Gesang des Abgeschiedenen

Georg Trakl · Kapitel 1 von 1

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Gesang des Abgeschiedenen

Gesang des Abgeschiedenen

Georg Trakl

 

Inhalt

 

In Venedig

Sommer

Sommersneige

Jahr

Abendland

Gesang einer gefangenen Amsel

Vorhölle

Gesang des Abgeschiedenen

Das Herz

Der Schlaf

Das Gewitter

Die Schwermut

Die Heimkehr

Der Abend

Die Nacht

IN VENEDIG

 

 

Stille in nächtigem Zimmer.

Silbern flackert der Leuchter

Vor dem singenden Odem

Des Einsamen;

Zaubrisches Rosengewölk.

Schwärzlicher Fliegenschwarm

Verdunkelt den steinernen Raum

Und es starrt von der Qual

Des goldenen Tags das Haupt

Des Heimatlosen.

Reglos nachtet das Meer.

Stern und schwärzliche Fahrt

Entschwand am Kanal.

Kind, dein kränkliches Lächeln

Folgte mir leise im Schlaf.

 

SOMMER

 

Am Abend schweigt die Klage

Des Kuckucks im Wald.

Tiefer neigt sich das Korn,

Der rote Mohn.

Schwarzes Gewitter droht

Über dem Hügel.

Das alte Lied der Grille

Erstirbt im Feld.

Nimmer regt sich das Laub

Der Kastanie.

Auf der Wendeltreppe

Rauscht dein Kleid.

Stille leuchtet die Kerze

Im dunklen Zimmer;

Eine silberne Hand

Löschte sie aus;

Windstille, sternlose Nacht.

 

SOMMERSNEIGE

 

Der grüne Sommer ist so leise

Geworden, dein kristallenes Antlitz.

Am Abendweiher starben die Blumen,

Ein erschrockener Amselruf.

Vergebliche Hoffnung des Lebens. Schon rüstet Zur Reise sich die Schwalbe im Haus

Und die Sonne versinkt am Hügel;

Schon winkt zur Sternenreise die Nacht.

Stille der Dörfer; es tönen rings

Die verlassenen Wälder. Herz,

Neige dich nun liebender

Über die ruhige Schläferin.

Der grüne Sommer ist so leise

Geworden und es läutet der Schritt

Des Fremdlings durch die silberne Nacht. Gedächte ein blaues Wild seines Pfads,

Des Wohllauts seiner geistlichen Jahre!

 

JAHR

 

Dunkle Stille der Kindheit. Unter grünenden Eschen Weidet die Sanftmut bläulichen Blickes; goldene Ruh. Ein Dunkles entzückt der Duft der Veilchen; schwankende Ähren Im Abend, Samen und die goldenen Schatten der Schwermut. Balken behaut der Zimmermann; im dämmernden Grund Mahlt die Mühle; im Hasellaub wölbt sich ein purpurner Mund, Männliches rot über schweigende Wasser geneigt. Leise ist der Herbst, der Geist des Waldes; goldene Wolke Folgt dem Einsamen, der schwarze Schatten des Enkels. Neige in steinernem Zimmer; unter alten Zypressen Sind der Tränen nächtige Bilder zum Quell versammelt; Goldenes Auge des Anbeginns, dunkle Geduld des Endes.

 

ABENDLAND

 

Else Lasker-Schüler in Verehrung

 

1.

Mond, als träte ein Totes

Aus blauer Höhle,

Und es fallen der Blüten

Viele über den Felsenpfad.

Silbern weint ein Krankes

Am Abendweiher,

Auf schwarzem Kahn

Hinüberstarben Liebende.

Oder es läuten die Schritte

Elis' durch den Hain

Den hyazinthenen

Wieder verhallend unter Eichen.

O des Knaben Gestalt

Geformt aus kristallenen Tränen,

Nächtigen Schatten.

Zackige Blitze erhellen die Schläfe

Die immerkühle,

Wenn am grünenden Hügel

Frühlingsgewitter ertönt.

 

2.

So leise sind die grünen Wälder

Unsrer Heimat,

Die kristallne Woge

Hinsterbend an verfallner Mauer

Und wir haben im Schlaf geweint;

Wandern mit zögernden Schritten

An der dornigen Hecke hin

Singende im Abendsommer

In heiliger Ruh

Des fern verstrahlenden Weinbergs;

Schatten nun im kühlen Schoß

Der Nacht, trauernde Adler.

So leise schließt ein mondener Strahl

Die purpurnen Male der Schwermut.

 

3.

Ihr großen Städte

steinern aufgebaut

in der Ebene!

So sprachlos folgt

der Heimatlose

mit dunkler Stirne dem Wind,

kahlen Bäumen am Hügel.

Ihr weithin dämmernden Ströme!

