Ludwig Tieck's Schriften: Dreizehnter Band

Ludwig Tieck · Kapitel 28 von 32

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Ludwig Tieck's Schriften: Dreizehnter Band

Zweite Scene.

Mit sanftem Schimmer: wird auch immer dieses Glück mir lachen? Sie machen,

Daß die Freuden Leiden gleich mir sind: —

O liebstes Kind,

Laß Dieses Fragen, sagen kann ich’s nie und weint’ ich mich auch blind.

Herzbold tritt taumelnd herein.

 

Herzbold.

Die Pferd’ sind da und stampfen ungeduldig.

Wird’s bald, Herr Ritter? Erst die Angst und Noth: Mach schnell, und: eile Dich! ei, spute Dich!

Und wenn nun alles da und fix und fertig —

Albrecht.

Geh nur voran, gleich schwingen wir uns auf. — Komm, Liebster! nun dem schönsten Glück entgegen, Umarme mich noch einmal: Du bist mein,

Ich fühl’ in mir des Himmels reinsten Segen,

Und trete in des Paradieses Schein.

Sie gehn ab.

 

Zweite Scene.

 

(Am Strom.)

Hans und Peter.

 

Hans.

Die Arbeit wird Dir wieder sauer, nun die Sonne ein wenig scheint. Das reckt und dehnt die faulen Glieder und kann nicht aus der Stelle.

 

Peter.

Wir haben aber auch noch wenig gefangen, es ist heut ein unglücklicher Tag.

 

Hans.

Weißt Du, Schlingel, warum es ein unglücklicher Tag ist? Weil Du die Sinne nicht beisammen hast, weil Du nichts als die Grethe denkst und siehst; die Fische könnten zu Hunderten kommen, und Du würdest sie mit Deinen Kalbsaugen nicht einmal gewahr werden. Wie wird es mit der Hochzeit dort oben aussehn, wenn wir keine Fische liefern.

Peter.

Ihr sprecht von der Hochzeit. Wann wird sie denn sein?

Hans.

Je nu, morgen oder übermorgen; was schiert’s mich weiter?

Peter.

Ach, ich dank’ Euch, lieber Vater, daß Ihr endlich Euer Einwilligung gegeben habt.

Hans.

Talk! Talk! was spricht der Lümmel? Kannst die Ohren nicht aufthun? Von Deiner Hochzeit ist Gottlob noch nicht die Rede. Von des Fräuleins Ehrentage, vom alten Grafen da droben. Nein, so lange ich lebe, oder der alte Müller, der krausköpfige Brand, kann aus der Sache nichts werden. — Die Sonne kommt schon über die Berge, sing und breite die Netze aus.

 

Peter.

Es war einmal ein Junggesell,

Der thät hin fischen gehn,

Die Wasser schienen klar und hell,

Die Sonne gar so schön,

Er schaut wohl in die nasse Fluth,

Er denkt an sie und klagt und fühlt den Liebes-Muth. Und willst Du mich mit Netzen stehlen?

So singt es aus dem Fluß:

Zum Liebsten wollt’ ich Dich erwählen,

Komm her, komm her zum Kuß!

Er zieht das Netz mit großer Pein,

Und schau! da zappelt und lacht die Liebste drein.

Da fällt sie ihm an seinen Mund,

Und halst und drückt ihn sehr,

Da war er froh und ganz gesund,

Und klagte nimmer mehr,

Sankt’ Peter segnet’ ihm den Zug,

Er hat mit seinem lieben Fisch der Lust und Freude überg’nug.

Hans.

Alberner Junge, nichts als skandalöse unvernünftige Lieder hat er im Kopf! — Die Netze da oben müssen in den Strom gezogen werden; komm hinunter in den Kahn. — Man hört Jagdhörner. — Da jagen sie schon so früh im Walde.

Peter.

Die haben’s besser, als wir, und wie herrlich das Horn die Felswand hinab klingt und widerhallt, ich wette, daß sie es unten in der Mühle hören. Heut Abend darf ich doch in die Mühle?

 

Hans.

Komm, Hasenfuß, Liebesnarr, Dummkopf! der Donaustrom könnte Dir wohl unter den Beinen weglaufen, und Du würdest es doch nicht gewahr werden. —

Gehn ab.

 

Christoph kömmt blasend.

