riesige Feuer gerade angezündet. Es ist ein toller Anblick – auf der einen Seite die lodernden Flammen, auf der anderen in der Ferne die Lichter der Londoner Innenstadt. Und dazwischen glückliche Kinder, die versuchen, so nahe wie möglich an die Flammen heranzukommen, bis sie vom Sicherheitspersonal zurückgewiesen werden, woraufhin sie einen kleinen Bogen machen und es stattdessen auf der anderen Seite versuchen.
Insgeheim hoffe ich darauf, Jake hier zu treffen. Schließlich wohnt er im benachbarten Highgate und den Menschenmassen nach zu urteilen ist ganz Nordlondon hier versammelt. Nachdem ich ihn vor einigen Monaten mit seiner Freundin hier im Park gesehen habe, kann ich mich unmöglich bei ihm melden, aber vermissen tue ich ihn trotzdem. Doch das einzige bekannte Gesicht unter den Tausenden ist Barry.
„Yitkee, deine Miete ist schon seit zwei Tagen fällig!“, ruft er uns von weitem zu. Yitkee schaut beschämt auf den Boden.
Barrys drei kleine Jungen, alle in dieselben Kniebundhosen und Schirmmützen gekleidet, laufen immer näher an das Feuer heran, während seine Frau verzweifelt versucht, sie aus der Gefahrenzone herauszuziehen. Nicht nur haben Barry und seine Frau Mary schon selbst reimende Namen, auch haben sie ihre beiden älteren Jungs auf Larry und Harry getauft. Nur der kleinste, Jamie, passt nicht ganz dazu, was ihn sicherlich zum schwarzen Schaf der Familie werden lässt, befürchtet Yitkee.
„Sie hätten ihn doch Terry nennen können. Oder Jerry“, schlägt Yitkee vor. „Vielleicht kommen ja noch ein paar Kinder nach“, tröste ich ihn.
Die anderen Anwesenden bei dieser Bonfire Night sind ein buntes Gemisch aus vornehmeren Primrose-Hill-Bewohnern, Familien, die es sich trotz Kälte mit Picknickkorb und Decken auf dem Gras gemütlich gemacht haben, aus Bierdosen trinkenden Jungs und ein paar vereinzelten Touristen.
Um neun Uhr geht das Feuerwerk los. Der Geruch verbrannten Holzes mischt sich mit dem Schwefeldunst der Raketen. Zugleich wird eine Strohnachahmung Guy Fawkes’ ins Feuer geworfen und lodert innerhalb von Sekunden hell auf.
„Ich bin Ire und damit katholisch. Diese Verbrennung eines guten Katholiken wie Guy Fawkes kann ich eigentlich nicht befürworten, ich bin nur meiner Kinder zuliebe hier.“ Jeweils eine Bierdose in der linken und rechten Hand balancierend, erzählt Barry allen Besuchern Geschichten aus seinem Leben, während das Feuerwerk langsam ausklingt und Yitkee und ich uns wieder auf den Weg nach Hause machen.
Die Bonfire Night ist vorbei, aber jetzt wird es wirklich Zeit, sich auf Weihnachten vorzubereiten. Die Geschäfte übertreffen sich schon seit Oktober gegenseitig mit ihren überschwänglichen Weihnachtsdekorationen und die ersten Tannenbäume gibt es auch schon zu kaufen.
„Die stellt man bei uns erst an Heiligabend auf“, erkläre ich Elli bei einem Einkaufstrip.
„Aber da hat man dann ja nur so kurz was davon! Wir stellen unseren Baum normalerweise am 1. Dezember auf und am 6. Januar wird er wieder weggeräumt, sonst bringt er einem Pech.“
Dadurch erklärt sich vielleicht die englische Vorliebe für Plastikbäume, denn welcher echte Tannenbaum hat nach fünf Wochen Heizungsluft noch viele Nadeln?
