Frauen
Der Zuschauer
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 2 Teile geteilt.
„Ich bitte Sie wiederholt, kein Korsett zu tragen“, zischte Elie hinter ihm, als
er Maud anband.
Das Gebrüll der anschiebenden Monteure hallte rhythmisch heraus, schon
schwebten sie auf Rue St. Honoré, die längste Straße Frankreichs.
Sie befuhren Rue de Courcelles, da fiel Paris ein geöffneter Fächer ihnen
entgegen. Elysée, Rue de Courcelles, Rue de Washington, Rue de Berry, die
Place Vendôme. Sie fuhren Place Concorde, die Tuilerien, die Mairie des achten
Arrondissements, das Ministère de l’intérieur. Sie schwebten auf einer sanften
weißen Kaskade, den Champs Elysés.
Sie fuhren Arc de Triomphe, fuhren das kochende Silber der Seine, fuhren
dunkelrot gebäumt Trocadéro. Fuhren Quai de Passy, Quai de Grenelles, Rue
Mozart, Porte Molitor, Avenue de Versailles.
Sie fuhren zurück: Rue de Vaugirard, Boulevard Raspail, gläsern der
Monparnasse. Fuhren Boulevard Port Royal, Boulmich, Bullier, Jardin du
Luxembourg. Notre Dame, Boulevard St. Germain, Jardin des Plantes.
Sie fuhren Halles Centrales, Quai du Louvre, Rue du Quatre Septembre, die
Börse, Gare de l’est. Fuhren Marcadet, Poissonnières, Porte du canal St. Denis.
Solang sie fuhren, spürte er Mauds Knie.
Sie fühlten das Herz plötzlich in den Schläfen: das Meer.
Sie jagten darauf zu. Ein Bienenhelm saß die Sonne auf der Fläche. Der
Rauch der Brandung verging in Mövenschwärmen. Wie eine Wolke hing das
Meer mit wilder Anmut zwischen den Kreidefelsen.
Harri schaltete aus. In streichelnder Grazie berührten sich die zartesten
Wellenkämme mit dem Gleiten des Flugzeugs, dann stießen sie auf den Strand.
Der Brandungsstreifen lief nach der Seezunge St. Valérie, mit vielen Booten
davor. Fischerknaben brachten Picknick. Im Anblick der Ruhe und des über das
Blau tief heraufsteigenden frühen Sommers bekam Maud Lust, die Tage der
Langweile und Ruhe vor dem Concours in die Normandie zu fahren. Elie nickte,
während die Fischerjungen anschlichen und ihr bunte Muscheln in den Schoß
warfen.
Aber als Harri unter dem Glasdach Abrahamowitschs sie holen wollte, sagte
Elie ab. Die Ausbalancierung der Libelle mußte auf ein Fabriktelegramm hin
noch einmal durch einen Rechentrick laufen.
Sie fuhren zu zweit allein, Maud nahm das Rad, sie fuhren direkt ans Meer,
erreichten es bei Le Tréport. Maud bog von der Landstraße ab und fuhr direkt
hinein, bis die Hinterräder in der Luft rotierten. Als sie die Strümpfe auszog,
stand sie gegen das Meer in Muskeln und Sehnen geschmeidig, eine junge
Athletin. Der Morgen jagte mit hellen dichten Wolken. In Eu strahlte es schon
. . . . . . Gamaches . . . . . . Dieppe. In St. Valérie tranken sie Schokolade auf der
Straße . . . . . . Fécamp . . . . . . Montvillier . . . . . . Le Havre . . . . . . Harfleur.
Die Seine wuchs ganz groß ins Meer. Über Deauville mit einem Tulpental
nach Caen. Sie ließ das Steuerrad nicht aus der Hand. Sie fuhren noch lang in die
Dämmerung, hörten den Meerschlag durch das Dunkel dann brechen. In einem
Dorf machten sie Halt mit einem übererhitzten Kühler, es ging nicht mehr.
Sie setzten den Apparat in Meerwasser, zogen sich für ein paar Stunden
zurück. Harri hörte nach einiger Zeit, aufs Bett ausgestreckt, die Matrosen und
Fischer unter dem Fenster. Sie grinsten, klopften sich den Bauch, ein Kupferkopf
stopfte einen Tabaksbeutel sich selbst ins Maul, zwischen den Öllampen und
Netzen humpelten fluchende Alte, breimäulig liefen sie nach dem Meer.
Als Harri ihnen folgte, sah er Maud aus dem silberüberschütteten Meer auf
den Sand kommen, mit einem tierisch hinreißenden, kaum unterbrochnen Weiß
der Haut und mit amazonenhafter Bewegtheit ihren Bademantel umwerfen.
Er sicherte, ohne daß sie es sah, ihren Rückweg. Eine Stunde noch lag er in
der Hitze auf seinem Bett. Eine Holzwand trennte sie. Jedes Geräusch kam durch die Fugen. Dann stand er auf, ging hinüber und klopfte.
