Meleons magische Schokoladen
Das Kabinett
Florindel befeuchtete die Lippen, sah schnell zu Meleon, dem es gelang, eine vollkommen ausdruckslose Miene aufrecht zu erhalten, und ging dann auf ein Knie.
Isabell knickste, da der Prinz wohl vor niemandem außer dem König selbst das Knie gebeugt hätte. Das trug ihr ein huldvolles Lächeln ein.
„Sieh an! Das ist wohl also Dame Isabell. Kommt her, mein Kind!“
Isabell gehorchte.
Er war so klein, dass er zu ihr aufsehen musste.
„Ihr meint also, Ihr wäret die würdige Nachfolgerin meiner Tochter?“
Meleon deutete ein Nicken an. Also knickste Isabell erneut.
Der König betrachtete sie aus zusammengekniffenen Augen, so als sei er kurzsichtig, dann sagte er: „Durchaus angemessen, Meleon. Die Formalitäten verschieben wir jedoch auf später. Jetzt, denke ich, wäre erst einmal ein Abendessen angebracht.“
„Es wird sehr bald fertig sein, Majestät“, erwiderte Meleon und verfiel dann in seine eigene Sprache. Er verneigte sich und wies nach oben, wo sein Schlafzimmer lag, während er offenbar etwas entschuldigte. Wahrscheinlich den Zustand seines Mobiliars. Der König schritt die Stufen hinauf und winkte Florindel, ihm zu folgen.
Meleon wischte hinter ihnen über den Durchgang, als wolle er ihn verschließen.
„So“, sagte er grimmig. „Nun warten Arbeit und Mühe auf uns.“ Er zog Isabell an sich. „Wie ist es euch hier ergangen?“
„Gut“, begann Isabell und wollte vom Besuch des Bürgermeisters berichten, aber Meleons Lippen strichen über ihre Wangen, berührten ihre Augenwinkel und lagen ganz plötzlich über ihrem Mund. Sie schauderte und vergaß, was sie sagen wollte. Dann kam Niklas von vorne.
„Vor der Ladentür balgt sich ein halbes Dutzend Hauskatzen! Das ist vielleicht ein Gekreische und Gefauche!“
Meleon löste sich von Isabell und seufzte.
„Ist dieses Pack also auch schon eingetroffen?“
Er zog Isabell mit sich nach vorne. Schon von weitem hörte man Maunzen und Miauen.
„Bitten wir unsere Besucher herein“, sagte er und riss schwungvoll die Tür auf. Das Glöckchen schlug an. Mehrere Katzen drängten herein. Im Überqueren der Schwelle verwandelte sich eine jede in einen Menschen, und es gab Gerempel, angewiderte Laute und gegenseitige Beschimpfungen.
Isabell starrte auf die unbekleideten Männergestalten und war zu verblüfft, um zu erröten. Meleon wies nonchalant zur Küche und der ganze Haufe stapfte durch den Gang nach hinten.
„Ich vergaß“, sagte Meleon. „Die Kleider haben wir hinten auf dem Wagen. Bist du so gut und schließt hier wieder ab, während ich die Herrn mit ihren Gewändern ausstatte?“
Isabell betrat die Küche erst, nachdem sie um die Ecke gelugt hatte, doch inzwischen zeigten sich die Besucher in weit prächtigerer Aufmachung als noch vor wenigen Augenblicken. Mit ihren samtverbrämten Roben, Litzen, funkelnden Edelsteinen und ehrfurchtgebietenden Kopfbedeckungen erwies sich die Rotte balgender Straßenkater als Versammlung von Männern in Rang und Würden, doch gingen sie deshalb nun nicht weniger kratzbürstig miteinander um, ja es sah so aus, als sollte es zu handgreiflichen Auseinandersetzungen kommen. Meleon stand inmitten dieses Aufruhrs und wirkte nicht im Mindesten beeindruckt. Mit einer Geste brachte er die Gesellschaft überraschend zum Schweigen und lächelte Isabell zu.