Wo mein Herr nur geblieben ist, und die ganze Gesellschaft. Den tollen Herzbold hab’ ich sehn vom Pferde fallen, aber ich konnt’ ihn nicht erreiten. Er bläst. Sie müssen sich doch zusammen finden. Das heiß’ ich Lust und Liebe zur Jagd, daß man die Bären nicht in Ruhe lassen kann, wenn man zur Hochzeit reitet. Holla! Er bläßt. Da oben ragt schon den Wald das alte Felsenschloß herüber; je nun, ich kann den Weg ohne sie, sie können ihn ohne mich finden.

Er bläst und geht in den Wald zurück.

 

Albrecht,

aus dem Walde mit einem Jagdspieß.

Hier war das Blasen, doch ich sehe Niemand. — Ha! seid gegrüßt, gegrüßt ihr alten Mauern,

Gesegnet seid da droben, liebe Steine,

Die mir mein Theuerstes, die sie umschließen!

Seh ich euch wieder nach so manchen Tagen?

Dort ist ihr Fenster, in der Sonne glänzend:

Nun schaut sie wohl hernieder, schaut die Donau Und späht nach mir: oder sie geht im Gärtchen,

Pflückt Rosen, hebt sich auf den zarten Füßchen, Beugt sich die Brustwehr über weit, seufzt: Albrecht!

Eine Stimme.

Albrecht!

Albrecht.

Wie, war es nicht, als wenn es aus dem Strome,

Vom Felsen drüben meinen Namen riefe?

Es war nicht ihre Stimme!

Gesang.

Auf Bergen nicht und nicht im Thal

Wohnt Liebesglück,

Von Thal und Bergen treibt die Quaal

Dich bald zurück,

Die Heimath weicht, die Ruhe flieht

Wie Sehnsucht dich in ihre weiten sanften Kreise zieht.

Albrecht.

Welch Tönen! Wasser, Berg und Wald erklingen, Mein ganzes Herz hallt wieder, und dies Echo

Ruft laut im Innersten die Träume wach.

So tönt nicht ihre Stimme; nein, die Wölbung

Des Himmels und die Luft und Erd’ und alles

Ein Zaubersang! O voller Donaustrom,

Du rauschest drein und jede Woge hüpft

In Wollust und Entzücken.

Gesang.

Sehnsucht hat ein Thor erbaut,

Drinnen lacht das Lachen, schmachten

Süße Blicke, dir entgegen schaut

Der Kuß, die Arme dir entgegen trachten,

O komm zum Schloß, auf Bergen nicht und nicht im grünen Thal, O endlich, endlich komm zum trauten Kämmerlein einmal.

 

Albrecht.

Was weil’ ich? Immer heller wird der Strom,

Als wollten Blumen alle Wellen werden,

Als strebte zu mir her das süße Wort,

Mit Flüstern es dem Herzen zu verkünden,

Was es entbehrt, und längst gesucht, gewünscht, Und doch den Wunsch, sich selber nicht erkannte.

Gesang.

Rubinen glänzen in dem Saal,

Dir winkt das Hochzeitbette,

O küßt’ ich dich ein einzigmal,

O daß ich dich in Armen hätte,

Dir in die lieben Augen tief zu sehn,

Und Kuß auf Kuß in Wollust zu vergehn.

Albrecht.

Ich will, ich muß hinweg, sie ist es nicht,

Ich kenne wohl die zarten Laute Hedewigs,

Das Schloß verbergen dort mir Wetterwolken,

Sie ziehn zum Felsen oben dicht und dichter.

O Hedwig! Will gehen.

 

Stimme.

Albrecht! Albrecht!

 

Albrecht.

Es ruft! Mich täuscht kein Irrthum. — Wer?

Hier bin ich! — Weit und breit kein Mensch —

Ich bin allein, einsam ein Klaggeschrei

Im Wald, die Felsen hallen wieder

Gebrochne Töne von der Woge, Grauen

Ergreift mich, greift durch Mark mir und Gebein.

Siglinde erscheint auf dem Wasser. Welch Frauenbild dort lächelnd in der Fluth?

Die tiefen dunkeln Augen! Wehend weit

Ihr Schleier — und sie winkt — wo bin ich, Himmel?

 

Siglinde.

Albrecht! mein Albrecht! komm zu meinem Schlosse!

 

Albrecht.

Wohin?

 

Siglinde.

Tief unten, wo kein Neid Dich findet,

Kein Argwohn —

 

Albrecht.

Weh!

 

Siglinde.

Kein Ueberdruß, Ermatten.

 

Albrecht.