Eine sechswöchige Flut von Weihnachtskarten beginnt: Ich bekomme Karten von meiner Bank, von meiner Arztpraxis, sämtlichen Kollegen, und sogar von Tony Blair. Der grinst samt seiner Familie von der Tür von Number 10 aus dem Betrachter entgegen. Eine Milliarde Christmas Cards werden jährlich in Großbritannien verschickt, und es ist Brauch, seinen eigenen bescheidenen Anteil davon auf der Kommode aufzustellen oder besser noch auf dem Kamin. Viele englische Familien legen sich extra zu diesem Zweck einen Plastikkamin zu, der weder einen Rauchabzug noch eine echte Flamme hat, sondern aus nachgebildetem Keramikbrennholz und einer Gasflamme besteht. Ohne ein solches Kamin-Imitat ist das englische Wohnzimmer einfach kein Wohnzimmer, und außerdem fehlt sonst der geeignete Platz für die jährliche Kartensammlung.
Und wenn die Kartenkollektion zum größten Teil aus kitschigen Teddybär- und Rotkehlchenmotiven besteht, ist das ganz egal, solange eine akzeptable Anzahl von Karten zur Schau gestellt werden kann. Denn hieran kann man messen, wie beliebt ein Brite bei seinen Landsleuten ist. Wenn jemand behauptet, er finde diese Kartenprahlerei albern, und das Ganze gar als ungesundes Wettbewerbsdenken abtut, handelt es sich ganz ohne Frage um den unbeholfenen Studenten von nebenan, der jedes Jahr nur einen Gruß von seinen Eltern erhält.
Auch ich habe noch lange nicht die erwünschte Menge an Karten vorzuzeigen, doch dem ist leicht Abhilfe zu schaffen: Ich hänge meine zwölf schon erhaltenen Karten an eine Wäscheleine, die an der Wand entlangläuft und einem sofort beim Betreten meines Zimmers ins Auge fällt. Noch muss ich die Karten weit auseinanderhängen, um einen Schein von Fülle zu erzeugen, doch ich habe einen Plan. Je näher die Weihnachtsferien rücken, desto entspannter wird der Unterricht an der Schule, und ich beschließe, dass es an der Zeit sei, einige Kartenbastelstunden einzufügen. „Unser Lernziel für heute: Merry Christmas auf Deutsch sagen zu können, und Miss Regeniters Wäscheleine bis zum Bersten mit Karten zu füllen.“
Es gibt sogar einen Preis für die schönste Karte, und so schneiden, kleben und malen sämtliche meiner Klassen Stunde um Stunde höchst angestrengt und produzieren eine Karte nach der anderen.
„An wen sollen wir die Karten denn adressieren?“
„Ja, an mich natürlich“, sage ich und wende mich schnell dem nächsten Schüler zu. Gott sei Dank stellt keines der Kinder meine Anweisung in Frage, und so habe ich bald buchstäblich Hunderte von persönlich an mich geschriebenen Weihnachtskarten. Und da das Basteln den Kindern sehr viel mehr Spaß macht als Vokabeln zu lernen, sind auch die Unmotiviertesten eifrig bei der Sache. Sam, der sich sonst nur durch seine unbeschreibliche Frechheit auszeichnet, schreibt: „For Miss, Frohlich Weinnacht. Ruten Gutsch in Neues Jahr. Viel Leibe von Sam. Kußchen, Kußchen, Kußchen. PS: Deusch is gutt.“ Ich bin sehr gerührt und gebe der Karte einen Ehrenplatz an meiner Wäscheleine.
Am Ende muss ich sogar noch zwei weitere Schnüre aufhängen, um genug Platz zu machen für all die Weihnachtsgrüße. Wer auch immer jetzt mein Zimmer betritt, muss denken, ich wäre entweder höchst berühmt oder hätte soeben im Lotto gewonnen, denn wie sonst wäre meine ungemeine Beliebtheit zu erklären?!
Nicht jeder ist jedoch von meinem Weihnachtsschmuck so angetan wie ich selber.