Einen Augenblick zögerte sie an der Tür. Dann öffnete sie.
„Sind Sie sehr müde?“, sagte er ruhig.
Sie lächelte.
„Fahren wir weiter.“
Sie nahm die Mäntel und Decken:
„Gut.“
Mit Pfeifen und Gläsern voll Cidre torkelten die breitbärtigen Fischer im Hof,
die roten Boutons ihrer Mützen schwankten. Sie rissen die Mäuler auf, rollten
die Augen. Zum Schreien waren sie zu sehr betrunken. Sie hatten einen
schwerhörigen Kapitän in der Mitte, der sich bemühte, die Fäuste unterm Kinn,
sie zu verstehn und laut lachte, wenn sie nichts sagten. Er hatte nicht begriffen,
warum sie so erregt waren, aber er verstand, daß sie besoffen waren und gröhlte
am lautesten, als ob er es wüßte, warum.
Das Auto gab ihm bei der Ausfahrt einen Rand, daß er hinschlug, mitten in
das Geheul der anderen, die schon selbst beim Anblick der Abfahrenden
vergessen hatten vor Schnaps, warum sie verrückt auf die Bäuche sich schlugen.
Mit einer silbernen Fahrspur kam ihnen über der Chaussee der Mond
aufgezogen. Sie fuhren zwei Waldwege, fuhren einmal dicht am Meer, fuhren
durch Nebelwiesen, bissen mit vier Laternen Gespenstiges in das Gewoge.
Als sie wieder frei sahen, schob Harri ihre Hand mit einer
selbstverständlichen Bewegung vom Steuerrad.
Er fuhr.
Sie hinderte ihn nicht. Die Küsten fielen in großen Erkühnungen in den
Kanal. Der Vergaserhahn rotierte in seiner Hand. Er fuhr, daß Maud an den
Kurven sich hielt, um nicht hinauszufliegen. Fast träumerisch lagen ihre Augen,
ihre Glieder entspannten sich in einer weichen Gegebenheit, ihre Blick suchte
das Steuer immer, das er führte, suchte den Mond, der lilienweiß im Tag noch
stand, ging die Normandieküste nach Süden hinunter und fiel wieder auf seine
Hand. Sie ließ Grandville . . . . Abranche vorübergleiten, den elastischen
Halbkreis um die Bucht St. Michel. Als Harri hielt, lag in Orangesonne der
Hafen St. Malos unter ihnen.
Hier endete ihre vorgeschlagene Tour.
Ihre Lider trugen eine Weichheit, die von der Bai heraufkam und der sie sich
hingab, als kennte sie das nicht.
„Sie hätten mich lieben sollen“, sagte Harri.
„Zu spät.“
Sie wandte sich um. Er hörte nicht auf sie zu küssen.
Sie jauchzte in jede Umarmung hinein mit einer Kraft, die eine Verhaltenheit aufriß und in ihr ergoß. Glühend an seiner Seite fuhr sie zurück.
Am Tor des Hangars in Neuilly stand Elie. Sie sprangen beide aus dem
Wagen. Die Männer musterten sich einen Augenblick, Elies Pupillen waren sehr
weit geworden: „Die Konferenz hat eine andere Balanceberechnung ergeben. Sie
scheiden aus. Isaac fährt“
Beide sahen auf Maud.
Einen Augenblick schwankte sie, ob sie sich hinüberwerfen solle zu dem, der
sie in ein kaum geöffnetes Leben riß, aber als nichts von diesem her erfolgte, der
kühl und aufmerksam beobachtend dastand, wandte sie sich zu Elie, dem ihr
Fanatismus und die Arbeit sich entgegenwandte, und das Mitleid, daß seine
große Kraft einen Augenblick lang zur Entscheidung voll in ihren Händen lag.
Beim Start am andern Morgen weigerte sich Elie zu fahren, reagierte auf
keinen Aufruf und blieb nachlässig bei seiner Libelle. Das Publikum bedrohte
die Startrichter aus Angst, daß Intriguen gegen seinen Favorit dahinter seien. Es
war schon gereizt, weil Blériot am Morgen die weiße Fahne über sein Zelt hatte
hissen lassen.
Die Tribünen schimpften auf Blériot, der, wenn er fuhr, Gott war jederzeit.
Sie warfen mit Tomaten und Äpfeln nach seinem Zelt, nannten ihn Ölsardine,
Lapin, Birnensteiß.
Als Elie nicht kam, sondern stehn blieb, drückten sie über die Barrieren und
winkten ihm mit Tüchern zu. Beim zweiten Aufruf, als Elie stehn blieb, als höre
er nicht, tobten sie bereits, riefen seinen Namen. Ein Kurier lief zu Elie hinüber,
der sagen ließ, er fliege nur, wenn der Akzent seines Namens beim Aufruf
richtig eine Silbe nach hinten gelegt werde. Es gab eine Riesenovation, Harri sah
dahinter, daß Elie nervös war.