Gewaltig ängstet

schaurige Abendröte

im Sturmgewölk.

Ihr sterbenden Völker!

Bleiche Woge

zerschellend am Strande der Nacht,

fallende Sterne.

 

GESANG EINER GEFANGENEN AMSEL

 

Für Ludwig von Ficker

 

Dunkler Odem im grünen Gezweig.

Blaue Blümchen umschweben das Antlitz Des Einsamen, den goldnen Schritt

Ersterbend unter dem Ölbaum.

Aufflattert mit trunknem Flügel die Nacht. So leise blutet Demut,

Tau, der langsam tropft vom blühenden Dorn. Strahlender Arme Erbarmen

Umfängt ein brechendes Herz.

VORHÖLLE

 

An herbstlichen Mauern, es suchen Schatten dort Am Hügel das tönende Gold

Weidende Abendwolken

In der Ruh verdorrter Platanen.

Dunklere Tränen odmet diese Zeit,

Verdammnis, da des Träumers Herz

Überfließt von purpurner Abendröte,

Der Schwermut der rauchenden Stadt;

Dem Schreitenden nachweht goldene Kühle, Dem Fremdling, vom Friedhof,

Als folgte im Schatten ein zarter Leichnam.

Leise läutet der steinerne Bau;

Der Garten der Waisen, das dunkle Spital, Ein rotes Schiff am Kanal.

Träumend steigen und sinken im Dunkel

Verwesende Menschen

Und aus schwärzlichen Toren

Treten Engel mit kalten Stirnen hervor;

Bläue, die Todesklagen der Mütter.

Es rollt durch ihr langes Haar,

Ein feuriges Rad, der runde Tag

Der Erde Qual ohne Ende.

In kühlen Zimmern ohne Sinn

Modert Gerät, mit knöchernen Händen

Tastet im Blau nach Märchen

Unheilige Kindheit,

Benagt die fette Ratte Tür und Truh,

Ein Herz

Erstarrt in schneeiger Stille.

Nachhallen die purpurnen Flüche

Des Hungers in faulendem Dunkel, Die schwarzen Schwerter der Lüge,

Als schlüge zusammen ein ehernes Tor.

 

GESANG DES ABGESCHIEDENEN

 

An Karl Borromäus Heinrich

 

Voll Harmonien ist der Flug der Vögel. Es haben die grünen Wälder Am Abend sich zu stilleren Hütten versammelt; Die kristallenen Weiden des Rehs.

Dunkles besänftigt das Plätschern des Bachs, die feuchten Schatten

Und die Blumen des Sommers, die schön im Winde läuten. Schon dämmert die Stirne dem sinnenden Menschen.

Und es leuchtet ein Lämpchen, das Gute, in seinem Herzen Und der Frieden des Mahls; denn geheiligt ist Brot und Wein Von Gottes Händen, und es schaut aus nächtigen Augen Stille dich der Bruder an, daß er ruhe von dorniger Wanderschaft. O das Wohnen in der beseelten Bläue der Nacht.

Liebend auch umfängt das Schweigen im Zimmer die Schatten der Alten,

Die purpurnen Martern, Klage eines großen Geschlechts, Das fromm nun hingeht im einsamen Enkel.

Denn strahlender immer erwacht aus schwarzen Minuten des Wahnsinns

Der Duldende an versteinerter Schwelle

Und es umfängt ihn gewaltig die kühle Bläue und die leuchtende Neige des

Herbstes,

Das stille Haus und die Sagen des Waldes, Maß und Gesetz und die mondenen Pfade der Abgeschiedenen.

 

DAS HERZ

 

Das wilde Herz ward weiß am Wald;

O dunkle Angst

Des Todes, so das Gold

In grauer Wolke starb.

Novemberabend.

Am kahlen Tor am Schlachthaus stand

Der armen Frauen Schar;

In jeden Korb

Fiel faules Fleisch und Eingeweid;

Verfluchte Kost!

Des Abends blaue Taube

Brachte nicht Versöhnung.

Dunkler Trompetenruf

Durchfuhr der Ulmen

Nasses Goldlaub,

Eine zerfetzte Fahne

Vom Blute rauchend,

Daß in wilder Schwermut

Hinlauscht ein Mann.

O! ihr ehernen Zeiten

Begraben dort im Abendrot.

Aus dunklem Hausflur trat

Die goldne Gestalt

Der Jünglingin

Umgeben von bleichen Monden,

Herbstlicher Hofstaat,

Zerknickten schwarze Tannen

Im Nachtsturm,

Die steile Festung.

O Herz

Hinüberschimmernd in schneeige Kühle.

 

DER SCHLAF

 

Verflucht ihr dunklen Gifte,

Weißer Schlaf!

Dieser höchst seltsame Garten

Dämmernder Bäume

Erfüllt von Schlangen, Nachtfaltern,

Spinnen, Fledermäusen.

