Maaß für Maaß

William Shakespeare · Kapitel 3 von 3

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Maaß für Maaß

Nun will ich dem Angelo neue Briefe…

(Kerkermeister geht ab.)

Nun will ich dem Angelo neue Briefe zufertigen, aus denen er ersehen soll, daß ich nahe bey der Stadt bin, und daß wichtige Ursachen mich verbinden, einen öffentlichen Einzug zu halten; ich will ihm darinn befehlen, mir eine halbe Stunde weit vor der Stadt bis zum heiligen Brunnen entgegen zu gehen: Von da soll sich dann, nach der geheimen Veranstaltung, die wir machen werden, ein Umstand nach dem andern entfalten; und Angelo, in die Unmöglichkeit gesezt, sich loßzuwinden, soll sich selbst das Urtheil sprechen. (Der Kerkermeister kommt.)

Kerkermeister.

Hier ist der Kopf; ich will ihn selbst hintragen.

Herzog. Es ist das sicherste; beschleunigt eure Rükkunft, denn ich habe euch Sachen zu eröffnen, die keine andre Ohren brauchen als die eurigen.

Kerkermeister.

Ich will so hurtig seyn als ich kan.

(Geht ab.)

(Isabella ruft hinter der Scene.)

Herzog. Das ist der Isabella Stimme—Sie kommt sich zu erkundigen, ob ihres Bruders Begnadigung angelangt sey. Aber ich will ihr das Beste noch verhalten, damit sie desto angenehmer davon überraschet werde, wenn sie es am wenigsten erwarten kan.

 

Zehnte Scene.

 

Isabella.

Mit eurer Erlaubniß—

Herzog.

Guten Morgen, meine schöne und liebenswürdige Tochter.

Isabella. Von einem so heiligen Mann kan dieser Gruß nicht anders als werth seyn. Hat der Stadthalter Befehl für meines Bruders Begnadigung geschikt?

Herzog. Er hat ihn von der Welt abgeruffen, Isabella; sein Kopf ist abgeschlagen, und dem Angelo zugeschikt.

Isabella.

Nein, es ist nicht so, will ich hoffen.

Herzog. Es ist nicht anders. Gebt durch eure gedultigste Gelassenheit, meine Tochter, eine Probe eurer Weisheit.

Isabella.

O, ich will zu ihm, und ihm die Augen ausreissen.

Herzog.

Ihr würdet nicht vor ihn gelassen werden.

Isabella.

Unglüklicher Claudio! Arme Isabella! Ungerechte Welt! Verdammter Angelo!

Herzog. Diß schadet ihm nichts, und nüzt euch nicht ein Jot. Geduldet euch also, stellet eure Sache dem Himmel anheim; höret was ich euch sage; ihr werdet ganz gewiß erfahren, daß es von Sylbe zu Sylbe eine sichre Wahrheit ist. Morgen kommt der Herzog wieder heim; troknet eure Augen; ein Priester von eurem Orden, der sein Beichtvater ist, hat mir diese Nachricht gegeben: Er hat dieses dem Angelo und Escalus schon zuwissen gethan, welche sich rüsten, ihm vor die Stadt entgegen zu gehen, und ihre Gewalt zu übergeben. Wenn ihr soviel von euch selbst gewinnen könnet, meinem Rath zu folgen, so werdet ihr durch den Herzog alle Rache die euer Herz wünschen kan, an diesem Unglükseligen nehmen, und allgemeinen Ruhm davon tragen.

Isabella.

Ich überlasse mich eurer Führung.

Herzog. Uebergebet also dieses Schreiben dem Bruder Peter; es ist eben dasjenige, worinn er mir von des Herzogs Wiederkunft Nachricht giebt. Sagt ihm, es soll das Zeichen seyn, daß ich ihn heute Nachts in Marianens Hause sprechen wolle. Ich will ihm daselbst von eurer und Marianens Sache vollkommne Wissenschaft geben; er soll euch vor den Herzog stellen, und den Angelo ins Angesicht anklagen und überweisen. Denn ich selbst bin durch ein geheiligtes Gelübde genöthiget, um diese Zeit abwesend zu seyn. Geht izt mit diesem Briefe: Fasset guten Muth, und befehlet diese äzenden Thränen aus euern Augen. Bey der Ehre meines heiligen Ordens, eure Sache soll einen guten Ausgang gewinnen. Wer ist hier?

 

Eilfte Scene.

(Lucio zu den Vorigen.)

 

Lucio.

Guten Abend; Frater, wo ist der Kerkermeister?

Herzog.

Nicht hier, mein Herr.

Lucio. O! meine artige Isabella, ich bin recht von Herzen blaß, deine schöne Augen so roth zu sehen; du must geduldig seyn; ich muß mich auch gedulden, statt der Mittags- und Abend-Mahlzeit mit Wasser und Brot vorlieb zu nehmen; ich darf mich für meinen Kopf nicht unterstehen, meinen Bauch zu füllen; eine einzige gute Mahlzeit würde mich liefern. Aber sie sagen, der Herzog werde morgen hier seyn. Bey meiner Treu, Isabell, ich liebte deinen Bruder; wäre der alte phantastische Herzog anstatt der finstern Winkel, bey Hause gewesen, so lebte er noch.

(Isabella geht ab.)

Herzog. Mein Herr, der Herzog ist euch für eure Discourse von ihm ausserordentlich wenig Dank schuldig; das beste ist indessen, daß sie nicht wahr sind.

Lucio.

Frater, du kennst den Herzog nicht sowol als ich; er ist ein beßrer Weidmann als du dir einbildest.

Herzog. Gut, ihr sollt zu seiner Zeit Red' und Antwort davor geben. Lebet wohl.

Lucio.

Nein, warte noch, ich will mit dir gehen; ich kan dir artige Histörchen von dem Herzog erzählen.

Herzog. Ihr habt mir bereits schon zuviel von ihm erzählt, wenn sie wahr sind; und sind sie es nicht, so wären gar keine schon genug.

Lucio. Ich bin einmal vor ihm gewesen, weil ich einem Menschen ein Kind gemacht hatte.

Herzog.

Thatet ihr das?

Lucio. Das denk ich, zum Henker, daß ich es that; aber ich schwur es sauber weg; mein Seel, wenn ichs nicht gethan hätte, sie hätten mich an die faule Mispel verheurathet.

Herzog. Mein Herr, eure Gesellschaft ist schöner als ehrenhaft: Bleibt ein wenig zurük oder geht voraus, wenn ich bitten darf.