Kurz darauf stürzten zwei Flugzeuge ab, eines durch eine Vertikalbö, die es
umwendete, das andere, indem es in luftleere Trichter absackte wie ein Stein.
Die Stafette kam von dem kleinen Wald.
Nichts sei tot, schrie es noch, als Elie aufstieg.
Zweihundert Meter nahm der Flugrenner gurgelnd vor Wonne in
unverständlich schmalen Kreisen, dann schoß eine Querflamme durch den
Apparat, fraß die Flügel weg, sausend kam die Libelle vor dem seidigen Himmel
herunter. Als sie aufschlug, schrien die Monteure, die Frauen hielten die Augen
zu.
Die Stadtsergeanten sperrten den Hügel ab.
Isaac brachten sie tot. Elie schlug unter der Schläfenmassage die Augen auf.
Nach kurzem Besinnen frug er:
„Mein Bruder?“
Alle schwiegen.
Er senkte den Kopf. Strecken konnte er sich nicht mehr, der Oberschenkel,
der zerbrochen war, spießte ihm durch die Kleider, die eine Wange fehlte.
Er wurde ganz bleich:
„Die Fürstin?“, frug er seltsamerweise.
Er wagte es kaum, als man ihn nicht verstand, zu sagen:
„Maud.“
Man sagte ihm, der Sturz hatte ihr nichts getan, aber die Korsettstäbe hatten
die Lunge durchbohrt. „Frauen bleiben Frauen“, sagte Elie noch, eh er sich
umlegte und zu atmen aufhörte.
Als Harri aufsah, trat Blériot auf ihn zu. „Sie haben mich umsonst verlassen.
Immerhin haben Sie sich den Tod am Schluß geschenkt.“
Harri sah ihn an: „Hätte ich ihn bei Ihnen vermieden?“
„Sie hätten ihn vermieden“, sagte Blériot unerschütterlich, „aber Sie waren
nicht konsequent.“ Er zürnte ihm nicht, begriff ihn, sprach sein klares
schneidendes Urteil über die Dinge, womit er sie überwand.
Da kam ein Auto angefahren, am Kühler stand Shanvady, das Gesicht
bedeckt.
Seine Zähne zuckten in der Lippe. Der Wagen fuhr an den Sprunghügel
heran. Im selben Augenblick wurden die Leichen angetragen.
Shanvady sprang vom Wagen herunter, an die Bahre Mauds, zog das Tuch
zurück, neigte sich ein wenig, warf es wieder darauf. Ihr Kopf war nicht
entstellt, die Augen geschlossen, schräg und energisch über den Leib gelegt. Er
machte einen Schritt: „In meinen Wagen.“ Sie ward hineingebettet.
Ein Kommissär erbat seine Legitimierung. Da sagte Shanvady plötzlich mit
einer furchtbaren Blässe: „Meine Frau“ und zog den Hut.
Harri trat an den Wagen und legte die Füße Mauds, die heraussahen, unter die
Decke. „Ich wünsche Ihre Spur nicht wieder zu sehen“, sagte er in großer
Erregung zu Shanvady. Alle hatten die Hüte gezogen. Shanvady stieß einen
rauhen Ruf aus, sah nicht um, als er im Wagen mit der Leiche davonjagte.
Mittags mietete Harri das Atelier der Abrahamowitsch, Montparnasse, Ecke
des Boulevard, im sechsten Stock. Die Glaskuppe des Hauses füllte sich
morgens mit Sonne wie mit einem freundlichen Gas. Abends schwamm sie in
die heitere Dämmerung.
Doch auch der Tod vermochte ihn, der ihn so abgründig erlebt hatte, nicht
hineinzuzwingen in seinen Kreis. Er war nicht gebunden nachträglich an ein
Ding, das er begehrt, aber um das er nicht einmal gekämpft hatte. Er überwand
mit der gleichen Sicherheit. Die Erinnerung trieb immer tiefer und verblassender
in den Hintergrund des Todes hinein, der sie aufnahm in jene majestätische und
entfernte Haltung, an der Harri ablas Wert und Gültigkeit der Dinge. Es entfernte, verallgemeinerte sich, kam nicht auf ihn zu, sondern trieb mit den
dunklen Melodien unter ihm weg, die ihm jene Leichtigkeit und
Verantwortungslosigkeit gaben, die ihn zu fast erschreckendem Hochmut
erhoben.
Er hielt diesen Vorgang in sich nicht aus. Am ersten Tag ließ er die bunten
Vorhänge durch die Luken über seinem Kopf hinaus, flaggte das Atelier mit
gelben, roten, blauen Segeln. Am zweiten Tag fuhr er nach Meudon. Als ihn am
dritten vorm Bankschalter ein Hund in die Hand biß, daß er vor
Zähnezusammenbeißen ohnmächtig wurde, sah er aufatmend in Mädchenaugen,
hörte eine Stimme begütigend: „Léon.“
Das Gebiß des völlig erstarrten Hundes aber war eingeschraubt um die Hand.