„Mamma mia, was ist denn in deinem Zimmer passiert? Und es ist doch noch nicht einmal Dezember!“, ruft Felice, als er meine neue Dekoration zum ersten Mal zu Gesicht bekommt. Elli hingegen, die natürlich schon von klein auf mit dieser Kartenkonkurrenz zu kämpfen gehabt hat, ist beeindruckt, wenn sie dies auch nur mit typisch englischem Understatement zu verkünden wagt: „Mhh, nicht schlecht. Die eine oder andere Karte hast also selbst du bekommen.“
Ich bin sehr stolz und fühle mich endlich richtig in die englische Gesellschaft eingegliedert. Jetzt fehlt nur noch der Kamin und alles ist perfekt. So denke ich jedenfalls, bis mich einige Tage später ein Mädchen in meiner Klasse anspricht.
„Warum haben Sie denn keine Karten in Ihrem Klassenzimmer? Hat Ihnen denn noch niemand eine Weihnachtskarte geschickt? Miss Miller hat bestimmt schon fünfzig an ihrer Wand hängen!“
Zur Freude meiner Schüler fangen die Kartenbastelstunden also wieder von vorne an, und diesmal bitte ich darum, auch einige unbeschriftete Karten zu produzieren. Denn das Kartenschicken kann einem auch finanziell an den Kragen gehen: Wenn man bedenkt, dass der Durchschnittsbrite um die fünfzig Karten pro Jahr verschickt und noch dazu das Porto bezahlt werden muss, kommt eine ordentliche Summe zusammen.
Gerade jetzt, wo ich vom Kartensammeln und Kartenschicken beansprucht bin und gerade erst mein Schlafdefizit vom Beginn des Monats wieder wettgemacht habe, denken sich meine Nachbarn leider eine neue Schikane aus, um mich in den Wahnsinn zu treiben.
Zum ersten Mal bekomme ich davon Wind, als ich beobachte, wie der Mann vom Haus schräg gegenüber langsam eine rote Plane vom Dach abseilt, die fast bis zum Boden reicht und alle Fenster an der Hausvorderseite bedeckt.
Ich überlege mit Schrecken, dass die Nachbarn wahrscheinlich ihr Haus renovieren und von nun an von sieben Uhr morgens am Bohren sein werden.
Die Wahrheit ist natürlich viel schlimmer. Im Laufe des Tages wird die Plane von einem der Zimmer aus mit Luft aufgepumpt und nimmt immer mehr an Form an. Schließlich wird mir klar: Die rote Plane ist ein aufblasbarer Plastikweihnachtsmann, der in seiner vollen Größe ein Viertel der Hauswand einnimmt und aussieht, als wäre er gerade auf dem Weg zum Schornstein, um dort Geschenke abzuliefern. Der schöne Blick von meinem Balkon ist wohl für die nächsten Wochen erst Mal zerstört.
Doch es soll noch schlimmer kommen.
Mit dem Weihnachtsmann ist bei meinen Nachbarn noch lange nicht das Ende der diesjährigen Dekoration erreicht. Es fängt jetzt erst richtig an.
Neben dem Weihnachtsmann erscheinen auf dem Dach balancierend ein giftgrünes Plastikrentier, dessen Augen im Wechseltakt rot blinken, und unzählige neonfarbene Sterne, die an den wenigen noch freien Stellen an der Hauswand befestigt sind. Und auch diese blinken unnachgiebig. Nun ist dies nicht nur ästhetisch einfach nicht akzeptabel, finde ich, sondern es verspricht schlaflose Nächte für sämtliche Nachbarn in der näheren Umgebung. Denn Rollläden gibt es nicht in England.
In der ersten Nacht mache ich kein Auge zu, denn in meinem Zimmer flimmert es, als wären fünf Blaulichtwagen direkt vor meinem Fenster geparkt. Fast denke ich an Umzug. Doch einige Tage später lerne ich dann einen etwas sympathischeren Nachbarn kennen, dessen Anwesenheit meine Straße wieder aufwertet: Als ich an einem Samstagmorgen in dem kleinen Supermarkt direkt neben dem grünen Hügel von Primrose Hill etwas Gemüse für das Mittagessen kaufen will, steht in der Schlange vor mir ein Mann Mitte dreißig, der mit einem blondgelockten kleinen Jungen schimpft, der wie am Spieß schreit, weil er keine Gummibärchen kaufen darf.
„Wenn du nicht sofort aufhörst, musst du gleich ins Bett, du kleiner Strolch!“
Ich zucke zusammen. Irgendetwas kommt mir bekannt vor. Die Stimme kenne ich doch!