Lucio. Mein Seel, ich gehe mit dir, bis die Gasse zu Ende ist; wenn dir H**jägers-Discourse ärgerlich sind, so wollen wir sparsam damit seyn; mein Seel, Frater, ich bin eine Art von Klette, ich hänge mich an.

(Sie gehen ab.)

 

Zwölfte Scene.

(Der Palast.)

(Angelo. Escalus.)

 

Escalus.

Jeder Brief den er geschrieben hat, widerspricht dem vorhergehenden.

Angelo. Seine Handlungen sehen dem Wahnwiz nur allzu gleich. Der Himmel gebe, daß sein Verstand nicht angegriffen seyn möge! Und warum sollen wir ihm vor dem Thor entgegen kommen, und unsre Ämter dort niederlegen?

Escalus.

Das kan ich nicht errathen.

Angelo. Und warum sollen wir eine Stunde vor seinem Einzug ausruffen lassen, daß wofern irgendjemand sich durch einen ungerechten Spruch beschwert zu seyn glaube, er seine Bitte auf der Strasse übergeben solle?

Escalus.

Für dieses sagt er uns seine Ursache; seine Absicht ist, allen Klagen auf einmal abzuhelfen, und uns fürs künftige gegen Beschwerungen sicher zu stellen, die hernach keine Kraft mehr gegen uns haben sollen.

Angelo. Gut; ich bitte euch, laßt den Ausruf morgen bey Zeiten geschehen; ich will euch in euerm Hause abholen: Lasset es alle diejenige wissen, denen es zusteht, ihm mit uns entgegen zu gehen.

Escalus.

Ich werde nicht ermangeln, mein Herr; lebet wohl.

Angelo. Gute Nacht. Diese That entmannet mich gänzlich, macht mich unfähig zum Denken, und ungeschikt zu allem was ich thun soll? Eine geschändete Jungfrau! Und von wem? Von demjenigen, der das Gesez wider solche Verbrechen in seiner ganzen Strenge gelten machte. Allein, ausserdem daß ihre zärtliche Schaamhaftigkeit sich nicht wird überwinden können, den Verlust ihrer jungfräulichen Ehre selbst auszuruffen, was würde ihr Zeugniß gegen mich vermögen? Was ich auch sagen mag, so kan ich allemal ihrem Nein troz bieten. Mein Ansehen ist zu groß, zu befestigt, als daß irgend eine Beschuldigung von dieser Art an mir haften könnte, und nicht mit Schaam auf denjenigen zurückfiele, der meinen Ruhm anhauchen wollte— Ich hätte ihn leben lassen, wenn ich nicht besorgt hätte, seine hizige Jugend möchte dereinst seine beleidigte Ehre rächen, ohne sich mir für ein Leben verbunden zu halten, das er mit einer solchen Schande erkauffen mußte. Und doch wünschte ich, daß er noch lebte! Himmel! Wie unglüklich sind wir, wenn wir nur einmal unsrer Pflicht vergessen haben! Wie schnell reißt uns eine böse That zur andern fort! Und wie wenig bleiben wir Meister über das, was wir wollen oder nicht wollen!

(Geht ab.)

Dreyzehnte Scene.

(Eine Gegend vor der Stadt.)

(Der Herzog in seiner eignen Kleidung, und Bruder Peter.)

 

Herzog. Vor allen Dingen gebt diese Briefe ab, wohin sie gehören. Der Kerkermeister weiß bereits von unserm Vorhaben und von der Veranstaltung desselben. Wenn die Sache einmal anhängig gemacht ist, so spielet eure Rolle wohl, und haltet euch immer an eure besondere Instruction, ob ihr gleich zuweilen einen kleinen Absprung machen könnt, wenn es die Gelegenheit erfordert: Geht, suchet den Flavius auf, und sagt ihm, wo ich anzutreffen bin; eben diese Nachricht gebt auch dem Valentius, Roland und Crassus, und befehlet ihnen, die Trompeten vor das Thor bringen zu lassen. Aber schiket vorher zu dem Flavius.

Peter.

Es soll aufs schleunigste geschehen.

(Peter geht ab.)

(Varrius.)

Herzog. Ich danke dir, Varrius; du bist sehr hurtig gewesen; Komm, wir wollen auf und abgehen; Es sind noch andre gute Freunde, die uns hier grüssen werden, mein werther Varrius.

(Sie gehen ab.)

 

Vierzehnte Scene.

(Isabella und Mariane treten auf.)

 

Isabella. Ich verstehe mich ungern dazu, so viele Umschweife zu gebrauchen; ich möchte die Wahrheit sagen; aber ihn so geradezu anzuklagen, ist eure Rolle; die meinige ist mir so vorgeschrieben; er sagt, daß es zu Erreichung unsrer Absicht nöthig sey.

Mariane.

Ueberlaßt es ihm, euch zu sagen, was ihr thun sollt.

Isabella. Er sagt mir auch, ich soll' es mir nicht seltsam vorkommen lassen, wenn er allenfalls auch auf die andre Seite, und wider mich reden sollte—

Mariane.

Ich wünschte, der Bruder Peter—

Isabella.

Stille, da kommt er ja.

(Peter zu den Vorigen.)

Peter. Kommt, ich habe einen Ort für euch ausfündig gemacht, wo ihr ganz bequem warten könnet, und wo euch der Herzog nicht entgehen kan. Die Trompeten haben schon zweymal getönt; die angesehensten Bürger haben sich schon bey dem Stadt-Thor versammelt; der Herzog ist im Anzug; wir müssen eilen.

(Sie gehen ab.)

 

Fünfter Aufzug.

 

Erste Scene.

(Ein öffentlicher Plaz nahe bey der Stadt.)

(Der Herzog, Varrius, etliche andre Edelleute, Angelo, Escalus, Lucio und einige Bürger, treten auf verschiednen Seiten auf.)

 

Herzog. Mein würdiger Vetter, ich danke euch für diesen Willkomm; unser alter und getreuer Freund, wir sind erfreut euch zusehen.

Angelo und Escalus.

Beglükt sey Euer Durchlaucht Wiederkunft!

Herzog.

Wir danken euch beyden von Herzen.

(Zu Angelo.)

Wir haben uns nach euch erkundiget, und wir hören so viel Gutes von der Gerechtigkeit eurer Staatsverwaltung, daß wir nicht umhin können, euch deßwegen öffentlichen Dank zu erstatten, bis wir Gelegenheit haben, es auf eine vollständigere Art zu thun.

Angelo.

Euer Durchlaucht macht meine Verpflichtungen immer grösser.