Er hielt den Schmerz nur durch, gelähmt und bezaubert durch die Stimme,
während man telephonierte. Mit einer tobenden Schelle vorn gings über den
Boulevard ins Spital St. Lusac.
Ein seidenschnurrbärtiger Arzt beugte sich über ihn mit einer Phiole: „Wollen
Sie, daß der Hund lebt?“
„Hätte ich ihn sonst nicht getötet?“
„Es dauert fünf Minuten länger.“
„Wie heißen Sie?“, frug er das Mädchen.
„Aira Belmont“.
Er wurde ohnmächtig. Aus dem Institut Pasteur erfuhr er direkt, daß keine
Tollwutgefahr sei. Aira Belmont kam ihn zu sehen, vor Trotz und Scham
wortlos. Sie überging seine Verwundung. Sie dankte, daß der Hund lebe.
Sein Lachen verwirrte sie nicht, sie sah geradeaus und fiel nicht aus der
Haltung der holländischen Dame, die mutig und in aller Jungfräulichkeit von
Java aus Europa bereiste und ihre Gesellschafterin davongejagt hatte, um
unnahbar zu sein. Als, von der schreienden Concièrge verfolgt, der Hund bellend
hereinstürzte, verlor sie diese Geste, machte eine hülflose Bewegung und jagte
ihn mit einer entsetzlichen Ohrfeige hinaus. Lachend drehte sie sich um.
Entgeistert sah sie das Glasdach geflaggt.
Die Wärme ihres dunkel zitternden Organs zog ihn an. Die weltunwissende
Sicherheit des schlanken Körpers, dessen sachliche Eleganz nach Wiesen und
Klarheit duftete, und dessen junger Spannung gegenüber die Welt unerprobt und
voll phantastischer Neuheit lag, machte ihn zu ihrem Führer.
Er leitete sie den Rand der harmlosen Entzückungen vorsichtig entlang.
Durch ihn sah sie Paris in idyllischem Format. Er brachte sie zu Rufen der
Freude über die siebenundfünfzig Fruchtläden um Notre Dame de la Lorette.
An seinem Arm besuchte sie Kirmisse außerhalb der Stadtwälle und bog
zwischen Lampions und dem Schwung illuminierter Schiffschaukeln den Buden nicht aus, wo sie nach Pfeifen aus Ton und fliegenden Bällen schossen.
Er lehrte sie den Zauber der Imperiale, wo Meister Levage neben ihnen
murmelte, wenn sich der Omnibus durch dunkle Straßen bewegte, und seinen
Gäulen sein von der Angst der Autobusse, deren Einführung bevorstand,
umwölktes Alter erzählte und wie seit vierzig Jahren die empfindlichen Stellen
der Pferdehälse mit der Peitsche tuschte.
Schon blieb sie selbst stehen und durchbrach ihre Herkunft, als an den
Straßenecken die Roulettetische aufgeschlagen wurden, und Harri trug das Glas
mit Goldfischen, das sie gewann, auf einem Karussell und dann auf der
Bootfahrt im Bois, wo sie die Tiere befreiten unter den mispelfliegenden
Pappeln.
Er führte sie wieder in das Gewühl der Seinedampfer und brachte sie hinaus
an die Grenze, wo Wiesen und Wind aus Büschen der Stadt entgegenkam.
Aus Blumen, Bäumen, Wellen formte sich dann etwas in sie hinein von
seltsamer Kraft.
Etwas trat plötzlich in ihr Blut, das sie stark machte gegen ihn, ja ihn
manchmal dunkel bedrohte. Staunend sah er, wies das, was er an sie
heranbrachte, sich irgendwie gegen ihn verstärkt zurückwandte und ihn einem
Zustand zuleitete, der ein tiefes Aufmerken und ein Anschlag in seinem inneren
Hören war.
Ganz anders war Fontainebleau mit ihr, in neuer nie gesehener Landschaft
sproßte St. Germain. Ihre Blicke hatten etwas Unverborgenes selbst für ihre
eigenen Geheimnisse. Aber selbst ihre lässige schlanke Müdigkeit lehnte sich
mit einer wilden Kraft, die ihr von Margueriten und Rosen und der Abendluft
zuströmte, über ihn.
Als sie seine Geliebte ward, blutrot verschämt, mit dem Gedanken an ihre
verstorbenen Eltern, wie sie gestand, und voll von einem sanften Entsetzen, war
ihre Hingabe dennoch von so hemmungsloser Kraft, daß sie ihn mehr besaß als
er sie.
Morgens fuhren sie nach Versailles.
Als er am Ende aller Stufen im Gras am See, der die Terrassen auffing, auf
sie wartete, stand sie noch oben unter den hohen Schloßfenstern und wartete auf
den Wildentenpfiff.
Dann kam sie.
Da fühlte er eine Veränderung schon, wie die erste Terrasse sie aufnahm und
er begriff, wie das in sein Leben hineinfaßte und es bestimmte.
