Ludwig Tieck's Schriften: Dreizehnter Band

Ludwig Tieck · Kapitel 27 von 32

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Ludwig Tieck's Schriften: Dreizehnter Band

Der erste Akt des Schauspiels: das Donauweib. 1808.

Der erste Akt

des

Schauspiels:

das Donauweib.

1808.

Erster Akt.

 

Erste Scene.

 

(Saal.)

 

Herzbold tritt mit Christoph und andern Dienern auf.

Herzbold.

Nun rührt Euch, rührt Euch, daß es einmal wird, Der Junker schilt, daß Ihr so lange trentelt.

Erster Diener.

Man kann nicht hier und allenthalben sein.

Herzbold.

Ich will Dir Beine machen, Tagedieb!

Und nichts vergessen, was zum Putz gehört,

Geschirre für die Pferde, denn zur Hochzeit gehn wir; Ich muß nachher nach allem selber sehn.

Diener ab.

Christoph.

Ihr thut so groß, und wenn nun endlich alles

In Ordnung ist, wird’s erst an Euch gebrechen.

Herzbold.

Hans Dampf! Du klug Dich Dünker! Meister Christoph! — Hast Recht; geh fort, mein Sohn, pass’ auf: zum Glück Hat keiner von den Schlingeln Dich gehört. —

Christoph ab, Jakob tritt auf. Da kommt mein lieber Kellermeister her;

Freund Jakob, habt Ihr noch ein Glas vom Guten?

 

Jakob.

Da, trink, wir steigen wohl nachher zum Keller,

Noch zum Valet den Unger zu versuchen. —

Doch warum nun so schnell, warum nicht lieber Noch etwas Ruhe? Ein’ge Tage später

Würd’ ihm das Herz nicht abgestoßen haben.

Herzbold.

Du kennst ja wohl die Jugend, alter Graubart,

Das treibt, das ängstet sich, zu eng ist’s ihm,

Er denkt, er träumt, er athmet nur die Braut;

Da hat er sich im Krieg etwas getummelt,

Sich hie und da von Böhm’schen Schwertern Hiebe Geholt, die Trennung von dem Vaterlande

Hat nun die Gluth im Herzen mehr geschürt, —

Je nun, da’s sein soll, ist es gut, recht bald:

Er ist und bleibt doch ein verdorbner Mensch.

Jakob.

Wie so?

Herzbold.

Was nützt dem Rittersmann das Weib?

Er ist entzwei gebrochen, unbrauchbar,

Wie die geknickte Lanze, hin der Muth,

Die Jugendfrische: nein, ich dacht’ es nicht,

Daß er so bald des eignen Glückes satt sei;

Da rennt er in sein Joch; ade nun Schwert

Und Lanze, Abentheuer, Krieg und Jagd,

Nun hängt er an dem Halse seines Weibes,

Verzehrt sein Leben in langweil’gen Mauern,

Zeugt fromme Kinder und erzieht sie still,

Küßt eins und putzt dem andern seine Nase,

Lehrt sie Gebete und moral’sche Flausen, Dünkt sich so wichtig wie der Großsultan,

Wenn er dem ruft: stich dich nicht mit dem Messer! Um Gotteswillen Kaspar, Konrad, fallt

Vom Schemel nicht! Franz, du liegst ja im Quark! — Verflucht die matte, freudenleere Trägheit,

Die sanfte Zärtlichkeit, die recht im Mark,

Im Innersten des Mannes zehrt, mit Wehmuth

Und Leid und Liebe ihm sein Herz zerfrißt!

 

Jakob.

Nun, nun, es hat die Ehe auch ihr Gutes,

Dächt’ jeder so wie Du, die Welt stürb’ aus.

 

Herzbold.

Warum denn das? Ich hasse nicht die Weiber.

Da draus im Orient hab’ ich’s wohl gesehn,

Wie man sie halten muß; was Leben heißt.

Der Mah’med, sonst vielleicht ein böser Schelm, Hat hierin doch das Wahre recht getroffen;

Da haben sie drei, vier der schmucken Weiber,

Und Sklavinnen, so viel nur jeder mag,

Die sitzen all und warten auf den Herrn,

Und mucksen nicht, und sprechen in nichts mit;

Da macht er seine Runde, bald zur braunen,

Zur weißen dann, zur dicken und zur schlanken

Trägt er sein Herz, und jede bleibt ihm neu;

Doch ein’ und immer ein, das taugt nichts, Freunde;

Dann weiß auch so ein Türk nichts vom Erziehn Und Kindern, das wächst auf wie junge Böcke,

Und hat er mal die Laun’, so pfeift er nur,

Da springen zwölf ihm an den Vaterhals.

Jakob.

Du bleibst ein wilder Kauz, Freund.

Herzbold.

Was da, wild!

Du zahmes Huhn! komm in den Keller jetzt,

Da taugst Du was, da nur bist Du zu Hause,

Das Bischen hier hat mir App’tit gemacht;

Nachher hab’ ich zu thun, ist doch des Teufels

Gepäck und Flitterstaat, und fehlt dann was,

So fällt doch alle Schuld auf mich. Komm’ nur,

Ich höre schon den jungen gnäd’gen Herrn,

Duck’ unter! schnell! daß mir nicht Redensarten, Verliebter Unsinn in den Hals gerathen.

