Gedichte der Gefangenen: Ein Sonettenkreis

Ernst Toller · Kapitel 21 von 23

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Gedichte der Gefangenen: Ein Sonettenkreis

ENTLASSENE STRÄFLINGE 1918 (Meiner Mutter)

ENTLASSENE STRÄFLINGE

1918

(Meiner Mutter)

 

Sie träumen, Trunkne, durch vertraute Gassen,

Gefäß, darin ein Lichtmeer brandet,

In tausend Farben schäumt, im Asphalt strandet —

Form kann die Fülle noch nicht fassen.

 

Wie Auferstandne tasten sie mit durstgen Blicken

Nach Blätterknospen, die im Frühlingsatem schwellen ...

Sie streifen von sich modrig Kleid verwester Zellen

Und wachsen flammend auf in irdischem Entzücken.

 

Doch Stadt erschreckt sie jäh wie fremdgespenstig Land ...

Dann wieder sind sie tief in sich verklungen ...

Unendlich fern die Zeit, da sie gebannt

 

In grauen Sarg, und hohle Wände Totenlied gesungen.

Zerbrechlich lächeln sie, als ob sie irgendwo Erloschnes fänden,

Und streichen fremdes Kind mit scheuen, unbeholfnen Händen.