Er sah, wie alles sich plötzlich auf sie hinwandte, wie alle Menschen aus den
Taxushecken, den besonnten Bosketts, den geschlungnen Beeten die Augen nach
ihr hoben, wie die Natur fast in einer aussetzenden Sekunde sich ihr anschloß, See, Wiese und Guirlanden hineinströmten in diese abendliche Bewegung.
Die Marmorstufen, die rot und weiß unter ihren Schuhen sich streckten,
dröhnten leisselig die Minuten, die sie herabkam, von Treppenfall zu Treppenfall
gleich von sanft strömenden Kaskaden heruntergegeben. Es schien, als treibe
alles ihr nach in dieses Gleiten.
Und ebenso, wie sie den von den quecksilbernen tiefen Schloßfenstern
abgeblendeten roten Himmel mit sich herabzog, schloß sich an allen Stationen
des Herabgangs das Vorhandene an sie an.
Die Delphine und Tritonen liehen ihr das Ängstliche ihrer kühnen
Bewegungen. Diana drängte nach ihr den Busen. Die Königin der Frösche
wandte die glühende Achsel herüber. Der Flötenbläser sah zitternd in stummer
Betäubung zu ihr hinüber. Der rötliche Marmor Apolls selbst und die bronzenen
wilden Tiere erregten sich in einer fiebrigen Minute und beruhigten sich wieder.
Die Orangenbäume neigten in dem Vogelschweigen sich in eine flüsternde Brise.
Schmerzlich und verlassen standen die Göttinnen der unteren Terrassen und
wandten sich hinter ihr in das Dunkel der Laube.
Und nun begannen in ihrem Rücken die großen Wasserspiele aufzugehen und
sich tief in den Himmel zu drehen. Die Sonne hatte sich auf dem Teich
niedergelassen und schloß mit den schaumigen Köpfen der tanzenden Fontänen
oben zwischen zwei Vorhängen sie ab von der Welt.
Erschüttert frug er: „Wo ist Léon?“
Sie machte eine verhüllte Bewegung.
„Warum?“
„Weil ich dich liebte.“
„Tatest du es selbst?“
„Gestern abend. Ja.“
Sichere Konturen bekam, was sie besah. Stetigkeit hatte ihr Ausruhn, ihr
Spaziergang, ihre Liebkosung. Sie gliederte den Tag, die Leidenschaft, die Ruhe
mit einer bewegenden Anmut. Die Gegenstände empfingen von ihr Würde und
Haltung. Sie beherrschte einfach, was ihr entgegentrat, ohne es zu wollen und
auch das, was sie nicht begriff, mit der Ungebrochenheit ihres Wesens.
Saftigeres schälte sich ihnen nun heraus aus den Museen: Holbein, Ostade,
Bosch, Grünewald, Brueghel, Mäleskirchner. Da flossen Speisen überall,
knackte das Leben mit Orangkiefern sich auf, ward nach Gott explodiert, und in
Lehm und Spelunke, in Fisch, Frucht, Fleisch, Prasserei noch ein Haben
gefordert und endlich nackte Sicherheit gelassen vor das Schicksal gestellt.
Airas einfache Einstellung wußte jedes Urteil im Traum. Doch hielt sie auch
Oxygénée, was ein Purgier ist, für einen Vornamen. Unfaßbar, aber auch nicht zu
umspannen, stand sie an den Fenstern, die auf Paris hinabsahen, das irgendwo in einem apfelgrünen Himmel jäh ertrank.
Sie ging hinaus, als Petrovas Karte hereinkam, elegant der Mann hinterher.
„Ah?“ frug Harri. Petrova nahm einen Liqueur: „Sie sehen keine Veränderung.
Entweder kein Sou oder zwanzigtausend Francs in der Tasche hielt ich stets als
Prinzip.“ Harri lachte: „Sie waren nicht so bestimmt“. Petrova lächelte mit dem
Mundwinkel: „Das ist der Vorteil des Besitzes. Für einen Hungerleider ziemte
die unbestimmte, abenteuerlichere Haltung.“ Allein seine Sicherheit war nicht so
groß wie sein Auftreten. Er deponierte bei Harri fünfzigtausend Francs.
Ihn bangte immer vor dem Schicksal und er legte Reserven, aber sein Glaube
an Menschen war unbedingter wie an das Starre der Institutionen, er vermied,
abergläubisch, den Tresor der Banken wie Pest.
Mit einer älteren Dame, die im Auto ihn erwartete, entschwand er über den
Boulevard Port Royal aus dem Gesichtskreis.
Die Hitze fiel ein in Paris.
Auf den Boulevards kamen nachts Ratten herauf, fraßen die Absynthsäufer
an. Manche ohne Ohren, mit halben Nasen wurden in die Spitäler gerollt.