Herzog. O! euer Verdienst redet laut, und ich würde ungerecht gegen dasselbe seyn, wenn ich es in den Kerker meines eignen Busens einschliessen wollte; da es würdig ist, mit Buchstaben von Erzt gegen den Zahn der Zeit und den Rost der Vergessenheit gesichert zu werden. Gebt mir eure Hand, und laßt die Unterthanen sehen, wie begierig wir sind, unsre innerliche Achtung für euch durch äusserliche Merkmale öffentlich bekannt zu machen. Kommt, Escalus; ihr sollt auf der andern Seite mit uns gehen, ihr habt euch unsers Zutrauens würdig bewiesen.

(Der Herzog macht einige Schritte, als ob er weiter gehen wollte.)

 

Zweyte Scene.

(Peter und Isabella zu den Vorigen.)

 

Peter (zu Isabella.)

Izt ist eure Zeit: Redet laut, und kniet vor ihm.

Isabella. Gerechtigkeit, Gnädigster Herr; werfet euern Blik auf eine unglükliche, mißhandelte—Schier hätte ich gesagt, Jungfrau: O, würdiger Fürst, entehret euer Auge nicht, es auf einen andern Gegenstand zu richten, bevor ihr meine gerechten Klagen angehört, und mir Recht verschaft habt.

Herzog. Was für Unrecht ist euch dann geschehen, worinn? von wem? macht es kurz; hier ist der Freyherr Angelo, der euch Recht schaffen wird; eröffnet euch ihm.

Isabella. O mein Gnädigster Herr! Ihr befehlet mir, Erlösung bey dem Teufel zu suchen. Höret mich selbst an, denn das was ich zu sagen habe, muß entweder mich straffen, wenn ich keinen Glauben finde, oder euch Rache abnöthigen; o, höret mich, höret mich.

Angelo. Gnädigster Herr, ich besorge, sie ist nicht recht bey Vernunft; sie hat eine vergebliche Fürbitte für ihren Bruder bey mir eingelegt, der nach dem Lauf der Gerechtigkeit den Kopf verlohren hat.

Isabella.

Lauf der Gerechtigkeit!

Angelo.

Und izt wird sie in ihrer Verbitterung seltsame Reden ausstossen.

Isabella. Höchst seltsame; aber nur allzuwahr ist es, was ich sagen werde; daß Angelo ein meyneydiger Mann ist, ist das nicht seltsam? daß Angelo ein Mörder ist, ist das nicht seltsam? daß Angelo ein ehebrechrischer Räuber, ein Heuchler, ein Jungfrauen-Schänder ist? ist das nicht seltsam, und abermal seltsam?

Herzog.

In der That, es ist zehenmal seltsam.

Isabella. Und doch ist es nicht wahrer, daß er Angelo ist, als daß alles dieses so wahr ist, als es seltsam ist; ja, es ist zehenmal wahrer; denn Wahrheit ist am Schluß allemal Wahrheit.

Herzog. Schaft sie hinweg, die arme Seele; sie sagt das in der Verrükung ihres Gehirns.

Isabella. O Fürst ich beschwöhre dich, wenn du anders glaubest daß noch ein andrer Trost ist als diese Welt, verachte mich nicht, in der Meynung, daß ich nicht bey gesunder Vernunft sey. Mache nicht unmöglich, was nur unbegreiflich scheint; es ist nicht unmöglich, daß der ärgste Bube im Herzen von aussen so spröde, so ernsthaft, so gerecht, so unsträflich scheinen kan, als Angelo; gleichergestalt kan Angelo, mit allen seinen Masken, Charactern, Titeln und Anscheinungen, doch nur ein Erz-Bösewicht seyn; Glaubet mir, gnädigster Herr, er ist es; wenn er weniger ist, so ist er gar nichts; aber er ist mehr, wenn ich Namen für seine Boßheit hätte.

Herzog. Bey meiner Ehre, wenn sie unsinnig ist, wie ich nicht anders glaube, so hat doch ihr Unsinn die seltsamste Gestalt von Vernunft; so viel Zusammenhang in allem was sie spricht, als ich jemals in den Reden eines Wahnwizigen gehört habe.

Isabella. Gnädigster Herr, bleibet doch nicht immer auf dieser Einbildung; verwerfet die Vernunft nicht, weil sie unwahrscheinliche Dinge sagt; sondern bedient euch der eurigen, die Wahrheit ans Licht zu ziehen, wo sie verborgen scheint, anstatt den Irrthum zu verbergen, weil er Wahrheit scheint.

Herzog.

Manche, die nicht wahnwizig sind, haben, wahrhaftig, weniger Vernunft—Was wollt ihr dann sagen?

Isabella. Ich bin die Schwester eines gewissen Claudio, der wegen der Sünde der Hurerey verurtheilt wurde, den Kopf zu verliehren; Angelo war es, der ihn verurtheilte: Ich, die im Begriff bin meine Probzeit in einem Kloster zu vollenden, wurde von meinem Bruder zu ihm geschikt; ein gewisser Lucio, von dem ich die Nachricht hatte—

Lucio. Das bin ich, mit Euer Durchlaucht Erlaubniß; Claudio hatte mich zu ihr geschikt, um sie zu bewegen, daß sie versuchen sollte, durch ihre rührende Fürbitte die Begnadigung ihres Bruders auszuwürken.

Isabella.

Er ist es, in der That.

Herzog (zu Lucio.)

Man hat euch nicht befohlen zu reden.

Lucio.

Nein, Gnädigster Herr, noch gewünscht daß ich schweigen möchte.

Herzog. Ich wünsch euch's also izt; seyd so gut und merkt euch das; und wenn ihr Gelegenheit bekommt für euch selbst zu sprechen, so bittet den Himmel, daß ihr alsdenn nicht verstummen möget.

Lucio.

Dafür steh' ich Euer Gnaden.

Herzog.

Es wird sich zeigen.

Isabella.

Dieser Edelmann erzählte etwas von meiner Geschichte.

Lucio.

So ists.

Herzog. Es mag so seyn, aber ihr sollt nicht eher reden bis die Reyhe an euch kommt. Weiter!

Isabella.

Ich gieng also zu diesem verderblichen gottlosen Stadthalter.

Herzog.

Das ist ein wenig wahnwizig gesprochen.

Isabella.

Vergebet mir, der Ausdruk ist der Materie gemäß.

Herzog.

Wieder verbessert—der Materie—Nur weiter.