Fremdling! Dein verlorner Schatten

Im Abendrot,

Ein finsterer Korsar

Im salzigen Meer der Trübsal.

Aufflattern weiße Vögel am Nachtsaum

Über stürzenden Städten

Von Stahl.

 

DAS GEWITTER

 

Ihr wilden Gebirge, der Adler

Erhabene Trauer.

Goldnes Gewölk

Raucht über steinerner Öde.

Geduldige Stille odmen die Föhren, Die schwarzen Lämmer am Abgrund,

Wo plötzlich die Bläue

Seltsam verstummt,

Das sanfte Summen der Hummeln.

O grüne Blume --

O Schweigen.

Traumhaft erschüttern des Wildbachs

Dunkle Geister das Herz,

Finsternis,

Die über die Schluchten hereinbricht!

Weiße Stimmen

Irrend durch schaurige Vorhöfe,

Zerrissne Terrassen,

Der Väter gewaltiger Groll, die Klage

Der Mütter,

Des Knaben goldener Kriegsschrei

Und Ungebornes

Seufzend aus blinden Augen.

O Schmerz, du flammendes Anschaun

Der großen Seele!

Schon zuckt im schwarzen Gewühl

Der Rosse und Wagen

Ein rosenschauriger Blitz

In die tönende Fichte.

Magnetische Kühle

Umschwebt dies stolze Haupt,

Glühende Schwermut

Eines zürnenden Gottes.

Angst, du giftige Schlange,

Schwarze, stirb im Gestein!

Da stürzen der Tränen

Wilde Ströme herab,

Sturm-Erbarmen,

Hallen in drohenden Donnern Die schneeigen Gipfel rings.

Feuer

Läutert zerrissene Nacht.

 

DIE SCHWERMUT

 

Gewaltig bist du dunkler Mund

Im Innern, aus Herbstgewölk

Geformte Gestalt,

Goldner Abendstille;

Ein grünlich dämmernder Bergstrom

In zerbrochner Föhren

Schattenbezirk;

Ein Dorf,

Das fromm in braunen Bildern abstirbt.

Da springen die schwarzen Pferde

Auf nebliger Weide.

Ihr Soldaten!

Vom Hügel, wo sterbend die Sonne rollt,

Stürzt das lachende Blut --

Unter Eichen

Sprachlos! O grollende Schwermut

Des Heers; ein strahlender Helm

Sank klirrend von purpurner Stirne.

Herbstesnacht so kühle kommt,

Erglänzt mit Sternen

Über zerbrochenem Männergebein

Die stille Mönchin.

 

DIE HEIMKEHR

Die Kühle dunkler Jahre,

 

Schmerz und Hoffnung

Bewahrt zyklopisch Gestein,

Menschenleeres Gebirge,

Des Herbstes goldner Odem,

Abendwolke --

Reinheit!

Anschaut aus blauen Augen

Kristallne Kindheit;

Unter dunklen Fichten

Liebe, Hoffnung,

Da von feurigen Lidern

Tau ins starre Gras tropft --

Unaufhaltsam!

O! dort der goldene Steg

Zerbrechend im Schnee

Des Abgrunds!

Blaue Kühle

Odmet das nächtige Tal,

Glaube, Hoffnung!

Gegrüßt du einsamer Friedhof!

 

DER ABEND

 

Mit toten Heldengestalten

Erfüllst du Mond

Die schweigenden Wälder,

Sichelmond --

Mit der sanften Umarmung

Der Liebenden, Den Schatten berühmter Zeiten

Die modernden Felsen rings;

So bläulich erstrahlt es

Gegen die Stadt hin,

Wo kalt und böse

Ein verwesend Geschlecht wohnt,

Der weißen Enkel

Dunkle Zukunft bereitet.

Ihr mondverschlungnen Schatten

Aufseufzend im leeren Kristall

Des Bergsees.

 

DIE NACHT

 

Dich sing ich wilde Zerklüftung,

Im Nachtsturm

Aufgetürmtes Gebirge;

Ihr grauen Türme

Überfließend von höllischen Fratzen,

Feurigem Getier,

Rauhen Farnen, Fichten,

Kristallnen Blumen.

Unendliche Qual,

Daß du Gott erjagtest

Sanfter Geist,

Aufseufzend im Wassersturz,

In wogenden Föhren.

Golden lodern die Feuer

Der Völker rings.

Über schwärzliche Klippen

Stürzt todestrunken

Die erglühende Windsbraut,

Die blaue Woge Des Gletschers

Und es dröhnt

Gewaltig die Glocke im Tal:

Flammen, Flüche

Und die dunklen

Spiele der Wollust,

Stürmt den Himmel

Ein versteinertes Haupt.

Tag der Veröffentlichung: 27.09.2011

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