Die Seine fauchte wie ein fauler Fisch schillernde Gase aus. Das Viertel der
Großen Hallen stand eine geöffnete Kloake und stürzte Wolken Gestank in den
Himmel. Fein, kaum merkbar fror das Arom der zärtlichen Champs Elysés
zwischen den auf ihren Bänken geräuschlos Winterspeck ausschwitzenden
Rentnern und der erstarrten Verzauberung der sandigen Bäume. Selbst die
Militärmusik der öffentlichen Gärten klapperte nur verzweifelt mit gelben
Flügeln und schleifte doch nie die Töne bis an die erfrischendere Trommelfülle
der Fontänen.
Sie packten.
Harri öffnete die Luken, ließ die Windsegel hinaus. Die Kuppel strahlte von
Glas mit feuriger Steigerung. Die Straße unten lag noch voll Schatten.
Vom Auto, das sie rasch den Boulmich hinunter entführte, sahen sie zurück.
Mit blauen, gelben, roten Ballonen und Segeln gehißt, vom Morgenwind immer
wieder festlich gefüllt, schwamm die Kuppel ihnen weg in die Sonne.
Sie fuhren nach Holland.
Schon führte nicht mehr er, schon war in ihrer Heimat sie von keiner
Überlegenheit. Mit gleichen Augen bereits sahen von Nordereiland sie
Rotterdams Hafen, spürten die Viehherden über riesige Drehbrücken in dies
Loch Europas strömen, fühlten die Vorstädte mit Reis, Tabak und Tee sich füllen
wie eine gleichmäßige große Bewegung.
Mit gleich empfundener Melodie wie auf einer Spieluhr spulte vor ihnen in
s’Gravenhaage im Hotel des Indes das Speisen und Sichbewegen der
bevorzugten Sippen bei Flöten- und Geigenorchester sich ab, fiel abends die Gegengebärde der saftigen derben Leiber a Spuistraat dröhnend in dieselbe
Kadenz.
Fiel allabendlich in Amsterdam ein andres Weib in die ölgefleckte Gracht,
zog die Bluse kreischend aus und schüttelte den mächtigen Busen, so trugen sie
mit dem gleichen Lächeln den Vorgang sich zu, ebenso wie wenn vor ihrem
Blick hinter Zorgvliets Parks die Welt in Scheweningen mit Badeeifer den
Strand erhellte.
Sie fiel auf durch die schlanke Lässigkeit ihrer selbst im geringsten rassigen
Bewegung, er hatte selbst unter Amerikanern noch die beste Figur.
Der Abend ging vor ihnen von der Seeterrasse zurück und die Lichter der
Seebrücke begleiteten ihn noch eine Weile, bis Gesang aus den Pinken aufscholl
und mit glitzernden Fischnetzen der Lärm in den Hafen zurückkam. Sie sahen es
abebbend mit der Ruhe, vollsaugend sich mit Leben, immer im gleichen Puls.
Sie gewöhnten sich so aneinander, daß sie das gleiche schon empfanden, eh es in
ihren Gesichtskreis trat.
Erotische Landschaft spürten sie, wenn sie die Dampfer und Fregatten
meilenweit Spalier stehn sahen. Lust auf Kanälen zu fahren machte es ihnen
bereits, übernachteten sie auf Mühlen, duschte der Gastherr sich nackt morgens
im Garten. Wie unter Stichworten tröstete über dem Gestank des Judenviertels
sie der goldene Staub.
Hinter dem Prinsenhof an der Oute Delft gingen sie sogleich wortlos rasch in
die Wiesen, wo aus den Lindenkanälen und fetten Gräsern bis unter den letzten
erzitternden Horizont die Glocken schlugen. Da stand Aira wieder mitten in der
Frische, von jedem Erdstück, jedem Glockenschwung, die sie berührten, neu und
anders gerichtet. Nichts gab es an Wolke, Blau und Büschen, das sich nicht auf
sie richtete und seinen Reiz neidlos für sie hingab.
Aber so nah war sie dem Geheimnis ihrer Natur, die sie nicht kannte, daß sie
gewissermaßen zurück in Herz und Kern der Dinge einfiel und wieder schlank
und sehnig sich aus ihnen spannte. Stand sie zwischen Kühen, die von weither
zu ihr liefen, war etwas von ihrer wilden Anmut in den Weichen der Tiere, aber
die Sanftmut der ruhenden Tiere hatte in ihren Blicken ebenfalls Sitz.
Am Abend verließ sie ihn für wenige Tage. Sie kam zurück damit, daß sie,
ihr Vermögen zu regulieren, nach Java fuhr. Er lachte, als sie die Absicht
aussprach, daß sie, deren ganze Verwandtschaft dort unten wohnte, allein führe.
Er plänkelte eine Weile, aber wie ihr verschleierter Blick ihn warnte, mit
Zwingen dahin vorzustoßen, wo in ihren Hintergründen der Entschluß sich
festgesetzt, ließ er die Sache fallen, wie alles, was sich ihm entzog.