Isabella. Kurz, um die unnöthigen Umstände zu übergehen, wie viel Vorstellungen ich ihm gemacht, wie sehr ich gebeten, wie ich ihm zu Fusse gefallen, was er mir entgegengesezt, und wie ich ihm geantwortet, denn dieses daurte sehr lang—ich will den Anfang damit machen, womit dieser Auftritt sich beschloß, wenn ich es anders vor Schmerz und Schaam heraussagen kan. Er beharrte darauf, daß er meinen Bruder unter keiner andern Bedingung losgeben wollte, als wenn ich meinen jungfräulichen Leib seiner unkeuschen Begierde überlassen würde; und nach vielem Wortwechsel übertäubte endlich das schwesterliche Mitleiden die Stimme der Ehre, und ich gab nach: Aber den folgenden Morgen früh, nachdem er seinen Zwek erhalten hatte, schikt' er Befehl, daß meinem Bruder der Kopf abgeschlagen werden sollte.

Herzog (spöttisch.)

Das ist sehr wahrscheinlich!

Isabella.

O möcht es so scheinbar* seyn, als es wahr ist.

{ed.-* Der Sinn dieser Rede besteht in einem Spiel mit dem Wort (like), welches der Herzog für wahrscheinlich, und Isabella für artig oder anständig gebraucht; denn es hat beyde Bedeutungen.}

Herzog. Beym Himmel, du wahnwiziger Tropf, du weist nicht was du sprichst, oder du bist durch boshafte Künste gegen seine Ehre aufgestiftet worden. Fürs erste, so ist er ein Mann, dessen Tugend ausser Zweifel ist. Zweytens ist es wider alle Vernunft, daß er eine Vergehung, deren er sich selbst schuldig gemacht, so hart an einem andern gestraft haben sollte; hätte er sich so vergangen, so würde er deinen Bruder nach sich selbst gemessen, und ihm seinen Kopf gelassen haben. Ihr seyd von jemand aufgestiftet worden; Gesteht die Wahrheit, und sagt, auf wessen Anrathen habt ihr diese Anklage hier vorgebracht?

Isabella. Und ist das alles? O dann, so verleihet mir Geduld, ihr Heiligen dort oben! und entdeket zu seiner Zeit die Uebelthat, die hier in partheyische Gunst eingehüllet wird! Der Himmel bewahre Euer Durchlaucht so gewiß vor Unfall, als es wahr ist, daß ich das Unrecht erlitten habe, ob ich gleich keinen Glauben finde.

Herzog. Das glaube ich, daß ihr gerne davon gehen möchtet. Einen Stadtbedienten, ins Gefängnis mit ihr. Sollten wir gestatten, daß eine Person die uns so nahe ist, ungestraft so ärgerlich angeschmizt werden dürfte? Das muß nothwendig eine angestellte Sache seyn. Wer weiß mit von euerm Vorhaben und Hieherkommen?

Isabella.

Einer den ich gerne hieher wünschen möchte, der Pater Ludewig.

Herzog.

Ein Ordensmann, wie es scheint; wer kennt diesen Ludewig?

Lucio. Gnädigster Herr, ich kenn' ihn; es ist ein Mönch, der seine Nase in alles stekt, ich kan ihn nicht leiden; wär er ein Lay gewesen, Gnädigster Herr, ich wollte ihn wegen einiger Reden, die er wider Euer Durchlaucht, in Dero Abwesenheit ausgestossen hat, abgeschmiert haben, daß er es gefühlt hätte.

Herzog. Reden wider mich? Das ist ein feiner Ordensmann, dem Ansehen nach; und dieses unglükliche Weibsbild wider unsern Stadthalter aufzustiften! Laßt diesen Mönchen aufsuchen.

Lucio.

Erst noch in verwichner Nacht, traf ich sie und diesen Mönch im Gefängniß bey einander an; eine unverschämte Kutte, wie gesagt, ein recht boshafter Geselle.

Peter. Mit Euer Durchlaucht gnädigster Erlaubniß, ich stand dabey, und ich hörte genug um zu sehen, wie sehr euer königliches Ohr mißbraucht wird. Fürs erste; so hat dieses Weibsbild euern Stadthalter höchst frefelhafter Weise angeklagt; er ist so rein von einiger Besudlung mit ihr, als sie von einem, der noch nicht gebohren ist.

Herzog. Ich glaube auch nichts anders. Kennt ihr diesen Pater Ludewig, von dem sie spricht?

Peter. Ich kenn ihn als einen heiligen Mann; nicht boshaft, nicht fürwizig sich in zeitliche Dinge einzumischen, wie dieser Edelmann gesagt hat; und ein Mann, bey meiner Treue, der niemals, wie er vorgiebt, von Euer Durchlaucht ungebührlich gesprochen hat.

Lucio.

Gnädigster Herr, auf eine ganz infame Art; glaubet mir.

Peter. Gut; er kan noch zeitig genug kommen sich zu rechtfertigen; aber in diesem Augenblik, Gnädigster Herr, ist er an einem wunderbaren Fieber krank. Bloß auf sein Bitten (da es bekannt wurde, daß hier eine Klage wieder den Freyherrn Angelo angestellt werden sollte) bin ich hieher gekommen, um aus seinem Munde zu sagen, was er von der Sache weiß, und was er, wenn er vorgeladen werden sollte, mit seinem Eyde zu bekräftigen im Stand ist. Was anforderst dieses Weibsbild betrift, so sollt ihr, zur Rechtfertigung dieses würdigen Herrn, der auf eine so öffentliche und persönliche Art von ihr beschimpft wird, hören wie sie vor euern Augen dergestalt wird überwiesen werden, daß sie es selbst wird eingestehen müssen.

Herzog.

Mein guter Pater; laßt's uns hören. Lächelt ihr nicht über diese Begebenheiten, Angelo? Himmel! Was für eine Unbesonnenheit von diesen unglüklichen Thoren!—Gebt uns Size; kommt, mein Vetter Angelo; ich will an dieser Sache keinen Theil nehmen; seyd ihr Richter in eurer eignen Sache.

(Isabella wird mit einer Wache weggeführt, und Mariane tritt mit einem Schleyer bedekt auf.)

 

Dritte Scene.

 

Herzog. Ist das der Zeuge, Pater? Sie mag zuerst ihr Gesicht sehen lassen, eh sie spricht.

Mariane. Um Vergebung, Gnädigster Herr; ich lasse mein Gesicht nicht sehen, ausser mein Gemahl beföhl' es mir.

Herzog.

So seyd ihr verheurathet?

Mariane.

Nein, Gnädigster Herr.