„Meine Liebe“, sagte er. „Darf ich dich mit den Mitgliedern des Kabinetts bekannt machen?“
Isabell vergaß die Namen sofort wieder. Sie kämpfte mit aller Kraft gegen ein unbändiges Lachen an. Nachdem die Herren sich alle auf den Weg nach oben ins Schlafzimmer gemacht hatten, nahm sie ein Geschirrtuch und erstickte ihren Heiterkeitsausbruch, indem sie es vor den Mund presste. Meleon grinste.
„Es tut mir leid“, behauptete er. Doch er wurde sehr schnell wieder ernst. „Nun haben wir die ganze Bagage hier. Wir müssen sie verköstigen, unterbringen, bei Laune halten und dabei so wenig Aufsehen wie möglich erregen.“
„Ich weiß nicht, wie du das bewerkstelligen willst. Der Herr Bürgermeister war schon hier, hat sich über merkwürdige Vorkommnisse und einen toten Panther beklagt. Nun liefern sich streunende Kater vor der Ladentür einen Kampf …“ Beinah wäre sie wieder in Gelächter ausgebrochen, aber Meleons Miene erstickte ihre Belustigung. „Konntest du dir das nicht denken?“, fragte sie.
„Meine Aufmerksamkeit war anderweitig gebunden. Aber natürlich war klar, dass ich mein Inkognito nicht mehr lange würde wahren können. Nun wollen wir aber hinauf gehen und dem König bei seinem Mahl Gesellschaft leisten!“
Meleons Schlafzimmer war nicht wiederzuerkennen. Draperien hingen an den Wänden, den Boden schmückte ein Teppich. Der Tisch hatte auf einmal die dreifache Länge und trug feinste Gedecke aus Porzellan, Silberbestecke, gläserne Pokale, Obstschalen und Kerzenleuchter aus Kristall. Vor Kopf saß der König auf einem thronähnlichen Sitz mit Armlehnen, während die Kabinettsmitglieder mit gepolsterten Hockern vorlieb nehmen mussten. Den einzigen Stuhl zog Meleon höflich zurück und bot Isabell den Platz an. Der König nickte ihr gnädig zu.
Also setzte sie sich Prinz Florindel gegenüber, der so tat, als bemerke er sie nicht.
Niklas brachte kurz darauf die Speisen, die er innerhalb der wenigen Minuten unmöglich zubereitet haben konnte. Anscheinend hatte Meleon für solche Fälle wirksame Zauber zur Verfügung.
Es wurde lange und ausgiebig getafelt. Die Stimmung bekam etwas Versöhnliches. Da die Unterhaltung bei Tisch in Meleons Heimatsprache geführt wurde, hatte Isabell Muße, die Minister zu beobachten. Sie schienen eine gute Mahlzeit durchaus zu schätzen, tranken reichlich von dem Wein, den Niklas einschenkte, und wurden schließlich fast fröhlich, während Florindel auf dem Platz still vor sich hin brütete. Meleon unterhielt sich die meiste Zeit mit einem pausbäckigen Mann in violetter Robe, der direkt neben ihm saß. Der König aß schweigend und musterte seinen Sohn immer wieder von der Seite, ohne jedoch das Wort an ihn zu richten.
Die meisten Kabinettsmitglieder waren Herren in vorgerücktem Alter, zwei davon weißhaarig und einer unter seiner strengen Kappe anscheinend kahlköpfig. Ein Mann allerdings wirkte fast zu jung, um schon einen solchen Posten zu bekleiden. Er konnte kaum über dreißig sein. Unter seinem Barett ringelten sich lange, mahagonibraune Locken hervor.
Plötzlich fing Isabell einen wachsamen Blick von Meleon auf.
Nach der Mahlzeit wollte sie ihn fragen, wer der Mann war, doch Meleon musste nun Unterkunft für die Gäste schaffen und das Speisezimmer in ein königliches Schlafzimmer verwandeln. Der junge Minister stellte sich schon bald selbst vor.
„Ich bin Rochas. Wir wurden zwar miteinander bekannt gemacht, doch muss es ermüdend für Sie gewesen sein, mit einem halben Dutzend Namen überfallen zu werden. Mein Ressort sind Landwirtschaft und Naturerkundung. Allerdings habe ich zurzeit nicht mehr so viele Verpflichtungen. Und Sie begeistern sich für Schokolade?“
„Woher wissen Sie das?“, fragte Isabell überrascht.