Zu Dir? — Siglinde versinkt.

Wo bleibst du Bild? Versank das Augenpaar?

Ward in der Fluth dies Lächeln ausgelöscht?

Spiegeln herauf nicht die Korallenlippen?

Jetzt will ich gehn, — wie mich das Wasser ruft — Wie mich der Strom anschaut, wie heißbedrängt Die Wellen meines Bluts die Wogen grüßen,

Und Kühlung, Kühlung suchen, — fort! O Hedwig! — Bist du gestorben? du im Strom versunken?

Hinauf zum Wald! hinauf in ihre Arme!

Es donnert fern, — im Donner ihre Stimme,

Mein Herz erschütternd.

Siglinde schwebt auf dem Wasser, ein Kind in den Armen.

 

Siglinde.

O mein Albrecht!

 

Albrecht.

Wieder!

Siglinde.

Du gehst?

Albrecht.

Ein Kind! das winkt und nach mir greift,

Wie Gold die Locken.

Kind.

Willst mich nicht küssen, mit mir spielen, Vater?

Albrecht.

Welch Wort!

Siglinde.

Albrecht! Leb wohl! vergiß uns nicht! —

Versinken.

Albrecht.

Wie? Vater? — Albrecht schallt’ es hier? — Wohin, Wohin sind sie gekommen? Wo ist die Erde?

Wo bin ich denn? Mir wankt der Fuß,

Die Sinne schwindeln, alles läßt mich los

Und bricht und stürzt in, außer mir zusammen,

Und hülflos ich!

Ulrich kommt.

Ulrich.

Wo weilst Du, Freund? Schon lange such’ ich Dich.

Albrecht.

Ha! Freund sagst Du? Mein Freund? Wie? War’s nicht so? Du bist mein Freund? Du willst mein Bruder sein? Du lebst und bist mir nah? Ich kann Dich halten, Und nimmer wirst Du in den Strom versinken,

Dich nimmt die Fluth nicht mit wie einen Gedanken, Den wir nicht wieder finden, der nun fort ist,

Versunken, eingeschlungen in das Chaos,

Das in uns ruht?

 

Ulrich.

Was ist Dir, Liebster? Deine Augen glühen,

Die Wange brennt, was klammerst Du so ängstlich Mich an?

 

Albrecht.

Und wie der Schleier wehte,

Als schon die Augen tief, tief eingesunken!

Ulrich.

Besinne Dich, Geliebter, fasse Dich;

Was widerfuhr Dir?

Albrecht.

Laß mich.

Ulrich.

Komm zum Schlosse,

Es harrt Dein die Geliebte.

Albrecht.

Laß mich, — nur sammeln, — nur —

Geht an das Wasser.

O holder Strom!

Ich weiß, — ich kenne dich, — nur gieb mir wieder Mich selbst. —

Steht in tiefen Gedanken.

Ulrich.

Was kann ihm sein? So sah ich ihn noch nie.

Ist die Gesundheit unsers Leibes nur

Der Elemente Spiel, des Zufalls Gunst,

Und so des Geistes Kraft? — Wie starr er steht

Und in die Wogen schaut. — O mein Geliebter,

Du thust mir weh, besinne Dich, mein Albrecht.

 

Albrecht.

Bist Du hier, Ulrich? Kommst Du von der Jagd? Ich suchte Dich.

 

Ulrich.

Schon lange weil’ ich hier —

 

Albrecht.

O Freund, nur Dir, nur Dir kann ich’s vertraun,

Wem sonst? Nie darf es meine Hedwig wissen,

Ha! sie zuletzt! —

Kannst Du es denken, träumen, ahnden nur —

O ich weiß nicht, noch hab’ ich meine Sprache

Noch wieder nicht gefunden, keine Worte. —

Du weißt, Geliebtester, wie ich schon früh

Hieher zum Schlosse kam, als meine Eltern

Gestorben, kaum nur war ich funfzehn Jahr,

Hedwig um ein’ge Jahre jünger, froh

Und heiter floß mein spielend Leben hin,

Nur Krieg und Ruhm war mein Gedanke, kühn

Träumt’ ich mich als der Abentheuer Helden. — Nun, — o vergieb, nur was Du weißt, erzähl’ ich — Nun kam die Zeit, — o wonnevolle Tage,

Als ich in Hedwigs Blick war neu geboren,

Dem unschuldvollen Lächeln flohn die Träume, Nur Liebe dacht’ ich: nun las ich die Bücher,

Die unsre deutschen Meister einst gedichtet,

Nun sang ich Liebesreime, ruhte nicht

Bis ich Dich kennen lernte, — meine Jugend Verknüpfte sich der Deinen, Du mein Freund,

Dein Bruder ich — drei Jahr verschwanden so — Darauf —

 

Ulrich.

