Ludwig Tieck's Schriften: Dreizehnter Band

Ludwig Tieck · Kapitel 29 von 32

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Ludwig Tieck's Schriften: Dreizehnter Band

Dritte Scene

Nichts gefangen. Da, nimm die Netze auf den Buckel, es ist schon Mittag.

 

Peter.

Es ist heiß.

Hans.

Fort, Du Langsam. An Dir liegt alle Schuld. Sogar die unvernünftigen Fische, so stumm sie sind, haben gemerkt, daß Du ein verliebter Narr bist, und sind Dir mit Verachtung aus dem Wege gegangen. Der Bengel ist noch mein Unglück, er ruinirt mich. Auf den Abend wieder her, die Nacht muß einbringen was der Tag eingebüßt hat.

Peter.

So hat man denn gar keine freie Stunde.

Hans.

Wer hat Schuld als Du? Halt’s Maul! Fort, nach Hause, die Mutter wartet mit dem Essen!

Gehn ab.

 

Dritte Scene

 

(Zimmer.)

Ulrich, Hedwig.

 

Ulrich.

Mein schönes Fräulein, mein theure Freundin,

Sogleich eilt Albrecht her in Eure Arme,

Drum zürnet nicht, vergönnt ihm noch Erholung.

Hedwig.

O Gott! wie hab’ ich diesen Augenblick gewünscht, — Seht nur, ich kam fast ungeschmückt, mir war

Jedweder Augenblick, der unsre Trennung

Vermehrte, wie ein Tod, — und nun, — er liebt mich nicht, Er hat mich wohl vergessen. —

 

Ulrich.

Keine Thränen

Geliebtes Kind, macht nicht die schönen Augen

Mit Weinen roth, — er wird sogleich sich finden, Ihm war nicht wohl, nun sitzt im Hof er drunten Im Schatten jener Linde, schaut sich um,

Erinnert sich der alten guten Zeit

Und sammelt sein Gemüth.

Hedwig.

So laßt uns ihm

Entgegen eilen, daß ich dort ihn frage,

Daß ich ihm nur in seine Augen schaue,

Dann ist ja alles gut.

 

Ulrich.

Hier kommt er selbst.

Er geht ab. Albrecht tritt ein und sinkt stumm in die Arme der Hedwig. Pause.

Hedwig.

Du weinst?

Albrecht.

O laß mich, laß mich, Süße, Dir

Zu Füßen hin in Thränen, Seufzern rinnen, Es bricht mein Herz, — o zu gewaltsam, — Gott! —

 

Hedwig.

Wie ist Dir?

Albrecht.

Gut und wohl; — da sind wir wieder,

Stehn wieder auf der alten Stelle! sieh doch

Die alten Sessel da, — die Bank im Fenster,

Von wo wir oft das Thal hinab geschaut, —

Ha! noch der Einschnitt auf dem runden Tische, Die eingeschlungnen Namen Hedwig, Albrecht, — Gewiß, mein Herz, ich weiß nicht was ich sage, — Mir geht das Zimmer rund, — auch Du weinst, Hedwig?

Hedwig.

Ach, alles ist noch so, und Du, mein Albrecht, — Ach lieber Gott, was soll der Mensch doch wünschen — Ja, dieser Augenblick, er stand seit Jahren

Verklärt vor meiner Seele wie ein Himmel,

Da fliegst Du wie ein Engel her vom Himmel,

Nahmst mich in Deinen Arm, in mir der Himmel — Und nun, — wie dunkle Schwermuth, Angst und Furcht, Welch Todesbangen zuckt durch meine Seele — Ah, sieh, da hast Du noch den lieben Ring

An deinem Finger, hier die kleine goldne Kette,

Die ich an jenem Abend Dir geschenkt,

Als Du einmal so traurig warst, so fremd, —

Ha! weißt Du noch? — Ach, liebster, liebster Albrecht! Kennst Du mich denn, liebst Du mich denn, wie sonst?

Albrecht.

So senk’ Dich denn mit aller Zärtlichkeit

In dieses kranke Herz, so blühe denn

In allen tiefen Schmerzen in mir auf,

Du Liebste, Einz’ge, — lange war ich weg,

Nun bin ich da, nun wollen wir nicht weinen.