Herzog.

Seyd ihr ein Mädchen?

Mariane.

Nein, Gnädigster Herr.

Herzog.

Eine Wittwe also?

Mariane.

Auch das nicht, Gnädigster Herr.

Herzog.

Wie, seyd ihr denn nichts? Weder Mädchen, noch Frau, noch Wittwe?

Lucio.

Gnädigster Herr, sie ist vielleicht eine Pf** Köchin—

Herzog. Macht doch diesen Kerl schweigen; ich wollte, er hätte etwas mit sich selbst zu dahlen.

Lucio.

Gut, Gnädigster Herr.

Mariane. Gnädigster Herr, ich gesteh's, ich bin nie verheurathet gewesen; ich gesteh auch zugleich, daß ich kein Mädchen bin; ich habe meinen Gemahl gekannt, aber mein Gemahl weiß nicht, daß er mich jemals gekannt hat.

Lucio.

So war er also betrunken, Gnädigster Herr, es kan nicht anders seyn.

Herzog.

Ich wollte du wär'st es auch, so schwiegest du doch wenigstens.

Lucio.

Gut, Gnädigster Herr.

Herzog.

Das ist keine Zeugin für den Freyherrn Angelo.

Mariane. Ich komme nun dazu, Gnädigster Herr. Das Frauenzimmer, das ihn beschuldiget, daß er sie entehrt habe, klagt dadurch meinen Gemahl an, indem sie vorgiebt, daß es zu einer Zeit geschehen sey, von der ich behaupte, daß ich ihn mit allen Würkungen der Liebe in meinen Armen hatte.

Angelo.

Beschuldiget sie jemand mehr als mich?

Mariane.

Nicht daß ich wüßte.

Herzog.

Nicht? Ihr sagt, euer Gemahl?

Mariane. So ist es, Gnädigster Herr, und der ist Angelo; der sich einbildt, er wisse gewiß, daß er mich nie berührt habe, aber gewiß weiß, daß er sich einbildt, es sey Isabella gewesen.

Angelo.

Das heißt die Bosheit weit getrieben; laß dein Gesicht sehen!

Mariane.

Mein Gemahl befiehlt es, nun will ichs thun.

(Sie nimmt ihren Schleyer ab.)

Siehe hier, du grausamer Angelo, siehe das Gesicht, welches einst, wenn deine Schwüre Glauben verdienten, werth war angesehen zu werden; dieses ist die Hand, die durch einen feyerlichen Ehverspruch in die deinige geschlossen wurde; diß ist der Leib, der das Versprechen der Isabella bezahlte, und in deinem Gartenhaus ihre eingebildete Person vorstellte!

Herzog (zu Angelo.)

Kennt ihr dieses Frauenzimmer?

Lucio.

Fleischlicher Weise, sagt sie.

Herzog.

Schlingel, kein Wort mehr.

Lucio.

Genug, Gnädigster Herr.

Angelo. Gnädigster Herr, ich muß gestehen, daß ich dieses Frauenzimmer kenne. Vor ungefehr fünf Jahren wurde eine Verbindung zwischen mir und ihr in Vorschlag gebracht, die sich aber wieder zerschlug, theils weil ihr Vermögen sich weit geringer befand als man es angegeben hatte; vornemlich aber, weil der Ruf einer unvorsichtigen Aufführung ihre Ehre zweifelhaft machte. Seit diesem bezeuge ich bey meiner Ehre und Treue, daß ich sie binnen fünf Jahren weder gesehen, noch mit ihr gesprochen, noch von ihr gehört habe.

Mariane. Grosser Fürst, so gewiß als das Licht vom Himmel, und Worte vom Athem kommen; so gewiß als Vernunft in der Wahrheit, und Wahrheit in der Tugend ist; so gewiß bin ich, in Kraft der feyerlichsten Gelübde, dieses Mannes verlobtes Weib: Und nur erst in verwichner Dienstags-Nacht, in seinem Garten-Hause, erkannte er mich wie ein Weib. So wahr als diß ist, möge ich gesund von meinen Knien wieder aufstehen, oder wo nicht, auf ewig hier als ein marmornes Denkbild stehen bleiben.

Angelo.

Ich lächelte bisher nur; aber nun, Gnädigster Herr, muß ich Euer Durchlaucht bitten, mir Recht zu schaffen. Meine Geduld geht zu Ende; ich sehe, daß diese armen einfältigen Weibsbilder nur die Werkzeuge einer verborgnen und mächtigern Hand sind, die sie in Bewegung sezt. Verstattet mir, Gnädigster Herr, daß ich mich bemühe, auf den Grund dieses Complots zu kommen.

Herzog. Von Herzen gern, und die Schuldigen so hart als ihr wollt, abzustraffen. Du thörichter Mönch und du boshaftes Weibsbild, denkt ihr, eure Eydschwüre selbst, und wenn sie alle Heiligen persönlich herabschwören würden, wären ein hinlängliches Zeugniß gegen sein bewährtes und so lange festgeseztes Ansehen? Escalus, sezet euch mit meinem Vetter, und leihet ihm eure freundschaftliche Mühe, die Quelle dieser schändlichen Verläumdungen zu entdeken. Es ist noch ein andrer Mönch, der sie aufgestiftet hat; laßt ihn herbeyschaffen.

Peter. Ich wünschte, Gnädigster Herr, er wäre hier; denn in der That ist er derjenige, der diese Frauenzimmer aufgemuntert, diese Klagen anhängig zu machen. Euer Kerkermeister kennt den Ort, wo er sich aufhält, und kan ihn holen.

Herzog. Geht, thut es augenbliklich; und ihr, mein edler und würdiger Vetter, dem am meisten daran ligt, diese Sache genauer zu untersuchen, verfahret nach euerm Gutdünken in Bestrafung der Schuldigen. Ich will euch für eine Weile verlassen; aber bleibt ihr so lange zurük, bis ihr die Bosheit dieser Verläumder völlig zu Schanden gemacht habt.

(Er geht ab.)

 

Vierte Scene.

 

Escalus. Gnädigster Herr, wir wollen nichts ermangeln lassen. Herr Lucio, sagtet ihr nicht, ihr kennet diesen Frater Ludewig für einen Mann von schlechter Aufführung?

Lucio.

(Cucullus non facit Monachum;) es ist nichts ehrwürdig an ihm als seine Kutte; er hat auf eine höchst infame Art von der Person des Herzogs gesprochen.

Escalus.