Beide ab.

Albrecht und Ulrich treten herein.

Albrecht.

So bist Du wieder da? Ich halte Dich

Und meine Hedewig im Arm, die Liebe

Und holde Freundschaft; ist dann noch ein Wunsch In diesem Leben übrig? Mögen andre suchen

Nach fernem Glück, nach Reichthum und nach Ruhm, Mir ward hier alles, alles ist geendigt,

Wonach wohl sonst in kind’schen Jugendträumen Des Herzens Arme griffen, und nun fängt

Der Frühling meines neuen Lebens an.

Ulrich.

Beglückter Freund, der Du vom Himmel selbst

Dein Loos als freundliches Geschenk empfingst, Der Du zu sagen weißt: dies wollt’ ich haben!

Und dem nun ungetrübt ward, was er wollte.

Nicht finstre Tage, Sorge nicht, nicht Kummer,

Kein Vorwurf Deines Herzens, noch Gewalt

Hat Dir Dein Glück im schweren Kampf errungen, Nichts trübt den Glanz des Kleinods; wie ein Lächeln Geht Dir die Zeit vorüber. O mein Albrecht,

Wär’ ich rein, so froh, so einfach doch

Im Leben nur wie Du, in allen Wünschen!

Doch fernhin dehnt sich ungewisse Zukunft,

Ich spiele mit Verzweifeln und mit Hoffen,

Die Liebe scherzt mit losem leichten Finger Auf allen Saiten meines Herzens, oft

Tönt Wahnsinn aus der Tiefe, fremde Räthsel

Erzeugen sich wie Wolkenbilder, fliehend

Ist Sonnenschein und Nacht im irren Wechsel.

Albrecht.

Kann denn der Dichter wohl das Leben haschen? Ist etwas ihm ein Wahres? Soll sein Träumen,

Das ihm die Nacht und die Gestirne senden,

Des Wahnsinns leichtes goldenes Gespinnst,

Das Liebe von der raschen Spindel dreht,

Dem Ird’schen weichen? O beglückter Freund,

Wer hat die Wahrheit? Wer besitzt das Leben?

Entweder greifen wir mit Wünschen weit aus,

Und finden niemals, niemals was wir suchten,

Oder beschränken uns einfach in Demuth,

Und wollen nicht was uns unmöglich ist,

Empfangen, wie der Bettler, auch mit Dank

Die karge Gabe, träumen nur von Glück,

Darben in Gegenwart, vergessen was

Vergangen, denken nur gering von Zukunft,

Und sterben so gleichgültig hin, uns selbst

Vergessend.

 

Ulrich.

Das kannst Du nicht sagen,

Du machst es wie der Reiche, der sich arm stellt, Um seinen Reichthum mehr nur zu empfinden,

Und andre daran prahlend zu erinnern:

Du liebst und wirst geliebt; die schönste Braut

Harrt Dein in Sehnsucht, Du bist jung, wie sie —

Albrecht.

Was mehr als alles, sie ist meine erste

Und einz’ge Liebe: Freund, ich lästerte

Den Himmel, denn mein Leben ist der Himmel: Ich fühl’ es ja, aus Tausenden erlesen Und hoch beglückt bin ich, der Kette los

Armsel’ger Aengstlichkeit, die alle fesselt;

In Glück ward nun der Böhmenkrieg geendigt,

Mit Ruhm zwar nicht gekränzet, doch geehrt,

Geliebt von meinem Fürsten kehr’ ich heim,

Nun heim zu ihr, die ich seit zweien Jahren

Nicht sah. Wie sie wird anders sein,

Wie jungfräulich, wie sich bewußt der Liebe,

Die in ihr schlief im schönsten Himmelsbette

Und Lächeln träumte; wie wir Engel sehen

Im Schlaf zuweilen, Unschuld halb, halb Schalkheit, Daß sich die rosenrothen Lippen fragen,

Was sie denn meinen? Und die klaren Augen,

Die sanften Geisterbrunnen, denen Gruß

Und Blick entsteigen, wie die holden Feen

Aus ihrem Bad die schönen Glieder heben!

O Liebste! Und Du Liebster! Jugendfreund!

Du meine Seele! laß uns Lieder singen

Durch alle grünen Thäler lustberauscht.

Ulrich.

Wer ganz beglückt, wie Du, wird nimmer dichten, Die Liebe gab mir freilich das Geschoß

Des Reims und süßen Tons, doch nur im Unglück: Ruht’ ich an ihrer Brust, in sel’ger Ruhe,

Im Kuß wollt’ ich die Melodie auslöschen,

Die jetzt aus meinem Herzen zehrend brennt.

Albrecht.

Doch sollst Du mir oft Deine Lieder singen,

Denn keiner liebt sie so als ich, es spiegelt

Mein Herz sich drein, und alles, was ich je

Versucht, war doch nur schwacher Widerhall

Von Deinem Ton. Weißt Du, wie ich einst sang?

O Augen! wohin führen mich die süßen Scheine? Ich meine, daß ich nur zu büßen ein muß saugen Der Augen lieblich Grüßen; wie ich freudig weine Und mich der Deine fühl’ im Küssen, fragen mich die Augen