Du zögerst jetzt, o sprich, Geliebter.

 

Albrecht.

Drauf, o mein Freund, was ist der schwache Mensch? — Von Liebe trunken, in des Frühlings Blüthe,

Als Blumen auf die üpp’ge Flur gegossen,

Als so wie jetzt die Nachtigall zerfloß

In Liebesklagen und den Hain mit Feuer

Und schmelzendem Gesang durchrieselte, —

Hier, eben hier, als eben so die Donau

Erklang, den Busen voll von Liebesfeuer, —

Schon hatten wir die Sehnsucht uns gestanden,

Schon hatt’ ich ihren süßen Kuß gekostet, —

Da führte mich mein Glück, mein Unstern, Schicksal, An dieses Ufer, und ein Lied zu dichten

Schaut’ ich die Fluth mit brünstgen Augen an, — Ich bog hier um die Felsenecke, — Augen!

Was saht ihr? Glanz und Licht die Blumen all,

Ein Frauenbild, wie aus dem Himmel selbst,

So groß, so klar und leuchtend, saß in Schöne,

In übermenschlicher, an diesem Stein,

Vom reichen leuchtenden Gewand umflossen, — Sie redete mich an, — ich nahm die Hand

Die zarte, sah den üpp’gen weißen Busen,

Mein Auge wurzelte auf ihren Lippen, —

Im Walde waren wir, in eine Hütte

Eintretend schwand mir rings die weite Welt

In ihren Armen, und zum erstenmal

Lernt’ ich des Weibes hohe Schönheit kennen,

Und trank zum erstenmal den Rausch des Wahnsinns Wild aus dem Wollustbecher, alles Holde

Und Schauerliche, Mährchen, Sehnsucht, Wonne, Zog Feind und Freund bunthin durch mein Gemüth — Ich kam zum Schloß zurück, noch klang der Wald, Das Wasser rauschte noch, die Stimme tönte

Empfindlich rührend noch im Ohr, ich mied mit Angst Die Blicke Hedwigs, — drauf sucht’ ich bald alles Was mir geschehen zu vergessen, wagte

Zu sprechen, sie zu küssen, anzublicken,

Und aus der Unschuld blauen Kinderaugen

Goß sanfter Schein Verzeihung auf mich hin,

Mein Geist ward in dem Blicke neu geläutert, — Ich mied den Ort, wo ich die Fremde fand, —

Gespenster schienen mir an dieser Stätte

Zu hausen, da vergaß ich ihn, und endlich

Nach langer Zeit verirrt’ ich mich hieher,

Ein Grauen hielt mich fest, ich kehrte wieder,

Nur fragen wollt’ ich sie, ihr zürnen, fluchen, — Und nichts, nichts ließ sich sehn, — dann rief der Krieg mich. — — Und nun nach langen mühevoll durchlebten

Vier Jahren tret’ ich aus dem Wald hieher, —

Und wie ein heimlich Feuer plötzlich aufschlägt, Und rings das ganze Dach die Flamme frißt;

Wie die Lauwine plötzlich nieder schmettert;

Wie ungesehn die Wasser aus der Tiefe

Oft springen und die Wiesen all’ ertränken,

Eh noch der Schnitter nur den Quell bemerkt,

Wie sie die Dämme nieder reißen, Städte, Dörfer, Pallast und Kirchen in den Wogensturz

Krachend begraben, — so, auf einmal ganz

Den Sinn umfangend nahm es meine Seele,

Nur sie glaubt’ ich zu hören und zu sehn, —

Als wäre jenes Schloß dort ein Gefängniß,

Hedwig wildfremd und kalt und überlästig,

Als müßt’ ich suchen jenes einz’ge Glück,

Mich werfen in den Strudel fremder Wunder-

Begebenheiten, als sei sie die Göttin

Des Schicksals, Leben, Blume, Schönheit, Reichthum, Und ew’ges, inn’ges Glück, als — o mein Freund, Was Du in Liedern sangst, was Dichter suchten, Was Heiden von dem Wunderland der Götter

Gefabelt, und von Venus und Cupido, Als sei es hier bei jener Unbekannten,

Als lebe Hedwig nicht, als sei die Liebe

Zu ihr nur Phantasie und Heuchelei, —

O komm! hör nicht die gift’gen Wogen rauschen, O komm, daß wir hier auf der Erde bleiben,

Hinauf zum Felsenschloß, den Wolken näher,

Den Wald hinein, daß alle grünen Blätter

Im Sturm und im Gewitter brausen mögen,

Daß wir den Wellenklang nicht mehr vernehmen!