Obwohl ihn alles an ihr reizte, so lange ihre Herzen auf einem Akkord
hinliefen, überfiel ihn Müdigkeit in dem Augenblick, wo er verfolgen sollte, was ihn floh, und selbst für diese Frau schien Kampf im Augenblick ihm noch zuviel.
Sie setzten einen Termin, sprachen nicht mehr darüber, gaben sich Stunde
und Tag und sich selbst aufatmend einander wieder wie vorher.
Eine Woche lebten sie in zwei Dörfern, die eine Düne trennte. Auf dem
Kamm trafen sie sich morgens. Der Dünenfuß war mit Makrelen besät,
Vogelgezwitscher und Kuhgebrumm stand dahinter.
In einem Ewer fuhren sie dann in die schwerrollende See der Morgendünung.
Mittags booteten sie aus, bestiegen eine Eisenbahn, fuhren in einem kleinen
Wagen, bis sie sich zwischen den Dünen kaum mehr auskannten. Dann schlossen
sie eine Lagerhütte auf, rollten ein Boot ins Wasser, ruderten mit langen
Schlägen auf eine kleine Insel und zogen in das einzige Haus.
Eine Woche bremste weißköpfig das Meer die Welt ab. In der letzten Nacht
brach der gewittergeäderte Himmel unter einem pausenlosen Schlag. Harri
erwachte. Aira war nicht da. Das Haus war leer. Atemlos stürzte er in den
Garten. Da kam sie, umwölkt von dem Bodenduft, geschmeidig in der Haut, das
Hemd voll Blattzeug, auf den schlanken Hüften aus der mattschimmernden
Nacht, wie ein Stück dampfende Erde in seinen Arm.
Mittags kam ein Motor langsam um die Ecke und holte die Koffer. Abends
sahen sie durch die Rosenhänge der Veranda die Lichter des wartenden Autos an
der Küste. Sie schwammen hinüber, damit sie das Meer noch einmal koste, das
ihnen solange gemeinsam war. Im Schuppen zog sie sich um, küßte ihn. Auf
dem Strand der Insel drüben hörte er noch das Verrauschen des Autos am
Horizont.
Er gab sich der Ruhe hin, den Fischen, dem Mond, den Wellen, aber er hatte
zu geringes Maß Vertrauens auf sich gesetzt, als er seinen Elan nicht stählte, um
sie zu kämpfen.
Denn als sie fehlte, verdreifachte sich ihre Kraft, und aus jeder Schnecke,
jeder Muschel, jeder Welle, jedem Segel nahm sie Form an.
Ja selbst aus Dingen, zu denen er sich rettete, die ihn zerstreuten, aus Fischen,
aus Mond, aus Wellen trat sie heraus. Sie kam aus dem Weiß des
aufgeschlagenen Bettes, sie trat in den Schlaf, in den Traum, sie bezwang ihn mit
jedem Gegenstand, den er berührte.
In alles, was in Zusammenhang stand mit ihrem Wesen, war sie unverlierbar
gekettet, im Läuten des unsichtbaren Viehs hinter den Dünen klang ihre Stimme,
an den Lämmerwolken des Abends ruhte ihr Auge, im Flüstern des Schilfs war
ihre Stimme.
Aber sie hatten sich so sehr vertauscht, daß nicht die Dinge nur, die sie
berührt, sie ihm zurückbrachten jede Sekunde, sie war so eingegangen in seine
eigene Figur, daß der Klang seiner Stimme, das Schaukeln seines Schattens, daß selbst das Zittern seiner Hände nichts war als ihr Ausdruck, ihre Stimme, ihre
Anmut, und daß er, wenn es ihn überfiel vor Sehnsucht, sich fühlte, als sei in ihn
ihr Wesen eingezogen, und als sei sie wiederum auch er.
Am Strand, die Augen geschlossen, ertrug er den Schmerz nicht länger: seine
Heimat war von ihm gegangen. Dies Gefühl blieb. Alles andere hatte sich ganz
aus ihm gelöst.
Das spannte ihn wie ein Fell, auf dem es dröhnte, als er sich zerstreute,
zwischen Städten, Menschen, Schiffen nichts sah als sie.
Da fühlte er, daß er es nicht ertrüge ohne sie, er beschloß ihr zu folgen, aber
er war so sanft geworden, daß er schon anfing ihre Gedanken nicht nur zu
denken sondern zu leben, und damit er sie nicht störe, von niemand gesehen
werde und ihr nicht schade und sei es nur in ihrer ängstlichen Einbildung, nahm
er, nur im Drang ihr nah zu sein, Zwischendeck.
Sigfrid Brown, Makler, geboren Odessa, überschiffte er das Meer. Zum ersten
September legten sie in Samarang an. In der Dämmerung kam Aira Belmont mit
ihren Brüdern in einer Barkasse herüber und ging über das Deck in die Kajüte.
Er sprach sie nicht an.
Als sie zurückkam, stand er am Reeling in der Dunkelheit, die Barkasse legte
wieder an. Aber während sie die Treppe hinabstieg, stiegen ihm die Tränen in die
Augen vor besinnungslosem Schmerz.
