Gedichte der Gefangenen: Ein Sonettenkreis
ENTLASSENE STRÄFLINGE 1918 (Meiner Mutter)
ENTLASSENE STRÄFLINGE
1918
(Meiner Mutter)
Sie träumen, Trunkne, durch vertraute Gassen,
Gefäß, darin ein Lichtmeer brandet,
In tausend Farben schäumt, im Asphalt strandet —
Form kann die Fülle noch nicht fassen.
Wie Auferstandne tasten sie mit durstgen Blicken
Nach Blätterknospen, die im Frühlingsatem schwellen ...
Sie streifen von sich modrig Kleid verwester Zellen
Und wachsen flammend auf in irdischem Entzücken.
Doch Stadt erschreckt sie jäh wie fremdgespenstig Land ...
Dann wieder sind sie tief in sich verklungen ...
Unendlich fern die Zeit, da sie gebannt
In grauen Sarg, und hohle Wände Totenlied gesungen.
Zerbrechlich lächeln sie, als ob sie irgendwo Erloschnes fänden,
Und streichen fremdes Kind mit scheuen, unbeholfnen Händen.