Wir ersuchen euch, hier zu bleiben, bis er kommt, und ihn dessen zu überweisen; es wird sich finden, daß dieser Mönch ein schlimmer Vogel ist.

Lucio.

Als irgend einer in Wien, auf mein Wort.

Escalus. Ruft diese Isabella wieder hieher; ich möchte mit ihr reden; ich bitte euch, Gnädiger Herr, erlaubet mir, sie abzuhören; ihr sollt sehen wie ich sie behandeln werde.

Lucio (vor sich.)

Ich denke nicht besser als er, nach ihrer eignen Aussage.

Escalus.

Wie beliebt?

Lucio. Mein Seel, ich denke mein Herr, wenn ihr sie ohne Zeugen behandeln würdet, sie würde schneller bekennen; vielleicht schämt sie sich, es so vor allen Leuten zu thun. (Der Herzog in Mönchshabit, und der Kerkermeister; Isabella wird herbeygeführt.)

Escalus.

Ich will ernstlich mit ihr zu Werke gehen. Ein wenig näher Madam; Hier ist ein Frauenzimmer, das allem widerspricht, was ihr gesagt habt.

Lucio. Gnädiger Herr, hier kommt der Schurke, von dem ich sagte, hier mit dem Kerkermeister.

Escalus.

Er kommt eben recht; sagt ihr nichts zu ihm, bis wir euch aufruffen.

Lucio.

Nein!—

Escalus. Kommt, Herr, seyd ihr derjenige, der diese Weibsbilder aufstiftete, den Freyherrn Angelo zu verläumden? Sie haben bekennt, daß ihr es seyd.

Herzog.

Es ist nicht wahr.

Escalus.

Wie? Wißt ihr auch wo ihr seyd?

Herzog. Den Respect vor eurer hohen Würde vorbehalten, der Teufel selbst kan manchmal um seines brennenden Throns willen geehrt werden. Wo ist der Herzog? Er soll mich hören, wenn ich reden soll.

Escalus. Der Herzog ist in uns, und wir wollen euch reden hören; sehet zu, daß ihr die Wahrheit sagt.

Herzog. Ganz ungescheut. Aber, o ihr armen Seelen, kommt ihr, das Lamm hier von dem Fuchs zu fordern? Gute Nacht eurer Satisfaction! Wenn der Herzog weggegangen ist, so ist eure Sache verlohren. Der Herzog handelt unbillig, eure Appellation an ihn so abzuweisen, und die Untersuchung eurer Sache dem Bösewicht zu überlassen, den ihr anzuklagen gekommen seyd.

Lucio.

Da haben wir den Schurken; es ist der von dem ich sagte.

Escalus. Wie, du unehrwürdiger und unheiliger Mönch, ist es dir nicht genug, daß du diese Weibsleute heimlich gewonnen hast, diesen würdigen Mann anzuklagen; unterstehst du dich noch, ihn unverschämter Weise und vor seinen eignen Ohren einen Bösewicht zu nennen? ja von ihm auf den Herzog selbst zu fallen, und ihn der Ungerechtigkeit zu beschuldigen? Führt ihn fort; an die Folter mit ihm; wir wollen dir eher Glied für Glied verzetteln, eh du uns dein Vorhaben abläugnen sollst. Was? Ungerecht?

Herzog. Nicht so hizig; der Herzog hat so wenig das Herz, einen Finger von mir streken zu lassen, als seinen eignen: Ich bin sein Unterthan nicht, ich stehe auch nicht unter der hiesigen Provinz; meine Geschäfte in diesem Staat gaben mir Gelegenheit, auf das was hier in Wien vorgeht Acht zu geben; ich habe gesehen, wie die Verderbniß der Sitten siedet und strudelt, bis der Kessel überlauft;

Geseze gegen alle Verbrechen; aber Verbrechen, die so vorsichtig begangen werden, daß sie der Geseze spotten.

Escalus.

Er schmäht den Staat, weg mit ihm ins Gefängniß.

Angelo. Was habt ihr wider ihn vorzubringen, Herr Lucio? Ist das der Mann, von dem ihr uns erzähltet?

Lucio. Er ists, Gnädiger Herr; kommt näher, guter Freund Kahlkopf; kennt ihr mich?

Herzog.

Ich erinnre mich eurer am Ton eurer Stimme; ich traf euch währender Abwesenheit des Herzogs im Gefängniß an.

Lucio.

So, traft ihr mich an? und erinnert ihr euch noch, was ihr von dem Herzog sagtet?

Herzog.

Vollkommen, mein Herr.

Lucio.

Vollkommen, mein Herr? Und war denn der Herzog ein Hurenjäger, ein Gek, ein Hasenfuß, wie ihr sagtet?

Herzog. Ihr müßt erst eure Person mit mir tauschen, eh ihr mich das sagen lassen könnt; ihr sagtet das von ihm, und noch ärgers.

Lucio. O du verruchter Geselle! Zog ich dich nicht bey der Nase, wie du so redtest?

Herzog.

Ich versichre, daß ich den Herzog so sehr liebe als mich selbst.

Angelo. Hört ihr, wie der Bube sich wieder heraushalftern möchte, nachdem er so verräthrische Reden ausgestossen hat?

Escalus. Mit einem solchen Kerl muß man sich nicht einlassen; weg mit ihm ins Gefängniß; wo ist der Kerkermeister? weg mit ihm ins Gefängniß; legt ihm Fesseln an; laßt ihn nicht mehr reden; weg mit diesen Mezen, ins Gefängniß, und mit den übrigen Zusammenverschwornen.

Herzog.

Haltet, mein Herr, haltet noch ein wenig.

Angelo.

Wie? er widersezt sich? helft ihm, Lucio.

Lucio. Kommt, mein Herr; hey da, Herr, kommt, ein wenig hieher, mein Herr; wie? du kahlköpfichter lügenhafter Schurke; du must um einen Kopf kürzer gemacht werden; gelt, du must? Zeig dein Schelmengesicht, daß du die Kränke kriegest; zeig dein bißiges Schaafs-Gesicht, und laß dich in einer Stunde hängen: Willt du nicht fort?

(Er reißt die Mönchs-Kutte ab, und entdekt den Herzog.)

Herzog.

Du bist der erste Spizbube, der jemals einen Herzog gemacht hat. Fürs erste, Kerkermeister, laß mich für diese drey wakern Leute Bürge seyn—Schleicht euch nicht hinweg, junger Herr, denn der Frater und ihr haben noch ein Wort mit einander zu sprechen; macht ihn feste.

Lucio.

Das kan noch ärger werden, als hängen.