„Meleon hat mir davon erzählt. Schokolade untersteht meinem Ministerium.“
„Ich wundere mich immer noch, dass es in Ihrer Welt auch solche Dinge gibt wie Schokolade und Vanille.“
Er lächelte.
„Benachbarte Welten ähneln einander. In Jahren der Übereinstimmung von Wellenlängen kommt es nicht selten zu Wanderungen der Tiere und Pflanzen. Besonders Samen verbreiten sich über Weltengrenzen hinweg.“
Da Isabell ihn verwundert ansah, lachte er.
„Ich bitte um Verzeihung. Ich habe zuviel vorausgesetzt.“
„Wie ist Ihre Welt?“, fragte Isabell.
„Schön“, erwiderte er sofort. „Schön und voller Zauber.“
„Ja, davon hörte ich. Wir kennen hier keine Zauberer. Jedenfalls keine richtigen.“
„Sie meinen, man zieht es hier vor, sie nicht zu bemerken“, korrigierte Rochas.
„Ja, vielleicht. Aber sagen Sie mir doch, was der Besuch des Kabinetts zu bedeuten hat? Gibt es beunruhigende Entwicklungen?“
Rochas drehte eine seiner rotbraunen Locken auf den Finger.
„Entwicklungen gibt es allenthalben. Nur erkennen wir sie nicht, oder wollen sie nicht erkennen. Das Kabinett ist überaltert, der Kronprinz so vielversprechend wie vertrocknete Saat. Von Florindel wollen wir gar nicht erst reden! Und die Fisary haben uns längst ausgemacht. Das sind die Entwicklungen. Und Meleon bemüht sich, diese einfachen Wahrheiten in dicke Schädel zu hämmern.“
Rochas sah sich unvermittelt dem eben geschmähten Florindel gegenüber.
„Lord Rochas“, sagte der Prinz verächtlich. „Ein Minister, dem nichts mehr untersteht, und dessen Zunge nur leeres Korn drischt.“
Rochas betrachtete ihn unerschrocken.
„Das wird gewiss nicht lange so bleiben, da Ihr sicherlich schon dabei seid, Truppen zu werben, Spione zu entsenden und andere Maßnahmen ergreift, um unsere Welt zurückzuerobern. Oder irre ich mich und Ihr seid immer noch der tatenlose Schwätzer, als den man Euch allenthalben kennt?“
Prinz Florindel holte aus und eine kräftige Ohrfeige warf Rochas gegen den Küchentisch. Rochas rieb sich die Nieren.
„So“, sagte er. „Nun werdet Ihr Euch mit mir schlagen müssen!“
„Ich habe Euch geschlagen“, erwiderte der Prinz befriedigt.
„Ihr missversteht mich absichtlich, Florindel. Ich rede von einem Duell.“
„Mit Euch?“, fragte der Prinz und es sollte wohl spöttisch klingen, doch schwang in seinem Ton Besorgnis mit.
„Genau. Ich gehe auf der Stelle hinauf zu Seiner Majestät und hole seine höchst eigene Erlaubnis dazu ein!“
Florindel stürzte dicht hinter ihm die Treppe hinauf und wollte ihn am Gewand zurück reißen, aber Rochas war offensichtlich entschlossen, die Gunst der Stunde zu nutzen. Wenig später war von oben Gebrüll zu hören.
„Was ist denn nun schon wieder?“, fragte Meleon müde, der vom Hof kam, wo er einen Pavillon für das Kabinett aufgestellt hatte. Isabell erklärte es ihm. Meleon presste den gekrümmten Zeigefinger gegen die Nasenspitze und versuchte so, sein Grinsen zu unterdrücken.
„Schade“, sagte er. „Aber natürlich kann ich das nicht zulassen. Bei nur zwei verbliebenen Königssöhnen kommt ein Duell nicht in Frage. Ich gehe hinauf und unterbinde die Sache.“
Niemand hatte in all dem Durcheinander auf Zamera geachtet. Isabell beschloss, dem Einhorn die Möglichkeit zu geben, sich die Beine zu vertreten. Es war bestimmt kein Vergnügen, so viel Zeit in der engen, dunklen Kammer zu verbringen, besonders, wenn man eigentlich ein Mensch war. Jetzt, da sich das Kabinett bis auf Rochas in den Pavillon zurückgezogen hatte, konnte Zamera ein wenig im Hof auf und ab laufen. Isabell löste den Sperrhaken und musste mehrmals rütteln, da sich anscheinend irgendetwas verkantet hatte.