Nein, das kann doch nicht sein. Ich mustere den Mann vor mir genauer, dann schaue ich hinüber zum Zeitungsregal. Alle Blätter haben die gleiche Schlagzeile: „Jude Law entschuldigt sich für Affäre mit Kindermädchen“. Daneben große Bilder des Schauspielers, die ihn mit traurigem Blick in die Kamera schauend zeigen oder mit einem als Entschuldigung für seine Verlobte bestimmten Blumenstrauß im Arm.
„Jude voller Reue!“
„Sienna Miller trennt sich von Englands schönstem Mann!“
Ich schaue zurück zu dem Vater vor mir, der mittlerweile dem Jungen doch die Gummibärchen gekauft hat, um endlich Ruhe zu haben. Der Junge kreischt weiter.
Der schönste Mann Englands? Da steht er direkt vor mir, und ich habe ihn noch nicht einmal erkannt.
Ich merke plötzlich, dass meine Hände zittern und ich Mühe habe, das Brot und den Käse nicht auf den Boden fallen zu lassen. Dabei, so sage ich mir immer wieder, mag ich den Schauspieler noch nicht einmal besonders und sowieso ist es albern, Berühmtheiten wie ihm mehr Aufmerksamkeit zu schenken als Normalsterblichen.
Und trotzdem, irgendwas muss ich tun – diese einzigartige Gelegenheit, einmal Jude Law persönlich vor mir zu haben, kann ich doch nicht so einfach ohne ein Wort verstreichen lassen! Aber was?
Schon ist er an der Reihe und bezahlt, und ich habe nur noch wenige Augenblicke, um mir einen Plan auszudenken, mit ihm ins Gespräch zu kommen.
Was könnte ich nur sagen?
„Hallo Jude, diese ganze Sache mit der Affäre tut mir leid, ich hoffe, es renkt sich alles wieder ein“ – nein, das geht mich ja gar nichts an.
„Ich konnte Sienna noch nie leiden“ – das erst recht nicht.
„Dein letzter Film war wirklich super!“ – zu langweilig.
Es hilft alles nichts, er dreht sich um und geht zur Tür, und ich habe immer noch nicht den Mund aufgemacht.
Da verliert das Kind plötzlich das Gleichgewicht und fällt nach hinten. Es hätte sich sehr weh tun können, es hätte sich das Genick brechen können, aber wer kommt zu Hilfe? Ich!
Mit schnellem Griff rette ich den Jungen vor einem halsbrecherischen Fall, und für einen Moment krallt sich seine kleine Hand in meine, bis er dann heulend in die Arme seines Vaters entflieht.
„Oh, I’m so sorry, thank you so much!“, lächelt der mich an, während ich vor Glück fast dahinschmelze.
Doch das Einzige, was ich zur Antwort herausbringe, ist ein heiseres „no problem“.
Und schon ist er zur Tür hinaus und verschwunden.
Ich schwebe im siebten Himmel und schaue mich in der Hoffnung um, dass möglichst viele den Vorfall mitbekommen hätten. Doch die anderen Leute in der Schlange hinter mir schauen gleichgültig vor sich hin.
Irgendwie rutscht es mir dann doch raus:„That was Jude Law!“
Sind die denn alle blind? Die Frau hinter mir räuspert sich und lächelt beschämt, eine andere Frau verdreht die Augen, als wäre meine Bemerkung völlig fehl am Platze. Die Verkäuferin schaut mich mitleidsvoll an.
„Der kauft hier jeden Tag ein.“
Offensichtlich findet sie meine Aufregung sehr kindisch. Ich werde rot und schleiche gedemütigt aus dem Laden. Anders als der Rest der Primrose-Hill-Bevölkerung habe ich mich noch nicht daran gewöhnt, in unmittelbarer Nähe unzähliger Berühmtheiten zu wohnen.