Herzog (zu Escalus.) Was ihr gesprochen habt, soll vergeben seyn; Sezt euch; wir wollen einen Plaz von diesem Herrn da borgen.

(Zu Angelo.)

Mit eurer Erlaubniß, mein Herr—Hast du Worte, oder Wiz, oder Unverschämtheit, die dir noch Dienste thun können? Wenn du hast, so stüze dich darauf, bis ich meine Erzählung gemacht habe, und halte dann noch aus, wenn du kanst.

Angelo. O mein furchtbarer Fürst, ich müßte schuldiger seyn als meine Schuld, wenn ich hoffen wollte verborgen zu bleiben, da ich merke, daß Euer Durchlaucht, gleich einer unsichtbaren Gottheit, meine Tritte beobachtet hat: Lasset also, Gnädigster Herr, kein längeres Gericht über meine Schande gehalten werden, mein eignes Bekenntniß macht alle Untersuchung überflüssig; ein unmittelbares Urtheil und der Tod, ist alle Gnade, um die ich bitte.

Herzog.

Kommt hieher, Mariane! Sprich, warst du jemals mit diesem Frauenzimmer verlobt?

Angelo.

Ich war, Gnädigster Herr.

Herzog. So nimm sie hier, und heurathe sie diesen Augenblik; verrichtet ihr die Ceremonie, Pater; wenn sie vorbey ist, so bringt ihn wieder hieher: Geht mit ihm, Kerkermeister.

(Angelo, Mariane, Peter und Kerkermeister gehen ab.)

 

Fünfte Scene.

 

Escalus. Gnädigster Herr, ich bin mehr über seine Schande bestürzt, als über die Seltsamkeit der Sache.

Herzog.

Tretet näher, Isabella; euer Frater ist nun euer Fürst, ich war in jener Person euer getreuer Freund und Rathgeber, und, ohne mein Herz mit meinem Anzug zu verändern, werde ich allezeit zu euerm Dienst gewidmet bleiben.

Isabella. O! vergebet mir, mein gnädigster Herr, daß ich, eure Vasallin, eure unerkannte Hoheit beschäftigt und bemühet habe.

Herzog. Es ist euch vergeben, Isabella; und nun, theures Mädchen, lasset mir das gleiche Recht wiederfahren. Ich weiß es, euers Bruders Tod ligt schwer auf euerm Herzen, und ihr werdet euch wundern, warum ich mich begnügt, verborgner Weise seine Rettung zu suchen, und nicht lieber meine verkleidete Macht plözlich zu erkennen gegeben, als ihn so verlohren gehen zu lassen; aber wisset, liebenswürdigstes Geschöpf, daß nichts als die zuschnelle Vollziehung seines Todesurtheils, von der ich dachte, daß sie später erfolgen würde, meinem Vorsaz zuvoreilte; doch Friede sey über ihn! Das Leben ist das Beste, das sich vor keinem Tode mehr fürchten muß; tröstet euch damit; euer Bruder ist glüklich.

Isabella.

Ich thu es, Gnädigster Herr.

 

Sechste Scene.

(Angelo, Mariane, Peter und Kerkermeister zu den Vorigen.)

 

Herzog (zu Isabella.) Was diesen neuvermählten Mann, der hier wieder zurük kommt, betrift, dessen üppige Einbildungskraft eure wolvertheidigte Ehre beleidigt hat, so vergebt ihm um Marianens willen: Allein in sofern er, der eines doppelten Verbrechens, der verlezten Keuschheit und des gebrochnen Versprechens, sich schuldig wußte, euerm Bruder das Todes-Urtheil sprach, so ruft selbst die Barmherzigkeit des Gesezes mit lauter Stimme, und aus seinem eignen Munde, Angelo für Claudio, Tod für Tod, Gleiches für gleiches, und Maaß für Maaß.

(Er wendet sich zum Angelo.)

Angelo, deine Verbrechen sind so offenbar, daß du sie nicht läugnen könntest, wenn du auch wolltest; wir verurtheilen dich also, auf eben demselben Blok dein Leben zu verliehren, worauf Claudio sich zum Tod bükte, und mit eben solcher Eile. Hinweg mit ihm.

Mariane. O! mein Gnädigster Herr, ich hoffe Euer Durchlaucht hat mir nicht zum Scherz einen Gemahl gegeben.

Herzog. Ich hielt eure Vermählung nur nöthig, um eure Ehre sicher zu stellen, und einen Vorwurf von euch abzuwenden, der euerm künftigen Glük im Wege gestanden wäre; was seine Güter betrift, so sezen wir, ob sie gleich durch Confiscation unser wären, euch in den Besiz davon, und machen sie zu euerm Witthum, damit ihr einen bessern Gemahl kauffen könnet.

Mariane. O Mein theurester Fürst, ich verlange keinen andern und keinen bessern Mann.

Herzog.

Bittet nicht für ihn, unser Schluß ist gefaßt.

Mariane.

Mein gnädigster Herr—

Herzog.

Ihr verliehrt nur eure Mühe—weg mit ihm zum Tode.

(Zu Lucio.)

Nun, mein Herr, kommt die Reyhe an euch.

Mariane. O! mein gnädigster Herr! O! theurste Isabella, kommet mir zuhülfe; lehnt mir eure Knie, und mein ganzes künftiges Leben soll zu eurem Dienst gewidmet seyn.

Herzog. Was ihr von ihr fordert ist unbillig, und wider die Natur; sollte sie niederknien, um für eine solche That Erbarmung zu erflehen, ihres Bruders Geist würde sein Grab durchbrechen, und sie in Schreknissen von hinnen reissen.

Mariane. Isabella, liebste Isabella, kniet doch mit mir hin; breitet eure Hände aus, redet nichts, ich will alles sagen. Die besten Menschen, sagt man, werden erst durch die Fehler die sie gemacht haben, vollkommen; dieses kan auch meines Mannes Fall seyn. O Isabella, wollt ihr nicht mit mir knien?

Herzog.

Er stirbt für Claudios Tod.

Isabella (kniend.) Gütigster Fürst, sehet, wenn es euch gefällt, auf diesen verurtheilten Mann, als ob er mein Bruder wäre; ich glaube, ich hoffe es, seine Tugend war aufrichtig, bis er mich sah; wenn dieses ist, so laßt ihn nicht sterben. Meinem Bruder ist nichts als Gerechtigkeit widerfahren; er starb für eine Sünde, die er würklich ausgeübt hatte; Angelo sündigte nur durch einen Vorsaz der nicht zur Vollziehung kam; Gedanken sind dem Gesez nicht unterworffen, und Vorsäze sind blosse Gedanken.