Im selben Augenblick aber brach der Ring, mit dem der Tod sein Leben
eingekreist und ihm sein irrsinniges Erlebnisgrauen neben die nun spielerischen
Dinge stellte.
Aus dem Schmerz kommt eine wundervolle Klarheit in ihn gezogen, und
während das Liebste seines Lebens verschwindet, erglüht seine Seele zum
erstenmal voll Rausch. Und wie die geheimnisvolle Verbundenheit sich öffnet,
mit der sein Dasein dem Tod verschuldet war, tritt er heraus aus der Rolle des
Zuschauers in den heißen Kreis des Daseins, der schmerzt.
Sie fuhren nach Ceylon weiter. In dieser Zeit wandte er sich mit
Aufmerksamkeit an die Umgebung. Zwischen Matratzen und Läusen entging
ihm nichts. Bei einem Boxkampf zerschlug einer einem Steward die Nase. Die
Nigger walkten ihn, bis er schwoll.
Die Stickluft machte ihm eine Entzündung. Nachts brachen sie, wuschen die
Windeln, die Kinder schrien. Ein Ire, stiernackig und groß, fiel auf die Knie und
betete. Es entging ihm nichts.
Am letzten Tag starb einer an Tuberkulose. „Ausgespien“, schrie sein
Nachfolger in der Matte. Sie schmissen ihn, in einem Sack, mit einer
Kanonenkugel ins Wasser. Oben schossen sie. Unten sang man:
„Uns rettet nie ein höhres Wesen,
Kein Gott, kein König, kein Tribun,
Uns von dem Elend zu erlösen
Vermag nur unser eignes Tun.“
In der letzten Nacht ohrfeigte der Kapitän einen galizischen Rabbi, weil er
öffentlich die Gebetszeremonie machte.
Als Harri frug, warum er sich nicht empöre, gab er keine Antwort. Vor der
Landung riß er, nachdem er ihn in eine Ecke lockte, Bart und Haar herunter, er
sah Shanvady. Er suchte ihn zu überreden, mit ihm auszuschiffen, seine Rolle in
Europa hatte er hinter sich geworfen. Harri weigerte sich.
„Sie waren in Ihrer Unbeweglichkeit mein reizvollstes Experiment da
drüben“, sagte giftig Shanvady am Schluß, „was habe ich Ihnen nicht
entgegengeführt? Dies Land ist pleite drüben, denn selbst Sie vermochte ich
nicht zu fesseln, obgleich gerade Ihre Kühle mich reizte, Ihnen alle Raffinements
entgegenzustellen.“ Er ging allein von Bord. In der Nacht starb ein junger Mann
über Harri. Harri entschloß sich, zurückzufahren, die gleiche Tour.
Nichts trennte ihn mehr von den Kameraden, mit denen er fuhr. Der Strick
war durchgehauen, der ihn hin und her schwanken ließ zwischen den Schichten
mit dem Augenblick, in dem er Aira Belmont gehen ließ und sich darüber so
verändert fand.
Aus der Entsagung kam ihm eine wilde stete Kraft, die ihn weit über sich
selbst hinaus brachte an die Dinge und Menschen heran, die er früher nur sah
wie Gespenster, und an die er jetzt mit einer zähen Teilnahme sich geworfen
fand.
Er entschied sich gar nicht, die Sache war völlig klar. Mit Shanvady schied
der Vertreter, glänzend und repräsentativ einer Klasse, die nicht mehr baute,
nicht voran kam, nicht mehr stieg, sondern mit genialen Späßen das
Angesammelte der Jahrhunderte noch einmal mischte und mit Stöcken
umdrehte, bis sie, der Witze müde, floh.
Ihn aber gelüstete es ganz und neu, arbeitsam, gesichert, in das Verlassene
zurück.
Noch einmal legten sie in Samarang an. Die Barkasse fuhr herüber mit Aira
Belmont. Sie stieg an Deck mit ihren Brüdern. Die Mütze über das Gesicht
gezogen mußte er es am Reeling noch einmal sehen und ertrug es.
Währenddem trugen sie eine Frau an ihm vorbei ins Lazarett. Als sie ihn sah,
schrie sie „Harion“.
Er folgte der durch und durch Verfaulten und erfuhr noch, ehe sie in der
Nacht starb, aus den Papieren, daß es seine Mutter war.
Die Matrosen bliesen ein Hornsignal, das Schiff wendete. Harri sah zurück,
wo die Barkasse landete, sah Tage, Jahre vor sich voll Bitterkeit und ohne diese
Heimat, aber senkte nicht den Kopf. Durch die Strahlenbrechung des Lichts, die
die Küste weit über den Horizont hob, stob ihm durch das Segel in der
Dämmerung das Rot Schatten wie eine unsterbliche Bestimmung um seine
Schläfen.
Sie haben Frauen zu Ende gelesen
Kasimir Edschmid
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