Und so ist auch mein erster Gedanke, als ich aus dem Geschäft heraustrete, in welche Richtung Jude denn gegangen sei. Ich muss nicht weit blicken, denn dort läuft er, den Jungen an der Hand, genau in Richtung meines Hauses. Nun brauche ich ihn noch nicht mal heimlich verfolgen, schließlich muss ich ja sowieso in die gleiche Richtung, sage ich mir, während ich langsam hinter ihm herpirsche. Und tatsächlich biegt er dann rechts ab, direkt in meine Straße.
Mit zitternden Fingern ziehe ich mein Handy aus der Tasche und wähle Ellis Nummer.
„Elli, egal was du gerade tust, geh sofort ans Fenster und schau raus!“
„Was ist denn? Gibt es einen weiteren Blink-Schlitten? Oder ist es diesmal Homer Simpson als Weihnachtsmann verkleidet?“
„Nein, mit unserem Weihnachtsdeko-Fanatiker hat es gar nichts zu tun. Geh sofort zum Fenster, sonst wirst du es für immer bereuen.“
„O. k., na gut, dann ...“, sie klingt nicht gerade begeistert.
Währendessen gehe ich weiter hinter dem ahnungslosen Schauspieler her, der geradewegs auf das Haus gegenüber von unserem zusteuert, seinen Schlüssel herausholt und aufschließt.
Als ich, ohne anzuklopfen, in Ellis Zimmer hineinstürze, hat die sich schon wieder ganz ihrem Essen gewidmet.
„Was war denn, ich habe seit deinem Anruf ohne Pause aus dem Fenster gestarrt, aber außer dem langweiligen Nachbarn im Haus gegenüber, der gerade vom Einkaufen wiederkam, hat sich kein Blatt geregt.“
„Ja, aber hast du nicht gesehen, wer der Nachbar ist? Wirklich, Elli, hast du keine Augen im Kopf?“
„Ja, dieser Blonde, den sehe ich fast jeden Tag. Was soll denn mit dem sein?“
„Es ist Jude Law! Aber wirklich, Elli, dass du den nicht erkannt hast!“
Wir verbringen den ganzen Abend damit, hinter der Gardine in meinem Zimmer zu liegen und das Haus gegenüber zu beobachten.
„Mein Gott, wenn uns jemand sehen könnte“, sage ich, während ich die Vorhänge ein bisschen weiter zuziehe.
„Wir könnten immer behaupten, wir würden uns die Dekoration gegenüber angucken. Und nun mal ehrlich, wer würde nicht am Fenster liegen, wenn Jude Law im Haus gegenüber wäre.“
„Meinst du, wir können damit Geld machen, wenn wir Paparazzi Ausblick direkt auf sein Haus gewährten?“
Ich finde Ellis Idee nicht schlecht, aber mein Zimmer ist auch ohne einen Haufen gelangweilter Fotografen schon klein genug. Außerdem hält sich unser Jude sehr bedeckt, und die Momente, wo wir auch nur einen Schatten im Haus gegenüber erspähen, kommen höchst unregelmäßig.
Irgendwann beschließen wir, dass wir Jude Law eigentlich gar nicht mögen, er ziemlich hässlich ist und wir von nun an ganz blasé sein werden, liefe er uns denn dann doch noch mal über den Weg.
„Das ist übrigens schon die zweite Celebrity, die ich heute gesehen habe“, fällt Elli plötzlich ein. „Vorhin lief David Bowie die Straße runter. Und das ist die Wahrheit.“ Und dann läuft sie in ihr Zimmer und holt ein kleines abgegriffenes Buch heraus und öffnet es.
„Lach jetzt bitte nicht. Und erzähl es keinem weiter.“
„Was ist denn das?“
Sie zeigt mir die erste Seite. „Celeb Spotting“ steht da in eleganter Schrift.
„So wie Trainspotting?“ Ich denke an langweilige Männer in abgeschabten Jacketts, die tagaus, tagein an Bahnhöfen herumlungern und Zugnummern notieren.
„Sozusagen. In meinem Buchladen ist es immer so langweilig, dass wir angefangen haben aufzuschreiben, welche Promis bei uns reingekommen sind und etwas gekauft haben.“
„Aha.“ Ich schlage eine Seite auf.