Er zieht ihn mit sich fort.

 

Herzbold kömmt betrunken.

Holla! kein Mensch hört, und das Waldhorn hab’ ich auch verloren. — Kann sein, daß sie auch schon alle oben auf mich warten. — Das war ja des Teufels Reiterei! — Aber auch nur einem hasenfüßigen Verliebten, und einem Poeten, der an sich schon verrückt ist, ohne alle Ursache, kann es einfallen, wenn sie auf die Hochzeit reiten, sich mit Bären einzulassen, und so im Walde auf und ab, bald zu Fuß, bald zu Pferde. Ich, der ich mich noch zuvor mit einigen Flaschen guten Ungarschen Wein gestärkt hatte, verliere unversehens die Bügel, darauf verliert das Pferd unversehens mich und schmeißt mich mit dem Kopf gegen eine ziemlich harte Eiche, daß ich im ersten Augenblick, mein Seel, nicht wußte, ob ich fluchen oder in Ohnmacht fallen sollte. Wie ich wieder ein weniges zu mir komme, war ich in der einsamsten Einsamkeit, ohne Weg und Steg. Nun, Gottlob, bin ich doch wieder an das Tageslicht gekommen, und sehe dort oben unsre Herberge. Wenn ich nur erst droben wäre, denn ich bin so grausam durstig, daß mir die Zunge am Gaumen klebt; ich wäre im Stande Wasser zu trinken; ein gutes frisches Quellenwasser ist unter gewissen Umständen nicht ganz zu verachten. — Nun wird da droben bald Hochzeit in aller Frömmigkeit und Einträchtigkeit gehalten werden, und mein junger Herr wird sich im Himmel dünken, denn er hat ein so stilles und kühles Blut, daß ich wohl darauf schwören möchte, er ist noch ein Junggesell.

Lautes Gelächter vom Strom.

Wer lacht denn? Was hört’ ich denn? Irgend ein unverschämter, naseweiser Gelbschnabel! — Ich sage, ja, er ist noch ein Junggesell, denn ich habe ihn schon als einen kleinen Jungen gekannt, und er war nie hinter die Mädchen drein, er war immer eine weichgeschaffne stille Seele, die sich schämte, wenn ihn die jungen Weiber nur anredeten, oder gar küssen wollten; nun wird er aber die alten Frauen nicht mehr so gern haben, wie damals.

Noch lauteres Gelächter.

Aber nein, das klingt ja wie eine ganze Spinnstube voll schäkernder Mädchen, die sich erzählen, was der und der zu jener gesagt hat, wenn sie sich Nachts besuchen. — Was Satan! bin ich blind? — Nein, ich sehe zu viel! Der ganze Strom voll Mädchen, nackt und wiegend und tanzend. — Sind wir etwa unwissend in Mahomeds Paradies gekommen? — Alle lachen und tauchen unter. Weg! — o Herzbold! Herzbold! nun seh’ ich, daß du alt wirst! Mach dich nur auf eine rothe Nase und zitternde Kniee gefaßt, denn noch niemals haben drei oder vier Kannen dein Gehirn so betäuben können; armer Mensch, dein Lauf ist vollendet! Oder hat es etwa der Fall gegen die Eiche gemacht, daß dir solche Hirngespinste aufsteigen? Die Doktores sagen, daß heftige Erschütterungen, oder selbst Gemüthsbewegungen, den Menschen zum Narren machen können. Auch giebt es wohl Fälle, daß durch dergleichen Anstoß sich neue seelische Kräfte aufthun, und der Geist einen Blick in das verborgene Reich der Wahrheit versucht. So hab ich mir von einem erzählen lassen, der, als er eine hohe Treppe herunter geworfen wurde, unten auf einmal griechisch sprechen konnte, als er wieder aufgestanden war, oben konnt’ er kaum deutsch; ein andrer, dem man einen tüchtigen Hieb über den Schedel maß, war durch den Kloben mit einemmale Musicus geworden; und so könnt’ ich jener Eiche auch vielleicht als meinen aufmunternden Schulmeister zu verdanken haben, Blicke in das Reich der Natur zu thun, und da Weiber und Mädchen zu sehn, wo andre kaum Fische und Krebse finden. Ein Weiser oder ein Narr muß ich auf jeden Fall sein, der Mittelstand verträgt sich mit solchen Gesichten nicht. Scherzweise habe ich vorher vom Wasser gesprochen, und hier springt eine allerliebste Quelle aus dem Felsen, ich will jetzt im Ernst davon schöpfen, um die Phantasien zu vertreiben. — Er schöpft in seinem Huthe, und so wie er trinkt, tritt das Kind aus dem Berge und stellt sich an ihn. Ha! das thut gut! Nun sind mir die Augen heller als erst, — aber was Kuckuk! Ei! ei! so hat Frau Fortuna noch nicht mit mir Armen Versteckens gespielt, als heute; — immer besser! bist Du ein kreatürliches Wesen, — eine wirkliche Figur, — ein gebornes Geschöpf, so sprich, Du kleine Krabbe!