Hat denn Dein Mund das Küssen nicht verlernt? Wie diese Thrän’ aufgeht im hellen Auge

Mit Lächeln ringend, glänzend schwillt, und hängt Wie ein Demant, nun fällt, nun fällt sie nieder,

Entrinnt dem Käfig dieser schönen Wimper,

Und so im Kuß verlösch ich Deinen Seufzer

Der ihr will folgen, wie ein Vögelein

Das andre sucht in freier Luft.

 

Hedwig.

Mein Albrecht!

 

Albrecht.

Wer kennt der Sehnenden

Thränenden

Freudvollen Schmerz?

Ein bangender Scherz

Spielt Freiheit ringend,

In Seufzern klingend

Durch’s bebende Herz.

Ich kann mich nicht fassen,

Mich dünket verlassen,

Verstoßen zu sein;

Nur Lieb’ hat empfunden,

Wie innig verbunden

Die Wonnen und Wunden

Im sel’gen Verein.

 

Hedwig.

Das war Dein erstes Lied, das Du mir sangst.

Ulrich tritt ein mit dem Kaplan Johannes.

 

Ulrich.

Der Herr Kaplan sucht Euch im ganzen Hause.

 

Johannes.

Da seid ihr wieder, lieber gnäd’ger Herr!

Der alte Graf wird auch sogleich erscheinen,

Euch Willkomm sagen; Euch ist ja bekannt,

Wie ernst und finster, und wie menschenscheu

Er immer der Gesellschaft sich entzieht,

Und diese Schwermuth hat noch zugenommen,

Und ganz vorzüglich jetzt seit wen’gen Tagen. — Doch wie ist Euch? Mich dünkt, Ihr seid verändert, Ihr glüht, Euch ist doch wohl?

 

Albrecht.

Ich bin gesund.

Du alter theurer Pfleger meiner Jugend,

Doch diese Hitze, — ja der Tag ist heiß, —

Wo ist denn Wolf? Lebt noch der alte Knecht?

Johannes.

Wolf! Wolf! Euch ruft der gnäd’ge Junker Albrecht.

Wolf kommt.

Albrecht.

Mir ist so heiß, bring’ schnell etwas zur Labung.

Wolf geht.

 

Johannes.

Da kommt der Graf.

Graf Erhard tritt ein.

 

Erhard.

Laßt Euch umarmen, seid mir hoch begrüßt.

 

Albrecht.

Mein theurer Vater, nehmt mich gern zum Sohn.

Wolf kommt zurück.

Wolf.

Hier Wasser aus dem kühlen Felsenbronn.

 

Albrecht

setzt an, wirft den Becher weg.

Nein, Wasser kühlt nicht diesen heißen Durst,

Gieb Wein mir, goldnen, glutherfüllten Wein,

Mich schaut aus dem krystallnen kalten Naß

Ein wildes Auge an mit Feuerblick.

 

Wolf.

Wie Ihr befehlt.

 

Johannes.

Ein Fieber plagt Euch, Ritter.

 

Erhard.

Die wilde Jugend, wie wir alle waren.

Trompeten.

 

Wolf.

Da hält der Zug des Herzogs vor der Burg.

Erhard.

Kommt ihm entgegen, unserm gnäd’gen Herrn.

Alle gehn ab.

Ulrich,

der zurück geblieben ist.

Sie ist es. Wie das bange Herz mir klopft.

Sie steigt vom Pferde, nickt mit liebem Gruß

Den Freunden zu; die hohen Federn schwanken

Vom Huth ihr nieder über goldne Locken,

Den edlen Leib deckt herrliches Gewand,

Weit nach folgt dienend ihres Kleides Saum

In Lieb’ um ihren schönen Fuß zu wallen.

Was zögr’ ich noch? Ich geh’ ihr rasch entgegen, Und wenn ein sanfter Blick mich dann bemerkt

Und freundlich unterscheidet, bin ich selig.

Geht ab.

Hedwig und Albrecht kommen zurück.

Hedwig.