„11. März: Mr Papadopolous. Buch: Chinesisches Essen.“
„Entschuldige, aber wer um alles in der Welt ist Mr Papadopolous?“
„Das ist natürlich der Waschsalonbesitzer aus Eastenders.“ Elli schaut mich ob meiner Ignoranz entsetzt an. Eastenders ist die englische Variante der „Lindenstraße“ und Elli ein großer Fan.
Ich lese weiter.
„22. Januar: Graham Coxon von der Band ‚Blur‘. Buch: Straßenatlas.
9. April: Suggs von ‚Madness‘. Buch: Das unterirdische London.
14. April: Kate Winslet. Buch: Shakespeares Hamlet.
28. Juni: Mr Bean.“
„Mr Bean war zu Besuch? Welches Buch hat er gekauft?“
„Gar keins. Er hatte sich verlaufen.“
„Weißt du was Elli, du solltest für die Klatschkolumne in der Sun arbeiten. Dann müsstest du den ganzen Tag nur in einem Café sitzen und Ausschau nach irgendwelchen Stars halten.“
„Ich weiß, wäre das nicht herrlich?“
Als wir kurz darauf aus dem Fenster schauen und eine Person, die verdächtig nach Madonna aussieht, vorbeijoggen sehen, befinden wir, dass wir wohl mittlerweile ein paar Gläser zu viel getrunken haben und es Zeit zum Schlafengehen ist.
„Hast du diese ganzen Leute wirklich gesehen? Oder sahen die nur so aus?“
„Nein, nein, das waren schon die Originale.“
Ich beschließe, mir auch so ein Buch anzulegen. Eine Eintragung kann ich ja schon machen.
„Mal sehen, wer in den nächsten sechs Monaten die meisten Promis sehen wird, du oder ich?“
„Kommt auf den Berühmtheitsgrad an. Michael Jackson werden wir vielleicht nicht sehen, aber jeder zweite Mensch in London tut schließlich so, als sei er Popstar, Schriftsteller oder Maler.“
„O. k., also für eine Möchtegern-Berühmtheit gibt es einen Punkt, richtig berühmt zwei Punkte und extrem berühmt, also papstmäßig, drei.“
„Abgemacht. Und der Gewinner bekommt?“
„Ein Abendessen im Ivy“, schlägt Elli vor. „Dann können wir uns mal selber wie Berühmtheiten vorkommen.“
Damit bin ich einverstanden. Aber dann fällt mir ein, dass ich mir bei den Preisen im Ivy, einem der besten und teuersten Restaurants Londons, wohl ein paar Tipps bei professionellen Paparazzi holen muss, um die Wette nicht zu verlieren. Einen Punkt für Jude Law habe ich ja schon einmal.
Ein anderes Ereignis verdrängt die Aufregung um die Celebrities in den folgenden Tagen. In jedem englischen Pub geschieht abends um Viertel vor elf etwas, was sonst nirgends auf der Welt passiert, es ist etwas, was einen Engländer erst zum Engländer macht. Egal, wie viel er schon getrunken oder gegessen hat: Um Punkt Viertel vor elf bestellt jeder Engländer, der was auf sich hält, noch mindestens ein Pint. Denn das war es dann für den Abend und man bekommt nirgendwo mehr einen Schluck Alkohol. Und das nur, weil die englische Regierung während des Krieges gegen die Trunkenheit der Soldaten vorgehen wollte.
Doch all dies soll nun anders werden, denn ab dem 25. November kann man nun auch in England bis ein Uhr nachts in der Kneipe sitzen, nein, sogar bis drei, vier oder fünf Uhr. Denn jeder kleine Pub kann nun, hat er sich rechtzeitig um eine Lizenz gekümmert, rund um die Uhr öffnen.