Mariane.

Blosse Gedanken, Gnädigster Herr.

Herzog. Eure Fürbitte ist fruchtlos; stehet auf, sage ich. Ich habe mich indessen eines andern Fehlers erinnert. Kerkermeister, wie kam es, daß Claudio zu einer ungewöhnlichen Stunde enthauptet wurde?

Kerkermeister.

Es wurde so befohlen.

Herzog.

Hattet ihr einen Richterlichen Befehl deßwegen?

Kerkermeister.

Nein, Gnädigster Herr, es geschah auf eine privat-Botschaft.

Herzog.

Und deßwegen entseze ich euch eures Amts; gebt die Schlüssel ab.

Kerkermeister. Vergebet mir, Gnädigster Herr; ich dachte gleich, es möchte ein Fehler seyn, doch wußte ichs nicht gewiß; aber es reuete mich, da ich mich besser erkundigt hatte; und der Beweiß hievon ist dieses, daß ich einen gewissen Gefangnen, der kraft eines privat-Befehls sterben sollte, noch habe leben lassen.

Herzog.

Wer ist er?

Kerkermeister.

Er nennt sich Bernardin.

Herzog. Ich wollte, du hättest dieses beym Claudio gethan; geht, holt ihn hieher, ich will ihn sehen.

Escalus.

Es ist mir leid, daß ein so gelehrter und weiser Mann, als ihr, Freyherr Angelo, allezeit geschienen habt, beydes durch Hize des Bluts und Mangel einer klugen Ueberlegung, so grosse Fehltritte gemacht habt.

Angelo. Mir ist leid, daß ich euch dieses Leid verursache, und ich fühle mein Verbrechen so sehr, daß ich mit grösserm Verlangen um den Tod flehe als um Gnade: Ich habe ihn verdient, und ich bitte darum.

 

Siebende Scene.

(Der Kerkermeister, Bernardin, Claudio und Juliette zu den Vorigen.)

 

Herzog.

Welcher ist dieser Bernardin, von dem ihr sprachet?

Kerkermeister.

Dieser, Gnädigster Herr.

Herzog. Ein gewisser Mönch sagte mir von diesem Manne; Kerl, man sagt du habest eine verstokte Seele, die nach dieser Welt nichts fürchte, und du lebest dieser Denkungsart gemäß; du bist zum Tode verurtheilt; doch will ich dir die Strafe nachlassen, die deine Verbrechen in dieser Welt verdient haben; ich bitte dich, wende diese Gnade dazu an, für eine bessere Zukunft besorgt zu seyn; Frater, gebt ihm Anleitung dazu, ich übergebe ihn in eure Hände. Was für ein vermummter Geselle ist das?

Kerkermeister. Es ist ein andrer Gefangner, den ich rettete und welcher sterben sollte, als Claudio den Kopf verlohr; er gleicht dem Claudio so sehr als sich selbst.

Herzog (zu Isabella.) Wenn er euerm Bruder gleicht, so sey er um euertwillen begnadiget, und um euers liebenswürdigen Selbst willen, gebt mir eure Hand, und sagt ihr wollt mein seyn, so ist er mein Bruder dazu; doch hievon zu gelegnerer Zeit. Angelo siehet hieraus, daß er nichts mehr zu besorgen hat; mich däucht ich sehe einen Schimmer von Hoffnung in seinen Augen. Gut, Angelo, ihr habt euer Vergehen abgebüßt; liebet eure Gemahlin, ihr Werth ergänzt den Eurigen. Ich finde mich heut ungemein aufgelegt zur Nachsicht, und doch ist hier einer, dem ich nicht verzeihen kan.

(Zu Lucio.)

Ihr, frecher Bursche, der mich für einen Geken, eine Memme, einen lüderlichen Bruder, einen Esel, einen Wahnwizigen kennet, womit hab ich um euch verdient, daß ihr mich so erhebet?

Lucio. Bey meiner Seele, Gnädigster Herr, ich sagt' es nur, weil es Mode ist, böses von den Leuten zu sagen; wenn Euer Durchlaucht mich deswegen hängen lassen will, so muß ich es leiden; aber ich wollte lieber, daß es euch gefallen möchte, mir den Staupbesen geben zu lassen.

Herzog. Den Staupbesen zuerst, Herr, und hernach den Galgen. Kerkermeister, laßt durch die ganze Stadt ausruffen, wenn irgend ein Weibsbild sey, die sich über diesen Gesellen zu beschweren habe, (wie ich ihn dann selbst habe sagen gehört, es sey eine schwanger von ihm,) so soll sie sich darstellen, und er soll sie heurathen; wenn die Hochzeit vorbey ist, so laßt ihn peitschen und aufhängen.

Lucio.

Ich bitte Euer Durchlaucht, mich nicht an eine H** zu verheurathen; Euer Durchlaucht sagte nur erst, ich habe euch zum Herzog gemacht; Mein Gnädigster Herr, belohnet mich nicht so übel dafür, und macht mich zu einem Hahnrey.

Herzog. Bey meiner Ehre, du sollst sie heurathen. Deine Schmähungen und alle deine übrigen Uebelthaten sollen dir vergeben seyn; führt ihn indessen ins Gefängniß, und sehet, daß mein Wille hierinn vollzogen werde. Ihr, Claudio, säumet euch nicht, dem Frauenzimmer, das ihr gekränkt habt, Genugthüung zu geben. Ich wünsche euch Glük, Mariane; liebet sie, Angelo, ich habe ihre Beichte gehört, und kenne ihre Tugend. Habe Dank, mein guter Freund Escalus, für deinen guten Willen, du sollt Ursache finden dich dessen zu erfreuen. Habe Dank, Kerkermeister, für deine Sorgfalt und Verschwiegenheit; wir werden dich in einem würdigern Plaz zu gebrauchen wissen. Vergebt ihm, Angelo, daß er euch Ragozins Kopf statt Claudios gebracht hat; die Beleidigung vergiebt sich von selbst. Und ihr, meine theure Isabella, wenn ihr ein williges Ohr zu der guten Gesinnung neiget, die ich für euch trage, so ist was mein ist euer, und was euer ist, mein; und hiemit führet uns in unsern Palast, wo wir euch deutlicher entdeken werden, was ihr alle zu wissen nöthig habt.

 

Maaß für Maaß, oder: Wie einer mißt, so wird ihm wieder gemessen, von William Shakespeare (Übersetzt von Christoph Martin Wieland).

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