Das Kind weint.

 

Herzbold.

Warum weinst Du denn, Du schmuckes Thierchen? — Sprich, kleines allerliebstes Mädchen. Wein’ nicht, mir wird so bang um’s Herz. Hast Du Hunger?

 

Kind weinend.

Ich habe keine Eltern, beide todt, ich komm’ aus dem Gebirge schon weit her.

 

Herzbold.

Armes Wurm! Was die kleine Kröte schon hat erleben müssen. Was willst Du denn?

 

Kind.

Einen Vater, eine Mutter möcht’ ich haben?

 

Herzbold.

Wie alt bist Du denn?

Kind.

Drei Jahr und zwölf Wochen. Bring mich zu Fräulein Hedwig; will sie bitten, daß sie meine Mutter wird.

 

Herzbold.

Ja, mein Engel, schon gut, aber die denkt jetzt auf eigne Kinder.

Kind.

Die sollen meine Brüder und Schwestern sein.

Herzbold.

Das geht nicht so schnell, Du hast keine Erfahrung, Du kennst die Welt nicht. Was so verliebtes Volk Kinder in die Welt setzt, und läßt sie dann auf gut Glück im wüsten Gebirge herum laufen, andern zur Last zu fallen.

 

Kind.

Bist Du nie verliebt gewesen?

 

Herzbold.

Nein, Gott hat mich in Gnaden davor bewahrt; ich habe immer mehr zu thun gehabt.

 

Kind.

Ja, Du Spitzbube, Du hast es eben gemacht, wie so mancher andre Taugenichts; gelt? Armen Mädchen etwas vorgeschwatzt und gelogen, und sie dann mit ihrem Jammer sitzen lassen, und nachher noch obendrein hübsch männlich gethan mit dem starken Herzen? So sind wir armen Mädchen immer die Betrogenen. Und Du, Herzbold, hast ganz die Miene dazu.

Herzbold.

Ha! wie? Was? bin ich verhext? da nur stehn kann ich und das Maul aufsperren, nichts sagen, nichts denken. Das wird ein Zeitalter werden, in dem die dreijährigen Kinder schon so räsonniren: das heiß’ ich Fortschritte in Kultur und Bildung. Dagegen sind wir nur Backfische gewesen. Und der Kobold weiß meinen Namen. Bald fürcht’ ich mich, so klein dies Ding ist. Um Gottes Willen, bist Du ein Kind, oder ein Rind, oder der Satan selber, der mich narren will?

Das Kind lacht.

Herzbold.

Und ich träume es doch nicht; nein, es hat seine Richtigkeit.

Kind weinend.

O führe mich auf das Schloß, mich hungert sehr. Erbarme Dich einer armen Waise.

Herzbold.

Komm, Wahrsager, Zigeuner, ich mag Dir nichts abschlagen. Mögen die droben sehn, wie sie mit Dir fertig werden. Was geht’s mich an? darf ich mir die Hand ausbitten?

Kind.

Hier, mein Lieber. Ach, Du bist doch nicht so böse.

Herzbold.

Fahre nur fort in Deiner geistreichen Unterhaltung, und wenn Du manchmal zu hoch sprechen solltest, so laß Dich herab, die dunkeln Stellen einigermaßen zu erläutern. Sie gehn ab.

Hans und Peter kommen zurück.

Hans.