Den Boulevard-Blättern gefällt das gar nicht. In der Woche, bevor die Gesetzesänderung in Kraft tritt, könnte man denken, das Ende der zivilisierten Welt sei gekommen: „Sodom und Gommorha naht!“,„Das Königreich verfällt endgültig dem Suff!“ Solche und ähnliche Schlagzeilen wechseln sich ab mit den neusten erschreckenden Statistiken zum Binge Drinking. „Jugendliche fangen immer früher mit dem Binge Drinking an!“, „Einer von vier Erwachsenen ist schon ein Binge-Drinker!“
Den Begriff Binge Drinking, was auf gut Deutsch so viel wie „möglichst viel in möglichst kurzer Zeit trinken“ bedeutet, gibt es ausschließlich in der englischen Sprache. Denn obwohl Deutsche, Franzosen, Tschechen, ja selbst Luxemburger mehr trinken als die Engländer (die Briten erreichen auf der Alkoholkonsum-Rangliste nur einen schwachen 17. Platz), lassen sich alle diese Nationen ihr Glas Bier oder Wein in aller Ruhe schmecken. Während die Engländer eben dank der bisherigen Gesetze ihre tägliche Menge innerhalb kürzester Zeit runterschütten und dann dementsprechend betrunken werden.
Und so erhofft sich nun die Regierung, dass durch die Aufhebung der Elf-Uhr-Regelung auch das Binge Drinking zurückgehen wird, während konservative Blätter wie die Sun oder der Daily Express überzeugt sind, das englische Volk sei genetisch dazu verurteilt, viel auf einmal zu trinken – und dies nun halt rund um die Uhr tun werde.
Am Abend des 25. Novembers ist also das ganze Land sehr gespannt auf den Ausgang des heutigen Abends. Steht uns der Verfall der Nation bevor oder die magische Bekehrung der Binge-Drinkers in zivilisierte Kontinental-Trinker?
Elli, Felice und ich sitzen seit neun Uhr abends erwartungsvoll im Pembroke Castle um die Ecke und verfolgen die Geschehnisse. Fast vergessen wir vor lauter Aufregung, auch nur eine Runde zu bestellen, schließlich wird hier Geschichte geschrieben. Natürlich gibt es nur ein Gesprächsthema: Wir können uns heute Zeit lassen mit dem Trinken.
Doch je näher der magische Elf-Uhr-Schlag rückt, desto angespannter werden wir. Es ist zwanzig vor elf, unsere Gläser sind nur halbvoll, und normalerweise bleiben uns nur noch wenige Minuten, um ein letztes Pint zu bestellen. Felice und ich lassen uns nichts anmerken, doch Elli ist ein Beweis dafür, dass den Engländern bei der Geburt ein innerer Wecker mitgegeben wird, der sie um diese Zeit gewaltsam aufrüttelt.
„Ich bestelle noch eine Runde, ob es elf ist oder nicht.“
Felice spöttelt: „Danke, für mich erst mal nicht. Wie lange wird es wohl dauern, bis du deine 11 o’clock-paranoia loswirst?“
Ich schließe mich dem an, und so schiebt sich Elli für ein einziges Pint langsam in Richtung Bar – denn auch die anderen Anwesenden halten es mit ihren alten Gewohnheiten und bestellen noch schnell ein letztes Bier.
„Inglesi, eh!“ Felice schüttelt den Kopf. „Sie lieben ihre Rituale.“
Doch dann passiert das Unerhörte und der Barmann klingelt plötzlich mit seiner Schelle.
„Last orders, please!“
Felice und ich schauen uns verdutzt an: „Was ist denn jetzt schiefgegangen?“
Jetzt lacht Elli, die sich mittlerweile mit ihrem vollen Glas wieder zu uns gesetzt hat. „Ich habe dem Ganzen ja nie getraut. Das wäre einfach zu schön, um wahr zu sein, einfach so bis Mitternacht weitertrinken zu können.“
Als der Kellner das nächste Mal an unserem Tisch vorbeikommt, fragt ihn Felice aufgebracht, ob er denn von der neuen Gesetzgebung nichts mitbekommen habe.
„Doch, natürlich, aber die neue Lizenz ist teuer, und ich möchte schließlich auch nicht die ganze Nacht arbeiten.“
Dagegen kann man nichts sagen, und beim zweiten Klingeln und der Aufforderung, unsere Gläser jetzt aber bitte zügigst leerzutrinken, stehen wir schon auf der Türschwelle. Insgeheim bin ich froh, denn zwar werden weiterhin Betrunkene an meinem Fenster vorbeitorkeln, aber nicht die ganze Nacht.
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