Dann gellte ihr Schrei durchs Haus.
Meleon musste sich eines Zaubers bedient haben – anders hätte er nicht so schnell neben ihr sein können.
„Was gibt es?“, fragte er scharf, da sah er schon selbst das Blut und den langen Messergriff, der aus Zameras Brust ragte.
Das Einhorn war gegen die Wand gesunken. Das lange Horn hatte sich ins Holz der Tür gebohrt, als habe Zamera noch nach dem Angreifer gestoßen. Meleon sank in die Hocke und legte eine Hand auf Zameras Stirn. Dann stand er auf.
„Hol deinen Vater!“, sagte er. „Er soll mit dem Tierarzt herkommen! Ich muss wissen, wie lange Zamera tot ist.“
Isabell unterdrückte ein Schluchzen.
„Aber der Tierarzt wird sich wundern.“
„Nicht lange“, erwiderte Meleon grimmig. „Dafür werde ich sorgen. Nimm Niklas mit! Wir dürfen kein Risiko eingehen. Und beeilt euch! Je mehr Zeit vergeht, desto ungenauer werden die Angaben des Tierarztes ausfallen.“
Nach dem Genuss einer Praline aus Meleons Herstellung ging der Tierarzt ganz sachlich an die Sektion.
Isabell lehnte an der Kammertür und sah der furchtbaren Prozedur zu. Ihr war übel und schwindlig, aber sie hatte das Gefühl, Zamera etwas schuldig zu sein. Wenn sie nur in all dem Durcheinander auf ihre Umgebung geachtet hätte…
„Ihre Confiseriekünste in Ehren“, sagte der Tierarzt gerade zu Meleon. „Aber man füttert einem Pferd keine Pralinen. Ich schätze, das gilt für Einhörner ebenso. Der Verdauungstrakt beider Arten ist jedenfalls sehr ähnlich.“
„Sie hat sie sich selbst genommen“, sagte Isabell.
Der Doktor arbeitete weiter, ohne diesen Einwurf zu kommentieren.
„Stichkanal schräg“, sagte er. „Verlauf sauber. Hier wusste jemand, wie er das Herz treffen kann. Nicht jeder vermag abzuschätzen, wo bei einem pferdeartigen Tier das Herz lokalisiert ist und wie man es vermeidet, von einer Rippe oder dem Brustbein abzugleiten.“
„Wie lange ist sie tot?“, fragte Meleon.
Der Tierarzt spitzte die Lippen und diskutierte die Sache dann lange mit Isabells Vater.
„Gegen acht Uhr. Genauer können wir uns unmöglich festlegen.“
Meleon gab ihm zur Bezahlung drei Tütchen Konfekt mit auf den Weg und bat dann Dr. Fechter, seine Tochter mit nach Hause zu nehmen.
„Im Augenblick ist es hier so unübersichtlich – ich möchte kein Risiko für Isabell in Kauf nehmen. Bei Ihnen ist sie gut geschützt.“
„Sie sind ein solch weitblickender Mann“, erwiderte Dr. Fechter. „Meine Frau und ich, wir sind sehr froh, dass sie eine solch gute Partie machen wird.“
„Hoffen wir, dass ich Ihren Lobpreis auch verdiene“, sagte Meleon, küsste Isabell die Hand und flüsterte ihr ins Ohr: „Ich habe bemerkt, dass du mein Tagebuch gefunden hast. Bring es außer Haus! Es enthält zu viel Wissen, das nicht in falsche Hände gelangen darf.“
Isabell errötete prompt.
„Hast du das alles wirklich erlebt?“, fragte sie leise.
„In Tagebüchern lügt man nicht“, sagte Meleon. „Aber dieses enthält nicht nur Erinnerung von der Art, auf die du anspielst, sondern auch andere, die für unsere Feinde weit interessanter wären. Pass also gut darauf auf!“
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