Ja, nun kenn’ ich Dich wieder, nun erst bist Du

Der alte, ja, das sind die treuen Augen,

Das stille Lächeln um den kind’schen Mund:

So lieb’ ich Dich, so solltest Du mir bleiben,

Nicht klug, nicht fremd, — nicht — ach, ich schwatze so, Nun hab’ ich zu Dir so wie sonst Vertraun, —

Nicht wie Du warst solltest Du jemals sein.

Albrecht.

Nur wie ein Fieber hat es mich befallen,

Und so verlassen. Liebes, holdes Mägdlein,

Dein bin ich doch in jeglichem Gedanken,

Ja jeder Puls in mir klingt Dir nur Liebe.

Wie war ich so verlassen ohne Dich,

Wie ist mir wohl, wenn ich Dein Auge sehe.

 

Hedwig.

Der Vater ist seitdem recht schlimm geworden.

 

Albrecht.

Es ist die alte Krankheit, die ihn drückt,

Er meint es immer gut mit Dir und mir.

Doch müssen wir nicht zur Gesellschaft wieder?

 

Hedwig.

Ich schäme mich vor dieser hohen Frau,

Der Herzogin, sie ist so schön, so groß,

Sie sieht so mächtig drein und so verständig,

Ich werde roth, wenn ich mit ihr muß sprechen.

Ja, Albrecht, schon vorher fiel es mir ein,

So eine solltest Du zur Frau Dir nehmen, Ich armes Kind bin Dir nicht schön genug.

 

Albrecht.

Du liebes Herz, mit Dir nur bin ich glücklich,

Denn Deines Wesens holde Lieblichkeit

Ist mehr als jener Herrlichkeit und Pracht.

Herzbold kommt mit dem Kinde.

Herzbold.

Nur herein, nur herein hier, Du kleines Unkraut, hier ist die Herrschaft. Gott grüß Euch, gnädiger Herr, und meine schöne, junge, schmucke Gräfin; hier bring’ ich Euch das Neuste vom Jahr, das ich draußen im Walde, wie eine Erdbeere, aufgelesen habe.

 

Hedwig.

Was will das Kind?

Herzbold.

Bei Euch bleiben, vor der Hand Euer eigen werden. Es ist eine arme verlassene Waise aus dem Gebirge.

 

Hedwig.

Komm zu mir, kleines Mädchen.

Kind.

Willst Du mich hegen,

Mütterlich pflegen,

Wird meinetwegen

Des Himmels Segen

Dir allerwegen

An’s Herz sich legen.

Hedwig.

Ein hübscher Spruch. — Sieh, mein Albrecht, wie schön, wie klug, — ich nehme sie an, als mir vom Himmel gegeben.

Kind.

Ach Du liebes Fräulein! Du bist so schön, und dabei auch so gut.

 

Albrecht.

Wie heißest Du?

 

Kind.

Sie nannten mich Adelfriede.

 

Hedwig.

Herzbold, führe die Kleine in meine Kammer. — Komm, mein Albrecht, in den Saal zu dem Herzog, der Vater schmählt sonst. Beide ab.

 

Herzbold.

Siehst Du, kleine böse Sieben, nun hast Du Dein Glück gemacht, wenn Du hübsch artig und folgsam bist.

 

Kind.

Sorge Du nur für Dich selbst. Sie gehn ab.

 

Graf Erhard tritt ein.

Zu eng ist mir mein Haus; die stummen Wände

Stehn mir wie Schwätzer da. — Du dunkles Nest, So muß aus dir ein Sammelplatz von Thoren

Auf deine alten Tage werden, Lachen

Und Neckerei, Gesang in dir sich tummeln?

Und diese Fremden! Möcht’ ich doch, — he Wolf!

Wolf kommt.

 

Erhard.

Sind sind im Saale?

 

Wolf.

Ja.

Erhard.

Nun, ich muß hin.

Nur diese sieben Tage, dann begrüß’ ich

Die alte liebe Einsamkeit von neuem.

Ab.

Wolf.

Der alte Griesgram ist doch nie zufrieden. —

Bin ich’s denn aber? Nein, die Knechtschaft hier, Das sauertöpfsche Leben, all der Zeter,

Muß bald in helle Lust ausschlagen, ja,

Ich halt’s nicht aus; dann will ich jubeln, schrein, Die alte Haut vor Lust und Wonne schütteln.

Geht ab.